Selbst ist die Frau


Für Abgasuntersuchung, Ölservice und Reifendienst sind in der Werkstatt meistens Männer zuständig. Die wenigen weiblichen Kfz-Mechanikerinnen müssen gegen Klischees und Vorurteile ankämpfen. Oder sie gründen einfach ihre eigene Werkstatt - ganz ohne Männer.


Hamburg - Die Hände von Jasmin Felgentreff sind ölverschmiert. Ihre dunklen Haare hat sie locker zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ihren schmalen Körper in einen Blaumann gehüllt. Die 35-Jährige hat keinen typischen Frauenberuf gewählt. Sie ist weder Lehrerin noch Krankenschwester noch Sekretärin. Felgentreff betreibt gemeinsam mit ihren Kolleginnen Katrin Schade, Martina Wilde und Berit Ehmke im Hamburger Stadtteil St. Pauli mit dem Meisterbetrieb "Autodiva" Deutschlands einzige Kfz-Werkstatt, in der ausschließlich Frauen schrauben.

In der etwa 180 Quadratmeter großen Werkstatt nahe der Amüsiermeile Reeperbahn blitzt und blinkt es ebenso wenig auf dem Boden und an den Wänden wie in den anderen bundesweit 40.500 Autobetrieben, die der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) in seiner aktuellen Statistik auflistet.

Stattdessen vermitteln drei Hebebühnen, Schraubenschlüssel aller Art und der Geruch nach Motoröl das vertraute Werkstattbild. "Wir bieten unseren Kunden ebenfalls Reparaturen, Inspektionen, Klima-Service, Hauptuntersuchung und Abgasuntersuchung sowie Karosseriearbeiten an", sagt Felgentreff.

Dennoch gelten sie und ihre Kolleginnen von "Autodiva" hierzulande nach wie vor als Exotinnen ihres Fachs. Laut ZDK arbeiten im deutschen Kraftfahrzeuggewerbe rund 500.000 Menschen. Zwar steigt das Interesse von Mädchen, eine Ausbildung in dieser Branche zu absolvieren. Doch während der weibliche Anteil in den kaufmännischen Berufen ausgewogen ist, ist er im Bereich der Kfz-Mechaniker vergleichsweise gering: Unter den 2005 bundesweit 16.719 Lehrlingen waren 16.488 Männer und lediglich 231 Frauen. Das entspricht einem Frauenanteil von rund 1,4 Prozent.

Die "Autodiven" haben sich ihre Besonderheit zunutze gemacht. Als sie sich in der Altonaer Selbsthilfewerkstatt "Pfiffigunde" kennen lernten, merkten Felgentreff, Schade und Wilde rasch, dass sie etwas auf die Beine stellen mussten. "Wie die meisten Frauen in diesem Beruf hatten wir große Schwierigkeiten, nach der Lehre einen Betrieb zu finden", sagt Felgentreff. Hamburg wolle sich stets als Weltstadt präsentieren, demonstriere im Kfz-Bereich jedoch "norddeutschen Starrsinn" und sei "nicht wirklich offen" für Frauen.

Männer als Kunden willkommen

So gründeten die Mainzerin Felgentreff, die Hannoveranerin Schade und die Hamburgerin Wilde im Oktober 1999 im "toleranten St. Pauli" das Unternehmen "Autodiva". Vier Jahre später stieß die Bremerhavenerin Ehmke als Lehrling hinzu und wurde 2005 übernommen. Obwohl nur Schade den Meisterbrief besitzt, sind alle vier gleichberechtigt. "Wir sind ein Kollektiv und bekommen alle das gleiche Gehalt", unterstreicht Felgentreff. "Das Geschäft läuft gut, es sind genügend Aufträge vorhanden."

Den Grund dafür sieht die 35-Jährige "teilweise sicherlich darin, dass wir die einzige Frauenwerkstatt sind". Aber letztlich müssten auch sie gute Arbeit abliefern, sonst kämen die Leute nicht wieder. Kunden seien keineswegs nur Frauen. "Das können wir uns gar nicht leisten", sagt Felgentreff, die das Kundenverhältnis 60 zu 40 zugunsten des weiblichen Geschlechts beziffert. "Und die Männer, die zu uns kommen, reagieren ganz normal auf uns - wie die Frauen auch."

Vier Mal im Jahr geben die "Autodiven" ihre Erfahrungen an Laien weiter. In dem Pannenhilfekurs "Selbst ist die Frau" begleiten Schade, Wilde, Felgentreff und Ehmke unerfahrene Geschlechtsgenossinnen beim Blick unter die Motorhaube. Die Teilnehmer lernen, wie man Räder wechselt, defekte Glühlampen austauscht, ein anderes Auto abschleppt und Starthilfe leistet.

Felgentreff übt ihren Beruf gerne aus. Doch Neueinsteigerinnen rät sie, sich "ein dickes Fell zuzulegen". "Man braucht als Frau die Gabe, den Männern hin und wieder mal Kontra geben zu können", sagt die 35-Jährige. "Für zurückhaltende Mädchen ist dieser Beruf eher nicht geeignet."

Jana Werner, ddp

URL: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,441521,00.html



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