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Marie Cordonnier 

Die Nacht mit Isabelle 

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- Und jetzt grand allegro… 
Die  letzte  Klaviermusik  schien  die  schmale  Gestalt  im  dunklen 

Trikot  mit  den  türkisfarbenen  Legwarmers  hochzutragen.  Schlanke 
Beine streckten sich graziös in der Luft und landeten federleicht. 

Einen  Augenblick  lang  herrschte  Stille  in  dem  großen  leeren 

Gymnastiksaal.  Dann  erhob  sich  die  alte  Dame  am  Flügel  und  stützte 
sich auf ihren Stock mit dem silberfarbenen Griff. 

-  Schluß  für  heute,  Isabelle.  Es  ist  besser,  wenn  du  dich  nicht 

überanstrengst. Du weißt, daß dein Bruder es nicht gern sieht, wenn du 
zu lange trainierst! 

- Pah! - So kurz und wütend kam dieser Protest, daß die alte Dame 

zusammenzuckte. 

Isabelle Delorme streifte ungeduldig das elastische Band ab, das ihre 

langen blonden Haare bändigte. 

- Mein Bruder! - Isabelles Worte klangen verächtlich. - Am liebsten 

würde  er  mich  mit  einem  juwelenverzierten  Halsband  wie  ein 
Hündchen auf einem seidenen Diwan festbinden!  

- Still! - Der Stock knallte wütend auf den Boden. - Du weißt genau, 

daß du deinem Bruder Unrecht tust und daß du wieder mal eine deiner 
Launen hast. Hör auf, mich an der Nase herumzuführen, Kind!  

Die Antwort war ein abgrundtiefer Seufzer.  
- Entschuldigen Sie, Madame Olga, Sie haben natürlich recht. Aber 

es ist schwer zu ertragen, wie mein Bruder über mich bestimmt. Warum 
läßt  er  mich  nicht  in  Ruhe?  In  diesem  Haus  kann  mir  doch  nichts 
passieren… 

Isabelle  brach  ab.  Sie  war  sich  im  klaren  darüber,  daß  ihre 

Krankengymnastin,  Gesellschafterin,  Pflegerin  und  ältere  Freundin, 
Madame  Olga  Tamerkowa,  nicht  begriff,  wie  sehr  ihr  Pierre  in  letzter 
Zeit auf die Nerven ging. 

Sein ewiges Gerede und die schrecklichen Vorwürfe, die er sich seit 

dem verhängnisvollen Unfall machte, waren nicht auszuhalten. 

Seine  Überbesorgtheit,  die  sie  in  diesem  einsamen  Haus  über  dem 

Meer  wie  eine  Gefangene  einschloß,  reizte  sie  einfach  zum  Protest. 
Schon  allein  deshalb,  weil  sie  genau  wußte,  daß  ihr  nichts  anderes 
übrigblieb, als diese Fürsorge zu akzeptieren. 

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Wie sollte sie ohne Hilfe leben? In dieser dunklen Welt, die nur aus 

Geräuschen  und  Berührungen  bestand,  war  für  immer  jede 
Selbständigkeit erstickt worden. 

Isabelle schüttelte die unliebsamen Gedanken ab, konzentrierte sich 

kurz und ging dann mit sicheren Schritten zum Ausgang. 

-  Ich  brauche  Sie  nicht  mehr,  Olga.  Ich  werde  jetzt  duschen  und 

anschließend ein bißchen Sonne tanken. 

Sie  wußte,  daß  ihre  Begleiterin  jetzt  nickte  und  ihr  vermutlich  mit 

sorgenvollem Blick nachsah. Isabelle hatte so etwas wie eine besondere 
Antenne für das entwickelt, was die anderen Menschen dachten. 

Ob  es  nun  die  liebe  Olga  war,  die  ihr  gutes  Herz  hinter  schroffen 

Ermahnungen  verbarg,  Lisette,  die  Köchin  und  Haushälterin,  oder 
Constant, der Gärtner. 

Alle  waren  ständig  bemüht,  ihr  alle  Schwierigkeiten  aus  dem  Weg 

zu  räumen.  Ganz  zu  schweigen  von  Pierre,  dessen  Schuldgefühle 
manchmal  wie  ein  Felsblock  auf  ihr  lasteten.  Und  alle  versagten 
Isabelle  hartnäckig  die  Erfüllung  ihres  sehnlichsten  Wunsches:  ganz 
normal behandelt zu werden. 

Sie  war  blind!  Seit  drei  endlosen,  verzweifelten  Jahren  blind,  ohne 

jede  Hoffnung,  jemals  wieder  sehen  zu  können.  Die  besten  Ärzte 
Europas hatten nichts ausrichten können. 

Isabelle versuchte mit zusammengebissenen Zähnen dieses Leben zu 

ertragen.  Es  mußte  doch  auch  für  einen  blinden  Menschen  etwas 
Sinnvolles  zu  tun  geben!  Auch  ein  Leben  in  Dunkelheit  konnte  doch 
nicht  nur  aus  Schlafen,  Essen,  Vorlesen  und  tänzerischer  Gymnastik 
bestehen. 

Warum  verstand  niemand  ihre  Sehnsucht  nach  richtigem  Leben? 

Warum  packten  alle  sie  in  Watte  und  fürchteten  schon  um  ihre 
Gesundheit,  wenn  das  Ballett-Training  einmal  die  übliche  Stunde  pro 
Tag überschritt? 

Unter  der  eiskalten  Dusche  fand  Isabelle  Ablenkung  von  ihren 

deprimierenden  Gedanken.  Auf  dem  breiten  Polsterbett  lagen  -  in  der 
üblichen,  korrekten  Anordnung  -  ihre  Kleidungsstücke,  die  Madame 
Olga jeden Morgen für sie aussuchte. 

Ihre  Fingerspitzen  ertasteten  die  Spitzenkante  des  seidenen 

Hemdhöschens, das ihre zierliche Figur betonte. 

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Prüfend  fuhr  Isabelle  mit  den  Händen  über  ihre  kleinen  festen 

Brüste,  den  flachen  Bauch  und  die  schlanken  Oberschenkel.  Ein 
sportlicher  durchtrainierter  Körper,  der  einem  Mann  gefallen  würde, 
wenn sie je einen zu sehen bekäme. 

Bitter  auflachend  schlüpfte  Isabelle  in  das  hautenge  Trikotkleid, 

schob die Träger über die Schultern und  genoß  den weichen Stoff auf 
ihrer Haut. 

Obwohl sie weder Farben noch Schnitte sehen konnte, legte sie Wert 

darauf,  modisch  und  gut  gekleidet  zu  sein.  Es  war  so  eine  Art 
Verbindung mit der richtigen Welt für sie. 

Auch  die  unvermeidliche,  große  Sonnenbrille  und  die  flachen 

Tanzschuhe 

mit 

der 

hauchdünnen 

Veloursledersohle 

waren 

bereitgelegt. 

Isabelle  hatte  schnell  festgestellt,  daß  sie  sicherer  gehen  konnte, 

wenn  sie  durch  dünne  Sohlen  auch  die  kleinste  Veränderung  des 
Bodens spüren konnte. Pierre, dem keine Verrücktheit für sie zu teuer 
war, ließ diese Schuhe in allen Farben für sie anfertigen. 

Unter  seiner  Anleitung  war  auch  das  alte  Ferienhaus  der  Delormes 

so  umgebaut  worden,  daß  es  keine  Schwellen  oder  Hindernisse  für 
Isabelle gab. 

Der weitläufige Bungalow, der versteckt in einem wildromantischen, 

provencalischen Park lag, war Isabelles Heim, das sie seit 18 Monaten 
nicht  mehr  verlassen  hatte.  Hoch  über  einer  schmalen  Sandbucht,  die 
nur vom Meer aus zugänglich war, gehörte es zu jenen Villen, die die 
Bucht von St. Tropez bis hinaus zum Cap St. Pierre säumten. 

Als  Isabelle  die  Zimmertür  öffnete,  blieb  sie  einen  Moment 

lauschend stehen. Das Töpfeklappern aus der Küche verriet, daß Lisette 
vom  Markt  zurück  war.  Madame  Olga  leistete  ihr  sicher  Gesellschaft, 
um den neuesten Klatsch aus St. Tropez zu hören. 

Das bedeutete, nur Constant war im Garten, und der würde sie nicht 

verraten. Lautlos huschte sie über die Teppiche und erreichte die kleine 
Gartenpforte  zum  Strandweg,  die  Constant  stets  geölt  und  geöffnet 
hielt.  Er  war  der  einzige  Mensch,  der  begriff,  daß  Isabelle  sich  in  den 
Mauern  des  Gartens  eingesperrt  fühlte,  auch  wenn  sie  sie  nicht  sehen 
konnte. 

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Er  hatte  den  Weg  hinunter  in  die  Bucht  ausgeholzt,  von 

Hindernissen  befreit  und  ihr  die  ersten  paar  Male  geholfen.  Jetzt  fand 
Isabelle den Pfad auch ohne jede fremde Unterstützung. 

Er zog sich in Serpentinen den Hang hinunter und war von Ginster 

und wilden Rosen gesäumt. 

Isabelle sog den süß-würzigen Duft des blühenden Ginsters ein und 

versuchte,  sich  das  satte  Sonnengelb  seiner  Blüten  in  Erinnerung  zu 
rufen. Eine sanfte Brise vom Meer trug eine Prise Salzluft herüber, und 
das leise Plätschern der Wellen beruhigte Isabelles gereizte Nerven. 

Sie  wandte  sich  dem  Meer  zu  und  lehnte  sich  mit  dem  Rücken  an 

eine  der  windzerzausten  Kiefern,  die  hier  hartnäckig  der  Witterung 
trotzten. Über dem Rückenausschnitt des Kleides spürte sie kratzig die\ 
rauhe  Rinde.  Ein  schmerzhafter  Kontakt  mit  der  Wirklichkeit,  den 
Isabelle auf seltsame Weise genoß. 

Einige Zeit ignorierte sie das warnende Kribbeln in ihrem Magen, zu 

unglaublich  war  die  Vermutung.  Sie  spürte,  daß  sie  nicht  allein  war. 
Doch  dann  wandte  sie  den  Kopf  mit  einer  schnellen  Bewegung  nach 
links. 

- Wer sind Sie? - fragte sie. 
 

*** 

 
Ein  leises,  amüsiertes  Lachen  antwortete  Isabelle.  Ein  Mann.  Der 

Stimme nach ein jüngerer, selbstsicherer Mann, dachte Isabelle. 

- Wie kommen Sie an diesen Strand? - Sie unterdrückte den Anflug 

von Angst. 

-  Sollte  ich  das  nicht  eher  Sie  fragen,  Mademoiselle?  Ich  habe 

wenigstens mein Boot dabei. Aber welcher Zufall bringt Sie auf diesen 
Schmugglerpfad?  Man  sagte  mir,  die  meisten  dieser  Buchten  seien 
Privatbesitz, für Touristen kaum zu erreichen… 

Isabelle  setzte  ein  Puzzle  aus  wenigen  Andeutungen  zusammen.  Er 

sprach  Französisch,  mit  einem  leichten  Akzent.  Sie  tippte  auf 
Amerikaner.  Seine  Lässigkeit  deutete  darauf  hin,  daß  er  es  gewöhnt 
war,  von  Frauen  bewundert  zu  werden.  Er  konnte  ja  nicht  ahnen,  daß 
ihre Augen nichts mehr sahen. 

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- Wer sagt Ihnen denn, daß ich eine Touristin bin…, - antwortete sie 

mit einer Gegenfrage. 

Wieder dieses Lachen. 
-  Nun,  zumindest  wirken  Sie,  als  wären  Sie  aus  dem  Schaufenster 

einer  Boutique  am  Alten  Hafen  von  St.  Tropez  entstiegen.  Erst  heute 
morgen 

habe 

ich 

dort 

diese 

eigenartigen, 

bonbonfarbenen 

Trikotschläuche  bestaunt  und  mich  gefragt,  ob  es  eine  Frau  auf  der 
Welt  gibt,  die  die  Traumfigur  hat,  sie  tragen  zu  können,  ohne  daß  es 
aussieht, als hätte sie ihrem Opa die Wäsche geklaut… 

Isabelle  lächelte.  Ein  geschickter  Jongleur  mit  Worten  war  dieser 

Unbekannte. 

-  Tatsächlich?  Verpetzen  Sie  mich  jetzt  bei  meinem  Großvater?  - 

parierte sie schlagfertig. 

Das  Knirschen  des  Sandes  verriet  ihr,  daß  er  näherkam.  Ihre 

empfindliche  Nase  nahm  den  Hauch  eines  teuren,  amerikanischen 
Rasierwassers  wahr,  kombiniert  mit  dem  Aroma  schwarzer,  filterloser 
Zigaretten - und Pastis. Am Vormittag schon Alkohol? Eigenartig. 

- Wohl kaum… - Jetzt war der Mann beunruhigend nahe. - Bei einer 

Größe von einssechzig… 

- Irrtum, einsachtundfünfzig! - korrigierte sie ihn.  
Er beachtete es nicht. 
-…einem Fliegengewicht von höchstens neunundvierzig Kilo, einer 

hinreißenden  Figur  und  einem  so  entzückend  frechen  Busen,  wirkt  es 
ausgesprochen sexy! - vollendete er. 

Trotz dieser Frechheit lächelte Isabelle. 
-  Ihr  Talent,  Touristinnen  einzuschätzen,  scheint  beachtlich, 

Monsieur! - meinte sie. 

-  Wenn  Sie  sich  jetzt  auch  noch  überwinden  könnten,  diese 

ausgesprochen  häßliche  Brille  abzunehmen,  könnte  ich  sogar 
beurteilen, ob Ihre Augen halten, was der Mund verspricht. Und erst die 
Haare. Sollte die Farbe echt sein?  

Isabelle  schwieg  verwirrt.  Ihre  Kunst  zu  flirten,  war  in  den 

vergangenen Jahren nicht gerade gefördert worden. 

Er schien ihr Zurückweichen zu spüren.  

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-  Bin  ich  zu  schnell?  Kann  doch  nicht  sein.  Man  hat  mir  immer 

wieder  bestätigt,  daß  die  Schönen  rund  um  St.  Tropez  auch  in  diesem 
Jahr schnell zur Sache kommen… 

Isabelle schluckte.  
- Und als Amerikaner glauben Sie natürlich alles, was hier so erzählt 

wird? - Sie rettete sich in Sarkasmus. 

Sie spürte, daß der  rechte Träger ihres Kleides ins Rutschen  geriet, 

als  sie  eine  unbewußte  Bewegung  machte.  War  sein  Blick  auf  Ihrem 
Ausschnitt? War  es  der  Wind  oder  sein  Atem,  der  die  feinen  Härchen 
an ihren Schläfen bewegte? 

- Sieh an, die kleine Dame ist nicht nur hübsch, sie hat auch Haare 

auf den Zähnen. Dabei hätte ich geschworen, ohne Akzent zu sprechen. 

Machte er sich über sie lustig? 
Als Isabelle die Fingerkuppe spürte, die ganz zart die Umrisse ihrer 

Lippen  nachzeichnete,  war  es  zu  spät,  zurückzuweichen.  Reglos 
duldete sie die Liebkosung, die den Schlag ihres Herzens total aus dem 
Takt brachte. 

An der Tatsache, daß sein Atem ihre Stirn streifte, erkannte sie, daß 

er ein gutes Stück größer sein mußte als sie. 

-  Sind  Sie  mit  Ihrem  Urteil  über  Unbekannte  immer  so  fix  bei  der 

Hand? - murmelte Isabelle. 

- Das ist noch kein Urteil, Mademoiselle. - Der leicht heisere Tonfall 

seiner Stimme wirkte seltsam faszinierend auf sie. - Reine Spekulation. 
Solange  Sie  mir  verbieten,  in  Ihre  Augen  zu  sehen,  kann  ich  die 
Begutachtung nicht abschließen. Welche Farbe haben sie? Schwarz wie 
die  Nacht?  Blau  wie  der  Himmel  beim  Mistral?  Hexengrün  oder 
rätselhaft grau?  

Isabelle  war  wie  verzaubert.  Unter  der  spielerisch  arroganten 

Selbstsicherheit  mußten  Gefühl  und  Wärme  stecken.  Mimte  er  den 
erfolgreichen  Playboy  aus  Langeweile  oder  aus  Selbstschutz?  Wie 
schade, daß sie ihn nach diesem Intermezzo nie wiedertreffen würde. 

- Machen Sie Ferien in St. Tropez? - erkundigte sie sich ablenkend 

und neugierig. 

-  Sowas  Ähnliches.  Wo  es  mir  gefällt,  bleibe  ich  eine  Weile, 

langweile ich mich, packe ich wieder die Koffer. Man könnte mich als 

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eine  Art  Reiseschriftsteller  bezeichnen.  Zugegeben,  kein  rasend 
erfolgreicher, aber ich verhungere nicht… 

Warum  hatte  sie  das  untrügliche  Gefühl,  daß  seine  Worte  nur 

oberflächliches  Geplauder  waren?  Eine  Art  Schutzmauer,  hinter  der 
sich  eine  völlig  andere  Wahrheit  versteckte?  Dieser  Mann  war  nicht 
ehrlich, soviel stand für Isabelle fest. 

- Und bis der Erfolg Ihrer Bücher kommt, genießen Sie Ihren Erfolg 

beim weiblichen Geschlecht! - mokierte sie sich, um ihn noch weiter zu 
provozieren. 

Vergeblich. Er lachte sie aus. 
- Warum nicht…? Frauen sind die hübscheste Erfindung des lieben 

Gottes, um sich jede Art von Wartezeit zu vertreiben!  

Seine Hand schob den herabgerutschten Träger ihres Kleides wieder 

an  die  richtige  Stelle  und  verharrte  sekundenlang  auf  ihrer  nackten 
Schulter. 

Isabelle spürte ein aufregendes Prikkeln auf ihrer Haut. Eine winzige 

Bewegung neben ihrem Kopf bewies ihr, daß er seine Hand gegen den 
borkigen Baumstamm gestemmt hatte. 

Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie berührte mit ihrer 

Wange  seinen  Arm.  Das  Spiel  war  gefährlich.  Sie  wußte  es.  Aber  ein 
paar Sekunden lang schlug sie alle Bedenken in den Wind. 

Sie  wollte  die  Wirklichkeit  vergessen  und  so  begehrenswert  sein, 

daß dieser Mann seinen Flirt mit ihr fortsetzte. 

- Aber, Cherie, du bist ja gar nicht so kratzbürstig wie du tust… 
Seine Lippen berührten ihr Haar und Isabelle hob die rechte Hand zu 

seinem Gesicht. Straffe Haut, die an den Mund und Augenwinkeln ein 
feines  Netz  von  Fältchen  aufwies.  Die  Andeutung  von  Bartstoppeln 
und die Haare im Nacken glatt. 

Würde er sie jetzt küssen? Mit angehaltenem Atem und völlig reglos 

erwartete Isabelle diesen Kuß. 

Er  enttäuschte  sie  nicht,  aber  nach  all  dem  gefährlichen  Geplänkel 

war  die  Berührung  seiner  Lippen  so  sanft,  so  zärtlich,  so 
hingebungsvoll, daß Isabelle sich unbewußt an ihn schmiegte und ihre 
Hände in seinem Nacken verschränkte. Schon lange hatte sie sich nicht 
mehr  so  wunschlos  glücklich  auf  einer  Wolke  des  Wohlbehagens 
davontragen lassen. Ihre Fingerspitzen verrieten ihr, daß seine Muskeln 

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sich  strafften,  als  ihre  gemeinsame  Erregung  zu  leidenschaftlichem 
Feuer ausbrach. 

Tastend,  vorsichtig  und  doch  ohne  Hemmung  öffnete  Isabelle  die 

Lippen  und  erbebte  unter  der  heißen  Glut  seiner  stürmischen  Zunge. 
Sie fühlte seine Hände, die über ihren halbnackten Rücken streichelten 
und die gleich darauf die Rundung ihrer Brüste erkundeten. 

Sie reckte sich auf die Zehenspitzen und preßte sich sehnsüchtig an 

den muskulösen Körper des Fremden. Sie war wie berauscht und keines 
vernünftigen Gedankens fähig. 

Sie  stöhnte  enttäuscht  auf,  daß  er  seine  Lippen  von  ihrem  Mund 

löste,  doch  der  Laut  wurde  zum  Seufzer,  als  er  seine  Liebkosungen 
über ihren Hals nach unten fortsetzte. 

Unter seinen erfahrenen Händen richteten sich ihre Brustwarzen hart 

und erregt auf.  In diesem Moment hätte Isabelle sich diesem Fremden 
hemmungslos hier im warmen Sand der  Bucht hingegeben, wäre auch 
nur die kleinste Andeutung eines Versuches in dieser Richtung von ihm 
gekommen. 

Statt dessen erkannte sie traurig, daß er sich darauf beschränkte, den 

leidenschaftlichen Sturm, der sie beide ergriffen  hatte, unter Kontrolle 
zu bringen. 

Sie  kehrte  wieder  auf  die  Erde  zurück,  nahm  die  Sonne  auf  ihrer 

Haut wahr und fand sich zwischen zwei kräftigen Armen geborgen. 

-  Du  überrascht  mich,  Cherie.  Weißt  du  das?  Kleine  Mädchen 

sollten sich nicht so leichtsinnig fremden Männern in die Arme werfen. 
Dein  Vertrauen  könnte  dich  in  eine  verdammt  gefährliche  Situation 
bringen. 

Er  war  erstaunt,  und  diese  Verblüffung  gab  seinen  Worten  eine 

tiefere Bedeutung. War es möglich, daß er verunsichert war? 

Isabelle  schwieg.  Sie  atmete  heftig.  Verwirrt  versuchte  sie  ihre 

eigenen Gefühle zu deuten. Zum einen war sie maßlos erleichtert, daß 
sie  ihre  Fassung  wiedergefunden  hatte,  zum  anderen  hätte  sie  über 
seinen plötzlichen Rückzug am liebsten geweint. 

Seine Hände umschlossen jetzt ihr Gesicht.  
-  Willst  du  nicht  endlich  dieses  häßliche  Monster  von  Sonnenbrille 

abnehmen? Laß dir in die Au… - Er brach ab. 

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10 

Isabelle  wußte,  daß  er  jetzt  in  ihre  leblosen  dunkelblauen  Augen 

starrte, die seinen Blick nicht erwiderten. Die Brille fiel ihm mit einem 
häßlichen Klirren aus den Fingern. 

Das  Schweigen  begann  sie  zu  irritieren.  Warum  sagte  er  nichts? 

Warum ließ er sie jetzt allein? 

Ihr Stolz gewann schließlich die Oberhand. Isabelle richtete sich auf. 
- Ja, ich bin blind… Mister Playboy! Na und? - sagte sie trotzig und 

viel lauter als es nötig war. Nach seinem Keuchen zu schließen, war er 
völlig geschockt. 

Gekränkt  über  dieses  wortlose  Entsetzen  wandte  Isabelle  sich  zum 

Gehen. Nun gut, das Abenteuer war vorbei, der Traum ausgeträumt. Sie 
würde  wohl  nie  erfahren,  wie  das  war  -  leidenschaftliche  Hingabe, 
Ekstase,  Liebe,  Sex.  Ein  Paradies,  aus  dem  die  Dunkelheit  und  der 
Unfall sie ausgeschlossen hatten. 

Wann  würde  sie  endlich  lernen,  diese  Tatsache  in  Ruhe  und 

Überlegenheit  zu  akzeptieren?  Isabelle  ließ  die  Bucht  hinter  sich  und 
stieg vorsichtig über den Felspfad wieder nach oben. 

Pierre kam ihr in den Sinn. Wie oft hatte sie an seine kühlen Worte 

gedacht, wenn sie sich schlaflos und unruhig in ihrem Bett wälzte und 
sich nach etwas sehnte, von dem sie nicht einmal genau wußte, was es 
war. 

-  Hör  auf,  dir  unerreichbare  Ziele  zu  setzen,  Schwesterchen.  Ich 

weiß, es ist hart für eine Frau, auf Ehe und Kinder zu verzichten. Aber 
wie  willst  du  Liebe  empfinden,  wenn  du  deinen  Partner  nicht  sehen 
kannst?  Und  -  es  tut  mir  leid,  dir  das  sagen  zu  müssen  -  seit  diesem 
Unfall  kannst  du  bedauerlicherweise  auch  keine  Kinder  mehr 
bekommen.  Sei  nicht  so  verzweifelt.  Ehe  und  Liebe  sind  nicht  nur 
Heiterkeit  und  Freude.  Es  bleibt  dir  auch  viel  Kummer  und  Schmerz 
erspart. Und außerdem bist du ja nicht einsam, du hast mich, Madame 
Olga, Lisette und Constant. Wir sind doch alle für dich da! 

Pierre. Ihr cooler, überlegener Bruder, für den alle Dinge faßbar und 

bezahlbar  sein  mußten.  Wie  konnte  sie  einem  solchen  Mann  ihre 
unstillbare  Sehnsucht  nach  Zärtlichkeit  erklären,  wie  konnte  er 
begreifen, daß nur ihre Augen und nicht ihr Körper tot waren. 

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11 

Immerhin,  die  vergangenen  verzweifelten  Jahre  hatten  sie  gelehrt, 

ihre  Gedanken  und  Wünsche  für  sich  zu  behalten.  Gelassen  zu 
erscheinen, jede Verzweiflung zu vertuschen. 

Ob der Fremde noch da war? Isabelle zwang sich, nicht mehr an ihn 

zu  denken.  Nur  der  Druck  der  Steine  durch  die  dünnen  Schuhsohlen 
war  wichtig.  Sie  mußte  ihre  aufgewühlten  Sinne  unter  Kontrolle 
bringen, bis sie wieder im Garten war. 

Endlich, die kleine Tür. Isabelle warf sie mit einem lauten Knall ins 

Schloß. Das Geräusch tat wohl, und niemand hielt sie auf dem Weg in 
ihr Zimmer auf. 

 

*** 

 
Bis  zum  Mittagessen  hatte  Isabelle  sich  wieder  in  der  Gewalt. 

Ruhig,  fast  ein  bißchen  abwesend,  saß  sie  an  ihrem  Platz  und  wartete 
darauf, daß ihr Madame Olga wie üblich das Essen vorbereitete. 

Die  demütigende  Erfahrung,  nicht  einmal  ohne  Hilfe  essen  zu 

können,  war  für  sie  mit  das  Schlimmste  gewesen,  als  sie  damals  aus 
dem Krankenhaus kam. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt. 

Madame  Olga  tat  ihr  Möglichstes,  damit  diese  gemeinsamen 

Mahlzeiten normal und unbeschwert verliefen. Sie erzählte Isabelle den 
neuesten  Klatsch  aus  St.  Tropez,  berichtete  über  die  Skandal-
Schlagzeilen der Boulevard-Presse und half währenddessen dezent, das 
Fleisch zu schneiden oder rückte die Salatschüsseln zurecht. 

Im  Augenblick  gab  es  nicht  viel  Neues.  Ende  April  lag  St.  Tropez 

noch  im  ausklingenden  Winterschlaf.  Die  großen  Touristenströme 
würden um die Pfingstzeit über den Ort hereinbrechen. 

Das übliche Geplauder rauschte an  Isabelles  Ohren vorbei, bis eine 

nebensächliche Bemerkung ihre Aufmerksamkeit erregte. 

-  Tatsächlich?  Die  Strandvilla  am  Cap  St.  Pierre  ist  endlich 

vermietet worden…?  

Madame Olga nickte.  
-  Ja.  Auf  dem  Markt  sprach  man  davon.  An  einen  jungen 

Amerikaner, einen Schriftsteller. Aber Monsieur Herve vom Maison de 
la Presse hat noch nie etwas von ihm gehört. 

Isabelle schluckte.  

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12 

- Was heißt jung? 
- Um die Dreißig, glaube ich. Ein gutaussehender Playboy. Madame 

Doras führt ihm den Haushalt, und sie sagt, die wenigen Touristinnen, 
die schon da sind, machen die reinste Jagd auf ihn. Angeblich hat er das 
Haus  für  zwei  Monate  gemietet  und  voraus  bezahlt.  Seine 
Schreibmaschine  hat  er  jedoch  noch  nicht  mal  ausgepackt.  Seine 
schriftstellerischen  Ambitionen  sind  wohl  weniger  ausgeprägt…  -  In 
Madame  Olgas  Stimme klang  deutlich  die  Verachtung  mit,  die  sie  für 
diese Art Männer verspürte. 

- Wie… - Isabelle mußte sich räuspern. - …wie heißt er denn? Und 

wie sieht er aus, wenn sich die Damenwelt so um ihn reißt? 

Das  leise  Zögern,  ehe  Madame  antwortete,  sagte  mehr  als  alle 

Worte.  Vermutlich  fragte  sie  sich  erst,  ob  sie  Isabelle  mit  einer  zu 
ausführlichen  Schilderung  vielleicht  zu  Träumen  verleitete,  die  nicht 
gut für sie waren. Wieder hätte das Mädchen gern gewußt, woher ihre 
Umgebung  das  Recht  nahm,  auch  ihre  Gefühle  und  Gedanken  zu 
kontrollieren. 

- Madame Doras ist ganz hingerissen von seinem Charme, - bekam 

sie  jetzt  zu  hören.  -  Angeblich  spricht  dieser  Mister  Jasen  Jeffers 
hervorragend  Französisch  und  macht  den  sportlichen,  amerikanischen 
Serienhelden  im  Fernsehen  Konkurrenz.  Blond,  hochgewachsen. 
Schrecklich, diese schönen Männer, wenn du mich fragst, Isabelle. Sie 
glauben,  daß  ihr  Aussehen  so  eine  Art  persönliches  Verdienst  ist.  Ich 
verstehe  die  Mädchen  nicht,  die  hier  ihre  Ferien  verbringen  und  sich 
mit solchen Typen einlassen… 

Aha,  eine  Information,  verpackt  in  eine  Moralpredigt,  damit  ich 

nicht  auf  dumme  Gedanken  komme.  Gereizt  registrierte  Isabelle  den 
Schachzug. 

Und ihre Empörung verleitete sie zu einer allzu freien Antwort.  
- Ich schon! 
Das  plötzliche  Schweigen  sprach  Bände.  Es  dauerte  einen 

Augenblick, bis sich Madame gefaßt hatte.  

- Isabelle, was soll das heißen?  
Isabelle lachte bitter auf.  
-  Was  gehen  uns  die  Ferienabenteuer  anderer  Mädchen  an,  Olga? 

Erstens  sind  die  Zeiten  nicht  mehr  so  prüde.  Und  wer  weiß,  vielleicht 

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13 

ist  so  ein  bißchen  Sex mit  einem  Playboy  genau  die  Medizin,  die  den 
langweiligen Alltag erträglich macht. 

Man  konnte  spüren,  wie  verblüfft  Madame  Olga  über  diese 

ungewöhnliche Äußerung nachdachte. Ihr Seufzer klang abgrundtief. 

-  Wie  kann  ein  Mädchen  mit  deiner  Erziehung  nur  eine  solche 

Einstellung haben? Ich begreife manchmal nicht, was in dir vorgeht!  

Isabelles strapazierte Nerven hielten dieser Unterredung nicht länger 

stand.  Sie  sprang  wütend  auf  und  warf  ihr  Besteck  achtlos  auf  den 
Tisch. Ein lautes Klirren verriet ihr, daß sie dabei ein Glas oder gar die 
Weinflasche getroffen haben mußte. 

-  Ein  Glück,  daß  ich  noch  ein  paar  Gedanken  haben  darf,  die  mir 

allein  gehören!  -  fauchte  sie  zornig.  -  Oder  hat  Pierre  bereits  den 
Lügendetektor bestellt, an den er mich einmal in der Woche anschließt? 
Das  würde  euch  so  passen.  Dann  könntet  ihr  mich  endlich  nach 
Herzenslust manipulieren!  

- Isabelle, Kind, sei nicht ungerecht!  
Isabelle beachtete den Aufschrei der alten Dame nicht. Sie rannte so 

überstürzt aus dem Zimmer, daß sie sich das Schienbein an einem Stuhl 
stieß und leicht humpelnd davonlief. 

Sie  warf  sich  auf  ihr  Bett  und  weinte  bis  zur  Erschöpfung.  Es 

dauerte  eine  Weile,  bis  sie  wieder  zu  sich  kam  und  über  sich  selbst 
erstaunt liegenblieb. Es war schon lange nicht mehr passiert, daß sie so 
viel von ihren Gefühlen verraten hatte. 

 

*** 

 
Das weitläufige Landhaus mit seinen rauh verputzten, sandfarbenen 

Wänden  lag  in  absoluter  Stille  unter  der  flirrenden  Nachmittagssonne. 
Kein Laut verriet menschliches Leben. Nur der durchdringende Gesang 
der  Zikaden,  den  Isabelle  gar  nicht  mehr  als  Geräusch  wahrnahm, 
bildete die Begleitmusik zu ihren Selbstvorwürfen. 

Wie  dumm,  sich  derart  gehen  zu  lassen.  Vermutlich  hatte  Madame 

Olga längst Pierre angerufen, um ihm mitzuteilen, daß seine Schwester 
gefährlich nahe an einer Depression war. 

Pierre  befand  sich  im  Moment  in  Grasse,  dem  traditionellen 

Hauptsitz der Delorme-Cosmetics, die ihnen beiden gehörte. 

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14 

Während  der  moderne  Glaspalast  in  Paris  eher  dazu  diente,  den 

ausländischen  Kunden  zu  imponieren,  schlug  das  Herz  der  alten 
Parfümfabrik, die ihr  Urgroßvater  gegründet hatte, noch immer in den 
Bergen  bei  Nizza.  Von  Grasse  nach  St.  Tropez  fuhr  man  bei  guten 
Verkehrsbedingungen weniger als zwei Stunden, und Isabelle haßte die 
fürsorglichen Besuche ihres Bruders. 

Sie  brachte  in  letzter  Zeit  nur  schwer  die  Selbstbeherrschung  auf, 

seine  Bevormundung  -  die  stets  mit  dem  Mantel  selbstloser  Liebe 
verbrämt war - zu ertragen. 

Schon  bei  dem  Gedanken  daran  zerknüllte  sie  ein  kleines 

Seidenkissen  wütend  zwischen  den  Fingern.  Sie  wußte,  daß  Olga 
diesen  Bruder,  der  nur  das  Wohl  seiner  Schwester  im  Auge  hatte, 
bewunderte.  Sie  gehorchte  seinen  Anweisungen  bedingungslos  und 
hielt ihn über Isabelles Leben pausenlos auf dem laufenden. 

Ein  Glück,  daß  Olga  wenigstens  nichts  von  ihrem  vormittäglichen 

Erlebnis  am  Strand  wußte.  Pierre  würde  Amok  laufen,  wüßte  er,  daß 
sich  seine  Schwester  von  einem  amerikanischen  Playboy  hatte  küssen 
lassen. 

Jason Jeffers.  Isabelle beschäftigte sich jetzt mit ihm. Blond war er 

also,  sicher  mit  blauen  Augen.  Daß  er  über  einen  sportlichen, 
gutgebauten  Körper  verfügte,  hatte  sie  mit  eigenen  Händen  ertasten 
können. 

Sie glaubte, seine Hände wieder auf ihrer Haut zu spüren. Und erst 

dieser Kuß! Unbewußt dehnte Isabelle ihren Körper nicht vorhandenen 
zärtlichen  Händen  entgegen.  Wie  seltsam  sanft  und  doch  aufwühlend 
die Berührung seiner Lippen gewesen war. 

Immer  noch  wütend  kam  sie  wieder  zu  sich.  An  diesem  ganzen 

Durcheinander war nur ihre allzu überreizte, sinnliche Phantasie schuld. 

Warum  konnte  sie  sich  nicht  damit  abfinden,  daß  sie  körperliche 

Liebe nie kennenlernen würde. Daß die Zuneigung zu einem Mann für 
sie ein unerreichbares Ziel war. 

Ein  Kapitel,  dessen  erste  Seiten  sie  vor  drei  Jahren  zusammen  mit 

Raimond gerade erst sehr vorsichtig aufgeschlagen hatte. Eine behütet 
aufgewachsene 

„höhere 

Tochter“ 

und 

ihr 

zurückhaltender, 

romantischer Verlobter. 

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15 

Im Sommer wurde sie 26 Jahre alt. Wie lange mußte sie noch diesen 

Körper und seine geheimen, unerfüllbaren Wunsche ertragen? 

Keine Liebe, keine Ehe, keine Kinder. Pierre hatte ihr das in seinen 

typischen, umständlichen Formulierungen doch sehr klar beigebracht. 

- Ich weiß, wie schrecklich es für dich ist, daß Raimond bei diesem 

entsetzlichen  Unfall  ums  Leben  kam,  Kleines.  Aber  vielleicht  war  es 
besser  so.  Er  hätte  sich  Kinder  gewünscht,  eure  Verlobung  wäre 
vielleicht  zerbrochen,  und  du  hättest  gekränkt  und  enttäuscht  nicht 
einmal  mehr  die  Erinnerung  an  die  schönen  Stunden,  die  du  mit  ihm 
verbracht hast. 

Isabelle  verzog  das  Gesicht.  Es  war  sehr  schwierig  für  sie,  ihr 

Verhältnis zu ihrem großen Bruder klar zu sehen. Die große Liebe war 
es nie gewesen, dafür war Pierre einfach zu steif und zu verschlossen. 

Erst  die  Verlobung  mit  Pierres  Freund  Raimond  hatte  sie  ein 

bißchen  näher  zusammengebracht.  Eine  rätselhafte  Freundschaft.  Der 
charmante,  schöne,  romantische  Raimond  und  der  selbstbeherrschte, 
ehrgeizige  Pierre  Delorme.  Damals  waren  sie  ein  paarmal  zusammen 
ausgegangen, hatten zu dritt einiges unternommen. 

Isabelle  hatte  sich  über  Pierre  amüsiert  und  in  ihrem  Glück  sogar 

seine knochentrockenen Bemerkungen als persönliche Note akzeptiert. 
Bis zu jenem verhängnisvollen Abend, als der Unfall passierte! 

Pierre hatte am Steuer des schnellen Sportwagens gesessen und das 

entsetzliche Unglück verursacht. 

Isabelle  konnte  sich  an  nichts  mehr  erinnern.  So  sehr  sie  sich  auch 

den  Kopf  über  den  genauen  Unfallhergang  zermarterte,  sie  prallte  an 
eine schwarze Wand, die nicht den kleinsten Hinweis gab. 

Pierre  war  als  einziger  mit  ein  paar  harmlosen  Prellungen  und 

Schürfwunden  davongekommen.  Isabelle  hatte  viele  Wochen  im 
Krankenhaus  gelegen  und  mußte  sich  mit  dem  Verlust  ihres 
Augenlichtes  abfinden.  Erst  nach  Monaten  erfuhr  sie,  daß  Raimond 
qualvoll eingeklemmt in dem Autowrack verbrannt war. 

Ebenso  schwer  wie  das  eigene  Entsetzen  und  der  eigene  Kummer 

waren danach Pierres Selbstvorwürfe zu ertragen. Isabelle begriff, daß 
sein  Bemühen  um  ihre  Gesundheit  und  ihre  Zufriedenheit  dazu 
beitragen sollten, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. 

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16 

Die ersten Jahre hatte sie sich gefügt. Doch jetzt ertrug sie seine Art 

immer  schwerer.  Sie  fühlte  sich  nervös  in  Pierres  Gegenwart,  war 
gereizt,  widersprach  ihm  und  fand  selbst  keinen  Grund  für  ihre 
eigenartige Aggression. 

Dabei hatte sie allen Grund, ihm dankbar zu sein. Ohne Pierres Hilfe 

hätte sie Delorme-Cosmetics nicht behalten können. 

Die  Firma  war  seit  dem  Tod  der  Eltern  ihr  Eigentum,  aber  Pierre 

sorgte dafür, daß alles den rechten Weg ging. Er hatte sich mit geradezu 
fanatischem  Eifer  in  die  neue  Aufgabe  gestürzt  und  versicherte  ihr 
immer wieder, wie fabelhaft alles lief. 

Warum  also  geriet  sie  schon  bei  dem  Gedanken  in  Panik,  Pierre 

könnte heute herkommen? Lag es immer noch an der alten Geschichte? 

-  Es  ist  einfach  ein  Jammer  mit  dem  Mädchen.  Isabelle  ist  zu 

heißblütig  und  zu  leichtsinnig.  Immer  will  sie  ihren  Dickkopf 
durchsetzen.  Ich  habe  heute  schon  Angst  davor,  in  welch  unmögliche 
Situationen sie sich einmal bringen  wird, wenn  sie erwachsen ist. Das 
Vernünftigste wäre, sie einzusperren! 

Isabelle hatte diese Bemerkung ihres Bruders ganz zufällig anläßlich 

der  Feier  ihres  zwölften  Geburtstages  aufgeschnappt.  Ihr  Vater  hatte 
darüber  gelacht,  doch  sie  hatte  Pierre  dieses  dumme,  pauschale  Urteil 
nie verziehen. 

Die  Tatsache,  daß  das  Schicksal  dafür  gesorgt  hatte,  daß  er  seinen 

Willen bekam, empörte und verzweifelte sie gleichzeitig. 

Isabelle  warf  das  inzwischen  arg  gebeutelte  Kissen  in  weitem 

Schwung von sich. Was brachte es, die alten Probleme jeden Tag aufs 
neue durchzugrübeln… 

Als das Telefon klingelte, tastete sie nach dem Apparat, der in einer 

Halterung  neben  dem  Bett  befestigt  war.  Obwohl  sich  ihre  Gedanken 
mit  Pierre  beschäftigt  hatten,  traf  die  leicht  metallisch  klingende 
Stimme ihres Bruders sie doch völlig unvorbereitet. 

- Isabelle, mein Kleines, wie geht es dir?  
- Pierre… - Sie verzog das Gesicht. 
- Wie geht es dir. Hast du schöne Tage verbracht?  
-  Warum  fragst  du?  Hat  dir  Madame  Olga  nicht  alles  haarklein 

berichtet? - erkundigte Isabelle sich aufsässig. 

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17 

-  Kleines,  nimm  doch  nicht  alles  so  schwer.  Sei  froh,  daß  du  nicht 

mit  mir  tauschen  mußt.  Die  Einkäufertagung  ist  diesmal  ganz 
besonders aufreibend… 

- Mein Beileid…, - spottete Isabelle. 
-  Sobald  ich  mich  freimachen  kann,  werde  ich  dich  besuchen.  Es 

liegt  sicher  wieder  am  Wetter,  daß  du  dich  nicht  besonders  fühlst. 
Vermutlich bekommen wir Mistral. Warum gehst du heute nicht etwas 
früher zu Bett und nimmst eine Schlaftablette. Du wirst sehen, morgen 
wirkt  die  Welt  wieder  wie  neu.  Nun…?  Warum  antwortest  du  nicht, 
Isabelle? Bist du noch dran?  

Isabelle zwang sich zur Ruhe.  
- Natürlich bin ich noch dran. Laß dir nur Zeit mit deinem Besuch. 

Ich komme schon allein zurecht. 

Ein etwas gekünsteltes Lachen klang ihr aus dem Hörer entgegen. 
- Daran zweifle ich nicht, mein Kleines! Mach's gut!  
Isabelle  warf  den  Hörer  auf  die  Gabel,  erhob  sich  und  ging  zur 

Terrassentür.  Sie  stieß  die  angelehnten  Läden  zurück  und  hielt  ihr 
Gesicht  in  die  Sonne.  Mistral?  So  ein  Unsinn,  nicht  das  kleinste 
Lüftchen  bewegte  sich.  Der  Rest  dieses  Tages  lag  so  bleiern  und 
schwer wie die leblose Hitze des Nachmittags vor ihr. 

Gefangen  in  der  Dunkelheit,  allein  mit  ihren  Gefühlen  und 

Wünschen, ersehnte sich Isabelle nichts mehr als einen Menschen, dem 
sie ganz nahe sein und dem sie ganz vertrauen konnte. 

Aber  wo  passierten  schon  Wunder?  In  ihrem  Leben  mit  Sicherheit 

nicht. 

 

*** 

 
Noch  ehe  sie  richtig  wach  war,  wußte  Isabelle,  daß  sich  was 

verändert 

hatte. 

Das 

sorgsam 

von 

Pierre 

ausgearbeitete 

Tagesprogramm,  das  sie  vor  Depressionen  und  Langeweile  bewahren 
sollte, war unwichtig geworden. 

Sie hatte eigene Pläne! Ihr Entschluß, irgendwann nach Mitternacht 

und langen schlaflosen Stunden gefaßt, stand unumstößlich fest. 

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18 

Sie wollte Jason Jeffers anrufen und ihm den ersten Teil ihres Planes 

unterbreiten. Ein Playboy seines Rufes hatte sicher keine Skrupel, auch 
ihre weiteren Bitten zu erfüllen. 

Immerhin war deutlich zu merken gewesen, daß sie ihm - ehe er von 

ihrer  Blindheit  wußte  -  gefallen  hatte.  Sie  sah  in  Jason  ihre  einzige 
Chance,  endlich  auch  ein  winziges  Bißchen  vom  echten  Leben  zu 
haben. 

An  seiner  Reaktion  am  Telefon  würde  sie  schon  merken,  ob  er 

geneigt  war,  einem  Treffen  zuzustimmen.  Weiter  wagte  Isabelle  nicht 
zu  denken.  Träume  und  Wünsche  wurden  gewaltsam  zurückgedrängt. 
Ihre  ruhige  gelassene  Miene  verriet  nichts  von  dem  Sturm,  der  in  ihr 
tobte. 

Madame  Olga  registrierte  erleichtert,  daß  Isabelle  ihre  Depression 

vom Vortag offensichtlich überwunden hatte. 

-  Guten  Morgen,  mein  Kind.  Es  ist  kurz  nach  neun,  hast  du  gut 

geschlafen?  

Isabelle  nickte  und  bewunderte  Madame  Olgas  Talent,  wichtige 

Informationen  in  harmlosen  Geplauder  zu  verstecken,  so  daß  sie 
Entscheidungen treffen konnte wie eine Gesunde. 

-  Der  Wetterbericht  behauptet,  daß  es  heute  noch  heißer  wird  als 

gestern.  Keine  Ahnung,  was  man  bei  diesem  Wetter  anziehen  soll, 
damit  man  nicht  zerfließt.  Am  besten  nichts,  aber  das  wäre  nicht 
schicklich.  Was  hältst  du  von  deinem  blauen  Baumwollkleid  mit  dem 
Corsagen-Oberteil? Ich finde, es steht dir immer ganz besonders gut! -  

Isabelle  griff  nach  dem  Bademantel,  der  am  Fußende  ihres  Bettes 

lag, und ging ins Bad. Als sie kurze Zeit später, völlig angekleidet, auf 
dem weichen Frisierhocker saß und Madame Olga ihre Haare kämmte, 
hob sie ruckartig den Kopf. 

- Bin ich eigentlich schön?  
- Was zum… - Im letzten Moment verschluckte die ältere Frau eine 

empörte  Antwort.  Es  fiel  ihr  ein,  daß  Isabelles  Frage  nichts  mit 
Eitelkeit  zu  tun  hatte.  Immerhin  hatte  sie  an  jenem  Sommerabend  vor 
drei Jahren zum letzten Mal ihr eigenes Spiegelbild gesehen. 

Ihre  Stimme  klang  weich  und  mütterlich,  und  sie  strich  über 

Isabelles makellose Schultern.  

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19 

- Ich finde dich wunderschön, Kleines. In deinen Haaren hat sich die 

Sonne versteckt, und deine Augen sind so klar und groß, daß niemand 
auf die Idee käme, daß du blind bist. Um deine Figur können dich die 
meisten Frauen beneiden. 

- Ach Olga… - Dankbar küßte Isabelle die faltige Hand der Frau. -

…und wozu das alles? Wäre es nicht besser, der liebe Gott hätte damit 
eine Frau ausgestattet, die auch etwas davon hat? 

-  Verlier  nicht  den  Mut,  Isabelle.  Denke  daran,  was  Professor 

Lockwood  nach  den  ersten  Untersuchungen  sagte.  Die  Medizin  bleibt 
nicht  stehen.  Sie  entwickelt  sich  mit  riesigen  Schritten.  Vielleicht  gibt 
es schon in wenigen Jahren neue Behandlungsmethoden, die dir helfen 
können! 

-  Vielleicht  aber  auch  nie…,  -  murmelte  Isabelle.  -  …der 

Abschlußbericht  des  Professors,  den  Pierre  mir  vorgelesen  hat,  klang 
nicht gerade wie eine Aufforderung zum Hoffen!  

Madame  Olga  stieß  wütend  die  Luft  aus.  Es  klang  wie  das 

Schnauben eines unwilligen Pferdes. 

- Unsinn, Kind. Nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Ich glaube, 

es  war  Henry  Ford,  der  einmal  gesagt  hat:  „Es  gibt  mehr  Leute,  die 
kapitulieren, als solche, die scheitern!“  

Isabelle nahm es als gutes Zeichen, daß Madame Olga ausgerechnet 

einen Amerikaner zitiert hatte, um ihr Mut zu machen. Sie lächelte. 

- Na siehst du. - Befriedigt legte die alte Dame die Haarbürste weg. - 

Und  jetzt  Schluß  mit  dem  Philosophieren.  Lisette  hat  den 
Frühstückstisch auf der Terrasse gedeckt, und danach machst du deine 
Runden im Swimmingpool. 

 

*** 

 
Der Vormittag war bereits weit fortgeschritten, ehe Isabelle endlich 

wieder  Zeit  hatte,  an  ihren  kühnen  Plan  zu  denken.  Zuerst  mußte  sie 
Constant  finden  und  ihn  bitten,  die  Telefonnummer  der  kleinen  Villa 
am Cap herauszusuchen. 

Madame oder Lisette traute sie nicht ganz. Constant war der einzige, 

der ihr diesen Dienst leistete, ohne überflüssige Fragen zu stellen. 

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20 

Isabelle  schlenderte  durch  den  Garten,  doch  kein  Geräusch  deutete 

darauf hin, daß Constant irgendwo arbeitete. An der kleinen Pforte zur 
Bucht blieb sie wie magisch angezogen stehen. 

Sollte  sie  sich  die  ganze  Sache  noch  einmal  überlegen?  Vielleicht 

unten  am  Strand?  Warum  nicht?  Sie  würde  sich  auf  die  Felsen  legen 
und den Wellen zuhören. 

Zeit war etwas, das sie in Hülle und Fülle zur Verfügung hatte, und 

die Villa am Cap war auf zwei Monate vermietet worden. Jason Jeffers 
konnte ihr nicht entkommen. 

Isabelle  bezwang  ihre  Ungeduld  und  konzentrierte  sich  auf  den 

steilen  Pfad,  dessen  Unebenheiten  sie  unter  ihren  Fußsohlen  ertastete. 
Sie tauchte in die Duftwolke des Ginsters ein, die erst unten am Strand 
dem Salzhauch des Meeres wich. 

Jetzt war Sand unter ihren Füßen.  Isabelle blieb  stehen und wandte 

ihr Gesicht dem Meer zu. Er war da. Sie fühlte es so sicher, als würde 
sie ihn sehen. 

-  Jason?  -  Ihr  Flüstern  übertönte  kaum  das  Murmeln  des  Wassers, 

das die Felsen umspülte, die die kleine Bucht begrenzten. 

- Du hast mir etwas voraus, Cherie, du kennst meinen Namen. Willst 

du mir deinen nicht endlich verraten?  

Isabelle  atmete  tief  durch.  Freude  erfüllte  sie.  Er  hatte  auf  sie 

gewartet! 

-  Ich  heiße  Isabelle.  Isabelle  Delorme.  Warum  sind  Sie  wieder 

hergekommen?  

- Gegenfrage, woher kennst du meinen Namen?  
Sie lächelte spitzbübisch.  
-  Die  Gerüchteküche  von  St.  Tropez  ist  blitzschnell  und  sehr 

verläßlich, Mister Jeffers. Ich wurde bereits zum Mittagessen mit allen 
wichtigen  Details  über  die  Bereicherung  des  Playboy-Stammes 
versorgt. 

Er  näherte  sich.  Isabelle  hätte  es  instinktiv  gespürt,  auch  wenn  sie 

das leise Knirschen des Sandes nicht gehört hätte. 

-  Du  bist  also  keine  abenteuerlustige  Touristin,  Isabelle  Delorme.  - 

Eine Feststellung, keine Frage. 

- Warum sind Sie hier? - beharrte sie jetzt. 
Er zögerte, die Worte fielen ihm vermutlich nicht leicht. 

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21 

-  Vielleicht  ist  mir  aufgefallen,  daß  ich  mich  gestern  nicht  sehr 

höflich benommen habe. Als ich mich entschuldigen wollte, war es zu 
spät. Du warst verschwunden wie die Fee in einem Märchen. Du gingst 
mir nicht aus dem Kopf, und als ich heute nacht überlegte, wie ich dich 
wiedersehen könnte, kam mir dieser Strand in den Sinn. Ich wußte, daß 
du  wieder  herkommen  würdest.  Ich  weiß  nicht  warum.  Es  war,  als 
hätten wir eine Verabredung getroffen… 

Das dumpfe Dröhnen eines Rennbootes, das ziemlich nah am Strand 

vorbeizog,  war  eine  willkommene  Gelegenheit  für  Isabelle,  mit  der 
Antwort zu warten. 

-  Sie  sind  mit  dem  Boot  da…?  -  wollte  Isabelle  wissen,  ohne  auf 

seine Bemerkung einzugehen. 

Er nickte, und als ihm klar wurde, daß sie diese Bewegung ja nicht 

sehen konnte, fügte er hinzu:  

- Ja, klein, aber fein. Ein Zodiac mit einem 75-PS-Motor! 
Isabelle  zog  die  Unterlippe  zwischen  ihre  Zähne,  dann  gab  sie  sich 

einen Ruck. 

-  Würden  Sie…  ich  meine,  ich  will  nicht  aufdringlich  sein,  aber 

könnten wir vielleicht ein paar Minuten aufs Meer hinausfahren? 

Er lachte, und sie war sich bewußt, daß ihr Herz einen Takt schneller 

schlug. 

-  Aber  natürlich.  Gern,  wenn  es  dir  Spaß  macht.  Es  gehört,  glaube 

ich,  zu  einem  richtigen  Playboy,  daß  er  hübsche  Mädchen  auf  sein 
Schiff entführt, hm?  

Ein  mühsamer  Witz,  und  sie  verzog  keine  Miene.  Sie  streckte 

wortlos  die  Hand  aus  und  fühlte  ihre  Finger  von  einer  festen, 
vertrauenerweckenden Männerhand umfaßt. 

Er  half  ihr  nicht  ins  Boot.  Er  legte  lediglich  ihre  Hand  auf  die 

sonnenwarmen Gummiwülste des kleinen Fahrzeuges, das er ein Stück 
auf den Sand gezogen hatte. Isabelle kletterte hinein und setzte sich auf 
die  schmale  Bank  mit  den  aufblasbaren  Gummikissen.  Ruckartige 
Bewegungen  zeigten  ihr,  daß  er  das  Boot  ins  Wasser  schob.  Dann 
schaukelte es heftig, während er zustieg und den Motor anwarf. 

- Vollgas? - fragte er. 

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22 

-  Bitte,  ja!  -  Isabelle  klammerte  sich  fest  und  genoß  das  Tempo. 

Gischtnebel berührten ihre nackten Arme, und die Geschwindigkeit hob 
das kleine Boot mit dem starken Motor halb aus den Wellen. 

Der  Fahrtwind  zerrte  an  Isabelles  Haaren  und  preßte  das 

Sommerkleid  an  ihren  Körper.  Es  war  wie  ein  Rausch.  Sie  hätte  ewig 
so  weiterrasen  können.  Zwischen  Himmel  und  Wasser  in  endlose 
Weiten davonfliegen. Wunderbar! 

Enttäuscht merkte sie, daß Jason den Motor drosselte.  
- Schade… - sagte sie. 
Er lachte über ihre Bemerkung.  
- Wenn wir jemals wieder ans Ufer zurückwollen, muß ich leider mit 

unserem Treibstoff ein bißchen sparsamer umgehen. 

Isabelle lehnte sich über die Bordwand und tauchte die Hand in das 

kühle Wasser. 

- Es ist schön, so über das Meer zu fliegen. Einfach so ohne Ziel… 
-  Flucht?  -  Zigarettenrauch  und  das  Klicken  eines  Feuerzeuges 

zeigten  an,  daß  er  sich  eine  seiner  schwarzen,  filterlosen  Zigaretten 
anzündete. - Vor wem oder was?  

-  Keine  Ahnung…,  -  antwortete  sie  vage.  -  …vor  mir,  vor  dem 

Leben… vor allem, was mich angeht. 

-  Seit  wann  bist  du  blind?  -  Ganz  sachlich  und  ohne  Emotionen 

stellte er diese Frage. 

- Woher wollen Sie wissen, daß ich nicht schon immer blind war? - 

fragte Isabelle leise. 

-  Deine  Sprache  und  deine  Bewegungen.  Wer  von  Geburt  an  blind 

ist, spricht stockender, bewegt sich zögernder, vorsichtiger. Du muß die 
Welt einmal mit sehenden Augen kennengelernt haben. 

Isabelle wunderte sich.  
-  Und  woher  sind  Sie  genau  über  Blinde  und  ihre  Schwächen 

informiert, Jason Jeffers?  

Die  folgende  Pause  war  lange,  aber  nicht  peinlich.  Das  leise 

Plätschern  der  Wellen  machte  die  Zeit  auf  eigenartige  Weise 
gegenstandslos. 

-  Von  Cathy…  -  Es  schien  ihm  schwerzufallen,  diesen  Namen 

auszusprechen. 

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23 

-  Wer  ist  Cathy?  -  Isabelle  hätte  gerne  den  Ausdruck  seines 

Gesichtes  gesehen.  So  war  sie  nur  auf  die  Stimme  angewiesen,  in  der 
sie unterdrückten Schmerz zu hören glaubte. 

-  Cathy  war  meine  Verlobte.  Ein  intelligentes,  sportliches  und  sehr 

schönes  Mädchen.  Sie  studierte  Chemie  und  arbeitete  im  Labor  ihres 
Vaters. Bei einer Versuchsreihe für neue Lösungsmittel kam es zu einer 
Explosion.  Cathy  wurde  schwer  verletzt,  beide  Augen  waren  zerstört. 
Es  war  schrecklich.  Du  kannst  dir  dieses  von  Verbänden  entstellte 
Gesicht, in dem nur noch der zitternde Mund lebte, nicht vorstellen. Sie 
muß  gespürt  haben,  wie  fassungslos,  wie  entsetzt  ich  war.  Ein  paar 
Wochen  nachdem  sie  aus  der  Klinik  kam,  beging  sie  Selbstmord.  Sie 
ertrug das  Leben nicht,  das vor ihr lag. Als  wir  sie fanden, war es für 
jede Hilfe zu spät. 

Sonderbarerweise  ahnte  Isabelle,  was  hinter  seinen  Worten  steckte. 

Qualvolle Selbstvorwürfe. 

-  Aber  Sie  sind  doch  nicht  Schuld  an  ihrem  Tod,  Jason!  Sie  hat 

Selbstmord begangen. Es war ihre eigene Entscheidung!  

Er gab einen erstickten Laut von sich. 
- Und ob ich das bin. Ich habe sie geliebt, bewundert und angebetet. 

Pausenlos  habe  ich  ihr  erklärt,  wie  wunderschön  sie  sei.  Mein  Gerede 
war  daran  schuld,  daß  sie  die  Zerstörung  ihrer  Schönheit  nicht 
überwinden  konnte.  Ich  habe  ihr  Todesurteil  gesprochen.  Sie  mußte 
glauben, daß ich sie verlassen würde. 

Seine  unterdrückte  Verzweiflung  brachte  ihn  Isabelle  nahe.  Sie 

begriff,  daß  der  Tod  dieses  Mädchens  für  ihn  ein  entscheidendes 
Erlebnis  gewesen  war. Ein Schlag, den er bis heute nicht überwunden 
hatte. 

-  Und  jetzt  reisen  Sie  durch  die  Welt,  um  vor  Ihren  Erinnerungen 

davonzulaufen und trinken Pastis, weil Sie nüchtern doch nicht so ganz 
daran  glauben  können,  daß  wir  Frauen  tatsächlich  nur  die  hübscheste 
Erfindung  des  lieben  Gottes  sind,  um  sich  die  Zeit  zu  vertreiben…,  - 
griff sie einen seiner Sätze vom Vortag auf. 

- Woher weißt du, daß ich trinke?  
Isabelle schüttelte unwillig den Kopf. 

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24 

-  Männer,  deren  Küsse  bereits  am  Vormittag  nach  Anis 

schmecken… Ich bezweifle, daß man damit Probleme lösen kann. Oder 
haben Sie gute Erfahrungen gemacht?  

Er ignorierte ihren Spott. 
- Es gibt keine Lösung, - bemerkte er bitter. 
-  Stimmt.  -  Isabelle  nickte.  -  Aber  es  bringt  auch  nichts,  auf  dem 

Meer herumzufahren und der Vergangenheit nachzuweinen, oder?  

Ihre gewollt muntere Stimme brach den eigenartigen Bann, der über 

ihnen lag. Isabelle spürte förmlich Jasons skeptischen Blick und wußte, 
daß er die Stirn runzelte. 

- Hast du einen besseren Vorschlag? - fragte er. 
Sie  nickte  und  gab  sich  einen  Ruck.  Nicht  lange  überlegen, 

beschwor sie sich. Spring einfach hinein und sag's ihm. 

-  Sie  haben  mir  gestern  deutlich  zu  verstehen  gegeben,  daß  ich  als 

Touristin ein Abenteuer wert bin, abgesehen von der lästigen Tatsache, 
daß  ich  blind  bin,  natürlich.  Können  wir  diesen  Makel  für  ein  paar 
Stunden  vergessen,  Jason?  -  Sie  atmete  tief  durch  und  fügte  hinzu:  - 
Würden Sie mit mir schlafen, Jason?  

Diesmal war das Schweigen nicht mehr erträglich. Sie empfand den 

Schock, den sie ihm eben versetzt hatte, förmlich am eigenen Leib. 

Hastig setzte sie hinzu:  
-  Ich  kenne  keinen  anderen  Mann,  an  den  ich  diese  Bitte  richten 

könnte.  Ich  weiß,  daß  wir  uns  nur  flüchtig  kennen,  aber…  -  Ihre 
Stimme war ein fast lautloser Hauch: - Ich möchte wenigstens wissen, 
wie  es  ist,  von  einem  Mann  geliebt  zu  werden.  Ich  will  nicht  nur  von 
Zärtlichkeit  und  Leidenschaft  träumen.  Ich  will  sie  einmal  erfahren… 
einmal… 

Jason räusperte sich unbehaglich.  
- Das… das kann doch nicht dein Ernst sein… 
Isabelle nickte heftig.  
-  Doch,  mein  voller  Ernst.  Und  bitte…  ich  möchte  nicht  darüber 

diskutieren. Es ist meine Entscheidung, und ich stehe dazu. Sagen Sie 
einfach  ja  oder  nein.  Ich  werde  beides  akzeptieren.  Ich  werde  im 
Sommer  sechsundzwanzig  Jahre  alt,  ich  bin  kein  kleines  Mädchen 
mehr. Und…- Obwohl es Isabelle peinlich war, so ins Detail zu gehen, 

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25 

mußte  sie  es  tun,  um  Jasons  Bedenken  zu  zerstreuen,  -  …ich  kann 
keine Kinder bekommen. Es ist also völlig risikolos für Sie! 

Jason schnappte hörbar nach Luft.  
-  Als  ob  das  bei  diesem  ganzen  verrückten  Vorschlag  das  einzig 

Wichtige wäre! - knurrte er. 

- Ja oder nein, Jason! - Isabelle spürte seinen brennenden Blick. 
- Du weißt, daß du wunderschön bist, Cherie. Daß es ein Wahnsinn 

von  dir  ist,  mich  derart  in  Versuchung  zu  führen…  aber,  ich  bin 
vielleicht ein Schuft. Also, wenn du es ernsthaft willst, ja!  

- Gut! - Isabelle nickte erleichtert und entspannte sich. 
Vor  diesem  Moment  hatte  sie  am  meisten  Angst  gehabt.  Jason 

würde nie erfahren, wieviel Kraft die vergangenen Minuten sie gekostet 
haben.  

-  Dann  laß  uns  zu  dir  fahren,  -  schlug  sie  vor.  In  ihrem  Kopf 

überschlugen  sich  die  Gedanken.  Was  dachte  er?  Wie  schätzte  er  sie 
jetzt ein? 

Sie zwang sich, nicht zu denken, und bemerkte aufatmend, daß auch 

Jason der Sinn nicht nach einer belanglosen Unterhaltung stand. 

Wortlos warf er den Motor wieder an und jagte das Boot in Richtung 

Cap St. Pierre. 

 

*** 

 
Die  äußerste  Landspitze  der  Halbinsel  von  St.  Tropez  war  das 

Domizil der Wohlhabenden. Die meisten Villen erreichte man nur von 
der See her oder über versteckte Privatwege. 

Viel zu schnell nahm Jason das Tempo wieder weg. Aber jetzt war 

es für Isabelle zu spät für Gewissensbisse und Bedenken. 

- Wir sind da, - sagte er rauh. - Bleibst du bei deinem Entschluß? -  
-  Selbstverständlich!  -  Seine  spürbare  Unsicherheit  verlieh  ihr 

wieder Stärke. Jasons Hand war kalt, als er ihr aus dem Boot half. Kam 
das vom Fahrtwind? 

-  Der  Weg  zum  Haus  ist  gefließt.  Willst  du  dich  auf  meinen  Arm 

stützen? - fragte er. 

Isabelle  spürte  die  Sonne  auf  ihren  Schultern,  deren  Mittagshitze 

von  den  glatten  Marmorplatten  unbarmherzig  zurückgeworfen  wurde. 

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26 

Der  Stein  unter  ihren  dünnen  Schuhsohlen  glühte.  Flüchtig  dachte  sie 
daran,  daß  Madame  und  Lisette  jetzt  mit  dem  Mittagessen  auf  sie 
warteten. Es war egal, die nächsten Stunden gehörten ihr. 

Plötzliche  Kühle  zeigte  ihr,  daß  sie  in  den  Schatten  des  Hauses 

getreten waren. Isabelle fröstelte. 

-  Möchtest  du  etwas  zu  trinken?  -  Es  fiel  Jason  offensichtlich 

schwer, mit der ungewohnten Situation fertig zu werden. 

-  Wenn  du  einen  Schluck  Weißwein  hast,  gern…  -  Isabelle  fühlte 

sich in die weichen Polster eines Sofas gedrückt. 

- Der Tisch steht vor dir. Hier ist dein Wein!  
Ein kaltes, beschlagenes Glas befeuchtete ihre Handflächen. Isabelle 

trank  einen  großen  Schluck  und  genoß  den  herben,  fruchtigen 
Geschmack  des  Weines.  Das  erneute  Gluckern  einer  Flasche  verriet, 
daß auch Jason sich Wein einschenkte. 

Die  Temperatur  in  dem  luftigen  Wohnraum  war  angenehm. 

Vermutlich  hatte  Jason  vor  dem  Wegfahren  die  Fensterläden 
geschlossen. Noch ehe sich die Polster neben ihr unter seinem Gewicht 
senkten,  verriet  ihr  seine  „Duft-Visitenkarte“  aus  Anis  und  schwarzen 
Zigaretten, daß Jason näherkam. 

Mit  geschlossenen  Augen  wandte  Isabelle  sich  ihm  zu.  Ihre 

Fingerspitzen  ertasteten  die  Knopfleiste  eines  halbgeöffneten 
Batisthemdes,  dann  warme  Haut,  gekräuselte  Haare  und  ein  dünnes 
Kettchen. 

-  Ein  Talismann?  -  murmelte  sie  und  prüfte  die  runde  Münze.  Sie 

spürte  seinen  schnellen  Atem,  seine  Bedenken,  die  er  nicht 
auszusprechen wagte. 

-  Hör  auf,  nach  Gründen  und  Worten  zu  suchen,  Jason.  Hast  du 

immer so viele Skrupel, wenn du ein Mädchen lieben willst?  

Isabelle  schmiegte  ihr  Gesicht  an  die  breite  Männerbrust  und 

lächelte,  weil  die  Härchen  ihre  Nasenspitze  kitzelten.  Seine  Arme 
schlössen  sich  um  sie,  und  er  vergrub  das  Gesicht  in  ihren  weichen 
Haaren. Das dumpfe Klopfen seines Herzens nahe an ihrem Ohr klang 
hart und schnell. 

-  Ich  weiß  nicht,  ob  du  überhaupt  ein  Wesen  aus  Fleisch  und  Blut 

bist, - raunte Jason gedämpft. - Vor ein paar hundert Jahren hätte man 

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27 

eine Frau mit solchem Haar, eine Versuchung wie dich, vermutlich auf 
dem Scheiterhaufen verbrannt. Hexenhaar… 

-  Du  willst  prüfen,  ob  ich  eine  Hexe  bin?  -  Isabelle  kicherte 

vergnügt.  -  Immer  dieses  alte  Vorurteil  gegen  Rothaarige.  Ich  hätte 
nicht  gedacht,  daß  Amerikaner  so  abergläubisch  sind.  Warum  küßt  du 
mich nicht, um es herauszufinden?  

- Also gut, aber sag hinterher nicht, daß ich dich nicht gewarnt hätte! 
Isabelle stieß einen erstickten Laut aus, als ihre Lippen sich plötzlich 

trafen.  Jasons  Hand  schloß  sich  fest  um  ihren  Nacken  und  zog  sie 
unaufhaltsam näher. 

Einen Augenblick überkam sie Panik, wollte sie Widerstand leisten, 

dann  gab  sie  sich  diesem  Kuß  hin.  Zaghaft,  eher  scheu  als 
leidenschaftlich, erwiderte sie die Zärtlichkeit. 

Sie fühlte, wie Jason sie aufhob, als wäre sie eine Feder. Er trug sie 

in ein anderes Zimmer. Kein Wort fiel zwischen ihnen, während er sie 
in die kühlen Leinenkissen eines breiten Bettes legte. 

Unendlich langsam und sanft fuhren 
seine  Hände  die  Konturen  ihrer  ebenmäßigen  Schultern  nach,  die 

das  luftige  Corsagenkleid  nackt  ließ.  Sein  Mund  fand  die  aufgeregt 
pochende Ader an ihrem schlanken Hals. 

- Du zitterst, dir ist kalt, du weichst zurück… - murmelte er. 
- Nein… nein… bitte… - Isabelle lachte nervös, und er begriff, was 

in ihr vorging. Er glitt neben sie auf das Bett und nahm sie beschützend 
in die Arme. Reglos, einer an den anderen gepreßt, lagen sie da. 

- Hab keine Angst, Cherie. Ich will dir nicht weh tun. Entspann dich, 

hör  in  dich  hinein.  Liebe  kann  wie  Musik  sein.  Akkorde,  die  leise 
beginnen, und im Laufe der Zeit erst ihre Melodie finden. Wir müssen 
die  Harmonien  suchen.  Du  brauchst  nur  dein  Herz  und  deine  Hände 
dafür… 

Erregt  umklammerte  Isabelle  seine  breiten  Schultern,  die  sie 

gleichzeitig fremd und vertraut empfand. Das war kein Playboy, der da 
sprach, kein Mann, der Frauen wie Trophäen sammelte. 

Seine streichelnden Hände streuten explodierende Funken über ihre 

Haut. Sie stand in hellen Flammen. Halb aufgerichtet, streifte sie selbst 
das  leichte  Kleid  ab  und  überließ  sich  seinen  Zärtlichkeiten.  Ihr 

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28 

schlanker  Körper  erwachte  zu  leidenschaftlichem  Leben  unter  seinen 
Fingern. 

-  Du  bist  bezaubernd,  kleine  Hexe!  -  flüsterte  Jason  und  liebkoste 

die  vollkommenen  Rundungen  ihrer  Brüste  mit  heißen  Lippen.  Fast 
schmerzvoll heftig richteten sich die rosigen Warzen auf. 

Isabelle  taumelte  in  ein  Chaos  der  Gefühle.  Jasons  Hände  waren 

überall, und sie bog sich seinen Berührungen entgegen. Sie suchte Halt 
und glitt doch wie eine Ertrinkende immer tiefer in den Strudel. 

Jason war nicht weniger erregt als sie. 
Es  war,  als  hätten  sie  beide  von  Anbeginn  nur  darauf  gewartet, 

einander  zu  begegnen.  Alles  war  vollkommen  und  wunderbar,  ein 
erregendes Spiel, das seinem Höhepunkt unaufhaltsam zustrebte. 

- Du… du bist sicher, daß du es wirklich willst? - Angstvoll auf ihre 

Antwort wartend, hielt Jason inne. 

-  Ja…  -  hauchte  Isabelle  und  zog  ihn  näher,  -  …ich…  ich  wußte 

nicht, daß es so herrlich sein kann. Ich… ich hatte keine Ahnung. 

- Isabelle, ich schwöre dir, so war es für mich noch nie… 
Jason  riß  sich  seine  Sachen  vom  Körper.  Dann  berührte  er  das 

seidene Dreieck des winzigen Höschens. 

Seine  Küsse  brannten  Feuerspuren  auf  Isabelles  Haut.  Sie  preßte 

ihren  Mund  auf  seinen,  umarmte  den  kräftigen  Männerkörper,  dessen 
heißes  Begehren  sie  spürte,  und  drängte  ihre  kleine  Zunge  zwischen 
seine Lippen. 

Vorsichtig  schob  Jason  ein  Knie  zwischen  ihre  Schenkel.  Isabelle 

zitterte  unter  der  ungewohnten  Berührung.  Sie  schlang  ihre  Beine  um 
seinen Leib und ließ ihn nicht mehr aus. 

Es  gelang  ihr  nicht  ganz,  den  schmerzhaften  Aufschrei  zu 

unterdrücken,  als  Jason  zu  ihr  kam.  Er  hielt  sich  zurück,  aber  sie  bog 
sich ihm sehnsüchtig entgegen. 

Isabelle  keuchte.  Sie  wußte  nicht  mehr,  ob  aus  Lust  oder  Schmerz. 

Es  dauerte,  ehe  die  Pein  nachließ.  Doch  dann  wurde  ihr  plötzlich  der 
erregende Gleichklang ihrer Körper bewußt. Wellen einer unbekannten 
Flut trugen sie davon. 

-  Jason,  was…  was  machst  du  mit  mir…  -  stammelte  sie,  während 

ihr noch die Tränen in den Augen standen. 

- Denke nicht, Cherie. Hör auf die Melodie und komm mit mir… 

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29 

Fassungslos  und  hingerissen  taumelte  Isabelle  in  die  Ekstase  eines 

gemeinsamen Höhepunktes. Sie waren eins. Nicht nur ein Körper, eine 
Seele, ein Gedanke, ein Leben. 

 

*** 

 
Isabelle kam erst wieder zu sich, als Jason vorsichtig ihren Kopf im 

Nacken anhob und das kühle Weinglas ihre wunden Lippen berührte. 

Sie  nahm  ihm  das  Glas  ab  und  trank  es  in  einem  einzigen  langen 

Zug aus. Dann sank sie in die zerwühlten Kissen zurück. 

Sie schmiegte sich an Jason, spielte mit den Haaren auf seiner Brust. 

Ihre Finger verfingen sich wieder in der Fessel des Talisman-Kettchens 
und  tasteten  über  die  kaum  merkbaren  Spuren  einer  Gravur  auf  der 
glatten Münze. 

- Ein Liebespfand? - scherzte sie. 
Jason  nahm  sie  in  die  Arme  und  gab  ihr  einen  freundlichen  Klaps 

aufs Hinterteil. 

- Sei nicht so frech, kleine Hexe. Es handelt sich um das Geschenk 

eines alten Lehrers. 

Danach war wieder Stille. Das gleichförmige Schrillen der Zikaden 

untermalte  ihre  tiefen  Atemzüge.  Aufgewühlt,  erschöpft  und  zugleich 
hellwach und überdreht, schob Isabelle alle Gedanken einfach von sich. 

Dieser Augenblick zwischen  Zeit und Raum  gehörte nur ihnen. Sie 

hatte  nicht  gewußt,  was  sie  von  Jason  forderte.  Die  paar 
leidenschaftlichen  Küsse  und  leichtsinnigen  Zärtlichkeiten,  die  sie  mit 
Raimond  getauscht  hatte,  waren  keine  Vorbereitung  für  dieses 
aufregende Erlebnis gewesen. 

Auch Jason schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Nur der 

Arm, der sie an sich preßte, der Druck seines Körpers an ihren Brüsten 
war Wirklichkeit. 

- Zwei Schiffbrüchige auf einer Insel, - schoß es Isabelle durch den 

Kopf. Sie schloß vor Wohlbehagen und Zufriedenheit die Augen. 

Sie  wußte  nicht,  waren  Stunden  oder  Minuten  vergangen,  als  sich 

ihre Hände erneut trafen und das sanfte beruhigende Streicheln in ihrem 
Inneren wieder ein Echo fand. 

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30 

-  Laß  es,  Cherie,  ich  will  dir  nicht  weh  tun…  -  wehrte  Jason  ihre 

kühnen Zärtlichkeiten ab. 

Isabelle lachte leise und übermütig.  
-  Vorhin  hast  du  so  schön  von  Musik  gesprochen.  Weißt  du  nicht, 

daß  auch  ein  paar  Untertöne  in  Moll  zu  jedem  Stück  gehören?  -  Mit 
plötzlichem  Ernst  suchte  sie  seine  Lippen.  -  Du  hast  mich  zur  Frau 
gemacht,  Jason.  Ich  werde  es  dir  nie  vergessen.  Du  weißt  nicht,  was 
dies für mich bedeutet. Laß uns noch einmal davonlaufen. Zeig mir ein 
letztes Mal die Sterne, und dann bring mich nach Hause… 

Jason küßte die Tränen aus ihren Augenwinkeln. 
-  Rede  keinen  Unsinn.  Wir  werden  uns  wieder  treffen.  Du  meinst 

doch nicht, daß ich dich jemals aus meinem Leben gehen lasse. 

- Pst! - Isabelle legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. - Du hast 

mir ein Geschenk gemacht, für das ich dir dankbarer bin, als Worte es 
ausdrücken können. Wenn du wieder auf Reisen gehst, behalte mich als 
Erinnerung im Gepäck. Ein heißer Nachmittag, an dem du zum Konzert 
der  Zikaden in St. Tropez ein rothaariges Mädchen geliebt hast. Nicht 
mehr, aber auch nicht weniger!  

-  Hör  auf,  Isabelle,  das  ist  kein  Spaß.  Du  bist  für  mich  kein 

Sexabenteuer.  Das  mußt  du  doch  gespürt  haben.  Erzähle  mir  von  dir. 
Ich  will  alles  wissen.  Was  ist  mit  deinen  Augen?  Bist  du  in 
Behandlung,  warst  du  schon  bei  einem  vernünftigen  Spezialisten?  Du 
ahnst ja gar nicht, welche Fortschritte die Medizin gemacht hat!  

- Pst, Jason… ich kenne sie alle, deine Spezialisten. Es gibt wohl in 

ganz  Europa  keinen,  bei  dem  ich  nicht  gewesen  bin.  Sogar  der 
berühmteste  -  ein  Professor  Lockwood  in  Paris  -  hat  mir  bescheinigt, 
daß  mein  Fall  hoffnungslos  ist.  Warum  soll  ich  erneut  Träumen  und 
Wünschen nachjagen, die mir schon soviel Kummer bereitet haben?  

- Aber hör mal, Brian Lockwood ist… 
-  Jason,  wenn  du  nicht  möchtest,  daß  ich  böse  werde,  änderst  du 

besser  das  Gesprächsthema!  -  Isabelle  rückte  von  ihm  ab  und  setzte 
sich auf. 

- Isabelle, ich bitte dich… 
- Nein! - Ihr schmerzvoller Schrei brachte Jason zum Verstummen. 

Sanft zog er sie wieder in den schützenden Kreis seiner Arme zurück. 

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31 

-  Gut,  ich  quäle  dich  nicht  mehr…  -  Aber  unausgesprochen  klang 

mit, daß er dieses Thema nicht aufgeben wollte. 

Er  streichelte  ihre  knisternden,  rötlich  schimmernden  Locken  und 

bewunderte  die  feinen  Wangenknochen,  die  geschlossenen  goldenen 
Wimpern, die wie ein dichter Kranz waren. 

Die drei hauchzarten Sommersprossen auf der Nasenspitze betonten 

Isabelles  durchsichtigen  Porzellanteint  nur  noch.  Ihre  Lippen  waren 
leicht  geöffnet  und  zeigten  zwei  Reihen  perlweißer  Zähne.  Das 
winzige, aber energische Kinn verriet Willenskraft und Mut. 

-  Du  bist  wunderschön.  Ich  wollte,  ich  könnte  dich  malen.  Dabei 

weiß ich nicht, welche Farben dir überhaupt gerecht werden könnten! - 
flüsterte er hingerissen. 

- Was für hübsche Komplimente du machen kannst, Mister Playboy! 

- Isabelle versuchte die allzu ernsthafte Stimmung zu entkrampfen. 

Sie  genoß  das  Vergnügen,  Jasons  Körper  zu  streicheln.  Sie 

erkundete  ihn  mit  ihren  Händen  und  fühlte  die  erregten  Schauer,  die 
dabei  über  seine  Haut  liefen.  Sein  Gesicht  fühlte  sich  kantig  an. 
Männliche  Züge,  eine  sehr  gerade  Nase,  buschige  Brauen, 
überraschend weiche Lippen. 

Einzelne  Teile,  die  sie  nur  unvollkommen  zu  einem  Bild 

zusammenfügen konnte. Wie sah er aus? Attraktiv, schön, männlich? 

Was  bedeuteten  all  diese  Worte  in  ihrer  Welt  aus  Schatten?  Sie 

wußte  nur  eines,  Jason  war  gütig,  zärtlich,  verständnisvoll, 
leidenschaftlich, hartnäckig, poetisch, verletzbar und - sie liebte ihn. 

Jason  hatte  Gefühle  in  ihr  geweckt,  von  deren  Vorhandensein  sie 

nichts  geahnt  hatte.  Ihre  Finger  wühlten  in  seinen  kurz  geschnittenen 
Haaren,  rubbelten  die  Schatten  kommender  Bartstoppeln  und 
zeichneten  die  Falten  rechts  und  links  der  Mundwinkel  nach.  Dann 
küßte sie ihn auf die Augen, zwang ihn, sie zu schließen. 

- Jetzt sind wir im Dunkeln vereint, - wisperte sie. - Kannst du mich 

sehen? Kannst du auch mit deiner Seele erspüren, Jason Jeffers?  

- Lehr es mich, Cherie. Laß dich lieben!  
Sie  fühlte  spielerisch  sanfte  Bisse  auf  ihrer  Haut,  Lippen,  die  sich 

um  ihre  Brustwarzen  schlössen,  seine  Zunge,  die  schmeichelnd  die 
rosigen harten Spitzen koste. 

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32 

Isabelle  genoß  sein  Verlangen,  sie  gab  sich  ihrer  Lust  hin,  ohne  an 

das  Morgen  zu  denken.  Ein  ganzes  Leben  lang  würde  sie  an  diese 
Stunden denken, und sie wußte bereits jetzt, daß sie nicht eine einzige 
Sekunde davon bereuen würde. 

Endlich  hatte  sie  einmal  das  Gefühl,  zu  leben,  in  Wirklichkeit  zu 

existieren.  Auch  der  Schmerz  ihrer  erneuten  Vereinigung  war  keine 
Qual, sondern wunderbares sich verlieren. 

Sie war eine Frau! Eine Frau, die Jason Jeffers begehrte, die Ursache 

seiner  Seufzer  und  seines  Entzückens  sein  konnte.  Niemand  -  nicht 
einmal  Pierre  -  würde  ihr  je  den  Schatz  dieser  Erinnerungen  rauben 
können. 

Jason spürte nur den verzweifelten Ernst, mit dem sie ihre Hände um 

seinen  Nacken  schlang,  die  Hemmungslosigkeit,  mit  der  sie  auf  ihn 
reagierte,  und  sie  beide  in  einen  Wirbel  der  Lust  warf,  den  er  nie 
erwartet hatte. 

Irgendwann  gelang  es  Isabelle,  dem  unausweichlichen  Ende  dieser 

Stunden zu begegnen. 

-  Bitte,  du  mußt  mich  jetzt  nach  Hause  bringen,  -  flüsterte  sie  mit 

gebrochener Stimme. - Und mich wieder vergessen. 

- Ersteres gerne, letzteres nie! - sagte Jason. Es war ihm unmöglich, 

auch  nur  daran  zu  denken,  daß  es  eine  Trennung  für  immer  geben 
könnte. 

Isabelle  spürte  seine  Gedanken,  als  ob  er  sie  ausgesprochen  hätte. 

Aber  was  sollte  sie  diskutieren?  Jason  würde  selbst  merken,  daß  das 
Leben stets andere Wege fand. 

 

*** 

 
Auf dem Weg zum Boot fiel  Isabelle  auf, daß die  größte Hitze des 

Tages vorbei sein mußte. Die Sonne hatte ihre Kraft verloren, und vom 
Meer kam eine sanfte Brise. 

- Wie spät ist es? - wollte sie wissen. 
- Kurz nach fünf Uhr. Wird man dich vermissen?  
Sie antwortete nicht. Nur widerstrebend dachte sie, daß in der Villa 

über der kleinen Bucht inzwischen vermutlich das Chaos ausgebrochen 
war. 

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33 

Madame Olga hatte sicher Pierre alarmiert, Constant die Bucht und 

den Garten abgesucht und Lisette drängte bestimmt, endlich die Polizei 
zu holen. 

Jason respektierte ihr Schweigen. Er warf den Bootsmotor an. 
Vermutlich  konnte  er  sich  nicht  im  entferntesten  vorstellen,  wie 

Isabelles  Leben  normal  verlief.  Sie  konnte  ihm  auch  schwer  erklären, 
daß die vergangenen Stunden nur eine Art „Urlaub“ von ihrem privaten 
Gefängnis gewesen war. 

Sie beherrschte sich eisern, um nicht zu weinen. Und als er das Boot 

in der kleinen Bucht auf den Sand ziehen wollte, winkte sie ab. 

- Laß nur, Jason. Ich finde den Weg allein. Ich kenne ihn. Fahr jetzt 

wieder zurück. 

-  Kommt  nicht  in  Frage,  Isabelle.  Ich  lasse  nicht  zu,  daß  du  allein 

auf diese Kletterpartie gehst. 

Sie lächelte müde.  
-  Sei  nicht  albern,  was  glaubst  du,  wie  oft  ich  hier  in  der  Bucht 

Zuflucht suche! 

-  Was  gewesen  ist,  ist  mir  egal!  -  Jason  griff  nach  ihrer  eiskalten 

Hand. - Wichtig ist nur, was jetzt ist und was sein wird. 

Isabelle  hatte  keine  Kraft  für  einen  Streit.  Da  sie  innerlich  die 

Konfrontation mit ihrer „Familie“ fürchtete, war sie dankbar für Jasons 
Begleitung. 

Der  Skandal  konnte  auch  nicht  schlimmer  werden,  wenn  Madame 

Olga den „amerikanischen Playboy“ sah… 

Doch  die  eiskalte  Stimme,  die  sich  über  das  aufgeregte 

Stimmengewirr  von  Olga  und  Lisette  erhob,  ließ  Isabelle  mitten  im 
Schritt erstarren. 

-  Isabelle!  -  Pierre  Delorme  schoß  auf  das  Paar  zu.  -  Um  Himmels 

willen,  wo  hast  du  gesteckt?  Was  ist  passiert?  Wer  ist  dieser  Mann? 
Reden  Sie  schon,  Monsieur,  was  haben  sie  mit  meiner  Schwester  zu 
tun! 

Isabelle  wußte,  welcher  Anblick  ihr  Bruder  für  Jason  war.  Ein 

mittelgroßer, 

schlanker, 

dunkelhaariger 

Franzose 

mit 

scharf 

geschnittenen  Gesichtszügen  und  einem  Oberlippenbart,  der  die 
schmalen,  meist  zusammengekniffenen  Lippen  noch  betonte. 

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34 

Vermutlich  trug  er  den  üblichen  Geschäftsanzug  mit  Weste,  polierte 
Schuhe und eine teure Krawatte. 

Jasons  Tonfall  ließ  erkennen,  daß  er  nicht  sonderlich  beeindruckt 

war.  

-  Ich  bin  mit  Ihrer  Schwester  befreundet,  Monsieur  Delorme!  Wir 

haben einen Bootsausflug gemacht. 

Pierre Delorme stand kurz vor einem Wutanfall. 
- Monsieur! - fauchte er. - Ich weiß zwar nicht, wer Sie sind, aber es 

ist  verantwortungslos  und  unverschämt,  meine  kranke  Schwester  zu 
belästigen. 

- Moment mal. - Isabelle bewunderte Jasons ruhige Überlegenheit. - 

Zu  Ihrer ersten  Frage: mein Name ist Jason Jeffers.  Im übrigen wüßte 
ich  nicht,  warum  ich  sie  um  Erlaubnis  bitten  muß,  wenn  ich  mit 
Isabelle  zusammen  sein  möchte.  Sie  ist  volljährig  und  kann  sich  ihre 
Freunde  sicher  ohne  Ihre  Hilfe  aussuchen.  Sie  sollten  sich  Ihre 
Anschuldigungen also etwas gründlicher überlegen!  

-  Jetzt  reicht  es  mir  aber!  -  brüllte  Pierre  mit  beachtlichem 

Stimmaufwand. 

-  Sie  verlassen  sofort  dieses  Grundstück!  Sonst  benachrichtige  ich 

die  Polizei!  Ich  werde  nicht  dulden,  daß  Playboys  Ihrer  Art  meine 
Schwester… 

Isabelle verzog angewidert das Gesicht.  
- Pierre, spar dir deine Sonntagspredigt. Du bist weder mein Vater, 

noch mein Vormund. Ich selbst habe Jason um diesen Ausflug gebeten. 

- Isabelle! - Sie fühlte sich brutal am Oberarm gepackt und versuchte 

vergeblich, sich loszureißen. -  Du weißt nicht mehr, was du sagst. Du 
bist ja völlig außer dir. Madame Olga, bringen Sie das Kind sofort auf 
sein Zimmer. Wir meinen es alle nur gut mit dir, mein Schatz!  

Jason mischte sich ein.  
-  Lassen  Sie  sie  sofort  los.  Sehen  Sie  denn  nicht,  daß  Sie  ihr  weh 

tun?  

Isabelle begriff instinktiv, daß nur noch eine Kleinigkeit fehlte, dann 

wäre  die  schönste  Prügelei  zwischen  den  beiden  Männern  im  Gange. 
Sie wollte nicht, daß dieser Tag so endete. Sie ignorierte die Schmerzen 
in ihrem Arm und sagte kühl:  

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35 

-  Solange  du  mich  nicht  losläßt,  kann  ich  wohl  kaum  ins  Haus 

gehen,  Bruderherz.  Wenn  dir  daran  liegt,  kann  ich  dir  natürlich  gern 
meinen Arm zur Verfügung stellen… 

Ihr  Spott  wirkte  Wunder.  Sein  Griff  lockerte  sich,  sie  konnte 

zurücktreten. Ein letztes Mal wandte sie sich Jason zu. 

- Adieu, Jason! Es ist besser, du gehst jetzt. Danke für alles! 
Ohne  auf  eine  Antwort  zu  warten,  ging  sie  in  Richtung  Haus  und 

Uberließ  es  Madame  Olga,  ihr  zu  folgen.  Pierres  Worte  hörte  sie 
trotzdem noch. 

- Worauf warten Sie noch, Jeffers! Für Playboys und Mitgiftjäger ist 

hier kein Platz. Ich rate Ihnen auch dringend, sich hier nicht mehr sehen 
zu lassen. Sollten Sie meine Schwester erneut belästigen, schalte ich die 
Polizei  ein.  Ich  kann  Ihnen  versichern,  daß  die  Familie  Delorme  in 
dieser Gegend einem unangenehmen Ausländer das Leben ganz schön 
schwermachen  kann.  Suchen  Sie  sich  ein  anderes  Opfer.  Meine 
Schwester ist für Sie tabu!  

-  Ich  hatte  keine  Ahnung,  daß  mein  Bruder  über  derartiges 

Temperament verfugt, - murmelte Isabelle. 

Madame Olga schwieg, obwohl sie mehr als nur neugierig war. Sie 

spürte, wie aufgewühlt Isabelle war und beschloß, erst einmal Ruhe in 
die ganze Sache zu bringen. 

- Ich lasse dir ein Bad ein und hole dir eine Kleinigkeit zum Essen! - 

schlug sie vor. Das Mädchen nickte erleichtert. 

Wenig  später  ließ  sich  Isabelle  in  das  warme  Wasser  gleiten  und 

legte erschöpft den Kopf auf das Badekissen. Ob sich Jason über ihren 
Bruder  sehr  wunderte?  Vermutlich  wäre  der  Familien-Skandal  vor 
versammelter  Dienerschaft  vermieden  worden,  wenn  sie  ihre 
Verabredung nicht so spontan und unüberlegt getroffen hätte. Aber sie 
wußte  auch  genau,  eine  Nacht  voller  Nachdenken  und  Abwägen  hätte 
sie  mit  Bestimmtheit  davon  abgehalten,  sich  in  die  Arme  eines 
Fremden zu werfen. 

Isabelle  spürte,  wie  ihr  erschöpfter  Körper  sich  im  Wasser 

entspannte. In Gedanken glitt sie in Jasons Arme zurück, rief sich seine 
Zärtlichkeiten in Erinnerung und  ertappte sich bei der Frage, ob er im 
Augenblick wohl auch an sie dachte. Jason. 

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36 

Das  Glück  der  vergangenen  Stunden  würde  ihr  helfen,  dieses 

sinnlose Dahinleben in ihrem goldenen Käfig weiterhin zu ertragen. 

Isabelle  ahnte  nichts  von  dem  Telefongespräch,  das  Jason  führte, 

sobald er die Tür seines Hauses hinter sich ins Schloß geworfen hatte. 

 

*** 

 
- Brian? Hier spricht Jason!  
Einen Moment war verblüfftes Schweigen in der Leitung, dann rief 

der andere Teilnehmer. 

-  Jason,  alter  Junge,  wo  steckst  du?  Immer  noch  in  Japan?  Die 

Verbindung ist aber fabelhaft! 

- Ich bin dir ein Stück nähergekommen, Brian. Im Moment führe ich 

mein atemberaubendes Playboy-Dasein in St. Tropez! 

-  Was  suchst  du  in  dieser  Touristenfalle?  Schwing  dich  in  Auto, 

Bahn oder Flugzeug und komm sofort nach Paris. Was glaubst du, wie 
lange ich schon auf dich warte, du alter Gauner! 

Jason grinste vergnügt. Brian Lockwood war einer seiner besten und 

ältesten Freunde. Einer der wenigen, die in allen Einzelheiten über sein 
verpfuschtes Leben Bescheid wußten. 

- Hör mal, Professor, es könnte sein, daß ich schneller bei dir bin, als 

dir  lieb  ist.  Aber  vorher  habe  ich  ein  paar  Fragen  an  dich,  auf  die  ich 
eine  Antwort  möchte,  auch  wenn  sich  deine  ärztlich  verschwiegene 
Seele  dagegen  sträubt.  Verrät  dir  deine  Patientenkartei,  ob  du  vor  ein 
paar Jahren eine Patientin namens Isabelle Delorme hattest?  

-  Isabelle  Delorme?  Dafür  benötige  ich  keine  Kartei.  Verrate  mir 

sofort, was du mit Isabelle zu tun hast? Sag nur noch, du hättest sie auf 
der Hafenpromenade kennengelernt… 

Jason lachte bitter auf. 
-  Du  solltest  wissen,  daß  ich  bei  blinden  Mädchen  nicht  über  eine 

Spur  Humor  verfüge,  Brian.  Aber  beruhige  dich,  ich  erzähle  dir  gern 
die ganze Story, wenn du mir verrätst, warum dieses Mädchen blind ist, 
und warum du ihr gesagt hast, daß ihr Fall hoffnungslos ist. 

-  Dir  bekommt  wohl  die  Sonne  da  unten  nicht?  -  protestierte 

Professor  Lockwood  empört.  -  Ich  weiß  genau,  was  in  meinem 
Abschlußbericht stand, schließlich kenne ich die Familie Delorme nicht 

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37 

erst seit gestern. Isabelles Mutter war eine Freundin meiner Mutter. Ich 
kenne  dieses  Mädchen,  seit  es  in  den  Windeln  lag,  und  ich  habe 
kilometerlange Briefe an Kollegen in der ganzen Welt geschrieben, um 
ihr  zu  helfen.  Hätte  sie  die  Behandlung  nicht  auf  eigenen  Wunsch 
abgebrochen,  wäre  längst  klar,  ob  der  Fall  tatsächlich  so  total 
hoffnungslos ist. Ich kann niemanden zur Behandlung zwingen, Jason, 
aber  du  kannst  Gift  darauf  nehmen,  daß  ich  es  täte,  wären  ihre  oder 
meine Eltern noch am Leben. 

-  Hm.  -  Jasons  Seufzer  konnte  alles  mögliche  bedeuten.  -  Erzähle 

mir die ganze Geschichte, bitte. Es bleibt unter uns. 

- Einverstanden, ich weiß, daß ich dir vertrauen kann, Jason. Isabelle 

wurde  bei  einem  Verkehrsunfall  verletzt,  den  ihr  Bruder  Pierre 
verursachte.  Er  raste  auf  der  Heimfahrt  von  einem  Discoabend  gegen 
einen  Baum.  Isabelles  Verlobter  verbrannte  in  dem  zerstörten  Auto. 
Pierre und Isabelle wurden herausgeschleudert. Während Pierre mit ein 
paar  Schrammen  davonkam,  hatte  sie  schwere  Kopfverletzungen, 
konnte  jedoch  völlig  wieder  hergestellt  werden.  Normalerweise  dürfte 
sie  nicht  blind  sein.  Gründlichste  Untersuchungen  haben  nicht  die 
kleinste  organische  Ursache  dafür  gebracht.  Ich  habe  in  meinem 
Bericht  die  Theorie  aufgestellt,  daß  diese  Blindheit  möglicherweise 
durch einen starken Unfallschock ausgelöst wurde. Eine entsprechende 
Therapie  könnte  helfen,  die  psychische  Blockade  zu  lösen.  Einen 
Versuch wäre es in jedem Fall wert. Isabelle hat sich geweigert, diesen 
Versuch zu machen. Sie hat jede Verbindung mit mir abgebrochen und 
auf keinen meiner Briefe geantwortet. 

- Und ihr Bruder? 
-  Du  ahnst  nicht,  wie  oft  ich  mit  ihm  telefoniert  habe.  Er  scheint 

keinen  Einfluß  auf  sie  zu  haben.  Sie  weigert  sich,  Ärzte,  Tests  und 
Therapien über sich ergehen zu lassen. Sie hat sich mit ihrem Schicksal 
abgefunden und möchte  nur noch in Ruhe gelassen werden. Pierre hat 
meine  Arbeit  mit  einem  großzügigen  Scheck  honoriert.  Das  war  das 
letzte, was ich von der  Familie Delorme  gehört  habe. So, jetzt bist du 
an der Reihe… 

-  Was  ist  mit  ihren  Eltern?  Warum  trifft  dieser  Pierre  alle 

Entscheidungen für seine Schwester? 

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38 

- Isabelles Eltern kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, als 

sie siebzehn war. Seit dieser Zeit sorgt Pierre für sie. Er ist nicht gerade 
wahnsinnig  sympathisch,  aber  ich  muß  ihm  attestieren,  daß  er  sich 
rührend um sie kümmert. Er macht sich auch die schwersten Vorwürfe 
wegen dieses Unfalles. 

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fragte der Professor:  
- Woher kennst du Isabelle und ihren Bruder? 
- Sei mir nicht böse, Brian, das ist eine lange und sehr komplizierte 

Geschichte. Ich kann heute nicht darüber sprechen. Ich muß selbst erst 
begreifen,  was  alles  passiert  ist.  Ich  bin  ziemlich  durcheinander,  aber 
du hast mir sehr geholfen. Ich rufe dich in Kürze wieder an, okay? 

- Okay, Jason… entschuldige die Frage, aber… bist du dabei, in eine 

neue Katastrophe zu schlittern? 

- Ich weiß es nicht… ich weiß es nicht… 
Langsam,  wie  ein  Schlafwandler  legte  Jason  den  Hörer  auf  den 

Apparat zurück. Seine Gedanken waren bei Isabelle. 

 

*** 

 
Die Aufregungen und auch die physische Erschöpfung hatten dafür 

gesorgt,  daß  Isabelle  in  dieser  Nacht  trotz  allem  tief  und  traumlos 
schlief. 

Dennoch  fühlte  sie  sich  seltsam  mutlos  und  traurig,  als  sie  am 

nächsten  Vormittag  wieder  zu  sich  kam.  Die  Tatsache,  daß  Pierre  an 
ihrem Bett saß, trug nicht dazu bei, ihre Laune zu heben. 

Am  Abend  vorher  hatte  er  sich  die  Auseinandersetzung  gespart. 

Isabelle wußte jedoch, daß sie ihr nicht entkommen konnte. 

-  Schwesterchen,  ich  muß  mit  dir  reden,  ehe  ich  nach  Grasse 

zurückkehre, - begann Pierre in seiner üblichen unterkühlten Art. 

Isabelle gähnte wortlos. 
- Constant hat auf meine Anweisung das kleine Gartentor verriegelt. 

Den  Schlüssel  habe  ich  vorsichtshalber  an  mich  genommen,  damit  du 
ihn nicht bitten kannst, meinen Befehlen zuwiderzuhandeln. 

- Wie kannst du es wagen…, - fuhr Isabelle empört auf. 
-  Beruhige  dich,  Schwesterchen.  Begreif  doch,  daß  mir  nichts  so 

sehr am Herzen liegt wie dein Wohlbefinden und deine Sicherheit. Ich 

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39 

kann nicht zulassen, daß du dich leichtsinnig in Gefahr begibst. Männer 
wie  Jeffers  sind  eine  ernsthafte  Gefahr  für  jedes  anständige  Mädchen. 
Ich habe Erkundigungen über diesen Herrn eingezogen, und ich möchte 
dir  die  schmutzigen  Details  ersparen.  Tatsache  ist  jedoch,  daß  er  sich 
.Reiseschriftsteller' nennt, ohne jemals ein einziges Buch veröffentlicht 
zu haben. Seit Jahren treibt er sich in der Welt herum, hat wechselnde 
Affairen  mit  Frauen.  Wie  er  diesen  Lebensstil  finanziert,  ist  ein 
einziges Rätsel. Vermutlich läßt er seine Freundinnen bezahlen. Merkst 
du nicht, daß du das ideale Opfer für einen solchen Frauenjäger bist? Es 
ist  meine  Pflicht,  dich  vor  ihm  zu  schützen,  auch  wenn  du  das  nicht 
einsehen willst! 

- Rede doch keinen Unsinn, Pierre! Jason will mich weder heiraten, 

noch hat er mich angepumpt! 

- Bitte, Kind… - Pierre klang wie ein Schullehrer, - …ich weiß, daß 

dein Leben nicht leicht ist. Aber flüchtige Abenteuer mit Playboys, die 
unter  deinem  Niveau  sind,  werden  dich  nur  noch  mehr  deprimieren. 
Warum  tust  du  nicht  etwas  Vernünftiges?  Lerne  doch  endlich  die 
Blindenschrift!  Wenn  du  wieder  lesen  kannst,  wirst  du  dich  weniger 
langweilen.  Ich  weise  Madame  Olga  an,  dir  eine  hervorragende 
Lehrerin zu suchen. Einverstanden?  

-  Und  vergiß  nicht,  den  gesamten  Haushalt  in  Mönchskutten  und 

Nonnenkleider zu stecken, damit das Kloster auch optisch einen guten 
Eindruck macht! - sagte Isabelle aufsässig. 

- Ich sehe, es ist unmöglich, mit dir heute vernünftig zu reden. Dein 

Trotz kränkt mich,  Isabelle. Warum begreifst du  nicht, wie  gut es alle 
mit dir meinen? Du solltest deine strapazierten Nerven etwas ausruhen. 
Bleib  im  Bett,  und  überanstreng  dich  nicht  mit  Schwimmen  oder 
Ballettübungen.  Ich  rufe  heute  abend  an  und  erkundige  mich  nach 
deinem Befinden. Adieu, meine Kleine. 

Die  Tür  klappte,  dann  war  Isabelle  endlich  allein.  Bedrückt 

kuschelte sie sich tiefer in ihre Kissen. 

Auch wenn Pierre sich Sorgen um sie gemacht hatte, so war das kein 

Grund,  sie  wie  eine  Gefangene  in  Haus  und  Garten  einzusperren. 
Warum konnte er sie nicht in Frieden lassen? 

Hinzu  kam,  daß  alle  Verbote  völlig  unnötig  waren.  Sie  wollte  von 

sich  aus  nie  wieder  mit  Jason  zusammentreffen.  Sie  hatte  ihren  Kopf 

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40 

durchgesetzt  und  die  Liebe  kennengelernt.  Wie  sie  nun  mit  ihrer 
schmerzhaften  Sehnsucht,  ihren  Erinnerungen  und  dem  vergeblichen 
Traum  Was-hätte-sein-können  zurechtkommen  würde,  war  allein  ihre 
Sache. 

Da  Pierre  die  entsprechenden  Anweisungen  gegeben  hatte,  blieb 

Isabelle  tatsächlich  ungestört.  Sie  hatte  Zeit,  sich  ihren  Phantasien 
hinzugeben und ihre Gedanken zu ordnen. 

Die  geschlossenen  Holzläden  sperrten  die  Sonne  aus,  trotzdem 

seufzte  Isabelle  über  die  Sauna-Temperaturen.  Nur  mit  einem 
hauchdünnen  Nachthemd  bekleidet,  versuchte  sie,  ihre  zunehmende 
Unruhe einfach zu ignorieren. 

Es  gelang  ihr  nicht.  Sie  kam  sich  vor  wie  ein  Tiger,  der  seinen  zu 

engen  Käfig  mit  immer  schnelleren  und  verzweifelteren  Schritten 
durchmißt. 

Die Erlösung, die sie sich von ihrem gestrigen Erlebnis erhofft hatte, 

trat nicht ein. Schauer flogen über ihre Haut, wenn sie an Jasons Küsse 
dachte, an seine streichelnden Hände auf ihrem Körper. 

Hatte sie sich verändert? Sah man ihr an, was passiert war? 
Der Gedanke, Madame Olga danach zu fragen, entlockte Isabelle ein 

schwaches  Lächeln.  Sicher  wäre  ein  entsetzter,  prüder  Aufschrei  der 
alten  Dame  die  einzige  Antwort.  Arme  Madame.  Vermutlich  hatte 
Pierre  ihr  die  Hölle  heiß  gemacht  und  mit  sofortiger  Kündigung 
gedroht, wenn sie Isabelle erneut ihrer Aufsicht entkommen sollte. Eine 
Drohung, die die alte Dame mit Sicherheit fürchtete, denn ein zweites 
Mal würde sie eine solche Stellung nicht bekommen. Dann bliebe nur 
noch  die  winzige  Rente  und  das  schäbige  Zimmer  in  Frejus,  das  sie 
bewohnt hatte, ehe sie zu Isabelle zog. 

Resignation  und  Schweigen  schienen  wie  ein  dichter  Schleier  über 

dem  ganzen  Haus  zu  liegen.  Isabelle  drängte  sich  unwillkürlich  der 
makabere Vergleich mit einer stillen Gruft auf. Würden ihre Tage von 
jetzt an alle so sein? 

 

*** 

 
Isabelle  verlor  das  Gefühl  für  Zeit.  Ab  und  zu  schlief  sie  ein 

bißchen, und sie hatte keine Ahnung, wie weit der Tag fortgeschritten 

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41 

war, als ein leises Geräusch an ihrer Terrassentür sie zusammenfahren 
ließ. 

Eine  Art  Kratzen,  als  würde  draußen  jemand  versuchen,  die 

Lamellenflügel zu öffnen, die von innen mit einem eisernen Kippriegel 
gehalten wurden. 

Isabelle  tastete  nach  der  Uhr.  Zwanzig  Minuten  vor  neun  Uhr.  Es 

mußte längst dunkel sein. Einbrecher? 

Barfuß  huschte  sie  zur  Tür  und  hörte  dann  fassungslos  die  leise 

Stimme.  

- Isabelle, bist du da drin? Mach auf bitte… schnell! 
-  Jason?  -  Isabelle  tastete  ungeschickt  nach  dem  Riegel  und  lag 

schließlich  in  Jasons  Armen.  Ihre  Lippen  fanden  sich  in  einem 
fieberhaften,  endlosen  Kuß.  Jason  roch  nach  Wind  und  Meer.  Isabelle 
klammerte sich wie eine Ertrinkende an ihn. 

-  Warum  warst  du  nicht  unten  in  der  Bucht?  Ich  bin  dreimal 

herübergekommen.  Nie  warst  du  da…  ich  bin  fast  verrückt  geworden 
vor  Sehnsucht  nach  dir.  Weißt  du,  daß  es  das  erste  Mal  in  meinem 
Leben ist, daß ich mich als Einbrecher betätige? 

Atemlos  und  völlig  hingerissen  lauschte  Isabelle  seinen  Worten. 

Alle Vorsätze, alle Hemmungen, waren vergessen. Sie spürte nur seine 
starken  Hände,  die  ihren  Körper  durch  das  seidige  Gespinst  ihres 
Nachthemdes streichelten. 

Sie  preßte  sich  an  ihn,  genoß  das  unverhoffte  Geschenk,  ihm  so 

erregend nahe zu sein. 

-  Jason…  Jason…  -  stammelte  sie  immer  wieder,  -  …ich  bin 

verrückt.  Sicher  wache  ich  jeden  Moment  auf  und  habe  alles  nur 
geträumt. 

-  Ist  das  geträumt?  -  fragte  er  und  preßte  seinen  Mund  auf  ihren. 

Isabelle  bebte  unter  dem  heißen  Drängen  seiner  Zunge  und  gab  die 
leidenschaftlichen  Zärtlichkeiten  ebenso  heftig  zurück.  Sie  schmolz 
förmlich in seinen Armen. 

-  Isabelle,  mein  Liebes.  Treibt  sich  dein  Bruder  noch  hier  herum? 

Wenn er meint, daß er mich so einfach los wird, kann ich ihn nur eines 
Besseren belehren. 

Sie lachte nervös.  

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42 

-  Pierre  würde  sich  hüten,  die  Polizei  zu  alarmieren.  Nicht  mal  in 

Frankreich  wird  die  Tugend  der  Mädchen  von  der  Gendarmerie 
geschützt. Pierre macht sich nur wichtig - wie immer. Er hat sogar eine 
Auskunft über dich eingeholt! 

-  Verheerend,  was?  -  In  Jasons  Stimme  klang  verhaltenes  Lachen 

mit. 

Isabelle lächelte.  
- Und ob. Du bist ein wilder Frauenheld, ein böser Mitgiftjäger, der 

es  nur  auf  mein  Geld  abgesehen  hat  und  ein  schlimmes  Leben  führt. 
Stimmt  es,  daß  du  noch  kein  einziges  Buch  veröffentlicht  hast,  Herr 
Schriftsteller? 

-  Ja,  das  stimmt,  und  jetzt  fragt  sich  dein  Bruder,  warum  ich  nicht 

wie  der  arme  Poet  in  der  Dachkammer  verhungere,  sondern  in  St. 
Tropez kleinen Mädchen nachlaufe?  

- Kleine Mädchen gingen ja noch, aber reiche Erbinnen sind tabu! 
- Und was fragst du dich? 
Isabelle  legte  die  Arme  um Jasons  Taille  und  preßte  ihren  Kopf  an 

seine Brust.  

- Nichts. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich wahnsinnig werde, wenn 

du  mich  nicht  augenblicklich  in  deine  Arme  nimmst  und  mich  liebst. 
Ich  weiß,  daß  ich  keine  anständige  höhere  Tochter  bin,  daß  meine 
niederen Instinkte viel zu sehr überwiegen. Ich glaube… nein, ich weiß, 
daß ich dich liebe! 

Isabelle fühlte sich aufgehoben von Jasons Armen und fand sich auf 

ihrem  Bett  wieder.  Die  Terrassentür  war  einen  Spalt  aufgeblieben,  so 
daß  silbernes  Mondlicht  das  Mädchen  im  weißen  Gewand  in  eine 
Märchenfee verwandelte. 

-  Was  hast  du  nur  für  ein  aufreizendes  und  sündiges  Gewand  an,  - 

spöttelte Jason  liebevoll und  lüftete  die  hauchfeinen  Seidenfalten  über 
Isabelles Hüften. - Hast du mich erwartet? Ich warne dich, du wirst die 
Konsequenzen tragen müssen. 

Isabelles Hände schlüpften unter sein T-Shirt und streichelten seinen 

muskulösen  Rücken.  Dann  wanderten  ihre  Finger  zur  Gürtelschnalle 
und öffneten den Reißverschluß seiner Jeans. 

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43 

Sie  legte  sich  keine  Rechenschaft  darüber  ab,  was  sie  tat.  Sie  war 

nur von einem drängenden Gedanken besessen, zu lieben und geliebt zu 
werden. 

Jason  ließ  sich  von ihrer  Leidenschaft  mitreißen.  Er  spürte,  wie  ihr 

Körper unter dem dünnen Stoff glühte. 

Sie  gönnten  sich  beide  keine  Zeit  für  langsame  Zärtlichkeiten, 

sondern stürzten sich sofort in eine wilde Vereinigung. 

Schlagartig wußte Isabelle, warum dieser Tag so entsetzlich leer und 

sinnlos  gewesen  war.  Sie  konnte  nur  noch  durch  Jason  fühlen  und 
leben.  Und  während  sie  aneinandergeklammert  in  ungeahnte  Höhen 
taumelten, wunderte sie sich darüber, wie es ihr gelungen war, so lange 
Jahre mit ihrem Körper zu leben, ohne ihn genau zu kennen. 

War  das  Liebe,  dieses  gleißende  Entzücken,  dieses  Fliegen  auf 

Wolken voller Zärtlichkeit? Dieses bedingungslose Vertrauen zu einem 
Mann, den sie noch nie gesehen hatte? Einfach wunschlos glücklich in 
seinen Armen vergehen zu wollen? 

Zum  ersten  Mal,  seit  sie  in  diese  entsetzliche,  verunsichernde 

Dunkelheit  versunken  war,  hatte  Isabelle  das  Gefühl,  daß  ihr  nichts 
Böses mehr passieren konnte. 

Langsam  beruhigte  sich  das  wilde  Trommeln  ihrer  Herzen,  und 

Isabelle  nahm  die  Wirklichkeit  wieder  wahr.  Ihre  Fingerspitzen 
verrieten  ihr,  daß  Jason  die  Augen  geschlossen  hatte,  daß  sich  seine 
Brust in heftigen Atemzügen hob und senkte und er sie fast schmerzend 
fest an sich gepreßt hielt. 

Flüchtig  dachte  sie  an  Pierre.  Wie  sollte  er  jemals  Verständnis  für 

eine  Leidenschaft  dieser  Art  aufbringen?  Er  würde  nie  damit 
einverstanden sein, daß sie bei Jason blieb. Ganz abgesehen davon, daß 
Jason noch gar nicht gesagt hatte, ob er das überhaupt wollte. 

Er schien ihre Gedanken lesen zu können. 
-  Du  weißt,  daß  du  so  nicht  weiterleben  kannst,  Cherie.  Du  darfst 

deinem Bruder nicht erlauben, über dich zu bestimmen!  

- Und wie stellst du dir meinen Zwergenaufstand vor? Soll ich Pierre 

das Haus verbieten? - Ihr Spott klang nicht ganz echt. 

-  Rede  keinen  Unsinn.  Als  erstes  wirst  du  mit  mir  nach  Paris  zu 

Professor  Lockwood  fahren  und  dich  endlich  seiner  berühmten 
Therapie unterziehen. 

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44 

Isabelle erstarrte.  
- Nein! Jason, ich kenne die Berichte. Du hast ja keine Ahnung, wie 

quälend es ist, pausenlos sinnlose Tests und Untersuchungen über sich 
ergehen lassen zu müssen. 

-  Du  wirfst  eine  reelle  Chance  weg,  gesund  zu  werden.  Tu  es  mir 

zuliebe, wenn du selbst nicht den Mut dazu hast! 

-  Jason,  du  phantasierst,  -  beschwerte  sich  Isabelle.  -  Soll  ich 

vielleicht  zu  Pierre  sagen:  Lieber  Bruder,  ich  fahre  mit  diesem 
verkrachten  Genie,  diesem  Mitgiftjäger  Jason  Jeffers  nach  Paris,  bitte 
kauf mir eine Fahrkarte und laß mich in Frieden. 

-  Warum  nicht!  - Jason rüttelte  sie.  -  Du  kannst tun,  was  du  willst. 

Hör auf, dich selbst zu bedauern!  

Sie schmiegte sich an ihn und seufzte. 
-  Wenn  man  dich  so  hört,  klingt  das  alles  ganz  einfach  und  leicht, 

aber wenn ich wieder allein bin… 

-  Du  bist  nicht  mehr  allein,  Cherie.  Begreife  das  doch  endlich.  Du 

hast mich!  

Geborgen  in  seinem  Arm  und  eingehüllt  in  seine  zärtliche  Stimme, 

war  Isabelle  fast  bereit,  zu  glauben,  was  er  sagte.  Sie  wollte  so  gerne 
den  Traum  dieser  Sommernacht  mit  ihm  träumen,  während  der  Duft 
nach Meer, Ginster und den ersten Rosen ins Zimmer zog. 

In der Nacht waren sie  gleichberechtigt, nur auf ihre Fingerspitzen, 

ihre Hände und die Kontakte ihrer Haut angewiesen. 

Jason  zog  die  leichte  Decke  über  ihre  erhitzten  Körper  und  wachte 

über  Isabelles  Schlaf.  Sie  kam  erst  wieder  zu  sich,  als  er  sie  sanft  auf 
die Schläfe küßte. 

-  Es  ist  nicht  mehr  lange  dunkel.  Ich  muß  gehen,  ehe  dein 

Wachpersonal  Alarm  schlägt.  Wirst  du  noch  einen  Tag  Geduld  haben 
können? 

Schlaftrunken fragte sich Isabelle, was er wohl meinte. Jason klärte 

sie auf. 

-  Ich  habe  mir  alles  überlegt,  während  du  schliefst.  Wir  werden 

fliehen.  Einfach  bei  Nacht  auf  und  davon,  wie  im  schlechten 
Liebesfilm.  In  Paris,  wenn  du  in  Professor  Lockwoods  Klinik  bist, 
kannst du deinem Bruder Nachricht geben. 

- Bist du sicher, daß sich das in die Tat umsetzen läßt? 

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45 

- Und ob. Kannst du hier im Haus jemandem so vertrauen, daß er dir 

heimlich einen Koffer packt? Oder schaffst du das selbst? 

Isabelle schüttelte den Kopf.  
- Ich weiß nicht mehr, wem ich vertrauen kann und wem nicht. Ich 

werde selbst versuchen, alles zusammenzutragen. 

-  Gut.  Ich  komme,  sobald  es  dunkel  ist.  Laß  dir  nichts  anmerken. 

Verbring den Tag so wie immer. Du schaffst es, ich weiß es. Ich werde 
ununterbrochen an dich denken!  

Isabelle zog die Decke fest um sich während Jason in seine Sachen 

schlüpfte. Ein letzter zärtlicher Kuß, ein leises Knarren der Läden, und 
dann hätte sie diese Nacht auch geträumt haben können. 

Aber  das  Kissen  bewahrte  noch  Jasons  Duft  und  die  Stelle  des 

Lakens, auf der er gelegen hatte, war noch warm. Isabelle warf sich mit 
ausgebreiteten Armen darüber und schlief wieder ein. 

 

*** 

 
Ungewohntes Hin und Her in ihrem Zimmer schreckte Isabelle auf. 

Einen  Herzschlag  lang  lag  sie  reglos  und  lauschte.  Schritte,  das 
Geraschel von Kleidern, leise schwingende Schranktüren. 

- Madame Olga? - fragte sie müde. 
-  Isabelle!  Guten  Morgen.  Du  hast  schon  lange  nicht  mehr  so  fest 

geschlafen. Es ist zwanzig Minuten nach zehn. 

Isabelle gähnte und streckte sich.  
- Was machen Sie in meinem Zimmer?  
- Ach,  Isabelle… - Die Matratze senkte sich, und Madames weiche 

Hand berührte ihren Arm. - Ich will mich ja nicht beschweren, aber die 
Anweisungen deines Bruders sind seltsam konfus. Heute morgen hat er 
angerufen  und  angeordnet,  daß  die  Villa  geschlossen  wird.  Lediglich 
Constant  soll  ab  und  zu  nach  dem  Rechten  sehen.  Wir  werden  nach 
Grasse ziehen. Ich habe bereits begonnen, deine Sachen zu packen. Der 
Wagen  wird  am  frühen  Nachmittag  geschickt.  Ich  weiß  nicht,  wie 
Monsieur  Delorme  sich  das  vorstellt.  Man  kann  doch  einen  ganzen 
Haushalt nicht an einem einzigen Tag auflösen. 

Völlig gelähmt ließ Isabelle diesen Sturzbach aus Worten über sich 

ergehen.  Zu  Pierre  nach  Grasse?  In  das  alte  Haus  der  Großeltern? 

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46 

Bereits  in  wenigen  Stunden?  Und  Jason?  Sie  wagte  nicht,  den 
Gedanken zu Ende zu führen. 

Während  jedoch  die  normale  Morgenroutine  ablief,  wurde  ihr  klar, 

daß  Pierres  Einfall  eine  Menge  Vorteile  hatte.  Von  selbst  brächte  sie 
nie  die  Kraft  auf,  mit  Jason  Schluß  zu  machen.  Beruhte  diese  ganze 
leidenschaftliche Liebe nicht auf einer Illusion? 

- War nicht auch die Hoffnung, die Jason in der vergangenen Nacht 

in ihr wachgerufen hatte, bei Tageslicht betrachtet unhaltbar? Zu genau 
erinnerte  sich  Isabelle  an  den  Abschlußbericht  von  Professor 
Lockwood,  den  Pierre  ihr  vorgelesen  hatte.  Da  war  nicht  die  kleinste 
Hoffnung  für  sie  geblieben.  Außerdem  war  der  Professor  ein  alter 
Freund  der  Familie.  Er  würde  doch  sofort  anrufen,  sollte  es  neue 
Entwicklungen oder Heilungschancen für sie geben. 

Nein,  sie  mußte  die  Tatsachen  akzeptieren.  Jason  belog  sich  selbst 

und  sie.  Irgendwann  würde  eine  blinde  Frau  zur  Belastung  für  jeden 
gesunden  Mann  werden.  Wenn  die  leidenschaftliche  Liebe  mit  dem 
Alltag konfrontiert wurde, kämen die Probleme und das Ende. 

Pierre hatte ihr ahnungslos einen Gefallen getan. Er zeigte ihr einen 

Ausweg, eine Lösung ihrer Probleme. 

Und  Jason?  Isabelle  biß  sich  auf  die  Unterlippe,  daß  es  schmerzte. 

Sollte sie ihn anrufen, ihm schreiben, sich verabschieden? Sie entschied 
sich dagegen. 

Warum auch Jason mit der Trauer und der Verzweiflung belasten. Er 

sollte das kleine Abenteuer von St. Tropez schnellstens vergessen. Der 
Ärger  über  ihren  plötzlichen  Abschied  wurde  ihm  dieses  Vergessen 
noch erleichtern. 

Resigniert  und  nahezu  erleichtert,  daß  ihr  eine  Entscheidung 

abgenommen  worden  war,  nahm  Isabelle  das  Durcheinander  des 
Umzugs  kaum  zur  Kenntnis.  Sie  fühlte  sich  so  weit  weg  von  allen 
Dingen,  und  der  alte,  sehr  verführerische  Gedanke  aus  der  ersten  Zeit 
ihrer Krankheit tauchte wieder auf. 

Wäre es eine Lösung, einfach Schluß zu machen, aufzugeben? 
 

*** 

 

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47 

Jason traute seinen Augen nicht, als er nach Einbruch der Dunkelheit 

über  die  Ziegelmauer  kletterte,  die  Isabelles  Garten  umschloß.  Die 
Villa lag verlassen im Mondlicht. 

Alle  Läden  waren  dicht,  mit  Ketten  gesichert,  die  Türen  versperrt, 

die bunten Gartenmöbel verschwunden. 

Ein  leeres  Haus,  in  dem  nie  ein  Mädchen  mit  rotgoldenen  Haaren 

und traurigen dunkelblauen Augen gelebt hatte? Ein Spuk, ein Traum, 
ein Zauber? 

Es  dauerte  Tage,  bis  Jason  erkannte,  daß  es  wohl  Isabelles  Absicht 

gewesen war, dieses wortlose Verschwinden. Irgendwann gab er es auf, 
eine  Nachricht  zu  erwarten,  auf  einen  Anruf  zu  hoffen.  Das  war  der 
Moment, in dem er den sonnigen Süden nicht mehr ertragen konnte. 

Im intensiven Blau des Meeres suchte er nach Isabelles Augen, und 

die  Glut  der  Sonnenuntergänge  gaukelte  ihm  die  Erinnerung  an  die 
goldenen Reflexe auf ihrem Haar vor. 

Er packte seine Koffer und ging wieder auf Reisen. 
 

*** 

 
Die  beiden  Männer,  die  sich  in  der  halbdunklen,  holzgetäfelten 

Bibliothek 

gegenübersaßen, 

blickten 

schweigend 

auf 

das 

Naturschauspiel draußen vor den Fenstern. 

Der  böige  Wind  jagte  drohende  Wolkentürme  über  die  Wipfel  der 

hohen alten Bäume des weitläufigen Parkes. Blitze zuckten, und ferner 
Donner  grollte.  Abgerissene  Blätter  tanzten  im  Sturm,  und  das  leichte 
Brausen  des  Stadtverkehrs  ging  im  Getöse  eines  Sommergewitters 
unter, das sich an diesem Nachmittag mit Urgewalt über Paris entlud. 

Der  jüngere  der  beiden  hatte  das  Kinn  auf  seine  Hände  gestützt. 

Seine  hellen  Augen  blickten  düster,  und  die  ausgeprägten  Falten,  die 
sein  jungenhaftes  Gesicht  so  männlich  und  herb  erscheinen  ließen, 
wirkten tiefer als sonst. 

Besorgt  musterte  Professor  Brian  Lockwood  seinen  Freund.  Jason 

sah noch elender aus, als er ihn in Erinnerung hatte. Seit Jason seinen 
Aufenthalt  in  St.  Tropez  so  abrupt  abgebrochen  hatte,  war  er  ohne 
Nachricht  geblieben.  Vor  genau  einer  Stunde  war  er  dann  vor  der 

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48 

Klinik,  deren  weit  verzweigter  Gebäudekomplex  im  großen  Park  lag, 
aus dem Taxi gestiegen. 

Geduldig  respektierte  der  Professor  das  Schweigen  des  anderen. 

Jason würde reden, wenn ihm danach zumute war. Endlich kam Leben 
in die reglose Gestalt. 

Jason  deutete  lässig  nach  draußen,  wo  nun  auch  der  Regen 

losgebrochen war.  

-  Wenn  du  wissen  möchtest,  wie  es  in  mir  aussieht,  schau  nach 

draußen!  

Brian  Lockwood  hob  sein  halbvolles  Cognac-Glas,  trank  einen 

Schluck und erkundigte sich:  

- Willst du darüber reden?  
Jason lachte bitter auf.  
- Wenn ich nicht mehr weiter weiß, lande ich immer bei dir, was? 
- Das war früher nicht so, Jason. Bist du immer noch dabei, alles zu 

zerstören, was in dir stark, gut und wichtig ist? 

Man sah Jason an, daß ihn diese Worte getroffen hatten, aber er ging 

nicht darauf ein. 

-  Okay,  ich  muß  mit  jemandem  über  die  Geschichte  reden,  sonst 

werde ich verrückt. Du erinnerst dich an meinen letzten Anruf?  

-  Deine  Frage  nach  Isabelle  Delorme,  über  deren  Ursache  du  so 

hartnäckig  geschwiegen  hast?  Hör  mal,  ich  bin  zwar  schon 
fünfundvierzig, aber deswegen noch lange nicht verkalkt. 

Jason grinste schwach, dann berichtete er in allen Einzelheiten, was 

sich in St. Tropez zugetragen hatte. 

- Und was hast du gemacht, als die Villa verschlossen war? - Brian 

Lockwood beugte sich interessiert vor. 

- Was sollte ich tun? Zur Polizei gehen?  Isabelle suchen? Hätte sie 

gewollt,  daß  ich  bei  ihr  bleibe,  hätte  der  kleinste  Anruf,  die  winzigste 
Zeile genügt. Ich hatte ihr meine Telefonnummer gegeben. Sie rief aber 
nicht an. Ganz egal ob ihr Bruder etwas damit zu tun hat oder nicht, es 
war auch in ihrem Sinn, Schluß zu machen. Das darfst du mir glauben. 
Sie  ist  eine  der  dickköpfigsten  und  zielbewußtesten  Frauen,  die  ich  je 
kennengelernt habe. 

Der  Professor  beugte  sich  vor,  um  eine  Stehlampe  anzuknipsen,  da 

das Unwetter den Raum in Dunkelheit tauchte. 

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49 

-  Und  was  willst  du  jetzt  machen?  Daß  du  ziellos  in  der  Welt 

herumfährst, kann doch nicht das Nonplusultra sein? Du verschwendest 
mit Absicht leichtsinnig ein begnadetes Talent. Du hast nicht das Recht 
dazu  -  aber  das  habe  ich  dir  schon  so  oft  gesagt,  daß  es  mich  selbst 
langweilt. 

Er  brach  ab,  und  Jason  verzog  das  Gesicht  zu  einer  traurigen 

Grimasse. 

- Bitte, Brian, nicht wieder die alte Platte. Wenn ich wüßte, was mit 

mir  los  ist,  könnte  ich  ja  etwas  tun,  aber  so…  Ich  bin  unruhig,  ich 
mache  mir  Sorgen.  Ich  habe  das  deutliche  Gefühl,  daß  ich  mich  um 
Isabelle  auch  gegen  ihren  Willen  kümmern  sollte.  Wie  erklärst  du  dir 
zum  Beispiel,  daß  sie  aus  deinen  Berichten  herausgelesen  haben  will, 
daß absolut keine Heilungschancen für sie bestehen? Du behauptest das 
Gegenteil.  Isabelle  ist  nicht  dumm,  also  stimmt  da  doch  etwas  nicht. 
Belügt sie sich mit Absicht selbst? Kennt sie die Wahrheit gar nicht? Ist 
sie in Gefahr…?  

Da  der  Professor  Jasons  Schicksal  kannte,  wußte  er,  welche  Frage 

der andere nicht zu artikulieren wagte. 

- Du möchtest wissen, ob Isabelle Delorme labil genug ist, um einen 

Selbstmord als Ausweg zu sehen?  

Jason nickte. Einen Moment schwieg Lockwood, dann schüttelte er 

energisch den Kopf. 

-  Ich  will  nicht  ausschließen,  daß  sie  den  Gedanken  erwogen  hat, 

aber  ich  bin  sicher,  daß  sie  stark  genug  ist,  um  der  Versuchung  zu 
widerstehen.  Denk  nur  mal  an  dein  Erlebnis  mit  ihr.  Welches  blinde 
Mädchen bringt schon den Mut auf, sich in ein solches Abenteuer mit 
einem Unbekannten zu stürzen? Sie hätte gewaltig hereinfallen können. 
Nein,  die  einzige  Gefahr,  die  ich  sehe,  liegt  in  der  Tatsache,  daß  sie 
sich eines Tages mit ihrem Bruder bestimmt in die Haare geraten wird. 

- Ein reizendes Ekel. Ich habe mir überlegt, ob ich ihn verprügele!  
Der  Professor  achtete  nicht  auf  diese  Worte.  Er  gab  sich  einen 

merkbaren Ruck. 

- Jason, ich muß dir etwas sagen. Es gibt eine sehr seltsame Sache in 

dieser  Familie.  Leider  habe  ich  mich  erst  nach  deinem  Anruf  daran 
erinnert. Möglicherweise - wenn ich deine Erzählungen bedenke - liegt 
eine  Menge  Zündstoff  in  dieser  Information.  Isabelle  Delorme  ist  ein 

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50 

sehr reiches Mädchen. Die Firma Delorme-Cosmetics, die sie von ihrer 
Mutter  geerbt  hat,  hat  weltweit  einen  ausgezeichneten  Ruf.  Der 
Stammsitz  des  Unternehmens  wurde  in  Grasse  gegründet.  Die 
Südfranzosen  sind  auf  ihre  Eigenständigkeit  und  ihren  Dickkopf  ganz 
besonders stolz. 

-  Der  Patriarch  dieser  Familie  war  da  keine  Ausnahme.  Seine 

Erbbedingungen  waren  geradezu  alttestamentarisch.  Meine  Mutter  hat 
sich immer darüber amüsiert. Isas Großmutter setzte als einziges Kind 
ihren  Willen  durch  und  heiratete  einen  gutaussehenden,  mittellosen 
Arbeiter.  Ihr  Vater  war  wütend,  konnte  es  aber  nicht  verhindern,  also 
bestimmte  er  in  seinem  Testament,  daß  jeweils  die  älteste  Tochter 
alleinige Besitzerin der Werke wird. 

-  Existiert  keine  Tochter,  fällt  das  Vermögen  einer  gemeinnützigen 

Stiftung  zu.  So  kommt  es,  daß  bei  den  Delormes  Geld  und  Macht 
ausschließlich  in  den  Händen  der  Frauen  liegen.  Männer  dürfen 
mitarbeiten. Zu sagen haben sie nichts. 

- Verrückt, - staunte Jason. - Und die Söhne?  
- Bekommen ihren normalen Pflichtteil, aber keinerlei Macht in der 

Firma. Da Isabelle jedoch ihre ursprüngliche Aufgabe als Firmenchefin 
nicht  wahrnehmen  kann,  ist  nach  außen  hin  Pierre  der  Boß.  Er  hat 
keinerlei  echte  Verfügungsgewalt.  Alle  Anweisungen  müssen  von 
Isabelle gegengezeichnet werden. 

-  Und  damit  sie  das  auch  brav  tut  und  ja  nicht  aufzumucken  wagt, 

hält er sie in einer Art goldenem Käfig gefangen! - beendete Jason die 
Erzählung. 

Brion  Lockwood  zuckte  mit  den  Schultern,  man  sah  ihm  an,  daß 

auch er diesen Gedanken erwog. 

Jason hielt es nicht mehr in seinem Sessel. Er sprang erregt auf und 

durchmaß den Raum mit weit ausgreifenden Schritten. 

- Das bedeutet doch auch, daß Pierre ein dringendes Interesse daran 

hat, daß Isabelle unverheiratet bleibt und keine Kinder bekommt. Sonst 
ist seine Machtposition in Gefahr. Wobei die Sache mit den Kindern ja 
sowieso dank des Unfalls erledigt ist. 

- Was willst du damit sagen? - Der Professor sah verwundert auf. - 

Seit  wann  bekommt  man  keine  Kinder  mehr,  wenn  man 
Kopfverletzungen hat?  

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51 

- Aber Isabelle hat es selbst behauptet… 
Die beiden Männer blickten sich an. Und beide dachten das gleiche.  
- Pierre?  
Jason nickte.  
- Natürlich, er mußte ihr so etwas sagen, um ihr von Anfang an jede 

Idee  an  Liebe  und  Heirat  auszutreiben.  Es  paßt  unheimlich  gut  zu 
seinem Auftritt, zu seinen Beschimpfungen und zu der Tatsache, daß er 
Isabelle weismachen wollte, daß ich ein wilder Frauentyp bin, der von 
einer zur anderen flattert. 

-  Weißt  du,  was  du  da  behauptest?  -  Brian  Lockwood  stocherte  in 

seiner  Pfeife.  -  Im  Klartext  meinst  du,  daß  Pierre  seine  Schwester 
hermetisch  von  der  Welt  abriegelt,  vielleicht  sogar  ihre  Heilung 
verhindert,  weil  er  kein  Interesse  daran  hat,  daß  sie  jemals  wieder 
gesund  wird.  Eine  gesunde  Isabelle  könnte  ihre  Arbeit  in  der  Firma 
aufnehmen,  und  Pierre,  der  so  gern  den  Chef  spielt,  stände  auf  der 
Straße. 

Jason  stemmte  die  Hände  auf  die  Armlehnen  des  Sessels  und  sah 

dem Freund aus nächster Nähe in die Augen. 

- Grasse, hast du gesagt? Könnte es sein, daß Isabelle in Grasse ist?  
-  Keine  Ahnung,  Jason.  Der  Hauptsitz  ist  in  Grasse,  aber  die 

Geschäfts-Zentrale  ist  hier  in  Paris.  Ein  hypermodernes  Bürogebäude 
an den Champs-Elysees. Willst du Pierre Delorme dort aufsuchen?  

-  Darauf  kannst  du  Gift  nehmen!  Begreifst  du  denn  nicht,  ich  muß 

Isabelle  wiederfinden,  um  jeden  Preis!  Ich  liebe  sie!  Ich  werde  nicht 
zulassen, daß ihr verrückter Bruder ihr Leben ruiniert! 

- Wenn du doch mal für dich selbst und deine eigenen Probleme so 

viel  Energie  und  Zielstrebigkeit  aufbrächtest,  Jason!  -  konterte  Brian 
Lockwood.  -  Warum  willst  du  nicht  wieder  arbeiten?  Hör  auf, 
herumzuzigeunern. Ich bin sicher, daß du in einem halben Jahr wieder 
auftreten  kannst,  wenn  du  intensiv  übst.  Du  weißt,  daß  deine  Platten 
noch  immer  verkauft  werden.  Du  bist  nicht  vergessen.  In  der  Villa 
drüben lebt Renato nur für den Augenblick, in dem du endlich wieder 
vernünftig wirst! 

-  Hör  auf  zu  predigen.  Wir  haben  das  alles  vor  vielen  Jahren 

besprochen.  Ich kann nicht. Glaub nicht, daß ich es nie versucht habe. 
Aber nach Cathys Tod ist etwas in mir zerbrochen… 

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52 

Der  Professor  deutete  auf  die  kleine  Jugendstilvilla,  deren  helle 

Mauern durch die Bäume schimmerten. 

- Wenn Renato ein Wort davon glauben würde, hätte er längst seine 

Koffer gepackt und wäre zurück in die Staaten. 

Jason  warf  keinen  Blick  auf  das  Haus,  das  er  mit  so  vielen 

Erwartungen und Träumen eingerichtet hatte. 

-  Renato  ist  ein  Träumer…  -  murmelte  er,  aber  es  klang  etwas  wie 

widerwillige Bewunderung durch seine Worte. 

- Du weißt selbst, daß du Unsinn redest. - Brian Lockwood beharrte 

auf  dem  Thema.  -  So  leicht  wimmelst  du  mich  nicht  ab.  Wenn  du  so 
weitermachst, werde ich dir noch mit hundert Jahren bestätigen, daß du 
ein trauriger Idiot bist, der sich in seinem Selbstmitleid suhlt. Cathy ist 
seit  acht  Jahren  tot.  Willst  du  dir  ewig  die  Schuld  daran  geben? 
Abgesehen  davon,  daß  du  keine  hast?  Cathy  war  ein  verwöhntes, 
entzückendes, kleines Biest, dem immer alles nach der Nase gegangen 
ist.  Sie  hatte  den  großzügigsten  Vater,  die  besten  Zeugnisse, 
logischerweise  auch  den  talentiertesten  und  attraktivsten  Verlobten. 
Glaubst  du,  sie  hätte  dir  einen  Blick  zugeworfen,  wenn  du 
durchschnittlich  ausgesehen  und  in  einer  Bank  gearbeitet  hättest?  Ich 
bestätige  dir  gerne,  daß  ihr  Unfall  tragisch  und  die  Folgen  entsetzlich 
waren, aber nur ein Egoist wie Cathy konnte einen Selbstmord begehen 
und  ihn  auch  noch  mit  einer  Menge  pathetischer  Abschiedsbriefe 
garnieren. 

- Für einen Mediziner bist du bemerkenswert brutal!  
Brian Lockwood lachte auf.  
- Eine Grundvoraussetzung für meinen Beruf. Wenn du nicht ehrlich 

sein kannst, laß die Finger von Patienten. Ich… 

Er verstummte, als er das verzweifelte Gesicht seines Freundes sah. 

Er ertrug es einfach nicht, daß Jason die leichtsinnige Cathy mit einem 
Glorienschein versah, daß er alles für sie aufgab, daß ihr Tod ihn völlig 
aus der Bahn warf. 

Ob  Isabelle  Delorme  zu  einem  Rettungsanker  für  Jason  werden 

könnte?  Seit  Jahren  hatte  er  sich  nicht  mehr  so  intensiv  um  einen 
anderen Menschen gekümmert. Die Frage war nur, wo war Isabelle? 

 

*** 

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53 

 
Isabelle ahnte nichts von Jasons Unruhe. Die endlosen Tage, die sie 

in  der  kleinen  schäbigen  Pension  am  alten  Hafen  in  Nizza  verbrachte, 
zerrten an ihren Nerven. 

Warten,  immer  wieder  warten,  ob  es  Madame  Olga  gelang,  die 

wenigen  Schmuckstücke,  die  sie  ihr  gegeben  hatte,  einigermaßen 
günstig zu verkaufen. 

Jetzt  bedauerte  Isabelle,  daß  sie  sich  nach  dem  Tod  ihrer  Mutter 

geweigert  hatte,  den  Familienschmuck  zu  tragen.  Die  überladenen 
Ringe, Colliers und wuchtigen Broschen waren ihr damals ganz und gar 
nicht passend zu Jeans und modischen Kleidern erschienen. 

-  Tu  die  Klunkern  in  einen  Banksafe,  sonst  klaut  uns  noch  jemand 

die Scheußlichkeiten! - hatte sie Pierre angewiesen und ohne Bedauern 
davon Abschied genommen. 

Jetzt  waren  ihr  nur  ein  kleines,  perlenbesetztes  Medaillon,  ein 

schlichter  Diamantreif  und  zwei  Goldketten zum  Versetzen  geblieben. 
Schade,  daß  sie  das  Medaillon  nicht  behalten  konnte.  Sie  hatte  es 
besonders geliebt. 

Es  war  das  romantische  Verlobungsgeschenk  von  Großvater  an 

Großmutter  gewesen,  aber  sie  hatte  jetzt  keine  Zeit  für 
Sentimentalitäten. Sie mußte viel bedenken… 

Isabelle  erkannte  Madames  Schritte  bereits  auf  dem  Flur.  Ein 

bißchen  außer  Atem  von  den  vier  steilen  Treppen,  schnaufte  Olga  ins 
Zimmer und sank auf einen knarrenden Stuhl. 

- Nun? - Ungeduldig wandte ihr Isabelle das Gesicht zu. 
- Sechstausend Francs, mehr hat mir der Juwelier nicht geboten. Ich 

habe gehandelt und gestritten wie ein Marktweib, aber er blieb eisern. 

-  Sechstausend  Francs.  -  Isabelle  überlegte.  -  Egal,  Madame  Olga, 

damit  kommen  wir  ein  Stück  weiter.  Es  reicht  in  jedem  Fall  für  die 
Fahrkarten  nach  Paris  und  für  ein  paar  Hotelübernachtungen.  Ich  bin 
sicher, daß mir Professor Lockwood irgendwie helfen wird. Er weiß ja, 
daß er sein Geld zurückbekommt. 

Olga Tamerkowa hatte ihren Atem endlich wieder unter Kontrolle.  
- Ich habe die Fahrkarten bereits gekauft. Ich dachte, daß es keinen 

Sinn  hat,  unnötig  länger  Geld  für  dieses  prachtvolle  Zimmer  hier 
auszugeben. Was meinst du?  

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54 

Isabelle lachte fröhlich.  
-  Wirklich,  Madame,  Sie  entwickeln  ungeahnte  Qualitäten.  Ich 

wußte  nicht,  daß  Sie  ein  so  guter  Entführer  und  Reisemarschall  sein 
können. 

- Mach keine Witze, Kind. Das ist das Mindeste, was ich tun konnte, 

als  ich  begriffen  hatte,  bei  welch  schäbigem  Spiel  ich  ahnungslos 
mitgeholfen habe. 

Isabelle  konnte  es  immer  noch  nicht  ganz  fassen.  Gerade  Madame 

Olga,  von  der  sie  gedacht  hatte,  daß  sie  Pierre  total  ergeben  sei,  hatte 
die  rücksichtslosen  Pläne  ihres  Bruders  aufgedeckt.  Sie  hatte  ihre 
sichere Stellung aufs Spiel gesetzt, um ihr zu helfen. Olga wußte auch, 
welche Frage Isabelle noch besonders am Herzen lag. 

-  Ich  habe  mit  Madame  Doras  telefoniert,  Kind.  Ihr  Mieter…  -  sie 

vermied  es,  den  Namen  auszusprechen,  -  …ist  wenige  Tage  nach 
unserem  Verschwinden  ebenfalls  abgereist.  Er  hat  keine  Adresse 
hinterlassen.  Dummerweise  hat  Madame  auch  den  polizeilichen 
Meldezettel nicht ausfüllen lassen. Sie wußte nur, daß er sich ein Taxi 
zum Flughafen in Nizza bestellt hat. 

Isabelle nickte. Sie hatte nichts anderes erwartet. Jasons überstürzte 

Abreise  zeigte  deutlich,  wie  enttäuscht  und  gekränkt  er  gewesen  sein 
mußte. 

Aber  es  war  zu  spät,  diesen  Fehler  zu  korrigieren.  Sie  mußte  jetzt 

allein weiterkommen. 

Madame Olga legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.  
- Mut, Isabelle. Wir schaffen es, ich werde dir helfen. 
-  Danke,  Olga.  -  Zärtlich  berührte  Isabelle  mit  ihrer  Wange  die 

Hand. - Danke für alles… 

Den  größten  Teil  der  Nachtfahrt  im  Express  von  Nizza  nach  Paris 

nahm Isabelle gar nicht richtig wahr. In eine Ecke des Abteils gelehnt, 
überließ sie sich ihren Gedanken. 

So viel war in den vergangenen Monaten passiert, daß sie manchmal 

das Gefühl hatte, nur zu träumen. Die ersten Wochen in der alten Villa 
in  Grasse,  die  schon  seit  über  hundert  Jahren  auf  dem 
Firmengrundstück  stand,  hatte  sie  wie  in  Trance  verbracht.  Sie  litt 
schrecklich unter dem Abschied von Jason und begriff selbst nicht, wie 

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55 

sie in diesen wenigen Stunden eine so intensive Verbindung zu diesem 
Mann bekommen hatte. 

Sie  fügte  sich  in  diesem  Schmerz  kommentarlos  allen 

Reglementierungen  ihres  Lebens,  die  Pierre  befohlen  hatte.  Daß  ihr 
Pierre  verbot,  in  den  Garten  zu  gehen,  ihre  Ballettübungen  strich  und 
ihr  Leben  dem  einer  Gefangenen  glich,  kam  ihr  gar  nicht  zu 
Bewußtsein. 

Sie  verbrachte  ganze  Tage  auf  dem  Bett  liegend,  eingesponnen  in 

eine Traumwelt und ohne Kontakt zur Wirklichkeit. Sie war unendlich 
müde,  aß  kaum  und  wurde  immer  blasser.  Ihre  Lethargie  begann 
Madame Olga mehr und mehr zu besorgen. 

Sie war eine rebellische, tatkräftige, fast launische Isabelle gewöhnt, 

die gegen ihr Schicksal ankämpfte, die sich ständig dagegen verwahrte, 
wie eine Kranke behandelt zu werden. 

Dieses  abwesende,  träumende  Mädchen  jagte  ihr  Angst  ein.  Sie 

sprach mit Pierre Delorme über Isabelles seltsame Veränderung. 

-  Drängen  Sie  sie  nicht,  Madame,  -  hatte  Pierre  Delorme  gesagt.  - 

Lassen  Sie  sie  in  Ruhe.  Sie  muß  selbst  entscheiden,  was  sie  tut.  Wir 
können sie ja nicht zum Essen zwingen. 

- Aber, Monsieur, das Kind sieht krank aus. 
- Das muß nicht Ihre Sorge sein, Madame! 
Diese  kühle  Antwort  hatte  Olga  entsetzt  und  zum  Nachdenken 

veranlaßt. Auch die Tatsache, daß er sich weigerte, einen Arzt kommen 
zu lassen, der Isabelle untersuchte, ließ sie erkennen, wie wenig Pierre 
an  der  Gesundheit  seiner  Schwester  lag.  Jetzt  protestierte  Madame 
gegen die Beschränkungen in Isabelles Leben. Sie forderte frische Luft, 
mehr  Bewegung.  Doch  Pierre  stoppte  diese  Opposition  brutal  und 
rücksichtslos. 

-  Wenn  Sie  sich  als  Gesellschafterin  meiner  Schwester  nicht  mehr 

wohlfühlen,  Madame,  können  Sie  ja  kündigen.  Ich  bin  sicher,  daß  ich 
jederzeit eine andere, fähige Pflegerin für sie bekomme. 

Pflegerin! Als ob Isabelle krank wäre oder bettlägerig! 
Es  war  schließlich  Mitte  Juni,  und  sogar  in  der  benzinverseuchten 

Luft  von  Grasse  lag  ein  Hauch  des  blühenden,  betäubend  duftenden 
Lavendels,  der  um  diese  Zeit  auf  den  Feldern  rund  um  die  Stadt 
geerntet wurde. 

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56 

Zuerst  hatte  Madame  Olga  an  eine  Täuschung  geglaubt,  aber  dann 

war sie sich über die Ursache von Isabelles Krankheit relativ sicher. 

Tödlich  blass  war  Isabelle  nach  dem  Aufstehen  ins  Bad  getaumelt 

und  hatte  sich  in  einem  würgenden  Anfall  übergeben.  Den  prüfenden 
Blick,  mit  dem  Madame  beim  Ankleiden  ihre  Figur  musterte,  konnte 
Isabelle weder fühlen noch wahrnehmen. 

Sie wußte nur, daß sie am liebsten auf der Stelle gestorben wäre. Ihr 

war  in  den  letzten  Tagen  ständig  übel,  und  der  scheußliche  Brechreiz 
raubte ihr die letzte Kraft. 

Madame Olga schwieg über ihre Vermutungen, bis sie völlig sicher 

war.  Dann  stand  ihr  Entschluß  fest.  Isabelle  war  offensichtlich 
ahnungslos.  Sie  mußte  mit  ihr  reden.  Obwohl  sie  sich  tagelang  den 
Kopf  über  die  richtigen  Worte  und  Formulierungen  zerbrach,  fiel  sie 
dann doch mit der Tür ins Haus. 

- Isabelle, ist dir eigentlich bewußt, daß du ein Kind erwartest?  
- Ein Kind?  Ich? -  Im ersten Moment fragte sich  Isabelle verblüfft, 

von  wem  Madame  Olga  sprach.  Ein  Kind?  Sie?  Unmöglich!  Pierre 
hatte doch gesagt… 

- So ein Blödsinn. Nach dem Unfall kann ich doch gar keine Kinder 

bekommen! - platzte sie heraus. 

- Isabelle! - Madame legte beruhigend ihre Rechte auf die zitternden 

Hände.  -  Obwohl  ich  keine  Kinder  habe,  kenne  ich  als  Frau  die 
Symptome einer Schwangerschaft. Ich weiß zwar nicht, wie du es fertig 
gebracht hast, aber meiner Meinung nach bekommst du ein Baby. Ich… 

Olga stockte. Das Weitersprechen fiel ihr schwer.  
-  Ich habe  einen Test besorgt, den du machen kannst, ehe du einen 

Arzt aufsuchst. Wenn du also möchtest… 

Das  Testergebnis  war  klar  gewesen  und  hatte  Isabelle  mit  einem 

Schlag wieder auf die Beine gebracht. 

Ein  Baby!  Jasons  Kind!  Allein  diese  Worte  zu  denken,  bedeutete, 

von heißer Freude überflutet zu werden. 

Nächstes  Jahr  um  diese  Zeit  würde  sie  ein  Kind  in  den  Armen 

halten. Ein Kind, das sie nie sehen würde… 

Seltsamerweise 

beschäftigte 

Isabelle 

dieses 

Problem 

am 

allerwenigsten.  Schlagartig  begriff  sie,  daß  dieses  Kind  nie  zur  Welt 
kommen würde, wenn Pierre davon erfuhr. 

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57 

- Ich muß hier raus! - erklärte sie Olga mit neuerwachter Energie. - 

Mein  Bruder  verlangt  sonst  mit  Sicherheit,  daß  ich  eine  Abtreibung 
vornehmen  lasse.  Ein  Kind,  unehelich  und  möglicherweise  auch  noch 
ein Mädchen, dieses Risiko wird er nicht eingehen… 

Isabelle brach ab. Sie begriff, daß sie laut ausgesprochen hatte, was 

sie  in  ihrem  Unterbewußtsein  längst  wußte:  Pierre  ging  es 
ausschließlich  um  die  Firma.  Die  Delorme-Cosmetics  waren  sein 
alleiniger  Lebensinhalt.  Eine  Machtposition,  die  er  nur  behalten  und 
erhalten konnte, solange sie, Isabelle, blind war und nicht heiratete und 
keine Kinder bekam. 

Warum  sonst  auch  diese  Lüge,  daß  sie  keine  Kinder  bekommen 

könnte?  Warum  der  Versuch,  sie  hermetisch  von  der  Außenwelt 
abzuschließen? 

Madame  Olga  nickte.  Auch  sie  begriff  inzwischen  das  schäbige 

Spiel.  

- Und der Vater des Kindes? - warf sie vorsichtig ein und dachte an 

den Nachmittag im April, als Isabelle so rätselhaft verschwunden war. 

Die junge Frau unterdrückte tapfer die aufsteigenden Tränen.  
-  Ich  habe  keine  Ahnung,  wo  er  ist,  Madame.  Sicher  ist  er  nicht 

mehr in St. Tropez. Außer seinem Namen weiß ich nichts von ihm… 

Mit  Madames  Hilfe  war  Isabelle  überraschend  problemlos  aus 

Grasse geflohen. Pierre, der nicht im geringsten damit gerechnet hatte, 
daß  Isabelle  Hilfe  bekommen  könnte,  fand  eines  Abends  die 
Zimmerflucht im ersten Stock leer vor. 

Die  beiden  Frauen  hatten  am  Vormittag  die  Tatsache  genützt,  daß 

Pierre  in  der  Firma  war  und  das  Hauspersonal  emsig  beschäftigt. 
Niemand hielt sie auf, als sie durch den Hinterausgang ins Freie traten. 
Zwei kleine Koffer, Isabelles Schmuck und Madame Olgas Ersparnisse 
waren ihr ganzes Kapital. 

Ihr  erstes  Ziel  war  Nizza.  Dort  ließ  sich  Isabelle  von  einem 

Gynäkologen untersuchen. 

- Kein Zweifel, junge Frau, Sie sind im dritten Monat schwanger! - 

verkündete der Arzt. - Ihr Baby wird Mitte Januar zur Welt kommen!  

Danach traf Isabelle eine schnelle Entscheidung. 
-  Ich  fahre  nach  Paris  zu  Professor  Lockwood.  Ich  muß  genau 

wissen,  wie  es  um  mich  steht.  Vielleicht  hat  Pierre  auch  auf  diesem 

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58 

Gebiet  gelogen.  Ich  bin  es  meinem  Baby  schuldig,  jede  Chance  zu 
nützen. 

Und  nun  saß  sie  im  Zug  nach  Paris  und  horchte  in  sich  hinein. Sie 

war nicht mehr allein! Sie erwartete Jasons Kind. Ein Baby, dem sie all 
die Zuneigung geben konnte, die sie Jason verweigert hatte. Und selbst 
wenn sie nicht sehen konnte, ihre Liebe würde ihre Augen ersetzen. 

Die  Ruhe  und  Gelassenheit,  die  Isabelle  trotz  ihrer  ungewissen 

Situation umgab, färbte auf Madame Olga ab. Jetzt, wo ihr Leben wie 
durch  ein  Wunder  einen  Sinn  bekommen  hatte,  war  Isabelle  wieder 
eine echte Delorme. Einer jener selbstbewußten,  tatkräftigen und auch 
geschäftstüchtigen  Frauen  dieser  alten  Familie,  denen  schon  ihr 
Großvater mehr zugetraut hatte als den Männern. 

 

*** 

 
Etwas hilflos blickte Olga Tamerkowa auf das  Gewimmel vor dem 

Hauptportal  des  Gare  de  Lyon.  Der  Verkehr  auf  dem  Boulevard 
Diderot  brauste  fast  direkt  an  ihren  Füßen  vorbei  und  irritierte  sie  mit 
Lärm  und  höllischem  Tempo.  Endlich  entdeckte  sie  ein  Taxi  und  hob 
winkend die Hand. 

-  Sollen  wir  uns  nicht  zuerst  ein  Hotel  suchen?  -  wandte  sie  sich 

fragend an Isabelle. 

Die schüttelte energisch den Kopf. 
- Nein, ich möchte sofort in die Klinik. Wenn es jetzt kurz nach acht 

Uhr  ist,  sind  wir  bis  Sprechstundenbeginn  gerade  dort.  Das  Taxi  muß 
schließlich durch die ganze Stadt. 

Und Frühstück? Madame Olga versagte sich die unpassende  Frage. 

Sie  begriff,  daß  Isabelle  im  Moment  nicht  an  derart  alltägliche  Dinge 
dachte. Sie war endlich in Paris und würde auf der Stelle tun, wofür sie 
hergekommen war. 

Der Taxifahrer warf die beiden Gepäckstücke in seinen Kofferraum 

und  begann  eine  halsbrecherische  Fahrt  durch  den  morgendlichen 
Berufsverkehr. 

Isabelle  dachte  an  Jason.  Es  kam  ihr  vor,  als  handelte  sie  auf  seine 

Anweisungen.  Hatte  er  nicht  darauf  bestanden,  daß  sie  sich  erneut 
untersuchen lassen sollte? Professor Lockwoods Spezialklinik hatte, als 

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59 

sie zum ersten Male dort gewesen war, gerade ihr dreijähriges Bestehen 
gefeiert.  Sie  erinnerte  sich,  wie  ihr  Pierre  die  modernen,  weitläufigen 
Gebäude  unter  den  alten  Bäumen  des  Parkes  mit  nüchternen  Worten 
geschildert hatte. 

-  Wir  werden  sehen,  was  der  Professor  sagt!  erklärte  sie  im  stillen 

ihrem  Baby.  Vielleicht  hat  dein  Vater  ja  recht,  und  er  kann  mir 
tatsächlich helfen. Was meinst du…? 

Das  Taxi  bremste  auf  der  Einfahrt,  und  Isabelle  überließ  es  Olga, 

sich um die Bezahlung und das Gepäck zu kümmern. 

Die  Schwester  beim  Empfang,  die  mit  geübtem  Blick  die  Blinde 

erkannte, half Isabelle die wenigen Stufen hinauf. 

-  Haben  Sie  einen  Termin  beim  Professor?  -  erkundigte  sie  sich 

freundlich. 

Isabelle schüttelte den Kopf.  
-  Nein,  wir  sind  eben  mit  dem  Nachtzug  aus  Nizza  gekommen. 

Sagen Sie dem Professor, daß Isabelle Delorme um ein Gespräch bittet. 
Er kennt mich und wird sicher etwas Zeit für mich erübrigen. 

-  Sofort!  -  Die  Schwester  tippte  ein  paar  Zahlen  auf  einer 

Telefontastatur und sprach einige Worte. Ihre Antwort klang lauter und 
sehr erstaunt. Isabelle hörte die wenigen Sätze. 

-  Ja,  Herr  Professor,  Isabelle  Delorme.  Nein,  sie  hat  es  mir  selbst 

gesagt… natürlich… aus Nizza sagt sie… aber gewiß, sofort. 

Madame Olga fiel auf, daß die Schwester Isabelle einen eigenartigen 

Blick zuwarf. Die Antwort des Professors mußte sie verblüfft haben. 

Hatte  Pierre  den  Professor  angerufen?  Etwas  besorgt  folgte  sie  der 

Schwester mit Isabelle in das Vorzimmer des Arztes. 

-  Einen  Augenblick,  der  Professor  wird  sofort  zu  Ihnen  kommen.  - 

Dann verschwand die Schwester. 

Isabelles  Hände  waren  eiskalt.  Aufregung  schnürte  ihr  die  Kehle 

zusammen.  Die  absolute  Stille  des  Raumes  wurde  nur  vom  leisen 
Summen der Klimaanlage unterbrochen. Von fern vernahm Isabelle das 
Echo zweier Männerstimmen, ohne ihre Worte zu verstehen. 

Dann klappte eine Tür.  
- Isabelle! Sie sind es tatsächlich! 
Professor Lockwood ergriff ihre Hände.  
- Wo haben Sie nur gesteckt, Kind?  

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60 

Isabelle hob erstaunt die Augenbrauen. 
-  Das  klingt,  als  hätte  ich  ein  Rendezvous  mit  ihnen  versäumt, 

Professor. Hatten wir eines? 

Brian Lockwood lachte.  
-  Genau  genommen  nicht,  aber…  nun,  es  geht  ziemlich  wild  zu  in 

ihrer  Familie.  Pierre  sucht  Sie  -  wie  die  berühmte  Stecknadel  im 
Heuhaufen, wußten Sie das? - Er unterbrach sich selbst. - Ich darf Sie 
nicht so überfallen. Kommen Sie in mein Arbeitszimmer!  

Der  Professor  nickte  auch  Madame  Tamerkowa  zu  und  öffnete 

einladend  die  breite  Tür,  die  in  sein  Arbeitszimmer  führte.  Als  alle  in 
den  ledergepolsterten  Sesseln  um  einen  ovalen  Glastisch  Platz 
genommen hatten, hob Isabelle den Kopf. 

- Lassen wir Pierre und seine Sorgen beiseite, Professor. Ich komme 

als Patientin zu Ihnen. Und ich möchte, daß Sie sich auf Ihre ärztliche 
Schweigepflicht  berufen,  sollte  Pierre  sich  erneut  melden.  Ich  möchte 
nicht, daß er erfährt, wo ich bin. Unsere Wege haben sich getrennt. 

Brian Lockwood sah auf Madame Olga, die zu Isabelles Worten nur 

bestätigend nickte. 

- Vertrauen Sie mir, Isabelle! - beruhigte er Isabelle. - Ich bin froh, 

daß  Sie  sich  endlich  entschlossen  haben,  zu  mir  zu  kommen.  Als  ich 
auf meinen Bericht keine Antwort bekam, fürchtete ich schon, daß Sie 
Ihre berechtigten Chancen nicht wahrnehmen wollen. 

Isabelle schluckte.  
-  Heißt  das,  es…  es  gibt  tatsächlich  Hoffnung…  -  Sie  faßte  sich 

mühsam. - Ich fürchte, daß ich den Inhalt Ihres Berichtes nicht so genau 
kenne,  wie  ich  ursprünglich  annahm.  Pierre  las  mir  vor,  daß  ich 
angeblich für immer blind bleiben werde. 

-  Also,  das  ist  doch…  -  Zornig  beugte  sich  der  Professor  vor  und 

drückte auf die Taste seiner Sprechanlage. - Schwester Marie, bitte die 
Unterlagen  Isabelle  Delorme  sofort  in  mein  Arbeitszimmer.  -  Dann 
wandte er sich wieder an Isabelle. - Wollen Sie mir nicht erzählen, was 
passiert ist, bis der Bericht kommt. 

Nervös  verflocht  Isabelle  ihre  schlanken  Finger  und  suchte  nach 

Worten. 

- Bis vor  wenigen Wochen lebte ich in unserer  Villa in St. Tropez, 

das wissen Sie ja. Pierre kümmerte sich fast zu viel um mich. Er wollte 

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61 

mich  in  Watte  packen  und  ließ  mich  nicht  den  kleinsten  Schritt 
außerhalb des Grundstückes tun. Ich… ich protestierte, aber was sollte 
ich  tun?  Bis…  also…  dann…  nun,  nach  einem  fürchtlichen  Krach 
schloß  Pierre  die  Villa  und  nahm  mich  mit  nach  Grasse.  Ich  will  Sie 
nicht mit Einzelheiten langweilen, aber ich hatte meine Gründe, Pierres 
Fürsorge mit Madames Hilfe zu verlassen. Ich… ach, warum sollen Sie 
es nicht wissen: Ich bekomme ein Kind! 

Sie bemerkte die Überraschung des Professors und lächelte.  
- Ein medizinisches Wunder, nicht wahr? Schließlich hat mir Pierre 

gesagt, daß ich nach dem Unfall keine Kinder bekommen kann. 

- So ein Unsinn, - polterte Lockwood los. - Sie hatten ausschließlich 

Kopfverletzungen und auch die sind völlig verheilt. 

-  Offensichtlich.  -  In  Isabelles  Stimme  klang  eine  gehörige  Portion 

Schadenfreude  mit,  wenn  sie  von  Pierre  sprach.  -  Aber  da  Sie  unsere 
Familie  kennen,  begreifen  Sie  vermutlich,  daß  ich  nicht  das  Risiko 
eingehen  möchte,  zu  einer  Abtreibung  gezwungen  zu  werden.  Pierre 
würde gar nichts anderes übrigbleiben. 

Brian Lockwood wurde nachdenklich. 
- Und Sie, Isabelle? Möchten Sie Ihr Baby zur Welt bringen? 
Isabelle nickte und sah plötzlich sehr traurig aus. 
-  Ja,  Professor,  und  ich  weiß  auch,  was  Sie  mich  fragen  möchten. 

Wo der dazugehörige Vater ist, nicht wahr? - Ihre Stimme war nur ein 
Hauch.  -  Ich  weiß  es  nicht…  er  wird  wohl  nie  erfahren,  daß  mir  eine 
lebendige Erinnerung an ihn geblieben ist. Ich habe ihn sehr gekränkt. 
Aber  hätte  ich  ihm  erlauben  sollen,  sich  mit  einer  blinden  Frau  zu 
belasten? 

Madame Tamerkowa mischte sich ein. 
-  Bitte,  quälen  Sie  Isabelle  nicht,  Professor.  Ihr  Bruder  hat  dafür 

gesorgt,  daß  Isabelle  jeden  Kontakt  zu  diesem  Mann  aufgegeben  hat, 
noch ehe sie wußte, daß sie ein Kind erwartet. Unsere Nachforschungen 
sind leider ebenfalls erfolglos geblieben. 

-  Hm…  -  Mehr  sagte  der  Professor  dazu  nicht,  und  Isabelle 

unterdrückte die drohenden Tränen, um weiterzusprechen. 

-  Ich…  ich  habe  noch  ein  Problem,  Professor.  Ich  muß  das 

erwähnen,  ehe  Sie  mich  untersuchen.  Ich  habe  kein  Geld,  Ihre 
Behandlung  zu  bezahlen.  Pierre  verwaltet  mein  Vermögen,  und  ich 

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62 

besitze keinerlei Bargeld. Ich habe meinen Schmuck versetzt, aber viel 
brachte  das  nicht.  Ich  nehme  an,  daß  Ihre  Rechnung  sicher  eine 
fünfstellige  Summe  ausmacht.  Ich…  besteht  die  Möglichkeit,  daß  ich 
dieses  Honorar  später  bezahle,  wenn  sich  meine  Anwälte  mit  Pierre 
geeinigt haben? Sie haben doch meine Eltern gekannt, bitte, helfen Sie 
mir! 

-  Mein  Gott,  Isabelle!  -  Brian  Lockwood  faßte  ihre  Schultern  und 

schüttelte sie unwillig. - Reden Sie nicht so einen Unsinn. Sie wissen, 
daß  Geld  für  mich  keine  Frage  ist.  Für  unsere  Klinik  übrigens  auch 
nicht,  denn  wir  werden  von  der  Besonny-Stiftung  finanziert  und 
unterstützt. 

Isabelle runzelte die Stirn.  
- Und was bedeutet das für mich?  
-  Die  Besonny-Stiftung  verwendet  ihre  Mittel  zur  Erforschung  und 

Behandlung  von  Augenkrankheiten.  Sie  verfügt  unter  anderem  über 
einen speziellen Hilfsfond für Notfälle. Ich bin sicher, daß die Stiftung 
in  Ihrem  Falle  besonders  gern  die  nötigen  Mittel  bereitstellt.  Der 
Alleinerbe  von  Besonny-Chemie  hat  nach  dem  tragischen  Tod  des 
Firmeninhabers  die  gesamte  Erbmasse  der  Stiftung  zur  Verfügung 
gestellt.  Sie  können  persönlich  mit  ihm  sprechen,  denn  ich  hatte  eine 
Unterredung mit ihm, als Sie ankamen. 

-  Aber…  -  Isabelle  protestierte  unsicher,  -  …ich  kenne  diesen 

Herren doch gar nicht. Ich… 

-  Keine  Angst,  Isabelle.  Ich  bin  sicher,  daß  Sie  mit  ihm  Ihre 

Probleme lösen können. 

Aus den Geräuschen schloß Isabelle, daß der Professor aufstand und 

eine Tür öffnete. Sie wartete auf ein Begrüßungswort des Unbekannten, 
doch es blieb aus. 

Langsame,  zögernde  Schritte  kamen  näher.  Ein  Fremder?  Sie 

lauschte seinen gepreßten Atemzügen. Warum sagte er nichts? Madame 
Olga und der Professor schwiegen. 

Isabelle  konzentrierte  ihre  Sinne  auf  diesen  Mann.  Ihre  Gedanken 

überschlugen sich, und ihre Nasenflügel bebten, als sie die Luft einsog. 

Sie  stand  auf.  Nein,  sie  täuschte  sich  nicht.  Ohne  ihn  ein  einziges 

Mal  gesehen  zu  haben,  hätte  sie  ihn  unter  Tausenden  erkannt.  Sie 

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63 

seufzte  und  ertastete  mit  den  ausgestreckten  Fingerspitzen,  das 
halboffene Sporthemd aus Batist. 

Ihre Hände wanderten zum Gesicht und legten sich auf die kratzigen 

Stoppeln eines Tage alten Bartes. Sie spürte den Ruck, der durch seine 
Gestalt ging, als sich seine Arme um sie schlössen. 

 

*** 

 
-  Jason,  -  flüsterte  Isabelle,  ehe  ein  leidenschaftlicher  Kuß  ihre 

Lippen verschloß. Sie fühlte sich hochgehoben und fast erdrückt. 

-  Du…  -  stöhnte  Jason  mit  rauher  Zärtlichkeit,  -  …ich  bin  fast 

verrückt geworden vor Sehnsucht nach dir. Mach sowas nie wieder mit 
mir. 

Der Professor mischte sich ein.  
-  Wenn  du  ihr  noch  ein  bißchen  Luft  zum  Atmen  läßt,  hat  sie 

vielleicht eine Chance, dir zu antworten. 

Isabelle  wischte  sich  verstohlen  ein  paar  Tränen  ab,  und  Madame 

schnaubte gerührt in ein Taschentuch. 

Es  klopfte  und  eine  eifrige  Lernschwester  trat  ein,  die  Jason  einen 

bewundernden Blick zuwarf. 

- Die Krankengeschichte Delorme, Herr Professor, - meldete sie und 

legte eine graue Mappe auf den Tisch. 

Brian  Lockwood  nickte  dankend,  wartete,  bis  sie  den  Raum 

verlassen hatte, und meinte dann:  

-  Ein  Glück,  daß  du  endlich  in  festen  Händen  bist.  Du  bringst  mir 

meine Schwestern ganz aus dem Häuschen. Soll ich Renato sagen, daß 
du  Gäste  hast?  Ich  nehme  nicht  an,  daß  du  Isabelle  und  Madame  in 
deinem Absteigequartier bei mir unterbringen möchtest, oder?  

Jason überlegte sichtlich verwirrt und nickte dann widerwillig. 
- Wenn das die einzige Lösung ist… okay. 
Isabelle  merkte  an  seiner  Hand,  die  sich  auf  ihrer  Schulter 

verkrampfte, daß es noch einige Dinge in seinem Leben gab, von denen 
sie nichts wußte. Jason schien noch eine Menge Überraschungen für sie 
bereit zu haben. 

Jetzt setzte er seinen Satz etwas ungeduldig fort:  

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64 

- Du hast mich ausgetrickst, Brian. Aber du hast recht, ich bringe die 

beiden  hinüber,  damit  sie  sich  ein  bißchen  frischmachen  können. 
Inzwischen  kannst  du  Isabelles  Unterlagen  durchsehen.  Du  weißt,  daß 
wir viel von dir erhoffen. 

Lockwood räusperte sich.  
-  Wir  können  keine  Wunder  vollbringen,  aber  was  machbar  ist, 

werden wir tun. So - und nun schlage ich vor, daß ich Madame Olga zu 
einem Frühstück in die Kantine entführe, während du dich um Isabelle 
kümmerst. Ich nehme an, euch steht nicht der Sinn nach Hörnchen und 
Kaffee?  

Während  Jason  dann  Isabelle  vorsichtig  über  die  kiesbestreuten 

Parkwege führte, schwiegen beide befangen. 

Mit  neu  erwachten  Sinnen  nahmen  Isabelle  die  Wärme  des 

Sommertages  wahr  und  lauschte  dem  Konzert  der  Vögel,  das  fast  das 
ferne Verkehrsrauschen des großen Boulevards übertönte. 

- Du hast ein Haus hier? - wollte  Isabelle schließlich wissen. Jason 

bejahte widerstrebend. 

-  Ich  hoffe,  daß  dort  alles  in  Ordnung  ist.  Ich  habe  noch  nie  dort 

gewohnt. Renato kümmert sich darum. 

- Wer ist Renato?  
- Mein alter Lehr… ein Freund. Er wohnt in dem Haus. 
Isabelle  blieb  stehen  und  zwang  Jason  so  ebenfalls  zum  Verharren. 

Sie sah sehr ernst und sehr traurig aus. 

- Bitte versprich mir eines, Jason: Sag mir, wenn du mir etwas nicht 

erzählen  möchtest,  aber  lüge  mich  nie  bewußt  an.  Wenn  du  ernst 
gemeint hast, was du in St. Tropez gesagt hast, dann belüge mich nicht. 
Willst  du  nicht  an  diese  Worte  erinnert  werden,  ist  es  besser,  wir 
trennen uns auf der Stelle. 

Beschämt küßte Jason sie auf die Stirn. 
-  Gib  mir  ein  bißchen  Zeit,  ja?  Irgendwann  werde  ich  dir  alles 

erzählen, aber nicht sofort und nicht heute. Ich bin noch gar nicht ganz 
bei mir… Eben überlege ich noch verzweifelt, was ich tun und wie ich 
dich finden soll und dann stehst du plötzlich vor der Tür… 

Isabelle nickte. Sie begriff seine Gefühle nur zu gut. 
-  Gut,  einverstanden…  und  dein  Renato,  wird  er  mich  überhaupt 

akzeptieren?  

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65 

- Er wird dich anbeten! - prophezeite Jason und er behielt recht. 
 

*** 

 
Das  gutmütige  Gesicht  des  grauhaarigen  Mannes  verzog  sich  zu 

einem  breiten  Grinsen,  als  er  die  zierliche  Frau  an  Jasons  Seite 
entdeckte. 

Der Professor schien ihn am Telefon gründlich informiert zu haben, 

denn er begrüßte Isabelle wie die lange vermißte Hausherrin. 

Jason  leitete  sie  in  ein  Zimmer  und  rückte  ihr  einen  Stuhl  zurecht. 

Der  appetitliche  Duft  von  frischen  Croissants  und  heißem  Kaffee 
machten Isabelle bewußt, daß sie zum ersten Male seit Wochen richtig 
Hunger hatte. 

- Beschreibe mir das Zimmer. Wie sieht es bei dir aus? - forderte sie 

Jason auf. Er sah sich um, als würde auch er diesen Raum zum ersten 
Male wieder richtig wahrnehmen. 

-  Es  ist  das  Eßzimmer,  Isabelle.  Quadratisch,  nicht  sehr  groß, 

weißgrün  gestreifte  Tapeten,  ein  weißer  Schrank  mit  Glastüren,  ein 
ovaler  Rosenholztisch  mit  sechs  Stühlen,  hellgrüner  Velourbezug. 
Weiße  Vorhänge,  zwei  große  Terrassentüren  in  den  Garten,  ein  paar 
Bilder… 

- Was für Bilder? - Isabelle war beim dritten Hörnchen angelangt. 
-  Nun…  ich…  entschuldige.  -  Ein  Flaschenhals  klirrte  an  Glas.  Es 

gluckerte.  -  …ich  brauche  jetzt  einen  Schluck.  Ich  verstehe  nicht,  wie 
du  so  vergnügt  hier  sitzen  kannst,  nach  allem,  was  du  erlebt  hast.  Ich 
habe  keine  Ahnung,  was  passiert  ist,  und  du  sitzt  hier  und  fütterst  für 
zwei. 

- Für zwei. Ja, das stimmt genau, - antwortete sie übermütig. 
-  Was  meinst  du  damit?  -  Das  Glas  wurde  hart  auf  die  Tischplatte 

gestellt. 

-  Hatte  das  Nebenzimmer  keinen  Mithörapparat?  -  Isabelle  machte 

das  Gespräch  Spaß.  -  Ich  bin  Pierre  davongelaufen,  weil  ich  ein  Kind 
bekomme, Mister Jason Jeffers! Ich erwarte tatsächlich ein Baby. Mitte 
Januar  wird  es  da  sein.  Wir  werden  ein  süßes  Kind  bekommen,  ich 
schwöre es dir! 

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66 

Jason  hatte  es  die  Sprache  verschlagen.  Er  starrte  Isabelle  an.  Sie 

strahlte  vor  Glück,  aber  man  sah  ihrem  durchsichtig  blassem  Gesicht 
und  den  violetten  Schatten  unter  ihren  Augen  an,  daß  sie  schlimme 
Zeiten  hinter  sich  hatte.  Jason  ertappte  sich  erneut  bei  dem  Wunsch, 
Pierre Delorme mit eigenen Händen windelweich zu prügeln. 

Feinfühlig  ahnte  Isabelle,  welche  Gedanken  ihn  bewegten.  Sie 

erinnerte sich an Professor Lockwoods erste Bemerkung.  

- Bist du zu Pierre gegangen? 
-  Ja,  ich  war  in  eurem  Chrom-  und  Glaspalast.  Monsieur  gab  sich 

äußerst hochnäsig. Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß er sich von mir 
Informationen  über  deinen  Aufenthaltsort  erwartete.  Er  spielte  den 
Beleidigten und ließ mich erst gehen, als er sicher sein konnte, daß ich 
ebenso  ahnungslos  wie  er  war.  Der  Besuch  hat  ihm  einen  tüchtigen 
Schrecken eingejagt, das darfst du mir glauben. 

- Das gönne ich ihm. - Isabelle gab sich keine Mühe, ihre Rachsucht 

zu  verbergen.  -  Ich  hoffe,  daß  er  Blut  und  Wasser  schwitzt,  weil  ihm 
keiner  seine  kostbaren  Papiere  unterschreibt.  Ich…  -  Sie  unterbrach 
sich, weil sie Gähnen mußte. 

-  Entschuldige,  die  Zugfahrt  steckt  mir  noch  in  den  Knochen.  In 

Anbetracht  unserer  schlechten  Finanzlage  hat  Madame  auf  den 
Schlafwagen verzichtet. Da wir gerade von Geld reden… wie war das 
mit  dieser  Stiftung?  Bist  du  dieser  steinreiche  Chemie-Erbe,  der  sein 
Vermögen der Stiftung zur Verfügung gestellt hat? 

Isabelle hörte, daß Jason aufstand und unruhig auf und ab ging. 
-  Ich  habe  dir  doch  von  Cathy  erzählt.  Sie  hieß  mit  vollem  Namen 

Catherine Besonny. Ihr Vater hat ihren Selbstmord nie überwunden. Er 
starb  kurz  darauf  bei  einem  Verkehrsunfall,  der  aussah,  als  habe  er 
Selbstmord  begangen.  Er  hat  mich  gegen  meinen  Willen  zum  Erben 
eingesetzt.  Ich  wollte  das  Geld  nicht.  Wenn  ich  schon  nicht  fähig 
gewesen war, Cathy zu helfen, konnte ich vielleicht anderen Menschen 
helfen. 

Isabelle  erhob  sich  langsam.  Sie  wartete,  bis  Jason  zu  ihr  kam.  Sie 

streichelte zärtlich über sein Gesicht. 

- Du bist ein rätselhafter Mensch, Jason Jeffers. Heißt du überhaupt 

so? Oder ist das ein Künstlername…? 

Jason küßte ihre geschlossenen Augen. 

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67 

- Vertrau mir, Isabelle. Bitte vertrau mir…  
Sie akzeptierte das Ablenkungsmanöver und ließ sich von ihm eine 

teppichbelegte  Holztreppe  hinaufführen.  Er  öffnete  eine  Tür  und 
drückte sie auf ein Bett. 

- Hier kannst du dich ein bißchen ausruhen. Ich lehne die Läden an, 

dann scheint die Sonne nicht so herein… 

Isabelle strich über den seidigen Bettüberwurf.  
- Dein Schlafzimmer? 
-  Ja.  Das  Haus  ist  nicht  sehr  groß.  Deine  Madame  kann  im 

Fremdenzimmer  schlafen.  Ich  hoffe,  daß  du  mir  hier  ein  Plätzchen 
reservierst. Immerhin ist das Bett zwei Meter breit… 

Isabelle schüttelte ihre Schuhe von den Füßen.  
- Möchtest du mir nicht beim Ausziehen helfen? 
Verwirrt  nestelte  Jason  an  den  Knöpfen  ihres  weißblauen 

Hemdblusenkleides. 

-  Bist  du…  ich  meine…  wie  ist  das  mit  dem  Baby?  -  wollte  er 

schließlich nach einem Räuspern wissen. 

Isabelle  schob  seine  Hände  weg,  reckte  sich  auf  die  Zehenspitzen 

und  gab  ihm  einen  Kuß.  Dann  schlüpfte  sie  aus  dem  Kleid  und  dem 
spitzenbesetzten Hemdhöschen, das sie darunter trug. 

- Unser Baby kann sich gleich an die Liebe gewöhnen, oder gefalle 

ich dir etwa nicht mehr?  

- Du ahnst nicht, wie hinreißend du aussiehst! - murmelte Jason mit 

belegter Stimme und starrte auf den nackten Frauenkörper. 

Die  Schwangerschaft  war  Isabelle  noch  nicht  anzusehen.  Nur  der 

Busen war voller geworden und verlieh ihrer knabenhaften Figur einen 
ungeahnten, weiblichen Reiz. 

- Nun, Liebster?  
Mit  einem  Stöhnen  nahm  Jason  sie  in  seine  Arme.  Isabelle  preßte 

sich an ihn. Seine streichelnden Hände waren wie Flammenzungen auf 
ihrer Haut. 

Ihre Lippen öffneten sich, um seinen heißen, leidenschaftlichen Kuß 

zu  begegnen.  Gemeinsam  auf  das  Bett  taumelnd  fanden  sie  die 
glühenden  Zärtlichkeiten  und  das  wortlose  Verstehen  wieder,  die  sie 
bereits in St. Tropez so magisch aneinandergebunden hatten. 

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68 

-  Wenn  du  mich  liebst,  habe  ich  das  Gefühl,  sehen  zu  können!  - 

flüsterte  Isabelle  an  Jasons  Mund  und  überließ  sich  selig  seinen 
Liebkosungen. 

Glücklich spürte sie sein Begehren und tastete mit den Fingerspitzen 

immer  wieder  über  sein  Gesicht.  Sie  fühlte  ihr  Verlangen  wie  einen 
wunderbaren  Schmerz  in  sich  wachsen,  während  Jasons  Lippen  die 
weichen  Rundungen  ihrer  Brüste  streichelten  und  zu  dem  rotgoldenen 
Tal glitten, wo sich ihre langen Beine trafen. 

- Jason, ich liebe dich! - keuchte sie hingerissen und zerschmolz fast 

unter seinen Küssen. 

Sie fieberte dem Moment entgegen, wo sie ihn endlich ganz in sich 

spürte,  und  der  Pulsschlag  ihrer  gemeinsamen  Begierde  ließ  sie  in 
seinen  Armen  erbeben.  Das  bedingungslose  Vertrauen,  die 
vollkommene  Harmonie  dieses  Augenblicks  ließen  Jason  die  Worte 
finden, die ihm sonst nur schwer über die Lippen kamen. 

- Ich liebe dich, Isabelle! Ich liebe dich, wie ich noch nie eine Frau 

geliebt habe. Verlaß mich nie mehr, ich bitte dich. Ich bin fast verrückt 
geworden,  als  ich  vor  den  verschlossenen  Türen  deines  Hauses  stand. 
Du  hast  meinem  Leben  wieder  einen  Sinn  gegeben,  ich  bete  dich  an. 
Du bist alles für mich!  

Wie  ein  Windhauch  legten  sich  Isabelles  Lippen  auf  seinen  Mund 

und besiegelten wortlos ihr unauflösliches Bündnis. Es bedurfte keiner 
Worte zwischen Ihnen. 

 

*** 

 
Noch  halb  im  Schlaf  gefangen  versuchte  Isabelle,  sich  zu 

orientieren. Sie lag auf der Seite und an ihren Rücken geschmiegt, die 
Knie  in  ihren  Kniekehlen,  den  Arm  besitzergreifend  über  ihre  Hüften 
gelegt,  schlief  Jason.  Seine  tiefen  Atemzüge  verrieten,  daß  er  noch 
nichts  von  ihrem  Erwachen  bemerkt  hatte.  Isabelle  versuchte  die 
Stimmung  des  Raumes,  des  Hauses,  auf  sich  wirken  zu  lassen.  Es 
duftete nach Sommer, nach frisch gemähtem Rasen. 

Irgendwo im Haus schlug eine Tür. Sie hörte Madame Olga lachen. 

Wie  spät  mochte  es  sein?  Isabelle  streichelte  zärtlich  mit  den  Zehen 

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69 

Jasons  Bein  und  erkannte,  daß  er,  wie  ein  Bär  brummend,  nicht 
geweckt werden wollte. 

- Jason, bitte wach auf! 
- Hm… 
-  Wach  auf,  du  Schlafmütze!  Ich  brauche  einen  Kammerdiener  für 

eine Dusche und fürs Anziehen!  

- Kommt nicht in Frage, - brummelte Jason und vergrub sein Gesicht 

in ihrem Nacken. - Du bist meine Gefangene. Wenn du was möchtest, 
mußt du zu dem bösen Zauberer erst einmal ganz lieb sein! 

Belustigt machte Isabelle das Spiel mit.  
-  Wenn  ich  nicht  auf  der  Stelle  ins  Bad  komme,  wirst  du  das 

bereuen. 

- Das möchte ich ausprobieren… - Jason lag wie ein Felsbrocken. 
Isabelle  warf  sich  zu  ihm  herum.  Sie  trommelte  mit  ihren  Fäusten 

gegen seinen Brustkasten. 

-  Jason  Jeffers,  es  gibt  Situationen,  da  hört  die  leidenschaftlichste 

Liebe  auf.  Hast  du  schon  mal  von  elementaren  menschlichen 
Bedürfnissen gehört? Zeigst du mir jetzt dein Bad, oder… oder… 

Sie suchte noch nach Worten, als sie hochgehoben wurde. Als Jason 

sie abstellte, spürte Isabelle eine flauschige Badematte unter den Füßen. 

-  Das  Badetuch  hängt  neben  der  Tür,  Duschmittel  steht  hier…  und 

was du vielleicht sonst noch brauchst, ist genau neben der Dusche. Also 
schimpf  nicht  wie  ein  Rohrspatz,  sondern  ruf  mich,  wenn  du  mich 
brauchst. Ich versuche inzwischen, deinen Koffer aufzutreiben. 

Jason  respektierte  Isabelles  unausgesprochenen  Wunsch,  für  sich 

selbst  zu  sorgen.  Nach  einem  letzten,  prüfenden  Blick  verließ  er  das 
Bad. 

Als  Isabelle  in  ein  großes,  flauschiges  Badetuch  gehüllt  ins 

Schlafzimmer  zurückkam,  empfing  sie  die  vertraute  Stimme  von 
Madame Tamerkowa. 

-  Ich  habe  dein  dunkelblaues  Seidenkleid  aufgebügelt,  und  hier  ist 

die  Wäsche.  Wenn  du  auf  diesem  Stuhl  Platz  nimmst,  kann  ich  deine 
Haare fönen. 

Mit  einem  dankbaren  Lächeln  zog  sich  Isabelle  an.  Während  ihr 

Madame  Olga  ihr  seidiges  Haar  fönte,  fiel  kein  Wort  zwischen  ihnen. 

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70 

Isabelle war dankbar für die kleine Atempause, die es ihr erlaubte, ein 
bißchen Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. 

Sie fühlte sich einfach wunderbar. Olga erkannte es an der Art, wie 

sie ihre Schultern straffte und vor sich hinlächelte. 

-  Monsieur  Jeffers  ist  zum  Professor  in  die  Klinik  hinüber,  - 

bemerkte  sie  beiläufig  und  fügte  hinzu:  -  Ich  bewohne  das 
Fremdenzimmer  in  diesem  Stock.  Ein  sehr  hübscher  Raum  mit 
Jugendstilmöbeln.  Überhaupt,  dieses  Haus  ist  ein  Schmuckkästchen. 
Dabei  hat  mir  Renato  Gardone  erzählt,  daß  Monsieur  Jeffers  nie  hier 
gewohnt hat… 

Die  letzte  Feststellung  enthielt  eine  Frage.  Doch  Isabelle  schüttelte 

den Kopf. 

-  Keine  Ahnung,  Madame.  Ich  weiß  auch  nicht  mehr  als  Sie.  Ist 

dieser Renato ein Italiener?  

- Ja. Aber er kam bereits als Kind nach New York. Jetzt lebt er seit 

fast acht Jahren hier. Er scheint Monsieur Jeffers sehr ergeben zu sein, 
doch ich halte ihn nicht für seinen Diener. 

Isabelle erinnerte sich an Jasons Versprecher. 
-  Ein  Lehrer?  -  überlegte  sie  laut.  -  Nein,  wozu  braucht  ein 

erwachsener  Mann  einen  Lehrer?  Ich  habe  den  Eindruck,  dieses  Haus 
hält noch eine Menge Überraschungen bereit, Olga. 

-  Renato  hat  mir  erzählt,  daß  es  im  vergangenen  Jahrhundert  eine 

Art  Lustschlößchen  war,  das  ein  reicher  Bankier  für  seine  Mätressen 
gebaut hat. 

- Wieviel Zimmer stehen denn zur Verfügung? 
-  Im  Tiefparterre  sind  die  Wirtschaftsräume,  Vorratskeller  und  ein 

Diener-Apartment,  - zählte Olga auf. -  Im Erdgeschoß sind der Salon, 
das Eßzimmer, eine Bibliothek und das Musikzimmer. Oben nur Schlaf 
räume und Bäder. 

- Ein Musikzimmer? - Isabelle pickte die interessanteste Information 

heraus. 

-  Ja,  es  ist  mit  Abstand  das  größte  Zimmer.  Ich  habe  es  nicht 

gesehen. Angeblich muß es verschlossen bleiben. Monsieur Jeffers hat 
es so angeordnet. 

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71 

Isabelle  lauschte  Madames  Geplauder  und  machte  sich  so  ihre 

eigenen Gedanken. Es wäre nicht falsch, sich einmal allein mit Renato 
zu unterhalten. 

Jason  unterbrach  ihre  Grübeleien.  -  Morgen  früh  um  neun  wirst  du 

in der Klinik erwartet. Der Professor hat seinen Terminplan umgestellt 
und steht dir zur Verfügung. Er hat deine Unterlagen auf den neuesten 
Stand gebracht, und ich  darf dir sagen, daß er berechtigte Hoffnungen 
hat, dir helfen zu können. 

- Ach, wunderbar. - Madame Olga zog sich mit einem erleichterten 

Seufzer zurück. 

Sie  schien  nicht  recht  zu  wissen,  ob  sie  diesem  gutaussehenden 

Mann mit den harten Zügen trauen konnte. Ihre Angst um Isabelle war 
noch immer groß. 

Jason erkannte ihre Gedanken.  
- Sie mißtraut mir, deine Madame, - stellte er fest. 
- Wundert dich das? - fragte Isabelle. - Sie ist fast sechzig Jahre alt 

und bei allem Verständnis für die jetzige Zeit, ist ihr die Tatsache, daß 
ich es fertiggebracht habe, innerhalb weniger Stunden einen Geliebten 
und ein Kind zu bekommen, schon ein bißchen suspekt. Ein Gentleman 
hätte sich ihrer Ansicht nach nicht so leicht verfuhren lassen… 

-  Ist  sie  blind?  -  murmelte  Jason  und  schloß  sie  in  seine  Arme.  - 

Weiß sie nicht, daß du eine männermordende Sirene bist?  

Isabelle erwiderte seinen Kuß, machte sich dann aber energisch frei. 
-  Ich  habe  mir  etwas  überlegt.  Bist  du  einverstanden,  morgen 

Vormittag  Pierre  aufzusuchen  und  ihm  eine  Vollmacht  über  mein 
Vermögen zu präsentieren, die ich dir ausstelle? 

- Wäre das klug, Isabelle? 
- Ich bin für klare Verhältnisse. Irgendwann erfährt er es doch. Es ist 

in  jedem  Fall  besser,  wenn  in  der  Firma  so  schnell  wie  möglich  klare 
Regelungen getroffen werden. 

-  Du  hast  vor  ein  paar  Stunden  beanstandet,  daß  du  nicht  einmal 

weißt,  ob  mein  Name  stimmt.  Jetzt  willst  du  mir  die 
Entscheidungsgewalt über dein Vermögen anvertrauen! 

Isabelle warf energisch den Kopf in den Nacken. 
- Rede keinen Unsinn. Einmal glaube ich nicht, daß der Initiator der 

Besonny-Stiftung  auf  mein  Vermögen  aus  ist,  und  zum  anderen  weiß 

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72 

ich, daß du nicht lügst, wenn du mich in deine Arme nimmst. Ich kann 
dir zwar nicht in die Augen sehen, Jason Jeffers, doch mein Instinkt für 
Menschen war schon immer gut. Ich weiß, daß du ein Problem mit dir 
herumschleppst,  daß  du  manchmal  zuviel  trinkst  und  vor  Gespenstern 
deiner  Vergangenheit  davonläufst.  Ich  kann  spüren,  daß  da  etwas  ist, 
das dich belastet und dein  Leben überschattet. Es hat etwas mit Cathy 
zu tun, nicht wahr? 

Jason  schwieg  eine  Weile,  dann  strich  er  mit  der  Hand  über  ihre 

weichen Haare. 

- Dafür, daß du blind bist, siehst du tatsächlich eine Menge, Kleines. 

Also  gut,  gib  mir  die  Vollmacht.  Wir  werden  ja  erleben,  was  dein 
Bruder  sagt.  Ich  werde  mir  den  Spaß  morgen  vormittag  leisten,  dann 
kaue ich wenigstens nicht an den Fingernägeln, während du untersucht 
wirst. 

Isabelle schmiegte ihre Wange in seine Hand.  
-  Du  hast  wunderschöne  Hände,  das  ist  mir  von  Anfang  an 

aufgefallen. Künstlerhände. Pianistenhände… 

Jason zuckte zusammen. 
Isabelle merkte es erstaunt. Hatte sie etwas Falsches gesagt? 
Egal, dann kam es auf die nächste Frage, die sie stellen wollte, auch 

nicht mehr an.  

- Warum magst du dieses Haus eigentlich nicht? 
Jason  atmete  schwer.  Irgend  etwas  schien  ihn  erschüttert  zu  haben. 

Endlich antwortete er. 

 - Ich liebe dieses Haus, Kleines. Ich liebe es, seit Cathy es mir zum 

ersten  Mal  zeigte.  Es  ist  so  eine  Art  Sommerhäuschen.  Es  gibt  hier 
keinen  Vorhang,  keinen  Teppich  und  kein  Bild,  das  ich  nicht 
ausgesucht habe, und doch habe ich nie hier gewohnt. 

- Warum?  
- Es sollte die Insel werden, die ich brauchte, um arbeiten zu können. 

Ein  Paradies  für  zwei  Menschen,  Cathy  und  mich.  Als  alles 
zusammenbrach,  konnte  ich  seinen  Anblick  nicht  mehr  ertragen. 
Entschuldige… ich muß raus… 

Jason  lief  aus  dem  Zimmer,  von  Erinnerungen  gequält  und  von 

Gespenstern verfolgt. 

 

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73 

*** 

 
Isabelle runzelte nachdenklich die Stirn. 
Renato! beschloß sie. Das ist der Mann, den ich jetzt sprechen muß. 
Sie tastete sich zur Tür, deren leises Quietschen beim Öffnen Renato 

sofort herbeirief. 

- Madame, kann ich Ihnen helfen?  
Er hatte eine sympathische Stimme, und Isabelle lächelte dankbar. 
-  Gut,  daß  Sie  da  sind,  Renato.  Würden  Sie  mich  bitte  ins 

Musikzimmer führen?  

- Madame? - Seine Stimme hätte nicht entsetzter klingen können. 
-  Ich  weiß,  Renato,  Jason  hat  angeordnet,  daß  der  Raum 

verschlossen  bleibt.  Ich  bin  mir  aber  sicher,  daß  Sie  einen  Schlüssel 
dazu haben… 

- Ja… aber… 
Isabelle faßte nach seinem Arm. 
-  Nur  Mut,  Renato.  Sie  wollen  doch  auch,  daß  er  endlich  wieder 

anfängt, wie ein vernünftiger Mensch zu leben - oder?  

- Ja, Madame… - Der Seufzer kam aus tiefstem Herzen. 
Isabelle  hatte  gesiegt.  Ohne  weiteren  Protest  führte  er  sie  hinunter 

und drehte den Schlüssel der Doppeltür zweimal um. 

-  Einen  Moment,  ich  öffne  die  Vorhänge.  Es  beginnt  schon  zu 

dämmern. Ich werde Ihnen Licht… - Er brach ab. - Entschuldigen Sie, 
ich hatte vergessen… 

- Schon gut, machen Sie nur Licht Renato. - Isabelle machte einige 

Schritte  in  den  Raum,  registrierte  die  weichen  Teppiche  unter  ihren 
Sohlen und stieß an ein großes Hindernis, das mitten im Zimmer stand. 
Glatt poliertes Holz mit abgerundeten Kanten. Sie kannte die Antwort, 
ehe Renato den Mund öffnete. 

- Ein Steinway-Flügel, Madame. Ein Konzertflügel, ein wunderbares 

Instrument  für  einen  wunderbaren  Musiker.  Ein  Verbrechen,  daß  es 
nicht mehr gespielt wird. 

Isabelle stützte sich auf den Flügel.  
- Und wie sieht das Zimmer aus? - fragte sie. 
- Als ob die Sonne hier wohnt. Gelbe Vorhänge, zartgetönte Wände, 

verspielter  weißer  Stuck,  Goldbrokatstühle.  Dann  der  Rokokoschrank 

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74 

mit  den  Noten,  die  Stereoanlage,  Jasons  Plattensammlung,  seine 
Bücher,  seine  Fotos.  Ein  Museum,  das  ihn  selbst  am  allerwenigsten 
interessiert. 

Verbittert, wie eine Anklage, sagte es der alte Herr. 
- Nicht mehr lange, Renato, das schwöre ich Ihnen. Was tun Sie da? 

- Isabelle lauschte den Geräuschen in einer Zimmerecke. 

Ein  kaum  hörbares  Knacken.  Dann  setzte  die  Musik  ein,  von  einer 

Platte.  Isabelle  kannte  das  langsame,  getragene  Klavierthema.  Die 
Sonate von Ludwig van Beethoven, die „Mondschein-Sonate“. 

Sie  fühlte  die  gepolsterte  Klavierbank  an  ihren  Knien  und  setzte 

sich.  Fasziniert  lauschte  sie.  Noch  nie  hatte  sie  dieses  Musikstück  so 
gehört.  Diese  ungewöhnliche,  leidenschaftliche  und  moderne 
Interpretation  traf  sie  auf  seltsame  Weise  ins  Herz.  Renato  mußte  ihr 
nicht mehr sagen, wer der Pianist war. Sie hatte die Botschaft erhalten. 

- Jason Jeffrey Sandhurst, - flüsterte sie erschüttert. 
-  Ja.  -  Renato  atmete  schwer.  -  Mein  Meisterschüler.  Ich  erkannte 

seine  Begabung,  als  er  in  das  New  Yorker  Konservatorium  eintrat. 
Während  er  seine  Karriere  aufbaute,  blieb  ich  bei  ihm  -  als  Lehrer, 
Freund,  Impressario,  Manager.  Ein  Talent  wie  das  seine  ist  ein 
Geschenk des Himmels, Isabelle. Er hat magische Hände. Es gibt kaum 
einen  Pianisten,  der  die  Technik  des  Instruments  mit  einer  so 
traumhaften Sicherheit beherrscht und der gleichzeitig soviel Herz und 
Seele in sein Spiel legen kann… 

Isabelle  begriff.  Das  also  war  der  Bruch  in  Jasons  Persönlichkeit, 

den sie bereits erahnt hatte. Der Grund für seine Ruhelosigkeit, seinen 
äußerlichen  Zynismus  und  den  Alkohol.  Er  hatte  in  seinen  eigenen 
hochgespannten Wert-Maßstäben versagt und suchte nun instinktiv die 
Selbstzerstörung. 

-  Und  Cathy?  War  sie  dieses  Opfer  wert?  -  Isabelle  wußte,  daß  sie 

Renato bedingungslos vertrauen konnte. 

Er überlegte lange, ehe er eine vorsichtig formulierte Antwort gab. 
-  Man  kann  schlecht  über  eine  junge  Liebe  urteilen,  die  nur  die 

heitersten Seiten erlebt hat. Cathy war hübsch, eigensinnig, erfolgreich, 
temperamentvoll,  egoistisch,  und  sie  wollte  immer  im  Mittelpunkt 
stehen.  Es  schmeichelte  ihr,  daß  sich  ein  so  berühmter  Musiker  in  sie 
verliebt  hatte.  Ich  wage  zu  behaupten,  daß  ihre  Zuneigung  die 

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75 

Schwierigkeiten  einer  Musikerehe  nicht  überlebt  hätte.  Sie  riet  Jason, 
dieses Haus zu kaufen. Sie wollte ihren Wohnsitz in Paris nehmen, weil 
sie  sich  einen  Wirbel  aus  Vergnügungen  und  Partys  erwartete.  Sie 
begriff  nicht,  daß  es  für  Jason  eine  Insel  war,  auf  die  er  sich 
zurückziehen  mußte,  um  als  Künstler  bestehen  zu  können.  Das  Haus 
und das Grundstück wurden damals vom alten Besonny gekauft. Jason 
hat  nur  diese  Villa  aus  dem  Erbe  behalten.  Wenn  Sie  mich  fragen, 
Isabelle, Charles Besonny wußte, daß seine Tochter keinen Anlaß hatte, 
Jason  die  Schuld  für  ihren  Selbstmord  zu  geben.  Das  Erbe  war  eine 
Geste  der  Entschuldigung,  aber  das  Unglück  war  schon  passiert.  Es 
erregte  damals  großes  Aufsehen,  als  Jason  von  einem  Tag  auf  den 
anderen seine Karriere abbrach. Er fühlte sich schuldig, glaubte, Cathy 
in den Tod getrieben zu haben und bestrafte sich selbst mit dem Entzug 
der Dinge, die er noch mehr als Cathy geliebt hatte: Seiner Musik und 
seines  Flügels.  Er  verließ  die  Staaten  und  ging  auf  Reisen.  Ich  hatte 
eine Menge zu tun, seine nicht eingehaltenen Verträge, die abgesagten 
Tourneen  und  Plattentermine  abzusagen.  Es  hat  ihn  eine  horrende 
Konventionalstrafe gekostet, aber Geld war ihm schon immer egal. Als 
alles vorbei war, bin ich in meine Räume in diesem Haus gezogen. Das 
Dachgeschoß  ist  zu  einer  kleinen  Wohnung  für  mich  ausgebaut. 
Seitdem warte ich. Darauf, daß Jason von selbst zur Besinnung kommt 
oder daß er vielleicht einen Menschen trifft, der ihm dabei hilft. 

Isabelle erfaßte, was er damit sagen wollte, schon ehe er fortfuhr:  
-  Isabelle,  Sie  könnten  die  Brücke  sein,  die  Jason  ins  Leben 

zurückbringt.  Es  ist  Ihnen  bereits  gelungen,  die  Mauer  aus  Sarkasmus 
und Menschenverachtung zu zerstören, die er um sich herum aufgebaut 
hat. Lassen Sie sich nicht entmutigen, bleiben Sie stark. Er braucht Ihre 
Stärke wie ein Ertrinkender einen Rettungsring. 

- Sie kennen die Delormes nicht, Renato, sonst würden Sie mir einen 

solchen  Rat  nicht  geben.  Wir  sind  berühmt  für  unsere  Dickköpfe. 
Können Sie nicht einen Klavierstimmer holen? Wenn dieses Instrument 
acht  Jahre  nicht  gespielt  wurde,  ist  das  bestimmt  nötig.  Jason  will 
morgen vormittag meinen Bruder aufsuchen, dann wäre es günstig… 

- Jason wird toben… - gab Renato zu bedenken. 
-  Er  wird  so  oder  so  toben.  Warum  dann  nicht  gleich  tun,  was 

vernünftig ist, - meinte Isabelle lächelnd. 

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76 

Renato warf ihr einen bewundernden Blick zu. 
-  Ich  sehe  schon,  Sie  wissen  wirklich,  was  Sie  wollen.  Ich  rufe  die 

entsprechende Firma an. Möchten Sie jetzt in den Salon? 

Isabelle schüttelte den Kopf.  
-  Lassen  Sie  mich  noch  ein  bißchen  hier  sitzen,  Renato.  Legen  Sie 

mir  eine  andere  Platte  auf,  bitte.  Warten  Sie,  gab  es  nicht  eine 
Aufnahme von Chopinmusik, die alle Kritiker zu Begeisterungsstürmen 
hingerissen hat? Ist sie da? 

- Natürlich, hier sind alle seine Platten. Ich lasse die Tür offen, dann 

brauchen Sie mich nur zu rufen, wenn ich die Seiten wechseln soll… 

Isabelle  saß  ganz  entspannt  da.  Sie  war  mit  sich  und  der  Welt  im 

Frieden. 

Völlig  in  die  Musik  verloren,  überhörte  Isabelle  das  Klappern  der 

Haustür. Erst Jasons jähzorniger Schrei ließ sie hochfahren. 

- Verdammt, was geht hier vor?  
Er  stürzte  wütend  in  den  Raum  und  riß  die  Platte  von  der 

Stereoanlage.  Isabelle hielt sich die Ohren zu, so unerträglich war das 
kreischende Geräusch des mißhandelten Saphirs. 

Renato stürzte herbei.  
- Nein, Jason! Halt! Mamma mia, mach die Platte nicht kaputt!  
In  diesem  Moment  erst  bemerkte  Jason  die  Frau  am  Klavier.  Er 

knirschte  hörbar  mit  den  Zähnen  und  versuchte  vergeblich,  sich  zu 
fassen. 

-  Das  habt  ihr  euch  fein  ausgedacht,  ihr  zwei.  Ich  wußte,  daß  ihr 

unter einer Decke stecken würdet. Nur das Tempo verblüfft mich. Idiot, 
der ich bin, mich noch einmal in eine Frau zu verlieben. Laßt mich in 
Frieden, hört ihr! 

Isabelle stand auf und ging auf ihn zu. 
- Liebster, schrei bitte nicht so. Hör mir zu, du… 
- Nein, jetzt hörst du mir zu, Isabelle Delorme, und du brauchst mich 

nicht mit schönen Worten zu betören. Ich habe es satt, satt! Du hast mit 
diesem  Museum  nichts  zu  schaffen.  Renato  soll  in  der  Vergangenheit 
leben. Er ist alt genug, um selbst zu entscheiden, was er tun will. Aber 
du halst dich da raus, sonst gehe ich! 

- Jason… - Sie spürte, daß er aus dem Raum lief. 
Er durfte nicht gehen. Dieser häßliche Streit durfte so nicht enden! 

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77 

Ohne an ihre Behinderung zu denken, lief Isabelle los und stolperte 

über  eine  Teppichfalte.  Sie  versuchte,  das  Gleichgewicht  zu  halten, 
ruderte hilflos mit den Armen. 

- Jason! - Ihr schrecklicher Aufschrei brach ab, als sie mit der Stirn 

gegen  die  Kante  des  Flügels  schlug.  Ohnmächtig  brach  sie  zu  Füßen 
des kostbaren Instrumentes zusammen. 

- Jason, komm zurück!  
Doch Jason hatte weder ihren Schrei noch Renatos Ruf vernommen. 

Er  rannte  wie  besessen  in  den  Park  hinaus,  geradewegs  in  Brian 
Lockwoods  Arme,  der  zu  seinem  üblichen  Abenddrink  mit  Renato 
kam. 

-  Jason,  hast  du  Tollwut?  -  erkundigte  er  sich  mit  freundlichem 

Spott. 

- Oh… ich… Brian… 
-  Tatsächlich,  so  heiße  ich.  Leidest  du  unter  den  ersten  Anzeichen 

geistiger Umnachtung? Hat dich Isabelle um den Verstand gebracht?  

-  Ha  ha,  Isabelle…  -  Jason  schnaubte  wie  ein  Stier  in  der  Arena. 

Eben  wollte  er  ansetzen,  um  seine  Wut  an  Brian  auszulassen,  da 
keuchte Renato atemlos heran. 

- Schnell, Professor! Ein Glück, daß Sie da sind. Ein Unfall… 
Jason erschrak. Sein Gesicht wechselte die Farbe.  
- Isabelle? 
-  Sie  wollte  dir  nachlaufen  und  ist  gestürzt.  Vermutlich  schlug  sie 

mit…  mit  der  Stirn  auf  den  Flügel!  Sie  hat  das…  das  Bewußtsein 
verloren. 

Der  Professor  und  Renato  liefen  zum  Haus,  während  Jason  wie 

versteinert stehenblieb. 

- Was habe ich getan? - murmelte er vor sich hin. 
Er  mußte  sich  zwingen,  das  Haus  zu  betreten.  Brian  telefonierte 

gerade mit der Klinik. 

Dann wandte er sich seinem entsetzten Freund zu.  
-  Ich  kann  nichts  sagen.  Ihre  Herztöne  sind  schwach,  eine  Prellung 

an  der  Stirn.  Eine  ungewöhnlich  tiefe  Ohnmacht,  die  ich  mir  nicht 
erklären kann. 

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78 

-  Und  ich  bin  schuld!  -  Jason  ballte  hilflos  die  Fäuste.  -  Ich  bin 

schuld, als hätte ich sie selbst zu Boden gestoßen. Brian, wenn Isabelle 
oder dem Baby… ich wage nicht, daran zu denken… 

- Jason! - Der Professor packte ihn an den Schultern und schüttelte 

ihn.  -  Spiel  nicht  den  hysterischen  Helden.  Ein  Unglück  dieser  Art 
passiert  Blinden  immer  wieder.  In  Streßsituationen  vergessen  sie  die 
gewohnte Vorsicht und ihre Behinderung. Fang nicht schon wieder an, 
dich in eine Schuld hineinzusteigern. 

Müde öffnete Jason die verkrampften Finger, seine Schultern sanken 

nach vorn. 

- Okay, du hast recht. Bitte tu für Isabelle, was du kannst. 
- Das ist selbstverständlich, - erklärte der Professor und wandte sich 

den beiden Krankenpflegern zu, die mit der fahrbaren Trage in der Tür 
standen. 

 

*** 

 
Isabelle war schon geraume Zeit wach. Doch sie wagte nicht, sich zu 

rühren. Sie spürte, daß Jason ihre Hand hielt und daß sie in einem Bett 
lag, das sie nicht kannte. 

Der  typische  Geruch  nach  Desinfektionsmitteln  brachte  sie  zu  der 

Überzeugung, daß sie im Krankenhaus liegen mußte. 

Jason atmete schwer. Seine Hand zitterte leicht. 
Isabelle erinnerte sich plötzlich wieder an den häßlichen Auftritt im 

Musikzimmer. Sie war ins Stolpern geraten, gefallen und hatte mit der 
Wucht eines Hammers einen Schlag an die Stirn bekommen. Von da an 
wußte  sie  nichts  mehr.  Sie  fühlte  sich  nicht  schlecht.  Die  bohrenden 
Kopfschmerzen waren auszuhalten. 

Armer  Jason.  Vermutlich  machte  er  sich  eine  Menge  Vorwürfe. 

Beinahe hätte sie tröstend seine Hand gedrückt. 

Er ahnte nicht, wie gut sie seinen verzweifelten Wutanfall verstand. 

Wenn sie jemandem Vorwürfe machte, dann nur sich selbst. 

Es  war  dumm  von  ihr  gewesen,  nicht  daran  zu  denken,  daß  Jason 

jeden Moment nach Hause kommen könnte. Daß sie im Musikzimmer 
saß und seine Platten hörte, war eine Provokation gewesen. 

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79 

Sie hatte eigentlich vorgehabt, Jason in langsamen Schritten dazu zu 

bringen, ihr mehr und mehr zu vertrauen. 

-  Es  tut  mir  leid,  Jason.  Verzeih  mir,  daß  ich  so  neugierig  war,  - 

murmelte sie und spürte, wie er ihre Hand erschreckt preßte. 

- Isabelle, Gott sei Dank, du bist wieder bei Bewußtsein. Wie fühlst 

du dich? 

- Ganz gut… nein… - Sie hielt seine Hand fester, - bitte läute jetzt 

nicht nach  einer Schwester oder dem Professor.  Ich möchte  erst allein 
mit  dir  sein.  Ich  wollte  mich  nicht  in  dein  Geheimnis  drängen.  Aber 
irgendwie  hatte  ich  Angst  um  dich.  Du  weißt  nicht,  wie  eigenartig  du 
manchmal  sein  kannst.  Seltsam  fremd.  Ich  hatte  die  wildesten 
Vermutungen,  und  dann  war  ich  so  erleichtert,  daß  ich  alles  um  mich 
herum vergaß. 

Jason legte wortlos die Fingerspitzen auf ihren Mund. Isabelle küßte 

sie, schob sie aber dann weg. 

- Ich muß dir noch etwas sagen, Jason. Du bist zu nichts verpflichtet. 

Du mußt dich nicht um mich und das Kind kümmern. Wir schaffen es 
auch allein. Ich… - Ihre Stimme bebte, aber sie sprach tapfer weiter. - 
Ich will keine Belastung für dich sein. Du hast nicht die Pflicht, bei mir 
zu  bleiben,  nur  weil  ich  blind  bin.  Widersprich  mir  nicht,  bitte.  Aber 
wenn du möchtest, daß wir zusammen leben, dann behandle mich bitte 
nicht  wie  ein  Dummchen.  Ich  will  deine  Partnerin  sein,  die  andere 
Hälfte von dir. Ich will alles, deine Liebe und dein Vertrauen. Wenn ich 
dich mit einer Toten teilen muß, verzichte ich lieber. 

Jason  küßte  die  Tränen  weg,  die  unter  ihren  geschlossenen  Lidern 

hervorquollen. 

Endlich, nach endlosen Sekunden begann er zu sprechen. 
- Ich kann ohne dich nicht mehr leben! 
Isabelle  stieß  zitternd  den  angehaltenen  Atem  aus.  Sie  streckte  die 

Hände aus und zog seinen Kopf zu sich herunter. 

- Küß mich! - wisperte sie an seinen Lippen. 
- Aber, Kleines, dein Kopf. Der Professor hat gesagt, du hast… 
- Ein bißchen Schmerzen. Ist deswegen Küssen verboten? 
Isabelle preßte ihren Mund auf den seinen. Eine Berührung, die sie 

beide die Welt vergessen ließ. Isabelle wußte, daß dies der glücklichste 
Moment ihres Lebens war. 

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80 

Ewigkeiten  vergingen,  ehe  sie  mit  einem  Seufzer  ins  Kissen 

zurücksank  und  die  Lider  öffnete.  Eine  sinnlose  Bewegung,  immer 
wieder  wurde  ihr  das  bewußt.  Sie  hatte  die  Augen  bereits  wieder 
geschlossen,  als  ihr  klar  wurde,  daß  sie  eben  den  Eindruck  von 
Helligkeit  gehabt  hatte.  Lichtgraue  Schleier,  schattenhafte  Konturen. 
Unwillkürlich hielt sie die  Luft an.  Litt sie schon unter Einbildungen? 
Hatten  die  seelischen  Erschütterungen  der  letzten  Zeit  sie  so 
mitgenommen? 

Ihre  Hand  krampfte  sich  um  Jasons  Arm,  und  er  sah  erstaunt  ihr 

ernstes,  blasses  Gesicht.  Isabelle  starrte  ihn  an,  als  könnte  sie  ihn 
sehen! 

Er ahnte nicht, daß sich nach und nach die nebelhaften Umrisse vor 

ihren Pupillen klärten. 

Sie  sah  den  Mann  an  ihrem  Bett.  Sie  sah  ihn  wirklich!  Reglos 

versuchte  Isabelle  diesen  Traum  -  denn  dafür  hielt  sie  das  Ganze  - 
festzuhalten. Jede Einzelheit seines Gesichtes wollte sie sich einprägen. 

Er sah gut aus. Ein Mann, bei dem jede Frau den Atem anhielt. Ganz 

besonders,  weil  das  feine  Strahlennetz  der  Augenfältchen  und  die 
Furchen,  die  von  der  Nase  zum  Mundwinkel  liefen,  seinem  Gesicht 
einen Hauch männlicher Verwegenheit gaben. 

Verwirrt  begegnete  Isabelle  seinem  Blick.  Solange  er  nicht  sprach, 

war er ihr fremd. Ein Mann, den sie eben erst entdeckt hatte. 

- Isabelle, Kleines! Was ist mit dir? - Ihre starre Miene beunruhigte 

Jason. - Fühlst du dich nicht wohl? 

Sie  konnte  ihm  nicht  antworten.  Ihre  Kehle  war  wie  zugeschnürt. 

Jason sprang auf und lief zur Tür. 

-  Schwester!  Bitte,  holen  Sie  Professor  Lockwood,  schnell!  -  Er 

kehrte zum Bett zurück und sprach beruhigend auf Isabelle ein. 

-  Keine  Angst,  Brian  hilft  dir.  Beweg  dich  nicht.  Alles  wird  gut 

werden. Ich bin ja bei dir… 

Schnelle Schritte näherten sich. Mit wehendem weißen Mantel kam 

der Professor ins Zimmer.  Isabelles Blick wanderte von Jasons blauen 
Augen zu den dunkelbraunen Brian Lockwoods. 

Der Professor schob die schmale Metallbrille in die Stirn und stutzte. 

Wortlos  prüfte  er  mit  einem  kugelschreibergroßen  Instrument  die 
Reaktion ihrer Pupillen. 

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81 

Dann räusperte er sich und fragte leise:  
- Isabelle… können Sie… können Sie etwas erkennen? 
Jason fuhr zusammen.  
- Wie… wie meinst du das? Du glaubst doch nicht… 
-  Schau!  -  Der  nadeldünne  Lichtstrahl  tanzte  über  ihre  Pupillen. 

Isabelle  schloß,  geblendet  von  der  Helligkeit,  die  Augen.  Die 
Dunkelheit war wie ein schützender, wohlbekannter, sicherer Freund. 

Jasons  Hände  schlössen  sich  erregt  um  ihr  Gesicht.  Er  beugte  sich 

ganz nahe zu ihr hinunter. 

-  Isabelle,  bitte  antworte  uns…  kannst  du…  -  er  hatte  sichtlich 

Mühe, das Wort auszusprechen, - kannst du uns…sehen? 

Mit einer schwerfällig automatischen Bewegung nickte Isabelle. Sie 

drehte den Kopf und preßte ihre Lippen auf Jasons Hand. 

Er  spürte  die  Feuchtigkeit  ihrer  Tränen  und  hörte  die  gehauchten 

Worte:  

- Ich… ich begreife es nicht… 
Der  Professor  erfaßte  sehr  wohl  den  Unterton  von  Panik  in  ihrer 

Stimme. Schnell und routiniert gab er seine Anweisungen. 

- Ich lege Sie auf die Intensiv-Station, Isabelle. Ich möchte jetzt kein 

Risiko  eingehen,  Sie  sind  zu  erregt.  Wir  müssen  auch  an  das  Baby 
denken. Ein Glück, daß ihm bei dem Sturz nichts passiert ist. 

Isabelle nickte ergeben. Sie merkte selbst, wie sie an allen Gliedern 

zu  zittern  begann.  Alles  war  ein  bißchen  zu  schnell  über  sie 
hereingebrochen.  Trotzdem  hatte  sie  noch  eine  Frage,  und  Brian 
Lockwood gab ihr die Antwort, ohne daß sie sie aussprechen mußte. 

-  Soweit  ich  das  im  Moment  sagen  kann,  hat  sich  meine  Diagnose 

bestätigt,  Isabelle.  Ich  habe  immer  angenommen,  daß  ihre  Blindheit 
nicht  ursächlich  auf  den  Unfall  zurückzuführen  ist,  sondern  auf  einen 
seelischen  Schock.  Meine  Behandlung  hätte  versucht,  diese  Blockade 
mit  therapeutischen  Mitteln  zu  brechen.  Die  Ereignisse  der 
vergangenen  Stunden  scheinen  mir  diese  Arbeit  abgenommen  zu 
haben.  Weitere  Einzelheiten  werden  unsere  Untersuchungen  ergeben. 
Im  Moment  ist  es  wichtig,  daß  Sie  erst  einmal  ruhig  gestellt  werden. 
Jason, du verabschiedest dich besser. 

-  Aber  ich…  -  protestierte  er,  brach  aber  sofort  ab.  Die  Miene  des 

Professors  zeigte  deutlich,  daß  er  Isabelles  Zustand  bedenklich  fand. 

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82 

Und  so  war  der  Schatten  seiner  hochgewachsenen  Gestalt  der  letzte 
Eindruck,  den  Isabelle  mitnahm,  ehe  ihr  Bett  aus  dem  Zimmer  gerollt 
wurde. 

 

*** 

 
Isabelle stand am Fenster, als Jason das Zimmer betrat. Sie blickte in 

den Park hinaus, als könne sie es immer noch nicht fassen, daß sie das 
Grün  der  alten  Bäume  und  den  blaßblauen  Pariser  Himmel  wirklich 
sehen konnte. 

Sie  trug  eine  Leinenhose  und  einen  grobmaschigen  Baumwollpulli 

aus  naturfarbenem  Garn.  Die  Sonne  zauberte  leuchtende  Reflexe  auf 
ihre rotgoldenen Haare, und Jason blieb verunsichert stehen. 

Zwei  lange  Tage  hatten  sie  sich  nicht  gesehen.  Der  Professor  hatte 

darauf  bestanden,  Isabelle  total  von  der  Umwelt  abzuschirmen,  aber 
heute hatte er ihre Akte geschlossen. 

Isabelle  hatte  Jason  nicht  gehört,  da  sie  den  Vögeln  im  Park 

lauschte. Doch sie spürte seine  Anwesenheit und drehte sich ruckartig 
um. 

Jason zuckte zusammen. Isabelles zarte Schönheit, die sie so hilflos 

und mädchenhaft hatte wirken lassen, war nicht mehr da. Vor ihm stand 
eine hinreißende junge Frau mit strahlenden Augen. 

- Was guckst du so? Gefalle ich dir nicht mehr? - fragte sie. 
Mit  ein  paar  schnellen  Schritten  war  er  bei  ihr  und  riß  sie  in  seine 

Arme. Während Isabelle ihre weichen Lippen auf seinen Mund preßte, 
hielt er sie so fest, als ob er sie nie wieder loslassen wollte. 

Ihre  Hände  verwuschelten  seine  Haare  und  streichelten  über  sein 

Gesicht. 

-  Ich liebe dich,  Isabelle! Du ahnst nicht, wie sehr ich dich liebe! - 

murmelte Jason zwischen ihren heißen Küssen. 

- Weitermachen! - befahl sie schelmisch. - Schwüre dieser Art kann 

ich nie genug von dir hören. 

Er  lachte  und  schwenkte  sie  übermütig.  Lachend  und  etwas 

schwindelig taumelten sie schließlich auf das weißbezogene Klinikbett. 

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83 

- Wenn du so weitermachst, komme ich auf dumme Gedanken, und 

ich  glaube  nicht,  daß  Brian  begeistert  wäre,  wenn  wir  uns  allzu  intim 
miteinander beschäftigen. 

Isabelle  nickte  ein  bißchen  verlegen.  Sie  erkannte  sich  selbst  nicht 

mehr. Die 

so lange unterdrückte Sehnsucht hatte sie mitgerissen. 
- Vielleicht hast du recht. - Sie strich ihren Pulli glatt. Jason konnte 

es  nicht  unterlassen,  das  großzügige  Dekollete  zu  küssen  und  ihren 
festen Busen mit einer Hand zu streicheln. 

Schließlich entzog sich Isabelle ihm.  
- So kommen wir nie nach Hause, mein Lieber! Und du bringst mich 

doch nach Hause…? 

Er nickte und spielte mit einer Strähne ihres Haares.  
- Vielleicht wird es mit deiner Hilfe endlich ein Zuhause! 
Professor  Lockwood  entdeckte  die  beiden  zufällig  bei  einem  Blick 

aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. 

Hand  in  Hand  liefen  sie  wie  zwei  übermütige  Kinder  den  Weg  zur 

Villa  entlang.  Wenn  er  jemals  zwei  Menschen  viel  Glück  gewünscht 
hatte, dann diesen beiden. 

Aber  noch  waren  nicht  alle  Hindernisse  beseitigt.  Was  würde 

Isabelle in den nächsten Tagen und Wochen an Jasons Seite erwarten? 

 

*** 

 
Der  erste  Blick  der  jungen  Frau  galt  der  geschlossenen  Tür  des 

Musikzimmers. Kein Schlüssel steckte. 

Nun, ich werde ja sehen, sagte sich Isabelle und folgte Jason in den 

hellen,  sonnigen  Wohnraum.  Madame  Olga  und  Renato  warteten  dort 
auf sie. 

Gerührt fielen sich die beiden Frauen in die Arme. Zwischen ihnen 

bedurfte es keiner Worte. 

Renato  erhielt  die  typisch  französischen  Begrüßungsküßchen  auf 

beide Wangen, die ihn erst irritierten, aber dann sichtlich erfreuten. 

Isabelle sah sich unternehmungslustig um.  
- Wißt ihr, was ich jetzt habe? 
Sie lächelte über die fragenden Blicke.  

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84 

-  Hunger  wie  ein  sibirischer  Steppenwolf!  Ich  gehe  jetzt  in  die 

Küche  und  esse  systematisch  einen  Vorratsschrank  nach  dem  anderen 
leer!  -  Dann  war  sie,  nach  einer  spielerischen  Pirouette,  auch  schon 
verschwunden. 

Jason flimmerte es regelrecht vor Augen. Durch Isabelles Blindheit 

an  langsame,  bedachte  Bewegungen  gewöhnt,  entdeckte  er  jetzt  ein 
flinkes  Teufelchen,  das  sich  noch  dazu  über  seine  Verwirrung 
amüsierte. 

Draußen  dämmerte  es  bereits,  als  das  improvisierte  „Küchen-

Picknick“ rund um den  blankgescheuerten Holztisch langsam zu Ende 
ging. 

Madame  Olga  hatte  ihre  Kochkünste  mit  einem  Kräuter-Omelett 

unter  Beweis  gestellt.  Isabelle  hatte  soviel  Rotwein  getrunken,  daß 
Jason schließlich protestierte. 

- Du darfst nicht soviel Alkohol trinken, Cherie. Denk an das Baby! 
Isabelle stupste lächelnd mit dem Zeigefinger an seine Nasenspitze.  
- Ach ja? Gut, schließen wir einen Pakt! Du trinkst vor siebzehn Uhr 

nachmittags kein Schlückchen Alkohol mehr, und ich beschränke mich 
bis  Januar  auf  Milch  und  Fruchtsaft!  -  Sie  hielt  ihm  ihre  schmale 
Rechte hin. - Einverstanden? 

Das Gelächter der anderen ließ Jason gespielt finster aufschauen. 
- Da bin ich ja in eine Räuberhöhle geraten! - protestierte er. Doch er 

ergriff Isabelles Hand und küßte sie leidenschaftlich. 

Isabelles  vom  Wein  gerötete  Wangen  wurden  noch  einen  Ton 

dunkler,  als  sie  das  verheißungsvolle  Streicheln  seiner  Zungenspitze 
spürte. 

-  Am  besten,  ich  entführe  die  Prinzessin  jetzt,  -  setzte  Jason  den 

Spaß fort, da er  Isabelles Verlegenheit richtig deutete. -  Hier  gerät sie 
doch nur unter schlechten Einfluß! 

- Und was halten Sie von einem Abendspaziergang durch den Park? 

- erkundigte sich Renato höflich bei Madame  Olga, die  geschmeichelt 
auf das Angebot einging. 

Jason erfaßte den diplomatischen Hintergrund dieser Einladung und 

meinte, als sie die Treppe hinaufgingen beiläufig zu Isabelle:  

- Ich glaube, es wird Zeit, daß wir heiraten, sonst fühlen sich unsere 

beiden  Anhänger  in  ihren  moralischen  Grundsätzen  ganz  schön 

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85 

erschüttert.  Gehört  sich  ja  auch,  daß  die  unschuldige  Schöne  kein 
uneheliches Kind auf die Welt bringt… oder? 

Isabelle  blieb  mitten  auf  der  Treppe  stehen  und  schlug  mit  Fäusten 

wütend auf die breite Männerbrust. 

- Willst du damit sagen, daß du die bodenlose Frechheit besitzt, mir 

hier  so  ganz  nebenbei  einen  Heiratsantrag  zu  machen?  Wo  bleibt  der 
Kniefall?  Wo  sind  die  Blumen?  Wo  die  Geschmeide,  das  nächtliche 
Ständchen? Ich denke gar nicht daran, so einen groben Klotz wie dich 
zu heiraten! 

- Ha! - Jason nahm sie kurz entschlossen auf die Arme, trug sie nach 

oben  und  stieß  mit  dem  Ellbogen  die  Schlafzimmertür  auf.  Mit  dem 
Absatz  knallte  er  sie  wieder  zu  und  ließ  seine  süße  Last  dann  auf  das 
breite Bett gleiten. 

- Dann wirst du eben ohne Trauschein vergewaltigt. Bei Räubern ist 

das  so  Sitte!  -  Unter  Gelächter  preßte  er  Isabelle  mit  seinem  ganzen 
Gewicht in die Kissen. Isabelle begann mit Hingabe an seinem rechten 
Ohrläppchen zu knabbern. 

- Sag mal, bist du ein Vampir? - erkundigte sich Jason grinsend und 

brachte sein Ohr in Sicherheit. 

-  Von  wegen!  -  Isabelle  rollte  sich  geschickt  unter  ihm  hervor  und 

richtete sich auf. Dann drückte sie Jason in die Kissen. 

- Schon mal was von der Raupe Nimmersatt gehört? Die wird dich 

jetzt  mit  Haut  und  Haaren  zum  Dessert  verspeisen?  -  erklärte  sie  und 
begann sein Hemd aufzuknöpfen. 

Nach  jedem  Knopf  tupfte  sie  einen  Kuß  auf  das  frei  werdende 

Stückchen Haut und streichelte es mit ihren Fingerspitzen. 

- Schatz, du machst mich schwach… - murmelte Jason mit belegter 

Stimme. 

-  Ist  genau  meine  Absicht!  -  Ungerührt  machte  Isabelle  weiter  und 

flüsterte,  ohne  ihn  anzusehen:  -  Ich  möchte  dich  kennenlernen,  mein 
Liebster.  Ich  weiß,  was  du  fühlst,  was  du  denkst…  aber  wie  du 
aussiehst, weiß ich nicht… 

An den Schauern, die über seine Haut flogen, erkannte sie, daß auch 

ihn dieses leidenschaftliche Spiel nicht kühl ließ. Langsam zog sie das 
Hemd aus seinem Gürtel und streifte es ihm über den Kopf. 

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86 

-  Ich  habe  mir  Pianisten  immer  blaß,  schwächlich  und  so 

vorgestellt… - sagte sie. 

Jason  verpaßte  ihr  einen  strafenden  Klaps  auf  den  Po.  Isabelle  ließ 

sich  nicht  stören.  Ihre  Hände  zogen  jetzt  den  Reißverschluß  seiner 
Jeans auf. Jason las Bewunderung in ihren Augen, als Isabelle auch den 
schmalen  Slip  entfernt  hatte.  Sie  setzte  sich  auf  ihre  Füße  zurück  und 
betrachtete das Wunder dieses Männerkörpers, von dem sie bisher nur 
geträumt hatte. 

Jason 

begriff, 

was 

in 

ihr 

vorging. 

Aber 

auch 

seine 

Selbstbeherrschung hatte ihre Grenzen. 

- Findest du nicht, daß du ein bißchen zuviel anhast? - erkundigte er 

sich rauh und zog sie näher.  Isabelle  gab ihm einen Kuß auf die  Nase 
und  schlüpfte  geschmeidig  aus  ihrem  Pulli.  Rasch  fielen  auch  die 
anderen Hüllen. 

Jason stöhnte auf, als sich ihre Brüste mit den harten rosa Spitzen in 

das dichte Haargekräusel auf seiner Brust preßten. 

Mund  an  Mund  begegneten  sich  ihre  heißen  Zungen  zu  einem 

verführerisch glühenden Spiel. 

Es war eine besondere Nacht, die sie beide erlebten. Stunden voller 

Verzückung, voll verzehrender, hemmungsloser Leidenschaft. 

Sie waren eins in dem Bewußtsein, daß sie mehr aneinanderband als 

nur  ein  flüchtiger  Rausch  der  Sinne.  Sie  waren  zwei  Hälften,  die  sich 
gefunden hatten und nur zusammen vollkommen sein konnten. 

Längst hatte Jason die Initiative übernommen und liebkoste Isabelles 

Körper mit Küssen, bis sie um Erlösung flehte. 

Sie  sahen  sich  an,  als  Jason  endlich  zu  ihr  kam  und  sekundenlang 

reglos in ihr verharrte. Sie ließen den Blick nicht voneinander, während 
Jason  sie  erst  zögernd,  dann  immer  schneller  in  seinen  Rhythmus 
mitriß. 

Isabelle schrie auf, als die Welt um sie herum zu explodieren schien 

und eine Welle der Lust sie davontrug… 

 

*** 

 
Irgendwann  in  den  stillen  Stunden  nach  Mitternacht,  geborgen  in 

Jasons Armen und in die silberne Lichtbahn des Mondes blinzelnd, der 

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87 

durch  die  offenen  Fenster  hereinschien,  fand  Isabelle  auch  den  Mut, 
über all die Schrecknisse zu sprechen, die bei der Untersuchung in der 
Klinik wieder in ihrem Bewußtsein aufgetaucht waren. 

- Ich war gar nicht sofort ohnmächtig, Jason. Ich glaubte es nur die 

ganze Zeit. Es war so eine Art „Filmriß“, hat mir der Professor erklärt. 
Ich  konnte  nicht  ertragen,  was  passierte,  und  wollte  einfach  nicht 
glauben, was ich sah. Raimonds Tod war zu entsetzlich. 

-  Wer  war  Raimond?  -  Seine  ruhige  Stimme  erleichterte  ihr  die 

Erinnerung. 

-  Wir  waren  verlobt.  Ich  hatte  Raimond  auf  einer  Party 

kennengelernt,  kurz  nach  meinem  Schulabschluß.  Er  sah  umwerfend 
aus,  ein  glutäugiger  Südfranzose,  immer  gut  gelaunt,  temperamentvoll 
und  sportlich.  Er  studierte  Medizin,  und  unsere  Familien  waren  sehr 
angetan  von  der  Verbindung.  Nur  Pierre,  der  nach  dem  Tod  meiner 
Eltern  eine  Art  Vormund  spielte,  war  dagegen.  Natürlich  setzte  ich 
meinen  Willen  durch,  aber  Pierre  mischte  sich  ständig  ein.  Unter 
anderem  interessierte  er  sich  sogar  dafür,  ob  ich  auch  die  Pille  nahm. 
Raimond platzte fast vor Wut, als ich es ihm erzählte. 

-  Am  Unfallabend  waren  wir  in  St.  Maxime  in  einer  Disco.  Pierre 

kam zufällig dazu und verdarb uns die Stimmung so gründlich, daß wir 
eher  aufbrachen.  Raimond  fuhr  einen  dieser  dreisitzigen  Sportwagen, 
eine  Rakete.  Auf  der  Fahrt  kam  es  wegen  dieser  blöden  Pillen-
Geschichte  zum  Streit.  Raimond  beleidigte  Pierre,  und  der  war  so  in 
Rage,  daß  er  ins  Steuer  griff.  Den  Rest  kannst  du  dir  vorstellen. 
Raimond  fuhr  wie  immer  zu  schnell.  Er  konnte  nie  etwas  langsam 
machen. Der Wagen geriet ins Schleudern und raste gegen einen Baum. 
Ich  wurde  herausgeschleudert.  Als  ich  wieder  zu  mir  kam,  sah  ich 
Pierre.  Er  hatte  nur  ein  paar  harmlose  Schrammen  und  stand 
bewegungslos vor dem brennenden Auto. 

Isabelle  klammerte  sich  an  Jason,  und  er  konnte  das  Entsetzen 

spüren, das sie überlief. 

-  Verstehst  du?  Er  stand  reglos  da  und  sah  zu,  wie  Raimond  hinter 

dem Steuer verbrannte.  Ich  glaube, daß ich in diesem Augenblick den 
Verstand verlor. Irgendwann kam ich wieder zu mir, und alles um mich 
war dunkel. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern. Der Unfall war in 
meinem  Kopf  wie  ausgelöscht.  Also  glaubte  ich  Pierres  angebliche 

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88 

Verzweiflung  und  seine  Selbstvorwürfe.  Was  sollte  ich  sonst  tun?  Ich 
war ein Pflegefall, und Raimond, der einzige Mensch, der mir geholfen 
hätte, war tot. 

Sie  schwieg.  Jason  streichelte  zärtlich  ihre  Schultern  und  ließ  ihr 

Zeit, sich zu fassen. Dann sagte er:  

-  Bewahre  Raimond  einen  Platz  in  deiner  Erinnerung,  aber  vergiß 

den Unfall. Denk an die Zukunft, an uns und unser Kind. Der Alptraum 
ist endlich vorüber. Du mußt nur noch eine Entscheidung treffen… 

Isabelle nickte.  
- Ich weiß, Pierre. 
- Du willst… - er zögerte ein bißchen, - ihn strafen? 
Isabelle gab einen Laut von sich, der halb Seufzer und halb Protest 

war.  

- Ich weiß nur eines, ich möchte ihn nie wiedersehen. Ich kann nicht 

beweisen,  daß  er  Raimond  absichtlich  verbrennen  ließ.  Aber  sein 
Verhalten  mir  gegenüber,  zeigt,  daß  dieser  Verdacht  nicht  von  der 
Hand  zu  weisen  ist.  Er  soll  sich  aus  der  Firma  zurückziehen.  Die 
Anwälte werden entsprechende Verträge ausarbeiten. Er bekommt sein 
Pflichtteil, und der Fall ist erledigt. Ich glaube, daß ihn das mehr treffen 
wird  als  jede  andere  Strafe.  Wirst  du  von  jetzt  an  mein  Vertreter  sein 
und diese Gespräche für mich führen? 

-  Natürlich.  Aber  die  Anwälte  werden  durch  deinen  Entschluß  viel 

Geld  verdienen.  Du  weißt,  daß  solche  Trennungen  nicht  problemlos 
sind? 

Isabelle nickte.  
- Das ist mir egal. Ich bin nicht so fanatisch mit Delorme-Cosmetics 

wie Pierre, aber ich muß an unser Kind denken. Wenn es ein Mädchen 
wird,  tritt  Großvaters  verrücktes  Testament  wieder  in  Kraft  und 
außerdem…  -  in  ihren  Worten  klang  gutmütiger  Spott  mit,  -  …im 
Moment  ist  dein  Einkommen  wohl  unregelmäßig,  hm?  Kannst  du  dir 
dieses Lustschloß überhaupt leisten?  

- Du freches, kleines Ding! - schimpfte Jason. Doch seine Küsse und 

seine Hände sprachen eine ganz andere Sprache. 

 

*** 

 

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89 

Der  dunkelblaue  Kastenwagen  ohne  Firmenaufschrift  fiel  Jason  bei 

seiner  Rückkehr  am  nächsten  Mittag  sofort  auf.  Er  parkte  direkt  vor 
dem  Hauseingang,  und  der  Blick  ins  leere  Führerhaus  brachte  keine 
Erklärung. Außer einer Thermosflasche und der neuesten Ausgabe von 
Paris Match war nichts zu entdecken. 

Isabelle  hatte  Jason  gesehen  und  kam  ihm  entgegen.  Sie  flog 

förmlich in seine Arme, und einmal mehr bewunderte er ihre graziösen 
Bewegungen. 

- Haben wir Besuch? - murmelte er, ohne die Lippen mehr als einen 

Millimeter von ihrem Mund zu heben. 

-  So  etwas  Ähnliches,  komm  herein.  Erzähl  mir,  wie  es  war!  - 

Isabelle zog Jason ungeduldig in das große Terrassenzimmer, schubste 
ihn in einen der Sessel und setzte sich auf seinen Schoß. 

Im  dunklen  Anzug  mit  modischer  Krawatte  und  passendem  Hemd 

sah  er  ungewohnt  aus,  aber  mindestens  ebenso  attraktiv  wie  im 
Freizeitlook.  Sie  sagte  es  ihm  mit  vielen  Küssen,  während  sie  seine 
Krawatte über zwei Finger rollte. 

- Erspare mir die Einzelheiten, - meinte Jason, als er endlich zu Wort 

kam. - Pierre tobt und hält mich für den Schurken in diesem Stück, aber 
er  muß  nachgeben.  Euer  Firmenanwalt,  der  auf  deiner  Seite  zu  stehen 
scheint,  hat  ihm  keine  Hoffnung  gelassen.  Du  wirst  dich  mit  ihm  in 
Verbindung  setzen  müssen,  um  die  Details  zu  klären.  Kosmetik  und 
Parfüms sind nicht mein Spezialgebiet. 

Isabelle schien mehr auf die Männerstimmen im Flur zu hören. Dann 

klappte  die  Haustür,  und  Renato  trat  ein.  Bei  Jasons  Anblick  erschrak 
er etwas, faßte sich aber schnell. 

Er nickte Isabelle zu. Jason runzelte die Stirn. Die beiden erinnerten 

ihn an Verschwörer. 

-  Was  ist  hier  eigentlich  los?  -  wollte  er  wissen.  Doch  Renato 

vermied seinen Blick und verließ sofort das Zimmer. 

-  Was  auch  immer  es  ist,  es  war  deine  Idee,  und  Renato  lehnt 

demonstrativ jede Verantwortung dafür ab. 

-  So  könnte  man  es  nennen,  -  bestätigte  Isabelle  gelassen.  - 

Versprichst  du  mir,  mich  in  Ruhe  anzuhören  und  nicht  gleich  zu 
brüllen?  

Jason lehnte sich zurück und rückte etwas von ihr ab.  

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90 

-  Das  kann  nur  bedeuten,  daß  du  mit  mir  über  mich  sprechen 

möchtest, stimmt's? 

Isabelle lehnte ihr Gesicht an seine Wange und fuhr mit einer Hand 

durch seine Haare. 

-  Über  uns,  Jason.  Nur  über  uns.  Willst  du  nicht  endlich  einsehen, 

daß  du  deine  Tage  nicht  mehr  damit  verbringen  kannst,  in  der 
Weltgeschichte  herumzureisen,  schwarze  Zigaretten  zu  rauchen  und 
Pastis zu trinken? 

- Heute habe ich noch keinen Tropfen getrunken? - protestierte er. 
- Du, das war kein Witz.  Ich meine  es ernst. Du bist kein Playboy, 

sondern  Jason  Jeffrey  Sandhurst,  und  ich  finde,  das  ist  eine  Art 
Verpflichtung. 

-  Ich  meine  es  auch  ernst,  Isabelle.  Ich  kann  nicht  mehr  spielen.  - 

Man merkte Jason an, wie schwer ihm die Worte fielen. -  Ich habe es 
versucht…  es  geht  nicht  mehr.  Irgend  etwas  ist  kaputt,  seit  Cathy 
gestorben  ist.  Ich  kann  mich  nicht  an  den  Flügel  setzen  und  mir 
zuhören, wie ich die Noten ohne Herz und Seele herunterklimpere. 

- Jason! Isabelles Lippen streiften seine Schläfe. 
- Du mußt mir nicht sagen, daß das Leben schwierig sein kann. Ich 

weiß das. Aber ich weiß auch, daß es immer einen Weg geben muß! 

- Ich kann nicht. 
-  Versuch  es  wenigstens!  Komm  mit  ins  Musikzimmer.  -  Sie  stand 

auf und wollte ihn hochziehen. 

-  Laß das, bitte.  Ich  will nicht ins Musikzimmer. Meinetwegen soll 

Renato auf dem verstimmten Steinway spielen, aber ich nicht. 

Isabelle  beugte  sich  vor,  suchte  seinen  Blick  und  erkannte  traurig, 

wie trostlos grau und stumpf seine blauen Augen wirkten. Aber sie gab 
nicht auf. Sie wollte kämpfen und ihn wachrütteln. Sie mußte es tun. 

Sie zwang sich zur Heiterkeit.  
-  Ach  herrje…  jetzt  ist  unser  Künstler  im  Selbstmitleid  versunken. 

Bitte  bring  mich  nicht  zum  Weinen,  Mister  Sandhurst.  Außerdem  ist 
der  Steinway  dank  deiner  künftigen  Gattin  gestimmt.  Der  Mann  hat 
drei  Stunden  an  dem  Instrument  geschuftet.  Er  war  überrascht,  ein  so 
kostbares und seltenes Instrument in unserem Haus vorzufinden, das so 
lange nicht gespielt worden ist. 

- Isabelle! - Er sprang auf. 

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91 

Sie ging zur Tür und öffnete sie.  
- Wirst du freiwillig ins Musikzimmer kommen, oder muß ich dich 

hinschleppen? 

Isabelle  sah,  wie  es  in  seinem  Gesicht  arbeitete.  Sie  durfte  nicht 

nachlassen.  Sie  mußte  Jason  an  das  Instrument  bekommen,  ehe  er 
erkannte, daß sie sich längst nicht so sicher war, wie sie tat. 

-  Soll  ich  dich  für  albern  halten?  -  Ihr  kühler,  fast  arroganter  Ton 

verriet nicht, wie ihr Herz raste. 

Der Vorwurf traf ihn. Betont lässig ging er an ihr vorbei. 
- Also gut, da du ja doch keine Ruhe gibst, überzeug dich selbst, daß 

es sinnlos ist… 

In der Tür zum Musikzimmer blieb er verblüfft stehen. Isabelle hatte 

im  ganzen  Raum  Vasen  mit  frischen  Sommerblumen  verteilt. 
Margeriten,  Rittersporn,  feurige  Dahlien  und  verschwenderisch 
blühende Sommerrosen leuchteten in allen Farben. 

Massig, schwarz und wunderschön hob sich der kostbare Flügel vor 

diesem  prächtigen  Rahmen  ab.  Seidig  glänzte  die  frisch  polierte 
Tastatur. 

Jason griff zum Hals und lockerte Kragen und Krawatte, als bekäme 

er keine Luft. 

-  Die  Kritiker  haben  dir  bescheinigt,  daß  du  einer  der  wenigen 

Pianisten  bist,  die  ihre  Technik  mühelos  und  wie  im  Schlaf 
beherrschen. So etwas verlernt man nicht, - sagte Isabelle leise. 

Jason blickte auf seine Hände. Lange, schmale Hände mit schlanken, 

sensiblen Fingern. 

Isabelle  biß  sich  so  fest  auf  ihre  Unterlippe,  daß  es  weh  tat.  Jason 

rührte sich nicht. 

Isabelle  trat  vor.  Energisch  wie  ein  tapferer  kleiner  Soldat  kämpfte 

sie mit Worten. 

-  Jason,  du  weißt,  daß  ich  dich  mehr  liebe  als  alles  auf  der  Welt. 

Diese Liebe gibt mir auch das Recht, dich ehrlich und ungeschminkt zu 
sehen.  Ich will nicht die Frau eines frustrierten  Weltenbummlers ohne 
Beruf  und  Aufgabe  sein.  Solange  du  allein  warst,  konntest  du  mit 
deinem Leben machen, was du wolltest. Aber du bist nicht mehr allein! 
Du hast eine Frau und bald auch ein Kind. Was willst du deinem Sohn 

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92 

oder  deiner  Tochter  antworten,  wenn  sie  dich  einmal  fragen,  was  du 
geschaffen hast? Daß du mutlos auf halber Strecke aufgegeben hast? 

Isabelle weinte, ohne es zu wollen. Unwillig wischte sie die Tränen 

mit dem Handrücken ab. 

- Verdammt, Jason, spiel endlich! - schrie sie ihn an. 
Er senkte bezwungen den Kopf. Isabelle wagte es nicht zu glauben. 

Hatte sie es geschafft? Mit zitternden Knien stand sie da. 

Tatsächlich  riß  Jason  sich  das  Jackett  ab  und  warf  es  achtlos  über 

einen Stuhl. Es wirkte wie die verzweifelte Vorbereitung für ein Duell. 

Schwer  ließ  er  sich  auf  der  Klavierbank  nieder  und  schlug 

vorsichtig, prüfend und langsam eine erste Tonleiter an. Das Instrument 
war perfekt. 

Ihre  Blicke  begegneten  sich.  Isabelle  versuchte  ein  Lächeln.  Sie 

hatte  die  Tränen  vergessen,  die  feuchte  Spuren  auf  ihre  Wangen 
zeichneten  und  ihren  Augen  einen  leuchtenden  Glanz  gaben.  Jason 
verlor sich in diesem Leuchten und begann zu spielen. 

Perlend, klar und rein reihte sich eine Tonfolge an die andere. Innig, 

voller  Kraft  und  Freude,  die  mit  zunehmendem  Spiel  triumphierend 
wuchs. 

Irgendwann  merkte  Isabelle,  daß  Renato  neben  ihr  stand  und  einen 

Arm  um  sie  legte.  Eine  Sekunde  lehnte  sie  sich  erschöpft  an  die 
Schulter des alten Herrn. 

Endlich wagte sie es, hinter Jason zu treten und die Arme um seinen 

Hals zu legen. 

Mit  einem  Ausdruck  im  Gesicht,  der  Isabelle  vor  Freude  erbeben 

ließ, wandte er sich halb zu ihr, um ihr einen Kuß auf die Nasenspitze 
zu  hauchen.  Er  hielt  inne.  Dann  griff  er  ein  neues  Thema  auf,  und 
Isabelle  erkannte,  daß  Jason  ihr  eine  Liebeserklärung  in  der  Sprache 
machte,  die  er  so  meisterhaft  beherrschte:  Er  spielte  den  Liebestraum 
von Liszt. 

Renato  hatte  Tränen  der  Rührung  in  den  Augen,  während  er  neben 

Madame Olga im Wohnzimmer saß und der Musik lauschte. 

Er  zwang  sich  zur  Beherrschung  und  brummte  mit  seinem 

fürchterlichen Akzent:  

-  Für  ein  öffentliches  Auftreten  wird  er  natürlich  noch  einige  Zeit 

arbeiten müssen, aber ich wage zu behaupten, daß er besser spielt als je 

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zuvor. Die schrecklichen Jahre haben ihm eine Reife verliehen, die man 
nicht  erlernen  kann.  Ich  wußte,  nur  eine  Frau  konnte  die  Wunden 
heilen, die ihm eine andere Frau aus Egoismus geschlagen hat. 

Madame  Olga  lächelte  über  den  südlichen  Überschwang  seiner 

Worte.  Sie  hatte  nie  daran  gezweifelt,  daß  Isabelle  ihren  Dickkopf 
durchsetzen würde. 

Draußen im Park hatte es sich der Klavierstimmer mit  Zeitung und 

Thermosflasche unter einer alten Eiche bequem gemacht. 

Es  war  12.30  Uhr  und  seine  Mittagspause  war  für  ihn  ein 

jahrzehntelanges,  geheiligtes  Ritual.  Es  war  ein  älterer  Herr,  der  im 
Laufe eines langen Berufslebens viele Musiker gehört hatte. 

Diese  Liszt-Interpretation  war  jedoch  auch  für  ihn  ein  nie  gehörtes 

Wunder.  Er  hatte  noch  keinen  Pianisten  gehört,  der  so  viel  zärtliche 
Innigkeit mit einer so verblüffenden technischen Brillianz paarte. 

Er ließ die Zeitung sinken und genoß die Musik. 
 

-ENDE-