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Camelot in Piratenhand 

von Götz Altenburg 

scanned by : horseman 

kleser: Larentia 

Version 1.0 

Im Westen brodelte Unruhe. 

Wehte der Wind von See, roch es nach Brand. Am Tage 

hingen leichte Rauchschleier zwischen Himmel und Erde. 
Nachts ging der Mond auf wie gelber Hauch.
 

In Camelot, Schloß und Land, bereiteten sie das 

Jubiläum vor. 

Sie hatten für nichts anderes Interesse als für König 

Artus' Ehrentag. 

Bis zu jenem Abend. 
Da erreichte ein Läufer mit dem letzten Licht die 

Waldringe vor dem Schloß. Der große, kräftige Mann war 

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bis auf ein Fell um die Lenden nackt. Er wankte und kam 
mehr taumelnd als laufend voran. Der Stumpf eines 
Pfeiles ragte aus seinem Rücken. 

 

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Ein gelbhäutiger Kerl mit rundem Gesicht saß auf dem Pferd, 
welches den Läufer verfolgte. Unerbittlich holte das Pferd auf. 
Sobald der Läufer den schnaubenden Atem des Tieres spürte, blieb er 
stehen. Er stemmte sich gegen den schrankbreiten Stamm einer 
Eiche. 

Der schlitzäugige Reiter hob den Krummsäbel zum entscheidenden 

Schlag. Die Klinge verfing sich im zähen Eichengeäst. Sie blieb 
hängen. Ehe der Reiter mit dem Gezweig fertig wurde, hatte der 
Läufer seine Chance erkannt. Ein Sprung. Der Krummsäbel blitzte in 
des Läufers Faust. Gedankenschnell traf die Klinge. Der Reiter kam 
nicht einmal zu einem Schrei. Bis zum Gürtel geteilt, rutschte er vom 
Pferd. 

Der Läufer bändigte das tänzelnde Tier. Er war ausgepumpt. Doch 

er gelangte in den Sattel. 

Der Nachhall des Hufschlags blieb im Wald und bei dem 

erschlagenen Reiter. Bis ein Wolfsrudel vorbeischaute und die 
willkommene Beute witterte. Das Wolfsgeheul trieb das Pferd mehr 
zur Eile an, als es Peitsche und Sporen vermocht hätten. Der Galopp 
wurde immer gestreckter. 

So kam der Brief des Einsiedlers Klaus nach Camelot und zu Ritter 

Roland. 

Der Einsiedler schrieb: »Vom Meer her fallen fremde Eroberer ins 

Land. Sie werden täglich zahlreicher. Wenn Du noch ein Herz hast 
für meine Heimat, so komm und hilf den armen Menschen, deren 
Not ich täglich sehen muß. Möge der Himmel Dich schützen!« 

Volker vom Hohentwiel hatte das Schreiben des Einsiedlers über 

Rolands Schulter mitgelesen. »Du wirst sofort für uns beide Urlaub 
erbitten. Ich lasse Louis und Pierre unverzüglich packen.« 

»Zunächst kümmere ich mich um den Mann, der den Brief brachte. 

Außerdem weiß ich nicht, ob es klug ist, gemeinsam zu reiten.« 

Den Einwand nahm Volker nicht an. »Sind wir nicht immer froh 

gewesen, unsere Abenteuer zusammen zu bestehen?« 

»Was früher gut war, braucht nicht auch in der Zukunft noch gut 

zu sein«, brummte Roland. Er war schon dorthin unterwegs, wo der 

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Bote jetzt sein mußte. Das Pferd, dieses so fremdländisch 
aufgezäumte, starke Tier, wäre unter ihm zusammengebrochen, hieß 
es. Er sei schwer verletzt, und der Feldscher zweifele an seinem 
Aufkommen. 

Schloß Camelot hatte ein eigenes Spital. Königin Ginevra 

kümmerte sich persönlich darum. Ihrem Einfluß war es zu 
verdanken, daß Feldscher Lombardi als Leiter des Spitals verpflichtet 
wurde. 

Lombardi begegnete den Freunden auf dem Flur. Er legte den 

Zeigefinger auf die Lippen. »Pst!« 

»Wo liegt der Mann aus Caind, Feldscher?« 
Auch Volker vom Hohentwiel erkundigte sich nach dem 

Verwundeten. »Lebt er überhaupt noch?« 

Gerade ging ein Krankenpfleger vorbei. Feldscher Lombardi griff 

in den Wust von Mull und Verbandszeug. Er hielt eine eigentümlich 
geformte Pfeilspitze hoch. 

»Das hatte der Verwundete im Rücken stecken. Wahrscheinlich 

wird er aber überleben. Kennst du ihn?« 

Ritter Roland schüttelte den Kopf. 
»Wie kann ich alle Menschen in Caind kennen? Aber mir liegt 

natürlich  daran, daß er gesund wird. Ist er so weit bei Verstand, daß 
ich ihm Fragen stellen kann?« 

Davon riet der Feldscher ab. 
»Gedulde dich wenigstens bis morgen früh.« 
Er gestattete den Freunden einen flüchtigen Blick auf den 

Verwundeten. 

»Kennst du ihn?« wollte auch Volker von Roland wissen. 
Von dem Verwundeten war nur das hagere Gesicht mit der 

Hakennase und dem breiten Mund zu erkennen. Wenn der struppige 
Bartwuchs und das verfilzte Haupthaar nicht trogen, hatte der Mann 
viele Tage nicht an Wasser und Körperpflege denken können. 

»Er erinnert mich irgendwie an Richard, den Leart of Caind. Aber 

wie könnte es zugehen, daß ein Caind Botendienst für meinen alten 
Lehrer Klaus verrichtet?« 

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Feldscher Lombard! besaß ein besseres Gehör als Roland und 

Volker. 

»Ich glaube, Ihre Majestät, die Königin, kommt mit Gefolge. 

Sicher wird sie aus erster Hand erfahren wollen, ob die Operation 
gelang.« 

Roland und Volker tauschten einen schnellen Blick. Feldscher 

Giovanni Lombardi galt als Experte auf dem Gebiet der Heilkunde. 
Manche hielten ihn sogar für einen Wundermann. Doch auch er kam 
an den ein wenig harten Betäubungsmethoden der Zeit nicht vorbei. 
Ihm stand kein anderes Mittel als der Alkohol zur Verfügung, mit 
welchem die Empfindungsfähigkeit des Patienten gedämpft  wurde. 
In ganz extremen Fällen löschte ein kräftiger Schlag mit stumpfer 
Keule das Bewußtsein des jeweiligen Patienten für geraume Zeit 
völlig aus. 

So, wie das Krankenzimmer nach Met, Branntwein und 

Gewürztrunk roch, mußte man den Verwundeten aus der Landschaft 
Caind recht kräftig unter Alkohol gesetzt haben. 

Jetzt vernahmen auch Roland und Volker die Menschen, die über 

den breiten Flur kamen. Feldscher Lombardi hatte sich nicht verhört. 
Es war Königin Ginevra mit dem üblichen Gefolge. 

König Artus' Gemahlin erregte Aufsehen, wo immer sie in 

Erscheinung trat. Ihre schlanke Gestalt erinnerte an eine Lanze. Das 
Gesicht hatte die Konturen der Jugend behalten. Es besaß eine Haut 
von perlenähnlichem Schmelz. Das rotblonde Haar darüber ließ an 
eine Krone von feinstem Gold denken. 

Giovanni Lombardi neigte sich zu Roland und dessen Freund 

Volker: »Sie hat dem unglücklichen Boten huldvolle Teilnahme 
bezeigt. Wir sind ihr persönlich für die Pflege verantwortlich. Es 
wird sie freuen, zu hören, daß er bald gesund ist.« 

Volker vom Hohentwiel verneigte sich formvollendet. Ritter 

Roland beneidete den Freund immer wieder um seine eleganten 
Bewegungen und sein glattes Benehmen. 

»Nehmt unseren Gruß«, sagte die Königin. Ihre Stimme hatte einen 

vollen, sympathischen Klang.  »Es ehrt euch beide, daß ihr den 

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Kranken besucht. Seinem Zustand nach zu urteilen, weht im 
Augenblick ein gar böser Wind durch unsere Seeprovinzen.« 

Ein Blick wie ein Blitz aus den enzianblauen Augen der hohen 

Frau zuckte über Roland. »Wann reitet Ihr, Ritter?« 

Roland verbeugte sich. 
»Ihr seht mich auf dem Wege. Euren Gemahl um Urlaub zu bitten, 

Majestät.« 

Die Königin lächelte fein: »Der ist schon so gut wie genehmigt, 

Roland.« 

Eine der Hofdamen Königin Ginevras hatte sich wie zufällig neben 

Volker gestellt. Sie flüsterte: »Wenn der, den ich meine, bei Rolands 
Unternehmen dabei ist, erwarte ich seinen Besuch ... zwischen 
Mitternacht und Morgen!« 

Die Hofdame, welche sich so äußerte, war von faszinierender 

Schönheit. 

Sie brachte es fertig, im Vorbeigehen Volker in die Seite zu 

kneifen. Kein Mensch gewahrte diese vertrauliche Berührung. 

Der Mann auf dem Wundlager stammelte zusammenhanglose 

Worte. Dazwischen tropften unverständliche Laute von seinen 
Lippen. Dann setzte ihm die Erinnerung zu. Er schrie deutlich: 
»Hilfe! Alle tot! Hilfe!« 

Feldscher Lombardi sorgte dafür, daß der fiebernde Mann still 

wurde. 

Roland und sein Freund Volker machten einen tiefen Kratzfuß vor 

der Königin. »Mit Verlaub, Majestät!« Dann suchten sie König Artus 
auf. 

Es sah aus, als habe der König sie erwartet. Er hörte sie an. Mochte 

es auch scheinen, als sei er zerstreut, jedes Wort prägte sich ihm ein. 

»Es ehrt dich, daß du deinem alten Lehrer helfen willst, Roland. 

So, wie die Dinge liegen, brauchen wir jemanden, der das Land 
bereist. Fahre also aus und melde nach Camelot, was immer du 
siehst. Versieh dich ausreichend mit Vorrat. Nehmt genug Pferde 
mit.« 

König Artus sprach kaum ein Wort zuviel. Er hielt Roland zurück, 

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als Volker schon gegangen war. »Läßt du mir deinen Waffenmeister 
da, den Falkner Waidenhold, Roland?« 

Roland hätte seinem König niemals eine Bitte abgeschlagen. »Aber 

ja, Herr! Möge Waidenhold dir gute Dienste leisten!« 

Trog der Anschein oder umspielte tatsächlich ein zufriedenes 

Lächeln die vollen Lippen des Königs? 

Waidenhold wollte Roland bei den Vorbereitungen zum Ausritt 

helfen. So erfuhr er gleich und aus erster Quelle, daß der 
Waffenmeister diesmal in Camelot bleiben mußte. 

»Dein König ist klug, Roland. Weiß der Himmel, wie er dahinter 

gekommen ist, daß ausgerechnet ich Erfahrung habe mit den 
räuberischen Barbaresken.« 

Nachdenklich betrachtete Waidenhold den Ritter. »Ich glaube, an 

deiner Seite könnte ich mehr leisten. Aber wer weiß, was die 
Majestät vorhat.« 

»Er ist der König, und wir haben zu gehorchen!« 
Während Roland alle Vorbereitungen traf, empfing Volker vom 

Hohentwiel einen Pagen. Der Page hatte ein besonders fein 
geschnittenes, schönes Gesicht. Volker erleichterte dem Jungen seine 
Mission. »Du sollst mich zu ihr bringen, nicht wahr?« 

»Ich soll weniger dies, als dich schlicht daran erinnern, daß es sie 

gibt und daß sie wartet.« 

»Gehen wir also!« 
Der Page trug eine kunstvoll geschmiedete Messinglaterne. Er 

leuchtete die Flure und Treppen aus. »Gute Nacht«, sagte er und 
stieß eine Tür auf, die sich lautlos in den Angeln drehte. 

Finsternis empfing Volker vom Hohentwiel. Doch die Dunkelheit 

roch gut und hatte nichts vom Ruch etwaiger Gefahr. Das 
butzenscheibige Fenster stand auf. Aus dem Schloßhof drang 
zirpiges Grillenkonzert in die Kemenate. Vom Alkoven her wurde 
ein weißer, schlanker Frauenarm sichtbar. Volker ging darauf zu. Die 
Arme umfingen ihn. 

»Sehnsucht meines Lebens«, flüsterte eine sanfte Stimme in des 

Sängers Ohr. »Komm und fühle selbst, daß ich nichts verlernt habe, 

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was dich glücklich macht.« 

Volker vom Hohentwiel blieb über den Anbruch des nächsten 

Morgens hinaus in der Kemenate. Als er schied, begleiteten ihn die 
besten Glück- und Segenswünsche der schönsten Hofdame aus dem 
Gefolge Königin Ginevras. 

Den Namen der Dame verriet Volker nicht einmal seinem Freunde 

Roland. Er hatte keinen Lidschlag lang geschlafen, als er sich in den 
Sattel schwang. Doch seine Laune war gut und so hell wie die Sonne. 
Das stand eigentlich in krassem Gegensatz zum Anlaß ihres 
Streifzuges durch das Land. 

Roland hatte den Boten des Einsiedlers Klaus nochmals besucht. 
»Es wird lange dauern, bis er damit fertig ist, doch er wird gesund. 

Er hat viel Scheußliches mitmachen müssen.« 

Die Qualen des Boten stellten auch das Thema der Unterhaltung 

zwischen den Knappen Louis und Pierre dar. 

»Sie haben seine Fußsohlen mit Salz bestrichen und dann Ziegen 

zu ihm gelassen. Natürlich war er dabei so festgebunden, daß er 
weder Arm noch Bein bewegen konnte.« 

Knappe Pierre staunte: »Und er hat unter der Tortur nicht alles 

gesagt, was die Eindringlinge wissen wollten?« 

»Er hat sogar dann geschwiegen, als sie seine Füße über 

weißglühende Holzkohle hielten.« 

»Er ist tatsächlich der Sohn des Learts of Caind«, sagte Roland zu 

seinem Freunde Volker. »Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat 
seine Schwester Mirinda sich retten können. Sie muß in den 
Küstenfelsen des  Cliff of Caind stecken. Er gab mir eine Botschaft 
für sie mit.« 

Sie machten sich auf den Weg. Immer eine Stunde im Sattel und 

anschließend eine halbe Stunde Fußmarsch mit den Pferden  am 
Zügel. Die Sonne bestrahlte ihre Rücken und machte ihre Schatten 
lang. Schwalben sirrten über sie hin. Als der Wald sie aufnahm, ritt 
Knappe Louis zum ersten Gebüsch. Er kappte Zweige und band eine 
Art übergroßen Besens. Er befestigte das primitive Gerät am 
Geschirr des letzten Saumtiers. 

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»Was soll das?« wollte Knappe Pierre wissen. 
»Das kannst du dir doch denken«, entgegnete Louis schroff. »Die 

Unseren wissen sowieso, wohin wir reiten. Doch für die, welche 
nicht in unser Land gehören, die aber dennoch wahrscheinlich da 
sind, verwische ich jede Spur.« 

Der sandige Weg wurde eng. Es gab kein Echo. Der Wald wirkte 

so leer, als seien sogar Ammer und Häher und Specht ausgewandert. 

Das blieb nicht lange so. Sie zogen heran wie Staub. Flüchtlinge. 

Eine Wolke aus Ächzen, unterdrücktem Stöhnen und verbissenem 

Weh lagerte über ihnen. Manche begannen, urplötzlich zu laufen. 
Doch das dauerte nie lange. Wie Schatten tauchten Jäger auf. Sie 
ritten bemerkenswert schnelle Pferde. Kaum erreichten sie einen  der 
Läufer, hoben sie ihre scharfen Lanzen und stachen zu. Meist starb 
der Flüchtling lautlos. Kam er jedoch zu einem Schrei, so wurde ein 
Fluch auf die Eroberer daraus. 

»Der Himmel wird euch strafen!« 
Die braunen Männer auf den windflinken Pferden wußten das 

besser. »Der Himmel hat uns den Sieg geschenkt. Bald gehört auch 
die Krone uns.« 

Roland wollte unverzüglich angreifen, als er diesen prahlerischen 

Satz zum ersten Mal hörte. Volker vom Hohentwiel aber legte die 
Hand auf den Arm des Freundes und hielt ihn eisern fest. »Nicht 
jetzt, Roland!« 

Der Kern der ostwärts strebenden Flüchtlingstrauben bestand aus 

hochbeladenen Karren. Die Wagen wurden von Männern und Frauen 
gezogen. Sie legten sich so fest in die Sielen, daß ihre verschwitzten 
Stirnen beinahe den Boden berührten. Wer keinen Wagen schob, 
hatte einen ganzen Gepäckturm auf der Schulter. Keiner der 
Flüchtlinge stand noch im waffenfähigen Alter. Wehrstarke Männer 
hatten die Eindringlinge genau so wie die Frauen versklavt. Die 
bisherige Ausbeute für ihre Menschenmärkte erschien ihnen zu 

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gering. Daher brachen sie wieder und wieder in die 
Flüchtlingsgruppen und stöberten die vor Angst zitternden 
Geschöpfe immer neu durch. 

Gegen Abend entdeckten die Fremden in einem besonders starken 

Flüchtlingstrupp  noch einige ansehnliche Frauen und halbwüchsige 
Jünglinge. Wie üblich begannen sie, an den Frauen das, was sie 
Recht des Siegers nannten, auf der Stelle zu vollziehen. 

Roland war nicht mehr zu halten. Sein Schrei hallte wie 

Löwengebrüll über das Land. 

Die  Barbaresken mochten zwar ahnen, daß da ein Gegner nahte, 

dem nicht bei ihrem bloßen Anblick das Herz in die Hosen purzelte. 
Allein sie glaubten an ihr gutes Glück. Sie nahmen an, auch mit dem 
baumlangen Schlagetot von blondem Mann allein schon durch ihre 
Überzahl leichtes Spiel zu haben. 

Roland wütete unter ihnen, wie ein Bärenhund wüten mag, wenn er 

unter wandernde Lemminge gerät. Der Anführer des Eroberertrupps 
konnte kaum bis zehn gezählt haben, da atmete schon keiner seiner 
Männer mehr. Er stand allein vor Roland. In seiner kehligen Sprache 
sagte er etwas, was bestimmt ein böses Versprechen war. Doch er 
wich und wankte nicht, sondern griff an. Auf diese Art der 
Kampfführung waren die Barbaresken ja gedrillt. Bei Roland wirkte 
das Rezept nicht. Er wehrte den Stoß der Barbareskenlanze glatt ab. 
Das Dolchmesser, das der Barbareske warf, fing Roland geschickt 
auf. Nicht nur das. Er warf den Dolch zurück. War es Geschick oder 
pures Glück? Roland traf den Spähtruppführer der Barbaresken mit 
dessen eigenem Messer dort, wo Kettenhemd und Helm am Hals eine 
winzige Blöße lassen. Maßloses Staunen machte die dunklen Augen 
des Barbaresken groß. Dann waren die Flüchtlinge mit ihrem ganzen, 
geballten Haß über ihm. 

Roland warf sich wuchtig vor den gestürzten Mann. 
»Ich verstehe eure Wut. Doch so lange ich auf meinen Beinen 

stehe, geschieht ihm von euch kein Leid.« 

Die Flüchtlinge sahen so aus, als wollten sie über Roland herfallen. 

Da aber standen Volker vom Hohentwiel sowie die Knappen neben 

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und hinter Roland. Murrend zog sich die Menge zurück. 

Der Barbareske lag auf dem Rücken. Der Dolch hatte ganze Arbeit 

geleistet. Er spürte wohl, daß ihm nicht mehr zu helfen war. Es fiel 
schwer zu glauben, doch in seinen weit aufgerissenen Augen 
flackerte so etwas wie Dankbarkeit. 

Als Dankbarkeit konnte man auch die Geste werten, mit welcher er 

sein Schwert anbot. Galt das Roland? Galt das Volker, dem Sänger? 

Ehe jemand dazu kam, das schmale Schwert entgegenzunehmen, 

sackte der Seeräuber zusammen. Die gebrochenen Augen wurden 
stumpf. 

Roland gab seinen Knappen einen Wink. »Waffen, Panzer und 

Pferd sind für euch«, bestimmte er. Es war seinen scharfen Augen 
also nicht entgangen, daß der Mann besonders gut ausgerüstet war. 
»Begrabt ihn!« 

Die Flüchtlingsmenge hatte sich murrend zurückgezogen. Sie 

betrachteten Roland, Volker und die Knappen feindselig. 
Wahrscheinlich argwöhnten sie, der Ritter aus Camelot habe den 
Barbaresken nur deshalb vor ihrer Wut geschützt, um seine Waffen 
sowie sein Pferd für sich beanspruchen zu können. 

Roland blitzte die volle Verachtung für den Mob aus den blauen 

Augen. Volker vom Hohentwiel reagierte da glücklicher. 

»Zieht weiter, Leute«, sagte er im Ton eines guten Ratgebers. »Je 

weiter ihr nach Osten kommt, desto sicherer seid ihr vor der Wut der 
Eroberer.« 

Sie zogen weiter. Karrenräder quietschten. Viele, viele 

Menschenfüße wirbelten Staub auf. Die Traube aus Dunst, Geschrei 
und Gestank bildete sich neu. 

Roland und seine Begleiter suchten ein Unterkommen für die 

Nacht. Je näher sie zur Küste kamen, desto deutlicher wurde ihnen, 
in- welchem Maß die erobernden Barbaresken das Land 
ausgeplündert hatten. In einem Dorf trafen sie eine starke Abteilung 
der Eindringlinge. Der ziemlich große Ort brannte lichterloh. Das 
Feuer hinderte die Eroberer nicht, alles aus den Häusern zu 
schleppen, was noch nicht Raub der Flammen geworden war. 

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Menschen schrien. Besonders Frauen und Mädchen. Eine große 
Gruppe stand auf dem ehemaligen Markplatz. Die Barbaresken 
galoppierten um sie herum. Sie weideten sich an der kreischenden 
Angst ihrer Opfer. 

Die Situation sehen, die Lage erkennen und den Gegner angreifen, 

war für Roland eins. Mit scharfer Lanze sprengte er auf dem 
auskeilenden Samum in den Feind. Die Barbaresken glaubten, es 
wäre eine Kleinigkeit, mit einem einzelnen Gegner fertig zu werden. 
Welch grausamer Irrtum! Dabei stand Roland unbestreitbar das 
Glück des Kühnen und Mutigen zur Seite. Denn auch die 
Barbaresken schlugen zu und trafen ihn. Doch wo immer ihre Hiebe 
und Stiche landeten, Roland war allüberall wohl geschützt. 

Die Dörfler, bis jetzt außerstande, sich der Plünderer zu erwehren, 

umringten Roland und die Feinde, als werde ihnen da ein Turnier 
geboten, wie es nicht alle Tage zu sehen ist. Lange begnügten sie 
sich nicht mit der Zuschauerrolle. Dann kam  der erste auf die Idee, 
mit Steinen in den Kampf einzugreifen. Just in diesem Augenblick 
traf Verstärkung für die Eindringlinge ein. Roland sah sich im Nu 
von ganzen Rotten neuer Feinde umringt. Trotzdem dachte er nicht 
an Flucht. Allein schon das Blitzen seiner blauen Augen machte die 
Eroberer vorsichtig. Da bedurfte es kaum des Walles von gefallenen 
Barbaresken, der sich rings um Roland auftürmte. 

Mit heiserem Geschrei spornten und peitschten sie ihre Pferde und 

fielen von allen Seiten zugleich über Roland her. Der erwartete 
gelassen den Ansturm. 

Da zeigte sich voll und ganz, was Männer wie Volker vom 

Hohentwiel und auch die Knappen taugten. Sie gaben Roland 
Rückendeckung. Die Einwohner des brennenden Dorfes verfolgten 
bewundernd den Kampf. »Wer ist dieser Ritter?« 

»Zehn Männer seiner Art und alle Räuber werden dorthin 

zurückgetrieben, von wo sie gekommen sind.« 

»Das könnte Roland sein, der stärkste Held aus Camelot.« 
Camelot. König Artus und seine Macht. Das richtete die Dörfler 

trotz aller Not auf. 

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Camelot. Der Name wurde zum Fanal. 
»Roland!« 
Das schrien sie laut. Sie hatten keine Ahnung, wie sehr ihre Rufe 

Roland anfeuerten. 

Pierre und Louis, die beiden Knappen, folgten dem Beispiel, 

welches ihr Herr ihnen gab. Louis entsann sich seiner Tage als 
Räuber. Welch wertvoller Helfer war ihm damals der Hornbogen 
gewesen. Knappe Louis hatte nichts von seinen früheren Fertigkeiten 
verlernt. Pfeil um Pfeil schwirrte von der Sehne. Louis traf mit 
schalfwandlerischer Sicherheit. 

So schnell wie die Verstärkung der Barbaresken aufgetaucht war, 

so schnell lichtete sich ihre Zahl. Wer von Louis Pfeilen verschont 
blieb, fiel Rolands Lanze oder Volkers Schwert zum Opfer. 

Mit der Verstärkung war ein riesenhaft gewachsener Mann 

gekommen. Ihm gelang es, Louis' Schüssen auszuweichen. Er blieb 
außer Reichweite von Volkers Schwert. Sein Gegner hieß Roland. 

Der riesige Barbareske wartete jene Sekunde ab, da Rolands Lanze 

einen der letzten Gegner fällte und für eines Lidschlages Dauer fest 
steckte. Mit Titanenstärke schlug  der Eroberer zu. Er brachte es 
fertig, Roland von seiner Lanze zu trennen. 

»Hejo« brüllte er so laut wie ein Nebelhorn. Siegessicher sprengte 

er an, um Roland den Garaus zu machen. Doch sein Pferd scheute, es 
stieg hoch und tanzte auf der Hinterhand. Der  Reiter mußte aus dem 
Sattel. Er versetzte dem wiehernden, sich aufbäumenden Pferd einen 
heftigen Tritt und drang auf Roland ein. 

Der Barbareske war mindestens so groß und so breit wie der Ritter 

aus Camelot. Er trug seinen runden Reiterschild aus golddekoriertem 
Metall so, daß er als Schlagwaffe dienen konnte. Offenbar war er mit 
beiden Händen gleich geschickt. Das Schwert, eine selten zu sehende 
Mischung aus Säbel und geradem Hiebschwert, hielt er in der linken 
Faust. Schon allein dadurch wies er sich als gefährlicher Fechter aus. 
Gegen einen Linkshänder helfen nur ganz bestimmte Paraden. 

Volker vom Hohentwiel verfolgte die Entwicklung mit wachen 

Augen. »Laß den Mann mir«, bat er. Roland hingegen reizte es, den 

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Barbaresken allein zu bestehen. Er lächelte Volker zu. 

»Danke für die gute Meinung, aber es wird für mich hohe Zeit, 

daran zu denken, daß ich auch ein Schwert habe.« 

Roland wartete den Ansprung des Barbaresken nicht ab. Er drang 

seinerseits auf den Gegner ein. Hageldicht prasselten die Schläge. 
Stahl prallte gegen Stahl. 

Es gelang dem Seeräuber, Roland in die Defensive zu drängen. Der 

Barbareske beherrschte eine ziemliche Menge Tricks. Roland mußte 
sein ganzes Können und alle Kraft aufbieten, um nicht ins 
Hintertreffen zu geraten. 

Dann aber rutschte die Klinge des Barbaresken so unter die 

Parierstange des Ritters aus Camelot, daß Roland nur zuzudrücken 
brauchte, um in Vorteil zu kommen. Die Waffe des Seeräubers 
mochte aus gutem Stahl sein. Doch der Belastung aus Rolands Kraft 
und Gewicht hielt sie nicht stand. Es gab einen Laut, als spränge eine 
Instrumentensaite. Die Barbareskenwaffe hatte mehr als die Hälfte 
ihrer ursprünglichen Länge verloren. 

Mit einem Schrei warf der Riese die jetzt wertlose Waffe fort. 

Roland begriff, was der Mann meinte. Auf seinen herrischen Wink 
sprang Knappe Pierre hinzu. »Gib gut auf mein Schwert acht!« 

Danach gingen sie aufeinander los. Der Barbaresken-Riese und 

Roland vom Schloß Camelot. Jetzt würde der Streit schnell 
entschieden sein. Die Zuschauer ächzten verhalten. In den 
Barbaresken-Staaten wurde der Ringkampf Mann gegen Mann als 
ganz besondere Kunst gepflegt. War es nicht verblendete 
Tollkühnheit, wenn Roland eine solche Auseinandersetzung 
annahm? 

Jetzt waren sie in Reichweite. Der Barbareske legte zuerst Hand an 

sein Gegenüber. Doch ehe die stahlharten Finger richtig zupacken 
konnten, tauchte Roland darunter weg und aus dem Griff. Jetzt war 
die Reihe an dem Ritter aus Camelot. Er hielt den Barbaresken 
ungefähr in Leibesmitte, zwischen Brustkorb und Hüfte, umfaßt. Der 
riesenhafte Seeräuber stemmte sich dagegen. Er trug ein besonders 
fein geschmiedetes Kettenhemd unter seinem kaftanösen Gewand. 

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Das Stahlgewebe paßte sich jeder Körperbewegung an und war 
dennoch gegen so gut wie alle Klingen fest. 

Roland verstärkte seinen Griff. Der Barbareske versuchte, 

gleichfalls die muskulösen Arme und Hände hinter Rolands Rücken 
zu verschränken. Doch der Kampf hatte ihm bereits zuviel 
abverlangt. Er erreichte das Ziel nicht. 

Es gab einen Laut, als bräche ein dicker Zweig von besonders 

hartem Holz. Roland fühlte den Körper seines Feindes schlaff 
werden. War das ein Trick? Er rechnete durchaus damit, einen neuen 
Ansprung seines Gegners abwehren zu müssen, sobald er den Griff 
lockerte. Doch da gab es keinen Grund mehr, Tücke oder List zu 
befürchten. Der Gegner lag tot zu Rolands Füßen. In den Reihen der 
Dörfler wurde Jubel laut. Eine junge Frau sprach aus, was wohl alle 
dachten!: 

»Du hast Ali Batuta besiegt, einen der stärksten Männer des 

Barbaresken-Heeres. Respekt vor deinem Mut!« 

Die Frau nahm unter den Flüchtlingen eine Sonderstellung ein. 
Einmal dirigierte sie die Menschen, die von irgendwoher in dieses 
Dorf gekommen waren und jetzt weiter mußten. Andererseits nah-
men die Männer und Frauen auf der Flucht die Weisungen der Frau 
nur widerstrebend an. 

Die Frau machte kein Hehl daraus, daß Roland ihr gefiel und, daß 

sie ihn kannte. 

»Du bist doch Roland, der Sohn des Köhlers von Caind, der ein 

Ritter wurde, nicht wahr?« 

»So ist es. Wie kommst du von Caind hierher?« 
»Irgend jemand muß den fliehenden Menschen sagen, was zu tun 

ist. Ich bringe immer wieder neue Flüchtlinge aus den Küstenstädten 
um die Cliffs of Caind. Wenn die hier morgen früh weiter 
marschieren, wandere ich zurück.« 

»Vielleicht begleiten wir dich«, sagte Roland. Er zeigte, daß auch 

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er erkannt hatte, wen er vor sich hatte. »Wenn du Mirinda bist, die 
Tochter des Learts of Caind, habe ich Nachricht von deinem 
Bruder.« 

Sie schüttelte den Kopf, daß die brandroten Haare flogen. 
»Nicht jetzt und nicht hier. Ich gebe dir Gelegenheit, deine 

Botschaft los zu werden. Hier draußen sind zu viele Ohren, die alles 
mithören. Der Barbaresken-Admiral wird den Tod Ali Batutas nicht 
schlucken ohne etwas zu unternehmen. Ali war der Bruder Chalid 
Batutas, der wiederum der Leibwächter Zairahs ist. Zairah ist die 
Hauptfrau des Admirals.« 

»Bist du Mirinda?« blieb Roland bei seiner Frage. 
»Ja. Du stehst vor der Tochter des Learts of Caind, welcher der 

Grundherr  - deines Vaters gewesen ist. Weißt du, daß du mir bereits 
früher gefallen hast, Roland?« 

Die Frau hatte graugrüne, große Augen unter dichten, auffallend 

langen Wimpern. Auch die Bogen ihrer Brauen dienten den Augen 
als wirkungsvolle Dekoration. Jetzt flammte ein wahres Feuerwerk 
von Blicken über Roland hin. Der aber blieb in seinem Herzen kühl. 
Er fragte sich, warum die Menschen auf der Flucht schlecht über die 
Frau redeten, die ihnen doch half. War es der Haß der Besitzlosen 
gegen die Tochter aus reichem Hause? 

Kebse!  - Das Wort fiel immer dann, wenn die Rothaarige dem 

Volk den Rücken zuwandte. 

Seeräuber  - Kebse! Das war schon deutlicher. Sollte sie auf diese 

Weise für die sichere Passage ständig neuer Flüchtlingsströme 
bezahlen? 

Das Feuer hatte gründliche Arbeit geleistet. Kaum ein Haus des 

Dorfes blieb stehen. Es war schwierig, ein Unterkommen für die 
Nacht zu finden. Roland rechnete durchaus damit, daß weitere 
Barbareskentruppen erschienen. Doch es blieb still. Auch die 
Flüchtlinge dachten an Nachtlager. 

Mirinda, die Leartstochter, war fortgegangen. »Wir unterhalten uns 

später. Ich finde dich schon.« Während sie das sagte, hatte sie einmal 
mehr versucht, Rolands Blick einzufangen. Als das mißlang, stellte 

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sie sich in Positur. Sie machte das so, daß es ganz natürlich wirkte. 
Trotzdem blieb Roland kaum eine Einzelheit ihres Wuchses 
verborgen. Ob man Mirinda mochte oder sie unsympathisch fand, sie 
war und blieb schön. 

Die Vier aus Camelot hielten sich beisammen, während sie ein 

Quartier suchten. Häuser und Hütten, die vom Feuer verschont 
worden waren, hatten die Barbaresken in kaum zu beschreibender 
Weise verferkelt. Roland und seine Begleiter sahen aufgeschlitzte 
Federbetten, welche die Produkte menschlicher Notdurft hatten 
aufnehmen müssen. Ähnlich verdorbenes Bettzeug schwamm in 
Kellern, darinnen der Wein fußhoch stand. Die Plünderer hatten die 
Vorratsfässer zerschlagen und Wein, Bier, Mehl und Zucker, öl und 
Pökelfleisch miteinander vermischt. 

In all dem chaotischen Durcheinander hörten sie plötzlich eine 

kläglich dünne Stimme.  Da weinte ein Kind! Aber wo sollte hier ein 
hilfloses Kind, ein Säugling gar, herkommen? 

»Sieh nach«, wies Roland den Knappen Louis an. Der hantierte im 

Hintergrund des so grausam geschändeten Kellers. 

»Das ist nicht so einfach«, hörten die Gefährten ihn brummen. Es 

dauerte eine Weile. Aber, als er dann kam, trug er einen heftig 
schreienden Säugling. 

»Die tote Mutter hielt ihn umklammert«, erklärte Louis. »Die 

Barbaresken müssen ihr besonders böse mitgespielt haben. Sie hatte 
keinen Faden Stoff  mehr am Leib. Offenbar wollten die fremden 
Hunde, daß der Säugling mit der Mutter stürbe. Ich werde die Frau 
später beerdigen.« 

So rauh Louis im allgemeinen auch war, in Notzeiten wie in dieser 

Krise kehrte er die menschliche Seite seines Wesens hervor. Knappe 
Pierre zeigte sich von Louis' Fund wenig begeistert. 

»Das hat uns gerade noch gefehlt. Wir werden kaum mit den 

nötigen Verrichtungen für uns selber fertig, und da schleppst du uns 
einen Säugling an ... das zerbrechlichste Wesen der Welt.« 

Knappe Pierre sah sich heftigen Angriffen gleich von drei Seiten 

ausgesetzt. 

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»Bis morgen früh wirst du ihn versorgen und nehmen, Pierre«, 

sagte Roland. 

»Bestimmt ist eine Flüchtlingsfrau mitleidig genug, sich des 

Kindleins anzunehmen.« Das sagte Volker vom Hohentwiel. 

Knappe Louis meinte abschließend. 
»Wir haben es gefunden und werden dafür sorgen. Ich würde 

keinem raten, mich daran zu hindern.« 

Pierre setzte eine beleidigte Miene auf und äußerte sich nicht mehr. 
Doch als sie wenig später eine wie durch ein Wunder intakte 

Gartenlaube entdeckten, schleppte ausgerechnet Pierre bald danach 
einen Zuber Milch an. 

»Die Plünderer aus der Barbarei mögen sich zwar aufs 

Menschenschinden und aufs Stehlen verstehen, aber die schärfsten 
Augen haben  sie nicht. Ich habe eine vom Feuer verschonte 
Strohwand in einem Stall entdeckt. Und hinter der Strohwand 
verputzte eine Kuh munter die Rüben, welche vermutlich ihr Besitzer 
dem Tier vorlegte, als er es verbaute. Dem prallen Euter nach muß es 
sich um die beste Milchkuh eines Bauern gehandelt haben.« 

Da Knappe Pierre sich so lautstark gegen den Säugling gewehrt 

hatte, wurde ihm jetzt von Roland die Aufgabe zudiktiert, das 
Kleinkind zu versorgen. Er hatte insofern Glück, als Louis ganz 
versessen darauf war, das Kind zu füttern. Der Kleine war noch so 
jung, daß er nicht sehr viel mehr konnte, als hell und dunkel zu 
unterscheiden. Louis nahm das Kind auch mit auf sein Nachtlager. 

Roland schlief vor der Laube und gut getarnt in der Deckung eines 

Holzstapels.  Mirinda, die Tochter des Learts von Caind, hatte er 
vergessen. Wie sollte die rothaarige Frau ihn auch finden? 

Doch sie mußte einen besonderen Sinn für Spuren besitzen. Denn 

kaum trat ein rauchsilbriger Mond seine Wanderung über den 
Himmel an, da vernahm Roland, daß sein Name gehaucht wurde. 

»Köhlersbub!« 
Er antwortete sofort. Es drängte ihn, die Botschaft des Mannes, der 

schwer verwundet in Camelot lag, loszuwerden. 

Die Frau mußte im Nachtdunkel wie eine Katze sehen können. Es 

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bedurfte keiner Erklärung oder Einweisung. Sie schob sich neben 
Roland und begehrte, von seiner Decke gewärmt zu werden. 
Dagegen aber wehrte sich der Mann ebenso entschieden wie 
kraftvoll. 

»Wir könnten eine Menge Spaß miteinander haben«, raunte sie 

ihm zu. »Glaub mir, niemals schmeckt die Liebe so süß wie in diesen 
Stunden höchster Gefahr ... Dein Pech, wenn du nicht willst.« 

Sie traf Rolands Stimmungslage ziemlich genau. 
»Was hat mein Bruder dir aufgetragen?« 
»Du sollst den Barbaresken ausweichen und dich in den Cliffs 

verstecken. Wenn du Geld brauchst für irgendwas, sollt du an den 
alten Brunnen denken unter der dicken Linde in eurem Hof. An der 
bewußten Stelle  - fünfzehn Steinlagen unter der Brunnenkrone  - 
findest du den Schlußstein. Er geht etwas schwerer, als gewohnt. 
Dein Bruder hat ihm bewußt die Leichtgängigkeit genommen. Hinter 
dem Schlußstein liegt alles, was ein Mensch nötig haben kann. Es 
reicht für ein ganzes Leben.« 

Die rothaarige Frau hatte aufmerksam zugehört. Sie lächelte. 
»Siehst du, jetzt kennst du das Geheimnis des Learthofes, und mit 

der Tochter der Learts magst du nichts zu schaffen haben. Wie 
dumm du doch bist. Stark ... und dumm!« 

Sie tat wahrscheinlich nichts ohne Grund und ohne Absicht. Jetzt 

hatte sie begonnen, Roland zu streicheln. Sobald der merkte, daß er 
Mirindas Hand als angenehm empfand, schob er sie wieder fort. 

»Nicht hier und nicht heute«, sagte er entschieden. 
Sie war auch damit zufrieden und fragte: »Wann denn? Wenn es 

nicht hier und nicht heute geschehen soll, Köhlersbub?« 

Später fragte sich Roland, was nur in ihn gefahren war, die ihm so 

offen angetragene Liebe Mirindas zurückzuweisen. Jedenfalls blieb 
er abweisend und schroff. 

»Nie!« 
Das genügte der Rothaarigen nicht. 
»Ist es, weil ich die Tochter des Learts bin?« wollte sie wissen. 
»Nein.« 

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Sie fragte hartnäckig weiter. 
»Ist es wegen ... dem, was die dummen Flüchtlinge mir vorwerfen? 

Du hast doch gehört, was sie sagten.« 

»Ja. Und deshalb ist es.« 
Mirinda erhob sich sofort. 
In dem Augenblick quakte das satte Kind an Louis Seite. 

Unverzüglich ging Mirinda dem Laut nach. 

Sie fand den Säugling. Ohne Umstände und so, als sei dies die 

natürlichste Sache der Welt, nahm sie sich des Kindes an. 

»Fahrende Ritter haben nicht die rechten Hände für so ein winziges 

Wesen.« 

Louis wollte widersprechen, als Mirinda das Menschlein gegen 

ihre Brust drückte und mit dem Oberkörper wiegende Bewegungen 
machte. Roland nutzte die Lage geschickt. 

»Laß ihr das Kind«, wies er den Knappen an. 
Louis fügte sich. 
Eine Weile stand Mirinda wie ein Schatten unweit der Laube. Es 

war ihr offenbar gleichgültig, daß die Worte, welche sie zu Roland 
sagte, Zeugen hatten. 

»Ich bekomme dich, Köhlersbub. Es mag lange währen, aber du 

gehörst mir. Darauf halte ich jede Wette.« 

Ehe Roland etwas erwidern konnte, war die  Tochter des Learts of 

Caind verschwunden. Der Säugling mußte sich wohl bei ihr fühlen. 
Er schrie kein einziges Mal. 

»Weibervolk«, sagte Knappe Louis verächtlich. 
Aus Schlaf wurde in dieser Nacht nicht viel. Denn Mirinda mochte 

gut eine Stunde fort sein, da hörte Roland im Halbschlaf 
schleichende Schritte. Flugs war er hellwach. Nicht nur das, er hielt 
auch sein blankes Schwert in der Faust. 

Eine gute Reaktion. Denn als er dorthin schlich, wo Samum 

schnaubte, und wo die Saumpferde grasten, ertappte er drei 
Barbaresken dabei, das Gepäck und die Pferde zu stehlen. 

Wie das Gewitter war Roland über den dreien. Sie versuchten 

zwar, sich zu wehren. Allein gegen Roland waren sie zu langsam, zu 

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schwach und auch zu ungeübt. 

Als die Gefährten mit dem letzten Schwertstreich wach wurden 

und erschienen, säuberte Roland bereits seine Waffe. 

»Und das erledigst du so ganz ohne jeden Alarm?« In Volker vom 

Hohentwiels Stimme war der Vorwurf nicht zu überhören. 

»Hätte ich sie etwa das tun lassen sollen, was sie begonnen hatten? 

Sieh sie dir an. Sie gehören zum Abschaum der Eroberer.« 

An Schlaf war anschließend nicht mehr zu denken. Der Tag 

begann. Knappe Pierre suchte Feuerholz und begann, das Essen 
herzurichten. 

Als sie frühstückten, hörten sie im Dorf die Flüchtlinge wach 

werden und sich für die Weiterfahrt rüsten. Von Mirinda, der Tochter 
des Learts of Caind hörten und sahen sie nichts mehr. Roland aber 
dachte an sie. War der Besuch der barbareskischen Diebe ihr zu 
verdanken gewesen? 

Er gab sich heute auch den Gefährten gegenüber denkbar einsilbig. 

Das Mädchen ging ihm nicht aus dem Kopf. 

Er dachte noch an sie, als sie den ersten Küstenhafen erreichten. 

Aus diesem, aus jenem und aus manchem sonst war bündig zu 
schließen, daß die Barbaresken etwas Besonders vorbereiteten. 

Wahrscheinlich lag es an diesem besonderen Ereignis, daß sie 

ungehindert bis zum Hafenkai gelangten. 

Da aber sahen sie auch, woraus die Besonderheit bestand. 

Hörner gellten. Kesselpauken dröhnten. Schellenbäume rasselten 
überlaut. Jedweden Lärm aber deckte der wilde Schrei der Tuba zu. 
So weit dieser Urlaut auch drang, duckten sich die Häuser. 

Mahmud ben Osmadi ging an Land. Er war der Admiral der 

Barbaresken, oberster Befehlshaber sämtlicher Truppenteile und der 
Bassa der Verwaltung. 

Daß er an Land ging, war, genau genommen, der falsche 

Ausdruck. Er wurde nämlich von seinem Schiff zum Kai getragen. 

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Die Küstenbevölkerung säumte in respektvollem Abstand die 
Straßen um die Mole. Einerseits scheuten die Barbaresken etwaige 
Anschläge, andererseits aber kam ihnen die Neugier der Menschen 
gelegen. Sie wollten hier bleiben, weit mehr noch erobern, als sie 
schon besaßen. 

Sechs stämmige Sklaven trugen die offene Sänfte. Sie waren bis 

auf einen Lendenschurz nackt. Und sie hatten glatt rasierte Köpfe 
und Gesichter. Mahmud ben Osmadi winkte nach rechts und links. 
Er lächelte. Der Admiral sah gut und ausgeruht aus. Sein bärtiges 
Gesicht wirkte energisch. Die dunkelblitzenden Augen zeugten von 
Mut. Außerdem verrieten die breiten Schultern, daß der 
Oberbefehlshaber kein Schwächling war. 

Unaufhörlich lärmten die Instrumente. Becken klirrten. Besonders 

ausgesuchte Matrosen drangen auf die Bevölkerung ein. 

»Laßt den Admiral hoch leben!« 
»Wünscht unserem Bassa, der jetzt auch euer Herr ist, das Beste!« 
»Schreit und dann fallt auf die Knie, ihr Hunde!« 
Lange Lederpeitschen knallten. Wo immer die Schnurrenden 

trafen, schrien Menschen auf. Manche brachen wimmernd 
zusammen. Niemand hätte später zu sagen vermocht, wer den 
Anfang machte. Aber die Weisungen der Matrosen wurden befolgt. 

»Es lebe der Admiral!« 
»Ein Hoch dem Sieger!« 
»Ruhm und Ehre dem Bassa!« 
Mahmud ben Osmadi sah allem, was geschah, zufrieden zu. Er war 

daran gewöhnt, als Sieger gefeiert zu werden. Im Geiste rechnete er 
aus, was all diese Menschen an Gold einbrachten, wenn sie auf den 
Sklavenmärkten von Algier, Oran, Fez oder Marrakesch verkauft 
wurden. 

Ich werde Suleika das Schlößchen in den Atlasbergen schenken, 

das sie sich so sehr wünscht, dachte der Admiral. 

Suleika war Mahmud ben Osmadis Favoritin, eine zauberhaft 

schöne Frau. Die vorletzte Kaperfahrt hatte sie ihm als Beute 
geschenkt. Sie stammte aus Rhodos. Suleika beherrschte die 

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Geheimnisse der Liebe so, wie sie nur eine Inselgriechin beherrschen 
kann. Jetzt kamen ihr diese Spezialkenntnisse zunutze. Der mächtige 
Admiral geriet mit jedem Tag mehr unter ihrem Einfluß. 

Plötzlich runzelte Mahmud ben Osmadi die dunklen Brauen. Er 

glaubte zu träumen. Stand da doch ein Mann mitten in der gaffenden 
Menge. Er dachte nicht daran, sich zu ducken. Er war groß, breit und 
blond. Eine Erscheinung, die man nicht übersah. Das mochte auch 
der Matrose denken, der in diesem Abschnitt seine Peitsche schwang 
und auf die Menschen einschrie. 

»Auf die Knie, du Hund!« 
Der blonde Riese wurde von der Peitsche getroffen. Allein, er 

zuckte weder zusammen, noch gab er einen Schmerzenslaut von sich. 
Mahmud ben Osmadi, der Admiral, hatte so etwas, wie es jetzt vor 
seinen eigenen Augen geschah, weder gesehen noch davon gehört. 

Packte da doch dieser Blonde einfach die lederne Peitschenschnur. 

Er packte sie und hielt sie fest. Der Matrose am anderen Ende zerrte 
und zog aus Leibeskräften, um wieder in den Alleinbesitz der 
Peitsche zu kommen. Der Blonde aber lachte nur. Damit nicht genug, 
ging er seinerseits zum Angriff über. Er zog den Matrosen zu sich. 
Dem bedauernswerten Barbaresken blieb nichts anders übrig, als 
dem übermächtigen Zwang zu folgen. Die Peitsche wollte der 
Matrose unter gar keinen Umständen loslassen. Daran tat  er gut. 
Denn die Ahnung, daß irgendwie das Auge und die Wachsamkeit des 
Admirals über ihm waren, trog nicht. 

So lange die Musikinstrumente diesen Höllenlärm veranstalteten, 

hatte der Bassa das Land noch nicht betreten. Das Tauziehen 
zwischen dem unglücklichen Matrosen und dem blonden Riesen ging 
weiter. Für Mahmud ben Osmadi war der Streit jetzt schon 
entschieden. Er knirschte mit den Zähnen und sprang auf. Die heftige 
Bewegung bekam der Sänfte, dem Palankin, wenig. Sah der Admiral 
sich jetzt nicht vor oder stand ihm sein Glück nicht besonders bei, so 
purzelte er aus der Sänfte. Die Kais waren mit groben Quadersteinen 
gepflastert. Es gab bestimmt Angenehmeres, als auf diese Quader zu 
stürzen. 

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Mahmud ben Osmadi, der Admiral, glich einem Matrosen, der 

Flaggensignale gibt. Er gestikulierte heftig mit Armen und Beinen. 
Dazu brüllte er: 

»Alle Einpeitscher dorthin, wo es Schwierigkeiten gibt. Bringt den 

Aufsässigen her!« 

Nun, das war leichter gesagt, als getan. Mahmud ben Osamdi kniff 

sich heftig. Was er sah, blieb leider. Ja, es wurde noch schlimmer. 
Denn da gelang es doch diesem Blonden tatsächlich, den 
peitschenschwingenden Matrosen von den Beinen zu reißen. 

Da blieb das eingeschüchterte Volk nicht länger still. Ja, es zeigte 

keine Spur von Geduld mehr. Auch  Demut suchte man vergebens. 
Hatte es nicht geheißen, die Angriffswut der Barbaresken habe den 
Widerstandswillen der Küstenbewohner gebrochen? Welch ein 
Trugschluß! Der unglückliche Matrose wurde durch die Menge 
geschleift. Der blonde Riese sah dabei aus,  als rolle er einfach eine 
Angelschnur auf. Für den Matrosen gab es aus der anonymen Masse 
erst Knüffe, dann Hiebe, dann Tritte. 

Für den Admiral Mahmud ben Osmadi stand die Welt Kopf. Es 

durfte einfach nicht wahr sein, daß ein Barbareske, ein Matrose der 
ruhmreichen Flotte gar, unterlag. 

»Wollt ihr ihm nicht endlich helfen?« schrie Mahmud ben Osmadi. 

Die Stimme des Admirals überschlug sich schier. Damit nicht genug, 
kletterte er aus der Sänfte. »Jetzt lernt ihr mich kennen!« 

Das versprach er und war drauf und dran, sich höchstpersönlich ins 

Getümmel zu stürzen. 

Wer weiß, was geschehen wäre, hätte nicht Zairah, die 

rechtmäßige Hauptfrau aus Mahmud ben Osmadis Harem, ihren 
Leibwächter Chalib Batuta zu ihrem Mann und Gebieter geschickt. 

Chalib, ein wahrer Büffel von einem Mann, arbeitete sich 

rücksichtslos durch die Masse Mensch. Seine Arme und Beine 
glichen Schiffsmasten. Sein Schädel war bis auf einen dunklen 
Haarstrang, der einem Roßschweiß ähnlich an seinem Hinterkopf 
baumelte, kahl. Er trug ein Kettenhemd auf der bloßen Haut. Der 
Schnurrbart verlieh seinem Gesicht einen ganz besonders 

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martialischen Ausdruck. Der über zwei Meter große Mann schob wie 
ein Rammbock alles beiseite, was seinen Weg behinderte. 

»Der Leibwächter der Admiralin«, murmelte die Menge und wich 

dem Riesen aus. 

Doch nicht nur die Menschenmenge verfolgte Chalib Batutas Tun. 

Auch Roland hatte ihn gesehen. Es zeigte sich jetzt, daß er mit dem 
Peitschenmatrosen bisher nur gespielt hatte. Im Vorbeistampfen 
raunte Chalib Batuta zum Admiral hin: 

»Ich werde dich würdig vertreten, erhabener Herr.« 
Mahmud ben Osmadi wandte sich wieder seinem Palankin zu. 

Doch er saß nunmehr kerzengerade auf den weichen Pfühlen. Bei 
Chalib Batuta wußte er seine Interessen wirklich bestens aufgehoben. 

»Mach den Giaur, diesen Ungläubigen, unschädlich und du 

gewinnst soviel Dukaten, wie du in zwei Händen zu tragen vermagst, 
Chalib!« 

Das knurrte der Admiral in die Richtung Chalib Batutas. Mahmud 

ben Osmadi wußte genau, daß Habgier zu Chalibs herausragenden 
Charaktereigenschaften gehörte. Für Gold und Geld tat er alles. 

Der blonde Riese wich dem Zusammentreffen mit dem 

Leibwächter der Admiralin nicht aus. Die Menge hatte Chalib 
Batutas Namen häufig genug genannt, um Roland eindeutig 
klarzumachen, wer da auf ihn eindrang. Er würde dafür sorgen, daß 
Chalib bald dorthin gelangte, wo sein Bruder Ali Batuta bereits war. 

Der Admiral hatte lautstark nach seiner Stabswache gerufen. Diese 

Wache war beritten. Sobald sie heransprengte, setzte Roland das 
Horn Olifant an die Lippen. 

Ein durchdringender Ton wellte bis hin zu den Schiffen. Im 

gleichen Moment frischte der Wind auf. Er blies über die Reede. Die 
Schiffe der Barbaresken lagen dort fast auf Tuchfühlung. Es sah 
schön aus, wie sich die Segel blähten. 

Für Schönheiten dieser Art hatte die Stabswache des Admirals 

keinen Sinn. Außerdem wurde ihre Aufmerksamkeit von gänzlich 
anderen Dingen voll in Anspruch genommen. Ihre stattlichen Pferde 
stoppten nämlich, als seien sie alle zur gleichen Zeit gegen ein 

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unüberwindliches Hindernis geprallt. Sie gingen hoch, wieherten und 
setzten ihre Kraft geschlossen dafür ein, den Reitern das Leben 
schwer zu machen. Das gelang ihnen auch. So schnell wie man eine 
Hand umdreht, war aus der disziplinierten Stabswache ein wirres 
Durcheinander geworden. Gestürzte Menschen bildeten mit 
strauchelnden oder gestrauchelten Pferden ein wildes Gemenge. 
Über dem chaotischen Knäuel hing eine wahre Wolke von hellem 
Wiehern und Geschreie. 

Mahmud ben Osmadi bedeckte seine Augen. »Daß ich diese 

Schande meiner Getreuesten erleben muß«, schrie er. Die Klage aber 
besserte die Situation in keiner Weise. 

In seinem Herzen dachte der General: Jetzt fehlt nur noch, daß 

Chalib Batuta gegen den Blonden verliert. Allein, wie sollte er 
verhindern, daß Batuta und der blonde Riese handgemein wurden? 

Die Menge ließ es nicht zu, daß die beiden kämpften. Immer 

wieder verlegten neue Männer und Frauen Batutas Weg. Doch auch 
der blonde Roland kam nicht so voran, wie er wünschte. Doch 
während Chalib Batuta blanker, stummer Haß entgegenschlug, hörte 
Roland Ratschläge und Hinweise, welche in den Wind zu schlagen, 
glatte Dummheit gewesen wäre. 

»Wer immer du bist, fremder Held, spare dein Leben und deine 

Kraft für die Schlachten, mit welchen unser König Artus die 
Eroberer aus dem Land treiben wird.« 

»Überlaß dich unserer Führung. Wir bringen dich in Sicherheit.« 
Das sagten Männer, welche ihrer Haut durch Ruß ein altes 

Aussehen gegeben hatten. Sie verstellten auch ihre Haltung und sie 
waren ganz gewiß nicht halb so greisensteif, wie ihre krumm 
gezogenen Rücken es dartun wollten. 

Nicht weit von Roland stand Volker vom Hohentwiel. Knappe 

Pierre eilte herbei und meldete: »Sie haben uns ein Boot zur 
Verfügung gestellt. Nehmt die Chance wahr, Herr. Der Meinung ist 
auch Louis.« 

Mahmud ben Osmadi sah ziemlich richtig voraus, was geschah. 

Der Blonde tat das, was er seiner Natur nach gar nicht wollte, und 

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floh. Chalib Batuta hingegen kam einfach nicht zu dem riesigen 
Blonden durch. Mochte das Schicksal wissen,  wozu das gut war. Der 
Admiral fühlte jedenfalls Erleichterung. Die entscheidende 
Auseinandersetzung zwischen dem Titanen aus dem Norden und 
dem Riesen aus dem Barbareskenland würde irgendwann anderswo 
stattfinden. Dann nämlich, wenn die Zeichen für die Barbaresken auf 
Sieg standen. 

Als die Stabswache sich wieder so weit gesammelt hatte, daß an 

ein Vorrücken in geordneten Reihen zu denken war, gab es von dem 
blonden Riesen und den Männern seiner Begleitung höchstens noch 
eine schwache Spur. 

Diejenigen, welche Roland geleiten und führen sollten, mußten das 

nämliche Ziel haben, welches auch Knappe Pierre ansteuerte. Pierre 
zeigte keinerlei Zeichen von Furcht oder gar Angst. Das war immer 
so bei ihm. Erst fand er Einwände und ließ kein Argument ungenutzt, 
doch wenn dann die Schwierigkeiten begannen, meisterte er sie 
glänzend. 

Roland bewegte die mächtigen Schultern, als fühle er sich nicht 

wohl in seiner Haut. Volker vom Hohentwiel sah das. Er redete dem 
Freund gut zu. »Dein Rückzug ist ja nur  strategischer Natur, Roland. 
Außerdem läuft dir dieser Gegner nicht fort. Dem, was die Leute 
rieten, ist der Wahrheitsgehalt nicht abzusprechen. Du... ja, wir alle 
werden gebraucht.« 

Die Menge tarnte die Ritter aus Camelot ebenso geschickt wie 

wirkungsvoll. Nicht einmal Mahmud ben Osmadi, der doch von 
seinem Platz einen glänzenden Überblick hatte, bemerkte, wohin er 
entschwand, dieser Mann, der seiner Macht getrotz hatte. Der 
Admiral winkte den Leiter seines Verwaltungsstabes zu sich. 

»Laß die Zeremonie  der Landunterwerfung absagen, Hassan 

Hinendi. Sie wird an einem günstigeren Tage nachgeholt.« 

Der Verwaltungsleiter verneigte sich tief. 
»Dein Wunsch ist uns allen Befehl, erhabener Herr!« 
Die Peitschen-Matrosen zerstreuten die Menge. 
»Geht heim.« 

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»Seine Erhabenheit, der Admiral, ordnet für Stadt und Land eine 

Sperre jeglichen Ausgangs an. Niemand darf vor dem nächsten 
Morgen seine Wohnung verlassen. Wer diesem Befehl zuwider 
handelt, erhält die Bastonnade.« 

Die Drohung wirkte. Die Menschen verzogen sich. Mit der 

Verhängung der Bastonnade, jener auf die nackten Fußsohlen 
vollzogenen Prügelstrafe, waren die Barbaresken denkbar großzügig 
umgegangen. Kaum ein Dorf, in dem es keine Männer und Frauen 
gab, die mühsam an den Hauswänden entlang humpelten, weil die 
Bastonnade sie den aufrechten, flotten Gang gekostet hatte. 

Der Admiral wurde an Bord seines Flaggschiffes zurückgetragen. 

Dort warteten die weißen, weichen Arme Suleikas auf Mahmud ben 
Osmadi. 

Nervige Fäuste steuerten das Boot, welches die Gefährten aus 
Camelot vom Hafen wegführte. Sie saßen ganz offen in dem 
Fahrzeug. Wer immer von den Barbareskenwachen sie sah, mußte 
der Meinung sein, hier handele es sich um ein Unternehmen, das den 
Eroberern Nutzen brachte, also von irgendeiner Obrigkeit genehmigt 
war. 

Es ging durch ein verwirrend vielschachteliges Labyrinth von 

Felsen, Schroffen, Klippen und Kanälen. Eine Weile sah Roland 
noch die Barbareskenflotte. Dann glaubte er, einen Küstenstreifen 
erreicht zu haben, der von den Fremden noch nicht heimgesucht 
worden war. Ein grausamer Irrtum. 

»Zwischen hier und den Nordhäfen sowie den Anlaufplätzen im 

Süden gibt es keinen Ort ohne Barbaresken-Besatzung. Es herrscht 
überall die gleiche Not.« 

Die Bootsführer unterhielten offenbar weitreichende 

Verbindungen. Einer zeigte dorthin, wo sich eine weißgraue Wolke 
geballt und mächtig in den blaugrundigen Himmel schob. 

»Dort drüben ist das Hauptquartier des Admirals, den wir alle 

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vorhin an Land gehen sahen.« 

»Was sollte das Theater?« wollte Knappe Louis wissen. 
Auch darüber wußten die Bootsführer Bescheid. »Unter den 

Barbaresken herrscht der Brauch, sogar die Elemente Erde und 
Wasser ähnlich wie unterworfene Menschen zu behandeln. Das heißt 
nichts anderes, als daß der mächtige Admiral sich jetzt wieder seinen 
eigentlichen Aufgaben zuwenden kann.« 

»Und was sind diese eigentlichen Aufgaben?« blieb Louis bei 

seiner Frage. 

»Eroberungen machen.« 
»Und was wohl sind die nächsten Ziele?« 
Die Bootsführer nannten nur einen Namen: »Camelot.« 
»Wer Camelot hat, beherrscht das Land.« 
Ritter Volker vom Hohentwiel räusperte sich. 
»Ob sie sich da nicht entschieden übernehmen, die Herren 

Eroberer aus der Barbarei?« 

»König Artus wird über die Fremden kommen wie der Adler, der 

einen Taubenschwarm sprengt.« 

Die Bootsführer hörten diese Zuversicht gern, gab sie ihnen doch 

endlich einmal wieder Hoffnung. Doch sie wiegten die Köpfe, als 
falle es ihnen schwer, an eine grundlegende Schicksalswende zu 
glauben. 

»Ihr solltet wissen, daß sie an genau einem haben Dutzend 

Küstenpunkten gelandet sind. Ob der König genug verläßliche 
Gefolgschaft hat, um dieser Streitmacht wirkungsvoll zu begegnen?« 

»Ja«, sagte Roland schroff. Seine Stimme klang sehr überzeugend. 

Volker sah, wie der Freund die Faust um den Schwertgriff legte. 
Solange er in der Menge stand, hatten Louis und Pierre Schwert und 
Schild ihres Herrn bewacht. Jetzt hatte Roland den treuen, stählernen 
Begleiter wieder. 

»Die Not mag wachsen und gar noch größer werden, doch wir aus 

Camelot werden am Ende siegen.« 

Die Küstenlandschaft änderte sich Jetzt mischte sich Wald 

zwischen die schroffen Steilfelsen. Buchen, Eichen und Kiefern, wie 

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sie auch um Camelot wuchsen. Von irgendwo aus dem Wald drang 
das Wiehern eines Pferdes. 

»Samum?« sagte Roland. 
Knappen und Bootsführer nickten einträchtig. 
»Er wartet auf dich, Herr«, sagte Knappe Louis. »Dort, wo er 

weidet, sind wir alle in Sicherheit.« 

Einer der Bootsführer meldete sich zu Wort. 
»Den Schlupfwinkel, den ihr gleich kennenlernt, ihr Herren, könnt 

ihr bequem zur Ausgangsbasis für eure Unternehmungen machen 
und so unseren Landsleuten in der Not helfen.« 

Knappe Pierre zeigte, daß er auch nicht gerade auf den Ohren saß, 

wenn es darum ging, Neuigkeiten und Informationen zu sammeln. 
»Ich hörte, daß ein Bote zum Admiral der Barbaresken kam, der Ali 
Batutas Tod zu melden hatte.« 

Roland zog die einzig richtige Folgerung. »Das wird für diesen 

Chalib Batuta ein Grund mehr sein, mich zu suchen und sich mir zu 
stellen.« 

Wieder legte Volker vom Hohentwiel dem Freunde die Hand auf 

den Arm. 

»Du hast wichtigere Aufgaben, als dich in Kleinigkeiten 

aufzureiben und zu verzetteln.« 

Das Boot lief knirschend auf Sand. Die Cameloten hatten Mühe, 

im Gleichgewicht zu bleiben. Der Wind wehte von See. Gegen die 
Uferfelsen und gegen den Wald. Samum mußte seinen Herrn  wittern. 
Er wieherte. Das trompetenähnliche Signal des Hengstes erfuhr 
seitens der übrigen Pferde sowie der Packtiere Verstärkung. 

Sobald sie nur wenige Meter vom Landeplatz entfernt waren, bot 

ihnen der Wald gegen jede Beobachtung von See her vollkommene 
Deckung. Der Aufstieg dauerte lang. Ein enger Pfad, welcher 
streckenweise zur Treppe wurde, wand sich in die Höhe. Der 
schmale Weg endete auf einer Lichtung. Mächtige Eichen und 
Buchen umsäumten eine Wiesenfläche, deren saftiges Gras 
regelrecht zu riechen war. Mitten auf der Weide grasten Samum und 
die übrigen Pferde. Kaum witterte der Hengst seinen Herrn, spielte er 

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mit den kleinen Ohren und bewegte sich in schlankem Trab zu 
Roland. Zufrieden schnaubend rieb er sein weiches Maul an Rolands 
Schulter. Roland streichelte den Hengst. »Nicht lange mehr und wir 
brechen wieder dahin auf, wo es Arbeit für uns gibt, Samum!« 

Auch Volker vom Hohentwiel und die beiden Knappen wurden 

von ihren Reittieren begrüßt. 

Unmittelbar hinter der Weide lag ein altersgraues Gebäude. Sah 

man es von weitem, wirkte es wie ein ganz gewöhnliches Wohnhaus. 
Aus der Nähe betrachtet aber, zeigte es seine wahre Natur. Es war 
nur von einer Seite, von der Weidefläche nämlich erreichbar. Und 
auch von hier wurde der Zugang nur über eine Brücke möglich, 
welche nach Belieben herunter und herauf gelassen werden konnte. 
Das Gebäude wies alles in allem die gleichen Eigentümlichkeiten auf 
wie eine uneinnehmbare Festung. 

Bis jetzt hatten die Bootsführer die Männer aus Camelot begleitet. 

Nun nahmen sie ohne viel Worte Abschied. 

»Im Haus gibt es genügend Vorräte, um auch eine längere 

Belagerung auszuhalten. Zudem ... bis zu jenem Einsiedler, der da 
Klaus heißt, braucht ihr nicht mehr, als einen Ritt von gut zwei 
Stunden. Viel Glück.« 

Roland sah  so aus, als wolle er den Bootsführern Geld geben. Das 

wehrten diese jedoch ab. 

»Wir tun nichts gegen irgendwelchen Lohn. Nichts. Der Einsiedler 

soll weiterhin seine Segenshand über unsere Heimat halten.« 

Damit waren die Bootsführer fort. In der Art echter Seeleute, die 

sich stets gern wieder vom Land auf die Planken begeben, die ihre 
Welt sind, sprangen sie leichtfüßig die Stufen zum Strand hinunter. 
Sie kamen zur rechten Zeit. Denn just da, als sie ihr Boot erreichten, 
bog ein  Fahrzeug mit sechs Doppelruderern um die Ecke der letzten 
Kanalwindung. Es hielt genau auf den Landeplatz zu. Im Bug 
flatterte die Barbareskenflagge. Die Bootsführer waren der Zahl nach 
unterlegen. Das hinderte sie indes nicht daran, sofort anzugreifen. Sie 
schossen auf Anhieb drei Barbaresken kampfunfähig. Dann nutzten 
sie den Wind. Der fiel ausgerechnet jetzt in die stille Bucht. Er kam 

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so günstig, als wäre er gerufen worden. Die Bootsführer beherrschten 
ihr Fahrzeug meisterhaft. Sie entkamen den Barbaresken. 

Roland, der den Bootsführern hatte nachschauen wollen, sah 

genau, was geschah. Er konnte sich ausrechnen, was jetzt kam. Er 
rannte zu Volker und den Knappen. 

»Kommt. Die werden neugierig geworden sein. Sie wollen 

bestimmt herausfinden, wo der Weg  endet, der da unten im feinen 
Sand der Anlegebucht beginnt.« 

Rolands Kalkulation stimmte. 
Denn, als er mit Volker den schmalen Weg knapp zur Hälfte hinter 

sich hatte, stand Roland plötzlich vor dem ersten Barbaresken. Der 
Mann hielt seinen Krummsäbel schlagbereit. Ob er erkannte, wen er 
in Roland vor sich hatte? Er kam nicht einmal zu einem warnenden 
Schrei. Roland benutzte sein Schwert wie eine Lanze. Nachdem er 
voll getroffen hatte, gab er dem Barbaresken einen Stoß. Der Mann 
kippte seitlich weg. Er verlor im Sturz seinen Turban. Die 
Kopfbedeckung fiel so unglücklich, daß sie den nachfolgenden 
Barbaresken insoweit behinderte, als sie dem Mann den eigenen 
Turban bis weit über die Augen trieb. 

Volker vom Hohentwiel hatte sich katzengwandt an Roland 

vorbeigeschlängelt. Ehe der Barbareske dazu kam, sich wieder freie 
Sicht zu verschaffen, hatte Ritter Volker den Mann schon mit dem 
eigenen Turbanstoff gebunden und geknebelt. Wie einen 
Warenballen ließen die Ritter aus Camelot den Mann liegen. 

»Wir schicken die Gefangenen heim«, raunte Volker seinem 

Freunde zu. 

Roland nickte zu dieser Lösung. Auf diese Weise bekamen der 

letzte Ruderer sowie der Bootskommandant des 
Barbareskenfahrzeugs zwar denkbar derbe Kopfnüsse, behielten aber 
das Leben. 

Ehe sie sich in das graue Steingebäude zurückzogen, welches für 

die nächste Zeit ihr Zuhause sein würde, stiegen Roland und Volker 
noch zum Strand. Sie zogen das dümpelnde Barbareskenboot an 
Land. 

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Oben im Haus erhielten Louis und Pierre die Weisung, das 

Fahrzeug so zu verbauen, daß es nicht mehr gefunden wurde. Es 
wäre wohl am einfachsten gewesen, das Boot zu verbrennen, doch 
jedes Feuerzeichen lockte neugierige Barbaresken an. 

»Sobald ihr damit fertig seid«, wies Roland die Knappen weiter an, 

»nimmt Louis die drei Gefangenen und bringt sie nach Camelot.« 

Dort sollten die Barbaresken nach allen Regeln der Kunst befragt 

werden. 

Louis wäre viel lieber bei seinem Herrn geblieben. Andererseits 

aber sah er ein, daß die Befragung von Gefangenen wichtige 
Informationen für weitere Unternehmungen König Artus' liefern 
konnte. 

»Ich werde eine kleine Strecke mit Louis reiten«, erklärte Roland 

weiter. »Ich bin ja eigentlich aufgebrochen, um meinen alten Lehrer, 
den Einsiedler Klaus, zu besuchen. Das könnte ich heute abend 
erledigen. Wir brechen eine Stunde bevor die Sonne untergeht auf. 
»Und ich?« wagte Knappe Pierre, zu fragen. 

»Du leistest Ritter Volker Gesellschaft und paßt mit ihm auf, daß 

keines Feindes Fuß unser kleines Kastell betritt.« 

Die Wichtigkeit einer solchen Aufgabe war nicht von der Hand zu 

weisen. Volker vom Hohentwiel wiegte ahnungsvoll den Kopf. 
»Wenn ich das richtig sehe, täten wir gut daran, so etwas wie einen 
Botendienst nach Camelot aufzuziehen. Denn, da es uns nur unnütz 
belasten würde, all unsere Gegner in ein besseres Jenseits zu 
befördern, werden wir nicht umhin können, Gefangene zu machen.« 

Das Bauwerk, welches Roland als »kleines Kastell« bezeichnet 

hatte, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ausgesprochen 
gemütliches Haus. Es gab hinreichend Kamine, und auch für 
Trinkwasser war gesorgt. Der Brunnen hätte laufend große 
Pferdeherden tränken können. Das Gebäude lag so, daß es praktisch 
wie ein Raubvogelhorst die Spitze einer schroffen Klippe einnahm. 
Es war nur über den Weg zu erreichen, der vom Landeplatz hierher 
führte. Von See aus war es so gut wie unsichtbar. Andererseits bot 
das Haus seinen Bewohnern die denkbar beste Aussicht. 

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Als Pierre und Louis am späten Nachmittag vom Anliegeplatz 

kamen, hatten sie nasse Kleider, die nach Salzwasser rochen. Das 
Barbareskenfahrzeug war in der Anlegebucht versenkt und unter den 
Sand gebuddelt worden. 

»Das findet kein Mensch wieder«, behauptete Knappe Louis 

grinsend. 

Louis macht sich daran, ein gutes Essen zu kochen. 
»Ich werde es so einrichten, daß für einige Tage was übrigbleibt. 

Nehmt es als Zeichen der guten Meinung, die ich von euch habe. 
Und denkt an mich, wenn es euch schmeckt!« 

Man merkte Louis' Fertigkeiten am Kochherd an, daß er einmal 

Gastwirt gewesen war. Wenn er wollte und die nötigen Zutaten hatte, 
stellte er  mit seiner Kunst manchen Kollegen glatt in den Schatten. 
Nach dem Duft zu schließen, der bald das ganze Haus würzte, mußte 
Louis heute einen besonders guten Tag erwischt haben. 

Sie genossen die Mahlzeit. Danach setzten sie die gefesselten 

Gefangenen auf die Saumtiere. 

»Viel Erfolg«, wünschten Volker vom 2l Hohentwiel und Knappe 

Pierre. Sie winkten den beiden nach. 

Da stieß Pierre einen Laut aus, als drohe ihm die Luft knapp zu 

werden. Von Roland und Louis war nichts mehr zu sehen. Ein 
Barbareskenboot mit grellbunten Segeln bog zum Landeplatz ein. 
Hundegebell drang zu ihnen hoch. Knappe Pierre lächelte. 

»Da hat der raffinierte Louis mal wieder das Richtige getan«, 

murmelte er. »Wieso?« wollte Ritter Volker wissen. 

»Nun, wir brauchen nicht zu befürchten, aufgestöbert zu werden. 

Louis hat nämlich überall reichlich Pfeffer gestreut. Das hält der 
wildeste Bluthund nicht aus.« 

Was Pierre sagte, bestätigte sich. Das so schreiend bunt 

aufgetakelte Schiff legte an. Hunde bellten. Unversehens wurde das 
Gebell schmerzvoll dunkel. Schließlich sank es zum ängstlichen 
Geheul ab. Nicht lange und das Boot strebte wieder dem Meer zu. 

»Für  die Nacht haben wir Ruhe«, sagte Ritter Volker. »Allerdings 

werden wir nicht umhin können, aufzupassen. Ich übernehme die 

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erste Wache.« 

Die Straßen und Wege schienen friedlich still. Mochte dieser 
Eindruck auch trügen, sie begegneten weder einem Barbareskentrupp 
in geschlossener Formation noch streunenden Nachzüglern. Die 
Hauptkräfte der Heermasse Mahmud ben Osmadis operierten 
ungefähr halbwegs zwischen Camelot und der Küste. 

Sie hielten sich streng an die alte Reiterregel: eine Stunde Ritt, eine 

Stunde Führen am Zügel. Unaufhörlich musterte Louis mit wachen 
Augen den Horizont sowie das Land davor. Was er erwartete und 
wahrscheinlich genauso fürchtete, ereignete sich nicht. Größere 
Dörfer gab es hier nicht. Doch auch in den Weilern und Gehöften, 
fanden sie kein Leben mehr. Die plündernden Soldaten hatten Vieh 
und Geflügel gestohlen. Die Hofhunde hingen meist erschlagen an 
ihren Ketten. 

»Sklaven aus unserem Land werden auf den Märkten der 

Barbaresken sehr billig werden«, ahnte Roland. 

»Dafür werden wir mit aneinander geketteten Seeräubern dienen 

können, wenn die letzte Schlacht geschlagen ist, Herr!« 

Louis sagte genau das, was er ehrlich meinte. Je näher sie den 

Waldklippen kamen, wo Rolands alter Lehrer, der Einsiedler Klaus, 
lebte, desto besorgter wurde Rolands Miene. Louis wollte ihn 
trösten. 

»Kopf hoch, Herr«, sagte er. »Ich fürchte zwar auch, wir können 

weit weniger tun, als wir tun möchten. Andererseits aber geht es im 
Leben meist auch nur halb so schlimm zu, wie Menschenherzen 
fürchten.« 

Ähnlich wie Louis musterte Ritter Roland immer wieder das Land 

voraus bis zum Horizont. 

Die Barbaresken, welche Louis nach Camelot schaffen sollte, 

waren längst wach. Sie dauerten Roland. Auch so ein Heide hat 
Hunger und Durst wie jeder andere Mensch. Als sie durch eine 

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Waldstrecke kamen, zeigte Roland auf eine Lichtung. 

»Wir rasten hier. Treib sauberes Wasser auf und teile ihnen von 

unserem Mundvorrat zu.« 

Die dunklen Augen der Barbaresken funkelten begehrlich. Ganz 

klar, sie dachten an Flucht. Flackernde Furcht wohnte in ihnen. Sie 
bestanden von Kopf bis Fuß aus Haß gegen ihre Überwinder. 
Dennoch aber weigerten sie sich nicht und wehrten nicht ab, als 
Louis ihnen Brot und Wasser bot. Sogar Schweinespeck, ein 
Nahrungsmittel, das ihnen sonst denkbar verhaßt ist, aßen sie gierig. 

Louis hatte kein Feuer entzündet. Sie saßen am Waldrand. Die 

Pferde folgten dem Beispiel ihrer mahlzeitenden Besitzer und 
grasten. Dazu schnaubten sie. Man hätte glauben können, auf einer 
Koppel mit rings umher Ställen zu sein. Trotz dieser 
Feierabendstimmung blieb Ritter Rolands Mißtrauen wach. All seine 
Erfahrung lehrte ihn, gerade dann besonders aufmerksam zu sein, 
wenn mit ihm und um ihn nichts Bedrohliches geschah. 

Unversehens waren sie da. Es geschah so schnell, wie man eine 

Hand umdreht. Es war, als seien sie aus dem Boden gewachsen. Drei 
Dutzend Barbaresken bildeten einen lückenlosen Kreis um die zwei 
aus Camelot. Ihren Gesten und Mienen nach zu urteilen, konnte es 
nur Sekunden dauern, bis sie angriffen. 

Die Gefangenen begriffen diese Wendung zuerst. Da sie bis vor 

wenigen Sekunden gegessen und getrunken hatten, waren sie 
ungefesselt. Sie sprangen behend wie fliehende Hasen auf die Beine. 
Gemeinsam mit ihren Kameraden, welche die Cameloten 
einschlossen, fühlten sie sich ihren  Bewachern nunmehr überlegen. 
Das zeigten sie ganz offen. Einer war in etwa der Landessprache 
mächtig. Er zeigte auf Roland. 

»Du Gefangener«, sagte er kehlig. 
Roland, der Held aus Camelot, dachte nicht daran, sich zu ergeben. 

Gegner in Überzahl hatten ihm noch nie imponiert. 

Die Barbaresken, welche sich angeschlichen hatten, griffen dreist 

nach den Zügeln der weidenden Pferde. Die Tiere sammelten sich 
instinktiv um Rolands Hengst Samum. Samum keilte heftig aus, 

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sobald eine braune Barbareskenfaust sein Zaumzeug berührte. Das 
Kopfrucken des starken Hengstes riß den diebischen Barbaresken 
glatt von den Beinen. Einen weiteren Räuber trafen die auskeilenden 
Hufe Samums voll gegen die Brust. Das gab einen Laut, als werde 
ein leeres Faß mit einem Daubenschlegel bearbeitet. 

Roland war behend auf die Füße gesprungen. Zugleich zog er sein 

Schwert. Das rasselte, als würde eine Schütte Erbsen auf ein scharf 
gespanntes Trommelfell geworfen. Der Stahl blitzte. Die 
Barbaresken verkannten die Lage gründlich. Sie glaubten, leichtes 
Spiel zu haben, doch sie hatten Unglück auf der ganzen Linie. Die 
Gegner, an die sie hier geraten waren, wogen einen starken Trupp 
normaler Soldaten auf. Louis gesellte sich seinem Herrn zu. 
Gemeinhin bevorzugte der Knappe Pfeil und Bogen als Waffe. Heute 
jedoch griff er zum Schwert. Im Gegensatz zu Ritter Roland 
verzichtete er auf den deckenden Schild. Statt dessen führte er in der 
Linken ein langes, breites Dolchmesser. Ein so gehandhabter Dolch 
heißt unter Kundigen »Klingenbrecher«. Er kann weit 
wirkungsvoller schützen, als ein Schild. 

Normalerweise hätte jemand, der einer solchen Übermacht 

gegenübersteht, sich auf Abwehr und Verteidigung beschränkt. Nicht 
so Roland. Nach dem ersten Klingenkreuzen und Schwertklirren, 
drang er von sich aus auf die Barbaresken ein. Er legte ein regelrech-
tes Flechtwerk von , Schwerthieben um sich. Knappe Louis schützte 
den Rücken sowie die Seiten seines Herrn. Stahl prallte auf Stahl. 
Immer wieder. Für die Barbaresken entsprach die Situation d«r 
gewohnten Lage. Sie griffen an. Kein Zweifel: sie würden Sieger 
bleiben. Doch es kam so ganz anders. 

Als erste fielen die für Camelot bestimmten Gefangenen Rolands 

starker Faust zum Opfer. In den schweren Panzerhandschuhen 
glichen Rolands Hände Rammböcken, die so lange gegen die 
Mauern prallten, bis eine Bresche entstand. Die kaum frei 
gewordenen Gefangenen brachen bewußtlos zusammen. 

Die Pferde drängten schnaubend heran. Sie nahmen die 

Gefangenen in die Mitte. Die Tiere folgten in jeder Weise dem 

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Beispiel, welches Samum ihnen gab. Die Seeräuber waren längst 
klug genug gewesen, zu den Pferden auf wirkungsvollen Abstand zu 
gehen. Diese Verblüffungssekunde nutzten Roland und Louis zu 
ihrem Vorteil. Sie drangen mit vermehrtem Eifer auf die Barbaresken 
ein. Ihre Schwerthiebe fielen hageldicht. Das galt für den Knappen 
genauso wie für Ritter Roland. Louis setzte seinen Parierdolch nicht 
nur als Klingenbrecher ein. Er stieß hierhin, stach dorthin und wurde 
mit der Linken ein ebenso guter Fechter wie mit rechts. 

Die Barbaresken feuerten sich mit wilden Zurufen an. Das Rezept 

wirkte nur eine kleine Weile. Dann gerieten  sie zusehends auf die 
Verliererstraße. Stoß wechselte mit Schlag. Jeder Finte Rolands 
folgte ein Treffer. Nicht lange und von den Barbaresken waren nur 
noch zehn übrig. Die hoben plötzlich zögernd die Arme, ohne daß 
ihnen vorher jemand ein Kommando gegeben hätte. Sie gaben auf. 

Roland befahl Louis: »Binde sie! Sieh aber zu, daß es keinem 

gelingt, sich zur Unzeit zu befreien.« 

Louis lachte. »Keine Sorge, Herr! Ich habe von früher her den 

einen oder anderen nützlichen Kniff auf Lager. Dazu gehört auch, 
daß kein Mann, den ich gebunden habe, sich gegen meinen Willen 
freimacht.« 

Jetzt hatten sie über ein Dutzend Gefangene, die nach Camelot 

mußten. 

»Wirst du auch mit so vielen Männern fertig, Louis?« wollte Ritter 

Roland wissen. 

Der Knappe lachte. »Wenn mir so  eine Geschichte über den Kopf 

wüchse, täte ich gut daran, den Beruf zu wechseln, Herr. Keine 
Angst! Ich bringe all heil ins Schloß und zum König. Gleichgültig, 
wieviel wir noch einsammeln werden, bis wir bei deinem verehrten 
Lehrer sind.« 

Es stellte sich heraus, daß die Barbaresken, welche sie hatten 

überfallen wollen, zu Pferde gekommen waren. So herrschte an 
Reittieren auch für die neuen Gefangenen kein Mangel. Und sie 
führten noch eine stattliche Menge Reservepferde mit sich fort. 

»Mir scheint, unser  Unternehmen steht unter einem glücklichen 

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Stern. Bis zur Wegebiegung nach Camelot ist es nicht mehr weit.« 

Knappe Louis nickte zu den Worten seines Herrn. Er ahnte, daß 

Roland ihn gleich verabschieden würde, legte aber Wert darauf, das 
Zusammensein mit dem Ritter möglichst lange auszudehnen. 

»Wenn ich noch eine Weile bei dir bleibe, Herr, kann ich hinterher 

die Hauptstraße zur Küste benutzen.« 

Roland warnte. 
»Sei nur ja vorsichtig. Ehe du dich versiehst, bist du einem Trupp 

streifender Barbaresken in die Fänge geritten.« 

Louis grinste breit. 
»Da sei der Herr vor. Im übrigen werde ich es an der gebotenen 

Wachsamkeit gewiß nicht fehlen lassen. Weiß ich doch zu genau, 
daß des Wanderers Fuß nie schneller stolpert, als wenn er vor der 
Schwelle des heimatlichen Hauses steht.« 

Knappe Louis täuschte Roland nicht. Der wußte genau, daß Louis 

ihn nur aus Fürsorglichkeit nicht allein lassen wollte. Und sein Herz 
freute sich der Wärme, die in diesem Wesenszug steckte. 

Sie näherten sich den sogenannten Waldklippen, der Gegend, 

darinnen Klaus, der Einsiedler, hauste. Roland gab seinem Hengst 
Schenkeldruck. Samum trabte doppelt munter los. 

»Von hier aus gehe ich besser allein«, brummte Roland. »Gehab 

dich wohl, Louis. Gruß und Empfehlung an den König sowie an alle 
anderen in Camelot.« 

Roland hatte sich gewandt aus dem Sattel geschwungen. Der Weg 

in die Waldklippen wurde steil. Samum brauchte nicht geführt zu 
werden. Er lief sowieso ähnlich einem Hund hinter seinem Herrn her 
und achtete sorgsam darauf, daß er stets Tuchfühlung behielt. 

Knappe Louis hatte seinem Herrn Roland keinen Abschiedsgruß 

entboten. Mochte der Himmel wissen, was Louis trieb, als er spontan 
beschloß, dem Ritter zu folgen. Suchend spähte er umher. Er 
gewahrte eine Bucht in den Waldklippen. Die Deckung sehen und 
die Tiere dorthin treiben, war für Louis ein Ding. 

Es nahm ziemlich viel Zeit in Anspruch, die Gefangenen zu 

versorgen, das heißt, jeden einzelnen, fach- und sachgemäß zu 

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binden und zu knebeln. Hierbei war besonders darauf zu achten, daß 
die Gefangenen sich nicht auf irgendeine Weise einander nähern und 
dann gegenseitig zur Freiheit verhelfen konnten. 

Sobald das geschafft war, machte Louis sich auf den Weg, seinem 

Herrn zu folgen. Er schärfte Samum ein, auf die Pferde und auf die 
Gefangenen zu achten. 

»Vielleicht bilde ich mir alle Sorge nur ein, Samum! Vielleicht ist 

wirklich alles ganz harmlos, und ich bin bald wieder da. Aber selbst 
auf die Gefahr hin, daß mein Herr Roland ernsthaft böse auf mich 
wird, ich kann nicht anders, als jetzt an seiner Seite zu sein.« 

Guter Louis. Die Ahnungen trogen nicht. Das würde Ritter Roland 

in eben diesem Augenblick bestätigt haben. Roland war nämlich so 
nah, daß er die nähere Heimat seines alten Lehrers sah. Er machte 
auch Pferde aus. Prächtig aufgezäumte Barbareskenpferde. Tiere, 
wie sie in dieser Art nur die Leibwache Mahmud ben Osmadis, des 
Admirals und Oberbefehlshabers, zur Verfügung hatte. 

Roland legte warnend die Hand auf Samums Nüstern. Roland 

pflockte den Hengst seitlich des schmalen Weges in  einem Gebüsch 
an. Dann ging er allein weiter. Er durchkletterte die Waldklippen so, 
daß er die Felsklippe des Einsiedlers von der Seeseite her sah. Da 
gewahrte er auch, was jetzt mit dem verehrten, alten Lehrer geschah. 

Sechs stämmige Seeräuber hielten  den alten Mann gepackt. Ein 

besonders prächtig gekleideter Barbareske zeigte auf ein seitlich der 
Szene brennendes Feuer. Dazu sagte er: 

»Willst du endlich deinen Starrsinn ablegen, Christenhund und 

unserem Bassa, dem großen, ruhmreichen Mahmud ben Osmadi 
redlich dienen? Oder müssen meine treuen Diener dir nach der 
Bastonnade noch das Feuer zu kosten geben, auf daß dein Hochmut 
endlich gebrochen werde? Sage uns ein unterwürfiges Wort nur, 
sage, daß du uns freiwillig und in Reue zum großen Bassa Mahmud 
ben Osmadi folgst, dann sollst verschont bleiben von weiterer Qual.« 

Roland erkannte entsetzt, daß die Füße seines alten Lehrers von der 

Bastonnade zerrissen waren. Es würde lange dauern, bis der 
Einsiedler wieder normal laufen konnte. 

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Roland hielt es nicht mehr in seinem Versteck. Er preschte lautlos 

vor bis zum Blockhaus und griff die Barbaresken an. 

Was sie schrien, die braunhäutigen Eroberer, verstand Roland nur 
aus ihren lebhaften Gesten. Er war der Barbareskensprache nicht 
mächtig. Er würde auch nie den Ehrgeiz spüren, diese Sprache zu 
lernen. Doch er fühlte, daß er nicht mehr allein war. 

Ein Blick zur Seite belehrte ihn, daß Knappe Louis an seiner Seite 

stürmte. Im Lauf legte der Knappe Pfeil um Pfeil auf die Sehne. 
Spannte und schoß. Er traf mit nachtwandlerischer Sicherheit. Jeder 
Schuß kostete die Barbaresken einen Mann. Die Reiter an der 
Blockhütte gehörten zur Leibwache des Admirals. Das wurde auch 
dadurch deutlich, daß Roland keinen dieser Männer gewissermaßen 
mit einem Arm einfach zur Seite schob. 

Die Barbaresken ihrerseits nahmen den Strauß mit dem neuen 

Gegner bereitwillig und mit Wutgebrüll an. 

Roland stand ihnen hinsichtlich feurigem Temperament kaum 

nach. Die meisten Gegner, welche ausgeschaltet wurden, konnte 
Knappe Louis auf sein Konto buchen. 

Längst hatten die Männer, welche den mißhandelten Lehrer mit 

den Fußsohlen voran ins hell lodernde Feuer halten sollten, den alten 
Einsiedler losgelassen. Klaus erkannte die Situation richtig. Mochte 
er auch von Qual und Schmerzen durchwühlt sein, daß er kaum zu 
sprechen vermochte. Er erkannte seinen Schüler. 

»Roland!« 
Der Klang der vertrauten Stimme und die ganze Situation lenkten 

Roland für wenige Sekunden ab. Das genügte dem Anführer des 
Barbareskentrupps, um Rolands Schwertdeckung zu durchbrechen 
und ihn in blitzschneller Folge an vier, fünf, sechs Stellen zu treffen. 
Ohne die so vorzügliche Brünne wäre Roland verloren gewesen. 

Die Erkenntnis brachte Roland voll und sehr schnell auf den Boden 

der Tatsachen zurück. Er konzentrierte sich auf das, was jetzt getan 

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werden mußte. Er bildete sich ein, sein Freund Volker vom 
Hohentwiel stünde hinter ihm. Volker war ein Meister der 
Fechtkunst von ganz besonders hohen Gnaden.  - Wenn du einem 
erfahrenen Mann gegenüberstehst, Roland, so begegne ihm in  einer 
Weise, welche er den Fechtregeln nach nicht vermuten darf. Das 
klang in Rolands Ohr. Und er handelte entsprechend. Der 
Barbareskenführer war ein erfahrener Mann. Doch daß jetzt Roland 
mit einem Rundschlag weitermachte, das ging wahrhaftig gegen jede 
Regel. 

Das Mittel half. Roland hatte Gelegenheit, seine Schwertklinge in 

den Säbelkorb des Gegners zu klemmen und ihm so den Handschar, 
den türkischen Säbel mit der unten breiteren, scharfen Klinge, aus 
der Faust zu winden. Roland setzte sofort nach. Der Barbareske 
starrte noch dem davonschwirrenden Säbel nach, als er bereits auf 
der Erde lag und nicht hätte sagen können, wie er zu Fall gekommen 
war. 

Roland setzte dem besiegten Feind den im Kettenpanzer 

steckenden Fuß auf die Brust. Der Barbareske funkelte ihn aus 
zornigen Augen an. 

»Sage, daß du um Gnade bittest«, verlangte Roland. Er fühlte, wie 

jemand ihn berührte und seinen Arm festhielt. Es bedurfte keiner 
Frage, um ihm zu sagen, wer das war. Eine wohl bekannte Stimme 
raunte ihm zu: 

»Du würdest es bereuen, ehe die Sonne die nächste Reise beginnt, 

Sohn.« 

Da hatte doch Einsiedler Klaus, dieser unbeschreiblich zähe Mann, 

die kaum zu beschreibenden Schmerzen der Bastonnade einfach 
abgeschüttelt, war zu seinem Schüler gehumpelt und hielt jetzt 
seinen Arm fest. 

Knappe Louis sprang gewandt hinzu. Der Einsiedler aber wehrte 

jeden Bestand ab. 

»Was mir fehlt, kann durch Pflege und Waldkräuter schnell 

behoben werden.« Der Einsiedler zeigte auf die Barbaresken. »Bei 
denen hier geht das nicht mehr. Mögen sie alle unsere Feinde sein 

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und uns nichts Gutes gebracht haben, Menschen sind auch sie. 
Roland, gönne deinem Schwert eine Pause. Es hat sie verdient.« 

Das Feuer, mit dessen Hilfe die Barbaresken den Willen des 

Einsiedlers hatten brechen wollen, brannte nieder. Jetzt erst sahen 
Roland und sein Knappe, daß mit der Einsiedlerhütte kein Staat mehr 
zu machen war. Das Dach fehlte. Der alte Klaus erklärte diesen 
Mangel. 

»Eines Tages kamen Plünderer. Sie suchten den Schatz des Leart 

of Caind.« 

Leart of Caind. Bei dem Namen fiel Roland Mirinda ein. 
»Weißt du, was aus der Tochter des Learts geworden ist?« 
Der Einsiedler wich Rolands Blick genauso aus, wie er die Frage 

unbeantwortet ließ. 

»Willst du diesen Mann da nicht endlich aufstehen lassen, 

Roland?« 

Da nahm Roland den gewappneten Fuß von dem besiegten 

Barbareskenfeind. 

Sekunden später legte er den Arm um die Schultern des 

Einsiedlers. 

Roland hatte in Klaus immer so eine Art Vater-Ersatz gesehen. 
Knappe Louis band den Anführer der Barbaresken. Der Mann war 

als einziger übriggeblieben. 

»Wenn wir so weitermachen, müssen wir eine ansehnliche 

Pferdeherde heim nach Camelot treiben, Herr.« Das sagte Louis. 

Roland ließ den Einsiedler nicht los. Der Alte war von 

beklagenswerter Dürre, was die Körperlichkeit betraf. »Hör zu, 
Louis. Ich werde meinen Lehrer jetzt ins Haus tragen, um ihn zu 
untersuchen. Du bereitest inzwischen ein Pferd oder auch deren zwei 
so vor, daß sie mir beim Abtransport dienlich sein können.« 

Knappe Louis hatte eine Gegenfrage. »Wäre es nicht gut, wir ritten 

alle gemeinsam nach Camelot?« 

Ritter Roland schüttelte heftig den Kopf. 
»Dazu habe ich noch viel zu wenig von des Königs Auftrag erfüllt, 

Louis. Ich muß weiter unterwegs sein und die Augen offenhalten. 

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Berichte der Majestät, was sich hier draußen tut. Sage, es sei 
Vorsicht geboten wie schon lange nicht mehr. Sage, die Feinde 
rückten von mehreren Seiten in unseren Machtbereich. Die Majestät 
möge jeden Schritt und jeden Zug lange bedenken. Es ist kein 
leichter Strauß, den uns dieser Gegner anträgt.« 

»Ich will gewiß kein Wort vergessen, Herr. Doch es wäre mir 

lieber, du selber würdest dem König Meldung machen. Gerade jetzt, 
so kurz vor dem Jubiläumsfest macht es kaum Freude, Bote einer 
schlechten Zeitung zu sein.« 

Roland entschied sich kurz. »Es bleibt bei dem, was ich gesagt 

habe, Louis. Ich bringe meinen väterlichen Freund und Lehrer 
dorthin, wo Ritter Volker und Knappe Pierre warten.« 

»Soll ich dann aus Camelot vielleicht Verstärkung holen, Herr?« 
Roland schüttelte den Kopf. »Nicht nötig, Louis. Wir vier sind, wie 

ich glaube, Schwertarme genug.« 

Anscheinend hatte Louis geargwöhnt. Roland könne ihm befehlen, 

am Königshof zu  bleiben. Das würde ihm bei dieser Sachlage 
überhaupt nicht gefallen haben. Plötzlich hatte er es mit dem 
Aufbruch eilig. Je eher er Camelot erreichte, desto eher war er 
zurück. 

»Ich mach so schnell ich kann, Herr!« 
Er beförderte den Überlebenden aus Mahmud ben Osmadis 

Leibwache im Handumdrehen zu den Gefangenen. Wer Louis 
betrachtete, mußte immer wieder staunen, welch eine Kraft in dem 
doch eigentlich recht kurz gewachsenen Körper steckte. Er lud sich 
den Barbaresken auf, als sei der zappelnde Mann ein Sack Getreide. 
Dann koppelte er die Pferde so aneinander, daß ihm kein Stück 
verlorenging, sofern der Heimritt normal verlief. Wenn jedoch 
unvorhergesehene Ereignisse eintraten, so würde er dem König und 
später seinem Herrn Roland den Verlust der Beutepferde erklären 
müssen. Denn, da die Tiere aneinander gebunden waren, mußten sie 
zwangsläufig folgen, wenn eines von ihnen aus der vorgeschriebenen 
Bahn dirigiert wurde. 

Knappe Louis bastelte aus zwei Barbareskensätteln so etwas wie 

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eine Sänfte. Das Tragegestell hing zwischen zwei Pferden. Bei dem 
Rückritt zum alten Kastell würde Roland also außer auf seinen 
Samum auch noch auf zwei andere Pferde zu achten haben. 

»Das hast du schön gemacht«, lobte Roland seinen Knappen. Er 

hatte seinen alten Lehrer versorgt. 

»Es sieht böse aus. Man sollte nicht glauben, was so ein Dutzend 

Stockschläge aus gesunden Fußsohlen machen können.« 

Des Klausners Füße waren bis zu den Waden fest verbunden. 

Wenn der starke Geruch nicht trog, so mußte die Salbe unter den 
Verbänden wirklich eine starke Heilwirkung haben. Der Einsiedler 
erholte sich von Minute zu Minute mehr. Selbst die sonst so harten 
Augen des Knappen Louis bekamen einen Schimmer von Mitleid, 
wenn ihr Blick auf den mißhandelten Mann fiel. 

»Für alles werden sie zu bezahlen haben, die Eroberer aus der 

Barbarei.« 

Einsiedler Klaus fühlte sich kräftig genug, an der Unterhaltung 

teilzunehmen. »Ich habe dir nicht geschrieben, damit du dich um 
mich kümmern sollst, Sohn. Es geht mir um das arme Volk und seine 
Not.« 

»Dem kann ich allein sowieso leider nur wenig helfen, Vater.« 
Einsiedler Klaus widersprach heftig. »Sage das nicht. Seit deinem 

Aufbruch aus Camelot hast du dem Feind beträchlichen Schaden 
zugefügt. Vor allem hast du mit dem Irrglauben aufgeräumt, den 
Barbaresken gelinge alles, und wir seien glatt verloren. Die 
Menschen sehen, daß auch die Fremden verwundbar sind, und sie 
schöpfen neuen Mut.« 

Ritter Roland fand wahrscheinlich, sein alter Lehrer lobe ihn zu 

stark. Er wollte den Einsiedler ablenken. 

»Was wollten sie eigentlich heute bei dir, Vater?« 
Der alte Klaus streichelte seinen Bart. »Nun, sie wollten einmal 

mehr herausfinden, ob der Leart of Caind nicht doch seinen Schatz 
bei mir versteckt hat, wie manche behaupten. Übrigens, ist Richard 
unversehrt nach Camelot gekommen?« 

»Er wurde verwundet, Vater. Aber er hat gute Pflege und wird 

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wieder gesund werden.« 

Hatte der Einsiedler etwa Furcht, Roland könne wieder nach der 

Tochter des Learts fragen? Jedenfalls erzählte er so hastig weiter, 
was die Barbaresken heute gewollt hatten, daß man sehr wohl den 
Eindruck gewinnen konnte, hier solle etwas vertuscht werden. »Ja, 
und dann verlangten sie natürlich auf ihre brutale Weise, ich sollte 
den Eid auf den Admiral ablegen. Zu diesem Eid seien alle 
Geistlichen im Lande verpflichtet. Ich konnte ihnen nicht klar 
machen, daß ich nicht zum geistlichen Stande gehöre, obwohl ich als 
Eremit lebe.« 

»Deshalb die Bastonnade?« erkundigte sich Roland. 
»Ja, Sohn. Daher waren sie auch drauf und dran, meine Füße über 

dem Feuer zu rösten ... bis der Himmel  - Gottlob  - ein Einsehen hatte 
und dich daher schickte.« 

»Ist noch irgend etwas von Wert in der Hütte?« 
Der Einsiedler schüttelte den Kopf. »Du kennst die karge 

Einrichtung. Ich glaube nicht, daß sie Plünderer anlockt. Von mir aus 
können wir also aufbrechen.« 

Ritter Roland verhalf dem Einsiedler zu bequemem Sitz in dem 

Tragegestell. Zusammen verfolgten sie den Aufbrach des Knappen. 
Louis prüfte erst sorgsam den Wind. Dann setzte er sich an die Spitze 
der Herde. Die Pferde mit den Gefangenen trabten mitten in dem 
Knäuel. Die leichten Barbareskenpferde trugen ganz dünne, Eisen. 
Sie machten kaum Lärm. Bald war Louis in den Waldringen unter 
den Klippen verschwunden. 

»Hoffentlich erreicht er das Schloß heil«, hörte Roland den 

Einsiedler murmeln. 

In dieser Hinsicht hatte Roland kaum Befürchtungen. »Wenn einer 

es schafft, dann Louis. Der ist mit allen Wassern gewaschen.  - Nun 
wird es Zeit, daß auch wir heim kommen.« 

Roland vergewisserte sich, daß nichts vergessen worden war. Dann 

schwang  er sich auf Samum. Der Hengst schnaubte, als freue er sich, 
Roland wieder zu spüren. 

Der Einsiedler seufzte und sagte: »Von dort, wo dein Knappe 

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hingeritten ist, leuchtet Feuerschein.« 

Roland beruhigte den alten Mann. 
»Schau nicht hin! Louis weiß sich in jeder Lage zu helfen. Wir 

brauchen uns keine Sorgen zu machen.« 

Roland trieb Samum leicht an. Der Hengst legte Tempo zu. Die 

beiden Pferde, die den Einsiedler trugen, hielten nur mühsam Schritt. 

Das Kastell wirkte in der Dunkelheit wie ein gewaltiges Tier, 
welches sich auf einer so gut wie unendlichen Wiese zur Nachtruhe 
hingelegt hat. 

Bis jetzt waren sie keiner Menschenseele begegnet. Nun aber regte 

sich etwas in den Büschen. 

»Ha«, rief eine wohlbekannte Stimme. »Da hätte ich doch um ein 

Haar meinen guten Herrn Roland für einen Barbaresken gehalten.« 

»Macht nichts, Pierre. Du hast mir somit einmal mehr bewiesen, 

wie wachsam du sein kannst. Klaus, wir stehen vor Pierre, meinem 
zweiten Knappen. War irgendwas Besonders los, Pierre?« 

»Gottlob nein, Herr. Da es hier nur einen Zugang gibt, habe ich es 

durchgesetzt, daß Ritter Volker sich hingelegt hat. Es ist alles ruhig 
geblieben.« 

Der Knappe wollte helfen. Die Pferde hatten ihre liebe Not, das 

Tragegestell mit dem Einsiedler über den engen Weg 
hochzubalancieren. 

»Soll ich helfen?« 
»Nicht nötig. Gib nur weiter gut acht.« 
Sie ließen den Knappen allein. Wenig später waren sie in dem 

alten Steinhaus. Klaus schien den Bau zu kennen. 

»Der alte Zollturm«, murmelte er. 
Volker vom Hohentwiel hatte einen so leichten Schlaf, daß er den 

Freund samt Begleitung an der Zugbrücke erwartete. Der Eremit und 
der Ritter vom Hohentwiel kannten sich. Die Begrüßung fiel herzlich 
aus. 

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»Die Männer, welche uns hierher gebracht haben, dachten so 

ziemlich an alles. Stünde dir nicht der Sinn nach einem guten 
Schluck Wein, Roland?« 

Roland warf seinem alten Lehrer einen Blick zu, als liege ihm an 

dessen Zustimmung zu solcherlei Beginnen. Einsiedler Klaus 
lächelte. 

»Nach dem, was der heutige  Tag mir an Erlebnissen bescherte, 

könnte ich einen Schluck Wein sehr gut vertragen. Und du wirst nach 
einem oder zwei Humpen prächtig schlafen können, Roland.« 

»Meinst du? Nun, ich hoffe, es wird meiner Brauchbarkeit kaum 

Abbruch tun, wenn ich mir jetzt ein kleines Quantum Wein 
genehmige. Ist er denn gut?« 

Volker lachte. 
»Ich habe auf dich gewartet und noch nicht probiert. Moment, ich 

hole einen Krug.« 

Volker hatte Rolands Abwesenheit benutzt, sich über die im 

Kastell vorhandenen Vorräte zu orientieren. 

Unten auf dem nachtverschatteten Weg hatte in diesem Augenblick 

Knappe Pierre ein gar eigenes Erlebnis, dessen erste Sekunde ihm 
mächtig zusetzte. 

Er hielt viel auf sein gutes Gehör. Kaum waren Roland und Klaus 

in Richtung Haus verschwunden, plagte ihn das Gefühl, nicht mehr 
allein zu sein. Er ging gegen diese Empfindung an, indem er 
angespannt in die Dunkelheit spähte und zugleich horchte. Da wurde 
ihm, als lache jemand im dichten Gesträuch. Hell und glucksend. Der 
Laut blieb aber trotzdem leise. 

Mitten im angestrengten Horchen spürte Pierre etwas Weiches 

über seinen Kopf gleiten und sich um Hals und Nackenharnisch 
legen. Wie wild griff er nach dem unbekannten Etwas. Da wurde 
Knappe Pierre angesprochen. 

»Wäre ich ein Barbareske, brauchtest du dir jetzt nicht mehr die 

Mühe des Atmens zu machen, Knappe Pierre. Du heißt doch Pierre, 
nicht wahr?« 

Das unterdrückte, silberhelle Lachen verstärkte sich. »Du siehst 

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einem Schwein, das ins Wasser harnt, verzweifelt ähnlich, Knappe 
Pierre. Du hast wahrscheinlich strenge Weisung, niemanden 
durchzulassen. Bei mir und mit mir aber wirst du eine Ausnahme 
machen. Sonst bringe ich deinem Herrn bei, wie leicht du zu 
übertölpeln bist, kleiner Pierre.« 

Pierre war es erstens gelungen, sich des weichen Gegenstandes zu 

bemächtigen, der um seinen Hals geworfen worden, und zweitens 
hatte er erkannt, wem die Stimme gehörte, die da sprach. 

»Die Tochter des Learts.« 
»Richtig. Mirinda, die ihr durch den Findling kurzerhand zur 

Mutter gemacht habt. Magst du dein Findelkind sehen?« 

Es schien so, als wolle Knappe Pierre sich gegen dieses Ansinnen 

wehren. 

»Bei der Dunkelheit?« 
Die Leartstochter lachte. »Nacht oder Tag, das macht keinen 

Unterschied. Nachts mußt du deine Augen nur etwas länger an ihre 
Pflicht gewöhnen. Aber es geht gut,  wenn du es erst kannst. Komm 
her!« 

Die letzten Worte klangen so zwingend, daß Pierre sich tatsächlich 

in Richtung Stimme bewegte. Und jetzt sah er die Frau. Sie drehte 
sich um. Da wurde Pierre klar, daß sie eine Kiepe aus Binsen auf 
dem Rücken trug. In der Kiepe schlief ein Kind. Sichtlich vertraut 
mit der Nähe und Wärme des Menschen, der ihn trug. Satt und 
zufrieden. 

»Siehst du? Das Ding ist so konstruiert, daß man es als Tragekiepe 

und zugleich auch als Wiege benutzen kann. Praktisch, nicht wahr?« 

»Und wer hat das gemacht?« 
»Ich natürlich. Ich habe das Gestell ausgedacht und auch selber 

geflochten.« 

Wenn das stimmte, verfügte die Tochter des Learts of Caind 

zumindest über geschickte Hände. 

»Hör zu, Pierre, dein Herr ist doch zurückgekommen. Wen hat er 

denn ins alte Zollhaus mitgebracht?« 

Pierre sah keinen Anlaß, aus der Anwesenheit des alten Einsiedlers 

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im Kastell ein Geheimnis zu machen. 

»Der Besuch heißt Einsiedler Klaus. Die Barbaresken haben ihm 

böse mitgespielt. Mein Herr kam in letzter Minute.« 

»Der Eremit aus den Waldklippen«, hörte Knappe Pierre die Frau 

murmeln. »Hm. Dann hat er für unsereins keine Zeit. Andererseits, 
wenn ich es recht bedenke, kann das sehr von Nutzen sein.« 

Ehe Knappe Pierre begriff, was geschah, hatte sich die Frau bereits 

abgesetzt. 

»Auf Wiedersehen.« Das klang aus den Büschen. Die Frau mußte 

Katzenaugen haben. Die Dunkelnacht schien ihr nichts auszumachen. 

Knappe Pierre überlegte und kam zu dem Entschluß, seinem Herrn 

die Heimsuchung zu melden. Er legte die Hände muschelähnlich an 
den Mund. Als er in die Hände blies, entstand ein Laut, der an den 
Balzruf der großen Ohreule erinnerte. 

Kurz darauf erschien Ritter Volker. Pierre berichtete, was 

geschehen war. 

»Die hat sich meinen Freund Roland in den Kopf gesetzt«, 

überlegte Volker laut. »Die Lage will mir nicht gefallen. Lauf hoch 
und sage Roland Bescheid, Pierre.« 

Der Knappe entschwand. 
Im Haus, welches von kleinen Öllämpchen und Kerzen gemütlich 

erhellt wurde, bekam Klaus dunkle Augen, sobald der Name der 
Leartstochter Mirinda fiel. 

»Welcher Art ist deine Verbindung zu diesem ... Wesen?« 
»Der Leartssohn ihn trug mir in Camelot eine Botschaft für seine 

Schwester auf. Ich tat, was meine Pflicht war, richtete die Bestellung 
aus, als sie mir zufällig begegnete. Mehr war nicht, und mehr wird 
niemals sein.« 

»Möge es der Himmel verhüten, daß du dich verbrennst, Sohn. Sie 

ist eine gar heiße Flamme. Hoffentlich findet sie Frieden. Daß sie 
genug Herz aufbringt, sich um ein Waisenkind zu kümmern, hätte 
ich ihr übrigens zu allerletzt zugetraut. Wer weiß schon, was wirklich 
in einem Menschen vor sich geht?« 

Knappe Pierre war wieder hinausgegangen, um Ritter Volker 

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abzulösen. Roland verpflegte seinen alten Lehrer erst einmal so 
richtig. Wie er Einsiedler Klaus einschätzte, hatte er seit dem 
Überfall der Barbaresken alle Lebensmittel, die ihm dargebracht 
wurden, an die hungernde Bevölkerung verteilt. 

»Louis, den wir vorhin unter den Waldklippen nach Camelot 

verabschiedeten, hat reichlich gekocht. Der heutige Knappe versteht 
sein Fach. Kommt da jemand den Pfad hoch?« 

Rolands feine Ohren hatten sich nicht getäuscht. 
»Hallo«, hörten sie die Stimme des Knappen. Der Knappe brachte 

offenbar jemanden an. »Seid ihr noch auf?« 

»Komm rein«, sagte Roland gelassen. 
Pierre schob Mirinda, die Tochter des Learts of Caind über die 

Türschwelle und ins Licht. 

»Sie hat was auszurichten. Und es duldet keinen Aufschub. Sagt 

sie ...« 

Mirinda stand ohne jede Verlegenheit vor den Männern. Wenn ihre 

Blicke nicht trogen, so zählte nur der Einsiedler Klaus für sie. Sie 
breitete die Hände aus, als wolle sie sich entschuldigen. 

»Ohne echten Grund wäre ich bestimmt nicht erschienen ... Aber 

ohne meine Warnung ...« 

Das Kind auf ihrem Rücken begann zu schreien. Pierre hatte nicht 

übertrieben. 

Ehe einer der Männer auch nur zu einer Frage kam, redete die 

junge Frau hastig weiter. »Eure Spuren mögen noch so sorgsam 
verwischt worden sein, ihr habt den Barbaresken zu viel angetan, als 
daß sie nicht Jagd auf euch machen müßten. Sie hatte  das Kind aus 
der Kiepe genommen. Sie herzte es und sprach ihm zu. Sie mußte 
sich inzwischen voll dran gewöhnt haben, das Kleine in regelmäßi-
gen Abständen zu beruhigen. Als das Quengeln und Quarren nicht 
aufhörte, setzte sie auch die Kiepe ab. Jetzt sah man, daß das 
Tragegestell genau so gut als Wiege gebraucht werden konnte. »Ob 
ihr das einseht oder nicht, ihr müßt hier weg. Ich bin gekommen, 
euch den Weg zu zeigen.« 

Roland runzelte die Brauen. Er schnaubte, als habe er seinem 

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Hengst Samum einen Teil von dessen Pferdemanieren abgeguckt. 
Roland lag die Flucht weit weniger als der offene Kampf. Er hielt das 
Kastell für eine außerordentlich günstige Stellung. 

»Hier halten wir uns beliebig lang«, behauptete er. 
Mirinda sah ihn traurig an. »Es kommen ihrer so  viele, daß kein 

Mensch sich gegen sie wehren kann. Auch du nicht. Kommt mit. In 
dem Gasthof, den ich kenne und wohin ich euch bringen will, seid 
ihr sicher.« 

Mirindas Miene gewann so etwas wie einen flehenden Ausdruck. 
»Ich will nicht, daß sie dich quälen und hängen, Köhlersbub.« 
Diese Anrede war zu vertraulich. Vor allem klang sie so, als habe 

es irgendwann in der Vergangenheit eine ernsthafte Verbindung 
zwischen Roland und der Leartstochter gegeben. 

»Und ich will nicht, daß du so mit ihm  umgehst, Kind des Learts of 

Caind.« Das sagte Klaus hart. 

»Wann kommen sie her? Wann greifen sie an? Wieso weißt du 

über ihr Unternehmen Bescheid?« So fragte Roland. 

»Sie rücken schon an und werden da sein, ehe der Morgen erwacht. 

Mit dem Aufgang der Sonne wollen sie angreifen. Ich verfolgte ein 
Gespräch zwischen zwei Soldaten. Die gehören zur Leibwache ihres 
Admirals. Sie ritten voraus und sollen die nachfolgenden Truppen 
einweisen.« 

Mirinda war also der Barbareskensprache mächtig. Das wunderte 

Roland. Einsiedler Klaus klärte seinen ehemaligen Schüler über 
Zusammenhänge auf, welche Roland nicht wissen konnte. 
»Genaugenommen hat uns der Leart of Caind die Seeräuberplage auf 
den Hals geladen. Er trieb mit den Barbaresken so lange Handel, bis 
die ihren Hunger auf unser Land und unsere Waren nicht länger 
zurückhalten konnten. Mirinda hat ihrem Vater bei seinen 
Geschäften geholfen. Es heißt auch, sie sei drauf und dran gewesen, 
sich mit einem Barbaresken zu verloben.« 

Die Frau widersprach heftig. Sie war rot geworden bis unter das 

Haar. Mit heftiger Gebärde zeigte sie auf den Einsiedler. »So ein 
untadeliger Mann wie Klaus hat eine gar eigene Art, die Wahrheit zu 

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sagen. Es stimmt, was er vorbringt. Zugleich aber entspricht es 
trotzdem nicht den Tatsachen. Was mein Vater auch immer getan 
haben mag, er hat es mit unserer Heimat gut gemeint. Leider ist es 
ihm zum Übel ausgeschlagen. Und er hat seinen Preis bezahlt. Kann 
jemand mehr als ein Leben hingeben, Klausner?« 

Mirinda hatte dem greinenden Kind einen kurzen Stoffpfropfen  in 

den Mund geschoben. Wahrscheinlich war dieser Stoff mit einer 
beruhigenden Flüssigkeit getränkt. 

»Ich fühle, sie sagt die Wahrheit, und es zieht tatsächlich eine 

Gefahr auf uns zu. Befolgen wir ihre Warnung. Verlassen wir dieses 
Haus. Es hat sowieso weit mehr Menschenleid und Menschenunrecht 
gesehen, als Häusern gemeinhin zugemutet wird.« 

Wahrscheinlich hätten Roland und Volker sich ohne die Äußerung 

des Einsiedlers nicht so schnell entschlossen, das Kastell zu 
verlassen. 

»Der alte Zollturm hier hat nur einen Zugang. Das heißt, er ist 

zwar leicht zu verteidigen. Doch ist es schwierig, ihn gegen einen 
ebenso überlegenen wie hartnäckigen Gegner über wirklich lange 
Zeit zu halten. So viel Lebensmittel, wie etwaige Verteidiger 
brauchen, können hier gar nicht eingelagert werden.« 

Roland wechselte einen Blick mit seinem Freund Volker. Dann 

nickte er. Mirindas Augen bettelten um ein wenig Beachtung und 
Verständnis. Roland aber bemühte sich, das Mädchen zu übersehen. 

»Dürfen wir dir denn die Last eines nochmaligen Umzuges 

zumuten?« wollte Ritter Roland von dem Einsiedler wissen. 

»Warum nicht, Sohn? Auch ich hänge am Leben, wie du siehst. Ich 

finde, wir sollten es den Barbaresken nicht zu leicht machen.« 

Was Klaus nicht sagte, war die Tatsache, daß es ihm bei dem 

Ratschlag, Mirindas Warnung zu beachten, hauptsächlich um seinen 
ehemaligen Schüler Roland ging. 

»Können wir in einer halben Stunde fertig sein, Pierre?« 
»Ja, Herr!« 
»Gut! Wir reiten in dreißig Minuten. Gib acht, daß nichts 

vergessen wird, was etwaigen Verfolgern Aufschluß über unseren 

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Verbleib geben kann« 

»Mach ich«, sagte Mirinda. Das hörte sich an, als habe Einsiedler 

Klaus der Learts-Tochter einen persönlichen Dienst erwiesen. 

Eindsiedler Klaus bildete sich ein, die Waldklippen samt 
umliegendem Gebiet seit den Tagen seiner Jugend ganz genau zu 
kennen. In dieser Nacht lernte er um. Denn Mirinda führte die aus 
Mensch und Tier bestehende Gruppe über verschlungene Waldpfade, 
welche Einsiedler Klaus absolut fremd waren. Nur, daß sie sich 
immer weiter von der Küste entfernten, war. ihm klar, wenn er hoch 
zum Himmel schaute. Obschon die Sterne sich dort droben hinter 
leichtem Gewölk versteckten, wurden die Hauptorientierungspunkte 
wie Abendstern und großer Wagen hin  und wieder sichtbar. 
Unmittelbar nach den Waldklippen kam eine ziemlich lange Strecke 
baumlosen Geländes. Der Boden bestand überwiegend aus Sand. 
Ungefähr so, als hätte es hier vor gar nicht langer Zeit Dünen 
gegeben. Nach der Sand-Zone kam wieder Wald. Ritter Roland hatte 
den Eindruck, sie bewegten sich Richtung Süden. Er konnte sich aber 
auch nicht vorstellen, welches Ziel Mirinda hatte. Die Learts-Tochter 
schien das Gebiet hier für sicher zu halten. 

»Wir brauchen nicht besonders vorsichtig zu sein. Hier verirrt sich 

selten ein Barbareske her. Ihr braucht also nicht zu flüstern und 
könnt euch ganz ungezwungen benehmen. Wir sind übrigens gleich 
da.« 

Das sagte Mirinda. Die Angabe stimmte exakt. Denn knappe fünf 

Minuten später glitzerte Licht durch das  Waldesdunkel. Rötliche, 
matte Punkte. Vereint mit dieser Warhnehmung rochen sie auch den 
Rauch von Holzfeuern. Roland versuchte, sich zu erinnern, ob er das 
Gebiet nicht von gemeinsamen Wanderungen mit seinem Vater 
kannte. Dem war doch früher kaum ein Weg zu weit gewesen, um in 
den Besitz von Stämmen zu kommen, die sich zur Köhlerei eigneten. 

»Moment«, sagte Mirinda. Sie rannte wie ein Irrwisch davon. Der 

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Säugling auf ihrem Rücken schien sie bei ihren Bewegungen nicht zu 
behindern. 

Der Einsiedler hob die Hand. »Ich glaube, wir schreiten jetzt eine 

Weile etwas weniger geschwind daher.« 

»Ein Hinterhalt? Oder was fürchtest du sonst?« 
Volker vom Hohentwiel mischte sich in das Gespräch. »Vorsicht 

hat selten geschadet!« Volkers Hand lag am Schwertgriff. 

Es dauerte nicht lange, bis Mirinda zurückkam. Zwei Männer 

begleiteten sie. Offenbar Vater und Sohn. Der Jüngere hatte schnelle 
Bewegungen, die von Kraft zeugten. Mirinda zeigte auf Roland. Das 
sah jeder trotz der Dunkelheit. 

»Das ist er ... der Held, der uns  vom Joch der Fremden befreien 

kann ... wenn wir ihm mit voller Kraft beistehen.« 

»Daran wollen wir es gewiß nicht fehlen lassen.« Die Stimme des 

Jungen verriet viel Feuer und Begeisterung. 

»Willkommen, ihr Herren«, sagte der Ältere. »Wir verharren in 

Bewunderung und Respekt vor euch, wenn auch nur die Hälfte von 
dem wahr sein sollte, was Mirinda allem Volke über euch erzählt 
hat.« 

Roland wollte abwinken. Das ließ Mirinda jedoch nicht zu. Ihre 

Stimme klang hell wie eine Fanfare. 

»Sie sind erst kurz im besetzten Gebiet, und dennoch haben sie den 

Barbaresken soviel Schaden zugefügt wie eine kleine Armee.« 

»Der mit Gottes Hilfe recht bald den Barbaresken zeigen möge, 

daß sie ins Meer gehören und nicht in unser Land. Kommt, tapfere 
Herren, nehmt mit unserer Gastfreundschaft vorlieb. Wir können 
nicht mehr ganz soviel bieten wie in normaler Zeit, aber das eine und 
das andere ist schon noch vorhanden. Wir teilen es gern mit euch.« 

»Du kannst dem Wirt Wingrim ruhig trauen. Er ist verläßlich. Das 

sage ich nicht von jedem!« 

Roland gab sich den Anschein, nichts gehört zu haben. Doch das 

Mädchen wich nicht von des Ritters Seite. 

Der jüngere Mann hatte sich zu dem Knappen Pierre gesellt. Er 

stellte sich vor. Das ließ erkennen, daß er Pierre für seinesgleichen 

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ansah. »Ich bin Rendelin und der Sohn Wingrims des Wirts. Deine 
Herren und du, ihr kriegt die besten Betten unter unserem Dach.« 

»Ich habe nur einen Herrn, und der heißt Roland«, korrigierte 

Pierre den Gastwirtssohn. »Sag an, habt ihr auch guten Wein im 
Keller?« 

»Das will ich meinen. Wie ich meinen Vater kenne, holt er zur 

Feier des Tages sogar eines der vergrabenen Fäßlein aus der Erde. 
Du verstehst? Was heutzutage in unserem Keller lagert, das ist nicht 
die erste Wahl. Warum sollte man die Barbaresken durch gute 
Gewächse anlocken? Die Kerle dürfen zwar weder Wein noch Met 
noch sonst was Herzstärkendes schlucken, wie es heißt, aber ich habe 
schon an der See stockbesoffene Barbaresken gesehen. Die Burschen 
saufen wie die Rastelbinder, sag ich dir. Laß mich nur machen, 
Kamerad. Der Vater kriegt von mir schon einen Hinweis. Dein Herr 
Roland ist doch auch kein Kostverächter, was den Wein angeht, 
oder?« 

»Das kann man wohl sagen, Freundschaft.« Knappe Pierre hatte 

das Gefühl, in Rendelin, dem Gastwirtssohn, eine verwandte Seele 
getroffen zu haben. Er hätte ehrlich gewünscht, Louis sei schon von 
seinem Ritt nach Camelot zurück, damit auch er sich freuen konnte. 

Sie hatten den Wald verlassen. Hier wuchsen Bäume und Büsche 

bis dicht vor die ersten Dorfhäuser und Hütten. Wirt Wingrim 
entriegelte ein klobiges Hoftor. Die Angeln waren auffallend gut 
geschmiert. Sie gaben jedenfalls keinen Laut von sich, als das Tor 
geöffnet wurde. Die Pferde trabten in einen stattlichen Hofraum,  der 
von Wohnhaus, Gasthof, Stallungen und Vorratsbauten umgeben 
wurde. 

Mit einem Male war Mirinda, die Learts-Tochter, verschwunden. 

Roland hatte kein einziges Mal direkt das Wort an sie gerichtet. 
Niemand achtete auf sie. 

Abgesehen von Rendelin, dem Jungwirt. Der flüsterte dem 

Knappen Louis zu: »Sie ist schon

 

wieder fort!« 

»Wer sie?« 
»Na, die Mirinda. Bestimmt schaut sie wieder nach dem süßen 

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Schreihals von Kind. Ob das wirklich ein Findelkind ist, wie sie 
behauptet? Oder ist sie die Mutter? Wenn man sie so beobachtet und 
weiß nicht genau Bescheid, könnte man glauben, es war von ihr.« 

Pierre lachte. 
»Gefällt sie dir, die Mirinda? Wenn das so ist, kann ich dich 

beruhigen. Das Kind, das sie pflegt, ist wirklich ein Findelkind. Ich 
weiß das genau. Ich hab nämlich das Kleine aus dem Arm seiner 
erschlagenen Mutter geborgen und mußte dabei ziemlich viel Kraft 
aufbringen. Da staunst du, was?« 

»In Zeiten wie in diesem Krieg ist wohl nichts unmöglich«, 

murmelte der Gastwirtssohn. »Ich glaub', wir werden bei den 
Rössern gebraucht.« 

Rendelin begann, ohne besondere Aufforderung, die Pferde 

abzuschirren und zu versorgen. Die Tiere, vorab Samum, genossen 
das frische, kühle Brunnenwasser und den goldgelben Hafer. Nach 
dem Striegeln wurde den Pferden dann noch duftendes Heu in die 
Krippe gelegt. 

Im Wirtshaus war Wingrim ziemlich unglücklich, weil seine Gäste 

die angebotenen Speisen glattweg ausschlugen. Nur dem Met und 
später dem Wein sprachen sie zu. Sogar Einsiedler Klaus stieß 
einmal mehr mit den Anwesenden an. Von Mirinda, der Learts-
Tochter, war nichts mehr zu hören und zu sehen. Niemand 
erkundigte sich nach dem Mädchen. 

Roland überließ es seinem Freunde Volker Wirt Wingrim und 

seiner Frau von ihren bisher erlebten Abenteuern im besetzten Gebiet 
zu erzählen. Darüber ein Lied vorzutragen, wie es sonst seiner Art 
und Neigung entsprach, lehnte Volker vom Hohentwiel ab. 

»Der Gesang kommt nach der letzten Schlacht, meine Freunde. 

Hoffentlich darf ich mein Lied bald vortragen.« 

Wirt Wingrim  verkündete die Meinung und die Angst der kleinen 

Leute, des einfachen Volkes, wenn er fragte: »Was unternimmt 
König Artus gegen die Eroberer? Sind die Fremden nicht viel zu 
mächtig für ihn? Kann er sich auf eine entscheidende Schlacht 
einlassen?« 

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Wingrims Blicke hingen an Rolands Lippen. 
»Er kann«, sagte Roland überzeugt. »Er kann und wird.« 
»Und wann? Nicht, daß ich eine besonders ängstliche Natur wäre, 

Herr, aber langsam würde es Zeit, daß unserereiner ein Stücklein 
Hoffnung fände, das ihn zuversichtlich macht.« 

»Den Zeitpunkt müssen wir dem König überlassen. Er allein weiß, 

welche Hilfsmittel er einsetzen kann.« 

»Steht dem König denn noch mehr Macht zu Gebote, als wir im 

Land wissen?« 

Roland nickte. »Viel mehr!« 
Es kam so, wie Rendelin Pierre gegenüber gesagt hatte. Nach einer 

Weile empfahl sich Gastwirt Wingrim und kam nach wenigen 
Minuten mit zwei Krügen wieder, an welchen noch Erde hing. 

»Das ist für euch, als unseren lieben Besuch, ihr Herren! Rendelin, 

trag Humpen auf.« 

Der Gastwirtssohn richtete es geflissentlich so ein, daß er neben 

Pierre saß. Der Wein schmeckte. Wahrscheinlich hatte Gastwirt 
Wingrim seinen besten Vorrat in Angriff genommen. 

»Was ich sagen wollte«, begann Rendelin. Er drehte seinen 

Humpen und betrachtete die Muster des Zinngusses. »Hat dein Herr 
Roland feste Absichten?« 

Pierre wußte sofort, was und wen Rendelin meinte. »Bei der 

Leartstochter? Aber doch nicht mein Herr, der Ritter Roland! Gefällt 
sie dir denn ... diese Mirinda?« 

Rendelins Augen wurden schwärmerisch. »Sie ist das schönste 

weibliche Wesen, das ich kenne. Sie himmelt den Ritter Roland an. 
Für mich hat sie noch nie einen Blick gehabt.« 

Pierre bewegte die rundlichen Schultern, als jucke ihn etwas. 
»Mach dir nichts draus, Rendelin. Es fällt unsereinem meistens 

schwer, die Frauenzimmer zu verstehen. Da helfen nur Geduld und 
Ausdauer.« 

Rendelin hielt Pierre den Humpen entgegen. »Auf dein Wohl, 

Pierre. Und schönen Dank für die Auskunft. Das gibt mir neuen 
Lebensmut.« 

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Gastwirt Wingrim tat so, als sei es abgemachte Sache, daß die 

Männer aus Camelot im Dorf und in seiner Wirtschaft blieben. Er 
schwärmte ihnen vor, wie gut die Jagd hier sei. 

»Die Jagd auf Reh und Rotwild haben auch die Eroberer nicht 

verderben können. Und erst die Bärenhatz! Da werdet ihr staunen, 
ihr Herren!« 

Roland lachte. »Nur werden wir längst nicht mehr da sein, wenn 

im Winter die Jagd auf Meister Petz beginnt. Bis dahin müssen wir 
auch die Barbaresken überwunden haben, wenn es was taugen soll. 
Trotzdem Dank für deine gute Meinung, Gastwirt.« 

Sie gingen nach dem vierten Humpen Wein schlafen. Jeder hatte 

ein eigenes Zimmer. Roland riß die Fenster auf, nachdem er allein 
war. Er entledigte sich restlos aller Kleidung, bevor er unter die 
leichten, warmen Decken kroch. Der Gastwirt hatte sehr wohl eine 
Ahnung von wirklich guten Dingen. Die Decken hier bestanden aus 
fein gezupfter, doppelt gereinigter Schafwolle. Die war besser als die 
schönsten Daunen, was die Wärme betraf. 

Roland war kurz vor dem Einschlafen. Da hatte er die Ahnung, 

jemand käme in seine Kammer. Er richtete sich auf. Der bunte 
Vorhang vor dem Fenster bewegte sich ganz leicht. Roland gewahrte 
die Umrisse einer unverkennbar weiblichen Gestalt. Ehe er seinem 
Ärger über die Störung Luft machen konnte, war der helle Schatten 
bereits bei ihm. Eine Hand, schmal und hart, legte sich über seinen 
Mund. Die zweite Hand mit dem dazu gehörigen Arm legte sich um 
Rolands Schulter. Er spürte die Spitzen fester, kleiner Brüste. Die 
Haut des Wesens, das da so unerwartet aufgetaucht war, roch wie ein 
ganzer Sommergarten. Eine fiebrig heiße Stimme hauchte in Rolands 
Ohr: 

»Ich habe dir doch gesagt, daß du mir gehören wirst, Köhlersbub! 

Warum wehrst du dich gegen mich? Viele Männer gäben viel darum, 
wenn ich so zu ihnen käme, wie ich jetzt bei dir bin.« 

Roland machte sich frei. Es kostete ihn nicht einmal besondere 

Überwindung. Er hielt das Wesen fest, das nicht in seine Kammer 
und erst recht nicht in sein Bett gehörte. 

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»Das ist möglich, Mirinda. Aber was mich angeht, so will ich 

nichts mit dir zu tun haben.« 

Er sah die ganze Schönheit des Mädchens. Die langen Schenkel. 

Den flachen Leib. Den geheimnisvoll schattigen Schoß. Die großen 
Augen. Doch er wurde nicht schwach. 

Die Frau glaubte, sie könne seinen Protest und seine Abwehr 

einfach zur Seite schieben. Sie suchte noch engere Tuchfühlung mit 
ihm. Da sprang Roland aus dem Bett. Er packte das Mädchen und 
trug es zur Tür. 

»Wenn dir meine Weigerung nicht genug ist und du keine Ruhe 

gibst, werde ich grob«, versprach er. 

Ihr dämmerte, daß  sie ihr Ziel nicht erreichen würde. »Magst du 

etwa keine Frauen? Hat dich das Ritterleben so verdorben, daß ...« 

Der jungen Frau erstarb das Wort im Halse. Roland hatte sie hart 

gepackt. Seine Grobheit ließ sie ernüchtern. Er sagte leise, aber 
unverkennbar scharf: »Ich habe nichts gegen Frauen. Im Gegenteil. 
Aber ich mag dich nicht. Dich ganz speziell, Learts-Tochter.« 

Sie gab noch immer nicht auf und streckte ihm sehnsüchtig Hände 

und Arme entgegen. »Ich schenk dir alles Glück, das ein Mann sich 
von dieser Welt erwünschen kann ... wenn du mich lieb hast! Ich 
teile sogar den Schatz meines Vaters mit dir! Das große Versteck, 
welches nicht einmal mein Bruder kennt, ist für mich kein 
Geheimnis.« 

Roland riß die Kammertür auf. Er schob die Frau aus dem Raum. 

»Geh! Ich will nichts mit dir zu schaffen haben.« 

Da begriff Mirinda, daß sie verloren hatte. Ein Schluchzen brach 

aus ihr. Bitterliches Weinen folgte. 

»Das wirst du bereuen, Köhlerbub! Du wirst dich nach mir in 

Sehnsucht verzehren, aber ich versage dir alle Erfüllung! Ich hasse 
dich, so wahr ich die Tochter des Learts of Caind bin! Sei verflucht!« 

Trotz aller Heftigkeit blieb die Auseinandersetzung ohne Zeugen. 

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Roland hielt das Erlebnis für unwichtig. Er erzählte nicht einmal 
seinem Freund Volker davon. 

Am nächsten Tage streiften sie nach dem Frühstück durch den 

Wald. Rendelin begleitete sie. Er machte sie auf alles aufmerksam, 
was er für sehenswert hielt. Der Wirtssohn kannte den täglichen 
Rhythmus seines Elternhauses genau. So kehrten sie pünktlich zur 
Mittagszeit in den Gasthof zurück. 

Wirt Wingrim ließ das Beste aus Küche und Keller auftragen. 

Mirinda, die Learts-Tochter, bekamen sie nicht zu Gesicht. Sie war 
Roland auch nicht wichtig genug, nach ihr zu fragen. 

Die Tischgespräche hatten den Einfall der Barbaresken zum 

Thema. 

»Sie suchten schon früher unsere Küste heim. Doch sie sind noch 

nie in derartigen Massen aufgetreten. Vor allem hatten sie keine 
solche Heeresmacht dabei, wie sie jetzt gegen Camelot und die 
Grenzen unseres Königs marschiert.« 

Klaus, der Einsiedler, fühlte sich schon wieder kräftig genug, mit 

am Tisch zu sitzen. 

»Vielleicht gehört der Einfall der Eroberer zu den Strafen, welche 

der Himmel über uns verhängt hat«, sagte er leise. Niemand 
antwortete. Verständlich. Wer sieht sich schon gern im Mittelpunkt 
überirdischer Vergeltungsmaßnahmen? 

Der Tag ging hin. Nachmittags stellte der Wirt Wingrim einen 

Würfelbecher auf den Tisch. Bald rollten die Würfel. 

Roland und Volker hatten rote Köpfe. Sah es anfänglich so aus, als 

sei Wingrim, der Wirt, der Gewinner, so wandte sich doch das Blatt. 
Das Geld wanderte erst zu Volker vom Hohentwiel und danach zu 
Ritter Roland. 

Das Spiel nahm sie so stark gefangen, daß die rundliche Wirtsfrau 

die Männer fast tätlich von den Würfeln trennen mußte. »Schluß mit 
dem Sturm auf die Fortuna«, sagte sie laut und energisch. »Jetzt 
kommt das Abendbrot auf den Tisch. Ich wünsch guten Hunger.« 

Von Mirinda und dem Kind, welches sie betreute, war nichts zu 

sehen und zu hören. 

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Der Abend schenkte ihnen einen besonders schönen 

Sonnenuntergang. Genau in dieser Stunde setzte Westwind ein. Er 
brachte den Geruch der freien See mit. 

Würfelspiel und Humpenkreisen machten die Männer müde. Sie 

begaben sich früh zur Ruhe. 

Gastwirt Wingrim hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, wieso 

Dorf und Wirtshaus bisher von Barbareskenheimsuchungen 
verschont geblieben waren. Er nahm die Gegebenheiten hin, wie sie 
waren und widmete alle Dankbarkeit, die er zu empfinden 
vermochte, dem gnädigen Geschick. 

»Gute Nacht, die Herren«, wünschte er. 
Die Nacht kam. Der Mond zog auf. Dorf und Gasthaus lagen in 

tiefer Ruhe. Gelegentlich heulte ein Hund. 

Auch Wingrims Wirtshof besaß einen Hund. Doch der meldete 

sich nicht. 

Es mochte gegen Morgen sein, als ein schier endloses Band von 

Schatten auf wendigen Pferden ins Dorf sprengte. Die Hufe der Tiere 
mußten mit Stoff oder mit sonst etwas Dämpfendem umwickelt sein. 
Jedenfalls war kein Laut dieser nächtlichen Invasion zu hören. Sogar 
die Hunde im Dorf merkten nichts. 

Dem Hofhund, der in Wingrims Gasthaus dösend vor der Hütte 

lag, bekam seine Schläfrigkeit schlecht. Denn kaum daß aus den 
Schatten auf den schnellen Pferden bis an die Zähne bewaffnete 
Barbaresken geworden waren, schnitt eine braune Faust mit scharfem 
Dolch dem armen Hundetier die Kehle durch. Der Gastwirt Wingrim 
starb beinahe zur nämlichen Zeit. Alles, was sonst noch zum Gasthof 
gehörte, wanderte sehr gegen seinen Willen ins Jenseits. 

Als ein Gebrüll ertönte, als sei ein hungriger Löwe ausgebrochen, 

war es auch für Ritter Roland und seine Camelotenfreunde viel zu 
spät. Roland entdeckte den Besuch erst, als seine Hände und Füße 
schon in Stahlfesseln lagen. Dagegen kam selbst Rolands 
Riesenstärke nicht an. Sobald er seine Hilfslosigkeit erkannte, 
richtete er sich auf und schrie derart laut, daß die Barbaresken in 
Panik zurückwichen. 

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Es war den Barbaresken nicht allein gelungen, Roland zu 

überwältigen. Sie hatten auf ähnliche Weise auch Volker vom 
Hohentwiel sowie den Knappen Pierre kaltgestellt. 

Es roch nach Tod im vordem so friedlichen Gasthof. Rendelin war 

als einziger von Wingrims Familie noch am Leben. 

Roland war entschlossen, selbst jetzt, wo doch alles gegen ihn 

stand, nicht nachzugeben. Zwei stämmige Barbaresken wollten ihn 
aus dem Zimmer schieben. Roland rannte dem einen mit gesenktem 
Kopf einfach gegen den Leib. Dem anderen sprang er mit beiden 
Füßen auf den Körper. Die Barbaresken hatten genug. Doch sie 
gaben deswegen nicht auf. 

Sie warfen Roland ein Seil über den Kopf. Da seine Hände 

gefesselt waren, vermochte er das Tau nicht abzustreifen. Jetzt hatte 
der Ritter aus Camelot die Wahl, entweder nachzugeben und 
friedlich dorthin zu gehen, wohin die Barbaresken wollten oder aber 
zu ersticken, als hinge er am Galgen. 

Nicht lange und sie hatten ihn aus dem Haus. Im Hof traktierten sie 

ihn erst einmal mit langen Peitschen. Diese Instrumente wurden in 
der Barbarei hauptsächlich zum Antreiben von Kamelen benutzt. 
Roland merkte sehr wohl, daß diese Strafe über ihn verhängt worden 
war, um ihn zu demütigen und seinen Willen zu brechen. Darum tat 
er dem Feind nicht den Gefallen zu schreien. Stumm ertrug er selbst 
den größten Schmerz. 

Ähnlich wie Roland wurde auch Volker vom Hohentwiel und 

Knappe Pierre mißhandelt. 

Als die Eroberer des Prügelns müde wurden, trat unversehens ein 

Mann auf den Hof, den Ritter Roland in dieser Umgebung zuletzt zu 
sehen erwartet hatte. Ein Mann, groß und klobig wie ein Elefant. 
Chalid Batuta, dessen gleichfalls riesenhafter Bruder Ali als einer der 
ersten Barbaresken Rolands Schwert zum Opfer gefallen war. Es 
erwies sich, daß Chalid der Landessprache in etwa mächtig war. 
Jedenfalls sprach er mit kehliger Stimme die Cameloten an. Damit 
verriet er zugleich, welches Schicksal auf die Männer König Artus' 
wartete. 

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»Wir werden kämpfen... Du und dann du ... Den da kann mein 

Pferdeknecht haben. Eßt gut. Trinkt gut. Gegen mich braucht ihr 
Kraft.« 

Er zeigte zuerst auf Roland, danach auf Volker vom Hohentwiel, 

und zuletzt deutete sein ungeschlachter Finger auf den Knappen 
Pierre. 

Roland witterte eine Gelegenheit, den Unbilden der unglücklichen 

Situation vorzeitig und schnell zu entkommen. 

»Tragen wir es jetzt und hier aus, großer Held?« fragte er. 
Ein verächtliches Lächeln umspielte Chalid Batutas volle Lippen. 

Er befahl den Barbaresken mit den Peitschen barsch: »Gebt ihm was 
auf sein Fell. Er soll lernen, daß er unsereinen nur anzusprechen hat, 
wenn er dazu aufgefordert ist.« 

So bekam Roland erneut Schläge. Es war ein wahrer Segen, als sie 

endlich aufbrachen und das Dorf wie den Gasthof verließen. Alle 
Menschen, die in dem Weiler gewohnt hatten, lebten nicht mehr. 
Einsiedler Klaus hatten die Barbaresken genauso verschont wie die 
Ritter aus Camelot und den Wirtssohn Rendelin. Der sollte als 
Sklave verkauft werden und so dem Barbaresken, der ihn verschont 
hatte, gutes Geld bringen. 

Der Zufall fügte es einmal mehr, daß Rendelin neben den Knappen 

Pierre stolperte, als sie wie Vieh fortgetrieben wurden. 

»Wo ist eigentlich die Learts-Tochter?« flüsterte Pierre. Er machte 

sich seine eigenen Gedanken über Mirinda. Irgendwer mußte den 
Eroberern ja schließlich den Hinweis gegeben haben, wo Ritter 
Roland und seine Freunde zu finden waren. 

Die Barbaresken gingen mit ihren Gefangenen alles andere als 

zimperlich um. 

Chalid Batuta sahen sie erst  wieder, als ihnen der Riese weit 

außerhalb des überfallenen Dorfes entgegenritt. Er saß auf einem 
Pferd, das gut doppelt so groß war wie normale Pferde. 

Ungefähr auf der Höhe des Klippenhauses, welches Roland 

»Kastell« und der alte Einsiedler »Zollturm« genannt hatte, warteten 
Wagen. Die Gefangenen mußten die Karren besteigen. Das war 

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besonders für den Einsiedler gut. Denn Rolands Lehrer machten die 
mißhandelten Füße sehr zu schaffen. 

Roland merkte genau, daß Chalid Batuta immer wieder Volker 

vom Hohentwiel und ihn selber verstohlen musterte. Ganz 
offenkundig hatte der riesenhafte Barbareske in ihnen seine 
eigentlichen Gegner erkannt. 

Der Feind war vorsichtig. Kaum hatten die Gefangenen auf dem 

Wagen Platz gefunden, warfen sie große, feinmaschige Netzte aus 
Metall darüber und befestigten sie am Karrenholz. Auf diese Weise 
wurde jedes Entkommen vereitelt. Andererseits hatte das Netz aber 
den Vorteil, daß sie nicht mehr von den Peitschen getroffen werden 
konnten. Das Peitschenknallen hatte jetzt nur noch  symbolischen 
Wert. 

Die Reise in dem rumpelnden Karren dauerte bis in den frühen 

Morgen. Dann hielten sie in einem kleinen Fischerhafen. 

Roland mochte wie Volker vom Hohentwiel noch so fieberhaft 

nach einer Gelegenheit zur Flucht Ausschau halten, die Barbaresken 
gingen viel zu umsichtig zu Werk. Sie verlegten ihren Gefangenen 
denkbar gründlich die Pässe. Es blieb den Freunden nichts anderes 
übrig, als zu tun, was von ihnen verlangt wurde. , Und so fanden sie 
sich schließlich in einem Gefängnisgewölbe wieder. Hier herrschten 
Kälte und klamme Feuchtigkeit. Die Strohschütte mochte schon wer 
weiß wieviel Gefangenen als Lager gedient haben. Es roch 
unappetitlich. 

Vielleicht hatten es sich die Barbaresken als besondere Qual 

ausgedacht, ihre Gefangenen auf ein beschämend niedriges, 
hygienisches Niveau herabzudrücken. 

Weder Roland noch Volker hätten mit Sicherheit zu sagen gewußt, 

wo genau sie sich jetzt befanden. Auch Rendelin, der Wirtssohn, 
konnte nicht mit verläßlichen Ortsangaben dienen. Dabei war das 
Fischerdorf, in dessen Gefängnis die Cameloten einsaßen, bedeutend 
genug. Immerhin residierte hier Zairah. Sie war die Hauptfrau des 
Admirals Mahmud ben Osmadi. 

Roland war erstaunt, als mit einfallender Dunkelheit Lärm im 

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Gefängnis entstand. Bis jetzt hatte sich niemand um die Gefangenen 
gekümmert. 

»Sie bringen zu essen und zu trinken«, behauptete Rendelin. Der 

Wirtssohn wurde genau so bitter enttäuscht, wie die Mitgefangenen. 
Zwar liefen eilige Menschen geschäftig hin und her. Aufgeregte 
Stimmen unterhielten sich in der fremden Sprache der Barbaresken. 
Schlüssel klirrten. Riegel wurden bewegt. Dann regte sich auch 
etwas an ihrer Zellentür. 

An dem rötlich blakenden Licht der Pechfackel merkten die 

Gefangenen so richtig, wie dunkel es draußen schon war. Hinter dem 
Vorhang aus Licht sprach Chalid Batuta: »Roland soll vortreten.« 

Ritter Roland glaubte nichts anderes, als daß es für ihn jetzt ums 

Letzte gehe. Doch er wich seinem Schicksal nicht aus. Es war hart, 
einem starken Gegner ohne Helm, Schild und Schwert  gegenüberzu-
treten. Doch ihm blieb keine Wahl. 

Ohne ein Wort ging Roland auf den Lichtschein zu. Blieb einfach 

stehen. So sehr er sich auch bemühte, es wollte ihm nicht gelingen, 
den Vorhang aus Licht zu durchdringen. Zwei knorrige Barbaresken-
Matrosen näherten sich Roland mit Handschellen. Roland sagte 
schnell: »Der Eisen bedarf es nicht. Ich gehe freiwillig mit.« 

Das Lachen, welches Rolands Rede quittierte, stammte ohne 

Zweifel von Chalid: »Dein Mut ehrt dich, Ungläubiger. Ich liebe 
mutige Männer. Und meine Herrin Zairah liebt sie auch.« 

Eine Serie Treppenstufen aus Stein folgte der anderen. Sobald Ritter 
Roland Gefahr lief, zu stolpern, wurde er fürsorglich gestützt und 
leicht dirigiert. 

»Hierhin ... Vorsicht, bitte!« 
Die Worte stammten ohne Zweifel aus Barbareskenmund. Doch sie 

wurden von einer Stimme gesprochen, die sympathisch klang. Der 
Gang aus den Kerkergelassen, dessen Decke nach dem 
Rundbogenprinzip gemauert war, endete in einem hallengroßen 

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Raum. Die Wände hier bestanden aus geglättetem Naturstein. In 
regelmäßigem Abstand waren Ringe eingefügt. Jeder Ring hielt eine 
Pechfackel. Jetzt sah Roland den riesenhaften Chalid. Der Mann 
hatte wahrhaftig Arme wie Schiffsmaste. Chalid lächelte. Der dünne, 
lang herabhängende Schnauzbart gab seinem Gesicht einen 
besonders grausamen Ausdruck. Die steinschwarzen, kalten Augen 
des Barbaresken verstärkten die Wirkung noch. 

Auf einen herrischen Wink Chalids, hatten sich die Matrosen mit 

den Handschellen verzogen. 

»Ich weiß, du hast meinen Bruder erschlagen, Giaur! Ich werde ihn 

rächen. Doch es soll in ehrlichem Kampf geschehen sein. Deshalb 
lebst du noch. Du lebst so lange, wie es meiner hohen Herrin Zairah 
beliebt, Gefallen an dir zu finden. Wendet sie ihr Interesse von dir 
ab, so ist Chalids Stunde da und du stirbst! Und jetzt tu, was die 
Dienerinnen dich zu tun heißen.« 

Jeder, der ihn kannte, würde bestätigt haben, daß Chalid noch nie 

eine so lange Rede gehalten hatte. 

Wie er ankündigte, kamen Dienerinnen, sieben an der Zahl, und 

baten Roland durch lebhafte Gesten und viel freundliches Lächeln, 
ihnen zu folgen. Eine wahre Wunderwelt tat sich für den Ritter aus 
Camelot auf. Den Barbaresken ging der Ruf voraus, sie verstünden 
sich wie niemand sonst auf die Kunst, Häuser zu bauen und wohnlich 
einzurichten. Dieses, in sich vielfach geschachtelte Haus, konnten die 
Eroberer unmöglich seit ihrer Landnahme errichtet haben. Es mußte 
beschlagnahmt worden sein. Danach wohl hatte ein Barbareske, der 
sich auf dergleichen Dinge verstand, das Haus umgebaut. 

Die Dienerinnen trugen eine Art Uniform. Weiche Ballerinen-

Schuhe aus weichem Leder. Darüber Pluderhosen aus hellfarbigem 
Chiffon, die an den Fußgelenken zusammengebunden waren. 
Darüber wiederum boleroähnliche Jäckchen aus goldbesticktem 
Brokat. Zwischen dem unteren Jäckchenrand und dem Gürtel, der die 
Pluderhosen hielt, war ein handbreiter Streifen bloßer Haut zu sehen. 
Im Bauchnabel trugen die jungen Frauen einen blitzenden Stein. 

Die Dienerinnen waren irritiert, da Roland so gar  keine Notiz von 

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ihrer Schönheit nahm. 

Der Ritter aus Camelot konzentrierte sich voll darauf, was der 

riesige Chalid Batuta tat. Noch stapfte der gigantische Barbareske 
hinter den Dienerinnen und hinter Roland her. 

Flure, Treppen. Türen, die in unbekannte  Gemächer führten. Dann 

sah sich Roland unversehens in einem saalähnlichen Raum und vor 
den Stufen eines goldblitzenden Thrones. Auf dem Thron saß eine 
schlanke, schwarzhaarige Frau. Die großen, mandelförmigen Augen 
funkelten. Es ging jedoch nichts Bedrohliches von ihr aus. Im 
Gegenteil, jede Miene ihres schönen, glatten Gesichtes strahlte 
Freundlichkeit und Wohlwollen aus. Mit raschen Schritten war 
Chalid Batuta hinter Roland. Er stieß ihn an. 

»Auf die Knie, Christenhund!« 
Chalid Batuta war das reinste Kraftbündel. Roland aber schwankte 

nicht einmal. Der heimtückische Stoß trug Batuta seitens der schönen 
Frau auf dem Thron einen strafenden Blick ein. Sie sagte etwas in 
ihrer fremden Sprache. Die Rede enthielt kaum ein Kompliment für 
Chalid Batuta. Der Riese errötete und verzog das Gesicht. Er 
verteidigte sich mit keinem Wort. 

Die junge Frau auf dem Thron besaß eine sympathische Stimme. 

Daneben war sie offenbar gewohnt, zu befehlen. 

Chalid Batuta verneigte sich tief. Die Geste galt der Frau, Sie hatte 

den  riesigen Barbaresken fortgeschickt. Batuta würdigte Ritter 
Roland keines Blickes mehr. Die nächste Weisung der jungen Frau 
galt den Dienerinnen. 

»Ariana.« 
War das ein Name oder eine Barbareskenbezeichnung für irgend 

etwas sonst? Roland kam nicht damit zu  Rande. Eine der 
Dienerinnen kehrte mit einem lichtblonden, schlanken Mädchen 
zurück. Es hatte die eigentümlich steifen Bewegungen derer, welche 
durch ein Gebrechen behindert werden. 

Das Mädchen hob den Kopf zu der Frau auf dem Thron. Es hatte 

ein auffallend feines Profil. Nachdem die Frau auf dem Thron 
ausgesprochen hatte, wandte sich das Mädchen an Roland. 

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»Ich heiße Ariana und bin die Dolmetscherin Ihrer erhabenen 

Hoheit der Exzelennza Zahira ben Osmadi, der Gattin des Admirals 
und Oberbefehlshabers.« 

Das lichtblonde Mädchen sprach ohne Akzent und ganz so, wie 

Ritter Roland es von den gebildeten Schichten seiner Heimat 
gewohnt war. Jetzt sah Roland das Gesicht des Mädchens nicht mehr 
nur von der Seite, sondern von vorn. Er erschrak. Das so schöne 
Antlitz wirkte erloschen. Maskenhaft starr. Die Augen, groß und 
himmelblau von Natur aus, mußten »tot« sein. 

Das Mädchen übersetzte die Worte der Admiralsgattin exakt. 
»Meine Herrin heißt dich in ihrem Palast willkommen. Sie 

wünscht dir, daß du hier nur gute Tage und schöne Stunden finden 
mögest. Du bist doch Roland, der gewaltige Held aus der Umgebung 
des Cameloten-Königs Artus, nicht wahr?« 

Roland nickte. Doch er erhob gegen die Bezeichnung »gewaltiger 

Held« Einspruch. 

»Sage deiner Herrin, ich sei ein Mensch wie jeder andere. Daß ich 

größer und vielleicht kräftiger bin, als einige Männer unserer Zeit, ist 
nicht mein Verdienst.« 

Auch hier übersetzte Ariana flink und offenbar präzise. Die 

dunkelhaarige Frau auf dem Thron lächelte Roland an. Dabei zeigte 
sie ihre strahlend weißen Zähne hinter den purpurroten Lippen. Sie 
war alles andere als dumm, diese Exzellenza Zairah. Sie wußte auch 
Rolands Mienenspiel richtig zu deuten. 

»Du bist über meine Augen erschrocken, Ritter Roland?« 
»Ja.« 
»Meine Herrin Zairah wünscht zu wissen, ob du glaubst, die 

Barbaresken hätten mich geblendet.« 

Roland zögerte mit der Antwort kaum eine Sekunde. 
»Wer sonst wäre wohl roh genug, sich an wehrlosen Frauen zu 

vergreifen, Ariana?« 

Roland hatte die Ahnung, er könne sich mit dieser Frage um Kopf 

und Kragen geredet haben. 

»Das ist nicht an dem, Ritter Roland. Zwar wissen meine Herrin 

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wie auch ich, daß unter der Barbareskenfahne rauhe Männer dienen, 
allein solcher Rohheit wäre kein Barbareske fähig ... meint meine 
Herrin Zairah.« 

Roland schwieg. Aus Höflichkeit. Die schöne, junge Frau auf dem 

schimmernden Thron meinte es gut. Sie verdiente keine brüske 
Kränkung. Seine Miene aber verbarg nur schlecht, was Ritter Roland 
dachte. Zairah ging sofort darauf ein. Man merkte ihr deutlich an, 
wieviel ihr an Rolands guter Meinung über sie und ihre ganze Rasse 
lag. Von ihren Lippen klang die rauhe Barbareskensprache wie 
Vogelzwitschern. Ariana, die Dolmetscherin, wurde rot. Sie sagte 
leise, warum ihr dies geschah. 

»Meine Herrin Zairah befahl mir, dir meine Geschichte zu 

erzählen, Ritter aus Camelot.« 

Aus Arianas Stimme klang jetzt ohne Zweifel ein Hauch von 

Feindschaft. 

»Das war so. Vor acht Jahren konnte mein Vater seine Schulden an 

seinen Grundherrn nicht bezahlen. Der Grund- und Lehensherr hieß 
Artus und ist heute noch König auf dem Schloß Camelot. Der 
Zehnteneintreiber erschien immer häufiger bei uns. Er setzte meinem 
Vater mit immer höheren Forderungen zu. Als es zum letzten kam, 
setzte sich mein Vater zur Wehr. Er wurde von den Reisigen des 
Steuereintreibers erschlagen. Genau so erging es meiner Mutter und 
meinen neun Geschwistern. Da ich selber das grausame Wüten der 
Reisigen nicht ohne Widerspruch hinnahm, legten sie mich in Eisen. 
Der Steuereintreiber wollte mich zu seiner Nebenfrau machen. Ich 
schrie ihm ins Gesicht, er könne mich zwar brechen, aber nie und 
nimmer meinen Sinn wandeln. Da befahl er mit bösem Lächeln, 
seine Knechte sollten mich blenden. Sie zogen ein weißglühendes 
Eisen dicht vor meinen Augen her. Der Steuereintreiber sagte 
hämisch: »Da du dir zu gut bist, mir als Nebenfrau zu dienen, sollen 
meine Knechte ihre Lust an dir kühlen.« Da half kein Schreien. Es 
geschah, wie er wollte. Später verkauften sie mich in die Sklaverei. 
Als meine Herrin Zairah mich zum ersten Mal traf, stand ich nackt 
auf dem Markte von Fez.« 

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Je weiter Arianas Geschichte gedieh, desto mehr zeichneten Zorn 

und Empörung Rolands Gesicht. 

»Wie hieß der Steuereintreiber?« wollte er wissen. 
»Dragoman, ich werde seinen Namen nie vergessen.« 
Ritter Roland machte so etwas wie die Andeutung einer 

Verbeugung zu dem blinden Mädchen hin. 

»Das geschah vor meiner Zeit in Camelot. Ich kann mir nicht 

vorstellen, daß seine Majestät einen derart ungetreuen Beamten in 
seinen Diensten beschäftigt. Ich erinnere mich, daß da einmal eine 
Geschichte mit einem ungetreuen Steuereintreiber gewesen ist. Der 
Mann wurde überführt und bestraft. Er ist aber schon eine Weile tot. 
Ein ausgesprochen harter Zug zeichnete das glatte Gesicht der 
Blinden. »Wenn ich wüßte, daß der ungerechte Dragoman bestraft 
worden ist, würde ich fürwahr anders und besser von deinem König 
Artus denken. Du kennst nun meine Geschichte, Roland. Ich hoffe, 
du verstehst, warum ich an meiner Herrin Zairah hänge, die eine 
Barbareskin ist. Sie war stets gut zu mir. Sie gab mir Obdach, 
Kleidung und Nahrung und hielt mich beinahe so wie ihr eigen 
Kind.« 

»Deine Dankbarkeit ehrt dich«, gestand Roland dem blinden 

Mädchen zu. »Deshalb aber solltest du nicht vergessen, wes 
Stammes Kind du bist, Ariana.« 

Die Blinde richtete sich so hoch auf, wie sie nur konnte. »Mit den 

Menschen dieses Landes habe ich nichts mehr gemein. Ich bin 
Barbareskin geworden.« 

»Kein Mensch entkommt den Banden seines Blutes«, murmelte 

Roland. Ariana übersetzte auch diese Worte des Ritters. Zairahs 
Blick ruhte weiter auf dem Ritter. Die schöne Frau war sehr 
nachdenklich geworden. 

Ariana wechselte das Thema. 
»Meine Herrin Zairah bittet dich, bei deiner Ritterehre zu 

versprechen, vorerst am Hofe zu bleiben.« 

Roland glaubte, sich verhört zu haben. 
»Ich soll bestimmt Urfehde schwören!« Er hätte nie geahnt, daß 

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die Barbaresken diesen ritterlichen Brauch kannten und richtig 
anzuwenden wußten. 

»Ja.« Dolmetscherin Ariana sprach ganz so, als handele es sich 

dabei um die einfachste Sache der Welt. 

»Ich kann nur befristet Urfehde schwören. Sie endet in dem 

Augenblick, da ich wieder zu meinem König zurückkehre und mich 
neu seinem Befehl unterstelle.« 

Ariana mußte der Admiralsfrau den Begriff Uhrfehde ziemlich 

genau auseinandergesetzt haben. Jedenfalls machte sie eine Miene, 
als sei sie hoch zufrieden, daß Ritter Roland sich mit diesem 
Versprechen der Uhrfehde verpflichtet hatte, keine Feindseligkeit 
und keinen Kampf gegen die Barbaresken mehr zu unternehmen. 
Einen Vorteil aber holte Roland noch für sich heraus. 

»Frage deine Herrin, ob mein Schwur nicht auch für meine 

Begleiter gilt? Ich meine, für die Männer, welche mit mir gefangen 
genommen worden sind?« 

Es zeigte sich, daß die schöne Zairah genau wußte, wen ihr 

Leibwächter Chalid Batuta gefangengenommen hatte. 

»Der Ritter Volker vom Hohentwiel kann auch Urfehde schwören. 

Hat er uns Frieden gelobt, so steht der Freilassung auch der übrigen 
Begleiter nichts mehr im Wege.« 

Roland wußte nicht, wie ihm geschah, als sich die Szene wiederum 

änderte. Die Admiralsfrau brauchte nur leicht in die Hände zu 
klatschen. Schon erschienen wieder die Dienerinnen, die Ritter 
Roland hierher geleitet hatten. Ariana übersetzte, was jetzt geschehen 
sollte. 

»Du hast Gelegenheit, ein erfrischendes Bad zu nehmen und die 

Kleidung zu wechseln, Roland.« 

»Es mag genügen, wenn man mir das Bad bereitet. Sonst wünsche 

ich keine weitere Bedienung.« 

»Es geschieht ganz nach deinem Wunsch«, sagte Ariana nach 

entsprechender Weisung ihrer Herrin. Eine Geste stellte es Roland 
anheim, jetzt zu gehen. 

Der Ritter aus Camelot machte noch eine Verbeugung. Dann folgte 

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er einer der Dienerinnen, welche ihn in den Saal geführt hatten. Was 
wollte diese Frau auf dem Thron von ihm? Daß sie sich um ihn und 
um seine Gefährten nur aus Menschlichkeit kümmerte, paßte 
schlecht zur Art der Barbaresken. Und eine echte Barbareskin war 
und blieb sie auch als Frau des Admirals. 

Die Dienerin hielt knicksend eine Tür auf. Dahinter lag das Bad. 

Ein verschwenderisch ausgestatteter Raum mit in den Boden 
eingelassener Wanne. 

»Danke«, sagte Roland freundlich. Die Dienerin hatte die Tür 

schon wieder geschlossen. Der Ritter aus Camelot war allein. 

Auf einem Eisenschemel sah Roland Unterwäsche, Pluderhosen, 
Strümpfe, und sogar einen Turban. Es war alles da, was zur 
Garderobe eines Barbaresken von Stand gehörte. Roland jedoch zog 
es vor, nach dem Bad wieder in seine gewohnte Kleidung und in das 
Kettenhemd zu steigen. Alles, was recht war, so ein Bad erfrischte. 

Der Wanne gegenüber schmückte ein mannshoher Spiegel die 

Wand. Roland untersuchte den Fall genau. Sollte man es für möglich 
halten? Der Spiegel sah aus wie poliertes Silber, mußte aber eng mit 
Glas verwandt sein. Wieder und wieder prüfte Roland das Material. 
Als es klopfte, zuckte er zusammen, als fühle er sich bei etwas 
Verbotenem ertappt. 

»Ja?« 
Die blinde Ariana spähte in den Baderaum. 
»Seid ihr soweit, Herr Ritter? Eure Gefährten sind bereits aus den 

Kerkern erlöst und warten auf Euch. Gehen wir?« 

Ihr feines Gehör hatte die Blinde darüber informiert, daß Roland 

fertig angezogen war. 

Die blinde Ariana mußte sich in dem Bauwerk, welches jetzt der 

Admiralin als Palast diente, genau auskennen. Denn zielstrebig und 
ohne auch nur ein Mal im Ansatz zu zögern, führte das blinde 
Mädchen Roland zurück in den Saal. Tatsächlich. Da warteten Ritter 

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Volker, Knappe Pierre sowie der Gastwirtssohn Rendelin. 
Dolmetscherin Ariana wartete nur so lange, bis Roland den Freund 
begrüßt hatte, um zu sagen: 

»Meine Herrin Zairah bietet deinen Gefährten den gleichen Dienst 

an, welchen auch du genossen hast. Folgt bitte der Dienerin, Ritter 
Volker. Das blinde Mädchen hatte sich die Namen gut eingeprägt. 
Sie mußte der Admiralin wertvolle Dienste leisten. »Genau wie du 
habe auch ich Urfehde geschworen«, erklärte Volker vom 
Hohentwiel die Situation. »Pierre  und Rendelin brauchten nicht zu 
schwören. Einsiedler Klaus wird in seinem Bett gut gepflegt.« 

Die aus Camelot konnten sich völlig frei bewegen. Besonders 

Knappe Pierre und Wirtssohn Rendelin machten davon Gebrauch. 
Sie gliederten sich unauffällig in die Reihen der Dienerschaft. Die 
Küche zog Pierre magisch an. Nicht allein der unbegrenzten 
Lebensmittel wegen sondern mehr noch durch das weibliche 
Personal. Rendelin folgte dabei Pierres Beispiel. Und er hatte mit 
dieser Verfahrensweise Glück. Genau wie Knappe Pierre fand er gar 
bald eine Küchenhilfe, welche ihn bemutterte. 

Auf die Art erfuhren Rendelin und Knappe Pierre lang vor den 

Rittern Roland und Volker, daß Admiral Mahmud ben Osmadi zu 
Besuch kam. 

»Vielleicht nützt uns bei dem wenig, daß unsere Herren Urfehde 

geschworen haben. Unter Umständen sind wir genauso schnell 
wieder hinter Kerkergittern und angekettet, wie wir in den Thronsaal 
kamen.« 

So berichtete Knappe Pierre seinem Herrn Roland. Und er fügte 

noch hinzu: »Wenn ich du wäre, Herr, ich würde das Schicksal gar 
nicht erst herausfordern.« 

»Was meinst du damit?« wollte Roland wissen. 
»Nun, du tätest klüger daran, diesem Admiral nicht über den Weg 

zu laufen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß! Der Satz gilt 
auch unter Barbaresken.« 

Roland bekam einen roten Kopf. Er runzelte die Brauen. »Es wäre 

unritterlich gehandelt, würde ich mich verstecken.« 

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»Und deine Waffen, Herr?« gab Knappe Pierre zu bedenken. 

»Schwert, Lanze und Schild sind genauso beschlagnahmt wie 
Samum. Ohne Waffen gleichst sogar du einem Käfer, der auf dem 
Rücken liegt, Herr.« 

»Finde heraus, wo meine und Herrn Volkers Sachen stecken, 

Pierre.« 

Nun, das war viel leichter gesagt, als getan. Denn Chalid Batuta 

hatte die Waffen und die Pferde der camelotischen Ritter als seine 
Privatbeute vereinnahmt. 

Knappe Pierre versprach, sein Bestes zu tun. Doch seine Miene 

zeugte davon, daß er sich über die Schwierigkeit dieser Aufgabe 
völlig klar war. 

Einmal mehr blieb Roland sein Glück treu. Denn es stellte sich 

heraus, daß auch andere sich über diesen Punkt Gedanken gemacht 
hatten. Der Tag ging nicht zur Neige, ehe die Admiralin Roland zu 
sich bat. 

Wie für den Ritter aus Camelot gewohnt, war Ariana, die blinde 

Dolmetscherin, anwesend. 

Zairah hatte sich besonders viel Mühe gegeben, gut auszusehen. 

Sie trug ein eng anliegendes, hochgeschlossenes Kleid aus metallisch 
glitzernder, dunkelblauer Seide. Dazu bedeckte ein Chiffon-Turban 
in korrespondierender Farbe ihr nachtschwarzes Haar. 

»Ich hoffe, dein Aussehen trügt nicht, und du fühlst dich wohl in 

meiner Obhut.« 

Tage waren vergangen. Roland und seine Begleiter hatten sich an 

dem Hofe und im Hauswesen der Admiralin gut eingewöhnt. Es 
verging kaum ein Tag, ohne daß Zairah Roland rufen ließ. Sie 
unterhielt sich sehr gern mit dem Ritter aus Camelot. Sie hatte ihn 
geschickt ausgefragt und kannte inzwischen sein Leben. Am meisten 
zählte dabei für sie der Umstand, daß Roland unverheiratet war. 
Gewiß, er, hatte in seinem Leben hinreichend Damenbekanntschaften 
gehabt. Manche dieser Bekanntschaften hatte auch Narben 
hinterlassen. Doch Zairah glaubte, so ziemlich jeder Nebenbuhlerin 
um des Ritters Neigung gewachsen zu sein. In etwa ging die 

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Rechnung der Admiralin auf. Roland gewöhnte sich an sie und 
wurde zutraulich. 

Wie zum Beispiel jetzt und heute. 
»Wir werden Besuch bekommen«, eröffnete die Admiralsfrau dem 

Ritter. »Mahmud ben Osmadi reist allein. Das heißt, Suleika bleibt in 
seinem Stammquartier. Er wird nur von seinen Stabwachen 
begleitet.« 

Ziemlich zu Beginn ihrer Bekanntschaft hatte Zairah Ritter Roland 

eröffnet, wie sehr sie sich durch die Neigung ihres Mannes zu der 
Schönen in ihrem Frauenstolz gekränkt fühlte. 

»Wenn es ... sagen wir Meinungsverschiedenheiten zwischen dem 

Admiral und mir gäbe, auf welcher Seite würdest du stehen, Ritter 
Roland?« 

»Ich habe doch Urfehde geschworen«, wandte Roland ein. 
Das ließ Zairah nicht gelten. 
»Der Eid umfaßt nur Kampftätlichkeiten gegen meine Leute und 

mich. Vom Admiral und seinem Heer war nicht die Rede.« 

Roland schwieg. Doch man sah seiner Miene an, daß er 

Aufklärung erwartete. 

»Gehen wir davon aus, daß Admiral Osmadi den einen oder 

anderen Punkt in meiner Lebensführung entdeckt, der ihm nicht 
gefällt. Nehmen wir an, er wollte mich zum Beispiel zur 
Rechenschaft ziehen, weil ich dich und deine Freunde aus Kerker 
und Ketten entließ. Wie würdest du dich dann einstellen?« 

»Ich würde dir helfen, Herrin!« 
Zairahs Gesicht wurde so von Freude erhellt, als sei für sie ganz 

persönlich durch diese Worte Rolands die Sonne aufgegangen. 

»Das habe ich mir gewünscht«, sagte die Admiralin offen. 
Bisher hatten sie noch nie über die Operationen der Barbaresken 

und ihre Ziele gesprochen. Was Roland über den Fortgang der 
Landeroberung wußte, entnahm er Gerüchten, die ihm Pierre zutrug. 
Es mußte so sein, daß die Barbaresken das Heer König Artus zum 
Kampf stellen wollten, dies aber noch nirgendwo gelungen war. Jetzt 
wagte Roland eine offene Frage. 

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»Ist der Admiral überhaupt entbehrlich? Steht es so gut um seine 

Sache, daß seine Truppe ihn beurlauben kann?« 

»Er kann jederzeit tun und lassen, was er für richtig hält. Jetzt wird 

es ihm wichtig sein, die Auseinandersetzung mit mir zum Ende zu 
bringen. Wenn ich auch behaupten darf, von durchaus ergebenen 
Männern und Frauen umgeben zu sein, so schließt dies doch nicht 
aus, daß der Admiral unter meinem Personal seine Zuträger hat. 
Übrigens, und das wird dich besonders interessieren, ist es weder uns 
noch König Artus von Camelot gelungen, eine Entscheidung zu 
erzwingen.« 

Zairah klatschte in die Hände. Die Admiralsfrau gab der Dienerin, 

die auf das Zeichen hin kam, einige Befehle. Nicht lange und 
ausgerechnet Chalid Batuta erschien. Zwei seiner Knechte brachten 
Rolands Waffen sowie Schild, Helm und Lanze Volkers herbei. 

Wenn Blicke töten könnten, wäre Roland auf der Stelle gestorben. 

Aber mochte Chalid Batuta sein Handeln auch noch so sehr gegen 
die Natur gehen. Zairah hatte befohlen. Chalid gehorchte. Roland 
und seine Begleiter erhielten ihre Waffen zurück. Nichts fehlte. Das 
galt auch für Pierres und Rendelins Eigentum. 

Zairah lächelte. 
»Jetzt kann mein Herr Gemahl erscheinen. Gemeinsam mit euch, 

meine Herren Ritter und gemeinsam mit Chalid Batuta, sind wir 
stärker als die Stabswache des Admirals.« 

Obschon Admiralsfrau Zairah keinen Zweifel daran ließ, daß sie 

nicht nur an ein Bündnis zwischen den Rittern aus Camelot und 
Chalid Batuta glaubte, sondern ein enges Zusammengehen befehlen 
würde, zeigte sich der riesige Chalid keineswegs begeistert. Auch 
Roland ahnte, daß es zwischen Zairahs Leibwächter und ihm eine 
Rechnung gab, die beglichen werden wollte. 

»Solange ihr unseren Zielen treu seid, ist Chalid der verläßlichste 

Freund, den ihr euch vorstellen könnt.« 

Zairah ließ sich durch Ariana bestätigen, daß nichts von den 

Waffen und Ausrüstungsstücken der Cameloten fehlte. Dann gab sie 
zu erkennen, daß sie mit Roland allein sein wollte. Besonders Chalid 

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Batuta erinnerte an einen grimmig knurrenden Hund, als er ging. 

Sie waren zu dritt. Roland, Zairah und Ariana. Die Admiralsfrau 

lächelte Roland an. 

»Sobald wir hinter uns haben, was jetzt getan werden muß, werde 

ich dich belohnen, wie noch kein Mann von mir belohnt worden ist.« 

Dolmetscherin Ariana setzte aus freien Stücken hinzu: »Du bist 

ehrlich zu beneiden, Ritter Roland.« 

»Und wenn es nun zu gar keiner Auseinandersetzung kommt?« gab 

Roland zu bedenken. 

Zairah schien das durch Information und Kenntnis der Dinge im 

Stabe des Admirals besser zu wissen. 

»Mahmud ben Osmadi hat mich nicht mehr besucht, seit diese 

Odaliske sein Leben bestimmt. Was also kann er anders wollen, als 
mich für meine Eigenmächtigkeiten zur Rechenschaft zu ziehen?« 

Roland fand, die Auseinandersetzung gehe Mahmud ben Osmadi 

und seine Frau an und niemanden sonst. 

Zairahs Blicke hüllten den Mann feurig, flammend und zärtlich 

ein. 

»Wir werden siegen«, sagte die schöne Frau leise. Ihre Stimme war 

erfüllt von Verheißung. »Wenn Mahmud ben Osmadi fällt, unterstellt 
sich sein Heer genauso deinen Befehlen, wie die Flotte auf deine 
Weisungen wartet. Danach liegt uns das Reich des Königs Artus zu 
Füßen. Hättest du je geglaubt, das Schicksal habe .dich ausersehen, 
Nachfolger deines Königs zu werden? Ich werde dich führen. Auch 
Mahmud ben Osmadi ging es gut und was er unternahm, gelang, 
solange er mich an seiner Seite hatte. Die Odaliske ist keine Frau, die 
einen Mann weiter und zum Aufstieg treibt.« 

Sekunden lang herrschte knisternde Spannung zwischen Roland 

und der schönen Frau. Roland bedachte sehr wohl, was geschähe, 
nähme er Zairah jetzt fest in seine Arme. Doch da war sein Eid, der 
ihn  an König Artus band. Da war die Kenntnis um Zairahs Ziele. Da 
war sein Haß gegen die Barbaresken. Er hatte zuviel von ihren 
wüsten Ausschreitungen, zuviel ihrer sinnlosen, zerstörenden 
Plünderei gesehen. Er gehörte zu seinem Volk, zu dem Land, in 

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welches er geboren war. Dieses Land, die Heimat, benötigte seinen 
Schutz und seinen Beistand. Niemand sonst hatte Anspruch auf ihn. 

Der Zauber, der Roland und die Admiralsfrau vereinen wollte, 

schwand dahin. Verging schließlich ganz. Roland verneigte sich 
knapp und gemessen. 

»Laßt mich rufen ... wenn es soweit ist und falls Ihr glaubt, ich 

könne Euch nützen.« 

Zairah entließ ihn mit einem Lächeln. Volker vom Hohentwiel 

hatte die eigenen Waffen und die Pierres und Rendelins 
mitgenommen. Was nun noch dort lag gehörte zu Rolands 
Ausrüstung. 

Zairah sprach Roland nochmals an. 
»Wie mir Chalid verriet, reitest du einen besonders schönen 

Schimmelhengst. Er steht dir natürlich wieder voll zur Verfügung. 
Später kann er auf einem meiner Gestüte Dienst tun. Ich rufe dich 
rechtzeitig.« 

Roland ging. Vor der Tür raunte die blinde Ariana: »Es wäre nicht 

gut, immer so zu zögern wie heute, Roland. Meine Herrin ist eine 
Frau, die ehrlich verdient, in jeder Beziehung glücklich zu werden.« 

»Was hast du?« wollte Volker vom Hohentwiel wissen. 
Roland prellte die Tür mit einem Fußstoß ins Schloß. 
»Da kommen Stürme auf uns zu, welche gar leicht unseren 

Untergang bedeuten können.« 

Er setzte Volker ins Bild. Der Sänger hörte aufmerksam zu. Seine 

Miene wurde immer ernster. Doch er behielt die Zuversicht, welche 
seit jeher ein Hauptbestandteil seines Wesens gewesen war. 

»Wir haben schon aus schlimmeren Lagen einen ehrenvollen 

Ausweg gefunden. Warten wir ab, was kommt und wie es sich 
darbietet. Vielleicht ergibt sich daraus eine Möglichkeit, unserem 
Land und unserem König einen großen Dienst zu erweisen. 
Jedenfalls sitzen wir nicht mehr hilflos und ohne Hoffnung in einem 
dumpfen Kerker! Das ist mehr, als wir nach Lage der Dinge erhoffen 
durften. Kopf hoch, Freund!« 

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Roland machte dem Knappen Pierre sowie dem Wirtssohn Rendelin 
nur vage Andeutungen. Längst hatte der Ritter aus Camelot die Ställe 
besucht. Samum witterte seinen Herrn sofort und wieherte ihm froh 
entgegen. Roland tätschelte den blanken Hals des Hengstes  und 
streichelte die weichen Nüstern. Dazu raunte er Worte der 
Freundschaft und Zuneigung in Samums Ohr. Das liebte der Hengst 
über alle Maßen. 

Kaum war Roland aus den Ställen zurück, erschien Ariana. 
»Ihr sollt euch bereit halten, du und deine Freunde, Roland. Der 

Admiral und sein Begleitstab werden in weniger als einer Stunde 
eintreffen.« 

Das blinde Mädchen gab seiner Stimme so etwas wie 

beschwörenden Klang. »Roland, enttäusche meine Herrin Zairah 
nicht. Sie hat in ihrem Leben weniger Freude und Glück erlebt, als 
du ahnst. Sie glaubt ganz fest an dich.« 

Rolands Faust umspannte leicht Arianas Arm. »Ich will und werde 

deiner Herrin helfen, Ariana. Darauf gebe ich mein Wort als Ritter.« 

In dem weiträumigen Hause herrschte so emsige Geschäftigkeit 

wie in einem Bienenstock. Im Hofe sammelten sich gewappnete 
Barbaresken. Das waren Chalid Batutas Männer, die auf ihren 
Einsatz warteten. Batuta hatte seine Leute streng entsprechend ihren 
Funktionen geteilt. Es gab Bogenschützen, Schwertkämpfer und 
Männer, deren Spezialität die Lanze war. Alle saßen zu Pferde. 

Kaum hatte Chalid Batuta Roland und Volker vom Hohentwiel 

gesehen, da stapfte er zu den Freunden. Ohne Umschweife kam er 
zur Sache. 

»Ich habe meiner Herrin Zairah dargelegt, wie wir vorgehen 

sollten. Hört mir zu: Wir werden den kleinsten Teil dieser Männer 
hier lassen. Eure beiden Knechte können sich von mir aus dazu 
gesellen. Wir aber, das heißt, die Masse unserer Leute, reiten jetzt 
los. Wir beziehen Stellung weit vor dem Ort und vor dem Haus. Es 
ist vor allem darauf zu achten, daß seine Exzellenz, der Admiral, uns 

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nicht entdeckt. Geht er gegen unsere Herrin Zairah vor und will er 
mit Gewalt ins Haus, so greifen wir von hinten an. Wir werden ihn 
gnadenlos packen... Jeder, der sich im Kampf besonders auszeichnet, 
hat sich einen Beutel Gold verdient. So einen Beutel.« 

Chalid zeigte einen schweren Lederbeutel vor und warf das Ding 

hoch. Geschickt fing er es wieder auf. Es klirrte darin. 

»Unsere Knechte bleiben bei uns«, sagte Roland. »Es soll sonst in 

allem so geschehen, wie du willst, Chalid Batuta.« 

Jemand, der Roland so genau kannte wie Volker, sah den 

argwöhnischen Zweifel in den Augen des Freundes. Ob das ganze 
Unternehmen nicht ein raffiniert angelegtes Manöver der 
Barbaresken war? Wollten sie vielleicht nur wissen, wie weit sie mit 
Roland und seinen Freunden gehen durften? 

Die Tatsache, daß Roland sich ihm, Chalid Batuta, ohne weiteres 

unterstellte, stimmte den Barbareskenriesen allem Anschein nach 
versöhnlich. Dies brachte er jedoch nicht Roland gegenüber zum 
Ausdruck, sondern schlug Volker von Hohentwiel auf die Schulter. 

»Ritter gut«, behauptete er dazu. 
Volker tat dem Barbaresken nicht den Gefallen, unter dem Schlag 

der mächtigen Pranke in die Knie zu gehen. 

»Ritter stehen. Bis umfallen.« 
Für Chalids Begriffe mochte das ein Kompliment sein. Es geschah 

alles so, wie der Barbareske es anordnete. Sie brachen auf. Zairah 
und Ariana winkten dem Zuge der Gewappneten nach. Die 
Admiralsgattin stand im Kreise ihrer Dienerinnen. 

Chalid führte die Männer aus dem Ort. Dort lagerten sie in einem 

Wäldchen seitlich der Straße, welche nach Norden verlief. Chalid 
sandte Späher aus. Nicht lange und die Männer sprengten auf ihren 
wendigen, kleinen Pferden zurück. 

»Sie kommen!« 
»Osmadi ist gleich da.« 
Von Norden bewegte sich eine Staubwolke heran. Der Admiral 

mußte mit , mächtig viel Begleitschutz unterwegs sein. Aus der 
Staubwolke wurden lange Reihen vieler Reiter. Pferde schnaubten. 

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Waffen blitzten. Die Wachen des Admirals trugen runde, topf 
ähnliche Eisenhelme unter den Turbanen. Die Spitzen der Helme 
hatten sie mit bunten Straußenfedern geschmückt. Gelb. Rot. Blau. 

Der Trupp um Mahmud ben Osmadi war seiner Sache derart 

sicher, daß er das Wäldchen nicht einmal untersuchte. Sie waren 
offenbar des Glaubens, Zairah und ihre Anhänger zu überraschen. 

In schlankem Trab rückten sie dem Ort entgegen, in dessen Mitte 

das Haus der Admiralin lag. 

Chalid Batuta hob den muskulösen Arm kaum, daß der letzter 

Reiter passiert hatte. 

Die Truppe Zairahs saß auf. Die Pferde waren glänzend 

abgerichtet. Sie bemühten sich, möglichst wenig Lärm zu machen. 
Wieder ritten Späher voraus. Es dauerte nicht lange, bis sie zurück 
galoppierten und ihre Pferde vor Chalid parierten, um Meldung zu 
machen. 

»Es wird ernst!« 
»Er hat verlangt, ihm sollten unverzüglich Tür und Tor geöffnet 

werden.« 

Wirtssohn Rendelin verstand genug von der Barbareskensprache, 

um seine Gefährten über das, was geschah, informiert zu halten. 

»Sie hat abgelehnt?« 
Das wollte Chalid Batuta wissen. 
»Natürlich. Sie tut immer, was sie vorher gesagt hat.« 
Da gab Chalid Batuta die Losung aus: »Tod Mahmud ben Osmadi! 

Tod all seinen Anhängern.« 

Sofort fielen die meisten der Reiter ein: »Unsere schöne Herrin 

Zairah soll leben!« 

»Hinein in den Ort.« 
Wie es ihrem Plan entsprach, griffen sie die Leibwache des 

Admirals an. Sie rollten die Stabstruppe gewissermaßen von hinten 
her auf. Wie das Wetter kamen sie über Mahmud ben Osmadi und 
seine Getreuen. 

»Haltet euch hinter mir!« befahl Chalid Batuta den Cameloten. Die 

gehorchten. 

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Jetzt prallten sie auf den Feind. Roland erkannte schnell, daß es in 

den engen Dorfgassen vorteilhafter war, zu Fuß zu kämpfen. Pferde 
rutschten auf dem buckligen Kopfsteinpflaster zu leicht aus. Die 
Stabswache erkannte den neuen Feind schnell. 

»Chalid!« 
Der Name hallte durch den Ort. Sie wollten ihrerseits das Beste aus 

der Lage machen. Daher öffnete die Stabswache eine Gasse, um den 
stürmenden Chalid und seine Männer durchzulassen. Sofort hinter 
ihnen wollten sie dann die Gasse wieder schließen, um Zairahs 
Anhänger in der Zange zu haben. 

Roland und Volker durchschauten diese Taktik der Stabswache. 

Lange, ehe Chalid Batuta den Hinterhalt witterte. Sie griffen die 
Männer an, welche so schnellfüßig zur Umzingelung ansetzen 
wollten. Ausgerechnet Roland und Volker gerieten glänzende 
Fechter vor das Schwert. 

Roland wollte seinen häufig geübten Trick anwenden, dem Gegner 

die Waffe aus der Faust zu prellen. Doch das Verfahren klappte 
nicht. Sobald er die Schwertspitze Rolands in der Nähe seines 
Korbgriffes wußte, machte der Barbareske einen gewandten Sprung 
rückwärts und war aus der Reichweite des Camelotenritters. Jetzt 
griff der Barbareske seinerseits an. Hageldicht fielen die Hiebe. Die 
typische Waffe der Turkvölker konnte in der Hand eines geübten 
Fechters unter Menschen wüten wie die Sense unter Grashalmen. An 
Übung fehlte es Rolands Gegner nicht. Roland spürte, wie er rechts 
und links getroffen wurde. Nur sein Kettenhemd bewahrte ihn vor 
Wunden. 

Ringsum tobte heftiger Kampf. Genauso wie Volker und Roland 

standen  auch Knappe Pierre und Wirtssohn Rendelin in hitzigem 
Gefecht. Instinktiv handelte Rendelin dabei richtig. Er bewegte sich 
Schulter an Schulter mit Pierre. Er folgte dem Knappen in allen 
Bewegungen. Da Pierre gelernt hatte, stets in Rolands Windschatten 
zu bleiben, hatten beide weitgehenden Schutz. Den brauchten sie 
auch. Denn weder der Knappe noch der Wirtssohn verfügten über die 
Kettenhemden, welche die Ritter unter ihren Lentnern, der 

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knielangen, bunten Oberbekleidung aus Stoff, trugen. Knappe Pierre 
war Rendelin gegenüber noch insofern im Vorteil, als er wenigstens 
einen Schild als Deckung besaß. Rendelin glich dies tapfer durch 
Schnelligkeit aus. Doch mehrfach stand ihm das Glück zur Seite. 
Denn die Stabswache wie die Begleitung des Admirals duldete nur 
ausgesucht tüchtige Männer in ihren Reihen. 

Ähnlich wie die Ritter aus Camelot kämpften auch die Barbaresken 

mit letztem Einsatz. Sie warfen alles in die Wagschale, was ihnen zur 
Verfügung stand. Genügend in Wut, bedeutete ihnen ihr Leben nichts 
mehr. 

Sie fielen wie die Fliegen. Knappe Pierre und Rendelin wirkten aus 

ihrer Deckung heraus. Sie fügten den Barbaresken schweren Schaden 
zu. Roland wurde vor seinem Freund Volker mit seinem Gegner 
fertig. Der Fechter mit dem Handschar, unternahm einen besonders 
heftigen Ausfall, um endgültig die Oberhand zu gewinnen. Roland 
machte drei, vier flinke Schritte zur Seite. Das sah fast so aus, als 
beginne er zu tanzen. 

Dann stieß Roland zu. Er traf seinen Gegner in der Nahtstelle 

zwischen Halsschutz und Brustpanzer. Wieder sprang der Ritter aus 
Camelot zur Seite. So stark er konnte, schlug er mit dem Schwert 
gegen den Handschar. Funken sprühten, als Stahl auf Stahl prallte. 
Doch damit nicht genug. Der Handschar brach eine knappe 
Handbreite unter dem Griffkorb ab. Die Waffe war wertlos 
geworden. 

Roland rechnete jetzt damit, daß der Barbareske sich ergeben 

würde. Aber weit gefehlt. Der schwer verwundete Mann brachte 
noch genügend Energie auf, einen kurzen Dolch zu ziehen. Waffen 
von der Art, wie sie häufig als Wurfmesser Verwendung finden. Es 
gelang Roland, dem zähen Gegner auch den Dolch aus der Faust zu 
schlagen. War es reiner Zorn, war es pure Verzweiflung, was den 
Barbaresken handeln ließ? Der braunhäutige Mann riß sich hastig 
den Brustpanzer ab. Dann rannte er bewußt und völlig ungeschützt in 
Rolands Schwert. 

Der Ritter aus Camelot spürte Bedauern mit dem tapfern Feind. 

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Doch leider konnte er nichts mehr für ihn tun. Als Roland sich mit 
blitzschnellem Einsatz einen Freiraum schuf, war der Barbareske 
schon nicht mehr zu retten. 

Der camelotische Ritter zog den Mantel über das Gesicht des jetzt 

totsteifen Gegners. Danach wandte er sich Volker zu, der nach wie 
vor ebenso behende, wie gekonnt und wütend focht. 

»Wir sind gleich durch«, rief Volker und blieb mit ungebrochener 

Aufmerksamkeit bei seinem Gegner. Um ein Haar wäre ihm der 
Ausruf zum Verhängnis geworden. Sobald der Mann nämlich das 
erste Wort hörte, änderte er seine Taktik. Er war einer der seltenen 
Fechter, welche ihre Waffe, Säbel oder Schwert, mit der rechten wie 
mit der linken Hand zu führen vermögen. Jetzt wechselte er seinen 
Krummsäbel von rechts nach links. Das dauerte nur den Bruchteil 
einer Sekunde. Genug, um auch Ritter Volker die Illusion 
vorzugaukeln, er habe diesen Strauß gewonnen. Er nutzte das, was er 
für seine Chance hielt. Der Barbareske wich der Kombination von 
Schlag und Stich aus, indem er zur Seite trat. Schon griff er neu an. 
Die Gegner waren einander gleichwertig. 

Das Umfassungsmanöver der Stabswache war vereitelt. In diesem 

Teil der engen Gasse kämpften nur Ritter Volker und sein Gegner 
noch. Die restlichen Barbaresken hatten sich dorthin zurückgezogen, 
wo der Sitz der Admiralsfrau lag. Roland hielt nach einem neuen 
Gegner Ausschau. Zugleich überlegte er, ob er sich nicht über 
Volkers Wunsch hinwegsetzen und dem Freund trotz dessen 
Weigerung helfen sollte. Nach wie vor blieben Knappe Pierre und 
Rendelin bei den Rittern. Von dort, wo die schöne Zairah Hof hielt, 
drang wüstes Geschrei. Von den Dorfbewohnern war nichts zu 
sehen. Die Menschen hatten sich längst in die Sicherheit ihrer 
Kellergewölbe zurückgezogen und warteten da mehr oder minder 
zitternd den Lauf der Dinge ab. 

Holz barst krachend. Glas splitterte. Menschen schrien. Da 

schwebten Frauen in höchster Gefahr und riefen klagend und 
lautstark um Hilfe. 

Ob es dem Admiral Mahmud ben Osmadi gelungen war, in das 

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Haus seiner Hauptfrau einzubrechen? Roland erinnerte sich daran, 
daß er der schönen Zairah Beistand und Hilfe versprochen hatte. 

Sollte er warten, bis Volker seines Gegners Herr geworden war? 

Durfte er überhaupt so lange warten? 

Volker und sein barbareskisches Gegenüber standen einander 

kaum an Fertigkeit nach. Bisher hatte noch jeder auf jede Finte und 
jeden Trick eine entsprechende Parade gewußt. Bis jetzt war der 
Barbareske fair. Nun aber sann er darauf, den Streit um jeden Preis 
zu beenden. Roland sah, wie Volkers Gegner heimlich nach dem 
breiten Seidengürtel tastete. Die jetzt freie, rechte Hand zog dort 
irgend etwas metallisch Blitzendes hervor. Ritter Roland brauchte 
nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu sehen, war das war. Ein 
sogenanntes Flügelmesser. Waffen dieser Art dienten meist als 
Wurfgeschoß. Die drei haarscharfen Winkelklingen drehten sich 
dabei rasend schnell, so  daß sehr leicht der Eindruck entstand, ein 
Vogel flattere hin und her. In der Hand eines geübten Mannes konnte 
eine derartige Waffe tödlich sein. 

Das Geschrei aus Richtung Admiralshaus nahm zu. Entweder 

beteiligten sich die Dienerinnen der Admiralsfrau aktiv am Kampf, 
oder sie wurden von Gegnern gejagt. 

Volkers Barbareskengegner holte zum Wurf aus. Roland konnte 

nicht feststellen, ob der Freund die Gefahr erkannt hatte oder 
ahnungslos war. Eine Sekunde, bevor das Flügelmesser die Hand des 
Werfers verließ, handelte Roland. Von der Seite her stieß er dem 
Mitglied der Stabswache das Wurfmesser aus der Faust. Als sei dies 
noch nicht genug, traf er unmittelbar danach den Krummsäbel des 
Barbaresken. Die Waffe zersplitterte. Zugleich traf Volker den Hals 
seines Feindes. Der Schlag war so mächtig, daß kein Panzer dagegen 
schützte. 

Während der Barbareske zu Boden sank, wandte sich Volker an 

den Freund: »Danke, Roland! Das Wurfmesser war mir entgangen.« 

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In höchster Gangart begaben sie sich dorthin, von wo der Lärm kam. 
Auf Straßen und Gassen bewegte sich außer ihnen niemand mehr. 
Geschrei und Lärm schallten aus Zairahs Haus. 

Von Chalid Batuta war nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte 

er sich denjenigen an die Fersen geheftet, denen es gelungen war, in 
das Haus einzudringen. 

Es sah danach aus, daß Mahmud ben Osmadi gegen seine Frau 

gewonnen hatte. Roland ging es um  seinen alten Lehrer, den 
Einsiedler Klaus. Der war nach der Freilassung aus dem Kerker auf 
Zairahs Geheiß in ein schönes und bequemes Krankenzimmer verlegt 
worden. Dort pflegte ihn die Admiralsfrau unter Anleitung eines 
guten Arztes persönlich. Sie hatte wohl herausgefunden, wieviel 
Roland an dem Einsiedler lag. Für den Ritter aus Camelot tat sie 
alles. 

»Leben in dem Dorf überhaupt noch Landsleute  von uns?« wollte 

Roland wissen. 

Rendelin, welcher die Landschaft hier an der Küste genauer kannte 

als die anderen, zuckte die Schultern. 

»Meistens haben sie nur die Kranken und Alten in ihren Häusern 

gelassen. Alle übrigen sind in die Sklaverei gewandert.« 

Rendelin lachte zornig. 
»Daß ausgerechnet wir Gnade vor Barbareskenaugen finden 

würden, hätte ich nie und nimmer geglaubt. Ob es wohl unserem 
König Artus gelingt, den Gegner zu schlagen und zu vertreiben?« 

Davon waren Roland und sein Freund Volker fest  überzeugt. 

Rendelin hatte noch etwas auf dem Herzen. Etwas, was er unbedingt 
loswerden mußte. 

»Dabei haben uns die barbareskischen Eroberer weismachen 

wollen, sie seien gekommen, um uns von dem Joch König Artus' zu 
befreien.« 

»Ist das denn die Möglichkeit?« staunte Volker vom Hohentwiel. 
Roland war und blieb mit den Gedanken bei seinem alten Lehrer. 

»Wenn sie ihm auch nur ein Haar gekrümmt haben, werden viele von 
ihnen sterben«, hörten die Freunde ihn murmeln. Das klang wie ein 

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Schwur. 

Jetzt waren sie am  Hause. Lärm und Geschrei hielten unvermindert 

an. Nur hatte es fast den Anschein, die klagenden Menschenstimmen 
seien leiser oder schwächer geworden. 

Als erster taumelte ihnen Chalid Batuta entgegen. Dem riesigen 

Barbaresken hingen zwei Dutzend oder mehr Männer der 
Stabswache am Hals und auf dem Buckel. 

Roland kümmerte sich nicht um den Mann. Das überließ er dem 

Knappen Pierre und Ritter Volker. Wirtssohn Rendelin blieb an 
Rolands Seite. Mochte der Himmel wissen, warum. 

Halb im Rückwärtsspähen gewahrte Roland, daß Volker und Pierre 

Chalid Batuta halfen. Dies war richtig und durchaus zu verantworten. 
Denn Batuta war, solange sie für die Interessen der schönen Zairah 
eintraten, ihr Verbündeter. 

Ehe sie um die nächste Gangecke bogen, sahen sie, daß Volker und 

der Knappe dem Barbareskenriesen wirkungsvoll hatten helfen 
können. Doch Chalid Batuta schwankte. Er blutete aus vielen 
Wunden. 

Jetzt traten ihnen zwei, drei, vier Barbaresken entgegen. Ihre 

Waffen waren rot. Sie mußten unter den Anhängerinnen Zairahs 
regelrecht gewütet haben. Roland befürchtete das Schlimmste. 

Rendelin hatte sich mit einem sogenannten Morgenstern 

bewaffnet. Wer weiß, woher diese typische Bauernwaffe stammte? 
Der Wirtssohn wußte sich ihrer wirkungsvoll zu bedienen. Wie zum 
Beispiel jetzt. Den ersten Ansturm wehrte er ganz allein ab. Ein 
Rundschlag mit dem an einer Kette baumelnden Morgenstern 
genügte, und die Barbaresken zappelten auf dem Boden. Sie glichen 
Fischen, die gegen ihren Willen aus dem Wasser gezogen worden 
sind. 

Aus der nächsten Tür stürmten schon die nächsten Angreifer. Mit 

wieviel Helfern und Begleitern war der Admiral hierhergekommen? 

Rolands Schwert arbeitete ebenso unwiderstehlich wie 

wirkungskräftig. Jeder Stoß und Schlag brachte einen Feind zur 
Strecke. 

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Der Flur wurde von Gefallenen eingeengt. Mahmud ben Osmadis 

Stabswache mußte unerschöpflich sein, was den Personalstand 
betraf. Zeitweilig hatte Ritter Roland den Eindruck, für jeden gefalle-
nen Barbareskenkrieger erstünden ihm zwei neue Gegner. 
Unaufhaltsam drang Roland mit Rendelin und Volker vor. Aus 
einem Raum hörten sie eine besonders schroffe Stimme sprechen. In 
Rede oder Befehl kam immer wieder das Wort Einsiedler vor. 

Im Bruchteil einer Sekunde stellte Roland die 

Gedankenverbindung her,  welche sich für ihn mit dem Begriff 
Einsiedler verband. Klaus, sein alter Lehrer. Rauh riß Roland die Tür 
auf. 

»Roland!« 
Vier kräftige Barbaresken waren dabei, den Eremiten, der bisher 

auf einem Bett gelegen hatte, in eine Sänfte zu setzen. Der Einsiedler 
wehrte sich gegen die Überführung. Die Männer wollten dem 
Einsiedler klar machen, daß der Admiral ihn in Ehren bei sich 
aufnehmen und halten werde. Den alten Mann gelüstete es aber nicht 
nach Barbareskengesellschaft. 

Kurze Sekunden nur blieben die eingedrungenen Stabswachen im 

unklaren darüber, auf welcher Seite Roland stand. Dann setzten sie 
den Einsiedler Klaus auf sein Bett. Sie zogen rasselnd ihre Säbel. 
Danach drangen sie mit aller Heftigkeit auf Roland ein. 

»Heiho«, rief der Ritter von Camelot und  nahm seinerseits 

bereitwillig den Kampf an. 

Roland stritt ohne Tartsche, also ohne Schild. Er hatte nur sein 

Kettenhemd und sein gutes Schwert. 

»Allah«, brüllten die Barbaresken. Hageldicht prasselten die 

Schläge ihrer Waffen auf Rolands Kettenhemd. Der Lentner, der 
Leibrock, wurde einmal mehr von Säbelklingen durchgeharkt und 
zerfetzt. 

»Mach Platz«, forderte Roland hitzig von Rendelin. Der Wirtssohn 

ging gehorsam auf den Flur zurück. Der Ritter aus Camelot hatte 
jetzt genug Raum, um mit den Barbaresken Ernst zu machen. Vier 
gegen einen. Normalerweise ist das ein zu ungünstiges Verhältnis. 

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»Ergebt euch«, schrie Roland. »Bittet um Pardon.« 
Die Barbaresken verstanden ihn genau. Doch sie fühlten sich 

überlegen und fanden wahrscheinlich, es wäre an dem Ritter, 
aufzugeben und um Frieden zu bitten. Wie sie doch irrten. Denn 
Roland drang jetzt in einer Weise auf die Vier ein, daß sie so lange 
zurückwichen, bis die Wand der Kammer ihnen Einhalt gebot. Der 
erste wurde schwer getroffen. Da gaben die anderen drei auf.  Sie 
streckten die Waffen und hoben in der uralten Geste des 
Unterlegenen beide Hände hoch. 

»Pierre«, brüllte Roland. 
Prompt arbeitete sich der Knappe zu seinem Herrn durch. »Was 

steht zu Diensten?« 

»Schaff alle fort, die um Quartier bitten, und sichere sie bis zum 

Abtransport.« 

»Sofort, Herr!« 
Inzwischen hatte Roland den zweiten, dritten und vierten Gegner 

überwunden. Der Ritter aus Camelot wuchs schier über sich selbst 
hinaus. Nachdem er den Barbaresken die Waffen aus der Hand 
geschlagen, packte er sie. Er hielt sie fest, bis Pierre erschien. Rechts 
hielt Roland zwei Barbaresken und links einen. Alle drei zappelten, 
so heftig sie konnten. Sie glichen fauchenden Wildkatzen, die ein 
Jäger sehr gegen ihren Willen aus dem Nest gehoben hat. Roland 
hatte weitere Weisungen für Pierre. »Gib auf den Einsiedler acht, den 
alten Klaus. Stell dich am besten vor seine Kammer.« 

Just in diesem Augenblick wurde in anderen Räumen am Flur das 

flehentliche Hilfegeschrei von Frauen wieder laut. »Komm«, sagte 
Ritter Roland barsch. »Der Streit treibt der Entscheidung entgegen.« 

Das galt Rendelin, dem Wirtssohn. Er folgte mit dem Ritter dem 

quälend lauten Geschrei. Die Türen, hinter welchen der Lärm tobte, 
waren fest geschlossen. Rendelin trat mit aller Kraft gegen die erste 
Tür. Das starke Eichenholz gab nicht nach. Auch das Schloß und die 
Türangeln hielten. Roland drückte den Gastwirtssohn zur Seite. Er 
ging die Tür an. Unter seinen eisengepanzerten Füßen gab das 
Eichenholz knirschend nach. Die Tür fiel in die Kammer. Dabei riß 

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sie einen Barbaresken um und beförderte ihn zu Boden. 

Welch ein Anblick bot sich ihnen! Der bärtige Mann mit dem 

Schuppenpanzer unter dem weiten, weißgrünen Mantel mußte 
Mahmud ben Osmadi sein. Der Admiral hatte ein böses Lächeln im 
bärtigen Gesicht. Der Barbareskenführer schien das Erscheinen des 
Ritters aus Camelot gar nicht richtig wahrzunehmen. Jedenfalls 
kümmerte er sich nicht darum. Er machte ungerührt weiter. 

Zwei Männer der Stabswache hielten die schöne Zairah hart im 

Griff. Der Admiral schrie:  »Auf die Knie mit dir, betrügerisches 
Weib! Bekenne, daß du gegen mich intrigiert hast. Bereue die 
Unterstützung meiner Feinde.« 

Die Admiralsfrau konnte physisch gegen die Männer, welche sie 

hielten, nicht an. Ihr Wille und ihr Trotz aber waren ungebrochen. 
Mit wutfunkelnden Augen betrachtete sie den Admiral. Von eheli-
cher Ergebenheit oder gar von Liebe konnte wohl zwischen den 
beiden keine Rede mehr sein. Sie schrie: 

»Verschone mich mit dem ganzen Register 

verabscheuungswürdiger Heuchelei, das man dir  beigebracht hat, 
Mahmud ben Osmadi. Stelle die Dinge zwischen uns nicht auf den 
Kopf. Nicht ich habe dich hintergangen. Du hast mich betrogen. 
Gemeinsam mit deiner Odaliske hast du mich laufend gedemütigt. 
Und sollte es mich das Leben kosten, diese Treulosigkeit zahle ich 
dir heim.« 

Zairah hatte Roland längst gesehen. Jetzt glaubte sie sich ihrem 

Mann und dessen Begleitern wieder überlegen. Mit ausgestrecktem 
Arm zeigte sie auf den Admiral. 

»Ergreife ihn, Roland, mein Ritter! Bändige ihn und schenke ihn 

mir, sobald er in Ketten liegt.« 

Jetzt sah auch Mahmud ben Osmadi den Ritter aus Camelot. Der 

Name Roland war ihm bekannt genug. Flammende Zornesröte 
überflackerte sein Gesicht. Auf der hohen Stirn des Admirals 
schwollen die Adern. Von kluger Gelassenheit konnte in Mahmud 
ben Osmadis Gefühlslage keine Rede mehr sein. Mit sich 
überschlagender Stimme brüllte er: »Bringt das lügnerische Weib 

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zum Schweigen, Jussuf und Artan. meine Getreuen. Um den Ritter 
aus Camelot, der sich erdreistet hat, seine Augen zu dem Weibe zu 
erheben, welches Mahmud ben Osmadi gehört, werde ich mich 
selber mit allem Nachruck kümmern.« 

Während der Weisung an seine Leute, machte der Admiral mit der 

Handkante eine Bewegung zu seinem Hals. Die Weisung wurde 
prompt verstanden und befolgt. Dolche und Schwerter blitzten. 

Außer der Admiralin Zairah schwebten noch zwei andere 

Frauenspersonen in höchster Gefahr. Das war einmal die blonde 
Dolmetscherin Ariana und zweitens die Tochter des Learts of Caind. 
Das rohe Volk hatte Mirinda die Kleider vom Leib gerissen. Die 
Learts-Tochter lag nackt auf der Erde. Vier Barbaresken hielten sie 
fest. Ein fünfter Mann aus des Admirals Stabswache versuchte, ihr 
Gewalt anzutun. 

Ariana schrie. Sie spürte die Gefahr, darin ihre Herrin Zairah 

schwebte. Ihre schmalen Hände, tasteten nach Gegenständen, die als 
Waffen brauchbar sein konnten. Was die Admiralsfrau Zairah 
anging, so kam jede Hilfe zu spät. Die Barbaresken Jussuf und Artan 
hatten vollbracht, was Mahmud ben Osmadi verlangte. Die schöne 
Zairah war zum  Schweigen gebracht worden. Dolch und Schwert 
hatten die Frau mehrfach getroffen. Sie lag wie ein lebloser, bunter 
Schmetterling auf dem Steinboden. Die Keramikplatten wurden rot. 

Rasselnd fuhren Mahmud ben Osmadis Krummsäbel und der 

Handschar aus der Scheide. Zwei Hiebwaffen können in der Faust 
eines geschickten Fechters sehr gefährlich sein. Mit der Schnelligkeit 
eines gereizten Bären wandte sich Roland dem Oberbefehlshaber der 
feindlichen Heere zu. Er wehrte die ersten Angriffe des Admirals 
mühelos ab. 

Roland würdigte Mahmud ben Osmaid keines Wortes. Doch für 

Rendelin hatte er Weisungen. 

»Hilf der Tochter des Learts of Caind.« 
Es hatte dieses Befehles nicht bedurft. Mehr als der Wirtssohn für 

Mirinda wagte, konnte kaum ein Mann in dieser Lage für die Tochter 
des Learts von Caind tun. 

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Mirinda schrie nicht mehr. Stahl klirrte gegen Stahl. Dieses 

Geräusch beherrschte alles sonst. 

Zuerst traf Rendelins Morgenstern den Barbaresken mitten im 
Rücken, der seine Lust an Mirinda kühlen wollte. Es knirschte, als 
zerbreche Holz. Der Mann schrie gellend. Er wurde nie wieder einem 
Gegner gefährlich. Die Art und Weise, in der er von Mirindas Körper 
fiel, verriet seine Lähmung. Das rothaarige Mädchen befand sich 
plötzlich nicht länger in Schwierigkeiten und Not. Rendelin schwang 
seinen Morgenstern. Wo die stachelige Kugel traf, wuchs kein Gras 
mehr. Es dauerte nur Sekunden, bis nur noch der gegen Roland 
fechtende Mahmud ben Osmadi in diesem Räume auf den eigenen 
Beinen stand. Rendelin zog sein Wams aus und warf es  Mirinda zu. 
»Zieh das über!« 

Mirinda gehorchte. Ihre Glieder bebten. Die blinde Ariana kniete 

neben ihrer toten Herrin. Jussuf und Artan wollten dem Admiral 
helfen. Die Aktion mißglückte. Abgesehen davon, daß Roland nur 
zwei schnelle Schwerthiebe brauchte, um beide abzutun, schlug auch 
Rendelins Morgenstern wirbelnd zu. Und traf. 

Jetzt war Mahmud ben Osamdi allein. Obwohl es ihm an 

Tapferkeit nicht gebrach, war er zu sehr an Begleitung in jeder 
Lebenslage gewöhnt, um gerade jetzt darauf zu verzichten. Lauthals 
brüllte er: »Stabswache zum Kommandeur!« 

Er konnte rufen, soviel er wollte, von den Männern seiner 

Begleitung lebte niemand mehr. Wer immer von Ritter Rolands 
Schwert verschont geblieben war, den hatten Volker vom 
Hohentwiel und Knappe Pierre aus dem Leben getrieben. Ganze 
Wälle von Barbaresken lagen auf Fluren und Treppen des Hauses. 

Roland blieb voll auf den Kampf mit dem Admiral konzentriert. 

Dennoch dachte er mit Unruhe an den riesigen Chalid Batuta. Auf 
wessen Seite würde Zairahs Leibwächter sich stellen, nun, wo seine 
Herrin tot war? Sollte Chalid Batuta etwa sein Heil in der Flucht 

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gesucht haben? Ausgerechnet er? Die jähe Stille im Haus ließ kaum 
hoffen, daß noch jemand lebte. Während Roland mechanisch jedem 
Angriff des Admirals eine wirksame Parade entgegensetzte, erinnerte 
er sich, daß Chalid Batuta in sehr schlechter Verfassung gewesen 
war, als Roland ihn zuletzt sah. Roch es nicht seltsam im Haus? 
Keine Frage, da mußte jemand Feuer gelegt haben. 

Rendelin hatte die Learts-Tochter Mirinda fortgebracht. Es kostete 

ihn Gewalt, Mirinda von Rolands Anblick zu lösen. An und für sich 
sah das Mädchen nicht ein, warum sie Rolands Kampf mit dem 
Admiral nicht bis zum Ende sehen sollte. 

Der Brandgeruch wurde immer stärker. Jetzt eilte Knappe Pierre 

herbei. 

»Im Oberstock brennt es. Was soll mit dem Einsiedler 

geschehen?« 

Das schrie Pierre von der Tür her. Ritter Roland unterbrach den 

Fechtgang keine Sekunde. Trotzdem gab er Weisungen, so, wie sein 
Knappe das von ihm erwartete. 

»Bring alles aus dem Haus und in Sicherheit, Pierre. Vorab meinen 

Lehrer Klaus. Nichts Lebendes darf dem Feuer zum Opfer fallen.« 

Jäh ließ Mahmud ben Osamdis Aufmerksamkeit nach. Roland 

nützte jede Blöße aus, welche sich der Admiral gab. Mit schnellen 
Schlägen trieb der Ritter  aus Camelot den Barbareskenführer zurück. 
Zwangsläufig geriet Mahmud ben Osmadi in die gleiche 
hoffnungslose Lage, darin vor ihm seine Männer umgekommen 
waren. Das Gesicht des Admirals bewies, wie stark Mahmud ben 
Osmadi sich konzentrierte. Bis jetzt hatte es ihm keinen Vorteil 
gebracht, daß er beidhändig focht. Roland war und blieb mit dem 
Schwert der überlegene Mann. Jetzt umfächelte die scharfe Klinge 
Mahmud ben Osmadis Kopf. Der Admiral trug dreifache 
Reinerfedern am Helm. Der Barbareskenführer zuckte zurück, als ein 
blitzschneller Schwertstoß seinen Halsriemen sprengte. Turban und 
Helm fielen gleichzeitig zur Erde. Sie knickten die bunten Federn. 

Mahmud ben Osmadi hatte die Schrecksekunde nach diesem 

Treffer noch nicht überwunden, als es schon wieder bei ihm 

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einschlug. Diesmal flog dem Admiral der Krummsäbel aus der Faust, 
welchen Osamdi mit links führte. Knappe Pierre war 
zurückgekommen, um seinem Herrn zu melden, daß der alte 
Einsiedler gut untergebracht sei. Mahmud ben Osmadis Krummsäbel 
prallte unmittelbar vor dem Knappen auf den Steinboden. Es klirrte. 
Den kostbaren Säbel nahm Pierre an sich. 

»Solche Beute lasse ich mir gern gefallen«, brummte er. 
Bei diesen Worten sollte es nicht bleiben. Pierre brannte darauf, 

seinem Herrn zu helfen. Bevor es jedoch hierzu kam, zappelte 
Mahmud ben Osmadi, der stolze Admiral der Barbaresken, in 
Rolands eisenhartem Griff. Roland hatte ihn unterlaufen, ihm den 
Handschar entwunden und preßte ihn jetzt derart, daß Luft und 
Atmen für den Mann Mangelware wurden. 

Mahmud ben Osmadi mochte hart sein, doch gegen Ritter Roland 

kam er nicht an. Roland hatte mit allem anderen eher gerechnet, als 
mit dem, was dann wirklich kam. 

»Ich bin besiegt«, gab Mahmud ben Osmadi die neue Situation zu. 

Er sprach stockend und mit der Anstrengung eines Mannes, der zu 
ersticken fürchtet. Roland band ihn mit des Admirals eigenem 
Gürtel. »So«, sagte er hart. »Und jetzt wollen wir sehen, für was dein 
Überfall alles gut gewesen ist, Führer der Barbareskenvölker, welche 
unser friedliches Land verheeren. Warum hast du ihr das Leben 
nehmen lassen?« 

Die Frage galt der toten Zairah. 
Der Admiral warf der Frau einen haßvollen Blick zu. Sein Zorn 

war durch Zairahs Tod nicht gemildert. Er preßte ein Wort durch die 
Zähne, welches in der Barbareskensprache »Hündin«, bedeutete, und 
fluchte, wie nur ein Orientale fluchen kann. Die blinde Ariana hockte 
in stummem Weinen neben ihrer Herrin. Die Dolmetscherin fühlte 
die Nähe des Admirals. Sie wandte Mahmud ben Osmadi ihr Gesicht 
zu. Das Gemmenantlitz des blonden Mädchens war tränennaß. Doch 
aus den erloschen Augen, welche den Admiral bestimmt nicht sehen 
konnten, funkelte Haß. Ihre Lippen bebten. Allein, sie blieb stumm. 

Roland dirigierte den überwundenen Admiral aus dem Raum. Er 

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stieß fast mit Volker zusammen: Das Gesicht des dunkelhaarigen 
Sängers war von den Anstrengungen des Kampfes gezeichnet. 
Dennoch strahlten seine Augen. Es war schön, Sieger zu sein. 

»Wie ich sehe, sind wir nicht mehr an unseren Uhrfehde-Eid 

gebunden. Reiten wir also zurück nach Camelot und zum Hofe.« Das 
sagte der Sänger. 

»Genau das hatte ich vor«, nickte Roland. 
Die Menschen aus der Umgebung der Admiralin Zairah hatten 

einen hohen Blutzoll im Einsatz für ihre Herrin entrichtet. Außer der 
blinden Ariana lebte niemand mehr. 

Der Brandgeruch, welcher von den oberen Stockwerken des 

Hauses ins Erdgeschoß zog, wurde immer intensiver. Nachdem er 
den Admiral in sicherem Gewahrsam und hinter Gittern wußte, 
streifte Roland durch das Haus. Die Barbaresken hatten sich im 
Bruderkampf förmlich zerfleischt. Der riesige Chalid Batuta mochte 
hierfür als Beispiel dienen. Roland entdeckte ihn unter einem wahren 
Berg erschlagener Landsleute. Batuta atmete noch. Sein Zustand aber 
war hoffnungslos. Das wußte er auch sehr genau. Denn als Roland 
ihn unter den Leibern seiner Gegner hervorzog, sagte er: »Zairah ist 
tot! Du warst tapfer, Christenritter! Laß mich allein.« Batutas 
Riesenkörper war von schweren Wunden übersät. 

Chalid Batuta zog sich auf die Laute seiner barbareskischen 

Muttersprache zurück.  Roland hätte hiervon nichts verstanden. Doch 
er wurde unvermittelt angesprochen. Die blinde Ariana war ihm 
gefolgt. Sie übersetzte, was Chalid Batuta sagte: »Ich bin ein 
verwundeter und besiegter Mann. Laßt mich hier. Dieses Haus wird 
bald der schönste Scheiterhaufen sein, den sich ein Krieger 
wünschen kann. Viel Glück, Christenritter! Dein Schicksal wird dich 
noch weit tragen. Weit und sehr hoch.« 

Hatte Ariana nicht vorhin erst wie ein Schatten ihrer selbst neben 

der toten Zairah gehockt? Woher nahm das  blinde Mädchen den 
Lebensmut, der es jetzt unverkennbar beseelte? 

»Darf ich mitziehen, wenn ihr in eure Heimat Camelot geht?« Was 

hätte Roland wohl dagegen haben können? »Halte dich an meinen 

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Knappen Pierre. Er versorgt meinen alten Lehrer Klaus. Neben dem 
Einsiedler wird er bestimmt auch für dich immer einen Platz haben, 
Ariana!« 

Seltsam. Um ihre tote Herrin, welche Ariana doch dankbar geliebt 

hatte, kümmerte sich das blinde Mädchen jetzt nicht mehr. Ehe sie 
den Knappen Pierre aufsuchte, sagte die Blinde  noch zu Roland: »So 
viel ich weiß, gehört die Totenverbrennung in der Barbarei zu den 
Bestattungsarten, die dort als besondere Ehre vergeben werden.« Die 
Blinde richtete sich kerzengerade auf. »Außerdem, es gibt nichts, 
was meine Herrin Zairah wieder ins Leben zurückbrächte. Weißt du 
eigentlich, wie sehr sie dich geliebt hat, Ritter Roland?« 

Die blinde Ariana behauptete, Chalid Batuta habe die Brandfackel 

geworfen. Aus der Fackel war längst ein Feuer geworden, welches 
das Haus der Admiralsfrau bis auf die Grundmauern einäschern 
würde. 

Wie Roland den Verlust der Admiralin persönlich einstufte, erfuhr 

Ariana genausowenig wie zum Beispiel Volker. Der Sänger 
betrachtete seinen Freund wiederholt von der Seite. Dabei sah er aus, 
als wolle er Fragen stellen. Doch er blieb letztlich stumm. Mit Pierre 
und Roland räumte er das Haus. Sie brachten die Reittiere, auch die 
der besiegten Barbaresken und der Admiralsfrau, auf benachbarte 
Weiden. 

Knappe Pierre hatte umsichtig gehandelt. In einem Haus, welches 

in angemessener Entfernung zur Haushaltung der Admiralsfrau lag, 
wartete der Einsiedler Klaus mit allen anderen, welche an den Hof 
von Camelot sollten, auf den Abmarsch. 

Das Feuer brach mit donnerndem Knall durch den Dachstahl gen 

Himmel. Der hier im Küstenbereich  ständig wache Wind nutzte die 
Gelegenheit. Er fuhr in die Flammen, ließ sie so recht fauchen und 
fachte den Brand an. Wenn Chalid Batuta sich in seinen letzten 
Stunden nach einem Scheiterhaufen gesehnt haben sollte, so war sein 
Wunsch erfüllt worden. Das Haus brannte lichterloh. 

Lange betrachtete Roland das Feuer. Dabei ging ihm alles 

mögliche durch den Kopf. Schließlich wandte er sich ab. Seine 

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Entschlüsse waren gefaßt. 

Als er seine Begleitung traf, hockte Mirinda in der Ecke des 

Raumes, darinnen auch das Bett des Einsiedlers Klaus stand. Der 
Eremit und die Learts-Tochter schien sich ausgesprochen zu haben. 
Ihren Mienen nach zu urteilen, hatte es so etwas wie eine 
Versöhnung zwischen ihnen gegeben. Der Einsiedler sah 
ausgesprochen wohlwollend zu, als Mirinda ihr Findelkind nährte. 

Klaus winkte Roland zu sich. Der Ritter beugte sich mitfühlend 

über den Mann, dem seine Fußwunden wohl noch lange zu schaffen 
machen Würden. »Habt Ihr Wünsche, Vater?« 

»Ja. Ich möchte in deiner Nähe bleiben, bis die Barbaresken 

geschlagen sind. Hinterher ziehe ich mich gern wieder in meine 
Klause zurück.« 

Roland versprach dem alten Lehrer ein völlig neues Eremitenhaus, 

welches in jeder Beziehung den Wünschen des Einsiedlers 
entsprechen sollte. 

»Das gehört mit zu der Zeche,  welche die Barbaresken zu bezahlen 

haben, Vater.« 

Daß es Roland gelungen war, den Admiral und Oberbefehlshaber 

der feindlichen Heere gefangen zu nehmen, erfuhr Einsiedler Klaus 
so ganz nebenbei. Sogar der Eremit sah ein, daß bei dieser Lage der 
Dinge die Barbareskenexpedition nichts mehr gewinnen konnte. Es 
sei denn, es gelänge ihr, König Artus samt seiner Streitmacht mit 
einem Sonntagsschlag zu erledigen. 

Roland spürte sehr genau, daß Mirindas Augen ihm unentwegt 

folgten. Unmittelbar neben der Learts-Tochter, welche im 
Augenblick das Findelkind fütterte, stand Rendelin. Das Gesicht des 
jungen Mannes wirkte so hingebungsvoll, so von echter Neigung 
gezeichnet, daß es keinen Zweifel gab: Rendelin hatte Sinn, Zweck 
und Ziel seines Lebens gefunden. Roland ging zu Mirinda. 

Dann winkte er Rendelin zu sich. Er nahm die Hand des 

Wirtssohnes und hielt sie Mirinda hin. 

»Er hat dich aus der Barbareskennot gerettet.« 
Mirinda entgegnete mit funkelnden Augen: »Das weiß ich. Doch er 

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tat es auf dein Geheiß. Deshalb ...« 

Roland fiel dem Mädchen ins Wort: »Es war seine Waffe, welche 

die Barbaresken von dir riß. Er verdient deinen Dank und deinen 
Lohn.« 

Sie sah ihn an. »Ist dies dein Wille?« 
»Ja«, nickte Roland. »Das ist mein Wille. Und du sollst froh sein, 

daß du ihn bekommst... Vorausgesetzt, die Dinge, welche noch zu 
besprechen sind, fallen nicht zu deinen Ungunsten aus.« 

Verlegene Röte überflammte Mirindas Gesicht. Seltenes 

Schauspiel, war sie doch gemeinhin die Selbstsicherheit in Person. 

»Ich habe nichts zu verbergen und auch nichts zu fürchten ... Ritter 

Roland.« 

Die Stimme des Mädchens klang hart und weit erregter, als sie 

dem Anlaß nach hätte sein dürfen. Sie warf den Kopf in den Nacken. 
Straffte sich und sagte: »Er wird meinen Lohn bekommen, der 
Rendelin ... Und er wird keinen Grund zur Klage haben.« 

Das Haus Zairahs stand in hellen flammen. Der Brand entfachte 

den reinsten Feuersturm. Über das Holzgebälk der Nachbarhäuser 
geisterten bereits die ersten Feuerzungen. 

Der Abend fiel. Der Wind vom Meer wehte stärker. Es wurde kühl. 

Nach Rücksprache mit Volker vom Hohentwiel befahl Roland: 

»Wir reiten in zwei Stunden. Mit den Gefangenen. Mit den Pferden 

und mit allem sonst, was für uns Wert hat.« 

Sie waren zu viert. Es gab weit mehr für sie zu tun, als acht 
Männerhände bewältigen können. Einsiedler Klaus saß in einer 
Sänfte, welche groß genug war, auch noch Ariana sowie Mirinda und 
das Kind zu transportieren. Die Sänfte wurde mitten in der stattlichen 
Herde der Beutepferde getragen. Die Gefangenen waren in der Nähe 
der Sänfte auf Pferde gebunden worden und zogen mit der Herde. 
Ausgenommen Mahmud ben Osmadi. Den Admiral und 
Oberbefehlshaber der Barbaresken behielt Roland in seiner Nähe. 

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Rendelin bewachte die Sänfte und sorgte für die Sicherheit der 

Menschen darin. Das Kommando war dem ehemaligen Wirtssohn 
recht. So durfte er in Mirindas Nähe bleiben. Rendelin war auch 
dafür verantwortlich, daß die Gefangenen nicht flohen. Am Schluß 
der Herde ritt Pierre. Volker kontrollierte den Gesamtzug. Roland 
bildete den Kopf der Wandergruppe. 

Sie hatten beschlossen, mit nur wenigen Rastpausen bis Camelot 

durchzumarschieren. Von den Unternehmungen und Plänen ihres 
Königs hatten Roland und seine Begleiter keine Ahnung. Sie 
wünschten nur mit heißem Herzen, daß es König Artus gelingen 
möge, die Barbaresken trotz deren wahrscheinlicher Übermacht zu 
stellen und zu schlagen. 

Sie hatten das Küstendorf mit den brennenden Häusern hinter sich 

gelassen. Entgegen ihren Erwartungen hatten in dem Ort doch noch 
Menschen gelebt. Sobald sie einerseits ihre Wohnungen in 
ernsthafter Gefahr glaubten und andererseits die Luft weitgehend 
barbareskenfrei fanden, waren sie aus ihren Verstecken gekrochen. 
Roland  hatte allen, welche mitziehen wollten, Geleit bis Camelot in 
Aussicht gestellt. Doch sie hatten von Krieg und jeglicher Gewalttat 
die Nase voll. Sie lehnten ab. In gewisser Weise war das zu 
verstehen. 

Die breiten Waldringe zwischen Camelot und der Küste hatten die 

wandernde Herde aufgenommen. Das Trappeln der Hufe auf den 
Waldwegen erinnerte an aufziehende Gewitter. Es dauerte ziemlich 
lange, bis sie den Feuerschein des brennenden Küstendorfes nicht 
mehr am Himmel sahen. Dafür tauchten jetzt im Nordosten andere 
Feuerzeichen auf. Die Feuer, deren Farbe sich da im Firmament 
spiegelte, mußten sehr weit weg brennen. 

Alle zwei Stunden legten sie Rast ein. Auch bei diesen 

Gelegenheiten ließ Roland seinen Gefangenen nie aus den Augen. 
Mahmud ben Osmadi  tat so, als habe er sich mit seinem Schicksal 
abgefunden. Dieser Eindruck trog bestimmt und war schlau 
berechnet. Wenn Roland sich mit seinem Freunde Volker beriet, 
hörte der Admiral stets zu. Roland wurde das Gefühl nicht los, der 

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Mann verstehe die Landessprache viel besser, als er zugab. Der 
Ritter aus Camelot dämpfte immer die Stimme, wenn ihm solche 
Bedenken kamen. 

»Um ganz sicher zu gehen, sollte ich ihm eine Kappe aufsetzen, 

ihn also blenden. Wie man es mit den Beizfalken macht, ehe ihnen 
die Jagd freigegeben wird.« 

Volker half ihm bei der Beschaffung eines kappenähnlichen 

Stückes Stoff. Mahmud ben Osmadi erkannte in letzter Sekunde, was 
da auf ihn zukam. Er wollte sich der Blendung entziehen. Doch da 
legte Roland selber Hand an ihn. Da fruchtete kein Zappeln, Treten 
und Beißen mehr. Volker streifte dem Barbareskenführer die Kappe 
über. 

»So«, sagte er. »Jetzt kann er sich wenigstens nichts mehr von dem 

merken, was er unterwegs sieht.« 

Beim Weiterreiten legte Roland die Marschstrecke rein nach dem 

Gefühl fest. Wenn es ihnen gelang, dieses Tempo beizubehalten, 
würden sie morgen gegen Abend Schloß Camelot erreichen. Viel, 
viel später erst wurde ihnen klar, welches Glück sie bei ihrem Zug 
gehabt hatten. Welch wahrhaft unwahrscheinliches Glück. 

Denn der Sonnenaufgang fand sie auf dem lang gezogenen Rücken 

eines Waldhügels. Die Sonne zeigte ihnen mit ihren ersten Strahlen 
in der weiten Ebene zwei Feldlager. Das eine hatte vor seinem 
purpurnen Königszelt die goldene Löwenstandarte König Artus. Das 
zweite Zeltlager wurde von zahllosen kleinen Bannern überragt. Die 
Wimpel und Fahnen flatterten munter im- Morgenwind. Sie zeigten 
alle den Halbmond der Barbaresken im grünen Feld. Grün galt als 
die Farbe des Propheten, welchem die Barbaresken wie alle 
Muselmanen anhingen. 

Roland betrachtete fasziniert das Bild. Er lagerte mit seiner Herde 

ungefähr mitten zwischen den feindlichen Heeren. Wenn er losritt, 
mußte er genau im Niemandsland ankommen. 

Jetzt drang Hörnerklang zu Roland und seinen Gefährten hoch. 

Das waren die grellen Instrumente der Barbaresken. Die Kader der 
Reiterei, des Fußvolks und der Hilfstruppen sammelten sich. 

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Ein schwerer, durchdringender Ton aus König Artus' Heerlager 

wellte über das Land. So klang nur eine Lure. 

»Waidenhold«, murmelte Roland.  Er strengte seine Augen an. 

Tatsächlich erkannte er den Waffenmeister gleich neben König 
Artus' Purpurzelt. Er blies die Lure, daß der schwere Ton weit über 
Land und Wälder hallte. 

Roland und Volker sahen sich an. Sie hatten den gleichen 

Gedanken. 

»Du wirst  kaum nach Camelot reiten wollen, nicht wahr?« fragte 

Roland nachdenklich. 

Volker lächelte. »Würdest du an meiner Stelle und unter diesen 

Umständen reiten wollen?« 

»Ja, Volker. Aber gegen den Feind.« 
Es dauerte ziemlich lange, bis Roland weiter sprach. Drunten in 

der Ebene rückten die Formationen der Barbaresken aus ihrem 
Lager. Silberblitzende Reihen zogen ihnen entgegen. Wie 
verschwindend klein war doch König Artus' Heer. Roland griff sich 
an den Hals, als drohe sein Panzer dort zu eng zu werden. 

»Wir werden Pierre und Rendelin mit den Gefangenen, mit Klaus 

und der Herde losschicken.« 

Volker sprang katzengewandt auf die Füße. »Ich hole sie gleich 

her!« 

Auch Knappe Pierre und Rendelin hatten den Aufzug der Heere da 

unten gesehen. Rendelin trat vor Roland. 

»Mirinda gibt zu bedenken, daß dies da unten bei weitem nicht alle 

Streitkräfte des Feindes sind. Wahrscheinlich handelt es sich nur um 
eine Heeressäule.« 

»Danke, Rendelin. Ich werde mich entsprechend einrichten. 

Gleichgültig, was kommt, Pierre und du, ihr zieht mit den 
Gefangenen und den Pferden nach Camelot. Laßt euch von dem 
Admiral nicht übertölpeln. Denkt immer daran, daß er unser 
wichtigstes Faustpfand ist, wenn wir den Frieden aushandeln.« 

Weder Rendelin noch der Knappe Pierre zeigten Begeisterung.  Sie 

sahen nicht ein, daß sie sich jetzt, wo es doch richtig interessant 

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wurde, von den Rittern trennen sollten. 

Mirindas Warnung vor weiteren Barbareskenheeren, kam nicht von 

ungefähr. Sowohl im Osten als auch im Norden blitzte es in grauem 
Morgendunst  von Waffen. Es mochte noch dauern, bis die 
Streitkräfte heran waren, doch sie zogen auf. Um König Artus und 
seine Mitstreiter konnte einem bei dieser Sachlage nur angst und 
bange werden. 

»Worauf wartet ihr noch?« sagte Ritter Roland barsch zu seinem 

Knappen und zu Rendelin. »Sorgt dafür, daß der Admiral wohl 
verwahrt wird. Und bringt als Verstärkung jeden Mann aus Camelot 
mit, der ein Pferd zu reiten und ein Schwert zu führen vermag. 
Adieu!« 

Ritter Roland hatte es so eilig, daß er nicht einmal von seinem 

alten Lehrer Abschied nahm. Rendelin und Pierre waren mit 
Weisungen und Ratschlägen genauso versorgt wie mit Befehlen. Sie 
zogen praktisch die gleiche Strecke, über welche sie von Camelot an 
die Küste geritten waren. 

»So«, sagte Roland und kontrollierte Rüstung und Waffen seines 

Freundes Volker. »Gleich wollen wir zu Tal reiten und dann wie der 
Sturmwind über die Barbaresken kommen. Findest du eigentlich, wir 
seien zu etwas nütze gewesen auf unserer Fahrt?« 

Volker vom Hohentwiel lächelte. 
»Du bist dir doch hoffentlich darüber klar, daß dir mit der 

Gefangennahme des Admirals ein Haupttreffer gelungen ist. Wir 
wollen nicht undankbar sein und hoffen, daß wir den heutigen Tag 
auch noch heil überstehen. Dann aber ist ein Abenteuer bestanden, 
wie  es nur ganz wenigen Männern beschieden ist. Laß sehen! Soweit 
ich feststellen kann, ist deine Rüstung vollkommen in Ordnung. 
Reiten wir?« 

Samum schnaubte ähnlich zufrieden wie Volkers Streitroß, als die 

Freunde gemächlich nebeneinander zu Tal ritten. Die Spitzen ihrer 
Lanzen funkelten in der Sonne. Die erstrahlte von einem sattblauen, 
jetzt wolkenlosen Himmel. Vom Aufmarschplatz der feindlichen 
Heere wummerte es, als melde sich aufziehendes Gewittergewölk an. 

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Das waren die Kesselpauken, mit denen dem barbareskischen 
Fußvolk der Marschrythmus angegeben wurde. Dazwischen gellten 
unregelmäßig Lurenklänge. Wie das wütende Gebrüll zorniger 
Auerochsen. 

»Wie sollen wir es halten, Freund?« fragte Roland den Freund. 
»Was heißt das?« 
»Nun, brechen wir in unserer jetzigen Richtung in den Feind, oder 

schlagen wir artig einen Bogen und reihen uns neben König Artus 
ein, wenn er die erste Attacke reitet?« 

»Ich wäre für den Einbruch von hinten. Was glaubst du, wie das 

die Barbaresken durcheinanderbringt?« 

Die Tatsache, daß die Heere der Eindringlinge den Kampf 

annahmen, ohne auf ihren Anführer Mahmud ben Osmadi zu warten, 
konnte zweierlei bedeuten. Einmal, daß die Barbaresken 
entsprechend gereizt und herausgefordert worden waren, oder aber, 
daß die Unterführer des Admirals so hervorragend waren, daß er 
ihnen die Entscheidung über nötige strategische Operationen völlig 
allein überließ. Im letzteren Falle war höchste Vorsicht geboten. 
Denn Führungskräfte mit derartigen Vollmachten haben ihre 
Qualitäten und sind für jede Überraschung gut. 

Roland schloß sich der Meinung des Freundes an. Sie gelangten 

ohne Aufenthalt und Verzug bis in Rufweite der berittenen 
Kolonnen. Und just in dem Augenblick, da für die Barbaresken das 
Angriffssignal kam, preschten auch Roland und Volker an. 

Die Freunde waren glänzend aufeinander eingespielt. Sie deckten 

sich gegenseitig. Roland gab die Angriffspitze ab. Volker sicherte 
den Rücken des Freundes. 

Die Ritter warfen die ersten Barbareskenreiter aus dem Sattel. 

Wilde Schreie und Flüche quittierten dieses Tun. Bald hatten sie die 
ersten Banner erobert. Weiter. Jemand, der den Weg der 
camelotischen Ritter aus der Luft und etwas entfernt hätte verfolgen 
können, würde die Bahn der Freunde auf den ersten Blick erkannt 
haben. Doch sie griffen nur die Reiterei an. Bei den Kadern des 
Fußvolkes würde diese Verfahrensweise wenig genützt haben. 

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Wer weiß, wie weit sie noch von den eigenen Linien entfernt 

waren, als sie den ersten ernsthaften Widerstand fanden. Da hatte ein 
aufmerksamer Barbareske die Abendländer erkannt. 

»Giaurs!« klang es warnend. In Sekundenschnelle waren die 

Cameloten umringt. Doch so, wie die Barbaresken sich die 
Bereinigung des Falles vorgestellt hatten, lief sie nicht ab. 

Fechter auch der besten Qualität standen gegen sie auf verlorenem 

Posten wie ganz normale Söldner. Sie waren baß erstaunt, als sie sich 
plötzlich einem bärtigen Riesen mit einem Hörnerhelm 
gegenübersahen, der die Windungen einer Lure über der breiten 
Brust trug. 

»Waidenhold«, schrie Roland, so laut er konnte. Die  Streiter von 

König Artus rückten in Keilformation an. Waidenhold bildete die 
Spitze. Er kämpfte wie ein Berserker. Der Keil wurde jetzt immer 
breiter. 

»Roland!« Zwei Stimmen brüllten den Namen. 
Roland und sein Freund Volker reihten sich in die Kette ihrer 

Kameraden ein. Immer aber, wenn der Stoßkeil sich festzusetzen 
drohte, wenn der Angriff stockte, scherten die Freunde aus und 
verhalfen dem Sturm wieder zu Schwung. 

Die Reiterei der Barbaresken, sonst ihre Hauptwaffe, war in alle 

Winde zerstoben. Nun begann König Artus' Heer, die Fußvolk-Kader 
der fremden Eroberer aufzubrechen. 

Dabei spielten Roland und sein Freund Volker einmal mehr die 

überragende und erfolgreichste Rolle. Beide nämlich übersprangen 
die Mauer der langen Speere und sprengten die Vierecke von innen 
auseinander. 

Unter denkbar geringen Verlusten errangen die Ritter von Camelot 

den Sieg. Doch kaum war das erste Treffen vorbei, meldete heller 
Hörnerklang neue Feinde. Die Cameloten hatten den Vorteil, dem 
Gegner praktisch in die Marschordnung  zu prasseln. In der heillosen 
Verwirrung machten Artus' Ritter alles nieder, was sich nicht ergab. 
So erging es auch noch zwei weiteren Marschblöcken, die 
herangerückt kamen. 

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Der Triumph der Heeresgruppe von Camelot war vollkommen. 

Ehe die Sonne dieses heißen Tages sank, zogen unübersehbare 
Reihen gefangener Barbaresken entwaffnet in Lager, welche in aller 
Eile für sie hergerichtet worden waren. 

König Artus ließ Roland rufen. Die Ritter der Tafelrunde 

umstanden den König im Halbkreis. Wie Roland beugte auch Volker 
vom Hohentwiel das Knie vor dem König. 

Die Barbareskengefahr war gebannt. Was hier und dort sich von den 
Seeräubern versteckt hatte, wurde teils durch bewaffnete Streifen 
aufgebracht, teils durch die befreite Bevölkerung ausgeliefert. Wer 
wollte es der gepeinigten Einwohnerschaft von Städten und Dörfern 
verdenken, daß sie hin und wieder mit einem besonders grausamen 
Eroberer kurzen Prozeß machten und ihn auf ihre eigene, drastische 
Art zur Rechenschaft zogen? Das Sündenregister der Barbaresken 
war lang. Vergeblich rieten Männer von der Art des Klausners zur 
Mäßigung. Mancher, wie zum Beispiel Knappe Louis, fanden, so 
einer wie Einsiedler Klaus habe gut reden und Nachsicht predigen. 
Sein Verlust sei ja mehr als aufgewogen durch die Sonderrechte und 
Privilegien, welche ihm von König Artus zugestanden und verbrieft 
worden seien. 

Roland durfte dergleichen Reden nicht hören, ohne den vorlauten 

Sprecher gleich zur Rechenschaft zu ziehen. Der Einsiedler als 
Rolands alter Lehrer genoß bei dem Ritter absolute Sonderrechte. 

Klaus, der Eremit, besaß Einfluß. Das zeigte sich erst in kleinen 

Dingen. In so kleinen Angelegenheiten, wie sie zum Beispiel 
Mirinda, die Tochter des Learts of Caind vertrat. 

Zwischen Mirinda und ihrem so gut wie wieder voll genesenen 

Bruder Richard, hatte es ein ergreifendes Wiedersehen gegeben. 
Mirinda und ihr Bruder lebten noch auf Camelot. Doch es hieß, sie 
würden alle drei wegziehen, sobald Rendelin sein Gasthaus in dem 
abgelegenen Waldviertel so weit aufgebaut hatte, daß man Menschen 

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zumuten konnte, darin zu wohnen. Mirinda hatte offenbar ihre 
Neigung zu Roland völlig verloren. Alles, dessen sie an fraulichen 
Gefühlen fähig war, galt jetzt Rendelin und konzentrierte sich auf 
ihn. 

Wie weit sie schuldig geworden war, ob sie etwa Roland und seine 

Gefährten Zairahs Männern ausgeliefert hatte, wurde nie restlos 
geklärt. Sie mußte auch Verdienste um die Sache Camelots haben. 
Sonst hätte der König Mirinda of Caind nicht ohne Verhandlung oder 
Verhör von jeglicher Schuld freigesprochen. 

Nicht nur das, es wurde auch unter das manchem anrüchig 

erscheinende Vorleben der Learts-Tochter ein Strich gezogen. König 
Artus liebte keine halben Lösungen. 

Der Barbaresken-Admiral hatte seine Niederlage noch nicht 

vollends begriffen. Zwar wußte er, daß er unterlegen war. Doch wie 
das zustandekam, blieb ihm ein Rätsel. 

In seiner barbareskischen Heimat drohte ihm nach der Rückkehr 

ein strenger Prozeß. Doch er würde heimkehren und sich 
verantworten. Mahmud ben Osmadi war kein Feigling. 

Er hatte Enttäuschungen in Hülle und Fülle hinnehmen müssen. 

Am meisten hatte ihn der Verrat der Odaliske Suleika getroffen und 
geschmerzt. Die schöne Odaliske gehörte zu den wenigen aus 
Barbareskentroß und Barbareskenheer, denen es gelang, mit Teilen 
der Flotte zu entkommen. Suleika sollte gleich nach der Niederlage 
des Admirals die Geliebte eines unbedeutenden Subalternoffizier 
geworden sein und mit diesem Mann die Flucht per Schiff angetreten 
haben. Nicht ohne Mahmud ben Osmadis gesammelte Kriegsschätze 
mitzunehmen. 

»Ein kluger Mann versucht, seinen Gegner zu seinem Freund 

umzuformen«, riet Einsiedler Klaus dem König. 

Roland fand diese Rede seines alten Lehrers gar nicht gut. Als er 

sah, daß der König seine Stirn runzelte, fürchtete er einige Sekunden 
um den Lehrer. Doch Artus dachte nur nach. Und der König kam zu 
dem Ergebnis, daß der Eremit recht habe. 

Von Stund an gab er sich mit seinem prominenten Gefangenen 

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ausgesprochene Mühe. Als erstes wurde Mahmud ben Osamdi 
menschenwürdig untergebracht. 

»Es bringt keinen Gewinn, die Würde eines Mannes zu zerstören.« 
Auch dieser Satz stammte von Einsiedler Klaus. 
»Wie können uns diese Barbaresken eigentlich nützen?« wollte 

König Artus eines Tages wissen. 

Der Eremit wußte darüber ziemlich genau Bescheid. 
»Bringe ihnen bei, daß es vorteilhafter für beide Seiten ist, 

miteinander Handel zu treiben. Sie sollen ihre Expeditionen 
aufgeben, die nur reiner Sklavenjagd dienen und stattdessen ihre 
Handelsschiffe zu uns schicken.« 

Hatte nicht auch Mirindas und Richards Vater, der Leart of Caind, 

Handel mit den Barbareskenstaaten getrieben und es dabei zu 
beachtlichem Wohlstand gebracht? 

König Artus brachte ebenso vorsichtig wie geschickt bei nächster 

Gelegenheit das Gespräch auf diesen Punkt. Mahmud ben Osmadi 
musterte den König aus großen Augen. 

»Ihr überrascht mich, Majestät! Aber Ihr habt recht. Gestattet, daß 

ich einige Briefe in meine Heimat schreibe.« 

Am Abend trug Volker vom Hohentwiel die Ballade seiner und 
Ritter Rolands Erlebnisse während des Barbareskeneinfalls vor. 

Begeistert klatschte die lauschende Menge Beifall, Sänger Volker 

mußte das Lied wiederholen. Für Stunden dachten die Menschen 
nicht an den grausamen Krieg. 

ENDE 

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Die Menschenmenge drängte näher. Jeder wollte einen Blick auf 
Volker erhaschen. Der Minnesänger schlug einen Akkord auf der 
Laute und blickte mit gewinnendem Lächeln in die Runde. Manch 
Frauenbusen wogte vor Erregung ob dieses Lächelns, das jeder 
ganz allein zu sein schien. 
Das Stimmengewirr verstummte, erwartungsvolle Stille setzte ein. 
»Nun denn, so will ich den schönen Damen zur Ehre meine neue 
Ballade vortragen.« Und er sang zum Spiel der Laute. Gebannt 
lauschte die Menge. Es war eine atemberaubende Mär von 
Ritter Rolands neuer Ruhmestat, von den tapferen Knappen 
Pierre und Louis, von einem geraubten Schatz, von einer reizenden 
Tänzerin und einer reißenden Bärenbestie, vom Schrecken auf Burg 
Hohenstolz und von Ritter Rolands tollkühnem Kampf in der 
Bärenfalle . . .  

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