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Steve Frazee 

 
 

BONANZA 

 
 

Bonanza 

Band 1 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Engelbert-Verlag • Balve/Westf. 

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Verlags-Nr. 708 
2. Auflage 1968 

Dia und Foto für den Umschlag 

wurden von NBC ENTERPRISES gestellt 

Illustrationen: Walter Riede 

Titel der Originalausgabe: 

BONANZA – Killer Lion 

(c) 1966 by National Broadcasting Company, Inc. 

Alle Rechte vorbehalten 

 

 

 
 

Veröffentlicht mit Genehmigung von Western Publishing 

Company, Inc. Racine USA 

Alle Rechte der deutschen Buchausgabe 

1968 by Engelbert-Verlag, Balve 

Aus dem Amerikanischen übertragen 

von Heinrich Gottwald 

Nachdruck verboten – Printed in Germany 

Satz, Druck und Einband: 

Gebr. Zimmermann, 

Buchdruckerei und Verlag GmbH, 

Balve/Westf. 

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Die spannende Geschichte von Hoss Cartwright 
und seinem Puma, die den Leser ebenso fesseln 
wird, wie sie die jugendlichen Fernsehzuschauer in 
ihren Bann schlug. 

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Der zweite Schuß 

 
 
 

Nur eine huschende Bewegung nahm Hoss Cartwright oben im 
Geröll des Felsenhanges, knapp am Rande seines 
Gesichtsfeldes, wahr. Mit einem Zügelruck brachte er sein 
großes Pferd Paiute zum Stehen und spähte angestrengt durch 
den dichten Vorhang der fallenden Schneeflocken. 

Irgendeine Bewegung – das war alles, was er gesehen hatte. 
Vielleicht war es ein Kleinwild, das seinem Bau zustrebte; 

vielleicht auch ein Vogel, der sich sein Nest unter einem 
Felsvorsprung gebaut hatte. Jetzt jedenfalls konnte Hoss dort 
oben nichts anderes entdecken als Felsgestein, das die sofort 
tauenden Schneeflocken feucht und bräunlich schimmern 
ließen. 

Paiute war mit dem Aufenthalt gar nicht einverstanden. 

Ungeduldig biß das Pferd auf der Zaumstange herum, es sehnte 
sich nach seinem Stall am nahen Fluß. Mit einem scharfen 
Ruck wandte es den Kopf und schien seinen Reiter ärgerlich 
fragen zu wollen, weshalb man denn bei einem solchen 
Unwetter auch noch stehen bleiben müsse. 

Aber Hoss ließ sich nicht beirren und schaute aufmerksam 

den Felsenhang hinauf. Hochgewachsen, von gemütlichem 
Naturell, sah er jetzt noch unförmiger aus, als er tatsächlich 
war: Er hatte sich nämlich in einen weiten Mantel aus Schaffell 
gehüllt und einen riesigen grauen Hut aufgesetzt. 

War dort oben etwa ein Wolfsbau? Dann konnte man sich gar 

nicht früh genug darum kümmern. Der Frühling war nicht 
mehr fern, dann würde die Wölfin womöglich Mutter werden, 
und die jungen Welpen hätten Hunger! Mutter und Vater 
würden also auf die Jagd gehen – und ein Mann, der hier in der 

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Nähe eine Herde kräftiger Rinder weidete, mußte aufpassen. 
Deshalb hatte Hoss während der letzten Wochen die Augen 
offengehalten. 

Sobald das Wetter sich besserte, würde er einmal dort oben 

hinaufsteigen und in dem unwirtlichen Felsengelände sorgsam 
Umschau halten. 

Der Schnee auf seinem Hut schmolz, und von der Krempe 

tropfte das Wasser herab. Paiute stampfte unwirsch mit den 
Hufen und warf den Kopf zurück. Trotzdem wartete Hoss noch 
einige Minuten, ehe er weiterritt. 

Hier oben in diesem unwirtlichen, unberührten Lande 

wimmelte es von meist harmlosen Tieren aller Art. Hoss fühlte 
sich in der Wildnis wohl. Sein Bruder Joe und der Vater unten 
in Ponderosa würden nicht schlecht lachen, wenn sie ihn 
manchmal beobachten könnten – nicht zuletzt wegen der 
Skunkmutter mit ihren fünf Jungen, die sich ganz nahe seiner 
Hütte friedlich niedergelassen hatte. 

Es fehlte nicht viel, daß die niedlichen kleinen Stinktiere sich 

in dem winzigen Häuschen selbst breitgemacht hätten. Aber 
um seine Nase zu schonen, achtete Hoss streng darauf, daß die 
freundschaftliche Zuneigung die Grenze des Erträglichen nicht 
überschritt. 

Hoss ließ sein Pferd weitertrotten, warf aber doch noch ab 

und zu einen Blick zurück. Zum ersten Male kehrte er auf 
diesem von Espen gesäumten Weg von seiner Herde zum Hof 
zurück. Gewöhnlich benutzte er einen Pfad, der sich tiefer 
unten am Gebirge vorbeischlängelte. Heute jedoch hatte er 
einen schwierigeren Weg gewählt, weil er erheblich kürzer war 
und Hoss zu Hause sein wollte, ehe der Schneesturm seinen 
Höhepunkt erreichte. 

Seit einem Monat bewachte er nun eine kleine Herde von 

Hereford-Rindern, die der Vater vor kurzem gekauft hatte. Es 
handelte sich um eine ganz neue Zucht, und ehe der Vater 

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weitere Tiere anschaffte, wollte er erproben, wie sie unter den 
hiesigen Bedingungen gediehen. 

Noch ein paar Wochen – dann war Joe an der Reihe, hier 

oben den Hirten zu spielen, und Hoss konnte heimkehren. 

Plötzlich blieb Paiute stehen. Schnaubend versuchte das 

Pferd, zur Seite auszuweichen und den Berghang 
hinunterzustürmen. Hoss hatte alle Hände voll zu tun, das 
erschrockene Tier wieder in die Gewalt zu bekommen. 

„Immer mit der Ruhe!“ mahnte er. „Nur nicht aufregen!“ 
Dort oben im felsigen Gebirge mußte etwas sein – auch 

Paiute hatte nun Witterung davon bekommen. Als Fohlen hatte 
das Tier einmal mit Wölfen zu tun gehabt, und seitdem geriet 
es stets aus dem Häuschen, wenn es die Nähe dieser Raubtiere 
spürte; sogar Hunde machten es zuweilen nervös. 

So war es kein Wunder, daß Hoss an Wölfe dachte, als er 

flink aus dem Sattel sprang und das Gewehr aus der Halterung 
löste. Sorgsam band er das zitternde Pferd an einen Baum. Von 
seiner Hutkrempe rann ein Bächlein Schneewasser über den 
Gewehrlauf, während er die Patrone einschob. 

Ganz langsam schlich er auf den Hang zu. Aufmerksam 

suchte er mit den Augen das felsige Gelände nach Höhlen oder 
Spalten ab. Falls er wirklich einen Wolf erspähen würde, wäre 
das ein großer Glückszufall. Aber vielleicht gelänge es ihm, 
wenigstens einen Anhalt zu finden: dann könnte er später 
wiederkommen, die Höhle aufstöbern und sie ausräuchern. 

Vorsichtig, ganz langsam, erklomm er den Hang. Auf dem 

feuchten Boden verursachten seine Schritte fast keinen Laut. 
Zum Schießen war es kaum noch hell genug, und Hoss wußte, 
daß er überhaupt nur mit großem Glück würde treffen können 
– und falls er sehr schnell wäre! 

Unbeirrt suchte er sich seinen Weg durch Felsspalten und 

dichtes Gebüsch. Endlich erreichte er eine kleine Lichtung, 
und beklommen blieb er stehen. Zwar hatte er noch niemals 

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gehört, daß ein Wolf einen Menschen angefallen hätte, aber 
jedes Raubtier konnte ungemein gefährlich werden, wenn es 
sich in die Enge getrieben fühlte und keine Möglichkeit zur 
Flucht mehr sah. 

Vor ihm zogen sich zahlreiche Spalten und Furchen durch 

das felsige Gelände. Hoss mußte einsehen, daß es schon zu 
spät war, um hier noch gründlich suchen zu können. Die 
Schneeflocken schmolzen nicht mehr, und allmählich legte 
sich eine weiße Decke über den Boden. Große Felsbrocken 
versperrten Hoss den Blick nach unten, wo sein Pferd 
angebunden war. 

Immer langsamer bewegte er sich in dem dichten 

Schneetreiben, und immer wieder blieb er stehen und lauschte. 
Plötzlich stand er vor einer Enge, durch die er sich nur 
seitwärts hätte hindurchquetschen können. Vorsichtig wich er 
ihr aus und zog es vor, den Hang dicht daneben ein Stück 
hinaufzuklettern. 

Von hier aus konnte er das ganze Gelände unter sich 

überschauen und auch sein Pferd sehen. Paiute blickte nicht zu 
ihm herauf, sondern spähte gebannt nach Westen. Hoss stutzte. 
Er konnte sich auf die Sehschärfe des Tieres erheblich besser 
verlassen als auf seine eigene, und so schaute er aufmerksam 
in die Richtung, die das Pferd ihm wies. Aber er konnte beim 
besten Willen nichts anderes sehen als dicke Schneeflocken, 
die auf die Felsen herabsanken. Nach kurzem Überlegen 
beschloß er, nicht mehr höher hinaufzuklettern. Womöglich 
käme er dabei ganz dicht an der Wolfshöhle vorbei, ohne sie 
jedoch zu entdecken, und würde die Wölfin vielleicht so 
erschrecken, daß sie mit ihren Jungen eilig irgendwo anders 
Schutz suchte und sich an einer Stelle verkröche, wo Hoss sie 
niemals wiederfände. 

Mit der Hand fuhr er über den Kragen seiner Pelzjacke und 

streifte den Schnee ab. Ein Blick nach unten zeigte ihm, daß 

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sein Pferd noch immer aufmerksam in dieselbe Richtung 
schaute und die Ohren spitzte. 

Hoss blieb unbeweglich stehen und spähte angestrengt am 

Hang entlang. Endlich verlor er die Geduld und wollte sich 
abwenden… 

Da aber sah er sie, unmittelbar unter dem Steilhang oben auf 

der Höhe: eine lange, gelblich-braune schlanke Gestalt, die 
gleich einem Pfeil von Felsbrocken zu Felsbrocken sprang. 

Ein Puma! Ein Berglöwe! 
Kaum nahm Hoss die flinke Bewegung wahr, da riß er auch 

schon ganz automatisch das Gewehr hoch. Aber lange bevor er 
zum Schuß kam, war das Tier mit einem langen Satz hinter 
einem Felsen verschwunden. 

Hoss hielt die Waffe im Anschlag. Gespannt wartete er – aber 

nichts geschah. Diese elenden Raubkatzen! Immer war es so: 
man sah sie – und im nächsten Augenblick waren sie 
verschwunden und ließen sich nicht mehr blicken. Der Puma 
da oben war inzwischen womöglich schon viele hundert Meter 
weiter! 

Dennoch blieb Hoss unbeweglich stehen, das Gewehr 

schußbereit. Dicht neben der Stelle, wo der Puma aufgetaucht 
und verschwunden war, ragten die Spitzen von zwei kleinen 
Fichten in den Himmel. Dahinter schob sich ein Felsvorsprung 
über den Abgrund – so kahl, daß sich dort gewiß niemand 
verstecken konnte. Vermutlich hatte sich das Tier hinter dem 
Felsen durch einen Spalt davongeschlichen, und Hoss durfte 
nicht hoffen, es jemals wieder zu Gesicht zu bekommen. 

Aber falls es noch da war und über den kahlen Felsvorsprung 

fortschleichen wollte, würde Hoss es unweigerlich sehen 
müssen – gerade lange genug, um einen schnellen Schuß 
wagen zu können. 

Von unten herauf klang aufgeregtes Stampfen und Wiehern 

an sein Ohr, aber Hoss wagte nicht, den Blick von dem 

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Felsvorsprung zu wenden. Mochte sein Pferd sich nur 
losreißen! 

Es würde schnell dunkler. In zehn Minuten würde die Nacht 

hereinbrechen! 

Ob der Puma dort oben seine Höhle hat? überlegte Hoss. 
Sobald das Wetter sich besserte und man im Schnee die 

Spuren deutlich erkennen könnte, würde er wiederkommen. 

Schon wollte er sich umwenden und hinunterklettern – da 

landete der Puma mit einem Satz oben auf dem kahlen 
Felsvorsprung. Ungefähr drei Sekunden lang bekam Hoss 
seine Gelegenheit zum Schießen. 

Ruhig drückte er den Abzug durch und hatte das Gefühl, gut 

abgekommen zu sein. 

Die Kugel traf den Puma in die Mitte des schlanken Leibes. 

Er sackte zusammen, wälzte sich, riß, sich noch einmal hoch 
und rollte dann den Hang hinunter. Hoss konnte ihn nicht mehr 
sehen. 

„Getroffen!“ jubelte Hoss. 
So begierig er war, das von ihm erlegte Wild zu sehen, nahm 

er sich doch Zeit und kletterte ganz langsam durch das felsige 
Gelände. Es wäre auch sträflicher Leichtsinn gewesen, hätte er 
sich einem getroffenen Raubtier, vor allem einem Puma, einem 
Berglöwen, unachtsam genähert. 

So war es schon beinahe dunkel, als er von der Höhe eines 

Felsvorsprunges aus auf die große Raubkatze hinunterschaute. 

Anscheinend war sie tot. Dennoch kletterte Hoss nur mit 

größter Vorsicht weiter, das Gewehr schußbereit in der 
Armbeuge. Donnerwetter – ein so großer Puma war ihm noch 
nie im Leben vorgekommen! Hätten doch nur der Vater und 
Joe ihn sehen können! 

Plötzlich stutzte Hoss. Er hatte etwas entdeckt: das tote Tier 

war ein Weibchen, und es hatte Junge gehabt! 

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Hoss schlug den Hut gegen sein Bein, um den Schnee 

abzuklopfen. Ungehalten schüttelte er den Kopf. Nun mußte er 
auch noch die Höhle suchen und die Jungen umbringen! Sonst 
würden sie elend verhungern. Hoss war Viehzüchter, und er 
hatte deshalb etwas gegen Raubtiere aller Art. Und doch war 
ihm der Gedanke an die jungen Pumas, die elendiglich 
verhungern mußten, einfach unerträglich. 

Er machte sich an den Abstieg zu seinem wartenden Pferd. 

Plötzlich erstarrte er: In einer kleinen Lichtung, in der zwei 
zerzauste Fichten wuchsen, hatte er das Junge erspäht! 

Es war auf einen der Bäume geklettert, so weit die ungeübten 

Füße es trugen, und nun hing es dort oben an den schwachen 
Zweigen. Während Hoss verblüfft hinaufstarrte, gab einer der 
Zweige nach, und das Pumajunge mußte mächtig strampeln 
und sich verzweifelt mit einer Pfote am Stamm festkrallen, um 
ja nicht in die Tiefe zu stürzen. 

Hoss hob das Gewehr und zielte auf den Kopf des Kleinen. 

Mit Schnee bestäubt, starrte das Fellgesicht herunter: ein Ohr 
hatte das Tierchen gespitzt, das andere angelegt. Wieder gab 
ein Zweig nach, und das Junge mußte auf so urkomische 
Weise um neuen Halt kämpfen, daß Hoss nicht anders konnte, 
als das harte Gesicht zu einem Grinsen zu verziehen. 

Mensch, war es nicht niedlich, das kleine Wesen da oben auf 

dem Baum? Wie mochte es sich vorkommen in seiner luftigen 
Höhe? Bestimmt sehnte es sich auf festen Grund zurück. 

Ja, niedlich mochte es im Augenblick wohl sein – aber aus 

Pumajungen wurden große Raubkatzen, natürliche Feinde 
harmlosen Wildes – und Feinde weidender Rinder und 
fröhlicher Fohlen. 

„Armes Kätzchen!“ knurrte Hoss. „Leider muß ich dich 

erschießen, es geht nicht anders. Je eher, desto besser!“ 

Der Finger krümmte sich um den Abzug. Wieder brach einer 

der Zweige, um ein Haar wäre das junge Tier abgestürzt; erst 

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im letzten Augenblick gelang es ihm, sich mit allen vieren am 
Stamm festzukrallen. Der ganze Baum geriet ins Schwanken, 
und das Junge starrte mit drolligem Gesichtsausdruck zu dem 
Menschen herunter. Hoss zuckte ärgerlich die Schultern – und 
setzte das Gewehr ab! 

„Weshalb mußtest du nur auf einen Baum klettern!“ 

schimpfte er. 

Und was für ein kümmerlicher Baum es obendrein war! Wäre 

das Pumajunge auf dem Erdboden dahingelaufen, hätte es zu 
entkommen versucht – ja, dann wäre alles ganz anders 
gewesen! Dann hätte man nicht lange zu überlegen brauchen, 
sondern einfach losgeknallt, und der Fall wäre erledigt 
gewesen. 

Noch dichter fiel der Schnee, und es war schon fast 

stockfinster. Bis zur Hütte waren es fast zwei Kilometer, und 
Hoss fiel ein, daß er noch Feuerholz würde sägen müssen. 
Eigentlich hatte er es heute früh tun wollen, aber das Wetter 
war so schön gewesen, daß er unbedingt hatte ausreiten 
müssen und überzeugt gewesen war, das Holzsägen noch ohne 
Mühe am Nachmittag erledigen zu können. 

Reichlich viel Zeit hatte er nun damit vergeudet, sich über 

einen kleinen Puma den Kopf zu zerbrechen. Er hob das 
Gewehr. 

Diesmal würde er ohne jedes Bedenken den Abzug drücken! 

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Gefangen 

 
 
 

Aber Hoss Cartwright brachte es nicht fertig. Mochte das 
kleine Wesen mit dem beschneiten Fell später auch einmal ein 
reißender Berglöwe werden – Hoss konnte es in diesem 
Augenblick nicht abschießen. Gar zu rührend sah es aus, wie 
es sich da oben an den Stamm klammerte und auf ihn 
herabschaute! 

Merkwürdig! Plötzlich fiel Hoss auf, daß das winzige Tier 

ihn nicht ein einziges Mal angefaucht hatte. Gewiß hatte es 
genug damit zu tun gehabt, sich oben festzuhalten. Aber 
trotzdem… 

Hoss konnte sich doch nicht einfach abwenden und 

davongehen! Immerhin lag die Mutter des Pumajungen 
erschossen dort drüben zwischen den Felsen… 

Er lehnte das Gewehr an einen Felsen und zog die Pelzjacke 

aus. Dann hielt er sie so, daß die weiche Seite oben lag, und 
trat dicht an den Baumstamm heran. Er hob den Fuß, so hoch 
er konnte, und trat mit aller Wucht gegen den schlanken 
Stamm. 

Der Baum schwankte, schnellte vor und zurück, und gleich 

darauf verlor das Junge allen Halt und stürzte ab – in die 
ausgebreitete Pelzjacke hinein. Flink beutelte Hoss sie 
zusammen und schlug die Enden übereinander. Sogleich wurde 
ihm klar, daß er einen strampelnden, fauchenden, beißenden 
kleinen Teufel eingefangen hatte. Geschickt hantierte er so 
lange mit der Jacke, bis der Kopf des kleinen Raubtieres 
hervorschaute. Sofort stellte die Katze die Gegenwehr ein. 

Hoss klemmte sich das gefangene Junge unter den Arm und 

kletterte zu seinem Pferd hinunter. Paiute hatte den Boden 

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rundum kräftig zerstampft, aber doch nicht ernstlich versucht, 
sich loszureißen. Nun allerdings, als das Pferd die Witterung 
des Pumajungen aufnahm, wurde es wild! Blitzschnell packte 
Hoss die Zügelleine, aber Paiute riß gewaltsam daran, wollte 
sich umwenden und davonlaufen! 

„He, blödes Vieh!“ schimpfte Hoss. „Es ist doch nur ein 

liebes Kätzchen!“ 

Ob lieb oder nicht, ob Katze oder Kätzchen – für Paiute war 

die Witterung die gleiche! Es dauerte lange, bis es Hoss 
endlich gelang, sein Pferd halbwegs zu beruhigen. Jedoch 
mußte er einsehen, daß es sich unbedingt empfahl, gar nicht 
erst den Versuch zu machen, mit seiner Beute in den Sattel zu 
steigen! 

So ging er zu Fuß und zerrte sein Pferd am Zügel hinterher. 

Paiute fand es offenbar schlimm genug, einen Puma so nahe 
bei sich zu haben. Als sie das Gehöft betraten, trabte Ginger, 
das zweite Pferd, über die Koppel heran. Plötzlich nahm auch 
er die Witterung des kleinen Pumas auf. 

Mit lautem Wiehern fuhr er herum und galoppierte davon. 

Spätestens in diesem Augenblick wurde Hoss klar, daß er sich 
allerlei aufgehalst hatte, als er oben im Gebirge darauf 
verzichtete, den Abzug durchzuziehen. 

Er ließ Paiute los – auf die Gefahr hin, daß das Pferd das 

Weite suchen würde. Aber das gute Tier trabte auf die Koppel 
und schaute sich hinter dem Zaun noch einmal um. Es mußte 
doch sehen, was sein Herr nun mit dem elenden Stinker 
anstellte! 

Hoss trug das Pumajunge in den einzigen Raum seiner 

winzigen Hütte. Sofort rollte es sich auf dem Fußboden 
zusammen, kroch dann mit klopfendem Schwanz über die 
rohen Bohlen und versteckte sich unter dem Bett. 

„Das ist der richtige Platz für dich, kleiner Stinker!“ 

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Hoss war vom Schnee durchnäßt, da er ohne Jacke hatte 

marschieren müssen, und erschöpft vom langen Gehen. Aber 
noch durfte er sich nicht ausruhen. erst einmal mußte das Pferd 
versorgt werden. Also zog er sich die Felljacke wieder an und 
ging hinaus. Sofort stürmte Ginger auf ihn zu – kaum aber 
witterte er die Jacke, da schnaubte er angewidert, fuhr herum 
und jagte über die Weide davon. 

„Ich war wirklich ein Vollidiot, als ich einen jungen Puma 

einfing!“ schalt Hoss sich selbst gehörig aus. „Aber nun habe 
ich es einmal getan. Und was jetzt?“ 

Beim Schein einer Laterne sägte er Holz, und mit dicken 

Flocken sank ihm der Schnee auf die Schultern. „Auch daran 
hat niemand anders als das elende Löwenvieh schuld!“ knurrte 
Hoss. Als er, die erste Bürde Holz auf den Armen, in die Hütte 
kam, hörte er einen dumpfen Laut: das Pumajunge war von 
seinem Bett heruntergesprungen und verkroch sich soeben mit 
schlechtem Gewissen wieder unter die Lagerstätte. 

Die Hütte war aus dicken Baumstämmen errichtet, die Wände 

mit Lehm verschmiert. Neben dem Tisch befand sich das 
einzige kleine Fenster, ein paar Regale waren an der Wand 
befestigt und zum Schutz gegen Ratten sorgsam vergittert, und 
die übrige karge Ausstattung war aus Holzklötzen roh 
zusammengezimmert. Hier drinnen war es ziemlich gemütlich, 
obwohl man sich während der langen Wintermonate tüchtig 
langweilen konnte! 

Kaum gewann das Feuer ein wenig Gewalt über die Kälte im 

Zimmer, da zerrte sich Hoss das nasse Hemd vom Leibe und 
stellte sich dicht an den Ofen. Deutlich hörte er, wie der junge 
Berglöwe unter seinem Bett an den Holzbohlen kratzte. 
Plötzlich aber wurde es ganz still. 

Hoss dachte ans Abendbrot. Dazu mußte er einen Eimer 

Wasser vom Fluß heraufholen. Als er nach einiger Zeit in die 
Hütte zurückkehrte, machte er sich darauf gefaßt, den jungen 

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Puma in heller Aufregung zu finden; sicherlich suchte er ein 
Loch, durch das er entschlüpfen konnte. 

Aber es war alles still. 
Hoss stellte die Laterne auf den Boden und kniete nieder. Da 

lag das junge Tier unter seinem Bett, hatte sich 
zusammengerollt, und seine riesengroßen Augen blinzelten 
verschlafen in dem hellen Licht. 

„Donnerwetter!“ Mehr brachte Hoss nicht heraus. 
Er goß Kondensmilch in eine Schale, verdünnte sie mit 

warmem Wasser und stellte sie neben sein Bett auf den 
Fußboden. Dann machte er sich daran, sein Abendbrot 
zuzubereiten. 

Erst ungefähr eine Stunde später rührte sich das Junge. Hoss 

hatte sich auf seinem Strohsack ausgestreckt, als er plötzlich 
ein schlürfendes Geräusch vernahm. Vorsichtig senkte er den 
Blick: Ja, da schlappte das junge Tier die Milch aus dem Napf, 
und die Schnurrbarthaare färbten sich weiß. Bewegungslos 
schaute Hoss dem Pumajungen zu. 

Irgend etwas stimmte mit dem einen Ohr nicht: mißgestaltet 

und verstümmelt lag es im dichten Fell. Es sah aus, als habe es 
jemand zur Hälfte abgefressen. Und jetzt bemerkte Hoss noch 
etwas: von der Schulter über den rechten Vorderlauf zog sich 
eine lange Narbe. Offenbar war die Wunde recht tief gewesen. 
Inzwischen war sie zwar verheilt, doch das Fell war noch nicht 
nachgewachsen. 

Plötzlich hustete das Tier, vermutlich hatte es die Schnauze 

ein wenig zu tief in den Napf getaucht. Wütend fauchte es, als 
habe der Napf es angegriffen, und wich unter Hoss’ Bett 
zurück. 

Zweimal weckte das Tier Hoss während der kommenden 

Nacht. Einmal vernahm er, wie es wieder an der Milch im 
Napf schleckte. Und beim zweiten Male hörte er, wie es mit 
der Schnalle eines seiner Sättel spielte, die im Zimmer lagen. 

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Als Hoss am Morgen erwachte, saß der junge Puma auf dem 

Tisch und schnupperte an der Fensterritze. 

„Hinunter da!“ schimpfte Hoss ungehalten. 
Vermutlich wirkte mehr der ärgerliche Klang der Stimme als 

der Befehl selbst – jedenfalls huschte das Tier erschrocken 
vom Tisch und verkroch sich wieder unters Bett. 

Hoss trat in die Tür seiner Hütte. Fast ein halbes Meter hoch 

lag der Schnee, und es schneite immer weiter. Sein erster 
Gedanke war, daß er wieder Holz schneiden mußte. Während 
er blinzelnd in die schweigende weiße Welt draußen schaute, 
huschte das Jungtier ganz dicht an ihm vorbei – in die Freiheit. 

Kaum aber war es draußen, da sank es tief in dem hohen 

Schnee ein, und nach ein paar vergeblichen Versuchen, 
vorwärts zu kommen, bahnte es sich durch die flockige Decke 
einen Weg zu dem schneefreien Platz unter dem vorstehenden 
Dach. 

Das Pumajunge schüttelte sich heftig und rannte dann um die 

Ecke, wo in unmittelbarer Nähe der Hauswand ebenfalls kaum 
Schnee lag. Hoss lief hinterher, und auf einmal machte das 
junge Tier kehrt, schlüpfte zwischen seinen Beinen hindurch 
und lief zurück. 

Machte es sich einfach einen Spaß, oder wollte es tatsächlich 

entkommen? Hoss wußte eis  nicht – jedenfalls drehte der 
Puma unglaublich flink drei Runden um das Blockhaus… 

Dann huschte er wieder hinein und verkroch sich unter die 

Schlafstelle. 

Hoss seufzte. Ihm war klar, daß er das Tier nie im Leben 

wiedersehen würde, hätte ihm nicht die hohe Schneedecke den 
Weg versperrt. 

Jedes Lebewesen, ob Mensch oder Tier, hat seinen ganz 

eigenen Charakter. Wie es sich entwickelt, hängt von vielen 
Dingen ab – gewiß nicht zuletzt aber von seiner Veranlagung. 
Konnte es sein, daß dieser junge Berglöwe gar nicht so wild 

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und unberechenbar war wie die übrigen wilden Tiere, die Hoss 
bisher kennengelernt hatte? 

Vermutlich fühlte sich das Junge unter seinem Bett genauso 

daheim wie in der Höhle, in der es geboren worden war. Seine 
Geschwister waren vielleicht vollkommen anders. Womöglich 
wären sie, sofern sich ihnen eine Möglichkeit zur Flucht 
geboten hätte, trotz des Schnees davongestürmt und hätten 
gegen die weiße Masse angekämpft, bis sie erschöpft 
liegengeblieben wären! 

„Mir scheint, du weißt ganz gut, was sich schaffen läßt!“ 

sagte Hoss lachend. Plötzlich stutzte er. „Ich meine, du 
müßtest einen Namen haben.“ Er überlegte kurz. „Wie wäre es, 
wenn ich dich Rimrock nenne? Ein besserer Name fällt mir 
nicht ein!“ 

Nach dem Frühstück schüttete Hoss Milch in den Napf. Dann 

suchte er draußen neue Holzstämme unter dem Schnee. Gewiß 
gab es reichlich Holz auf dem Hof, aber leider hatte er stets 
versäumt, genug Ofenholz zu spalten. 

Nun aber wollte er so viel heizbares Holz in die Hütte 

schaffen, daß es für den Rest des Winters reichte. 

Jedesmal, wenn er in die Hütte zurückkam und einen neuen 

Stapel Holz gegen die Wand schichtete, warf er einen Blick 
auf die Schale mit Milch. Der Spiegel sank allmählich, daran 
war nicht zu zweifeln. Rimrock schleckte die Milch, während 
er draußen Holz sägte! 

Lange bevor Hoss alles Holz hereingeschafft hatte, war die 

Satte leer. 

Hoss begann zu überlegen. Rimrock war doch eigentlich 

schon zu groß, um noch als Säugling behandelt zu werden. 
Zwar wußte er nicht viel über die Lebensweise der Berglöwen, 
wenn er sich diesen Rimrock so anschaute, dann schien er 
doch auf jeden Fall groß genug zu sein, um selbst auf die Jagd 
zu gehen und sich seine Nahrung zu verschaffen. 

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Seit seinem unüberlegten Entschluß, das junge Tier lebend zu 

fangen, hatte Hoss immer wieder darüber nachdenken müssen, 
wie unklug das gewesen war. Auf die Dauer ging es nie gut, 
wenn man ein wildes Tier in ein zahmes Spielzeug verwandeln 
wollte. Wurde das Tier endlich groß, gab es stets Verdruß. 

Nachbar Corley Frakes hatte im Frühling eines Tages ein 

verwaistes Rehkitz heimgebracht. Natürlich freuten sich seine 
Kinder mächtig, und zwei Jahre lang ging alles gut. Dann auf 
einmal wurde aus dem sanften Tierkind ein Bock mit spitzem 
Gehörn, der mit Vorliebe Pferde und Besucher anfiel! Eines 
Tages versetzte er sogar Corley, der sich gerade über die 
Futterkiste beugte, einen Stoß, und der Rancher stürzte 
kopfüber in die Körner. Das war zuviel! Wenige Tage später 
war der Bock verschwunden, und der Vater erzählte seinen 
Kindern, er sei sicherlich in den Wald gelaufen. 

Hoss konnte nur eines tun: er wollte Rimrock so lange bei 

sich behalten, bis er alt genug war, in der Wildnis für sich 
selbst zu sorgen. Dann würde er ihn in einiger Entfernung von 
seiner Hütte freilassen. Außerdem würde der Puma bestimmt 
ganz von selbst davonlaufen, sobald er ein Kaninchen oder ein 
anderes Tier dieser Größe fangen konnte. 

Es wäre ja noch schöner, wenn er sich in ein Schoßtierchen 

verliebte! Ein Mann tat so etwas nicht! 

Nur eine Zeitlang behalte ich ihn bei mir, redete er sich ein. 

Dann aber jage ich ihn ins Freie, wie es sich gehört! 

Vermutlich war Rimrock wieder unter das Bett gekrochen, 

nachdem er die Milch aufgeschleckt hatte. Tiere dieser Art 
pflegten ja bei Tage zu schlafen und nachts auf die Jagd zu 
gehen. 

Plötzlich aber blieb Hoss bewegungslos stehen. Der Puma 

kam aus dem Haus, stürzte sich in den Schnee, wälzte sich und 
sprang unbeholfen durch die weiße Pracht. 

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Paiute und Ginger spürten seine Nähe. Sie standen am 

Koppelzaun, reckten die Hälse und stießen dampfende 
Atemwolken aus den geblähten Nüstern. 

Während Hoss seine letzte Ladung Holz hineintrug, hörte es 

auf zu schneien. Eigentlich hatte er ja wieder ins Gebirge 
reiten und nach der Höhle der Berglöwen suchen wollen. Nun 
aber hielt er es für wichtiger, sich um seine Rinderherde zu 
kümmern. 

Rimrock hatte sich wieder ins Innere der Hütte 

zurückgezogen. Als Hoss aufbrach, ließ er die Tür einen Spalt 
offen und klemmte ein Holzscheit dazwischen. 

Die Rinder waren ein wenig weitergezogen. Mit dem Schnee 

wurden sie offenbar gut fertig. Das eben hatte der Vater 
erproben wollen: ob sie auch bei schlechtem Wetter für sich 
sorgen und noch unter einer Schneedecke Futter 
hervorscharren könnten. Nun, er konnte mit diesen Hereford-
Kühen zufrieden sein! 

Langsam ritt Hoss eine Runde um die Herde. Aufmerksam 

musterte er die Tiere und suchte nach Anzeichen von 
Schwäche. Außerdem hielt er Ausschau nach Spuren von 
Raubtieren. 

Raubtiere! dachte er erschrocken. Wenn Vater wüßte, daß ich 

einen Löwen, wenn auch einen kleinen, unter meinem Dach 
aufgenommen habe! 

Nun, der Vater würde es nie erfahren. Auch Joe sollte keinen 

Wind davon bekommen – sonst würde er bestimmt nicht mit 
bissigen Bemerkungen sparen. Hoss glaubte, die helle Stimme 
zu hören, wie sie ihm spöttisch riet, das nächste Mal ein wildes 
Tier doch lieber abzuschießen statt an die Brust zu ziehen. 

Nein, wenn Joe kam, um ihn abzulösen, dann mußte der 

junge Puma der Milch entwöhnt und in die freie Wildbahn 
entlassen sein! Bei diesem Gedanken fiel Hoss ein, daß er ja 
ins Gebirge wollte, um nach der Höhle zu sehen. Allerdings 

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stand nicht fest, daß die Pumamutter gerade an der Stelle 
gehaust hatte, wo sie Hoss über den Weg gelaufen war. 
Vielleicht war sie nur unterwegs gewesen, um ihren Jungen 
Jagdunterricht zu geben! Und vielleicht war Rimrock 
überhaupt ihr einziges Junges. 

Aber das erschien Hoss unwahrscheinlich. Pumas bekamen 

gewöhnlich mehrere Junge auf einmal. 

Morgen wollte Hoss losreiten und der Sache auf den Grund 

gehen! 
 
 
Hoss hätte sich wegen der Pumajungen keine Sorgen zu 
machen brauchen. Nur zwei waren in der Höhle geboren 
worden, die mehr als drei Kilometer von der Stelle entfernt lag, 
wo Hoss die Löwin erschossen hatte. 

Vor dieser Höhle hatten Bruder und Schwester eines 

Morgens, als die Mutter auf der Jagd war, gespielt und sich 
gebalgt. Laut fauchend und knurrend rollten sie über den 
Felsboden und hatten alles um sich herum vergessen – als 
plötzlich ein Schatten über sie fiel. Mit weit gespreizten 
Flügeln stürzte sich eine Adlermutter, die ebenfalls Junge zu 
ernähren hatte, auf die jungen Pumas. Ihre Krallen rissen 
Rimrock ein halbes Ohr ab und zogen eine tiefe Schramme 
über seine Brust und den oberen Teil des Vorderlaufes. 

Die andere Klaue aber grub sich tief in den Nacken von 

Rimrocks Schwester. Rimrock kam wieder auf die Beine, doch 
ein schwerer Hieb des mächtigen Flügels streckte ihn nieder, 
und er rollte davon. Nur mühsam konnte er zur Höhle 
zurückkriechen, wo er sich in der hintersten, finstersten Ecke 
verbarg. 

Die Schwester sah er nie wieder. Aber er wußte, daß ihr 

etwas ganz, ganz Schlimmes zugestoßen war. 

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Als die Mutter heimkehrte, suchte sie Tag und Nacht 

zwischen den Felsen nach dem verschwundenen Jungen. 
Immer wieder ließ sie ihren Ruf erschallen, bis sie es 
schließlich aufgab, weil sie fühlte, daß sie ihr Kind nie 
wiederfinden würde. 

Sie hatte nun mehr Milch, als sie brauchte. Deshalb säugte sie 

Rimrock länger, als es nötig war – kein Wunder, daß der 
Kleine sich reichlich unbeholfen anstellte, als die Mutter 
endlich doch begann, ihn in die Geheimnisse der Jagd 
einzuführen. 
 
 
Hoss hielt sich nicht lange bei der Herde auf. Er wurde das 
dumpfe Gefühl nicht los, daß etwas Unangenehmes auf ihn 
wartete. Und als er sein kleines Gehöft erreichte, bestätigte 
sich seine Ahnung. 

Rimrock hatte seinen Aktionsradius ausgedehnt! Auf dem 

Pfad, den Hoss zu seinem Holzstoß geschaufelt und getreten 
hatte, war der junge Berglöwe bis zur Koppel vorgedrungen 
und hatte versucht, Ginger seine Aufwartung zu machen. 

Der Junghengst mußte ihn aber wohl mißverstanden haben. 

Der Schreck hatte seine Kräfte vervielfacht: er hatte ein paar 
Latten des Koppelzaunes losgetreten und war davongestürmt, 
nach Ponderosa. 

Als Hoss den Schaden betrachtet hatte und zur Hütte 

zurückkehrte, lugte der Kleine durch die halboffene Tür. 

„Das hast du fein gemacht!“ knurrte Hoss sarkastisch. 
Er stieg erst gar nicht aus dem Sattel. Falls Ginger die Ranch 

des Vaters erreichte, würde man sich dort Gedanken machen 
und womöglich heraufkommen, um nach dem Rechten zu 
sehen. Das mußte Hoss verhindern. Er ritt los, um das Pferd zu 
suchen. 

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In den niederen Landstrichen, wo der Schnee nicht mehr gar 

so hoch lag, war Ginger langsamer gelaufen. Hier und da hatte 
er eine Rast eingelegt, dann aber bald wieder den Weg zur 
heimatlichen Ranch fortgesetzt. Hoss mußte mehr als fünfzehn 
Kilometer reiten, bevor er das Tier einholte. Willig kehrte es 
um. 

Während des Heimritts ins Gebirge peitschte ihnen ein 

scharfer, eisiger Wind entgegen. Als Hoss dann die Lücke im 
Zaun endlich geflickt hatte, war es schon fast dunkel. 

Müde kehrte er in die Hütte zurück. Da trat er auf etwas 

Hartes, das unter seinem Fuß wegrollte. Er verlor das 
Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Knurrend erhob er sich – 
und wäre fast zum zweiten Male gefallen. Die Holzscheite, die 
er so sorgfältig an die Wand gestapelt hatte, lagen rundherum 
verstreut, und alles Hausgerät war ebenfalls zu Boden 
geworfen worden. 

Rimrock wälzte sich auf Hoss’ Bettstelle und spielte mit dem 

Revolver, der am Koppel über dem Bett hing. 

„Du bist wohl heute in Hochform?“ schrie Hoss wütend. 
Flink glitt der junge Puma herunter und verkroch sich eilig 

unter das Bett. 

„Ich an deiner Stelle würde mich auch verstecken!“

 

fauchte 

Hoss ihm nach. 

Er zündete die Lampe an und räumte auf. Rimrock schaute 

ihm, wie er mit einem Seitenblick bemerkte, unter dem Bett 
hervor gespannt zu. Sobald aber Hoss einen neuen ärgerlichen 
Laut vernehmen ließ, zog der junge Löwe sich hastig zurück. 
Bald jedoch schob er sich vorsichtig wieder nach vorn, um 
weiter zu beobachten, was da vor sich ging. 

„Du elender Taugenichts!“ schimpfte Hoss, aber er konnte 

sich dabei ein Lachen nicht verbeißen. 

Eine Weile später setzte er die Schale mit Milch auf den 

Boden. Sofort kam Rimrock unter dem Bett hervor. 

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„Na, du bist gelehrig, was?“ feixte Hoss. „Aber laß dir eins 

gesagt sein: Wir haben nur noch ganz wenig Milch da, und ich 
würde dir empfehlen, dich beizeiten auf andere Nahrung 
umzustellen.“ 

Nachts fuhr Hoss aus tiefstem Schlaf auf, als irgend etwas 

gegen sein Bett bumste. Verschlafen, wie er war, begriff er 
zuerst gar nicht, was das bedeuten sollte. Dann aber hörte er 
ein Kratzen auf der Zeltplane, die er sich übers Bett gebreitet 
hatte: Das Jungtier kletterte zu ihm herauf, tappte vorsichtig 
herum und rollte sich dann zu Hoss’ Füßen zusammen. 

„So ein Kerl!“ murmelte Hoss, schon wieder halb 

eingeschlummert. Und Rimrock ließ als Antwort ein 
zufriedenes Schnurren hören. 

Kaum öffnete Hoss am nächsten Morgen die Tür, da rannte 

Rimrock auch schon an ihm vorbei. Diesmal machte er keinen 
Kopfsprung in den Schnee, sondern setzte sich ruhig auf die 
Schwelle, schaute hinaus und lief dann in großen Sätzen um 
die Hütte herum. Eilig stapfte Hoss zum Pferch. Er hatte keine 
Lust, wieder hinter Ginger herzureiten. 

Auch Rimrocks Ziel schien die Koppel zu sein. Aber Hoss 

verscheuchte ihn, indem er ein paar Schneebälle nach ihm 
warf. Was sollte Hoss nur mit Ginger machen? Offenbar 
vertrug der Hengst sich ganz und gar nicht mit dem neuen 
Hofgenossen. Ob er vielleicht künftig lieber auf Ginger ausritt 
statt auf Paiute? Die Stute regte sich nicht halb so sehr auf wie 
der Hengst. 

Hoss kehrte ins Haus zurück, um zu frühstücken. Rimrock 

wollte gerade wieder anfangen, mit den Holzscheiten zu 
spielen. 

„He!“ herrschte Hoss ihn an und gab ihm einen harten Klaps 

aufs Hinterteil. Sofort nahm der junge Puma volle Deckung 
unter dem Bett. 

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Es dauerte aber gar nicht lange, da kam er wieder zum 

Vorschein und schleckte die letzten Tropfen aus der fast leeren 
Milchschale. 

„Du bist viel zu groß, um wie ein Baby Milch zu trinken!“ 

schalt Hoss. „Wir beide werden uns auf etwas anderes einigen 
müssen. Magst du dich auch noch so putzig anstellen, du 
bleibst doch immer eine Wildkatze, ein Berglöwe. 
Meinetwegen darfst du noch bei mir bleiben, bis der Schnee 
schmilzt – aber von heute abend an wirst du Fleisch fressen, 
verstanden? Und so bald wie möglich wirst du dich in dein 
Gebirge zurückscheren!“ 

Nach dem Frühstück bekam das Tier noch einmal seine 

Milch. 

„Ich habe keine Molkerei!“ knurrte Hoss seinen schleckenden 

Kostgänger an. „Hoffentlich machst du dir das endlich einmal 
klar!“ 

Rimrock tauchte die Nase so tief in die duftende Milch, daß 

er laut niesen mußte. Erschrocken fuhr er zurück, setzte sich 
auf und starrte fassungslos auf den Napf. Dann schmatzte er 
weiter. Als er fertig war, trat er versehentlich auf den Rand des 
flachen Napfes – und in einem kühnen Bogen landete das Ding 
auf Rimrocks Nase. 

Hoss lachte aus vollem Halse – und das Pumajunge lief 

unters Bett. 

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Eine schreckliche Katze 

 
 
 

Hoss war ins Bergland geritten und suchte nun unterhalb des 
Steilhanges nach der Pumahöhle. Aber er konnte nicht die 
geringste Spur finden. Eigentlich war er herzlich froh darüber 
– denn hätte er tatsächlich ein paar Junge gefunden, so wäre 
ihm nichts anderes übriggeblieben, als sie zu erschießen. 

Ein Jungtier genügte ihm gerade! Eigentlich war es sogar 

schon reichlich viel. 

Das jedenfalls war ganz bestimmt Gingers Meinung. Nicht 

einmal der ferne Duft des wilden Tieres war ihm erträglich, 
und noch auf der Jacke aus Schaffell, die Hoss trug, nahm er 
die verhaßte Witterung wahr. 

Am Abend nach der Heimkehr stellte Hoss endgültig 

Rimrocks Speisezettel um: für ein Raubtier gehörte es sich nun 
einmal, daß es Fleisch fraß. Das mußte der junge Puma wohl 
einsehen! 

Hinter der Hütte hing an einer Stange zwischen zwei Bäumen 

ein großes Stück Ochsenfleisch. Es war hartgefroren, denn dort 
im Schatten herrschte Tag und Nacht scharfer Frost. 

Hoss ging hinaus und schnitt ein tüchtiges Stück ab, mit dem 

er und sein Gast auskommen würden. 

Rimrock schien von dieser Mahlzeit durchaus angetan zu 

sein. Es schmeckte ihm, und er aß mit sichtlichem 
Wohlbehagen. Hinterher aber verlangte er nach der gewohnten 
Milch. 

„Willst du dich nicht endlich wie eine ganz gewöhnliche 

Wildkatze benehmen?“ stöhnte Hoss verzweifelt. „Milch gibt 
es nicht!“ 

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Entschlossen hing er den Napf an einen Nagel in der Wand. 

Gleich darauf aber mußte er ihn ein tüchtiges Stück höher 
hängen, denn Rimrock schlug mit den Pfoten danach, so daß er 
hin und her schaukelte wie ein Uhrpendel. 

Mit einigem Geschick brachte Hoss es fertig, Rimrock 

mehrere Tage lang dem Pferdepferch fernzuhalten. Er hoffte, 
daß Ginger sich inzwischen doch ein wenig mit dem neuen 
Hofgenossen abfinden würde – wenigstens so weit, daß er 
nicht mehr aus dem Koppelgehege ausbrach, wenn der kleine 
Puma nur in die Nähe kam. 

Eines Tages aber geschah es… 
Hoss war auf Ginger zur Herde hinausgeritten und kehrte 

heim. Er fütterte sein Pferd mit duftendem Hafer und ließ es 
dann auf die Weide laufen. Als er zur Rückseite des Hauses 
ging, sah er, daß Rimrock auf den Koppelzaun zulief. 

„Zurück!“ schrie Hoss. Aber es nutzte nichts. 
Paiute blieb halbwegs ruhig, zog sich allerdings vorsichtig 

zum Stall zurück, wo sie stehenblieb und Rimrock mißtrauisch 
anstarrte. Ginger aber trabte über die Weide davon. Rimrock 
wurde vom Jagdfieber gepackt. Er schlüpfte durch den Zaun 
und lief in tüchtigen Sätzen über den nur mäßig hohen Schnee 
hinter dem Pferd her. 

„Brrr!“ schrie Hoss in heller Verzweiflung. „Halt! Zurück!“ 
Aber Ginger stürmte in gestrecktem Galopp davon, und 

Rimrock, mit hoch erhobenem Schweif, sorgte dafür, daß der 
junge Hengst aus Leibeskräften weiterrannte. 

Hoss sah schon wieder die Zaunlatten wie Streichhölzer 

zerbrechen. 

Unvermutet aber wich Ginger zur Seite aus, machte kehrt und 

stürmte direkt auf das junge Raubtier zu. Rimrock bremste 
seinen Lauf, rutschte und blieb stehen. Auch das Pferd wurde 
langsamer… Beide musterten sich. Dem Pferd schien zum 
Bewußtsein zu kommen, daß die Katze nicht gerade riesengroß 

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war. Gewiß, sie duftete nach Löwe – aber schließlich war 
Ginger nicht allein, er wußte Hoss und Paiute in der Nähe. 

Seine Geduld schien endgültig erschöpft. Dieses winzige 

Wesen hatte ihn nun lange genug geärgert. Ginger bäumte sich 
auf, stemmte dann die Vorderhufe in den Schnee und setzte 
zum Angriff an. 

Rimrock fuhr herum und suchte sein Heil in eiliger Flucht. 

Längst hielt er den Schwanz nicht mehr übermütig erhoben. Im 
letzten Augenblick rutschte er unter dem Zaun hindurch, und 
das Pferd konnte seinen eiligen Lauf nur mit Mühe bremsen. 
Sekunden später war Rimrock in der Hütte unter dem Bett 
verschwunden. 

Hoss lachte aus vollem Halse. Als er in die Hütte trat, lugte 

der kleine Puma vorsichtig aus seiner Deckung hervor. 

„Na, du wild gewordener Handfeger?“ grinste Hoss. 
Von nun an brauchte er keine Angst mehr zu haben, daß 

Rimrock die Pferde beunruhigen könnte. Der Kleine dachte 
nicht daran, noch einmal in die Nähe der Koppel zu kommen. 
Wenn Hoss ihn zum Gatter trug, um den Pferden zu zeigen, 
was für ein harmloser Kerl er doch war, dann verkroch er sich 
ganz unbehaglich so tief wie möglich in die bergenden 
Männerarme. 

Von nun an wurde Rimrock so schnell zahm, daß Hoss sich 

gar nicht genug wundern konnte. Gewiß war er verspielt wie 
alle jungen Lebewesen, und am meisten machte es ihm Spaß, 
wenn Hoss Zeit fand, sich mit ihm herumzubalgen. Aber er 
nahm auch Lehren an und ließ sich etwas beibringen. Ohne es 
zu ahnen, bediente sich Hoss derselben Erziehungsmethode, 
die Rimrocks Mutter angewandt hatte: hatte der Kleine etwas 
falsch gemacht, so versetzte ihm Hoss einen Klaps, und 
Rimrock sprang sofort aufs Bett und bedachte die Lage. Erst 
wenn er die Luft wieder rein glaubte, kehrte er zurück – um 
sich bald darauf in neue Abenteuer zu stürzen. 

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Eines Tages war der Schnee geschmolzen. Eigentlich hatte 

Hoss vorgehabt, seinen Gast nun in die Freiheit zurückzujagen. 
Aber trotz der Schneeschmelze war es doch noch lange nicht 
Frühling! Noch standen rauhe, kalte Tage bevor! Also 
beschloß Hoss, Rimrock weiterhin bei sich zu dulden – bis das 
arme Tier sich draußen wirklich zurechtzufinden vermochte. 

Er war schon ein niedliches Kätzchen! Mit seinem 

verstümmelten Ohr sah es geradezu drollig aus. Die Schramme 
am Bein war geheilt, jedoch würde es noch eine ganze Weile 
dauern, bis das Fell darüber vollkommen zugewachsen war. 

Eigentlich war es schön, jemanden in der Hütte zu haben, mit 

dem man sich unterhalten konnte. Und Rimrock war nicht 
irgendein wilder Berglöwe, wie man ihn hier und da im 
Gebirge antreffen konnte! O nein, keineswegs! Er war ein 
absolut ungewöhnliches Tier. Tatsächlich schien er mindestens 
die Hälfte von dem, was Hoss zu ihm sagte, einwandfrei zu 
verstehen. 

Unten in Ponderosa hatte Hoss in der Bücherei in einem 

Buch über Marco Polo geblättert. Darin stand auch zu lesen, 
daß manche tatarischen Fürsten, wenn sie zur Jagd ritten, 
hinter sich im Sattel einen Leoparden hocken hatten! Sah dann 
der Reiter das gesuchte Wild, so rief er sein Kommando – und 
sofort setzte das Raubtier hinter der Beute her. 

Hoss war sich klar darüber, daß er auch durch eisernes 

Training seinen Rimrock gewiß nicht dazu erziehen konnte, 
solche Kunststücke zu vollbringen. Erstens nämlich hatte der 
kleine Puma mehr Angst vor Pferden als sie vor ihm, und zum 
anderen zeigte Rimrock bisher keine Vorliebe für die Jagd. 

Sein Appetit war ungeheuer. Nachdem das Ochsenfleisch 

aufgezehrt war, hatte Hoss hin und wieder im Gebirge ein 
Stück Wild geschossen, vor allem kräftige junge Böcke, die 
gut durch den Winter gekommen waren. Das Fleisch 
schmeckte Rimrock ausgezeichnet, aber er machte nicht die 

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leisesten Anstalten, es selbst heranzuschaffen, obwohl unter 
den Weiden am Bach so manches Kaninchen durchs Gras 
hoppelte. 

Rimrock hielt sich dort besonders gern auf, und natürlich sah 

er die kleinen Tiere – manchmal liefen sie ihm fast zwischen 
den Beinen hindurch. Aber obwohl er sie aufmerksam 
beobachtete, ließ er sie doch stets ungeschoren. 

„Ich denke, Pumas leben von der Jagd?“ spottete Hoss. „Bist 

du vollkommen aus der Art geschlagen?“ 

Ganz kleines Wild allerdings war schon eher Rimrocks Fall. 

Feldmäuse jagte er mit unermüdlichem Eifer. Er stürzte sich 
auf sie, wenn sie durchs Gras huschten, hielt sie mit den 
Tatzen fest und beschnupperte sie voller Interesse. Zuweilen 
allerdings fand er nach dem Sprung nichts unter den Tatzen, 
und dann machte er ein unbeschreiblich enttäuschtes Gesicht. 
Aber oft genug war er erfolgreich. Zahlreiche Mäuse 
verspeiste er voller Behagen, andere aber brachte er Hoss und 
legte sie ihm triumphierend zu Füßen, als wollte er sich 
brüsten: 

,Sieh nur, was ich gefangen habe!‘ 
„Du siehst wie ein Löwe aus, Rimrock!“ lachte Hoss. „Und 

tatsächlich bist du ja auch eine Art Löwe. Würde es sich da 
nicht gehören, daß du etwas Ansehnlicheres jagst und eine 
Beute heimbringst, von der du auch satt werden kannst?“ 

Am verhaßtesten waren Rimrock die Raubvögel, die Hoss 

mit Zwieback fütterte. Anfangs war der Puma sichtlich 
erschrocken, wenn ihre Schatten dicht neben ihm über den 
Boden huschten, aber später gewöhnte er sich daran und griff 
die Vögel beherzt an. Allerdings gelang es ihm nie, einen von 
ihnen zu erwischen. 

Seit Rimrock da war, hatte Hoss die Skunkmutter mit ihren 

Jungen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Aber das war ihm 
nur recht. 

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Hoss hoffte immer noch, der Hunger würde den Puma 

endlich doch einmal veranlassen, sich an ein größeres Jagdwild 
als Mäuse zu wagen. Deshalb gab er ihm zwei Tage lang nichts 
zu fressen. Als er am Abend des zweiten Tages von der Herde 
heimkehrte, deutete jedoch nichts darauf hin, daß der Puma auf 
Jagd gewesen wäre. Freudig strich er Hoss um die Beine und 
blickte sehnsuchtsvoll zum Regal hinauf, wo noch drei Dosen 
Milch standen. Dann schaute er ihm andächtig beim Abendbrot 
zu. Hoss konnte das nicht lange mit ansehen. Beim nächsten 
Ausritt schoß er ein Kaninchen und legte es dem Puma vor die 
Nase. 

Rimrock rollte das tote Tier mit den Tatzen hin und her über 

den Boden, schnupperte aufmerksam daran, und dann riß er 
ihm den Stummelschwanz aus. 

Das ist immerhin ein Anfang! dachte Hoss, und er schöpfte 

Hoffnung. Er ging in die Hütte, und Rimrock folgte ihm, das 
Kaninchen im Maul. Drinnen legte er es seinem Herrn zu 
Füßen. Hoss nahm einen Eimer und ging zum Bach. Wieder 
trug Rimrock das Kaninchen hinterher. Als sie beide in die 
Hütte zurückgekehrt waren, legte er das Kaninchen wieder vor 
seinem Herrn auf den Boden. 

„Ich soll es dir wohl noch abziehen?“ schimpfte Hoss. 
Und dann tat er genau das! Er häutete es nicht nur, sondern 

schnitt es obendrein noch in Stücke. Und da fraß Rimrock es 
voller Behagen. Zum Nachtisch verlangte er nach Milch. 
Resigniert öffnete Hoss die nächste Büchse. 

„Du Faulpelz!“ fauchte er dabei. „Hat der Geschmack des 

Kaninchens dich nicht ein bißchen ehrgeizig gemacht?“ 

Am folgenden Tag ging Rimrock wieder auf Mäusejagd, und 

die Kaninchen hoppelten vollkommen ungefährdet um ihn 
herum. 

Abends blieb Hoss noch am Tisch sitzen, während Rimrock 

schon am Fußende des Bettes selig schnurrte, und überdachte 

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den Fall von neuem. Wenn er sich darauf einließ, dem jungen 
Berglöwen das Futter mundgerecht zu servieren, würde das 
Tier nie im Leben selbständig werden. In dieser Hinsicht 
unterschied es sich nicht von den Menschenkindern. Nein, 
Rimrock mußte lernen, für sich selbst zu sorgen! Hoss 
überlegte: Wie würde eine Pumamutter es wohl anfangen, 
ihrem Jungen beizubringen, sich selbst zu versorgen und sich 
nicht mehr auf die Fürsorge anderer zu verlassen? Ganz 
einfach: sie würde ihm Unterricht im Jagen geben! 

Beim bloßen Gedanken, er selbst müsse das tun, kam sich 

Hoss reichlich albern vor. Dann aber machte er sich klar, daß 
ihn ja niemand dabei beobachten konnte, und er beschloß, 
gleich am nächsten Morgen mit der Ausbildung zu beginnen. 

Sofort nach dem Frühstück ging er mit Rimrock zu dem 

Weidengebüsch am Bach. Fröhlich hüpfte das Pumajunge 
durch das hohe Gras. Es war ein schlaksiges Kerlchen, das fast 
nur aus Ohren und Beinen bestand, und doch sah man ihm an, 
daß es auf dem Wege war, sich zu einer ansehnlichen 
Raubkatze zu entwickeln. 

„Zunächst einmal muß man sich anschleichen!“ begann Hoss 

den Unterricht. 

Rimrock schien zu begreifen. Er spitzte das heile Ohr, 

während das zerfetzte wie üblich schlapp herabhing. Er sah 
aus, als sei er zu allem bereit. 

Hoss bückte sich tief und schlich langsam vorwärts. Da er nur 

zwei Füße hatte, machte er wenigstens nur halb soviel Krach 
wie ein ausgewachsener Bulle. Rimrock erkannte schnell, 
worauf es ankam: Leise schlich er dahin, den Leib dicht an den 
Boden gepreßt. Tatsächlich stöberten sie ein Kaninchen auf, 
das erschrocken zwischen den Weidenstämmen 
davonhoppelte. 

„Faß!“ schrie Hoss, und dann stürmte er selbst los. 

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Rimrock blieb ihm auf den Fersen – auch als Hoss wenige 

Sekunden später über einen Erdhügel stolperte und der Länge 
nach zu Boden stürzte. Während er japsend dalag und Rimrock 
ihn mitleidig beäugte, brachte sich das Kaninchen in 
Sicherheit. 

Endlich setzte Hoss sich auf, und Rimrock hockte sich neben 

ihn. Dann leckte er ihm zum Trost das Gesicht – mit einer 
Zunge, die rauh war wie mittelgrobes Schmirgelpapier. 

Mühsam stand Hoss auf. Da sah er, daß Paiute und Ginger 

am Koppelzaun standen und ihn betrachteten. Sie verzogen die 
Nüstern, als müßten sie sich ein Lachen verbeißen. 

Plötzlich machte Rimrock einen Satz – und schon hatte er 

eine Maus erwischt! Aber nein… Als er die Pranke hob, war 
keine Maus zu sehen. 

Nun gab es nur noch eine Möglichkeit: das Tier mußte aus 

dem Hause! Schon viel zu lange ließ Hoss sich von ihm an der 
Nase herumführen! Mochte das blöde Vieh sehen, wie es in 
der freien Wildbahn fertig wurde! Groß genug war es nun, und 
wenn es nichts lernen wollte, mußte es eben die Folgen tragen. 
Falls Hoss es noch lange fürsorglich fütterte, würde der kleine 
Puma nie selbständig werden. 

Ein anderer Ausweg wäre, das Tier zu erschießen. Und das 

würde Hoss niemals können, das wußte er ganz genau. 

Obwohl Paiute sich nicht mehr um Rimrock kümmerte, wenn 

er in der Nähe vorbeilief oder wenn Hoss das Katzentier am 
Koppelzaun hochhielt, damit sie es beschnuppern konnte, 
wollte es die Stute doch nicht zulassen, daß Hoss sich mit dem 
Puma in den Sattel setzte. Noch auf dem Hof begann sie zu 
bocken und zu steigen, und auch zwischen den Weiden, beim 
Übergang über den Bach und auf der Weide am jenseitigen 
Ufer wurde es nicht besser. Rimrock sträubte sich wie wild, 
grub die Krallen tief in Hoss’

 

Beine, und der Reiter konnte sein 

Tier nur mit Mühe zügeln. Endlich beruhigte sich das Pferd ein 

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wenig, aber ehe sie bei der Herde anlangten, wollte Paiute 
noch zweimal durchgehen, wenngleich ihr Ungestüm von Mal 
zu Mal nachließ. 

Seit dem Besuch am Vortag war die kleine Rinderherde fast 

ein Kilometer weiter nach Osten gezogen. Hoch am Hang über 
dem kleinen Bruch, wo die Tiere weideten, setzte Hoss den 
abgekämpften Rimrock auf einen Baumstumpf. 

„Sieh dich schon mal ein bißchen um und mach dich mit 

deiner neuen Umgebung vertraut!“ redete er ihm gut zu und 
trat dann einen Schritt zurück. Was würde das Tier nun tun? 

Ach, das wußte Rimrock offenbar selbst nicht! Nur eines 

wurde ihm auf den ersten Blick klar: die großen rotbraunen 
Wesen da unten im Tal sahen ungemein gefährlich aus. Eine 
ganze Herde war es, und jedes einzelne Tier erinnerte ihn an 
Ginger, das große Pferd, das ihn hatte treten wollen. Rimrock 
warf noch einen verschüchterten Blick in die Talmulde 
hinunter – dann schlug er sich in entgegengesetzter Richtung 
in die Büsche. 

Hoss schaute ihm nach. Immer schneller lief das Tier, und es 

strebte anscheinend dem Gelände zu, wo Hoss es damals 
gefunden hatte. 

Gottlob, das war geschafft! Und zweifellos war es am besten 

so! Allerdings… Ja, man gewöhnte sich an einen 
Hausgenossen, selbst wenn es ein nichtsnutziger junger 
Berglöwe war. Während der nächsten Tage würde Hoss sich 
bestimmt recht einsam fühlen. Er hatte niemanden mehr, mit 
dem er sich in seiner Hütte unterhalten konnte. Nie mehr 
würde er zusehen können, wie Rimrock mit dem Ball aus 
Kaninchenfell spielte, den Hoss ihm genäht hatte. 

Zum Teufel – es mußte sein! Eine andere Lösung gab es 

nicht. Allein die Frage, womit er das junge Tier ernähren 
sollte, war von Tag zu Tag schwieriger zu lösen. 

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Hoss wußte, daß er den nächsten ausgewachsenen Puma, der 

ihm über den Weg lief, abschießen würde. Das war nun einmal 
nicht zu ändern. Aber wenn dies in vielleicht einem Jahr 
geschah, würde er nach dem Schuß kaum wagen, sich die 
Beute näher anzuschauen – aus Angst, das erlegte Tier könnte 
ein zerfetztes Ohr und eine tiefe Schramme am Vorderbein 
haben. 

Nachdem Hoss die Herde noch einmal aufmerksam betrachtet 

hatte, ritt er in ein Waldstück, wo er bisher immer Jagdglück 
gehabt hatte. Viel brauchte er nicht; ein junges Reh würde 
reichen, bis Joe zur Ablösung heraufkam. 

Wie lange war es noch bis dahin? Erst jetzt fiel ihm auf, daß 

er seit vielen Tagen den Kalender nicht mehr abgestrichen 
hatte, weil Rimrock ihn die ganze Zeit über in Atem gehalten 
hatte. Na, das war nun endgültig vorbei. 

Tatsächlich stieß er unten auf ein Rudel Rehe, und mit einem 

einzigen Schuß streckte er einen jungen Bock nieder. Nachdem 
er das Tier ausgeweidet hatte, legte er es hinter dem Sattel aufs 
Pferd und ritt zurück. Obwohl er wußte, daß Rimrock ein für 
allemal davongelaufen war, rechnete er doch fast damit, daß 
der junge Puma um seine Hütte herumstreunen und auf ihn 
warten, daß er sofort herbeispringen und sich schnurrend an 
seinen Beinen reiben würde. Aber nichts dergleichen geschah. 

Während Hoss die Leber des Bockes über dem Feuer briet, 

warf er einen düsteren Blick auf den Kalender an der Wand. 
Mindestens zwei Wochen war er mit seinen Markierungen im 
Rückstand, eher mehr! Großartig: Da hatte doch tatsächlich ein 
ausgewachsener junger Mann jedes Zeitgefühl verloren, nur 
weil er mit einem jungen Berglöwen, einem Raubtier, einem 
mörderischen Feind herumgealbert hatte… 

Hoss verspeiste sein Mahl. In der Hütte war es unerträglich 

still. Mit einem wütenden Tritt beförderte er den Ball aus 
Kaninchenfell hinter den Herd. Heller Wahnsinn war es 

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gewesen, das Jungtier überhaupt hierher in die Hütte zu 
schleppen! Nichts als Ärger und Unruhe hatte ihm das 
eingebracht! Ein wahres Glück, daß das Vieh aus dem Hause 
war! 

Als Hoss einige Zeit später das Geschirr abgewaschen hatte, 

war es ganz finster geworden. Er öffnete die Tür, um das 
schmutzige Wasser auf den Hof zu gießen. Da fiel der trübe 
Lampenschein auf ein struppiges, schlaksiges, einohriges 
Wesen, das auf der Schwelle saß. 

„Rimrock!“ 
Rimrock schnurrte, stand auf und kam auf steifen Beinen in 

die Hütte. Dann setzte er sich auf den Boden und begann, sich 
den Dreck von den Tatzen zu lecken. 

Er hatte einen weiten Weg zurücklegen müssen, und offenbar 

hatte er einen Umweg gemacht – denn oben im Bergland gab 
es nicht diesen Lehm, der sein Fell verklebte. Und der Hunger, 
den er mitbrachte, bewies eindeutig, daß er unterwegs nicht auf 
Jagd gewesen war! Fünf Pfund Fleisch verschlang er – und 
dann wollte er noch mehr haben. 

„Schluß, du Vielfraß!“ schimpfte Hoss. „Ach, was stelle ich 

bloß mit dir an?“ 

Am nächsten Tag wußte Hoss, was er anzustellen hatte: er 

zog los, um noch einen Rehbock zu schießen. 

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Das Stinktier 

 
 
 

Einen untrüglichen Beweis dafür, daß Rimrock kein 
gewöhnlicher Puma war, lieferte die Tatsache, daß er – wenn 
man von den Gewohnheiten der Berglöwen ausgeht – Tag und 
Nacht vertauschte: er schlief, wenn auch Hoss schlief, und 
tagsüber kletterte er auf Bäume oder tollte zwischen den 
Weiden und auf dem Hof umher. 

Während der ersten Zeit hielt Hoss die Tür nachts 

verschlossen, aber bald wurde es ihm lästig, daß er morgens in 
aller Frühe aufstehen mußte, um das Tier ins Freie zu lassen. 
Das Wecken ging nämlich immer ungemein stürmisch vor 
sich: Rimrock kroch einfach auf den Schlafenden, klopfte ihm 
mit den Tatzen auf die Brust und schnurrte freundlich, aber 
unüberhörbar. 

Also ging Hoss dazu über, die Tür offenzulassen, so daß das 

Tier ganz nach Belieben kommen und gehen konnte. Das tat er 
sogar dann, wenn er unterwegs war, um die Herde aufzusuchen 
oder auf die Jagd zu gehen. Inzwischen hatte der junge Puma 
gelernt, daß er manches in der Hütte nicht anrühren durfte – 
unter anderem das Feuerholz und die Gerätschaften auf dem 
Tisch! 

Hoss hoffte, daß das junge Raubtier tapfer und wachsam 

genug sein würde, um unliebsame Fremde zu vertreiben, die 
versuchen könnten, in die Hütte einzudringen – ebenso wie 
Ratten und andere Nagetiere. Allerdings bezweifelte er, daß 
Rimrock einer Invasion von Kaninchen wirkungsvollen 
Widerstand entgegensetzen würde – falls es zu einem 
derartigen, im höchsten Grade unwahrscheinlichen 
Zwischenfall kommen sollte! 

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Eines Morgens, in aller Frühe, kurz nach der ersten 

Dämmerung, bemerkte Hoss im Halbschlaf, daß Rimrock von 
draußen hereinschlich und wieder aufs Bett sprang. 

Kurze Zeit später wachte Hoss erneut auf, diesmal aus einem 

höchst peinlichen Anlaß: Er schnupperte, holte tief Luft… 

Es stank! Nach Stinktier! 
Jawohl, in seiner Hütte mußte sich ein Skunk befinden! Hoss 

fuhr auf, wollte aus dem Bett springen – aber im letzten 
Augenblick bezwang er sich und blieb lieber, wo er war. Es 
mußte die Skunkmutter mit ihren Jungen sein; zweifellos hatte 
sie mitsamt ihrer ganzen Kinderschar Einzug in die Hütte 
gehalten! 

Hoss griff nach Rimrock. Auf keinen Fall sollte der Puma 

sich in den Fall einmischen und dadurch alles nur noch 
schlimmer machen. 

Puh! Der Gestank war überwältigend! Man bekam ja kaum 

noch Luft! 

Mit weit aufgerissenen, rollenden Augen spähte Hoss im 

dämmerigen Zimmer umher. Wo steckte nur die Ursache all 
dieses Übels? Im Lichtschein, der allmählich durchs Fenster 
hereindrang, konnte er schon alles recht genau erkennen. 
Nirgendwo aber erblickte er ein weißgestreiftes Stinktier. 

Offenbar hatte die Familie sich nur kurz im Zimmer 

umgesehen und war gleich wieder ausgezogen. Hoss seufzte 
erleichtert. Plötzlich aber zuckte er zusammen. Ein 
fürchterlicher Gedanke war ihm gekommen: wenn die Familie 
es sich nun unter seinem Bett gemütlich gemacht hatte? 

Er ließ Rimrock los und beugte sich vorsichtig über die 

Bettkante. Dabei näherte sich seine Nase der linken Hand, die 
soeben noch den Berglöwen festgehalten hatte. Und da überfiel 
ihn die schreckliche Erkenntnis. Er schnappte nach Luft. 

Rimrock! Er verbreitete den Gestank! Er, der da in aller 

Gemütsruhe auf dem Bett lag. Offenbar war er draußen mit 

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dem Skunk zusammengestoßen – und es schien ein sehr 
nachhaltiger Zusammenstoß gewesen zu sein! 

Hustend, mit tränenden Augen, taumelte Hoss ins Freie. 
Während der nächsten vier Tage ließ er den Puma nicht mehr 

in die Hütte. Ein wenig hoffte er, die Verbannung könnte 
Rimrock veranlassen, nachts auf die Jagd zu gehen und dabei 
seine wahre Löwennatur zu entdecken. Vielleicht kehrte er 
dann niemals mehr zurück. 

Aber Hoss täuschte sich. 
Rimrock kratzte an der Tür und bat schnurrend um Einlaß. 

Dann krallte er sich an der Wand fest und lugte zum Fenster 
herein. Wie ein verstoßenes Waisenkind sah er aus. In der 
folgenden Nacht sprang er auf einen alten Ofen, der draußen 
an der Hütte lehnte, und kletterte von dort aus aufs Dach, wo er 
versuchte, sich durch die mit einer dicken Schmutzschicht 
bedeckten Balken einen Weg zu graben. 

In der dritten Nacht konnte er einen Teilerfolg verzeichnen: 

Er drang bis zu den nackten Balken vor und scharrte so viel 
Moos und Gras los, das Hoss in die Rillen gestopft hatte, daß 
Sand ins Innere hineinrieselte – genau auf den Tisch, wo Hoss 
die Überreste vom Abendbrot hatte stehen lassen. 

Angefeuert von diesem guten Gelingen, kratzte Rimrock 

auch in der nächsten Nacht am Dach. Als er nach getaner 
Arbeit hinabkletterte, warf er den alten Ofen um. Es gab ein 
gewaltiges Getöse, so daß Hoss aufwachte und erschrocken 
aus dem Bett sprang. Draußen sah es schlimm aus: Rimrocks 
Schwanz war unter dem Ofen eingeklemmt, und nun saß das 
Tier fest und jaulte verzweifelt. 

Hoss befreite es aus seiner mißlichen Lage. Kaum war 

Rimrock frei, da sauste er durch die offene Tür in die Hütte 
und verkroch sich unter das Bett. 

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Hoss gab es auf. Wenigstens war der schreckliche Gestank 

inzwischen einigermaßen verflogen. Oder kam es ihm nur so 
vor, weil er sich schon daran gewöhnt hatte? 

Ein paar Tage später betrachtete Hoss das Tier, wie es sich 

gähnend reckte. Nein, ein Baby konnte man Rimrock kaum 
noch nennen, und er wuchs zusehends. Bald würde er so groß 
sein, wie es sich für einen richtigen Puma gehörte. Immerhin 
war er schon jetzt dreimal so groß wie das rührende Tierchen, 
das Hoss damals aus dem Bergwald heimgebracht hatte. 

Daß Rimrock so tüchtig wuchs, wunderte Hoss gar nicht – 

bei dem mächtigen Appetit, den das Tier entwickelte! Dabei 
hatte er, soviel Hoss wußte, noch nie ein größeres Wild erlegt 
als eine Maus. Es war wirklich zum Auswachsen! 

„Wenn du halb so wild auf Kaninchen wärst wie auf Mäuse“, 

schimpfte Hoss, „wäre ich ja schon zufrieden!“ 

Aber Rimrock war guten Ratschlägen nicht zugänglich. 
Die hervorstechendsten Eigenschaften des jungen Pumas 

waren Neugier und Freundlichkeit. Beides veranlaßte ihn, es 
noch einmal mit den Pferden zu versuchen. Ginger wollte nach 
wie vor nichts mit ihm zu tun haben; zweifellos hätte er ihn am 
liebsten klaftertief in den Erdboden gestampft. Paiute hingegen 
erwies sich als aufgeschlossener. Nachdem Rimrock ihr ein 
paar Tage lang den Hof gemacht hatte, senkte sie bei seinem 
Kommen den Kopf und schnaubte fast freundschaftlich. 

Bisher war Rimrock, wenn Hoss fortritt, ruhig auf dem Hof 

oder in der Hütte zurückgeblieben. Plötzlich aber fing er an, 
ihm nachzulaufen, so daß Hoss absteigen und ihn mit ein paar 
Klapsen heimscheuchen mußte. Dann pflegte der Puma aufs 
Dach zu klettern und seinem Herrn nachzuschauen, solange er 
ihn nur sehen konnte. 

Obwohl Hoss es aufgegeben hatte, die Tage auf seinem 

Kalender abzuhaken, war er doch davon überzeugt, daß Joe 
nun sehr bald eintreffen würde. Vielleicht fiel Rimrock ihm auf 

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die Nerven, und Joe würde… Aber schnell wies Hoss den 
Gedanken von sich. Nein, Joe würde nicht daran denken, sich 
von seinem älteren Bruder die traurige Aufgabe andrehen zu 
lassen, die Hoss selbst nicht erfüllen mochte… 

Einzig und allein er, Hoss, war dafür verantwortlich, den 

Berglöwen in die Wildnis zurückzuschaffen. Darüber war er 
sich seit jenem Tage klar, als er das junge Tier heimgebracht 
hatte. Nun, jetzt mußte er handeln. Er würde Rimrock so weit 
von der Hütte entfernt aussetzen, daß er bestimmt nicht mehr 
zurückfand. Jawohl! 

Gleich am folgenden Tag in aller Morgenfrühe machte sich 

Hoss daran, den Plan in die Tat umzusetzen. Paiute duldete 
Rimrock ohne nennenswerten Widerstand auf ihrem Rücken. 
Mehr als zehn Kilometer weit ritt Hoss nach Westen, bog dann 
nach Norden in Richtung auf den Signalberg ab und ritt noch 
sechs Kilometer. Das Gelände dort war einfach ideal für ein 
junges Raubtier: zwischen Bäumen und Felsbrocken wimmelte 
es geradezu von Kleinwild. 

Hoss stieg erst gar nicht aus dem Sattel. Er packte Rimrock 

und setzte ihn auf einen großen Granitblock. 

„Leb wohl, du trübe Tasse!“ Er wandte sein Pferd und ritt 

davon. 

Rimrock machte keinerlei Anstalten, ihm nachzulaufen. Als 

Hoss sich noch einmal umschaute, war der Puma vollauf damit 
beschäftigt, den Eingang zu einem Dachsbau zu untersuchen. 

Hoss ritt in einem weiten Bogen nach Hause, um Rimrock zu 

verwirren. Und immer wieder hielt er Ausschau, weil er wußte, 
daß gerade Pumas sich darauf verstehen, dem verfolgten Wild 
ein Schnippchen zu schlagen. 

Mehrmals kreuzte Hoss seine eigene Spur, und zweimal ritt 

er zu beiden Seiten des Pfades hin und zurück, um sich davon 
zu überzeugen, daß Rimrock nicht verstohlen am Wegrand 
dahinschlich. Aber er konnte keinerlei Spuren entdecken. 

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Das langsame Reiten, die wiederholten Umwege und all die 

anderen Vorsichtsmaßnahmen hielten Hoss natürlich mächtig 
auf. So war es schon ziemlich spät, als er endlich wieder auf 
den Hof ritt. 

Nein, Rimrock war ihm nicht nachgelaufen, er hatte sich 

nicht hinter ihm hergeschlichen. Er hatte die Umwege nicht 
mitgemacht – sondern war auf dem kürzesten Wege 
heimgekehrt! Da saß er vor der Tür und schaute seinen Herrn 
nachdenklich an, als wolle er fragen: 

,Wo hast du bloß so lange gesteckt?’ 
Hoss wurde den Verdacht nicht los, daß Rimrock schon seit 

Stunden hier hockte und auf ihn wartete. 

„Auch das soll dir nichts nützen!“ herrschte er das Tier an. 
Rimrock reckte und streckte sich und kratzte dann an der 

geschlossenen Tür. 

In der folgenden Nacht geschah etwas, das Hoss mit neuer 

Hoffnung erfüllte: Wollte Rimrock sich etwa doch allmählich 
wie ein ausgewachsenes Raubtier benehmen? Er erwachte 
nämlich von einem mächtigen Lärm. Ein heftiger Kampf 
mußte im Gange sein. Es polterte, fauchte, quiekte – nahe dem 
Holzstoß in der Ecke ging es hoch her. 

Hoss ergriff seinen Revolver. 
Als es ihm eine kleine Weile später gelungen war, die Lampe 

anzuzünden, war der Lärm verstummt. Rimrock hatte eine 
Ratte erlegt! Gewiß war sie nicht sehr groß – aber immerhin, 
es war mehr als eine Maus! In der Hitze des Gefechts hatte er 
die Holzscheite wieder über den Fußboden verstreut, aber er 
hatte den Sieg davongetragen und schien darauf nicht wenig 
stolz zu sein. 

Er brachte seine Beute herbei und legte sie zu Hoss’

 

Füßen 

nieder. Sein Herr beugte sich hinab, klopfte ihm den Hals und 
lobte seine Tapferkeit und Einsatzbereitschaft. Dann warf er 

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die Ratte auf den Hof hinaus. Aber sofort holte Rimrock sie 
wieder herein und legte sie ihm erneut zu Füßen. 

„Ich denke nicht daran, dir die Ratte abzuhäuten!“ schrie 

Hoss erbost, während er das tote Tier wieder zur Tür 
hinauswarf. 

Am nächsten Morgen lag die Ratte unmittelbar neben seinem 

Bett auf dem Fußboden. Leider stellte Hoss das aber erst fest, 
als er beim Aufstehen den nackten Fuß auf das Tier setzte. Mit 
nacktem Fuß auf eine tote Ratte treten – da kann der stärkste 
Mann die Nerven verlieren! Verdutzt und staunend hörte 
Rimrock sich das wütende Geschrei an, zu dem sein Herr sich 
in aller Morgenfrühe hinreißen ließ. 

Weiteren Erlebnissen dieser Art ging Hoss aus dem Wege, 

indem er den toten Nager ins Feuer warf. 

Seine Hoffnung, der erste Erfolg mit größerem Wild werde 

Rimrocks Ehrgeiz anstacheln, schien in Erfüllung zu gehen. 
Jedenfalls beobachtete Hoss einige Stunden später, wie 
Rimrock draußen eifrig ein nichtsahnendes Kaninchen 
anschlich. 

Das harmlose Tier hockte am Rande des Hofes unter einem 

Weidenbaum und knabberte an frischem Grün. Jede nur 
mögliche Deckung ausnutzend, kroch Rimrock mit den 
federnden, geschmeidigen Bewegungen des anschleichenden 
Katzentieres immer näher an seine Beute heran. Selbst falls er 
das Tier schließlich verfehlen sollte, versuchte er doch zum 
ersten Male ernsthaft zu jagen. Rimrock zeigte Zielstrebigkeit 
und schien endlich erwachsen zu werden. 

Dicht an den Boden gepreßt, mit unbeweglichem Schwanz, 

schlich der Puma immer näher an das Kaninchen heran. Noch 
einmal schien er Maß zu nehmen – und dann sprang er! 

Zwei lange Sätze machte er, sprang dann hoch in die Luft – 

und hockte sich geruhsam hin, um dem aufgescheuchten 

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Kaninchen nachzuschauen, das zwischen den nahen Bäumen 
davonhoppelte. 

Hoss schloß die Augen und stöhnte gequält auf – ein Bild des 

Jammers. 

In seiner Verzweiflung verdrängte er alle Erinnerungen an 

frühere Mißerfolge und unternahm einen neuen Versuch, 
Rimrock das Anschleichen eines Wildes zu lehren. Gewiß gab 
er sich hinsichtlich der Erfolgsaussichten keinen Illusionen hin, 
aber er brachte es einfach nicht fertig, in diesem kläglichen 
Augenblick gar nichts zu tun. 

Hoss drängte Rimrock hinüber zum Weidenbruch, unweit der 

Stelle, wo im Bach Biber ihre Burgen zu bauen pflegten. Auf 
allen vieren kroch er am Rande des Dickichts entlang. Sofort 
begriff Rimrock, was gespielt wurde. Vorsichtig schlich er 
neben seinem Herrn dahin. 

Das unvorsichtige Kaninchen von vorhin – oder auch ein 

anderes, das Rimrock kannte – hoppelte aus seiner Deckung 
hervor, knabberte ein wenig am Gras und entfernte sich immer 
mehr von den Weiden. Bald saß es geradezu auf dem 
Präsentierteller. Mit Leichtigkeit würde man ihm den 
Fluchtweg zu den schützenden Weiden abschneiden können. 

Ein Zeichen von Hoss – und Mann und Löwe brachen los! 

Tatsächlich schnitt Rimrock dem Kaninchen den Weg ins 
Weidenbruch ab. Das kleine Tier rannte hinüber zur Hütte, und 
Rimrock folgte in weiten Sätzen. Bald hatte er das fliehende 
Kaninchen fast eingeholt. 

Sofort wurde er langsamer. Dann machte er noch einen 

vergnügten Luftsprung – und setzte sich hin! 

In heller Verzweiflung gab Hoss einen Schuß ab. Den 

Revolver handhabte er längst nicht so geschickt wie das 
Gewehr, und so ging die Kugel vorbei. Sie prallte vom 
gefrorenen Boden ab, schlug ein Loch in die Tür der Hütte und 
riß drinnen ein noch viel größeres in einen Sattel. 

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„Nie mehr bringe ich dir etwas bei!“ schäumte Hoss. „Ein so 

blödes Vieh wie du ist mir im Leben noch nicht 
vorgekommen!“ 

Am gleichen Tag folgte ihm Rimrock, als er zur Rinderherde 

hinausritt. Hoss merkte wohl, daß sein Pferd nervös und 
schlechter Laune war, aber daß der Puma sich an seine Fersen 
geheftet hatte, stellte er doch erst fest, als er schon wieder 
kehrtmachen und heimreiten wollte. 

Von nun an ließ sich der Puma nicht mehr davon abhalten, 

seiner Spur zu folgen, wohin er auch ritt. 

Auf dem Heimweg lief Rimrock mit federnden Sätzen vor 

Ginger her. Zweimal wollte der junge Hengst ihn einholen und 
offenbar in den Boden stampfen. Beim ersten Male hätte er 
dabei seinen Herrn um ein Haar in eine Hecke wilder Rosen 
geworfen, und beim zweiten Male lief er unter eine Reihe so 
niedriger Äste, daß sie Hoss den Hut vom Kopf streiften und 
ihm eine blutende Strieme über die Oberlippe zogen. 

Während Hoss daheim den soeben abgeschnallten Sattel ins 

Haus trug, beobachtete er, wie Rimrock erstarrte, aufgeregt die 
Luft einsog und dann blitzschnell in der Hütte verschwand. 
Wenige Augenblicke später ertönte Hufgetrappel. Joe! 

Nein, Joe war es nicht. Hoss stand draußen vor der 

geschlossenen Tür und sah den Reitern entgegen, die soeben 
zum Biberteich abbogen. Es waren Sam Hargis, dessen Ranch 
ein Stück ostwärts von Ponderosa lag, und zwei seiner 
Cowboys, Slim McCrea und Kansas Weber. Der 
hochgewachsene, hagere, braungebrannte Hargis war ein 
angenehmer Nachbar, obwohl er manchmal recht dickköpfig 
und verbohrt sein konnte. 

Die drei Männer kamen heran, und Hoss begrüßte sie; dabei 

mußte er dauernd an Rimrock denken. 

„Den ganzen Tag über haben wir ostwärts von hier gesucht“, 

erzählte Hargis. „Vorige Woche haben mir Berglöwen nämlich 

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ein Kalb gerissen. Uns machen in diesem Jahr Pumas schwer 
zu schaffen, aber je weiter wir nach Westen kamen, desto 
weniger Spuren fanden wir von ihnen. Wie geht es denn deiner 
Herde, Hoss?“ 

„Wir haben kein einziges Tier verloren, Sam“, erwiderte 

Hoss, und dicke Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Die 
Höflichkeit verlangte es, daß er die Männer nun zum Essen 
einladen und sie sogar übernachten lassen mußte! „Neulich 
habe ich eine Löwin geschossen – aber es war die einzige, die 
mir während des ganzen Winters über den Weg gelaufen ist.“ 

Kansas Weber griff hart in die Zügel, als sein Pferd steigen 

wollte. Auch die anderen beiden Pferde wurden nervös. 

„Du scheinst noch danach zu riechen“, meinte Weber. 
„Das kann sein“, gab Hoss zu. „Ich wollte dem Vieh schon 

das Fell abziehen, aber dann habe ich mir überlegt, daß die 
Mühe sich kaum lohnt!“ 

Slim McCrea rümpfte die Nase. 
„Und nach Skunks stinkt es auch noch!“ maulte er. 
„Eine ganze Familie hat sich in meinem Wohnzimmer 

eingenistet!“ Hoss lachte gezwungen auf. Und dann sagte er 
verwegen: „Kommt nur herein. Ich werde…“ 

„Heute nicht! Vielen Dank!“ wehrte Hargis erschrocken ab. 

„Ruhig!“ Hart riß er sein Pferd am Zügel. „Nicht, daß mir der 
Geruch des Skunks etwas ausmachte – aber ich möchte heute 
noch zum Lager zurück.“ Er nickte. „Du hast also nur eine 
einzige Löwin gesehen?“ 

Hoss nickte tapfer. 
„Nur eine!“ bestätigte er. 
Hargis schüttelte den Kopf. 
„Das kann nicht die gewesen sein, die mein Kalb gerissen 

hat“, meinte er. „Die ist nämlich, soweit wir feststellen 
konnten, nach Norden abgezogen. Und inzwischen hat, wie ich 

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höre, auch Anderson ein Fohlen eingebüßt. Vermutlich müssen 
wir in absehbarer Zeit eine Treibjagd veranstalten.“ 

„Gewiß“, murmelte Hoss. „Übrigens – ich habe hier oben ein 

bißchen das Gefühl für Zeit verloren. Welches Datum haben 
wir eigentlich?“ 

„Es müßte der vierzehnte sein“, erwiderte Slim. „Stimmt’s, 

Hargis?“ 

„Ungefähr kann es stimmen“, nickte der Rancher. „Hast du 

auch westlich von hier auf Löwenspuren geachtet, Hoss?“ 

„Ein wenig schon“, erwiderte Hoss. „Aber viel habe ich auch 

dort nicht feststellen können.“ 

„Vor Einbruch der Dunkelheit schaffen wir es doch nicht 

mehr bis ins Lager, Boß“, warf Weber ein. „Wollen wir nicht 
wenigstens eine Tasse Kaffee trinken, da Hoss uns so 
freundlich eingeladen hat?“ 

„Hm…“ Hargis schien nicht abgeneigt. Aber dann kamen 

ihm doch Bedenken. „Nein, heute nicht!“ entschied er nach 
kurzem Überlegen. „Also, Hoss, ich lasse noch von mir hören. 
Wir tun uns alle zusammen, lassen unsere Hunde los und 
stöbern die Löwen im ganzen Lande auf!“ 

Weber warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Tür der 

Hütte. Aber sosehr er auch nach einer Tasse Kaffee lechzte, er 
ließ sich doch nicht auf eine Auseinandersetzung mit seinem 
Rancher ein. Er wandte sein Pferd, und Slim tat dasselbe. „In 
den nächsten Tagen komme ich bestimmt nach Ponderosa“, 
rief Hargis. „Soll ich deinem Vater etwas ausrichten?“ 

„Sag ihm, mir und den Kühen ginge es ausgezeichnet!“ rief 

Hoss. „Und ich freue mich schon, daß Joe nun bald kommt. 
Ach, Joe könnte vielleicht noch ein paar Dosen Milch 
mitbringen! Würdest du das ausrichten?“ 

Kaum aber waren Hoss diese Worte entschlüpft, da hätte er 

sich am liebsten die Zunge abgebissen. Drei Kisten 
Büchsenmilch hatte er mitgebracht, als er heraufkam, und Joe 

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hatte lachend gemeint, davon brächte er bestimmt die Hälfte 
wieder zurück. 

Aber Hargis schien an der Bitte nichts aufzufallen. Er winkte 

dem jungen Mann noch einmal zu und ritt davon, gefolgt von 
Hoss’ erleichtertem Seufzer. Puh! Um ein Haar hätte es eine 
Katastrophe gegeben! Und wäre der Boden nicht noch 
hartgefroren gewesen, so hätte man überall auf dem Hof und in 
der ganzen Umgebung die Spuren von Rimrocks Tatzen 
gesehen! 

Nein, das ewige Zaudern half nichts mehr. Es mußte Schluß 

sein – Schluß mit dem Getue um den jungen Puma! 

In vier Tagen würde Joe heraufkommen. Zu früh würde er 

sicherlich nicht zur Ablösung eintreffen – das sähe Joe ganz 
und gar nicht ähnlich. Aber auch verspäten würde er sich 
bestimmt nicht! 

Langsam kehrte Hoss in die Hütte zurück. 
„Rimrock, unsere Wege trennen sich nun endgültig!“ 
Der junge Berglöwe strich seinem Herrn um die Beine und 

schnurrte genüßlich. 

Vier Tage! Wenn es Hoss in drei Monaten nicht gelungen 

war, sich von dem kleinen Puma zu befreien, wie wollte er es 
in vier Tagen schaffen? 

Sollte er ihn etwa erschießen? 
Hoss wußte genau, daß er das nicht fertigbringen würde. 

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Die Höhle 

 
 
 

Hätte Hoss wählen dürfen, so hätte er sich für sein Vorhaben 
bestimmt einen anderen Tag ausgesucht als ausgerechnet den, 
der auf Hargis’ Besuch folgte: Der Himmel war viel zu klar 
und blau, und es war für diese Jahreszeit ganz ungewöhnlich 
warm. Hoss roch geradezu, daß ein Unwetter in der Luft hing. 
Aber er konnte es nicht ändern. Der Tag, an dem Joe eintreffen 
würde, war viel zu nahe, als daß Hoss das, was er nun einmal 
tun mußte, noch hätte aufschieben können. 

Er ritt auf Ginger. Rimrock wußte genau, daß der Hengst ihn 

nicht leiden konnte, und deshalb würde sogar er in seiner 
Verbohrtheit merken, daß er unerwünscht war! 

Sein Ziel war ein unwegsames, zerklüftetes Gebiet, mehr als 

dreißig Kilometer von der Hütte entfernt. Hoss zweifelte nicht, 
daß Rimrock ihm folgte, obwohl er nur ab und zu einen ganz 
kurzen Blick auf den Puma erhaschen konnte. Erst am späten 
Nachmittag, als Hoss ein Reh geschossen hatte, wurde das 
anders. 

Ja, Rimrock wußte inzwischen recht gut, was los war, wenn 

das Gewehr knallte! Kaum war der Schuß verhallt, da sprang 
er in fröhlichen Sätzen herbei, um seinen Anteil am Festessen 
einzuheimsen. Zwar wich er Ginger nach Kräften aus, jedoch 
versuchte er nicht mehr, sich zu verbergen, während Hoss in 
das graue Felsengelände weiterritt und schließlich auf einem 
Felshang unmittelbar vor einer Höhle sein Nachtlager 
aufschlug. 

Im ersten Augenblick wußte Rimrock offenbar nicht recht, 

was er vom Lagerfeuer zu halten hatte. In achtungsvoller 
Entfernung rollte er sich zusammen und schnurrte bedenklich, 

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aber nach einiger Zeit schlich er doch näher heran und begann 
dann die Höhle zu untersuchen. Schließlich legte er sich auf 
Hoss’ zusammengerollte Decke, wo er sich offenbar sicher und 
mollig fühlte. Nur hin und wieder, wenn es im Feuer knackte 
und die Funken stoben, schaute er bedenklich hinüber. 

So sehr glich er einem reichlich groß geratenen 

Schoßkätzchen, daß Hoss sich allen Ernstes seines Vorhabens 
zu schämen begann. 

Während der Nacht schlief Rimrock nicht zu Füßen seines 

Herrn, er zog sich in die Höhle zurück. Kaum aber dämmerte 
es, da erhob er sich und lief immerzu ganz dicht an Hoss 
vorbei, um ihn zu wecken. Noch war es recht warm, aber der 
Himmel hatte sich bezogen. 

Ein Schneegestöber wäre ihm gerade recht gewesen; 

andererseits wollte er unbedingt auf seinem Gehöft sein, ehe 
die Nacht anbrach. Schließlich war die Jahreszeit noch nicht 
vorbei, in der der Winter allerlei Schabernack zu treiben und 
plötzliche Gefahr heraufzubeschwören vermochte. Da mußte 
man es sich schon überlegen, ehe man irgendwo im Freien 
kampierte. 

„Dir wird es gewiß keinen Spaß machen, Schlappohr!“ 

knurrte Hoss. „Aber das kann ich nicht ändern.“ 

Zunächst einmal wälzte Hoss einen dicken Felsbrocken vor 

den Eingang zur Höhle. So fest wie möglich stemmte er ihn in 
die Öffnung, und dann rollte er noch ein paar kleinere 
Felsstücke herbei, bis er genügend Material hatte, um den 
Ausgang fest und sicher zu verrammeln. 

Rimrock durfte so viel Rehfleisch fressen, wie er nur wollte, 

dann schob Hoss ihn durch eine schmale Öffnung in die Höhle 
hinein – und verschloß sie fest und zuverlässig mit den 
Felsbrocken. 

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Ein gutes Gewissen hatte Hoss dabei ganz gewiß nicht. Er 

blieb beklommen vor der Höhle stehen und redete dem 
eingesperrten Tier durch die dicke Steinwand gut zu. 

„Wenn du wirklich willst“, meinte er, „kannst du dir den 

Ausgang sicherlich freischarren. Und dann kommst du in ein 
Gelände, in das du gehörst und wo du dich zu Hause fühlen 
kannst! Hier, den Rest des Rehs lege ich so hin, daß du ihn 
bestimmt von drinnen riechen kannst. Laß es dir schmecken, 
und dann – hm – ja…“ 

Er riß sich los, sattelte Ginger und ritt so schnell wie möglich 

davon. 

Diesmal hatte es bestimmt geklappt! Rimrock würde sich 

sehr schnell aus der Höhle befreien können, sobald er es nur 
ernstlich darauf anlegte. Allerdings war er im Augenblick satt, 
und deshalb würde ihn die Witterung des Rehs erst in einigen 
Stunden locken. Zu fressen hatte er genug für mehrere Tage, 
daran war kein Zweifel. Und später würde der Hunger ihn 
schon auf die richtigen Gedanken bringen. Diesmal würde er 
nicht nur einen freudigen Luftsprung machen, wenn er ein 
Kaninchen sah, sondern es ernsthaft jagen und verzehren. 

Zum Donnerwetter – es mußte geklappt haben! 
Je weiter Hoss jedoch ritt, desto mehr Bedenken kamen ihm. 

Wenn Rimrock nun zwar zu graben anfing, aber auf einen 
Felsbrocken stieß, der doch zu schwer für ihn war? Oder wenn 
zum Schluß die ganze Sperre zusammenbrach und Rimrock 
womöglich verletzt wurde? 

Würde er überhaupt auf den Gedanken kommen, sich den 

Weg in die Freiheit zu graben und zu scharren? War er stark 
genug dazu? 

Natürlich war er stark und klug genug! Und zu fressen hatte 

er reichlich – vor der Höhle, so daß es für ihn einen Ansporn 
gab, sich den Weg in die Freiheit zu ertrotzen! 

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Hoss zügelte sein Pferd und blieb eine Weile bewegungslos 

sitzen. Beklommenen Herzens schaute er zurück. Ganz sacht 
begann es zu schneien. 

„Nein!“ schalt er sich selbst. „Es wäre pure Verrücktheit, 

wenn ich umkehrte!“ 

Er gab Ginger die Sporen. 
Aber was war das? Redete da nicht eine Stimme auf ihn ein? 
Wenn du nicht umkehrst, Hoss Cartwright, wirst du niemals 

die Angst loswerden, das arme, hilflose Wesen sei in der Höhle 
elend verhungert! Nie im Leben wirst du Ruhe finden, denn du 
kannst nicht wissen, ob das arme Tier mit dem Leben 
davonkommt! 

Die Stimme setzte Hoss zu. Wieder überlegte er. Jedes Tier 

mußte im Notfall imstande sein, sich aus einer solchen Höhle 
den Weg ins Freie zu bahnen. Rimrock würde es schaffen! 

Schon fiel der Schnee so dicht, daß Hoss keine dreißig Meter 

weit sehen konnte. Nach einer Stunde hatte er jede 
Orientierung verloren. Wo war er? Der Schnee verwischte alle 
Erkennungsmerkmale, und doch war Hoss überzeugt davon, 
sich auf einem anderen Weg zu befinden als dem, den er auf 
dem Ritt zur Höhle benutzt hatte. 

Wegen des weißen Schleiers mußte er eine Abzweigung 

verfehlt haben, und nun ritt er bergab, einen schmalen Bach 
entlang, den er überhaupt nicht kannte. Allerdings wußte er, 
daß in dieser Gegend alle Gewässer nach Süden flossen. Wenn 
er dem Bach folgte, würde er in die Ebene gelangen, wo er sich 
genau auskannte. 

Der Schnee machte den kümmerlichen, nur vom Wild 

getretenen Pfad neben dem Bach glitschig. Links erhob sich 
ein mit dichtem Gebüsch bewachsener Hügel. Zur Rechten 
wußte Hoss nach wie vor den Bach hinter einem dichten Wall 
von Weiden und Espen. Immer enger wurde die Schlucht, 
immer näher rückten die Büsche heran, und Ginger tastete sich 

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behutsam auf dem schmalen Pfad voran, der nun zwischen 
mehreren Bibertümpeln hindurchführte. 

Plötzlich glitt Ginger aus – an einer Stelle, die nicht 

schwieriger war als so manche andere, die Roß und Reiter 
mühelos bewältigt hatten. Unvorstellbar schnell ging alles: der 
rechte Hinterfuß rutschte aus, der linke verlor ebenfalls den 
Halt, Ginger stürzte, rutschte den Abhang zum Bibertümpel 
hinunter, Hoss strampelte verzweifelt, bis er beide Füße aus 
den Steigbügeln befreit hatte, und stieß sich dann kraftvoll 
vom Pferdeleib ab. Aber er konnte es nicht verhindern, daß er 
in dem Bibertümpel landete. 

Das kalte Wasser schlug ihm über dem Kopf zusammen. 

Prustend tauchte er auf. Am Ufer stand Ginger, längst wieder 
auf den Beinen. Hoss packte seinen Hut, der auf dem Wasser 
trieb. Dann watete er zum Ufer. Aber unversehens trat er in ein 
von den Bibern gegrabenes tiefes Loch, verlor das 
Gleichgewicht und tauchte erneut unter. 

Im gleichen Augenblick gelang es Ginger unter Aufbietung 

aller Kräfte, den Pfad oben auf dem Hang zu erklimmen. Aber 
dabei verfing sich der Hengst in einem Dickicht, das den Hang 
säumte. 

Inzwischen hatte Hoss sich freigekämpft, und keuchend 

erreichte er die Höhe unmittelbar neben dem wiehernden 
Pferd. Flink ergriff er die Zügelleine. 

„Immer mit der Ruhe!“ mahnte er. „Ich bringe dich schon 

wieder nach Hause!“ 

Tatsächlich beruhigte sich das Pferd, und Hoss machte sich 

daran, die Schlingen und Ranken zu entfernen, in denen sich 
Ginger mit den Vorderbeinen verfangen hatte. 

Plötzlich zuckte er zusammen. Kein Zweifel: Ginger hatte 

sich das rechte Vorderbein gebrochen! 

Das Pferd schien zu wissen, was seiner harrte. Es zitterte am 

ganzen Leibe und schaute Hoss wehmütig an. Kummer und 

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Mitleid verzerrten sein Gesicht, als Hoss seinen Hengst 
absattelte, das Zaumzeug löste und alles in weitem Bogen an 
den Hang warf. 

Dann zog er den Revolver und bemühte sich, das Wasser aus 

dem Schloß zu schütteln. Schließlich drückte er ab – aber es 
gab nur ein leises, kaltes Klicken. Dadurch wurde alles noch 
schlimmer. Aber er mußte es tun! 

Wenige Minuten später schleppte sich Hoss, mit Sattel und 

Zaumzeug beladen, den Pfad entlang. Seine Kleidung war 
gefroren, und sie knirschte laut bei jedem seiner Schritte. Er 
sah ein, daß er weitermarschieren mußte, bis er von selbst ein 
bißchen warm wurde. Und dann würde er ein Feuer anmachen. 

Der Schnee fiel immer dichter, mit immer größeren Flocken. 
Endlich verbreiterte sich die Schlucht ein wenig. Espen 

wuchsen in dichten Hainen zu beiden Seiten. Hoss machte halt 
und trug einen großen Haufen dürrer Zweige im Windschutz 
eines dicken Stammes zusammen. 

Seine Hosentaschen waren zugefroren. Es blieb ihm nicht 

anderes übrig, als den Stoff zu zerreißen, wenn er an seine in 
einer Blechdose aufbewahrten Streichhölzer herankommen 
wollte. Aufatmend stellte er fest, daß die Hölzer trotz des 
unfreiwilligen Bades trocken geblieben waren. 

Schnee fiel auf das aufgeschichtete Holz. Beim ersten 

Versuch gelang es ihm nicht, die Zweige in Brand zu setzen. 
Hoss’ Finger waren so klamm vor Kälte, daß das zweite 
Streichholz ihnen entglitt und in den Schnee fiel. 

Hoss mußte erkennen, daß man leicht den Tod finden kann, 

wenn man es im verkehrten Augenblick eilig hat. 

Heftig rieb er sich die Hände, damit die Finger wieder warm 

und beweglich würden. Dann schaute er sich suchend um. 
Endlich fand er am Fuße des Hanges einen Klumpen 
verdorrten Grases. Er kniete nieder, und seine Hose knackte, 
als wolle der steinhart gefrorene Stoff brechen. Das 

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aufflammende Streichholz setzte das trockene Gras in Brand, 
und wenige Augenblicke später zuckten lodernde Flammen aus 
dem Holzstoß. 

Nun war alles in Ordnung. Hoss hatte keine Ahnung, wie 

weit er noch von seinem Gehöft entfernt war; aber daß es noch 
sehr, sehr weit sein mußte, konnte er sich denken. Vorläufig 
würde er hierbleiben müssen – – bis er trocken war… Und 
vielleicht, bis der Schneesturm endete. 

Ganz taub wurden seine Glieder unter den gefrorenen 

Kleidungsstücken. Als er nahe ans Feuer trat, dampfte das 
Zeug in der Hitze. Erst auf der einen und dann auf der anderen 
Seite ließ er sich von den Flammen wärmen. 

Ja, es hatte ihn wirklich arg erwischt. Wie mochte es 

Rimrock gehen? 
 
 
Rimrock fehlte absolut nichts. Die warme, dunkle Höhle ließ 
ihn wieder an sein erstes Zuhause denken, wo er das 
dämmerige Licht der Welt erblickt hatte. Draußen war es 
seltsam still, aber das konnte den Puma nicht schrecken. Ganz 
deutlich witterte er das leckere Fleisch jenseits der 
aufgeschichteten Felsen – für ihn ein untrügliches Zeichen, daß 
der Mann, dem er von ganzem Herzen vertraute, nicht fern sein 
konnte. 

Rimrock rollte sich zusammen und hielt ein Schläfchen. 
Ausgeruht wachte er auf. Bald würde der Mann 

wiederkommen, und Rimrock würde ihm folgen, wohin er 
wollte. Er kratzte ein wenig an den Felsbrocken vor dem 
Eingang. Sie waren schwer und so geschickt geschichtet, daß 
sie nicht abrutschten oder wegrollten. Durch die Ritzen 
schimmerte der helle Tag herein, und am unteren Rand lag ein 
ziemlich breiter Lichtstreifen auf dem Boden. 

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Rimrock schnupperte an der Öffnung, und er versuchte, mit 

der Pfote in den Spalt hineinzufahren. Leicht gab der sandige 
Boden nach. Eifrig kratzte Rimrock weiter, der Spalt wurde 
schnell breiter, und bald konnte der junge Berglöwe die 
Schnauze hineinschieben. 

Ob er sich etwa auch mit dem ganzen Leib hindurchzwängen 

konnte? Rimrock versuchte es, aber obwohl er sich mit den 
Hinterbeinen von dem Sandberg abstieß, den er vorhin hinter 
sich aufgeworfen hatte, kam er doch nicht weiter. 

Nach einiger Zeit gab er es auf. Er setzte sich und wartete auf 

den Mann. Ganz deutlich roch es doch draußen nach ihm. 
Sogar als der Schnee alles Land und auch die erkaltete 
Feuerstelle bedeckte, nahm Rimrock die Witterung wahr. Sie 
haftete an den Felsbrocken, die Hoss vor den Eingang 
geschichtet hatte, an allem, womit er in Berührung gekommen 
war. 

Seltsam aber war es, daß der Mann gar nicht zurückkam! 
Wieder drängte der junge Puma die Schnauze in die Öffnung 

und schnurrte sehnsuchtsvoll. Noch einmal kratzte er an den 
Felsen, die doch nicht nachgaben. Ziellos scharrte er im Sand, 
versuchte sein Glück an verschiedenen Stellen der dunklen 
Höhle. 

Den ganzen Tag über schneite es, und noch nach Anbruch der 

Dunkelheit fielen die Flocken. Erst irgendwann in der Nacht, 
als Rimrock längst schlief, hörte es auf. 

Dann kam der Morgen, und nun ging Rimrock ernsthaft an 

die Arbeit. Er fing da an, wo er gestern schon einen schönen 
Anfangserfolg gehabt hatte. Er war hungrig – und draußen, nur 
wenige Meter von ihm entfernt, lag herrlich duftendes Futter! 

Aber nicht Rimrock allein witterte das leckere Fleisch! 
Eine große braune Bärin mit ihren beiden Jungen hatte seit 

dem frühen Morgen am Fuße des Berghanges nach Futter 
gesucht. Die Kleinen waren in ihrem Übermut, ein Stück 

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davongetrollt, und mitten im fröhlichen Spiel hatten sie einen 
herrlichen Duft wahrgenommen. Während die ersten 
Sonnenstrahlen die weiße Schneedecke glitzern ließen, waren 
die beiden jungen Bären der lockenden Witterung 
nachgegangen. 

Endlich hatte Rimrock es geschafft. Unter Aufbietung aller 

Kräfte war es ihm gelungen, sich einen Weg aus der Höhle zu 
bahnen. Nun stand er da und blinzelte in das grelle Licht. 
Tatsächlich, da lag das Stück Wild – aber eine Elster tat sich 
daran gütlich! Zornig stürmte der junge Puma auf den Vogel 
zu und schlug nach dem frechen Tier, doch die Elster huschte 
flink davon. Unwillig schüttelte sich Rimrock, und dann 
machte er sich daran, sein Frühstück zu verzehren – ein 
gewaltiger Krieger, der den Feind in die Flucht geschlagen 
hatte. 

Aber schon nahte neue Gefahr: zwei dunkle Fellgeschöpfe 

mit merkwürdiger Witterung strolchten heran! Kaum 
erblickten sie Rimrock, da fuhren sie erschrocken zurück. Und 
er verstärkte ihre Verblüffung durch wütendes Fauchen. 

Alle drei Gegner zauderten, die Flucht zu ergreifen, denn 

auch die beiden Jungbären spürten den gleichen bohrenden 
Hunger wie Rimrock. 

Einer der jungen Bären wagte sich ein paar Schritte nach 

vorn und packte eine Hinterkeule des Rehs. Zwar war nicht 
mehr als Haut und Knochen daran, aber immerhin war es ein 
unter Lebensgefahr erbeutetes Stück! Gierig knabberte der 
Jungbär daran, wobei er wütende Knurrlaute zu Rimrock 
hinüberschickte. 

Empört sprang Rimrock über das tote Tier, versetzte dem 

Bären einen Hieb übers Ohr und zog sich eilig zurück. Der 
zweite Bär aber kam dem Bruder zu Hilfe. Beide nahmen das 
Fleisch in Besitz, während Rimrock ihnen unschlüssig, aber 

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höchst ungehalten zuschaute. Endlich bleckte er die Zähne und 
peitschte mit seinem Schwanz den Boden. 

So etwas war ihm noch nie passiert, seit er sich mit seiner 

Schwester um das Futter gebalgt hatte. Er hatte Hunger, und er 
sollte zusehen, wie die beiden dunklen Ungeheuer sich an 
seinem eigenen Fleisch gütlich taten? 

Wütend stürzte Rimrock sich auf die Räuber, fauchte, kratzte 

und biß. Leider bissen die beiden beherzt zurück! Auf der 
Stelle bildeten die drei Tiere ein dickes, hin und her rollendes, 
kreischendes Knäuel. Die Bärenjungen hatten nadelspitze 
Zähne, und sie wußten mit ihren krallenbewehrten Tatzen 
wirkungsvoll zuzuschlagen. 

Auch Rimrock landete ein paar tüchtige Hiebe, und unter den 

Krallen seiner Hinterbeine stoben kleine Fetzen braunen Fells 
in die Luft. Nach erfolgreichem Angriff wollte er sich 
vorübergehend zurückziehen, aber das gelang ihm nicht ganz 
nach Wunsch. Der eine Jungbär biß ihn in die linke 
Vordertatze, und der andere versuchte, ihm den Schwanz 
auszureißen. 

So heftig Rimrock sich auch wehrte, es ging doch über seine 

Kräfte, sich gleichzeitig nach zwei Seiten verteidigen zu 
müssen. Zornig riß er sich los, wich zurück – ging aber sofort 
wieder zum Angriff über und grub seine scharfen Krallen tief 
in die Schnauze des Bären, der sich soeben an seinem Schwanz 
vergangen hatte. 

Plötzlich aber griff noch jemand in den Kampf ein – ein 

riesenhaftes, knurrendes, fauchendes, braunes Wesen, das 
entschlossen war, seine Jungen zu schützen. Rimrock erstarrte, 
als er den aufgerissenen Rachen mit den spitzen Zähnen und 
die zornig flammenden Augen sah. 

Flink rannte er davon und suchte Schutz zwischen den Felsen 

am Hang. Bären hatte er nun genug gesehen – es würde ihm 
für den Rest seines Lebens reichen. 

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Gegen Mittag war Hoss zu der Überzeugung gelangt, daß 

alles, was er während der letzten zwei Tage’ getan hatte, 
Unsinn und der schlimmste Irrtum seines Lebens war. 

Schreckliches hatte er Rimrock angetan. Unverzüglich mußte 

er zu der Felsenhöhle zurückkehren. Daß er Ginger verloren 
hatte, war auch nur eine Folge des blöden Einfalls, Rimrock 
auf solche Weise loszuwerden. Und es geschah ihm ganz recht, 
daß er auch sonst noch allerlei Unbill hatte hinnehmen 
müssen! 

Zu allem Überfluß schien er nun auch noch nahe daran zu 

sein, schneeblind zu werden. 

Die ganze Nacht über hatte er am Feuer gehockt, seine 

Kleidung getrocknet und nur ganz kurz, an einen Baumstamm 
gelehnt, ein bißchen vor sich hin gedöst. Bei Tagesanbruch 
gelang es ihm, sich halbwegs zu orientieren: er befand sich in 
einem Seitental, ungefähr zehn bis zwölf Kilometer von 
seinem kleinen Gehöft entfernt. 

Der kürzeste Heimweg war ein alter Viehpfad, der durchs 

Bergland führte. Zu Pferde kam man zweifellos recht gut 
darauf voran, jetzt aber lag dort der Schnee zwanzig 
Zentimeter hoch, und zu Fuß ging man bestimmt besser in der 
Ebene weiter, wo unterhalb der Berghänge ein Weg 
entlangführte, der zwar länger war, aber das Gebirge vermied 
und in das Tal mündete, wo Hoss’ Hütte stand. 

Obwohl die Sonne noch hinter den Bergen stand, tat der 

glitzernde Schnee seinen Augen weh. Ganz schlimm aber 
wurde es, als es richtig hell war. Das grelle Licht brannte in 
den Augen, und Hoss mußte die Lider zusammenkneifen, bis 
ihm die Muskeln schmerzten. 

Kurz bevor er das Flachland erreichte, legte er eine Rast ein 

und machte Feuer. Mit dem angekohlten Ende eines Zweiges 
schwärzte er sich die Umgebung seiner Augen. Nun blendete 
ihn die Sonne doch etwas weniger – aber schnell mußte Hoss 

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einsehen, daß er diese Vorsichtsmaßregel nicht rechtzeitig 
genug getroffen hatte. 

Eine halbe Stunde später befand er sich in der Ebene, wo 

nichts mehr die Gewalt der grellen Sonne zu mildern 
vermochte. Zu ganz schmalen Schlitzen kniff er die Augen 
zusammen, verbiß die Schmerzen, während dicke Tränen ihm 
über die Backen rollten und grelle Blitze vor seinen Augen 
zuckten. Hin und wieder blieb er stehen, um sich die 
Augenhöhlen mit kühlendem Schnee zu reiben. Dann ließ der 
Schmerz etwas nach, aber besser sehen konnte Hoss trotzdem 
nicht. 

Ihm fiel ein, daß ein bekannter Arzt in Virginia City ihn 

einmal gewarnt hatte: frisch gefallener Schnee, auf den die 
Sonne scheint, könne zu vollkommener Schneeblindheit 
führen, noch ehe man selbst es richtig merke. Dann täten die 
Augen weh, hatte er gesagt, und es sei, als habe man eine Art 
Sonnenbrand in den Augenhöhlen. Tatsächlich meinte Hoss, 
genau dies zu fühlen. 

Obwohl die Sonne vom wolkenlosen Himmel schien, war es 

doch nicht warm. Im Gegenteil, es wurde immer kälter, und 
nun wehte auch noch ein eisiger Wind über die Ebene. Hoss 
ahnte, was ihm bevorstand – eine der kältesten Nächte des 
Jahres! Er verspürte keinerlei Lust, noch eine Nacht im Freien 
zu verbringen, fürchtete aber, daß es ihm nicht erspart bleiben 
würde. 

In Stiefeln, die nicht für lange Fußmärsche bestimmt waren, 

zog er durch die weiße, ebene Wüste. Immer wieder riß er die 
schmerzenden Augen auf und schaute zum Gebirge hinüber. 
Solange er es zu seiner Rechten sah, hatte er die Richtung nicht 
verloren. 

Er kam ganz gut voran, aber die Augen schmerzten immer 

mehr, er konnte sie kaum noch offenhalten, und so mußte er 
schließlich langsamer gehen. Das einzige, was die eintönige, 

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qualvolle Weiße unterbrach, waren dunkle, struppige Büsche – 
und es fiel Hoss immer schwerer, sie zu erkennen. Vom 
Schnee und Licht geblendet, stolperte er über Maulwurfshügel 
und brach in Kaninchenlöcher ein. 

Immer langsamer wurde er. Mühsam mußte er einen Busch in 

der Ferne ausmachen, unbeirrt auf ihn zugehen und sich dann 
einen neuen Orientierungspunkt suchen, um nicht vom Wege 
abzuirren. Die Berge an seiner Seite waren längst nur noch ein 
etwas dunklerer Schimmer, und Hoss war nicht einmal sicher, 
daß er sie wirklich sah. Vielleicht war das, was er für das 
Gebirge hielt, nichts anderes als die allgemeine Finsternis am 
Rande seines Blickfeldes. 

Falls er aber nach links abirrte, würde er in eine baumlose 

Einöde geraten, die ungefähr zehn Kilometer breit war. Er 
versuchte, sich nahe an den Bergen zu halten, denn falls er 
Rast machen mußte, würden die Bäume an den Hängen seine 
einzige Zuflucht sein. Mit einem tüchtigen Feuer könnte er 
dort die Nacht verhältnismäßig sicher überstehen. 

Aber dann geschah ausgerechnet das, wovor er die meiste 

Angst gehabt hatte: 

Er bemerkte Fußspuren, die in seiner Richtung verliefen! 

Zwar hatte der Wind sie schon teilweise verweht, als er jedoch, 
die Augen mit der Hand beschattend, angestrengt 
hinunterstarrte, mußte er sich sehr bald davon überzeugen, daß 
er vor seinen eigenen Spuren stand. Trotz all seiner 
Bemühungen, sich am nahen Bergland zu orientieren und von 
einem Busch zum anderen geradeaus zu gehen, war er im 
Kreis gelaufen! 

Er hob den Kopf und spähte angestrengt dorthin, wo er die 

Berge vermutete. Nun fand er sich überhaupt nicht mehr 
zurecht. Keinen einzigen Berg konnte er erkennen, und er hatte 
auch keine Ahnung, in welcher Richtung er vom Weg 
abgewichen war. Von Panik ergriffen, wäre er am liebsten 

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losgerannt – in die Richtung, die er im Augenblick für die 
richtige hielt. Aber er mußte einsehen, daß er sich jetzt keinen 
neuen Fehler erlauben durfte. Es ging um Leben und Tod! 

Er kniete im Schnee nieder und prüfte seine Fußspuren. Die 

Augen schmerzten mehr denn je, und da die Flocken die Form 
der Abdrücke verwischt hatten, konnte er nicht einmal mit 
Sicherheit erkennen, in welche Richtung seine Spur führte. Auf 
Händen und Füßen kroch er ein Stück weiter, und zum Glück 
fand er an einer windgeschützten Stelle neben einem Busch 
einen unverwehten Abdruck. 

Er hob den Blick und schaute in die Richtung, die der Fußtritt 

ihm anzeigte. Dann streckte er den Arm aus. Dorthin also! Ja, 
dort mußten die Berge sein! Soeben hatte er noch in panischer 
Angst die entgegengesetzte Richtung einschlagen wollen. 

Er riß sich hoch und taumelte vorwärts. Drei Zündhölzer 

besaß er noch, damit würde er sparsam umgehen müssen. 
Waren sie noch da? Zögernd fuhr er mit der Hand in die 
Tasche. Ja, da war die Dose… Aber der Deckel hatte sich 
gelöst! Vorsichtig trocknete Hoss sich die Hand am Hemd ab, 
und dann holte er die ungeschützt in der Tasche liegenden 
Streichhölzer hervor und betrachtete sie. 

Die Köpfe waren abgeweicht! Jedesmal, wenn er sich vorhin 

die Augen mit Schnee ausgewaschen hatte, war er 
anschließend mit den feuchten Händen in die Taschen 
gefahren, um sie zu wärmen. Und jetzt lagen drei wertlose 
Holzstäbchen in seiner zitternden Hand! 

Ich muß den Wald erreichen! dachte er. 
Aber wo war der Wald? 

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Im Schneesturm 

 
 
 

Nur ein kurzes Stück setzte die empörte Bärenmutter dem 
flüchtenden Rimrock nach, dann kehrte sie zu ihren Jungen 
zurück – und zu dem herrlichen Mahl, das ein freundliches 
Wesen ihnen dort auf dem Felsvorsprung serviert hatte. Der 
junge Puma aber rannte weiter, bis er sich in Sicherheit wußte. 
Auf einem Felsvorsprung oberhalb eines Espenhains machte er 
halt. 

Eine Weile ruhte er sich hier aus. Er beleckte die verletzte 

Pranke und schaute auf den Schnee hinunter, der sich auf die 
Baumkronen gelegt hatte. Irgendwie kam ihm das Land 
rundum bekannt vor – und doch fühlte Rimrock sich nicht 
recht zu Hause. Außerdem hatte er bohrenden Hunger. 

Nachdem er sich ein bißchen erholt hatte, kletterte er zu den 

Bäumen hinunter. Sollte es hier wirklich keine Mäuse zu jagen 
geben? Aber zwischen den Stämmen konnte Rimrock beim 
besten Willen nichts als Schnee entdecken. So verließ er den 
Hain und lief weiter bergab. Irgendwo hier in der Gegend 
mußte der Mann doch stecken! 

Da! Ein Schatten huschte über die weiße Schneefläche. 

Hastig lief Rimrock zu den Bäumen zurück und suchte 
Deckung neben einem Stumpf. Es war nur ein Habicht, der 
ziemlich tief über das Land strich und nach Beute Ausschau 
hielt. Rimrock war ihm viel zu groß. Trotzdem blieb der junge 
Puma in seinem Versteck, bis er ganz sicher war, daß der 
Raubvogel sich nicht mehr in der Nähe befand. 

Da! Ein Eichhörnchen schwatzte in einer Fichte. Rimrock lief 

näher, um sich den Urheber dieser Ruhestörung anzuschauen. 
Das kleine Klettertier lugte von der Höhe eines Astes auf ihn 

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herab, und der Puma hockte unten, hob eine Tatze und mußte 
einsehen, daß es vermessen gewesen wäre, einem 
Eichhörnchen nachzuklettern. 

Plötzlich nahm Rimrock eine vertraute Witterung wahr. Er 

folgte ihr und kam an einen dünnen Fichtenstamm, den Hoss 
und Ginger gestreift hatten. Aufgeregt beschnupperte Rimrock 
das ganze Gelände, tief grub er seine Schnauze in den Schnee. 
Der Schwanz tat ihm weh, und er humpelte mühsam weiter. 

Er war nichts mehr als ein kleiner, armseliger Berglöwe, der 

Angst hatte, sich in einer fremden Umgebung nicht 
zurechtfand und sich vollkommen verlassen fühlte – am 
meisten von dem Menschen, der ihm bisher alle Mühen im. 
Kampf ums Dasein abgenommen hatte… 
 
 
Langsam, schrecklich langsam wuchsen die Baumstämme aus 
dem Schleier hervor, der vor Hoss’ Augen wallte. 

Plötzlich stieß er gegen einen Espenstamm, und freudig 

umarmte er ihn wie einen alten Freund. Dahinter dehnte sich 
graue Leere, aber Hoss war, als ginge es bergauf; und er 
glaubte sogar, eine dunkle Wand von Fichten erkennen zu 
können. 

Verzweifelt riß er sich zusammen, taumelte weiter und spürte 

mit innerem Jubel, daß es wirklich bergauf ging. Trotzdem 
kam er den Fichten nicht näher. Gab es sie überhaupt? Der 
Schnee überzog sich mit einer harten Kruste, und der Wind, 
der aus dem Bergland herüberwehte, drang eisig durch Hemd 
und Jacke. 

Hoss wollte warten. Später, wenn ihm die Augen nicht mehr 

so weh taten, würde er die Fichten wohl erreichen können! 
Tastend sammelte er dürres Espenholz auf, um eine Art 
Windschirm errichten zu können. Dann stieß er mit den Füßen 

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den Schnee beiseite. Mehr Vorbereitungen zur Nacht konnte er 
nicht treffen. 

Eine Stunde später mußte er einsehen, daß seine Vorsorge 

kaum ausreichte. Seine enganliegenden Reitstiefel waren 
durchnäßt, und nun, da er sich zur Ruhe niedergelassen hatte, 
fingen die Füße an zu erfrieren. Solange er auf den Beinen 
gewesen und immer wieder herumgestapft war, hatte er den 
Blutkreislauf in Bewegung gehalten. 

Nun aber fiel die Kälte mit Ungestüm über ihn her. Hoss sah 

ein, daß er auf den Beinen bleiben, umhergehen, die ganze 
Nacht wachen mußte. Aber er bezweifelte, daß er das 
durchhalten würde… 

Und doch wußte er, daß ihm keine Wahl blieb! 
Und morgen? Seinen Augen ging es nicht besser. Was also 

sollte werden? Vielleicht war er morgen früh schon 
vollkommen blind. Sollte er vielleicht doch weitergehen und 
versuchen, seine Hütte wiederzufinden? 

Immerhin war er nach seiner Schätzung kaum mehr als zehn 

Kilometer von dem Gehöft entfernt. Und das Marschieren 
würde ihn wenigstens warmhalten. Wieder drohte die panische 
Angst ihn ziellos weiterzujagen. Wenn er Glück hatte, konnte 
alles noch gut werden! 

Aber sogleich meldete sich die mahnende Stimme der 

Vernunft. Falls er der Verlockung folgte und aufs Geratewohl 
loszog, würde die Erschöpfung ihn sehr bald niederwerfen. 
Nein, er mußte bleiben, wo er war, mußte durchhalten – selbst 
wenn er noch zwei Tage und zwei Nächte unterwegs sein 
sollte! 

Gewiß durfte er sich hinsichtlich seiner Chancen keinen 

Illusionen hingeben. Aber Kurzschlußhandlungen brachten ihn 
auch nicht weiter. Er mußte bedächtig vorgehen – falls er sich 
ein Bein brach oder auch nur einen Knöchel verstauchte, wäre 
er erledigt. 

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Lange, lange hielt er sich auf den Beinen. Das Stehen 

ermüdete ihn mehr als alles Gehen. Und die nassen Stiefel… 
Es würde qualvoll sein, sie wieder anzuziehen. Und doch – er 
mußte es einfach darauf ankommen lassen. 

Mühsam zerrte er sie von den Beinen. Dann schnitt er mit 

dem Messer ein breites Stück vom Hemd ab, wickelte es um 
die wunden Füße und erwärmte sie, indem er sie kräftig rieb 
und die Zehen bewegte. 

So saß er da. Allmählich ließ er die Hände sinken, und sein 

Kopf fiel vornüber. Er rührte sich nicht mehr. 

Wolfsgeheul weckte ihn. 
Taumelnd sprang er auf. Waren die Räuber schon so nahe? 

Deutlich erklang das langgezogene Jaulen durch die kalte 
Nacht. Es kam von irgendwoher auf der linken Seite. Hoss 
verstand den Ton: die Tiere setzten einer Beute nach, 
verfolgten durch den hohen Schnee einen Feind… 

Zu seiner Erleichterung entfernte sich das Heulen, und bald 

darauf hörte er nichts mehr. 

Obwohl er sich fest vornahm, diesmal wach zu bleiben, 

nickte er doch ein, kaum daß er sich hingesetzt hatte. Zwar 
fuhr er immer wieder auf, und er brachte es tatsächlich fertig, 
dann ein paar Schritte hin und her zu gehen – aber sobald er 
meinte, ganz wach zu sein, wagte er es, sich erneut 
hinzusetzen. Es fiel ihm nicht auf, daß es allmählich immer 
länger dauerte, bis er wieder erwachte. 

Am schlimmsten aber war es, daß er kaum merkte, wie ihm 

ständig kälter wurde. 

Es kam der Augenblick, wo er überhaupt keine Kälte mehr 

spürte. Er hockte da, begann zu erfrieren und träumte von 
seinem molligen, gemütlichen Vaterhaus in Ponderosa… 

Joe war bei ihm. Er wollte ihn wecken, denn es war Zeit, 

aufzustehen und an die Arbeit zu gehen. Er rüttelte ihn, ärgerte 
ihn, gab ganz seltsame Laute von sich… Hoss wollte ihn 

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wegschieben. Nein, er hatte gar keine Lust aufzustehen. Ihm 
konnte es gar nicht besser gehen, er fühlte sich ausnehmend 
wohl! 

Aber Joe ließ nicht locker. Er stieß ihn, und die Laute, die er 

von sich gab, klangen seltsam, aber doch vertraut – wie das 
Schnurren einer großen Katze. Hoss tastete mit der Hand, und 
er fühlte weiches Fell. Eine warme Zunge leckte ihm die 
Hand… Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis der fast 
Erfrorene begriff, was da eigentlich los war. 

„Rimrock!“ murmelte er. 
Wieder wollte er einschlafen. Man sollte ihn doch in Ruhe 

lassen! Er wollte schlafen, schlafen… 

Plötzlich aber fuhr er doch auf. 
„Rimrock!“ schrie er. 
Beim Aufstehen merkte er, daß er schon ganz steifgefroren 

war; seine Glieder schienen aus Holz zu bestehen, und um ein 
Haar wäre er umgefallen, hätte er sich nicht im letzten 
Augenblick an einem Baumstamm festhalten können. 

„Rimrock!“ murmelte er ungläubig. „Wo kommst du denn 

her?“ 

Der junge Berglöwe rieb den geschmeidigen Leib an Hoss’ 

Beinen. Der junge Mann zwang sich, Arme und Beine zu 
bewegen, um sein Blut wieder in Wallung zu bringen. Nur mit 
größter Anstrengung brachte er es fertig, mit den Füßen 
aufzustampfen, die Arme im Kreise zu schwenken und sie 
kreuzweise vor die Brust zu schlagen. Jetzt erst wurde ihm 
bewußt, wie nahe er dem Tode gewesen war. 

Es tat ihm gut, Rimrock nun in seiner Nähe zu wissen, 

obwohl das seine Lage nicht im geringsten besserte. Längst 
hatte Hoss jeden Zeitbegriff verloren. Die Sterne leuchteten am 
Himmel, aber er konnte sie kaum sehen. Mit seinen Augen 
stand es schlimmer denn je. 

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Unruhig lief der junge Berglöwe hin und her, verschwand 

immer wieder zwischen den Bäumen und kehrte kurz darauf 
zurück. Es war Nacht, und auch er hätte sich gern zur Ruhe 
gelegt. Aber sein Herr hatte sich einen ausgesprochen 
ungemütlichen Lagerplatz ausgesucht! Da war es in einer 
Höhle doch wesentlich gemütlicher, am gemütlichsten 
allerdings war es daheim in der Hütte auf dem weichen Bett! 

Immer von neuem lief Rimrock zu den Bäumen hinüber, 

blieb dort stehen und schnurrte vernehmlich. 

Er möchte in die Hütte zurück! dachte Hoss. 
Er nahm seine Stiefel, und obwohl sie steifgefroren waren, 

gelang es ihm schließlich doch, sie anzuziehen. Vielleicht 
würde auch diese letzte Hoffnung trügen, aber Rimrock war ja 
immerhin bis hierher gekommen; könnte es ihm da nicht 
gelingen, auch noch das letzte Stück des Weges zu finden? 

Hoss vertraute sich dem Tier an. Mühselig stapfte er hinter 

ihm durch die eisige Nacht. 

Zuweilen lief Rimrock so weit voraus, daß Hoss gar nicht 

mehr wußte, wo er war. Dann blieb er stehen, rief den Puma, 
und sofort kam das treue Tier zurück. Mit der Zeit schien 
Rimrock zu spüren, daß mit seinem jungen Herrn etwas nicht 
stimmte. Und sofort lief er langsamer und hielt sich stets in 
Hoss’ Nähe. 

Der kluge Berglöwe wählte den allerkürzesten Weg: durch 

sperriges Unterholz, über Gräben und durch Schluchten, über 
karge Felsenhänge. Hoss beklagte sich nicht. Er stand wieder 
auf, wenn er hingefallen war, und folgte dem Weg, den 
Rimrock ihm wies. 

Er wußte nicht, seit wie vielen Stunden er sich vorwärts 

schleppte, über Steine stolperte, in tiefen Schnee fiel und 
immer wieder keuchend stehenblieb, um zu lauschen, ob 
Rimrock noch in seiner Nähe war. 

Rimrock war immer da. 

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Es war noch immer dunkel, als er auf einmal ein Pferd 

wiehern hörte. Paiute! 

Er taumelte in die Hütte. Sollte er Feuer machen? Es schien 

ihm nicht der Mühe wert. Er kannte ja die Ecke, wo sein 
weiches, warmes Bett stand. Mühsam zerrte er sich die Kleider 
vom Leibe, dann ließ er sich stöhnend fallen. 

Zuerst zitterte und schauderte er vor Kälte, dann aber spürte 

er, wie ihm warm wurde. Rimrock rollte sich auf dem Bett 
zusammen, und Hoss spürte, wie herrlich das Tier ihm die 
Füße wärmte. 

Zuweilen fühlte Hoss den Schmerz in seinen Augen, meist 

aber schlief er ganz fest. Als er erwachte, mußte es Nachmittag 
sein. Wie üblich hatte er beim Heimkommen die Tür hinter 
sich offengelassen, und nun war es eiskalt im Zimmer. 
Außerdem taten ihm die Augen gräßlich weh. Plötzlich begriff 
Hoss deutlicher denn je, was aus ihm geworden wäre, hätte 
Rimrock ihn nicht draußen in der Eiseskälte gefunden. 

Nur tastend konnte er sich durch die Hütte bewegen. Das 

Wasser im Eimer auf dem Regal gleich neben der Tür war 
gefroren. Hoss machte Feuer und setzte den Kessel auf den 
Herd. Nach einigem Herumtasten fand er auf dem Regal eine 
Dose Corned beef. Ein Büchsenöffner lag daneben. Schon warf 
er den Block Fleisch in die Bratpfanne. 

Ein Schnurren erklang: Rimrock war von einem Ausflug 

nach draußen heimgekehrt und wollte etwas fressen. 

Ein Glück, daß Hoss noch immer ein Stück von dem 

Rehbock hinter der Hütte hängen hatte! Nachdem er sich ein 
altes Hemd so um den Kopf gebunden hatte, daß es seine 
Augen beschirmte, tastete er sich hinaus. Eisiger Wind schlug 
ihm entgegen, als er um das Haus schlurfte. Mit einem Messer 
schnitt er den Strick durch und ließ das gefrorene Fleisch zu 
Boden fallen. Freudig zerrte Rimrock es in die Hütte und legte 

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es so hin, daß Hoss beim Eintreten stolperte und beinahe 
hingefallen wäre. 

„Sogar das lasse ich dir durchgehen!“ stieß er hervor. 

Nachdem er zum Bach gewankt war und Wasser geholt hatte, 
verließ er die Hütte den ganzen Tag über nicht mehr. Als es 
Abend wurde, ging es seinen Augen schon wesentlich besser. 
So gut konnte er immerhin wieder sehen, daß er Rimrocks 
Verletzungen an einem Bein und am Schwanz bemerkte. 

„Wir beide sind schon elend dran, wie?“ Zärtlich kraulte er 

das schnurrende Tier zwischen den Ohren. „Und morgen 
kommt Joe. Was soll dann aus dir werden, Rimrock?“ 

Jeder Versuch, den Puma loszuwerden, war kläglich 

gescheitert. Aber es mußte doch einen Ausweg geben… Hoss 
brauchte Zeit, um den Fall neu zu überdenken. 

Diese Zeit mußte er gewinnen! 

 
 
Am nächsten Tag wartete Hoss auf einem nahen Berg. Wieder 
hatte er sich das Hemd vor die Augen gebunden, und nur ab 
und zu hob er es an, um Ausschau zu halten. Endlich entdeckte 
er weit hinten in der Ebene Joes Pferd und noch zwei 
Packtiere, die hinterherliefen. Sofort ritt Hoss bergab und dem 
Bruder entgegen. Es wunderte ihn nicht, daß Joe laut loslachte. 

„Du willst wohl unter die Bankräuber gehen, Hoss?“ 
„Hör auf!“ fauchte Hoss. „Ich bin schneeblind – das kommt 

daher, daß ich hier oben arbeiten mußte, während gewisse 
andere Leute es sich daheim gut sein ließen!“ Er hob seine 
Augenmaske und schaute den Bruder zornig an. „Du hast dir ja 
die Gegend um die Augen mit Kohle geschwärzt!“ 

„In der Ebene blendet die Sonne mächtig“, erwiderte Joe. 

„Meinst du, daß du allein nach Ponderosa reiten kannst?“ 

„Ich werde nicht hinunterreiten!“ 

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„Wieso nicht?“ Joe sprang aus dem Sattel. Er war ein 

hübscher, gutgewachsener Bursche und sehr viel kleiner als 
der ältere Bruder. 

„Ich mag nicht nach Hause“, erklärte Hoss. „Nachdem ich die 

blöden Rinder nun durch die schlimmsten Wintermonate 
gebracht habe, möchte ich mir die letzten Wochen nicht 
entgehen lassen!“ 

„Wie?“ staunte der Bruder. 
„Mehr fällt dir wohl nicht ein?“ fauchte Hoss ihn an. „Wie 

geht es dem Vater?“ 

„Vater?“ Joe hatte seine Verblüffung noch immer nicht 

überwunden. „Ach, dem geht es gut. Aber daß du dich nicht 
ablösen lassen, sondern weiter hier oben bleiben willst…“ 

„Na, ich will es eben!“ brummte Hoss. „Außerdem habe ich 

keine Lust, mit dem Hemd um den Kopf heimzureiten und 
mich zum Gespött der Leute zu machen…“ 

Joe verzog das Gesicht zu einem Grinsen. 
„Weshalb mußte ich eigentlich so viel Büchsenmilch 

mitbringen?“ fragte er. „Bist du zum Säugling geworden?“ 

„Ich habe öfter Eierkuchen gebacken!“ 
Joe pfiff zwischen den Zähnen. 
„Und wer hat die gegessen?“ fragte er anzüglich. „Die Pferde 

vielleicht?“ 

Hoss lüftete ein wenig seine Maske. 
„Hör doch auf mit deinem frechen…“ Er verstummte. 
Am Rande seines Gesichtsfeldes hatte er eine Bewegung auf 

dem Berghang bemerkt, und wenig später erkannte er 
Rimrock. Dabei hatte er ihn doch in der Hütte eingesperrt! 
Ach, er hätte sich denken können, daß es schiefgehen würde! 

„Was ist los?“ Joe schaute den Berg hinauf. 
„Nichts!“ brummte Hoss unwirsch. „Ich habe nur keine Zeit, 

hier herumzuschwatzen. Also, ich bleibe im Lager, bis Vater 
mich zurückruft. Nimm dein Gepäck nur wieder mit und reite 

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heim! Und richte dem Vater aus, mit den Kühen sei alles in 
Ordnung.“ 

„Das will ich tun, Hoss“, erwiderte der Bruder verdutzt. 

„Weißt du, die Rinder machen mir gar keine Sorgen – du aber 
dafür um so mehr. Was hast du zum Beispiel mit der vielen 
Milch gemacht? Ziehst du etwa eine Ziege groß?“ 

„Nein!“ brüllte Hoss. „Ich nähre sieben Berglöwen und vier 

Bären! Eigentlich wollte ich es dir nicht sagen, aber vor einem 
so gewitzten Burschen kann man ja doch nichts verbergen. So, 
und nun nimm dein Gepäck, laß mir das eine Packpferd da, 
und scher dich heim!“ 

Aber so schnell ließ sich Joe nicht abschütteln. 
„Weshalb hast du eigentlich diesen abgenutzten alten Sattel 

aufgelegt?“ bohrte er. 

„Weil ich meinen guten Sattel neulich zurücklassen mußte, 

nachdem Ginger sich ein Bein gebrochen hatte!“ 

„Und bei dieser Gelegenheit bist du auch schneeblind 

geworden?“ 

„Allerdings!“ 
„Man wird doch noch fragen dürfen!“ Joe zuckte die 

Achseln. „Aber nachdem du solches Pech hattest, sollte man 
meinen, daß du besonders gern heim möchtest…“ 

„Ich bleibe!“ fauchte Hoss. „Jede weitere Diskussion ist 

überflüssig!“ 

„Schon gut“, sagte Joe friedfertig, während er seinen 

Knappsack vom Packpferd zerrte. „Glaub ja nicht, daß ich 
enttäuscht bin! Ich lege keinen besonderen Wert darauf, mir 
mein Essen selbst zu kochen, um acht ins Bett zu gehen, 
während der Nacht alle halbe Stunde mit Holzscheiten nach 
Ratten zu werfen und…“ 

„Den Ratten habe ich ihre nächtlichen Ausflüge abgewöhnt“, 

knurrte Hoss. „So, daheim schaffe ich das Zeug, was das 
Packpferd trägt, in meine Hütte, und dann lasse ich das Tier 

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einfach laufen. Vermutlich trifft es dann nicht später als du in 
Ponderosa ein.“ 

„Und das zweite Pferd behältst du hier?“ 
„Nein, das kannst du gleich mitnehmen!“ erklärte Hoss 

verächtlich. „Es würde doch nach spätestens zwei Tagen unter 
mir zusammenbrechen! Paiute und ich, wir bringen die letzten 
paar Tage auch noch hinter uns!“ 

„Hast du während des Winters Scherereien mit Berglöwen 

gehabt, Hoss?“ 

„Keine Spur!“ 
„Im Osten sollen sie ziemlich wüst gehaust haben, wie man 

mir erzählte!“ 

Hoss hob das schützende Hemd vor den Augen wieder ein 

wenig an und spähte verstohlen zum Berghang hinüber. 
Rimrock aber blieb in guter Deckung! 

„Du redest wie Sam Hargis“, brummte er. „Wenn man dem 

zuhört, möchte man meinen, er habe mindestens fünfzig fette 
Rinder eingebüßt. Als er mich neulich besuchte, hat er mächtig 
gejammert!“ 

„Aber er hat wirklich mehrere Kälber verloren“, beharrte Joe. 

„Und verschiedene andere Rancher haben mir versichert, in 
diesem Jahr seien die Pumas besonders aufdringlich gewesen. 
Jack Sayers hat mit seinen Hunden…“ 

„Hat Vater dir gesagt, wie lange ich noch hier oben bei den 

Rindern bleiben muß?“ fiel Hoss dem Bruder ins Wort. 

„Ich glaube, du bist schon viel zu lange oben!“ schimpfte Joe. 

„Woher hättest du sonst deine schlechte Laune?“ Er schüttelte 
den Kopf. „Vater hat mir gesagt, ich solle selbst entscheiden, 
wie lange die Herde noch gehütet werden muß. Das kannst du 
dann ebensogut tun wie ich.“ 

„Drei Wochen genügen bestimmt“, erwiderte Hoss. „Dann 

komme ich heim.“ 

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Hoss wußte, daß er sich um die Rinder überhaupt nicht mehr 

zu kümmern brauchte. Aber die drei Wochen benötigte er, um 
eine andere Aufgabe zu lösen. 

„Na, jetzt hast du ja genug Büchsenmilch!“ feixte Joe. „Mach 

dir in der Hütte nur recht viele süße Pfannkuchen, damit deine 
Stimmung sich ein bißchen hebt!“ Er lachte und machte sich 
auf den Weg zurück nach Ponderosa. 

Dem Packpferd mißfiel die Witterung des Berglöwen. In 

Hoss’ Kleidung hatte es sie sogleich entdeckt. Und als es nun 
zum Gehöft geleitet wurde, da nahm es den schrecklichen 
Geruch ganz dicht neben dem Weg wahr – dort nämlich, wo 
Rimrock seinem Herrn nachgeschlichen war. 

Zuweilen mußte Hoss das Tier voranzerren, dann wieder 

mußte er es kräftig festhalten, um nicht selbst mitgezerrt zu 
werden. Neben der Hütte angekommen, sattelte Hoss das Pferd 
vollkommen ab, und sofort bäumte es sich auf, schnaubte und 
stürmte im Galopp den Weg zurück, den es gekommen war. 

Hoss schaute ihm nach. In der Ebene würde es schon 

vorsichtig weiterlaufen. Es würde bald begreifen, daß kein 
Berglöwe es dort unten bedrohte. 

Zufrieden schleppte Hoss die neuen Vorräte in die Hütte. Er 

hatte gehofft, Rimrock hätte sich unter der Wand einen Weg 
ins Freie gebuddelt oder er wäre so lange gegen die Tür 
geprallt, bis das Schloß aufsprang – aber nein: der Berglöwe 
war durchs Fenster entkommen. 

„Auf den Satz bist du wohl gar noch stolz?“ knurrte Hoss. 

„Na, ich werde die Öffnung zunageln. Du hast es dir selbst 
zuzuschreiben, wenn es dann drinnen finsterer ist als im Bauch 
eines Ochsen!“ 

Rimrock schien die neue Öffnung sehr praktisch zu finden. 

Er sprang auf den Tisch, schlüpfte durchs Fenster hinaus, und 
Hoss verfehlte sein Hinterteil ganz knapp, als er ihm einen 
kräftigen Klaps versetzen wollte. 

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„Ich dachte, ich hätte es dir abgewöhnt, auf den Tisch zu 

springen!“ schimpfte er. 

Dann löste er das Problem, indem er den Tisch ein gutes 

Stück vom Fenster fortschob. Wenig später kehrte Rimrock auf 
demselben Weg zurück – und machte eine ziemlich harte 
Bauchlandung auf dem Fußboden. 

Hoss schüttelte sich vor Lachen. 
Aber noch standen andere Überraschungen bevor: gegen 

Abend kam Rimrock von einem Ausflug zurück ins Haus und 
– trug ein Kaninchen im Maul! 

„Großartig!“ lobte ihn sein Herr. „Offenbar willst du doch 

noch zur Vernunft kommen.“ 

Aber anscheinend hielt Rimrock gar nichts von zu 

stürmischen Fortschritten. Er trottete heran, legte das 
Kaninchen zu Hoss’ Füßen nieder und wartete, bis sein Herr es 
ihm abhäutete. 

Anschließend verlangte er nach einem Napf Milch! 

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Abschied 

 
 
 

Am Tage nach Joes Ankunft und Rückkehr ritt Hoss durch den 
tauenden Schnee, um die längst fällige Inspektion der Herde 
nachzuholen. Den Tieren fehlte offenbar nichts. Was sie 
anging, so hätte Hoss ganz bestimmt noch am selben Tag 
endgültig nach Ponderosa heimreiten können. 

Drei Wochen hatte er sich noch bewilligt. Wozu? Hatte er 

nicht schon alles versucht, was auch nur die geringste Aussicht 
auf Erfolg bot? Hatte er nicht jeden Kniff ausprobiert? 
Konnten drei weitere Wochen ihn auch nur einen einzigen 
Schritt weiterbringen? Nur immer schwerer würde es ihm 
fallen, sich endgültig von dem anhänglichen Tier zu trennen. 

Da oben saß der Puma. Wie stets hockte er brav im Blickfeld 

seines Herrn und schaute mißtrauisch auf die Rinderherde 
herunter. Er wahrte immer einen Abstand von mindestens 
zweihundert Metern. Hoss hätte keinen Eid darauf geleistet, 
aber er wurde doch den Verdacht nicht los, daß Rimrock 
insgeheim schreckliche Angst vor allen Tieren in Wald und 
Feld hatte – solange sie auf ihren vier Beinen standen. In 
geschlachtetem Zustand mochte er sie ausgesprochen gern! 

Immerhin gab die Tatsache, daß Rimrock ein erfolgreicher 

Kaninchenjäger geworden war, zu einiger Hoffnung Anlaß. 
Gewiß mußte Hoss sie ihm nach wie vor abhäuten, aber ihn 
tröstete doch der Gedanke, daß der Puma die flinken Tiere 
wenigstens zu fangen vermochte. 

Sogar an einen Biber hatte sich Rimrock drunten am Teich 

schon herangemacht. Das kleine Tier aber hatte sich 
verteidigungsbereit hingehockt und die gelben Zähne gebleckt. 
Da hatte Rimrock doch gezaudert und war zu seiner alten 

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Gewohnheit zurückgekehrt, einen Luftsprung zu machen und 
sich dann geruhsam auf allen vieren niederzulassen. 

Immerhin – der Angriff hatte doch von Tapferkeit gezeugt. 

Der Biber hatte nämlich dicht am Wasser gesessen, und kein 
halbwegs vernünftiges Tier wird sich an einen Biber 
heranwagen, der sich in seinem feuchten Element befindet. 
Und wenn Hoss es recht bedachte, war der letzte Luftsprung 
Rimrocks der eleganteste gewesen, den er jemals vollführt 
hatte. 

Aufmerksam betrachtete Hoss die Herde. An den Spuren 

erkannte er, daß die Tiere sich während der kältesten Tage in 
einem Dickicht verkrochen hatten. Das war wirklich 
ausgesprochen klug von ihnen gewesen. 

Zwischen den Büschen stieß Rimrock zu seinem Herrn. 
„Na, hast du heute ein bißchen dazugelernt?“ fragte ihn Hoss. 

„Weißt du inzwischen, was es heißt, ein Löwe zu sein?“ 

Rimrock setzte sich aufs Hinterteil und kratzte sich hinter 

dem verstümmelten Ohr. Während des Heimweges sprang er 
munter umher, und daheim sauste er mit einem gewaltigen 
Satz mitten durch das brüchige Segeltuch, das Hoss vor das 
Fenster genagelt hatte. 

Seufzend hängte sein Herr eine alte Satteldecke vor die 

Öffnung. Oben befestigte er sie sorgfältig, ließ sie aber locker 
herabhängen. Nun mochte Rimrock herein- und 
hinausspringen, sooft er wollte. 

„Alles hier richtet sich nur nach dir!“ knurrte Hoss böse. 
Einen neuen Höhepunkt erreichte Rimrocks Geselligkeit an 

dem Tag, als er mit Hoss ausritt, um die Sachen heimzuholen, 
die Hoss damals nach Gingers Tod im hohlen Baum verstaut 
hatte. Inzwischen war der Schnee fast vollkommen 
geschmolzen, die Sonne schien warm, und der Tag verlockte 
zu einem fröhlichen Spazierritt. Genau das dachte offenbar 
auch Rimrock. 

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Hoss holte das Geschirr aus dem Versteck, tauschte die Sättel 

aus, band den alten hinter sich auf und das Schaffell dazu. 
Lange ritt er dann am Rande der Ebene dahin, während 
Rimrock sich zwischen Büschen und Felsen hielt. Als echter 
Berglöwe setzte er sich bei Tage nicht gern den Gefahren der 
deckungslosen Ebene aus. 

Als Hoss einige Zeit später den Pfad entlangritt, der durch die 

Berge führte, folgte der Puma dicht hinter ihm. Noch näher 
drängte er sich, als Hoss zwischen Felsgeröll besonders 
vorsichtig und langsam reiten mußte. Und plötzlich sprang 
Rimrock hinten auf das aufgeschnallte Sattelzeug. 

„Hallo!“ Hoss erschrak, denn er war sicher, daß Paiute sofort 

steigen würde. 

Aber Paiute trottete weiter, als sei überhaupt nichts 

geschehen. 

„Ich werd’ verrückt!“ murmelte Hoss verdutzt. 
Kurze Zeit später sprang Rimrock wieder ab. 
„Bleib ja unten!“ ermahnte ihn sein Herr. „Einmal ist es noch 

gutgegangen, aber… Hallo!“ 

Rimrock schwebte durch die Luft heran, landete sicher auf 

dem Schaffell, blieb hocken – und machte ein verschmitztes 
Gesicht, als sei er mit sich selbst höchst zufrieden. 

Hoss war außer sich. 
„Paß doch auf!“ rief er besorgt. Wenn Rimrock aus Versehen 

das Pferd mit seinen Klauen verletzte… „Und nimm deinen 
dicken Schwanz von Paiutes Flanke!“ 

Auf dem ganzen Heimweg wiederholte Rimrock unablässig 

das herrliche neue Spiel. Geschickt und gewandt, wie 
Raubkatzen nun einmal sind, landete er stets sicher auf dem 
Schaffell. Aber Hoss zitterte bei dem bloßen Gedanken daran, 
daß der Puma schließlich auch einmal schlecht abkommen 
konnte. 

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Am meisten peinigte ihn die Vorstellung, daß Rimrock das 

feine Spiel von nun an auch dann versuchen würde, wenn 
Paiute nicht durch ein aufgeschnalltes Schaffell geschützt war. 

Hoss sah sich schon mit dem Kopf auf einem Felsbrocken am 

Wege landen, während Paiute, außer sich, auf 
Nimmerwiedersehen davonstürmte. 

Dem wollte er vorbeugen. Am nächsten Tage fertigte er ein 

dickes Kissen aus alten Decken und mehreren Fellen. Die Felle 
wurden naß gemacht und so geformt, daß sie genau auf Paiutes 
Rücken paßten, dann nähte Hoss oben und, unten Decken 
darüber. Sobald die Felle getrocknet waren, würden Rimrocks 
Krallen nicht mehr durchdringen können. Zum Schluß wurde 
das Kunstwerk mit Riemen fest verschnürt, so daß man es 
hinter den Sattel schnallen konnte. 

Mit lebhaftem Interesse schaute Rimrock zu, wie die Arbeit 

an dem eigens für ihn zugeschnittenen Sattel fortschritt. 
Allerdings rannte er auch manchmal mit dem Material davon, 
zerrte an den Riemen und Fellen, fauchte und knurrte gewaltig 
– und auf einmal verhedderte er sich, stolperte und fiel 
gefesselt zu Boden. Nun war er gefangen, und Hoss konnte 
ihm ungehindert ein paar deftige Klapse geben. 

Schnell lernte der Puma, daß es gefährlich war, das feine 

Spiel zu treiben, solange das Polster Paiute nicht schützte. Die 
zusätzliche Belastung machte dem braven Pferd gar nichts aus, 
und mit dem neuen Bewohner des Berghofes hatte es sich seit 
langem abgefunden. Bald kam es so weit, daß Paiute von selbst 
stehenblieb, wenn sie den Puma auf einem Felsblock warten 
sah, und geduldig ausharrte, bis Rimrock mit gekonntem Satz 
hinten landete. 

Hoss war nicht wenig stolz auf dieses neue Kunststück. Wie 

ein Tatarenkhan fühlte er sich, wenn er zusammen mit dem 
Löwen über Land ritt. Er hatte einmal gelesen, daß dies bei den 
Steppenvölkern ein Zeichen höchster Würde gewesen sei. Und 

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in seiner Kindheit hatte er im Zirkus einen Löwen auf dem 
Rücken eines Ponys reiten sehen. 

Allerdings war das wohl kein Puma gewesen. Noch nie war 

es jemandem gelungen, einen Puma so großartig zu dressieren! 
Ein Jammer, daß Hoss seine Kunststücke niemandem 
vorführen und nicht damit angeben durfte! 

Jawohl, Rimrock war ein ausgezeichneter Reiter, aber als 

Jäger ließ er sich noch immer im Höchstfall mit Kaninchen 
ein. Hoss hatte alle Hände voll zu tun, um immer genug zu 
schießen, damit sein Schützling zu fressen bekam. 

Jeden Abend, wenn er einen Tag auf dem Kalender 

durchstrich, meldete sich Hoss’ schlechtes Gewissen. Die Zeit 
raste dahin. Und anstatt sich von Rimrock zu trennen, duldete 
er es, daß das Tier immer anhänglicher wurde. 

Und Rimrock wuchs und wuchs… 
Vor vielen Jahren hatte irgendwo drüben im Wald ein alter 

Einsiedler namens Plato gehaust, der allerlei Getier aufgezogen 
hatte. Vögel und Vierbeiner waren es gewesen, darunter auch 
ein Löwenjunges. Und wie Rimrock hatte der Löwe sich nie 
gezeigt, wenn Fremde kamen. 

Die Cowboys waren Platos Hütte des Löwen wegen am 

liebsten ferngeblieben, aber der eine oder andere war doch 
regelmäßig zu dem Alten geritten, um ihm Verpflegung zu 
bringen und nach dem Rechten zu sehen. 

Eines Tages hatte Sam Hargis’ Vater den alten Plato tot 

aufgefunden. Er war buchstäblich zerfetzt worden. Natürlich 
hatte der Verdacht sich sofort gegen den Löwen gerichtet, alle 
Bewohner der Umgegend waren zur Löwenjagd aufgebrochen, 
und man hatte sogar drei Berufsjäger mit Hundemeuten 
engagiert. 

Schon am zweiten Tag hatten alle außer den Berufsjägern die 

Suche aufgegeben. Diese erlegten in den Bergen drei oder vier 
große Tiere und mehrere Junge. Dann waren auch sie 

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davongezogen, und die ganze Geschichte geriet in 
Vergessenheit. 

Hoss mußte jetzt daran denken, als er in seiner Hütte saß und 

Rimrock anstarrte. 

Ohne Zweifel war Rimrock eine ganz große Ausnahme unter 

allen Raubtieren; er hatte sich gern zähmen lassen und war 
ausgesprochen gutmütig. Trotzdem blieb die Tatsache 
bestehen, daß ein ausgewachsener Berglöwe zu den wildesten 
und unberechenbarsten Bestien der Welt gehört. Der liebe Gott 
hatte sie nun einmal nicht zahm geschaffen! 

Die Zeitspanne, in der Hoss sich von Rimrock lösen wollte, 

verstrich, und plötzlich war der Tag da, an dem Hoss 
kopfschüttelnd feststellte, daß er morgen das vorletzte Kreuz 
machen würde. Zwei Tage blieben ihm noch! 

Es war sinnlos, sie hier abzusitzen! Am besten ritt er morgen 

früh heim nach Ponderosa. Blödsinn war es gewesen, drei 
Wochen länger als nötig hier oben mit Rimrock auszuharren! 
Inzwischen liebte er den Puma inniger denn je! 

Den entscheidenden Fehler hatte er an jenem Tage begangen, 

als er gezaudert hatte, das Pumajunge vom Baum 
herunterzuschießen! 

Am nächsten Tag verrammelte Hoss die Hütte, und er nagelte 

die Tischplatte vor das Fenster, so daß Rimrock auf keinen Fall 
hineingelangen konnte. Dann ritt er davon, wobei es ihm nichts 
ausmachte, daß der Puma hinter ihm aufs Pferd sprang. 
Mochte er sich auf seinem letzten Ritt noch vergnügen! Am 
Fuße des Berglandes aber sprang Rimrock ab und hielt sich 
zwischen den Bäumen, während Hoss auf die weite Ebene ritt, 
wo er das Kissen abknotete und es fortwarf. 

„Wir sind geschiedene Leute!“ schrie er. „Lauf dahin, wohin 

du gehörst, und laß dich nicht mehr blicken!“ 

Damit galoppierte er über die Ebene davon. Rimrock folgte 

ihm bis hart an den Rand des Waldes, wagte sich sogar ein 

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paar Meter aus der Deckung hervor, schauderte aber vor der 
endlos weiten Ebene doch zurück. So begab er sich schnell 
wieder in den Schutz der Bäume. Vergeblich suchte er einen 
Weg, der ihn in Hoss’ Nähe bringen würde, ohne daß er über 
die nackte Ebene laufen müßte. 

Aber einen solchen Weg gab es nicht, und der Reiter 

entfernte sich immer mehr, wurde kleiner und kleiner… 

Ein elender Abschied! dachte Hoss. Aber was sonst hätte er 

tun sollen? Vielleicht waren die acht Kilometer baumloser 
Ebene die einzige Schranke, die ihn von Rimrock trennen 
konnte. Falls der Puma sich bei Nacht übers Flachland wagte, 
würde er sehr bald den merkwürdigsten Dingen begegnen: 
weidenden Herden, fremden Pferden, Straßen, Wagen, 
unbekannten Witterungen und Geräuschen – allerlei 
betriebsamen Dingen, vor denen er sehr schnell in seine 
geliebten Berge entweichen würde. 

Aller Wahrscheinlichkeit nach aber würde Rimrock sich erst 

gar nicht auf die Ebene trauen, nicht einmal bei Nacht! 
Vielmehr würde er zur Hütte zurücklaufen und dort bleiben, 
bis sogar ihm die Erkenntnis dämmerte, daß er ein wildes Tier 
war, daß niemand mehr für ihn sorgte und ihm die Kaninchen 
abhäutete. 

Sogar zahme Hauskatzen wurden doch oft innerhalb 

erstaunlich kurzer Zeit wieder zu wilden Tieren. Sobald 
Rimrock einmal eine Woche lang für sich selbst gesorgt hatte, 
würde er vermutlich sehr schnell vergessen, daß er jemals 
Gefährte eines Menschen gewesen war! 

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Ponderosa 

 
 
 

Herrlich war es, wieder zu Hause zu sein. Die festgefügten 
Ställe und Pferche und das große, solide Ranchhaus standen in 
wohltuendem Gegensatz zu der winzigen Hütte, in der Hoss 
fast den ganzen Winter hatte verbringen müssen. 

Ben Cartwright, der stämmige, grauhaarige Mann, dem man 

ansah, mit wieviel Kraft und Zuversicht er sein Leben zu 
meistern suchte, hieß den Sohn herzlich willkommen. Dann 
wollte er natürlich genau wissen, wie es der Herde draußen in 
den Bergen ging. 

„Ich will nicht behaupten, daß die Tiere sehr fett geworden 

wären, während sie sich kümmerliches Gras unter dem Schnee 
hervorkratzen mußten“, sagte Hoss lachend. „Aber sie sind 
jedenfalls ganz prächtig durchgekommen!“ 

Es war alles andere als ungewöhnlich, daß in Ponderosa auch 

Gäste übernachteten. Einen der Männer, die heute dablieben, 
kannte Hoss: Mel Stark, Angestellter eines Mietstalls in 
Virginia City – ein junger Bursche, der sich gern nach der 
letzten Mode kleidete und sich seiner Schönheit offenbar 
bewußt war. 

Heute hatte er einen Viehhändler im Einspänner von Ranch 

zu Ranch gefahren. Der Händler hieß J. T. Orton und war ein 
ansehnlicher Herr mittleren Alters mit Melone und einer 
dicken goldenen Uhrkette über der eleganten, gestickten 
Weste. 

Die Unterhaltung zwischen dem Vater und Orton beim 

Abendbrot brachte sehr schnell zutage, daß Orton etwas von 
seinem Beruf als Viehhändler verstand. Er hatte sein Büro in 

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Omaha, bereiste fast den ganzen Westen und wußte mancherlei 
Interessantes zu erzählen. 

Hoss merkte, daß sein Bruder Joe das Gesicht zu einem 

Grinsen verzog, als Orton das Gespräch auf Pumas brachte. 
Gewiß war dieses Thema Hoss im Augenblick nicht sehr 
angenehm, aber Orton hatte vor wenigen Tagen mit Sam 
Hargis gesprochen und ließ sich nicht ablenken. 

„Man hat mir erzählt“, berichtete er, „daß die Wildkatzen 

nachts auf einen Baum klettern, dort auf der Lauer liegen und 
den Reiter anspringen, bevor der überhaupt weiß, was 
geschieht!“ sagte er. 

„Haben Sie das von Hargis?“ fragte der Vater lachend. 
„Aber nein!“ wehrte der Händler ab. „Der beklagte sich nur 

darüber, daß er schon mehrere Kälber eingebüßt hat. Nein, was 
ich eben sagte, habe ich in Kentucky erfahren. Dort nennt man 
diese Berglöwen Panther!“ 

Der Vater nickte. „Panther, Kuguars… Richtig aber heißen 

sie Pumas. Wir hierzulande nennen sie Berglöwen!“ 

„Und sie fallen Reiter von den Bäumen herab an?“ fragte 

Orton gespannt. 

„Davon habe ich noch nie etwas gehört“, versicherte Vater 

Cartwright, während er Joe zuzwinkerte, um ihn vor einer 
vorwitzigen Bemerkung zu warnen. „Tatsächlich habe ich 
überhaupt noch nie gehört, daß in unserer Gegend ein 
Berglöwe Menschen angefallen hätte – es sei denn, daß er 
verwundet war.“ 

„Wer – der Mensch oder der Löwe?“ warf Joe ein. 
Orton lachte, aber es klang so gepreßt, daß man ihm 

anmerkte, wieviel Angst er vor Raubtieren hatte. 

„Und die Sache mit Plato?“ fragte Stark. 
„Ja, das war ungewöhnlich!“ meinte der Vater. „Aber jedes 

ausgewachsene wilde Tier, das man als Haustier bei sich 
behielte, würde eine Gefahr darstellen.“ 

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Hoss wurde es allmählich ungemütlich. Immer wieder warf er 

Joe verstohlene Blicke zu. Gar zu gern hätte er gewußt, ob sein 
Bruder etwa doch ahnte, warum er länger droben im Lager 
geblieben war. 

„Manches habe ich von Plato natürlich gehört“, nahm Stark 

den Faden wieder auf. „Als die Geschichte sich abspielte, war 
ich gerade nicht hier. Aber in Tennessee, woher ich stamme, 
war es keine Seltenheit, daß Panther unvermutet Menschen 
anfielen.“ 

„Hier jedenfalls hat es so etwas noch nie gegeben“, erklärte 

Hoss entschieden; er konnte einfach nicht länger schweigen. 
„Im übrigen ist es wohl schon oft vorgekommen, daß man 
Pumas und anderen Katzentieren Verbrechen in die Schuhe 
geschoben hat, an denen sie vollkommen unschuldig waren. 
Dabei bringt ein Bär es fertig, eine kleine Herde Rinder zu 
reißen, und Wölfe treiben es womöglich noch schlimmer.“ 

Orton horchte auf. Ganz genau wollte er wissen, ob man hier 

etwa damit rechnen müsse, auf Bären zu stoßen, und ob sie gar 
Menschen angriffen. 

„Bären sind gar nicht so gefährlich“, meinte Joe. „Sie lassen 

gern mit sich ringen, und wenn man ihnen dabei etwa noch die 
vierte Rippe krault…“ 

„Joe!“ Streng schaute der Vater seinen Jüngsten an, und dann 

warf er Orton einen entschuldigenden Blick zu. „Der Bursche 
hat manchmal einen etwas ungewöhnlichen Humor…“ 

Nun wandte sich die Unterhaltung anderen Dingen zu, und 

Hoss atmete auf. 

Der Vater eröffnete dem Viehhändler, daß er eine seiner 

Rinderherden verkaufen wolle, und er schlug vor, am nächsten 
Morgen zu zweit loszureiten, um sich die Tiere anzusehen. 

„Morgen geht es leider nicht, Herr Cartwright“, erwiderte 

Orton: „Ich bin nämlich mit Holcomb auf seiner Ranch 
verabredet, anschließend muß ich noch auf zwei andere Höfe, 

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und so werde ich vermutlich erst in drei Tagen wiederkommen. 
Dann aber will ich mich gern wieder bei Ihnen melden!“ 

„Ausgezeichnet!“ Der Vater nickte. „Drei Tage lang habe ich 

zusammen mit den Jungen noch genug Arbeit. Wir wollen 
nämlich ein neues Förderband legen, so daß wir das Heu 
bequem in die Scheune bringen können.“ 

„Donnerwetter!“ fuhr Hoss auf. „Wäre ich doch lieber 

draußen im Berglager geblieben. Aber ich hatte gedacht, ich 
könnte ein bißchen ausgehen und mich amüsieren…“ 

„Das kannst du auch noch, mein Junge!“ tröstete der Vater. 

„Kommt es denn auf zwei oder drei Tage an? Ich zahle doch 
eine Menge Miete, weil ich mein Heu in der Stadt lagern muß. 
Deshalb möchte ich, daß unsere Scheune schnellstens in 
Ordnung kommt.“ 

Joe verzog das Gesicht zu einer Grimasse. 
„Reg dich nur nicht auf, Hoss!“ meinte er. „Deine Freundin 

hat inzwischen einen anderen geheiratet und ist schon vor 
Monaten nach San Franzisko verzogen. Ich habe ihr nämlich 
verraten, wie gut es dir oben in den Bergen gefällt, und ihr 
gesagt, daß du dich entschlossen hast, den Rest deiner Tage in 
vollkommener Einsamkeit zu verbringen.“ 

„Hätte ich geahnt, daß du ein so elender Witzbold geblieben 

bist“, fauchte der große Bruder ihn an, „wäre ich gleich dort 
oben geblieben!“ 

Orton lächelte über die Neckerei, aber er konnte die 

Gedanken nicht lange vom Geschäft fernhalten. 

„Falls Sie mir ein Pferd leihen, Herr Cartwright“, sagte er 

zum Vater, „würde ich Stark nach Hause fahren lassen. Ich 
glaube nämlich, mich hierzulande genügend auszukennen, um 
auch allein zurechtzukommen.“ 

„Wir sind kein Mietstall und verleihen keine Pferde gegen 

Geld“, sagte der Vater lachend. „Aber natürlich borge ich 
Ihnen oder Ihrem Vormann gern ein Reittier. Vielleicht…“ 

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„Natürlich gebe ich es nicht gern zu“, meinte der Viehhändler 

verlegen, „aber mit meinen Reitkünsten ist es nicht weit her. 
Also müßten Sie schon ein ziemlich frommes Tier haben…“ 

Der Vater nickte. 
„Ganz bestimmt finden wir eins, mit dem sie in Frieden 

auskommen!“ versprach er dem Gast. „Gleich morgen früh 
wird sich Joe darum kümmern. Meiner Meinung nach müßte 
Geronimo genau das Richtige für Sie sein, Herr Orton.“ 

„Geronimo?“ fuhr der Händler erschrocken auf. „Der Name 

klingt aber mächtig kriegerisch!“ 

Alle lachten. 
„Er ist brav wie ein Baby!“ versicherte ihm Joe. 
Aber Orton schien ihm nicht recht zu glauben. Fragend 

blickte er den Vater an. 

Der nickte beruhigend. 
„Ich glaube bestimmt, daß Geronimo Ihnen gefallen wird!“ 
Später, während die anderen am Tisch saßen und heißen 

Kaffee schlürften, vertiefte sich Boss in seine Geschichte über 
Marco Polo. Begeistert las er von den Hunnenfürsten, die über 
die Steppen brausten und einen Leoparden hinter sich auf dem 
Sattel hocken hatten. Ach, es war doch eine Schande, dachte er 
dabei immer wieder, daß ihm nie im Leben jemand glauben 
würde, wenn er berichtete, daß er draußen in den Bergen genau 
dasselbe mit einem Puma getan hatte! 

Und noch andere Erlebnisse mit Rimrock würde man ihm 

bestimmt nicht glauben. Schuldbewußt starrte er vor sich hin. 
Er glaubte zu hören, wie der brave Berglöwe schnurrend um 
die Hütte strich und darauf wartete, daß Hoss endlich, endlich 
heimkehrte. 

„Mensch!“ ertönte, auf einmal Joes Stimme. „Du liest? Eine 

Ewigkeit ist es her, seit ich dich zuletzt mit einem Buch vor 
der Nase gesehen habe. Was liest du denn da so Spannendes?“ 

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Flink blätterte Hoss ein paar Seiten weiter. Auf gar keinen 

Fall sollte der Bruder sehen, womit er sich soeben beschäftigt 
hatte! 

„Ich habe eben keine Lust, mein Leben lang ungebildet zu 

bleiben – wie andere Leute!“ maulte er. 

Noch eine ganze Weile stritten sie weiter. Als Orton seinen 

Begleiter Stark entlohnte, erstarrte Joe plötzlich, und er pfiff 
leise durch die Zähne. Mensch, was für ein dickes Bündel 
Geldscheine hatte der Viehhändler soeben aus der Tasche 
gezogen! 

„Wie wäre es, Herr Orton“, wandte der Vater sich an den 

Gast, „wenn ich das Geld heute nacht im Panzerschrank 
aufbewahrte? Zwar ist Mord und Totschlag bei uns nicht 
gerade an der Tagesordnung – aber hin und wieder passiert 
doch einmal etwas.“ 

Orton lächelte. 
„Danke sehr“, meinte er. „Ich gebe zu, daß ich zuweilen 

etwas ängstlich bin. Aber noch nie habe ich befürchtet, man 
könnte mich berauben! Komisch, nicht wahr?“ 

Als Hoss zehn Minuten später in die Küche ging, um einen 

Schluck Wasser zu trinken, hörte er die Pferde draußen im 
Pferch laut schnauben. Dann folgte ein dumpfes Poltern im 
Stall, heftig schlugen die Hufe der Tiere gegen die Wände der 
Boxen. Hoss bezwang seinen Wunsch, gleich hinauszulaufen, 
und kehrte äußerlich ruhig ins Wohnzimmer zurück. 

„Es hört sich an, als bekäme eins der Pferde einen Anfall!“ 

sagte er. „Ich sehe mal nach.“ 

Mit einem Ruck sprang Stark auf. 
„Bestimmt ist mein Kutschpferd in der fremden Umgebung 

nervös geworden“, meinte er. 

Hinter Hoss rannte er ins Freie. 
Zumindest eins der Pferde im Stall gab sich alle Mühe, seine 

Box in Klumpen zu treten. Hoss begann zu laufen. 

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Ihn peinigte ein Verdacht, den er sich selbst nicht eingestehen 

wollte. 

Stark hatte recht gehabt: es war sein Wagenpferd, das sich 

wie verrückt gebärdete. Allerdings waren auch die anderen 
Tiere ziemlich aufgeregt – alle außer Paiute. 

Hoss zündete eine Laterne an und begann mit Starks Hilfe, 

die stampfenden, schnaubenden Pferde zu beruhigen. 

„Komisch!“ rief Stark plötzlich aus. „Ihr eigenes Pferd, auf 

dem Sie heute geritten sind, scheint nicht im geringsten 
beunruhigt zu sein!“ 

„Paiute?“ Hoss lachte. „Na, da müßte schon mindestens ein 

Wolf kommen, ehe die sich aufregt!“ 

„Eben das meine ich aber! Die anderen benehmen sich genau 

so, als witterten sie einen Bären.“ 

Damit ging er auf den Hof hinaus. Wenige Augenblicke 

später hörte Hoss ihn einen Schrei ausstoßen. 

Hastig rannte auch er aus dem Stall. Er fand Stark an der 

Rückseite des Gebäudes. 

„Ich habe einen Berglöwen gesehen, Hoss!“ flüsterte er. 
„Blödsinn!“ stieß Hoss hervor. „Das ist unmöglich.“ 
„Ich kann es beschwören!“ beteuerte Stark. „Dort drüben war 

er, direkt hinter dem Zaun. Er ist zu den Bäumen da gelaufen!“ 

„Es muß ein Luchs auf der Mäusejagd gewesen sein!“ 
„Auf keinen Fall!“ wehrte der Fremde ab. „Dafür war das 

Tier viel zu groß.“ 

„Was gibt es denn?“ ertönte von der Haustür her die Stimme 

des Vaters. 

„Nichts!“ rief Hoss. „Irgendein Tier muß über den Hof 

geschlichen sein.“ 

„Jedenfalls kein kleines Haustier!“ beharrte Stark. „Es war 

auffallend groß, Hoss!“ 

„Drei Meter lang, wie?“ feixte der junge Mann. 

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„Nein, so groß nun auch wieder nicht. Aber es sah aus wie 

ein Puma, und…“ 

„Es war ein Luchs, Stark!“ sagte Hoss nachdrücklich. „Oder 

ein Kater, eine ganz gewöhnliche männliche Hauskatze!“ 

„Hm, aber…“ 
„Haben Sie das Tier denn genau gesehen?“ 
„Nein“, gestand Stark. „Nur ganz kurz habe ich etwas 

vorbeihuschen sehen, aber…“ 

„Haben Sie je erlebt, daß ein Berglöwe bis hierher 

vorgedrungen wäre?“ 

„Das wäre ungewöhnlich, muß ich zugeben!“ 
Hoss nickte entschieden. 
„Das kann man wohl sagen“, bekräftigte er. Und Stark senkte 

betreten den Kopf. 

„Es muß tatsächlich ein Luchs gewesen sein.“ 
Hoss glaubte, seinen Gast überzeugt zu haben. Plötzlich griff 

der nach der Laterne in Hoss’ Händen. 

„Kommen Sie, wir sehen uns die Spur an!“ 
Hastig riß Hoss die Lampe an sich. 
„Was soll der Blödsinn?“ knurrte er. „Die Familie nebenan 

hat im vorigen Jahr angefangen, Hühner zu züchten, und 
seitdem kommen immer wieder Luchse, um zu sehen, ob sie 
nicht mal ein saftiges Küken erwischen können.“ 

„Ach so!“ Stark nickte ergeben. „Ja, ich weiß, daß Luchse 

eine Vorliebe für Geflügel haben.“ Während er Hoss zum 
Stalleingang folgte, lachte er plötzlich auf. „Mensch, würde 
Orton einen Schrecken bekommen, wenn wir jetzt drinnen 
einfach behaupteten, wir hätten einen Puma gesehen!“ 

Die Pferde hatten sich beruhigt. Hoss blies die Laterne aus 

und hängte sie an die Stallwand. Rimrock! flehte er im stillen. 
Mach, daß du fortkommst! Scher dich in deine Berge zurück! 

Ruhig traten die beiden wieder ins Wohnzimmer. 

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„Es war nur ein Luchs, der auf Hühnerjagd ging“, meinte 

Stark. 

„Wie groß werden Luchse?“ fragte Orton schnell. 
Der Vater mußte ein Lächeln unterdrücken, und Joe spitzte 

schon die Lippen, um wieder einmal eine seiner 
Räuberpistolen zum besten zu geben. Aber der Vater kam ihm 
zuvor. 

„Sie sind wirklich nicht groß, Herr Orton“, tröstete er. „Vor 

denen braucht man bestimmt keine Angst zu haben.“ 

Für einen Mann, der den ganzen Westen bereist hatte, 

verstand Orton erstaunlich wenig von wilden Tieren! Verdutzt 
starrte Hoss ihn an und schüttelte verstohlen den Kopf. 

Während der ersten Nacht daheim fand Hoss keinen 

geruhsamen Schlaf. Nach der langen Zeit, die er auf dem 
Berghof verbracht hatte, kam ihm nun sein Bett viel zu weich 
und die Luft im Haus viel zu stickig vor. So stand er auf, 
öffnete das Fenster, blieb dort eine Weile stehen und schaute 
über das Dach der Veranda hinweg auf die dunklen Umrisse 
der Gebäude, die den Hof begrenzten. 

Dieser vertrackte Rimrock… Da war er doch tatsächlich quer 

durch die weite Ebene gelaufen. Sicherlich hatte er sich bei 
Sonnenuntergang oder kurz danach auf den Weg gemacht. 
Offenbar hatte Hoss sich getäuscht, als er annahm, die 
baumlose Ebene würde den Berglöwen schrecken. 

Nur eines konnte Hoss nun noch tun. Bisher war ihm das 

nicht eingefallen, und jetzt griff er diesen Gedanken nur 
widerwillig auf: er konnte Rimrock an einen Zoo oder Zirkus 
verkaufen! 

Vor seinem geistigen Auge sah er all die vielen 

halbverhungerten Tiere, die er im Zirkus in Virginia City 
schon mehrmals besichtigt hatte. Sie waren in winzige, 
schmutzige Käfige gesperrt und wurden Hunderte von 
Kilometern weit durch Staub und Hitze gekarrt. Aber 

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immerhin – dort wäre Rimrocks Leben nicht mehr gefährdet; 
zumindest würde er eine ganze Weile länger leben als hier in 
der sogenannten Freiheit, wo tausend Gefahren ihn umgaben. 
Aber zu was für einem Leben würde er gezwungen sein? 

Der bloße Gedanke daran ließ Hoss erschauern. 
Ehe er Rimrock so etwas antat, würde er ihn lieber 

erschießen! Und doch wollte er dies nur im alleräußersten 
Notfall tun. Vielleicht hatte Rimrock inzwischen genug von 
aller Zivilisation? Vielleicht rannte er in diesem Augenblick 
schon in gestrecktem Galopp in seine Berge zurück? 

Hoss versuchte, sich selbst einzureden, daß Stark vorhin 

wirklich einen Luchs erspäht hätte. 

Aber er wußte genau, daß es kein Luchs gewesen war. 

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Besuch bei Nacht 

 
 
 

Lange bevor Hop Sing, der chinesische Koch der Ranch 
Ponderosa, in der Küche mit den Vorbereitungen zum 
Frühstück begann, schlich Hoss bereits hinter den Stallungen 
durchs Gelände und verwischte mit seinen großen Stiefeln die 
Spuren eines Berglöwen. In unmittelbarer Nähe der Gebäude 
fand er glücklicherweise nicht sehr viele, und zwischen den 
nahen Bäumen lag eine dicke Schicht dürren Laubes, so daß er 
dort überhaupt keine entdecken konnte. 

Nach dem Frühstück beobachtete er, wie Stark sich in 

derselben Gegend zu schaffen machte. 

„Sie werden nichts finden!“ rief er ihm zu. „Ganz bestimmt 

war es ein Luchs! Ich habe vorhin ein paar Spuren entdeckt!“ 

„Ich hingegen kann überhaupt keine Spuren finden – außer 

Ihren!“ war die knurrige Antwort. 

„Dann habe ich sie wohl versehentlich verwischt!“ 
Joe kam auf den Hof, am Zügel führte er Geronimo, das 

bravste Pferd der Ranch. 

„Habe ich Ihnen nicht schon erzählt“, feixte er, „wie Hoss 

einmal die Spuren von mehr als fünfzig Bullen zertrampelt hat, 
nur indem er hinter ihnen herging? Ha, ich kann Ihnen sagen: 
seine Schuhgröße ist ungewöhnlich und bemerkenswert!“ 

„Soll ich dir wohl mal zeigen, was ich mit nur einem Fuß 

fertigbringe?“ schrie Hoss empört, und Joe suchte lachend 
hinter Geronimo Schutz. 

Eine Rolle Decken unter dem Arm, kam Orton aus dem 

Haus, vom Vater begleitet. 

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„So, nun bin ich abmarschbereit“, meinte er mit säuerlicher 

Miene, während er auf Geronimo starrte. „Das also ist der 
Gaul?“ 

„Er wird Ihnen bestimmt keine Schwierigkeiten machen, 

Herr Orton“, versicherte ihm Vater Cartwright. 

Aber der Viehhändler schien ihm das nicht ohne weiteres 

abzunehmen. Zweimal umrundete er das fromme Tier und 
suchte nach irgendeinem Zeichen von Boshaftigkeit und 
Verstocktheit. Inzwischen schnallte der Vater ungerührt die 
Deckenrolle hinten auf den Sattel. 

„Sie brauchen sich gar keine Sorge zu machen!“ tröstete er 

im Brustton der Überzeugung. „Jedes Kind könnte Geronimo 
reiten!“ 

„Das ist es ja eben!“ stöhnte der Viehhändler. „Ich bin kein 

Kind!“ 

Joe lachte auf – und handelte sich einen strengen Blick des 

Vaters ein. 

Schließlich gelang es Orton, so viel Mut zusammenzuraffen, 

daß er in den Sattel kletterte. Nichts geschah, nur ein müder 
Seufzer entrang sich Geronimos Brust. Der Reiter blickte zu 
Boden. 

„Der ist aber ziemlich hoch!“ brummte er. 
„Seine Beine sind lang“, gab der Vater zu. „Deshalb kommt 

er auch gut vorwärts!“ 

„Dafür brauche ich ihn schließlich auch.“ Der Händler nickte. 

„Er soll vorankommen.“ 

„Dann lassen Sie den Zügel locker!“ riet ihm Joe. „Auch 

wenn Sie die Leine einfach loslassen, trottet er ganz gemütlich 
weiter.“ 

Bedächtig ritt Orton vom Hof. 
„In drei oder vier Tagen bin ich wieder da, Herr Cartwright“, 

rief er über die Schulter zurück. 

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Vater und Söhne schauten ihm nach, bis er hinter den 

Stallungen ihren Blicken entschwand. Hoss und Joe sahen sich 
an, schüttelten die Köpfe und grinsten. 

Kurz darauf fuhr Stark mit dem Einspänner vom Hof, in die 

Stadt zurück. 

„Nun habt ihr euren Spaß gehabt, Jungens“, erklärte der 

Vater. „Aber laßt euch etwas gesagt sein: Orton ist keineswegs 
der Schlappschwanz, als der er zuweilen auftritt! Gewiß ist er 
kein wüster Cowboy, aber auch nicht so ein Greenhorn, wie er 
es uns eben vorgespielt hat.“ 

„Weshalb stellt er sich dann so an?“ wollte Joe wissen. 
„Weil er meint, die Rancher würden ihm deshalb keine 

großen Kenntnisse als Viehhändler zutrauen“, sagte der Vater 
lachend. „So mancher hat schon geglaubt, einen harmlosen 
Anfänger vor sich zu haben – bis er plötzlich feststellen mußte, 
daß er für seine Rinder pro Kopf zwei Dollar weniger 
bekommen hatte, als er hätte erlösen können!“ 

Joe grinste. 
„Na, ich habe ihn jedenfalls gleich durchschaut.“ 
Der Vater zog sich die Handschuhe an. 
„So, und nun wieder an die Arbeit!“ kommandierte er. 
Bis es dunkel wurde, schufteten sie in der riesigen Scheune. 

Sie bauten ein Gerüst, das einen großen Aufzug tragen sollte, 
mit dem man das Heu hoch aufstapeln konnte. 

Beim Zubettgehen mußte Hoss sich eingestehen, daß er oben 

auf dem Berghof nicht viel getan hatte, um sich körperlich gut 
in Form zu halten. Er wußte, daß er am folgenden Morgen 
einen Muskelkater haben würde; aber er wußte auch, daß die 
reichliche Arbeit hier in Ponderosa ihn schnell wieder gelenkig 
machen würde. 

Wie ein Stein schlief er, rührte und regte sich fast während 

der ganzen Nacht nicht. Morgens beim Frühstück spitzte er 

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unruhig die Ohren. Aber niemand erwähnte, daß es etwa 
irgendwelche Unruhe auf der Pferdekoppel gegeben habe. 

Hoss glaubte deshalb hoffen zu dürfen, daß Rimrock die 

Nase voll habe und aus der Zivilisation schleunigst in seine 
Bergeinsamkeit geflohen sei. 

Sicherlich war er in diesem Augenblick schon wieder oben 

im Lager und benahm sich wie ein richtiger Berglöwe! 

Tatsächlich taten Hoss die Muskeln und Gelenke nach der 

schweren Arbeit des gestrigen Tages weh, aber die Arbeit 
wartete nicht, und am Abend war er zum Umfallen müde. 
Wieder schlief er wie ein Stein, und er träumte, er läge in 
seinem Bett oben in der Hütte, und Rimrock käme herein, um 
ihn zu wecken. 

Seufzend räkelte er sich und wälzte sich auf die andere Seite. 
Aber es war kein Traum. Irgend etwas Schweres lag 

tatsächlich auf ihm! Plötzlich war Hoss hellwach. 

„Du?“ 
Zur Antwort schnurrte es freundlich. Und dann strich eine 

rauhe Zunge dem jungen Mann über die Backe. 

So ungestüm sprang Hoss aus dem Bett, daß er gegen einen 

Stuhl trat, der durchs halbe Zimmer flog. Natürlich polterte es 
beängstigend laut – und außerdem schmerzte Hoss die linke 
große Zehe ganz fürchterlich. Stöhnend ließ er sich aufs Bett 
sinken und hielt sich den Fuß. 

Mitleidig schmiegte sich Rimrock an seine Beine. 
Nachdem Hoss sich davon überzeugt hatte, daß die Zehe 

nicht gebrochen war und daß trotz des Lärms nicht das ganze 
Haus zusammenlief, packte er den Puma und schleppte ihn 
zum Fenster. 

„Scher dich zurück, woher du gekommen bist!“ herrschte er 

ihn an. „Los, übers Dach und den Baum hinunter!“ 

Dann aber drängte er das Tier doch nicht übers Fensterbrett. 

Plötzlich sah er ein, daß dadurch nichts zu retten war. Wenn er 

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Rimrock hinauswarf und dann das Fenster hinter ihm schloß, 
würde der Puma vermutlich auf dem Verandadach sitzen 
bleiben und die ganze Nacht über am Fenster kratzen und 
pochen. 

Nein, am besten war es wohl, das Tier jetzt dazubehalten. 

Beim ersten Morgengrauen würde es sich sowieso 
davonmachen. 

Damit wäre das Problem zwar nicht gelöst, aber zumindest 

gewann Hoss ein wenig Zeit zum Überlegen. Vielleicht fand er 
doch einen Ausweg! Gewiß mußte er sich eingestehen, daß er 
nun seit Monaten versuchte, „Zeit zu gewinnen“, und daß ihm 
dennoch nichts eingefallen war. Nach wie vor befand er sich in 
der gleichen elenden Zwickmühle. 

„Soll ich dich vielleicht in einen Zoo einliefern?“ flüsterte er, 

und dabei betastete er Rimrocks Magen. „Na, viel gegessen 
hast du offenbar nicht in letzter Zeit!“ Er ließ ihn los. 
„Jedenfalls paß auf, daß du hier kein Unheil stiftest, und mach 
vor allem keinen Lärm.“ 

Hoss öffnete die Tür. Noch nie war ihm aufgefallen, daß sie 

quietschte. Bewegungslos blieb er in der Diele stehen und 
lauschte angestrengt. Kein Laut kam aus Joes Zimmer, das 
dem seinen unmittelbar gegenüberlag. 

Jedes Brett des Fußbodens und jede Treppenstufe knarrte, so 

kam es Hoss vor, während er sich so leicht wie möglich 
machte und barfuß hinunterstieg. Beim Durchqueren des 
Eßzimmers stieß er mit der verstauchten Zehe gegen ein 
Tischbein und konnte nur mit aller Gewalt einen 
Schmerzensschrei unterdrücken. Durch die Küche gelangte er 
in Hop Sings Eiskeller. 

Auf der Hackbank lag ein gewaltiges Stück Fleisch. Hoss 

wollte sich nicht erst lange beim Anschneiden aufhalten, 
deshalb nahm er das ganze große Stück und machte sich auf 
den Rückweg in sein Zimmer. 

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Joe war von einem Rutschen und Poltern im Zimmer des 

Bruders halb erwacht. Sogleich aber schlief er wieder fest ein – 
bis er den Bruder über den Flur und die Treppe 
hinunterschleichen hörte. Aber auch dabei dachte er sich nichts 
weiter. Wer wie Hoss monatelang in einer einsamen, dürftigen 
Hütte gehaust hatte, der hielt es nicht gleich eine ganze Nacht 
über zwischen vier festen Wänden aus, sondern mußte 
zwischendurch frische Luft schnappen gehen! 

Vielleicht wollte Hoss auch nur ein Glas Wasser trinken. 

Oder es mochte sein, daß er draußen etwas gehört hatte, daß 
der Luchs wieder die Pferde erschreckte. Joe drehte sich 
gähnend auf die andere Seite, als er plötzlich, gar nicht weit 
entfernt, irgendwo im Obergeschoß des Hauses, ein Kratzen 
hörte! 

Ob das Orton war? Aber nein. Im Haus waren ja keine 

Fremden mehr. Das Geräusch hörte nicht auf – aber Joe war zu 
verschlafen, als daß er sich darüber aufgeregt hätte. Wieder 
wollte er einschlafen, da hörte er Hoss die Treppe 
heraufkommen. 

Noch immer im Halbschlaf, stand Joe auf und öffnete seine 

Tür. Da sah er den großen Bruder den Flur entlangkommen. 

„Was ist denn los?“ brummte er. 
Hoss zuckte zusammen. Er blieb stehen und verbarg beide 

Hände auf dem Rücken. 

„Nichts!“ flüsterte er. „Gar nichts ist los. Leg dich nur wieder 

ins Bett.“ 

„Was hast du denn da?“ 
„Nur einen kleinen Imbiß!“ 
„Ach so!“ 
Schon wollte Joe seine Zimmertür hinter sich zuziehen. Müde 

lehnte er am Türrahmen, wandte sich langsam ab,

 

um ins Bett 

zurückzutaumeln – da fiel ihm etwas auf: Hoss, der nun weiter 
zu seinem Zimmer schlurfte, hatte einen ziemlich 

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umfangreichen „Imbiß“ bei sich: sicherlich fünfzehn Pfund 
schwer mochte das Stück Fleisch sein. Mensch, der Bruder 
hatte wirklich einen gesegneten Appetit! 

Joe wankte zum Bett zurück und ließ sich hineinsinken. 

Gerade als ihm die Augen wieder zufallen wollten, fuhr er 
plötzlich auf. Nun war er hellwach! 

Das Fleisch war doch roh gewesen! 
Joe hielt es nicht mehr im Bett aus. Er stand wieder auf, 

verließ sein Zimmer, huschte über den Flur und öffnete Hoss’ 
Tür. Der Bruder saß im Nachthemd auf dem Bett, zu seinen 
Füßen aber hockte etwas, das wie ein riesiger Hund aussah, 
und tat sich an dem großen Stück Fleisch gütlich. 

„W-w-was…“ stotterte Joe. 
„Rimrock!“ stellte Hoss sein Schoßtier vor. „Ich gebe ihm 

gerade zu fressen. Er hat nämlich…“ 

„Komische Zeit, einen Hund zu füttern!“ murrte Joe, machte 

die Tür wieder zu und kehrte in sein Zimmer zurück. Plötzlich 
aber blieb er wie angewurzelt stehen und überlegte. 

Für einen Hund hatte das Tier aber doch ungewöhnlich 

ausgesehen! 

Er fuhr herum und stürmte zu Hoss ins Zimmer. 
„Das ist ja gar kein Hund!“ keuchte er. „Das ist ja ein – ein – 

ach, du meine Güte!“ 

Eilig verkroch sich Rimrock unter das Bett. 
„… ein Berglöwe!“ brachte Joe verzweifelt hervor. 
„Sei doch still!“ flehte der Bruder ihn an. „Weck den Vater 

nicht auf! Ich erkläre dir alles!“ 

Joe ging ums Fußende des Bettes herum. Plötzlich war ihm, 

als habe er noch immer ein wenig geträumt, als er den Mut 
aufbrachte, ins Zimmer des Bruders zurückzukehren. 

„Was machst du bloß mit einem lebendigen Löwen?“ fragte 

er. 

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„Pst!“ zischte Hoss. „Willst du den Vater mit Gewalt wach 

machen?“ 

In diesem Augenblick kroch Rimrock, durch die 

Anwesenheit eines zweiten, fremden Menschen verängstigt, 
unter dem Bett hervor und – huschte in wenigen 
geschmeidigen Sätzen durch die Tür auf die Diele hinaus. 

„Das hast du fein gemacht!“ stöhnte Hoss, indem er den 

Bruder vorwurfsvoll anschaute. 

Deutlich hörten sie, wie Rimrock die Treppe hinunterlief. 
„Vater darf nichts merken!“ ächzte Hoss verzweifelt. 
„Nichts erfahren?“ wimmerte Joe. „In wenigen Minuten wird 

der Löwe ihn gefressen haben!“ 

„Rimrock tut keinem etwas zuleide!“ versicherte Hoss. „Er 

ist völlig zahm.“ Fest packte er den Bruder beim Arm. „Du 
mußt mir helfen, ihn aus dem Haus zu schaffen!“ 

„Dafür wäre ich auch!“ gab Joe zu. „Aber…“ 
„Er tut dir bestimmt nichts. Komm!“ 
Mit wehendem Nachthemd lief Hoss aus dem Zimmer. 
„Zerr mich doch nicht so!“ beklagte sich Joe. „Ich komme ja 

freiwillig mit – obwohl ich nicht weiß, weshalb ich es tue!“ 

Dicht hintereinander erreichten die Brüder das dunkle 

Wohnzimmer. Nichts regte sich, und Rimrock war nicht zu 
sehen. 

„Mach du die Vordertür auf!“ befahl Hoss. „Ich gehe 

inzwischen zu Vaters Zimmer.“ 

Er suchte tastend den Weg, und Joe schlich gehorsam zur 

Vordertür. Aber er stolperte über einen Stuhl und stöhnte 
vernehmlich. Hoss erstarrte. In Ben Cartwrights Zimmer hatte 
sich etwas geregt: der Vater sprang aus dem Bett. 

„Mach die Tür doch endlich auf!“ fauchte Hoss den Bruder 

an. 

„Sie ist auf!“ kam wenige Augenblicke später die leise 

Antwort. 

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„Ist er draußen?“ 
„Ich weiß nicht, ob er hinausgelaufen oder ob ein anderer 

hereingekommen ist!“ sagte Joe. „Ach, Hoss, du elender…“ 

„Was ist denn los?“ brüllte der Vater aus seinem Zimmer. 
„Nichts!“ rief Hoss so unbefangen wie möglich. Dann wandte 

er sich wieder Joe zu. „Wo ist er?“ 

„Ich weiß es nicht“, antwortete der kläglich. „Gerade deshalb 

bin ich ja so beunruhigt!“ 

Fast im selben Augenblick begriffen sie, wo Rimrock sich 

befand: in der Küche polterte und klapperte es laut. Teller 
klirrten zu Boden. Dann blitzte ein Licht auf, und der Koch 
stieß mit kreischender Stimme chinesische Laute aus. 

Noch ein gewaltiges Klirren und Krachen – und Hoss wußte, 

daß Rimrock den Weg durchs Fenster gewählt hatte. 

Mit wirrem Haar, den Revolver in der einen, eine Lampe in 

der anderen Hand, stürmte der Vater kurz hinter seinen Söhnen 
in die Küche. Ein wüstes Durcheinander bot sich ihren Augen. 
Hop Sing hüpfte durch den Raum und schwang ein blitzendes 
Fleischermesser, während seine andere Hand die Lampe 
umklammerte. 

„Es war der Luchs“, meinte Hoss ruhig. „Wie ist er nur 

hereingekommen?“ Dabei gab er Joe einen warnenden 
Rippenstoß. 

Plötzlich konnte Hop Sing wieder englisch sprechen. 
„Löwe!“ keuchte er. „Sehl gloße Löwe!“ 
„Ausgeschlossen!“ Hoss winkte entschieden ab. 
Der Vater trat mit dem nackten Fuß auf die Scherbe eines 

Tellers und verzog schmerzvoll das Gesicht. 

„Was ist denn nun eigentlich los?“ grollte er. 
„Ich kann mir nur vorstellen, Vater, daß der Luchs, den Stark 

gestern abend gesehen hat, eingedrungen ist“, meinte Hoss. 
„Jemand muß die Vordertür offengelassen haben, und da…“ 

„Löwe!“ jaulte Hop Sing. 

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„Wie käme ein Löwe hier herein?“ wandte Hoss ein. 
„Gloßel Löwe!“ beharrte der Chinese. „Ganz langel 

Schwanz!“ 

Er breitete die Arme aus, um die Größe anzudeuten, und 

dabei kam das Messer der Nase des Vaters bedenklich nahe. 
Ben Cartwright packte den Koch beim Handgelenk und 
entwaffnete ihn. 

„Stell ja die Lampe weg“, herrschte er den Chinesen an, „ehe 

du das ganze Haus in Brand setzt! Du hast also einen Löwen 
gesehen?“ 

Hop Sing nickte entschieden und redete dann in flinkem 

Chinesisch auf den Vater ein. 

Der Vater blickte Joe grollend an. 
„Und du hast einen Luchs gesehen?“ fragte er. 
„Gehört habe ich ihn“, korrigierte Joe. „Gesehen hat ihn 

Hoss!“ 

„Löwe!“ mischte Hop Sing sich wieder ein. „Liesig gloß! 

Langel Schwanz!“ 

„Der Luchs ist dort durchs Fenster entwischt, Vater!“ Hoss 

zeigte auf die zerbrochene Scheibe. 

„Ich veltleiben ihn!“ brüstete sich der Chinese. 
„Vertrieben hast du ihn?“ Der Vater kratzte sich den Kopf. 

„Irgend etwas stimmt hier nicht.“ Mißtrauisch musterte er erst 
seine Söhne und dann den Koch. 

„Hast du je im Leben schon einen Puma, einen Berglöwen, 

gesehen, Hop Sing?“ fragte er. 

„Heute nacht gesehen!“ antwortete der Koch. „Sehl gloß. 

Lange Schwanz!“ 

Der Vater schüttelte den Kopf. Er war verärgert, weil er nicht 

wußte, was er von alledem halten sollte. Außerdem hatte er 
sich an der Scherbe verletzt. „Wenn aber doch die Tür 
offenstand – warum ist er dann nicht dort hinausgerannt?“ 
fragte er. 

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Hoss zuckte die Achseln. 
„Wilde Tiere benehmen sich eben komisch!“ brummte er. 
Hop Sing hatte gerade am Fensterbrett ein paar Haare 

entdeckt. 

„Da!“ rief er triumphierend, indem er sie dem Vater vor die 

Nase hielt. „Sehen? Gloßel Löwe! Haal von Löwe, bestimmt!“ 

„Löwenhaar?“ Hoss lachte. „Luchshaar, wolltest du sagen!“ 
Der Vater winkte ab. 
„Genug für heute nacht!“ verkündete er. „Marsch, ins Bett, 

alle miteinander! Hoss, überzeuge dich davon, daß die 
Vordertür fest verschlossen ist. Ich kann mir noch immer nicht 
vorstellen, daß sie vorhin offengestanden haben soll.“ 

„Meine Tül machen zu, bestimmt!“ gelobte Hop Sing. 

„Gloßel…“ 

„Schon gut! Marsch, ins Bett!“ Der Vater musterte seinen 

verletzten Fuß. „Luchs… Puma… Donnerwetter!“ 

Die Brüder gingen ins Obergeschoß. Joe folgte dem Bruder 

in sein Zimmer. 

„Und nun erzähl mir alles von deinem Zweizentnerluchs!“ 

forderte er ihn auf. 

„Ach, Rimrock wiegt höchstens einen halben Zentner, 

verhungert, wie er ist!“ wehrte Hoss ab. „Das arme Tier!“ 

„Genau so kam er mir vor!“ brummte Joe. „Ausgehungert!“ 
Hoss ließ sich auf sein Bett fallen. 
„Vor einigen Monaten habe ich seine Mutter erschossen“, 

berichtete er. „Das winzige Junge war kaum größer als ein 
Eichhörnchen. Und…“ Hoss rieb sich die verstauchte Zehe. 

„Du brachtest es wohl nicht übers Herz, das putzige Tierchen 

abzuschießen?“ meinte Joe. 

„Richtig!“ knurrte der Bruder. „Also habe ich es mit in die 

Hütte genommen.“ Er zuckte die Achseln. „Na, dann wurde 
das Tierchen zahm, es wuchs… Es wuchs mir ans Herz und…“ 

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„Und nun sitzt du da: mit einem großen Vieh und einem 

ebenso großen Problem! Eine Löwenmutter bist du 
geworden!“ 

„Laß die Witze, Joe!“ stöhnte Hoss. „Der Fall ist ernst!“ 
„Von Witz kann nicht die Rede sein. Laß nur den Vater 

erfahren, daß du ein Löwenjunges wie ein Schoßhündchen 
großgezogen hast – in unmittelbarer Nähe einer Herde 
erstklassiger Zuchtrinder!“ Joe grinste breit. „Die Rancher im 
ganzen Land werden ebenfalls begeistert sein, wenn sie von 
deiner Heldentat erfahren. Ich würde dir vorschlagen, nach San 
Franzisko auszuwandern – oder noch besser: nach Paris!“ 

„Hör auf!“ Hoss seufzte. „Hilf mir lieber aus der Patsche!“ 
„Wie könnte ich dir helfen?“ maulte Joe. „Schließlich habe 

ich den Puma durchs Haus und aus dem Küchenfenster 
gescheucht! Ehrlich gesagt, mir war gar nicht heldenhaft 
zumute dabei! Als ich so allein durch die Finsternis schlich, 
um mich herum alles ganz still war… Ach, da wäre am 
liebsten i c h durchs Fenster entwichen!“ 

„Rimrock hätte dir nie im Leben ein Haar gekrümmt!“ 
„Um mein Haar hatte ich auch weniger Angst als um Kopf 

und Kragen.“ 

„Paß auf! Ich will dir sagen, wie du mir helfen kannst: wir 

müssen unbedingt bei der Geschichte von dem Luchs bleiben!“ 

Joe deutete auf den Fleischrest vor dem Bett. 
„Meinst du, Hop Sing wird dem Vater nichts erzählen, wenn 

er merkt, daß der Braten fehlt?“ 

Hoss verzog das Gesicht. 
„Vielleicht fällt Hop Sing gar nichts auf.“ 
Joe lachte. „Da täuschst du dich aber! Bereite dich nur darauf 

vor, daß du erklären mußt, wie ein Luchs sich gewaltsam 
Eingang in den Eiskeller verschaffen konnte!“ 

Hoss stöhnte gequält auf. 

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„Wir müssen eben abwarten!“ meinte er. „Vielleicht ist 

Rimrock doch der Schreck in die Knochen gefahren, und er hat 
sich für immer davongemacht…“ 

„Ein Berglöwe, der dir acht Kilometer weit durch die Ebene 

nachläuft, der gibt so schnell nicht auf“, sagte Joe. „Ich wette, 
daß er zurückkehrt. Schließlich bist du sein einziger 
Angehöriger, Hoss!“ 

„Am besten erzähle ich dem Vater sofort die ganze 

Geschichte.“ Hoss stand entschlossen auf. 

„Ausgezeichnet!“ bestätigte Joe. 
„Morgen früh tue ich es!“ Hoss ließ sich wieder aufs Bett 

sinken. 

„Ganz bestimmt?“ 
„Ich weiß nicht.“ 
Joe stand auf und ging grinsend zur Tür. 
„Gute Nacht, Löwenmutter!“ 
Dann schloß er flink die Tür hinter sich. 

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Der Überfall 

 
 
 

Am folgenden Morgen behauptete Hop Sing immer wieder, er 
habe einen sehr großen Löwen gesehen. Hoss seinerseits 
beharrte auf der Version, es sei ein Luchs gewesen. Nachdem 
es nun zu spät war, die Wahrheit zu sagen, hoffte er, daß mit 
der Zeit Gras über den ganzen Fall wachsen würde. 
Seltsamerweise schien dem Vater gar nichts mehr daran 
gelegen, die Angelegenheit mit seinen Söhnen oder dem Koch 
zu erörtern. 

Das war ein böses Zeichen – Hoss wußte es nur zu genau. 

Der Vater wartete ab, bis Hoss sich in seinem eigenen 
Lügengewebe verfing. 

Ehe sie sich an die Arbeit in der Scheune machten, suchten 

sie die Umgebung des Gehöftes nach Spuren ab. Offenbar 
hatte Rimrock das Haus von der Seite her angeschlichen, wo er 
im dürren Laub keine Spuren hinterließ. Nach dem Satz aus 
dem Fenster war er wohl auf dem gleichen Weg fortgelaufen. 

Nein, der Vater sagte kein Wort. Aber sein ruhiger, 

nachdenklicher Blick ging den Söhnen durch Mark und Bein. 
Das Fleisch hatte Hoss beseitigt, indem er es aus Joes Fenster 
so weit wie möglich ins dichte Unterholz warf. Und Hop Sing 
schien es tatsächlich nicht zu vermissen. Jedenfalls hatte er 
dem Vater, soviel Hoss wußte, nichts davon gesagt. 

Wieder verbrachten Vater und Söhne einen Tag bei 

anstrengender Arbeit in der Scheune. Heute wurden das 
Fließband und der Lift fertig, und anschließend probierten sie 
die Anlage aus. Nur noch das Gerüst mußte entfernt werden. 

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Da der Vater die nächtlichen Abenteuer mit keinem Wort 

erwähnte, ließen auch seine Söhne den Fall nur zu gern auf 
sich beruhen. 

Nach dem Essen zog Joe seinen Bruder beiseite. 
„Wenn nun dein teurer Freund heute nacht wiederkommt?“ 

fragte er grinsend. „Was dann?“ 

Dieser Gedanke hatte Hoss den ganzen Tag über gequält. 
„Jedenfalls darfst du ihn dann nicht wieder aus meinem 

Zimmer entwischen lassen!“ knurrte er. 

„Deswegen mach dir nur keine Sorgen! Ich werde mich 

hüten, überhaupt in dein Zimmer zu kommen.“ 

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit verkündete Hoss, er wolle 

noch einmal in den Stall, um Paiute das dichte Winterhaar aus 
dem Fell zu kämmen. Allerdings fand er dann den Striegel 
nicht – aber das machte ihm wenig aus. 

Nachdem er sich eine Weile im Stall aufgehalten hatte, trat er 

durch die Hintertür ins Freie und suchte im nahen Wald nach 
Rimrock. Falls der Puma wirklich in der Nähe war und ihn 
entdeckte, würde er bestimmt sofort herbeigelaufen kommen. 

Als er so weit vom Haus entfernt war, daß der Vater ihn ganz 

bestimmt nicht hören konnte, rief er Rimrock. Aber der 
Berglöwe zeigte sich nicht. Vielleicht hatte Rimrock 
tatsächlich in der vorigen Nacht im Haus einen solchen 
Schrecken bekommen, daß ihm endgültig alle Lust vergangen 
war, sich je wieder in die Nähe menschlicher Behausungen zu 
wagen. Hoss sah ihn im Geiste über die finstere Ebene traben, 
zurück in die Berge, wo er zu Hause war. Der Gedanke hatte 
etwas Tröstliches – und doch Vermochte Hoss nicht so recht 
daran zu glauben. 

Ihn hätte es gewiß nicht überrascht, wäre Rimrock in diesem 

Augenblick zwischen den Baumstämmen hervorgehuscht! 

Erst als es längst ganz dunkel war, kehrte Hoss ins Haus 

zurück. Der Vater war bei der Buchführung. Er schaute nicht 

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einmal auf, um Hoss zu fragen, wie man ein Pferd so lange 
striegeln könne. 

Joe blickte ihn fragend an. Hoss schüttelte den Kopf. 
Während der Nacht schlief Hoss sehr unruhig; immer wieder 

schrak er auf und meinte, Rimrock auf der Türschwelle gehört 
zu haben. Zweimal stand er auf und schaute vor die Tür. Aber 
nichts deutete darauf hin, daß der Puma sich wieder in die 
Nähe des Hauses gewagt hätte. 

Das arme Vieh muß doch mächtigen Hunger haben! 

überlegte Hoss. Falls Rimrock nicht in die Berge 
zurückgelaufen war, suchte er bestimmt etwas zu fressen. 
 
 
Als Ben Cartwright und seine Söhne am nächsten Morgen 
soeben die letzten Teile des Gerüstes aus der Scheune 
schleppten, ritt Sheriff Roy Coffee auf den Hof. Er brachte 
eine schlimme Nachricht. 

„Der Viehhändler Orton ist in der vorigen Nacht ungefähr 

zehn Kilometer von hier, nahe dem Indianer-See, getötet 
worden“, berichtete er, während er sich aus dem Sattel gleiten 
ließ und seine Beine streckte. „Die ganze Nacht über bin ich 
geritten, ich muß sehen, daß ich schnell in die Stadt 
zurückkomme; dort erwartet mich weitere Arbeit.“ Die 
Einladung des Vaters, schnell eine Tasse Kaffee zu trinken, 
lehnte er ab. „Wenn ich mich erst hinsetze, Ben, bleibe ich 
bestimmt mindestens eine Stunde lang hocken!“ 

„Wie ist es eigentlich geschehen?“ fragte Joe gespannt. 
„Gestern am frühen Nachmittag ist er von Halsteads Ranch 

aufgebrochen“, erwiderte der Sheriff. „Auf dem Wege hierher, 
in der Nähe des Sees, ist er angefallen worden.“ 

„Wieso – angefallen?“ stieß Hoss hervor. 
Der Sheriff fuhr sich mit der Hand über den staubigen 

Schnurrbart. 

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„Alles deutet darauf hin, daß ein Puma ihn gerissen hat“, 

sagte der Sheriff. „Ein Puma – so seltsam das klingen mag!“ 

„Unsinn!“ rief Hoss. 
Coffee nickte. 
„Das habe ich zuerst auch gesagt“, gab er zu. „Ein paar 

Goldgräber, die im Wohnwagen fuhren, haben ihn gegen sechs 
Uhr gefunden. Kurz vorher hatten sie Spuren eines Pumas 
entdeckt, und dann fanden sie Orton zerbissen und zerkratzt 
unter einem Baum. Sie haben ihn sofort in die Stadt gebracht.“ 

„Und er war schon tot?“ fragte der Vater. 
Wieder nickte der Sheriff. 
„Bei Tagesanbruch war ich draußen und habe mich 

umgesehen“, fuhr er fort. „Ganz dicht neben der Straße waren 
deutlich Pumaspuren zu erkennen.“ 

„Und auch an der Stelle, wo man Orton gefunden hat?“

 

drängte Hoss. 

Der Sheriff fuhr sich noch einmal über den Schnurrbart. 
„Die Goldgräber mit ihren großen Füßen hatten alles 

zertrampelt“, knurrte er. „Ich konnte nichts mehr erkennen. 
Die Burschen aber schworen, sie hätten, als sie hinkamen, 
neben dem Toten Tatzenspuren gesehen.“ 

Joe und Hoss wechselten Blicke, und dann schaute Joe zu 

Boden. 

„Und das Pferd?“ fragte der Vater. 
„Das ist zur Halstead-Ranch zurückgelaufen“, erwiderte der 

Sheriff. „Einer der Cowboys hat es heute früh eingefangen.“ Er 
runzelte die Stirn. „Das Tier hat eine lange Schramme auf dem 
Leib. Es trug noch immer Ortons Deckenrolle.“ 

„Orton hatte eine Menge Geld bei sich, Roy“, meinte der 

Vater bedächtig. 

„Das habe ich gehört“, bestätigte der Sheriff. „Halstead sagt, 

er habe es in die Innentasche der Jacke gesteckt.“ 

Der Vater nickte. 

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„Das habe ich auch gesehen.“ 
„Sehr unvorsichtig von ihm!“ knurrte der Sheriff. „Aber das 

tat er wohl schon immer.“ Er machte eine Pause. „Als die 
Männer ihn fanden, hatte er jedenfalls keinen Pfennig bei 
sich!“ 

„Da haben Sie es!“ rief Hoss. „Er wurde nicht von einem 

Berglöwen getötet, sondern ein Räuber hat ihn überfallen und 
den Eindruck erwecken wollen, als sei der Tote das Opfer 
eines wilden Tieres geworden.“ Fragend schaute er den Sheriff 
an. „Was halten Sie denn von den Goldgräbern?“ 

„Phantasiere nur nicht, Hoss!“ mahnte Coffee. „Vielleicht 

haben sie ihn von seinem vielen Geld befreit, nachdem sie ihn 
gefunden hatten; vielleicht hat sich sonst etwas am Wegrand 
abgespielt. Aber das alles kann ich nicht beweisen! Und 
Vermutungen bringen mich nicht weiter.“ Er kratzte sich hinter 
dem Ohr. „Falls sie nur vorspiegeln wollten, daß der Tote von 
einem wilden Tier gerissen wurde, hätten sie doch bestimmt 
nicht den Boden rund um ihn herum zertrampelt!“ Der Sheriff 
nickte bedächtig. „Und sie hätten ihn auch nicht in die Stadt 
geschafft!“ 

„Sie meinen also, es sei ein Puma gewesen?“ fragte Hoss. 
Die Frage schien den Sheriff zu verärgern. 
„Ich habe gesagt, es sähe so aus!“ knurrte er. „Trotzdem 

verliere ich die Goldgräber schon nicht aus den Augen! Leider 
ist der Arzt nicht daheim, deshalb kann ich seine Meinung über 
die Todesursache erst morgen einholen. Vielleicht ist Orton am 
Herzschlag gestorben, weil ihm der Löwe einen solchen 
Schreck eingejagt hat.“ . 

Hoss selbst war der Schreck in die Glieder gefahren. 
„Finden Sie heraus, wo Ortons Geld geblieben ist!“ flehte er 

den Sheriff an. „Dann werden Sie auch den Mörder finden.“ 

Coffee musterte den jungen Mann scharf. 
„Vielleicht“, sagte er unbestimmt. 

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„Roy versteht sein Geschäft!“ tröstete der Vater seinen 

Ältesten, und dann zwinkerte er dem Sheriff nochmals 
einladend zu. „Willst du wirklich keine Tasse Kaffee trinken?“ 

„Heute nicht, Ben. Vielen Dank!“ Der Sheriff sprang aufs 

Pferd. „Übrigens hat es gestern abend in der Stadt eine große 
Aufregung gegeben, als die Goldgräber ankamen. Vermutlich 
bricht spätestens morgen eine Gruppe zur Löwenjagd auf. Sam 
Hargis ist schon lange scharf auf so etwas, und wie ich höre, 
hat er schon einen Boten zu Curly Joe geschickt, damit der mit 
seiner Hundemeute herüberkommt.“ 

Der Sheriff winkte ihnen zu und ritt davon. Hoss starrte 

bewegungslos zu Boden. Rimrock hatte den Mann nicht 
getötet! Ganz bestimmt nicht! Sicherlich konnte man im 
Augenblick überall seine Spuren entdecken – doch sie waren 
kein Beweis dafür, daß er Orton angefallen hatte! 

Aber alle würden sie jetzt durch die Gegend streifen! Rancher 

und Landstreicher würden Jagd auf den Löwen machen! Die 
Hunde würde man loshetzen, und Rimrock würde sich nicht 
retten können. Die Hunde würden seine Witterung aufnehmen 
– und dann konnte es sich nur noch um Tage handeln, bis sie 
ihn stellten! 

„Hoss!“ 
Die Stimme des Vaters schreckte ihn aus seinen trüben 

Gedanken auf. Voll böser Ahnungen blickte er ihn an. 

„Vorgestern nacht ist bei uns im Haus ein wildes Tier 

gewesen“, begann der Vater mit strenger Stimme. „Es hat 
allerlei erstaunliche Taten vollbracht – zum Beispiel hat es die 
Tür zum Eiskeller aufgemacht und einen Braten herausgeholt, 
den Hop Sing für den kommenden Tag bereitgelegt hatte!“ 

„So?“ fragte Hoss kläglich. 
„Ich meine, du solltest mit der Wahrheit herausrücken“, 

drängte der Vater seinen ältesten Sohn. „Los, rede!“ 

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„Ich wollte es dir längst sagen“, murmelte Hoss mit einem 

Seitenblick auf Joe. „Ganz bestimmt! Es kam nur immer 
wieder etwas dazwischen.“ 

„Nun, jetzt soll nichts mehr dazwischenkommen!“ 
„Tatsächlich war ein Puma im Haus“, gab Hoss zu. „Ein ganz 

kleiner, Vater – kaum der Rede wert!“ 

„Die Beurteilung überlaß nur mir! Weiter!“ 
„Er heißt Rimrock! Oben in der Berghütte ist er mir 

gewissermaßen zugelaufen, wir haben uns aneinander 
gewöhnt… Und dann muß er mir hierher nachgelaufen sein!“ 

Dem Vater sackte der Unterkiefer herab. 
„Du hast ein Löwenjunges auf den Hof gelassen?“ brachte er 

mühsam hervor. „Obwohl du doch unter Pferden und Rindern 
aufgewachsen bist? Du hast freiwillig ein wildes Tier zu dir 
genommen?“ 

„Hm…“ Hilfesuchend schaute Hoss den Bruder an, aber von 

dort winkte keine Hilfe, vielmehr zog Joe sich, vorsichtig in 
Richtung auf die Scheune zurück. „Ja, das habe ich wirklich 
getan.“ 

„Bleib hier, Joe!“ herrschte der Vater den Jüngeren an. „Du 

hast mit Hoss unter einer Decke gesteckt, versuche dich jetzt 
also nicht zu drücken!“ 

„Nein, Vater!“ stammelte Joe. „Nie im Leben habe ich…“ 
„Los, Hoss!“ befahl der Vater. „Ich will alles hören!“ 
„Viel mehr gibt es gar nicht zu berichten!“ beteuerte Hoss. 

„Als das Tier noch ganz klein war, habe ich es zu mir 
genommen und aufgezogen. Es schlief auf meinem Bett, 
begleitete mich zur Herde…“ 

„Zur Herde hast du es mitgenommen?“ 
„Anfangs lief es mir gegen meinen Willen nach. Den Rindern 

hat Rimrock nie etwas getan! Dafür hatte er viel zuviel Angst 
vor ihnen!“ 

„Das kann ich mir vorstellen!“ spottete der Vater. 

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„Ganz bestimmt, Vater!“ beharrte Hoss. „Sobald ich mich der 

Herde näherte, sprang Rimrock ab und…“ Er stockte. Zu spät 
begriff er, was er sich da hatte entschlüpfen lassen. 

„Wovon sprang er ab?“ brachte der Vater hervor. 
„Von Paiute“, gab Hoss zu. 
„Wie?“ Der Vater mußte sich erst ein wenig sammeln. „Du 

hast doch nicht etwa einen Puma auf dem Pferd gehabt?“ 

„Er hockte hinter mir“, berichtete Hoss. „Ich hatte für ihn ein 

Kissen hinten am Sattel befestigt.“ 

Unter dem wütenden Blick des Vaters hätte Wasser zu Eis 

erstarren können, aber für Hoss gab es nun kein Halten mehr. 
Begeistert berichtete er von seinen Erziehungsversuchen und 
von der sanften Liebenswürdigkeit des jungen Berglöwen. „Ich 
kann mir vorstellen, was du jetzt denkst, Vater“, schloß er. 
„Aber du hast unrecht. Nie im Leben hätte er Orton oder sonst 
jemanden angefallen. Dazu war er Fremden gegenüber viel zu 
scheu. Sogar vor fremden Pferden hatte er Angst! Ach, er hat 
doch immer…“ 

„Hör auf!“ Der Vater hob beide Hände. „Rimrock ist also ein 

wahrer Engel – aber wer wird es glauben, wenn er ihm im 
Wald oder sonstwo begegnet? Und woher willst du wissen, daß 
er nicht vielleicht auf Geronimos Hinterteil gesprungen ist, um 
einen kleinen Ritt zu machen?“ 

Ungestüm schüttelte Hoss den Kopf. 
„Bestimmt hat er das nicht getan!“ beteuerte er. „Er hat Angst 

vor allen Pferden – außer Paiute!“ 

„Womöglich hat ihn diese Angst vorübergehend verlassen?“ 

meinte der Vater ungerührt. „Auf alle Fälle ist das Fell des 
Pferdes von Krallen zerkratzt, und Orton ist ums Leben 
gekommen!“ 

„Bestimmt war es nicht Rimrock!“ beharrte Hoss verstockt. 
„Woher willst du das wissen?“ meinte der Vater. „Du hast 

doch selbst gesagt, daß dein Puma ausgehungert war. 

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Dazu befand er sich in fremder Umgebung, hatte Angst – und 

er ist nun einmal ein Berglöwe, ein wildes Tier – eins der 
gefährlichsten Raubtiere, die es hierzulande gibt. Wer immer 
ihn sieht, wird ihn abschießen!“ 

„Niemand soll ihn sehen!“ schrie Hoss auf. „Ich suche ihn 

und bringe ihn ins Bergland zurück!“ 

„Ach?“ Fassungslos schaute der Vater ihn an. „Selbst wenn 

er Orton gerissen hat, bringst du ihn in die Berge zurück?“ 

„Rimrock hat niemanden getötet, das weiß ich ganz genau!“ 

wimmerte Hoss. 

„Jedenfalls werden wir darüber niemals Gewißheit erlangen. 

Du darfst ihn nicht suchen, um ihn in Sicherheit zu bringen, 
Hoss!“ Ganz fest schaute der Vater seinen Sohn an. „Ja, Hoss, 
geh ihn suchen. Aber wenn du ihn gefunden hast, wirst du ihm 
eine Kugel durch den Kopf schießen!“ 

„Nein!“ 
„Doch!“ 
„Er hat mir das Leben gerettet, als ich schneeblind durch die 

Wildnis irrte!“ 

„Und nun hat er vielleicht ein anderes Leben auf dem 

Gewissen!“ mahnte der Vater. „Ihr seid quitt.“ 

„Ich kann ihn nicht erschießen!“ 
„Aber ich kann es!“ erklärte der Vater verbissen. „Sobald er 

mir vor die Augen kommt, knalle ich ihn ab!“ 

„Er wird dir nie vor die Augen kommen!“ 
Mit einem Ruck fuhr Hoss herum und lief in den Stall, um 

Paiute zu satteln. Draußen redete Joe dem zornigen Vater 
begütigend zu. Als Hoss wenig später mit dem gesattelten 
Pferd auf den Hof kam, schaute er dem Vater fest in die 
Augen. 

„Du solltest meinem Rat folgen, Hoss!“ 
„Diesmal nicht, Vater!“ rief Hoss, während er vom Hof ritt. 

„Ausnahmsweise will einmal ich recht behalten!“ 

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Nach zwei Stunden vergeblichen Suchens kamen Hoss doch 

Bedenken. Gewiß konnte er sich noch immer nicht vorstellen, 
daß Rimrock über Nacht zu einem blutrünstigen Mörder 
geworden war – aber bekanntlich sind Pumas unberechenbar. 

Hoss bog nach rechts ab, schlug die Richtung zum Indianer-

See ein. Es dauerte nicht lange, da hatte er die Stelle gefunden, 
wo Orton unter einer großen Fichte vom Tod ereilt worden 
war. Sheriff Coffee hatte recht: Hier war wirklich so gut wie 
nichts mehr zu erkennen. Die Goldgräber hatten alle Spuren 
zertrampelt, dann war der Sheriff selbst mit seinen gewaltigen 
Stiefeln kreuz und quer herumgestapft, und schließlich hatten 
sich offenbar noch mehrere andere Leute nachträglich an der 
Unglücksstelle umgeschaut. 

Vermutlich waren es einige von Halsteads Cowboys 

gewesen. 

Hoss hielt sich nicht lange auf. Hier konnte er doch nichts 

mehr finden. Lieber wollte er Rimrock suchen und Wald und 
Busch nach ihm durchkämmen. Erst spät am Nachmittag 
kehrte er von Westen her nach Ponderosa zurück. Einen weiten 
Kreis hatte er geschlagen – ohne den geringsten Erfolg! Kein 
Wunder, daß er in bedrückter Stimmung war, als er zum Haus 
stapfte, nachdem er Paiute abgesattelt hatte. 

„Nichts?“ fragte der Vater, und Hoss hörte ihm an, daß sein 

Zorn verraucht war. 

Hoss schüttelte den Kopf. 
„Nicht einmal eine Spur von ihm habe ich gefunden!“ 
„Vielleicht ist er ins Bergland zurückgelaufen“, vermutete 

Joe. 

„ Hoffentlich!“ meinte der ältere Bruder skeptisch. 
„Brenneman ist vorhin dagewesen“, sagte der Vater. 

„Natürlich ist die ganze Gegend in Aufruhr. Morgen früh 
wollen mehr als dreißig Mann mit Curly Joe und seinen 
Hunden losreiten!“ 

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„Was soll ich nur machen?“ stöhnte Hoss. „Ich bin doch an 

allem schuld! Hätte ich Rimrock nicht so lange bei mir 
behalten, bis er ganz von mir abhängig wurde… Ach, was 
könnte er gegen die Hunde ausrichten? Sobald sie ihn wittern, 
werden sie ihn innerhalb einer halben Stunde stellen. Hier kann 
er sich nicht so gut verstecken wie in den Bergen!“ 

„Ich wüßte nicht, was du dagegen tun könntest.“ 
„Jedenfalls kann ich die Leute nicht ausreiten lassen…“ 
„Nun hör aber auf!“ Der Vater schien Mitleid zu empfinden, 

blieb aber streng. „Willst du dich gegen unsere Nachbarn 
auflehnen? Immerhin sind sie alle felsenfest davon überzeugt, 
daß Rimrock der Mörder Ortons ist!“ 

„Bist auch du dieser Überzeugung?“ 
„Hm, ich weiß nicht“, wich der Vater aus. „Aber auf mich 

kommt es ja auch nicht an. Du weißt doch, wie schlecht die 
Leute auf Pumas zu sprechen sind!“ 

„Ja, doch!“ stöhnte Hoss. „Ehe ich Rimrock kennenlernte, 

habe ich nicht anders gedacht. Aber er ist nun einmal ganz 
anders! Weißt du, als ich schneeblind war…“ 

Der Vater und Joe lauschten interessiert dem Bericht, und hin 

und wieder wechselten sie verständnisvolle Blicke. Dann 
schwiegen sie alle eine lange Weile. 

„Nun begreife ich, weshalb dich die Sache so quält“, gab der 

Vater endlich zu. „Trotzdem kannst du nicht verhindern, daß 
die Leute auf die Hetzjagd gehen!“ 

„Nein, gewiß nicht!“ sagte Hoss. „Aber wenn ich ihn finden 

könnte…“ 

„Den ganzen Nachmittag über hast du ihn gesucht – und 

nicht gefunden!“ tröstete Joe. „Sollte das kein Zeichen dafür 
sein, daß er sich davongemacht hat? Wäre er noch im Gelände, 
so wäre er doch bestimmt zu dir gekommen!“ 

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„Das möchte ich meinen!“ Hoss nickte. Ja, daß er Rimrock 

nicht gefunden hatte, war ein wahrer Trost. Ein wenig 
zuversichtlicher ging er zu Tisch. 
 
 
Aber Hoss’ Hoffnung trog: Rimrock war nicht ins Bergland 
zurückgelaufen! Gegen Mitternacht schlich er von Westen her 
lautlos auf die Ranch Ponderosa zu, sprang gewandt auf den 
Baum dicht neben der Veranda, kroch aufs Dach und schaute 
lange vorsichtig auf den finsteren Hof hinunter. 

Dann schlüpfte er durchs offene Fenster. 
Hoss zuckte zusammen, als er den großen Katzenleib an 

seinen Füßen fühlte. 

„Donnerwetter!“ 
Er streckte die Hand aus und kraulte dem Berglöwen den 

Kopf. Rimrock reckte sich wohlig. 

Blitzschnell sprang Hoss aus dem Bett und schloß das 

Fenster. Dann machte er Licht und betrachtete Rimrock. Der 
Puma schnurrte zufrieden, und als Hoss ihm das verstümmelte 
Ohr kraulte, schloß er genußvoll ein Auge. Besorgt befühlte 
Hoss Rimrocks Leib. 

„Na, hast du etwa doch gelernt, dich selbst zu versorgen?“ 

fragte er beruhigt. 

Rimrock rieb sich an seinem Bein und sprang dann wieder 

aufs Bett. 

„O nein!“ rief Hoss. „Wir beide machen einen kleinen Ritt!“ 
Er trat zur Tür, öffnete sie und rief Joe. Wenig später lugte 

der Bruder vorsichtig herein. 

„Um Gottes willen!“ stöhnte er. „Und was wird nun?“ 
„Sieh ihn dir doch an!“ sagte Hoss. „Meinst du, ein so lieber 

kleiner Kerl könnte einen Menschen umbringen?“ 

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„Darauf möchte ich keinen Eid ablegen – schon gar nicht um 

Mitternacht“, maulte Joe. „Ich bin auch nicht hergekommen, 
um das festzustellen.“ 

„Sattele sofort Paiute für mich!“ bat Hoss. „Binde ihr hinter 

den Sattel ein paar dicke Zeltplanen, wie sie in der Scheune 
liegen, und bring das Pferd dann vor die Haustür.“ 

„Und wer soll das Pferd halten, während du mit diesem 

Untier aufsteigst?“ fragte Joe beklommen. 

„Du jedenfalls brauchst Paiute nicht zu halten“, beruhigte ihn 

Hoss. „Bleibe schön im Hintergrund, damit Rimrock nicht 
nervös wird!“ 

„Darauf kannst du dich verlassen!“ versicherte ihm Joe. 
Kurze Zeit später war Joe wieder da und teilte mit, daß Paiute 

bereitstehe. Dann verzog er sich blitzschnell die Treppe 
hinunter. Im Wohnzimmer brannten sämtliche Lampen, als 
Hoss hereinwankte, den Berglöwen auf den Armen. Die 
Vordertür stand weit offen. Vater und Joe hatten im 
Hintergrund Posten bezogen, während Hop Sing hinter der 
einen Spalt geöffneten Küchentür hervorlugte, ein Hackmesser 
in der Hand. 

„Liesige, gefähliche Fleischdieb!“ murmelte er. „Sieh dich 

vol, Hoss!“ 

So viel Publikum machte Rimrock nervös. Er wollte Hoss’ 

Armen entschlüpfen, aber der junge Mann hielt ihn eisern fest. 

„Daß mir ja keiner auf den Hof hinauskommt!“ schärfte er 

den anderen ein. 

Der Vater hatte auch die Lampen auf der Veranda 

angezündet, und deshalb war es auf dem Hof recht hell. Die 
drei Leute im Haus konnten also gut beobachten, was vorging. 

Hoss spürte nun doch eine gewisse Beklommenheit, als er 

Rimrock absetzte, um sich in den Sattel zu schwingen. 
Blitzschnell huschte der Löwe davon, wurde von der Finsternis 

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aufgesogen – aber als Hoss ihn rief, kam er sofort zurück. 
Paiute senkte den Kopf und beschnupperte den alten Freund. 

Drinnen schüttelte der Vater ungläubig den Kopf. 
Hoss saß auf. Zu seinen Füßen hockte Rimrock. 
„Los, Kamerad!“ flüsterte Hoss. „Spring auf!“ 
Mit einem gewandten, mühelosen Satz landete Rimrock auf 

dem Polster, machte es sich bequem, rollte den langen 
Schwanz ein und legte den Kopf dicht an Hoss’ Rücken. 

„Unglaublich!“ murmelte Joe. 
Auch der Vater schüttelte den Kopf. 
„Mir ist, als hätte ich das geträumt“, gab er zu. 
„Ich habe gesehen!“ bekräftigte der chinesische Koch. 
„Aber wenn dich morgen die Jäger danach fragen, hast du 

nichts gesehen! Verstanden?“ schärfte der Vater ihm ein. 

Hop Sing grinste übers ganze Gesicht. 
„Habe keinen Fleischdieb gesehen! Habe nichts gesehen!“ 
Wie um seine Worte zu unterstreichen, schwenkte er sein 

Hackmesser, so daß Joe erschrocken den Kopf einzog. 
 
 
Eine halbe Stunde vor der Morgendämmerung hatte Hoss das 
Bergland erreicht. Sofort sprang Rimrock ab und lief in die 
Deckung der Bäume. Als er aber sah, daß Hoss ihm nicht 
folgte, kam er schleunigst zurück. 

„Hier trennen sich nun unsere Wege endgültig, Rimrock!“ 

schärfte Hoss ihm ein. „Wir sind geschiedene Leute, klar? 
Wenn du von jetzt an jemals wieder einen Menschen siehst – 
dann suchst du sofort das Weite! Verstanden? Ich weiß, daß es 
meine Schuld ist, wenn du so geworden bist, wie du nun 
einmal bist. Aber jetzt muß es damit endlich anders werden…“ 

Obwohl Hoss wußte, daß Rimrock seine Worte nicht 

verstand, redete er doch geradezu beschwörend auf ihn ein: 
Immer wieder sagte er ihm, was er von nun an tun müsse, um 

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sein Leben zu fristen. Noch immer stand Hoss am Rand der 
weiten Ebene, als das Morgenlicht hinter dem Horizont 
hervorgekrochen kam. Rimrock trieb sich irgendwo ganz in 
der Nähe im Gebüsch herum. 

Bei Tage würde er es nicht wagen, die Ebene zu durchqueren, 

dessen war Hoss ganz sicher. Nicht einmal hinter ihm auf 
Paiutes Rücken würde er nach Ponderosa zurückkehren! 

Hoss wandte sein Pferd und trabte davon. Wie oft hatte er das 

nun schon getan! Und jedesmal hatte er von Herzen gehofft, es 
möge ein Abschied für immer sein. Als er sich umschaute, 
erblickte er Rimrock, der vorsichtig witternd ins Freie trat, ein 
paar Schritte hinaus auf die Ebene trottete – und dann 
kehrtmachte und im Gebüsch verschwand. 

„Lauf ins Gebirge!“ flehte der Reiter, als könnte das Tier 

seine gepreßte Stimme hören und ihn verstehen. „Lauf ins 
Gebirge!“ 

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Der Mörder 

 
 
 

Fast fünfzig Mann hatten sich zusammengefunden; es war eine 
stattliche Schar Löwenjäger, die kurz nach Hoss’

 

Heimkehr 

von seinem geheimen Ritt auf den Hof Ponderosa getrabt kam. 
Einigen der wackeren Jäger war deutlich anzumerken, daß sie 
sich zur Vorbereitung in den Kneipen der Stadt tüchtig gestärkt 
hatten. Vermutlich würden sie ihre Jagdgefährten erheblich 
mehr gefährden als das gesuchte Wild! 

Auf einem leichten Wagen hatte man einen Käfig angebracht, 

und darin jaulten und knurrten Curly Joes Hunde. Sie konnten 
den Beginn der Hetze schon gar nicht mehr abwarten. Joe 
selbst war ein hochgewachsener, hagerer Mann in alten, 
blankgewetzten Lederhosen, und dunkles Haar hing ihm bis 
auf die Schultern herab. 

Anführer der wilden Jagd war Sam Hargis. 
„Seid ihr fertig, Cartwright?“ rief er dem Vater entgegen, 

während er sein Pferd vor dem Wohnhaus zügelte. 

„Wir kommen!“ Der Vater hatte Hoss erlaubt, daheim zu 

bleiben, aber Hoss wollte nicht kneifen. „Wo willst du die 
Hunde loslassen, Sam?“ 

„Curly Joe meint, es habe keinen Sinn, sie freizulassen, ehe 

wir nicht die Ebene hinter uns haben“, erwiderte der Anführer. 
„Er ist überzeugt davon, daß der Löwe, der den Viehhändler 
angefallen hat, allerhöchstens einen Tag hier unten geblieben 
ist und sich dann in seine Berge zurückgezogen hat!“ 

Hoss zuckte unmerklich zusammen. Er hatte gehofft, Curly 

Joe würde seine Meute nahe der Stelle freilassen, wo man den 
Toten gefunden hatte. Und nun? Anstatt Rimrock zu helfen, 

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hatte Hoss ihn dorthin gebracht, wo die Hunde ihn am 
allerschnellsten ausmachen würden! 

Hargis wollte noch etwas hinzufügen, aber einer der leicht 

angetrunkenen Jäger gab einen Schuß in die Luft ab und stieß 
einen gellenden Schrei aus. 

„Hör doch mit der Knallerei auf!“ schimpfte Hargis 

aufgebracht. 

„Wir wollen reiten!“ grölte eine Stimme. Hoss erkannte Mel 

Stark, den Mann vom Mietstall, der neulich Orton gefahren 
hatte. 

Während er neben dem Vater und Joe vom Hof ritt, blickte er 

immer wieder zu Mel Stark hinüber. Die Männer der 
Jagdgesellschaft hielten reichlich Abstand voneinander, um 
dem von den Pferden aufgewirbelten Staub auszuweichen. 
Deshalb mußten sie um so lauter sprechen, sie lachten und 
schrien lärmend durcheinander und benahmen sich ausgelassen 
wie bei einem Volksfest. 

„Du konntest wirklich nicht wissen, Hoss“, meinte der Vater 

tröstend, „daß Curly seine Hetzjagd ausgerechnet am Rand des 
Gebirges anfangen würde!“ 

Hoss starrte düster vor sich hin. 
„Es ist zum Verzweifeln“, stöhnte er. „Ich mache aber auch 

alles falsch!“ 

Die meisten Männer ritten am Ostufer des Indianer-Sees 

entlang, einige aber trennten sich von den anderen und 
durchkämmten für alle Fälle das Unterholz am westlichen 
Ufer. Kreuz und quer ritten sie durch das Gelände, denn sie 
hatten genügend Zeit, weil der Wagen mit den Hunden viel 
langsamer vorwärts kam als sie. 

„Hast du eigentlich den Sheriff gesehen?“ fragte Hoss. 

„Reitet er nicht mit?“ 

Joe schüttelte den Kopf. Plötzlich zügelte Hoss sein Pferd. 
„Ich bin gleich wieder da!“ 

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Damit lenkte er Paiute zum Wasser zurück. Sein Bruder 

zauderte und schien zu überlegen, ob er sich ihm anschließen 
solle. 

„Bleib hier!“ riet ihm der Vater. „Kannst du dir nicht 

vorstellen, weshalb Hoss sich davonmacht? Er mag nicht 
zusehen, wie das Tier umgebracht wird. Übrigens mache ich 
kein Hehl daraus, daß auch ich mich nach dem, was ich von 
Hoss gehört habe, auf den Ausgang dieser elenden Jagd nicht 
mehr recht freuen kann!“ 

Hoss ließ Paiute an dem Baum zurück, unter dem Orton den 

Tod gefunden hatte. Drei bis vier Meter über der Straße ragte 
ein kräftiger Ast hervor, und er schien so recht dafür 
geschaffen, daß ein Puma sich dort auf die Lauer legte. Hoss 
schauderte: Wirklich, die Behauptung, das Raubtier habe dort 
gelegen und sei dem ahnungslosen Reiter ins Genick 
gesprungen, leuchtete ohne weiteres ein! 

An der Ostseite des gewaltigen Baumes führte ein sanfter 

Hang zum Seeufer hinunter, im Westen erstreckte sich 
unübersichtliches, dicht bewachsenes Gelände. Hoss wandte 
sich in diese Richtung. Plötzlich stutzte er. Deutlich erkannte 
er Fußspuren! Offenbar hatte sich schon jemand anders hier 
umgesehen. Der Sheriff! 

In immer weiteren Kreisen suchte Hoss das Gelände ab, aber 

er fand keinerlei Hinweise und begann einzusehen, daß er nur 
seine Zeit vergeudete. Bestimmt hatte der Sheriff nichts 
übersehen. 

Dann aber fand er etwas: eine Stelle, wo längere Zeit ein 

Pferd gestanden hatte! 

Beinahe wäre Hoss die Spur gar nicht aufgefallen, denn es 

lag ein dünner Teppich von Tannennadeln darüber. Aber sein 
scharfes Auge erspähte ein paar helle Bruchstellen an den 
benachbarten Büschen. Vor nicht allzulanger Zeit waren 
mehrere kleine Zweige abgeknickt worden. Hoss kniete nieder 

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und fuhr mit den Fingern vorsichtig durch den Nadelteppich. 
Jawohl, kein Zweifel: hier hatte ein Pferd gestanden! Und dann 
wurde ihm klar, daß nicht der Wind die Tannennadeln über die 
Spur geweht hatte, sondern daß jemand bemüht gewesen war, 
die Spur gut zu verbergen. 

Hoss blieb auf dem Boden hocken und spähte umher. Da, 

wenige Meter entfernt, lag etwas unter einem Busch. Er stand 
auf, ging hinüber und nahm das Ding in die Hand. 

Es war sein bester Striegel! 
Jemand hatte fünf der scharfen, spitzen Metallzähne aus dem 

Holzboden herausgezogen, so daß sie weit vorstanden, und 
dann hatte er sie mit einer Feile messerscharf geschliffen. Die 
anderen Zähne des Striegels hatte er flachgeklopft. 

Und an den vorstehenden, scharfen Zähnen verrieten dunkle 

Flecke, wozu das Werkzeug benutzt worden war! 

Hoss’ Gedanken wirbelten durcheinander. Auf der Stelle 

mußte er dem Sheriff Meldung machen! Oder nein, er wußte 
noch etwas Besseres! Der Mann, der Orton getötet und den 
Verdacht auf einen harmlosen kleinen Puma gelenkt hatte, ritt 
ja mit den Jägern über Land! 

Hoss stand auf und ging zu seinem Pferd zurück. Nach zwei 

Schritten aber ließ eine harte Stimme ihn erstarren. 

„Schade, Hoss, daß du das Ding gefunden hast!“ 
Der junge Mann fuhr herum. Hinter einem Baumstamm war 

Stark hervorgetreten. Nun stand er breitbeinig da und richtete 
drohend einen Revolver auf Hoss. 

„Schnalle sofort dein Revolverkoppel ab, Hoss!“ 

kommandierte er mit eiskalter Stimme. 

Hoss knirschte mit den Zähnen, aber er mußte gehorchen. 
„Meinst du etwa, das Märchen von dem Raubtier könnte die 

anderen auf die Dauer hinters Licht führen?“ 

„Bisher hat alles ganz prima geklappt!“ feixte Stark. „Bis du 

angefangen hast, deine Nase in Dinge zu stecken, die dich 

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nichts angehen! Du kannst dir wohl vorstellen, was ich nun tun 
muß?“ 

Hoss schätzte ab, wieviel Meter ihn von dem Verbrecher 

trennten. Der Abstand war groß – aber mit zwei oder drei 
Sprüngen mußte er ihn doch überwinden können. Er ballte die 
Hände zu Fäusten. 

„Ich warne dich!“ stieß Stark hervor. „Mach keine 

Dummheiten!“ 

Mindestens eine Kugel würde er einstecken, falls er sprang, 

das wußte Hoss. Aber wenn es ihm gelänge, die Hände 
wenigstens dreißig Sekunden lang um die Gurgel des 
niederträchtigen Schurken zu legen, dann würde er sich 
reichlich belohnt fühlen! Mit allen Fibern verlangte Hoss 
danach, sich auf Stark zu stürzen, und schon war er bereit, alles 
auf eine Karte zu setzen, als ihn sein gesunder 
Menschenverstand doch noch im allerletzten Augenblick 
davon abhielt. 

Kein Auge ließ er von seinem Gegenüber. Die Hand, die den 

Revolver hielt, zitterte nicht, aber Starks Augen flackerten 
unruhig. Er gehörte zu den Menschen, die rücksichtslos und 
impulsiv zur Waffe greifen und denen es auf einen Schuß mehr 
oder weniger nicht ankommt. 

Warum hatte er eigentlich nicht längst geschossen? 
Ich muß Zeit gewinnen! dachte Hoss verzweifelt. Etwas 

sagen! Und versuchen, ihm näher zu kommen! 

„Du hast genau gewußt, daß an jenem Abend auf unserer 

Ranch ein Puma gewesen ist, nicht wahr, Stark?“ sagte er. „Du 
hast nur so getan, als hätte ich dich davon überzeugt, daß es ein 
Luchs war.“ 

„Das spielt nun keine Rolle mehr. Dreh dich um, Hoss, und 

geh langsam vorwärts! Los, wir machen einen Spaziergang 
zum See hinunter!“ 

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Dorthin also wollte er. Am See sollte es geschehen! Ein 

Schuß in den Rücken… Einen Stein ans Bein gebunden – und 
hinunter in die Tiefe! 

„Nein!“ erklärte der junge Mann. „Ich gehe nicht. Ich denke 

nicht daran, Stark!“ 

Stark hob den Revolver und stieß einen mitleidigen Seufzer 

aus. Aber Hoss hielt seinem Blick stand. 

„Auch wenn du noch so gut zielst, Stark“, sagte er 

zähneknirschend, „wirst du mich doch nicht aufhalten: Ehe ich 
sterbe, packe ich dich. Noch mit letzter Kraft reiße ich dich in 
Stücke, darauf kannst du dich verlassen.“ 

Der andere blickte ihn unschlüssig an. Hoss sah, daß Starks 

Augen immer unruhiger flackerten. Ein gemeiner Feigling war 
er, ein niederträchtiger Wegelagerer… 

„Ich gebe dir eine einzige Chance“, begann Stark stockend. 

„Ich brauche einen Vorsprung von sechs Stunden, um mich aus 
dem Staube zu machen. Wenn du mir die garantierst, lasse ich 
dich laufen! Meinst du, es macht mir Spaß, mein Gewissen 
auch noch mit dir zu belasten?“ 

Hoss dachte nicht daran, dem Burschen zu vertrauen. Aber 

noch immer kam es ihm darauf an, Zeit zu gewinnen. 

„Wie soll das denn vonstatten gehen?“ fragte er, während er 

einen halben Schritt auf den Gegner zuging. 

„Stehenbleiben!“ fauchte Stark. „Mach keine Dummheiten, 

Hoss!“ 

Mit verzerrtem Gesicht stand er breitbeinig da, den Revolver 

im Anschlag. Hoss sah ihm an, daß er schießen würde, sobald 
er sich ernsthaft bedroht fühlte. Stark fuhr sich mit der 
Zungenspitze über die Lippen. 

„Ich will dir sagen, wie ich es mache“, knurrte er. „Wir gehen 

jetzt zusammen zum Ufer hinunter, dort fessele ich dich, und 
dann nehme ich dein Pferd mit. Wenn du dich endlich befreit 

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haben und zu eurer Ranch gelaufen sein wirst, bin ich längst 
über alle Berge!“ 

Der See! Immer wieder kreisten Starks Gedanken darum. 

Wenn Hoss mit ihm ans Ufer hinunterging, würde er nie mehr 
nach Ponderosa zurückkehren. 

„Du willst mich also wirklich nur fesseln?“ fragte er. 
„Ganz bestimmt!“ gelobte Stark. „Siehst du denn nicht ein, 

daß dies der einzig mögliche Ausweg ist? Sind wir nicht bisher 
immer gut miteinander ausgekommen?“ 

„Hm, eigentlich ja“, gab Hoss zu, und er runzelte die Brauen, 

als erwäge er Starks Vorschlag ernsthaft. „Du hast also Orton 
tatsächlich umgebracht?“ 

„Das habe ich nicht gesagt!“ fuhr der andere auf. „Aber nun 

komm schon, zum See hinunter!“ 

„Ich möchte aber genau wissen…“ 
„Nun hast du genug geschwatzt!“ herrschte Stark ihn an. 

„Los, dreh dich um!“ 

Vielleicht würde er auf dem Weg hinunter eine Möglichkeit 

finden… Ein flinker Sprung ins Gebüsch… Aber ein Blick in 
Starks Gesicht verriet Hoss, daß der andere seine Gedanken 
ahnte. Hoss rang sich zu einem Entschluß durch. Jetzt oder nie!

 

Er setzte zum Sprung an, um sich auf Stark zu stürzen. 

„Halt! Hände hoch!“ ertönte in diesem Augenblick eine 

scharfe Stimme. 

Dann trat hinter Stark eine kräftige Gestalt aus dem Gebüsch 

– Sheriff Coffe! 

Stark fuhr herum und schoß. Aber er drückte zu spät ab, und 

der Schuß ging vorbei. Im nächsten Augenblick traf ihn die 
Kugel des Sheriffs in den rechten Arm. Der Revolver entfiel 
der kraftlosen Hand. Und das war Hoss’ Augenblick: Er sprang 
den Feind an! 

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Beide stürzten zu Boden. Hoss hielt Stark eisern 

umklammert. Dann rief der Sheriff: „Danke, Hoss! Ich möchte 
ihn gern lebend haben!“ 

Hoss stand auf. Er begriff noch immer nicht recht, wie sich 

die Lage so plötzlich verändert hatte. Benommen reichte er 
dem Sheriff Starks Revolver, den er vom Boden aufgehoben 
hatte. „Wie kommen Sie denn hierher, Sheriff?“ 

Coffee lachte. 
„Wie i c h herkomme? Viel eher dürfte wohl ich fragen, wie 

d u herkommst! Du hast dich in eine schöne Lage gebracht und 
hättest um ein Haar eine Kugel in den Kopf bekommen.“ 

„Hm, ja, gewiß“, murmelte Hoss. „Das stimmt, aber ich 

dachte…“ 

„Ich weiß schon, was du gedacht hast!“ schnauzte der Sheriff 

ihn gutmütig an. „Du hast gedacht, ich sei zu alt und dumm, 
um einen Mörder zu überführen. Du meintest, ich hätte das 
blöde Märchen von dem Löwen geglaubt! Glaubst du, ich sei 
nicht mehr in der Lage, eine Spur zu lesen und einen Schluß zu 
ziehen? Den Striegel habe ich dort, wo du ihn vorhin entdeckt 
hast, schon vor Tagen gefunden!“ 

„Wirklich?“ staunte Hoss. 
„Allerdings! Aber ich dachte nicht daran, ihn aufzuheben und 

mitzunehmen. Sobald der Täter den Verlust bemerkte, würde 
er wiederkommen und das Beweisstück beiseite schaffen – das 
wußte ich genau!“ 

„Und Sie wußten schon lange, daß es Stark war?“ fragte 

Hoss. 

„Immerhin hatte ich ihn in Verdacht. Ich habe ihn beobachten 

lassen, habe mir meine Gedanken gemacht, und als dann Dr. 
Inman mir gestern sagte, Orton sei mit einem Messer ermordet 
worden – na, da schien mir alles ganz fein 
zusammenzupassen!“ 

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„Erstochen?“ rief Hoss erstaunt aus. „Das wußte ich ja gar 

nicht!“ 

Coffees Laune schien sich zu bessern. 
„Schon gut!“ Er lächelte. „Wenn du nur mit dem Leben 

davongekommen bist!“ Er riß Stark hoch und untersuchte die 
Verwundung am Arm. „Davon stirbt man nicht! Wo ist das 
Geld?“ fragte er barsch. 

„Was für Geld?“ 
„Na, laß nur! Ich habe es längst entdeckt: hinter einem 

Wandbrett in eurem Mietstall!“ 

Stark sackte zusammen. 
„Weshalb mußte er so viel Geld haben?“ zischte er. „Das war 

ungerecht, und ich…“ 

„Ruhe!“ donnerte der Sheriff. „Komm, Hoss, opfere ein 

Stück von deinem Hemd, damit ich ihn fesseln kann. Und dann 
hol sein Pferd! Dort drüben steht es, ungefähr zweihundert 
Meter weiter.“ 

Zwanzig Minuten später ritt Sheriff Coffee mit seinem 

grollenden Häftling davon, und Hoss galoppierte hinter der 
Jagdgesellschaft her. Vielleicht würde mancher der Männer die 
Lust an der Hetzjagd verlieren, wenn er berichtete, was mit 
Stark los war! Vielleicht könnte er damit Rimrock doch ein 
bißchen helfen… 

Noch während er über die Ebene ritt, hörte er in der Ferne die 

Hunde bellen, und erschrocken erkannte er am Klang, daß sie 
offenbar eine frische Witterung aufgenommen hatten. Er gab 
dem Pferd die Sporen. 

Als er wenig später die erste Gruppe der Jäger einholte, 

schien sich das Hundegebell noch weiter entfernt zu haben. 
Die Männer waren an einem Bach abgestiegen und tränkten 
ihre Pferde. 

„Wo ist denn die Hauptgruppe?“ fragte Hoss. 

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„Als wir uns den Bergen näherten, scheinen die Hunde irgend 

etwas gewittert zu haben“, berichtete einer der Männer. „Dann 
fielen dort drüben mehrere Schüsse, und offenbar sind die 
Hunde nach allen Richtungen auseinandergelaufen!“ 

Eilig berichtete Hoss über sein Erlebnis mit Stark. 
„Ich habe sowieso nie geglaubt, daß ein Löwe den 

Viehhändler getötet hat“, brummte einer der Männer, während 
er düster zum Bergland hinüberschaute. „Eine Gemeinheit ist 
das! Ich reite heim!“ 

Und mehrere andere nickten beifällig. 
Hoss ritt weiter. Am Fuße eines steilen Felshanges holte er 

eine zweite Gruppe ein. Die Hunde waren noch immer weit 
voraus. Die Reiter schauten den Hang hinauf und überlegten, 
wie sie ihn erklimmen könnten, ohne abzusteigen. 

„Ich kenne einen Umweg“, erklärte Hoss. „Aber er ist weit, 

und eine längere Strecke müßt ihr auch dort zu Fuß gehen!“ 

Einer der Jäger schüttelte den Kopf. 
„Wenn wir dann endlich da sind, haben die Hunde ihren 

Vorsprung noch vergrößert“, meinte er, „und mindestens vier 
neue Steilhänge werden uns von ihnen trennen.“ 

Hoss hielt sich nicht damit auf, noch einmal von Stark zu 

erzählen. 

Er sah den Männern an, daß sie ohnehin keine Lust mehr zur 

Jagd verspürten. 

„Hat einer von euch etwa einen Löwen gesehen, als vorhin 

geschossen wurde?“ fragte er beklommen. 

„Ja“, sagte einer der Männer. „Er war halb ausgewachsen, 

klemmte den Schwanz ein und sauste davon, als sei der Teufel 
hinter ihm her.“ 

„Und niemand hat ihn getroffen?“ 
„Jedenfalls habe ich nichts davon gemerkt.“ 
So schnell wie möglich ritt Hoss nach Osten, um den 

Steilhang zu umgehen. Vier der Jäger begleiteten ihn, und auch 

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von ihnen gaben zwei auf, als sie bald darauf einen 
schwierigen Felsenpfad erreichten. 

Als Hoss kurze Zeit darauf abstieg und erklärte, nun käme 

man nur noch zu Fuß weiter, strich auch der Vorletzte die 
Segel. 

Nur Hargis’ Cowboy Slim hielt durch. Zusammen mit Hoss 

kletterte er dem Klang des Hundegebells nach. 

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Verbellt! 

 
 
 

Nachdem sie den halben Hang geschafft hatten, blieb Slim 
keuchend stehen. Auch Hoss rang nach Atem. Sie ruhten sich 
ein wenig aus. Dann zuckte Hoss zusammen: Der Klang des 
Hundegebells verriet eindeutig, daß die Hunde ihr Wild 
gestellt hatten. 

Rimrock war verbellt! 
„Komm!“ Hoss trieb seinen Gefährten zur Eile an. 
Kaum hatten sie mit Mühe den ersten Hang genommen, da 

wuchs über ihnen schon der zweite auf. Dahinter aber mußten 
die Hunde sein. Keuchend kämpften sie sich weiter empor. 

Plötzlich stießen sie auf eine Gruppe Reiter, die auf der 

anderen Seite des Berghanges offenbar einen bequemeren Weg 
gefunden hatten. Hoss erkannte seinen Vater, Bruder Joe und 
Hargis. Er winkte. 

„Wo ist denn Curly Joe?“ rief Hargis. 
„Den habe ich zuletzt in Ponderosa gesehen!“ 
„Unten haben wir das Vieh aufgestöbert“, berichtete Hargis. 

„Das hat unsere Jagd ein bißchen durcheinandergebracht. Die 
Hunde waren nicht mehr zu halten. Joe ist zurückgeblieben, 
und nun wissen wir nicht, wo er steckt!“ 

„Am besten warten wir hier auf ihn“, schlug Hoss vor. 
„Weshalb?“ wandte Hargis ein. „Der Löwe ist verbellt – nur 

darauf kommt es mir an.“ 

„Aber erst muß ich euch noch etwas berichten!“ Mit wenigen 

Worten erzählte Hoss, was mit Stark geschehen war. 

„Das ist ja noch mal gutgegangen“, sagte Hargis. „Und nun 

kommt zu dem Puma!“ 

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Der Vater zog Hoss beiseite und meinte, er könne Rimrock 

nun doch nicht mehr helfen. Aber Hoss ritt weiter. 

„Bestimmt ist es dein Puma“, sagte der Vater. „Als die 

Hunde ihn aufstöberten, konnte ich ihn einmal ganz gut 
sehen.“ 

Nach kurzem Ritt mußten sie alle absteigen und das letzte 

Stück zu Fuß hinaufklettern. Als Hoss einen Blick zurückwarf, 
sah er in der Ferne Curly Joe auf seinem Maultier 
heranschaukeln. 

Auch Hargis sah ihn, aber er war zu ungeduldig, um auf den 

Gefährten zu warten. 

Entschlossen zog er das Gewehr aus der Halterung am Sattel. 
„Den brauchen wir nicht für den letzten Akt!“ 
Der Vater warf Hoss einen verständnisvollen  Blick zu und 

reichte ihm sein Gewehr. Schweren Herzens nahm Hoss die 
Waffe. 

Als einer der ersten erklomm er die Höhe. Dort drüben, unter 

einer Fichte, waren die Hunde, bellten und bissen in den 
Stamm, schnappten nacheinander, jaulten, sprangen ein Stück 
hoch… 

„Da ist er!“ schrie Slim. „Ich sehe ihn – auf dem großen Ast, 

drei Meter über dem Boden!“ 

Nun war es um Rimrock geschehen! Hoss war, als habe er 

den jungen Puma erst gestern gefunden. Deutlich sah er das 
kleine Wesen, wie es sich verzweifelt an den verschneiten 
Stamm klammerte – und wie er das Gewehr sinken ließ! 

Neben ihm hob jemand das Gewehr. Erschrocken stieß Hoss 

den Lauf beiseite. 

„Auf diese Entfernung würdest du ihn höchstens 

verwunden!“ 

Begütigend legte ihm der Vater die Hand auf die Schulter. 
„Nimm dich zusammen, Hoss!“ mahnte er. 

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Vor allen anderen kletterte Hoss den Hang hinunter, auf den 

Baum zu. Eines wußte er gewiß: er würde sorgsam zielen und 
einen einzigen Schuß abfeuern. Jawohl! Er selbst wollte der 
Schütze sein! 

Erst kurz vor dem Baum blieb Hoss keuchend stehen. Dort 

oben war der Puma, ganz deutlich sah er ihn. Beide Ohren 
hatte er angelegt, wütend fletschte er die Zähne und starrte 
grollend auf die aufgeregten Hunde hinunter. 

Aber es war gar nicht Rimrock, sondern ein ausgewachsener 

Berglöwe! 

Joe blieb neben dem Bruder stehen. 
„Das ist er ja gar nicht!“ keuchte er. 
„Nein.“ Hoss fiel ein Stein vom Herzen. 
„Halt!“ schrie Hargis. Aber der Befehl kam zu spät. 
Einer der Männer gab einen voreiligen Schuß mit dem 

Revolver ab. Der Puma wankte, fiel aber nicht herab. Hoss hob 
das Gewehr, doch dem Löwen gelang es, um den Stamm 
herumzuklettern, so daß Hoss’ Kugel ihn nicht erreichen 
konnte. 

Es regnete Fichtennadeln. Bellend rannten die Hunde unter 

dem Baum hin und her. Allmählich verlor das angeschossene 
Tier den Halt, begann zu rutschen… 

Dann fiel es zwischen die Hunde, ging unter in einem 

bellenden, kläffenden, jaulenden Wirbel. Einer der Hunde 
überschlug sich mehrmals, schrie auf und blieb leblos liegen. 

Trotz seiner Verwundung kämpfte der Puma um sein Leben. 

Die Jäger aber mußten tatenlos zuschauen, weil sie nicht 
schießen konnten, ohne auch die Hunde zu gefährden. Dreimal 
hob Hoss das Gewehr, ließ es aber immer wieder sinken. 

Zum zweiten Male verlor der Jäger, der vorhin so vorschnell 

geschossen hatte, die Nerven. Wieder knallte sein Revolver. 
Einer der Hunde sank zusammen. 

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In diesem Augenblick kam Curly Joe den Hang 

heruntergelaufen. Mit vor Wut verzerrtem Gesicht stürzte er 
sich mitten in die Meute und erlegte den Puma mit einem 
einzigen Revolverschuß. 

„Ihr Dummköpfe!“ schimpfte er dann los, indem er von 

einem der betreten niederblickenden Männer zum anderen 
schaute. „Habe ich nicht gesagt, Hargis, ihr solltet unbedingt 
auf mich warten, falls die Hunde ihn verbellten?“ 

Hargis mochte sonst noch so grob sein – diesmal wagte er 

keinen Widerspruch. 

„Schon gut, Joe“, murmelte er. „Du hast es gesagt, ja. Leider 

aber…“ 

„ Wer hat den Puma angeschossen?“ 
„Das wissen wir nicht“, murmelte Hargis. „Einer muß den 

Kopf verloren haben…“ 

„Dafür reiße ich ihn ihm von den Schultern!“ tobte Curly Joe 

weiter. „Heraus mit der Sprache: Wer war es?“ 

„Wer hätte das bei all der Aufregung feststellen können?“ 
„Blöde Hammel seid ihr alle miteinander!“ tobte der 

Hundehalter weiter. Dann betrachtete er seine Hunde: drei 
waren tot, und ein vierter schien so schwer verletzt zu sein, daß 
ihn nur noch der Gnadenschuß erlösen konnte. Aber so schnell 
gab Curly Joe nicht auf. Flink holte er Nadel und Faden hervor 
und begann, dem armen Tier den aufgeschlitzten Leib 
behutsamen und geschickt zuzunähen. Vater Cartwright und 
seine Söhne, Hargis und sein Cowboy Slim halfen ihm. Die 
anderen Teilnehmer an der wilden Jagd schlichen sich betreten 
davon. 

„Es sieht schlimm aus!“ murmelte Hoss mitleidig, während er 

dem Tier den Kopf hielt. 

„Er hat schon Schlimmeres überlebt!“ knurrte der 

Hundehalter. „Wer war denn nun der Idiot, der den Löwen 
angeschossen und nur verwundet hat?“ 

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„Das weiß ich wirklich nicht“, erwiderte Hoss. 
„Es tut mir leid, daß Sie solchen Schaden haben“, versicherte 

Hargis. „Natürlich werde ich Ihnen die Hunde bezahlen.“ 

Curly Joe schüttelte den Kopf. 
„Meinen Sie etwa, Geld könne einen guten Jagdhund 

ersetzen?“ 

Hargis hob bedrückt die Schultern. 
„Schließlich kann ich die Tiere nicht wieder zum Leben 

erwecken“, murmelte er. 

Auch Hoss war mit dem Ausgang der Jagd ganz und gar nicht 

zufrieden: drei tote Hunde, ein mühsam erlegter Puma – das 
alles schien keine Ruhmestat zu sein! 

Vorsichtig trug Curly Joe den verletzten Hund zu den Pferden 

hinüber. Er war offenbar auf solche Unfälle vorbereitet, denn 
er holte eine zusammengerollte Hängematte hervor, knüpfte 
die beiden Enden so um eine Stange, daß man den winselnden 
Hund in das provisorische Bett legen konnte, nahm es auf und 
ging zu Fuß davon, das Maultier am Zügel führend. 

„Wir begleiten ihn, Slim und ich“, sagte Hargis. „Um seine 

Hunde tut es mir wirklich leid!“ 

Vater und Söhne schauten ihnen nach. Ben Cartwright ließ 

den Blick über das Land gleiten, das sich drunten erstreckte. 

„Man sollte meinen, es gäbe Platz genug für uns alle“, 

murmelte er. „Für Menschen, Viehherden und wilde Tiere, die 
immerhin als erste hier waren – und sogar für die Berglöwen!“ 

Hoss und Joe sagten nichts. Schweigend blickten auch sie in 

die weite Ebene hinunter. 

„Der Puma, den ich unten gesehen habe, war ganz bestimmt 

dein Rimrock, Hoss!“ fügte der Vater mit ruhiger Stimme 
hinzu. „Die Hunde müssen ihn verloren haben, als sie die 
Witterung der großen Raubkatze aufnahmen. Vielleicht wird er 
nun doch noch groß – ein richtiger, wilder Puma!“ 

„Das habe ich immer gehofft.“ Hoss lächelte erleichtert. 

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Der Vater ergriff die Zügel seines Pferdes. 
„Du mußt ja zu Fuß zu deinem Pferd zurück“, sagte er. „Wir 

treffen uns unten!“ 

Bergab kam Hoss langsamer vorwärts als vorhin bergauf, 

aber er hatte es nun gar nicht mehr eilig. Curly Joe würde so 
bald seine Meute nicht mehr für eine Löwenjagd zur 
Verfügung stellen. Rimrock hatte also die Möglichkeit, sich an 
das Leben in der Wildnis zu gewöhnen. 

Endlich erreichte Hoss die Pferde. Er schwang sich in Paiutes 

Sattel und führte Slims Tier am Zügel. 

Kaum zehn Minuten später erblickte er Rimrock! Der Puma 

kauerte auf einem großen Felsbrocken und schaute zu ihm 
herunter. 

„Um Gottes willen!“ rief Hoss erschrocken. „Wenn du mir 

nun wieder nachläufst…“ 

Einen Augenblick lang überlegte er, ob er Rimrock vielleicht 

erschrecken sollte, indem er ganz dicht neben ihm das Gewehr 
abschoß. Aber dann begnügte er sich damit, dem jungen Tier 
empörte Vorwürfe zuzurufen. Abschließend wollte er 
erproben, ob seine Worte die richtige Wirkung gehabt hatten. 

„Komm, komm, Rimrock!“ lockte er. 
Der Berglöwe sprang herunter und verschwand für einen 

Augenblick hinter allerlei Geröll. Hoss schlug sich vor die 
Stirn. 

„Was für eine Verrücktheit!“ schalt er sich. „Nun habe ich 

ihn wieder auf dem Hals!“ 

Aber Rimrock kam gar nicht zu ihm! Vielmehr zeigte er dich 

erst wieder in einiger Entfernung, und Hoss schaute ihm nach, 
wie er einen steinigen Hang erklomm. Noch einmal rief Hoss – 
mit dem Erfolg, daß Rimrock noch schneller fortlief! 

Offenbar hatte er nun doch gemerkt, wo seine Heimat war. 

Hunde, Pferde, Gebrüll und Getrampel – all das Schreckliche, 
das einen erwartete, wenn man den Menschen zu nahe kam… 

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Nein, Rimrock lief nun dahin, wohin er in Wirklichkeit 
gehörte! 

Hoss riß das Gewehr hoch und schoß zwischen die 

Felsblöcke, mindestens dreißig Meter an dem Puma vorbei, 
Schuß auf Schuß, bis das Magazin leer war. 

Lauf, Rimrock, lauf [dachte er. Und begreife, daß von nun an 

jeder Mensch dein Feind ist! Zeige dich nie einem Menschen, 
sondern laufe davon und führe dein eigenes Leben, für das du 
geboren wurdest! 

Als der letzte Schuß verhallte, war Rimrock nicht mehr zu 

sehen. Eine lange Weile schaute Hoss in die leblose, steinerne 
Bergwelt hinauf – und in seinem Gesicht spiegelten sich 
Erleichterung und Schmerz. 
 
 
 

Ende 

 


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