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IMPRESSUM

Sturzflug ins Glück erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/60 09 09-361
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Thomas Beckmann

Cheflektorat:

Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)

Lektorat/Textredaktion:

Veronika Matousek

Redaktionsleitung:

Claudia Wuttke

Grafik:

Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

Erste Neuauflage by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg,
in der Reihe: Digital Edition

© 2007 by Cora Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY LIEBEN & LACHEN
Band 38 - 2007 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Umschlagsmotive: Stockbyte / Thinkstock, Kotenko Oleksandr / Shutterstock

E-Book-Produktion: 

GGP Media GmbH

, Pößneck

ISBN 9787373380274

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten
mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY

 

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1. KAPITEL

Eine  meerblau-sandgelb  lackierte  Maschine  stieg  über  dem  Flughafen  Berlin-Schönefeld  in  den
strahlenden  Sommerhimmel  auf.  Patrick  Lister  warf  sich  die  Pilotenjacke  über  die  Schulter.
Dieser Hauch von Flugbenzin in der Luft, die dröhnenden Triebwerke in den Ohren – er wusste,
dass er sich den besten Beruf der Welt ausgesucht hatte. Die 8-Uhr-Maschine von  HolidayJet war
schon in der Luft, er musste sich beeilen. Während Patrick in Richtung des Abfertigungsgebäudes
hastete,  schaute  er  mit  einem  Lächeln  der  Maschine  nach  La  Palma  nach.  Der  Kollege  am
Steuerhebel  drehte  ungewöhnlich  früh  nach  Süden  ab,  sicher,  weil  heute  stärkere
Windgeschwindigkeiten  als  gestern Abend  herrschten,  als  Patrick  spät  von  Zürich  gelandet  war.
Bald waren nur noch weiße Kondenswasserstreifen am Himmel zu sehen.

Wenn es die Schweiz nicht gäbe, dann wäre Patrick Lister nie Pilot geworden. Eigentlich war

die  Bergsteigerleidenschaft  seines  Vaters  Schuld.  Der  Brückenbauingenieur  hatte  den  damals
sechzehnjährigen Teenager zwei Jahre nach der Wende, als es endlich möglich war, von Leipzig in
die Berge geschleppt. In den blühenden Alpenlandschaften hoch über der Welt hatte Patrick zum
ersten  Mal  gespürt,  was  Freiheit  bedeuten  konnte.  Er  erinnerte  sich  genau  daran,  als  die  Gondel
der Bergbahn im gleißenden Sonnenlicht über den Gletscher bergauf glitt. Die Schwerkraft schien
wie aufgehoben, die Wolken fast zum Greifen nah, da tauchte vor ihm das mächtige Matterhorn
auf. In diesem Moment hatte Patrick beschlossen, Pilot zu werden.

In der Abfertigungshalle herrschte Hochbetrieb. Die Ferienzeit hatte begonnen, und HolidayJet

erzielte  einen  Buchungsrekord  nach  dem  anderen.  Patrick  war  froh  über  die  vielen  zusätzlichen
Flüge  in  seinem  Flugplan.  Er  war  in  der Ausbildung  und  musste  noch  etliche  Pflichtstunden  als
Co-Pilot  absolvieren,  bevor  er  seinen  ersten  Flug  als  Kapitän  fliegen  durfte. Acht  Monate  noch,
vielleicht  sechs,  dann  hatte  er  alle  Pflichtflüge  für  den  abschließenden  Stempel  zusammen  und
war endlich fertig mit der langen und teuren Ausbildung.

Die  Schlangen  vor  den  vier HolidayJet  –  Schaltern  reichten  fast  bis  zu  den  gläsernen

Schiebetüren. Patrick reckte den Hals, um zu sehen, wer vom Bodenpersonal Dienst hatte. Doch er
konnte nicht erkennen, ob Melanie oder Kira oder vielleicht eine von den Neuen eingeteilt war. An
der  Eingangssperre  für  den  Personalbereich  stand  eine  Traube  der  dunkelviolett  gekleideten
Stewardessen  einer  Konkurrenz-Airline.  Patrick  winkte  einer  Rothaarigen  zu,  mit  der  er  schon
mehrmals Kaffee getrunken hatte. Wie hieß sie noch mal? Iris? Oder doch Irene? Er verlangsamte
seine Schritte und wartete in der Nähe der Schalter, bis die Eingangssperre frei war.

In der Warteschlange fiel ihm eine junge Frau auf, die sich ein rosa Handy ans Ohr drückte. An

ihrem  Handgelenk  baumelte  ein  glitzerndes  Kettchen,  sie  trug  eine  eng  anliegende  hellgrüne
Sweatshirt-Jacke und einen karierten, kurzen Rock. Sehr kurz sogar, wie Patrick mit Kennerblick
bemerkte.  Das  Kleidungsstück  gab  den  Blick  frei  auf  lange,  gebräunte  Beine  mit  genau  der Art
von  festen  Schenkeln,  die  Patrick  zum  Wahnsinn  treiben  konnten.  Solche  Schenkel  deuteten  auf
ein Rennrad hin, das oft benutzt wurde, und auf durchtanzte Nächte. Oder Venus hatte dieser Frau
solche  Beine  einfach  als  Geschenk  mit  in  die  Wiege  gelegt.  Während  Patrick  so  tat,  als  ließe  er
den  Blick  über  die  Schlange  schweifen,  musterte  er  die  Frau  genauer.  Groß  war  sie,  mindestens
ein Meter fünfundsiebzig, und damit ein wenig größer als er. Die meisten Frauen, auf die Patrick

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stand,  waren  größer  als  er.  Man  konnte  eben  nicht  alles  haben,  tröstete  er  sich.  Er  hatte  Glück
gehabt, dass nach der Wende die EU-Regeln für die Pilotenausbildung eingeführt wurden und die
vorgeschriebene  Mindestgröße  für  Piloten  genauso  wie  für  Stewardessen  auf  eine
durchschnittliche  Größe  gesenkt  wurde.  Körpergröße  hatte  nun  wirklich  nichts  damit  zu  tun,  ob
jemand  ein  guter  Pilot  war,  ganz  im  Gegenteil.  Patrick  hatte  gestandene  Piloten  kennen  gelernt,
kleiner als er selbst, mit dreihundert Langstreckenflügen und mehr auf dem Buckel. Mit seinen ein
Meter zweiundsiebzig lag er sogar noch ein paar Zentimeter über der EU-Mindestnorm. Doch den
meisten großen Frauen war er zu klein. Ins Gesicht hatte es ihm noch keine gesagt, aber er sah es
in  den  bedauernden  Blicken,  mit  denen  sie  seinen  muskulösen  Körper  –  immerhin  hatte  er
jahrelang Judo trainiert – taxierten.

Patrick  senkte  den  Blick,  damit  die  Frau  nicht  bemerkte,  dass  er  sie  beobachtete.  Doch  sie

schien  ganz  in  ihr  Telefonat  vertieft  zu  sein.  Sie  war  vielleicht  fünf  Jahre  jünger  als  er.  Mit  der
frechen  Stupsnase  und  den  energischen  Bewegungen,  mit  denen  sie  ihre  grüne  Reisetasche  vor
sich  herschob,  machte  sie  einen  sympathischen  Eindruck.  Kurz  lächelte  sie  einer  korpulenten
älteren Dame vor ihr in der Reihe zu, und das Lächeln verzauberte ihr Gesicht. Patrick hätte sie
gerne angesprochen. Diese makellosen Beine schrien förmlich danach, dass man sie berührte und
sanfte Fingerspitzen an ihnen hinab bis zum Rand der hohen Lederstiefel gleiten ließ …

Ah,  er  hatte  doch  zu  auffällig  gestarrt.  Er  spürte,  dass  sie  ihn  anschaute.  Langsam  hob  er  den

Kopf,  nickte  ihr  wie  beiläufig  zu.  Ein  Blick  aus  grünblauen  Augen  traf  ihn.  Sie  wusste  genau,
wohin er die ganze Zeit gesehen hatte. Patrick wurde heiß, und er musste an sich halten, damit er
nicht mit einer verräterischen Geste den Kragen des meerblauen Hemds, Standardausstattung bei
HolidayJet, lockerte. Die Frau drückte eine Taste auf dem Handy, offensichtlich war das Gespräch
beendet. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, doch ihr grünblauer Blick war ganz bei ihm. Sie
lächelte nicht, schaute nicht weg, nicht einmal die Wimpern senkten sich über ihre Augen. Dann
rückte die alte Dame einen halben Meter nach vorn, und die junge Frau folgte ihr. Hinter ihr schob
ein Mann mit einem aufdringlich gelben Schlips seinen riesigen Alukoffer weiter und stellte sich
genau so hin, dass er Patrick die Sicht auf den Check-in-Schalter versperrte. Mist.

Die Uhren auf dem Flughafen schienen sich alle gegen sie verschworen zu haben. Annika Frinx

drehte  sich  um  und  starrte  auf  die  digitale  Zeitanzeige,  die  neongrün  auf  schwarz  über  der
gegenüber  liegenden  Schalterreihe  prangte.  Ihre  Handyuhr  ging  offensichtlich  falsch,  denn  die
offizielle  Flughafenuhr  verkündete,  dass  es  schon  8:32  Uhr  war.  Es  blieben  noch  dreiundfünfzig
sichere  Minuten  auf  dem  Berliner  Boden,  bis  ihr  Flug  nach  Spanien  ging.  Dann  würde  die
Maschine  die  Startbahn  verlassen  und  abheben,  mit  der  Spitze  hochschießen  in  den  unendlichen
Himmel. Annika  sah  das  Flugzeug  schon  von  Turbulenzen  geschüttelt  kilometertief  nach  unten
sacken,  Sauerstoffmasken  würden  ihr  entgegenfallen,  ein  Inferno  aus  Rauch  und  Feuer,  es  war
völlig klar, dass sie heute über den Pyrenäen abstürzen würde …

Annika  biss  sich  auf  die  Lippen.  Nicht  daran  denken.  Weitaus  weniger  Menschen  kamen  bei

einem Flugzeugabsturz ums Leben als beim Überqueren einer Straße. Die Trainerin in dem Anti-
Flugangst-Seminar  hatte  ihnen  Statistiken  vorgelegt,  die  wirklich  überzeugend  aussahen.  Doch
Annika  hatte  nicht  verhindern  können,  dass  ihr  trotzdem  tausend  zweifelnde  Fragen  durch  den
Kopf  schossen:  Bezogen  sich  die  Statistiken  auf  Straßenüberquerungen  mit  Zebrastreifen  oder

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ohne,  mit  Ampeln  oder  ohne?  Waren  die  verunglückten  Menschen  vielleicht  einfach  bei  Rot
gegangen, weil sie jemand böswillig abgelenkt hatte? Wurden Selbstmörder, die sich mit Absicht
vor heranfahrende Autos geworfen hatten, auch berücksichtigt?

Annika seufzte. Wenn sie sich beim Fliegen wenigstens nach rechts und links, und dann noch

einmal nach rechts umschauen könnte, wie sie es in der 1. Klasse als ABC-Schützin gelernt hatte,
dann  ginge  es  ihr  schon  viel  besser.  Doch  stattdessen  musste  sie  sich  darauf  verlassen,  dass
irgendein  Pilot  sich  in  diesem  unendlichen  Himmel  auskannte  und  wusste,  wohin  er  den  Flieger
steuerte, damit sie wirklich heil nach Barcelona kam.

Vor ihr am Schalter gab es ein Problem mit dem Handgepäck. Vorschriftsgemäß hatte die nette

Dame  mit  der  Wolljacke  ihre  Medikamente  in  einem  durchsichtigen  Plastikbeutel  verstaut,
trotzdem stimmte etwas nicht.

„Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, aber Sie dürfen keine Flaschen mit Flüssigkeit mit in die

Kabine  nehmen.“  Die  junge  Frau  mit  dem  kurz  geschnittenen,  blonden  Lockenkopf  war  die
Geduld in Person, sie sprach ruhig und freundlich. „Wir versorgen Sie an Bord ganz bestimmt mit
so viel Wasser wie Sie wollen.“

Die Dame schüttelte den Kopf. „Aber das Wasser ist bloß für meine Herzmedikamente. Sechs

Mal am Tag muss ich eine Pille einnehmen, alle drei Stunden, junges Fräulein. Und das fällt leider
mitten in die Flugzeit.“

Annika  musste  lächeln,  als  die  Dame  mit  festem  Griff  ihre  Wasserflasche  nicht  aus  der  Hand

gab,  die  die HolidayJet  –  Angestellte  ihr  abnehmen  wollte.  Annika  liebte  diese  alten  Berliner
Witwen mit ihrem überkandidelten, immer ein wenig zum Schrillen neigenden Kleidungsstil. Die
Dame  trug  einen  Kostümrock  aus  Kaschmir,  den  sie  mit  einer  grob  gestrickten  Wolljacke
kombiniert  hatte.  Unmöglich,  würde  Annikas  Mutter  sagen,  die  nichts  auf  ihren  angestammten
Düsseldorfer Schick kommen ließ. Aber Berlin war eben Berlin, nicht umsonst kamen die wirklich
innovativen Ideen und Modetrends aus der Hauptstadt und nicht vom Rhein.

Annika blickte auf die digitale Flughafenuhr: 8:41. Die Minuten verstrichen unerbittlich, selbst

wenn die Abfertigung der Passagiere durch das Wasserflaschen-Problem aufgehalten wurde. Das
wohlbekannte, matschige Gefühl machte sich in ihren Knien breit. Wie sollte sie so die Gangway
hochkommen?  Annika  fühlte  schon  die  Enge  im  Flieger,  der  immer  voll  besetzt  war.  Eine
Sekunde lang mutierte die nette Blonde am Check-in zu einer Roboterfrau wie die Stewardessen,
wenn  sie  gelangweilt  die  lebensrettenden  Sicherheitsvorkehrungen  durchgingen. Ablenken,  hatte
die  Trainerin  ihnen  geraten,  wenn  die  Panik  hochkam:  ablenken,  sich  beschäftigen,  an  etwas
anderes denken, an etwas Schönes.

Sie  schaute  sich  in  der Abfertigungshalle  um. An  der  Staff-Absperrung  ein  paar  Meter  weiter

wartete noch immer dieser Pilot, der vorher so unverschämt ihre Beine angestarrt hatte. Nun war
sich Annika durchaus bewusst, dass ihre Beine optisch mit das Beste an ihr waren. Ansonsten war
sie natürlich zu groß. „Das bleibt so, gewöhne dich dran“, hatte ihre Mutter ihr gleich gesagt, als
ihr  Körper  mit  elf  plötzlich  anfing  zu  wachsen  und  nicht  mehr  aufhören  wollte,  bis  sie  sogar
größer als ihr großer Bruder war. Inzwischen hatte sie sich damit abgefunden. Ein Trost, dass sie
immerhin  auf  den  Zentimeter  gleich  groß  wie  Naomi  Campbell  war.  Und  es  gab  genug  Männer,
die auf ihre langen Beine standen.

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Der Pilot in der meerblauen, mit sandgelben Plissen abgesetzten Uniform flog offenbar auch für

HolidayJet. Gerade redete er mit einer zierlichen Stewardess, die angesichts ihres dunkelvioletten
Outfits  zu  einer  andern  Gesellschaft  gehören  musste.  Annika  kniff  die  Augen  zusammen  und
schätzte  die  Größe  der  Flugbegleiterin,  höchstens  ein  Meter  achtundfünfzig.  Dagegen  hatte  sie
keine Chance, das war die ideale Ein-Kopf-kleiner-Proportion.

Schade,  der  Pilot  war  total  ihr  Typ.  Drahtig,  energisch, kein  Dreitagebart,  dunkel,  dazu  dieser

offene, fast freche Blick, mit dem er sie vorhin angeschaut hatte. Und er war … klein. Zumindest
für einen Mann. Größe war relativ, die ideale Größe erst recht. Es war das Dilemma in Annikas
Liebesleben:  Sie  stand  einfach  auf  kleinere  Männer.  Nicht,  weil  sie  gern  auf  ihren  Lover
herunterschaute, so viel größer war sie ja auch wieder nicht. Aber sie liebte es, wenn der Mann im
Bett  neben  ihr  genau  zu  ihrem  Körper  passte,  Schultern  an  Schultern  und  Oberschenkel  an
Oberschenkel.  Keine  zu  langen  Arme,  die  sich  fast  zweimal  um  sie  wickelten,  als  sei  sie  ein
Postpaket, kein Kinn, unter das sie ihren Kopf quetschen musste. Große Männer kamen meistens
nur  als  schlaksige,  dürre  Kerle  daher,  die  immer  halb  neben  sich  standen,  oder  in  der
muskelbepackten Variante, die eh die gesamte Freizeit mit Bodybuilding verbrachte.

Vor ihr am Schalter blickte die alte Dame ihrer vollen Wasserflasche nach, die die  HolidayJet –

Frau nun doch mit einem geübten Wurf in die für derlei Fälle aufgestellte Tonne warf. Dann griff
die Berlinerin sich Ausweis und Ticket und ging mit zielsicherem Schritt und erhobenem Kopf zu
den Gates. Die hat bestimmt keine Angst vorm Fliegen, ging es Annika noch durch den Kopf, dann
war sie an der Reihe.

„Herr Lister, könnten Sie mal kurz herüberkommen.“ Melanies Stimme hätte Patrick noch im

größten  Trubel  erkannt.  Die  Chefin  des  Bodenpersonals  verlor  einfach  nie  die  Nerven.  Vor  ein
paar Wochen hatten die Buchungscomputer Freitagabend drei Stunden lang verrückt gespielt, aber
Melanie  hatte  mit  ihren  klaren  Durchsagen  allen  wartenden  Passagieren  das  Gefühl  vermittelt,
dass HolidayJet  sie  rechtzeitig  in  den  sonnigen  Süden  bringen  würde.  Sie  hatte  die  perfekte,
Vertrauen einflößende Stimme für ihren Job, bei dem man dauernd mit gestressten und nervösen
Menschen  zu  tun  hatte.  Für  Patrick  wäre  das  nichts.  Höhenangst  oder  Flugphobie  waren
gefühlsmäßige Fremdwörter für ihn, er konnte sich einfach nicht vorstellen, warum es jemandem
Angst machen sollte, völlig frei und leicht über den Wolken im Sonnenlicht zu schweben.

Er ging auf den Schalter zu, wo Melanie ihm mit einem Ticket in der Hand zuwinkte. Direkt vor

dem  Schalter  stand  die  Frau  im  hellgrünen  Sweatshirt.  Patrick  verkniff  sich  den  Blick  zu  den
langen  Beinen.  Das  rosa  Handy  war  verschwunden,  dafür  hielt  die  Frau  ihren  Reisepass  in  den
Händen. Sie war wirklich sehr attraktiv, doch ihre Finger zitterten. Als Co-Pilot hatte Patrick oft
mit den Passagieren zu tun, deshalb spürte er sofort, dass hier etwas nicht stimmte. Er strahlte sie
– ganz Profi – mit seinem breitesten Pilotenlächeln an.

Melanie,  die  mit  ihrem  kurzen  Lockenschopf  wie  ein  kleiner  Kobold  aussah,  nickte  ihm  zu.

„Frau Frinx würde gern einen Upgrade in die Holiday-Premium-Class machen, aber leider sind die
zwölf Plätze in der ersten Klasse ausgebucht.“

„Ich habe gehört, das Flugzeug ist sehr voll.“ Die Frau machte eine unbestimmte Geste über die

Abfertigungshalle,  in  der  es  vor  Menschen  wimmelte.  „Die  Enge  in  der  Economy,  ich  komm
damit nicht so gut zurecht … Es wäre sehr nett, wenn Sie mir helfen könnten.“

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Ein bittender grünblauer Blick glitt über seine Uniform. Patrick fuhr unwillkürlich ein Schauer

über  den  Rücken.  Trotzdem  fragte  er  sich,  warum  diese  Frau  Frinx  überhaupt  Economy  gebucht
hatte, wenn sie mehr Raum für ihre langen, wohl geformten Beine brauchte.

„Ja?“,  sagte  er  gedehnt  und  stellte  sich  direkt  neben  Melanie.  Die  erste  Klasse  war  bei

HolidayJet  nie  ausgebucht.  Wer  beim  Fliegen  Wert  auf  gehobenen  Komfort  und  erste  Klasse
legte, der buchte selten bei einer Billig-Airline.

Melanie  schob  ihm  die  Reiseunterlagen  hin.  „Vom  Ticket  her  geht  es  in  Ordnung“,  sagte  sie

leise,  deutete  dabei  mit  dem  sandgelb-meerblauen  Kugelschreiber  aber  nicht  auf  das  Ticket,
sondern auf den internen Flugplan. Eigentlich hatte der Flugplan nichts an den Passagierschaltern
zu suchen, und Patrick fragte sich, was Melanie ihm wohl damit andeuten wollte. Dann sah er es:
Bei  den  Stewardessen  war  der  Name  Ursini  gestrichen.  Er  blickte  rasch  auf  das  Datum  des
Ausdrucks. Jenny hatte sich schon vor drei Tage krank gemeldet. Melanie nickte unauffällig, sie
wusste genau wie er, dass das kein Zufall war. Aber warum hatte ihm niemand Bescheid gesagt?

Patrick  und  Jenny  Ursini  vermieden  es,  dass  sie  für  denselben  Flug  eingeteilt  wurden.  Leider

klappte  es  nicht  immer,  auch  wenn  die  Kollegen  sie  so  gut  es  ging  unterstützten.  Niemand  war
scharf auf die eisige Stimmung, die plötzlich einsetzen konnte, wenn Patrick und seine Exfrau sich
im  Flieger  begegneten.  Dabei  waren  sie  schon  seit  dreieinhalb  Jahre  geschieden.  Er  hatte  die
blonde Jenny mit der Model-Figur in Frankfurt kennengelernt, als sie beide dort in der Ausbildung
waren.  Sie  lernte  Stewardess  bei  der  Lufthansa,  er  war  bei  einem  Lehrgang  zum  Thema
Radionavigation.  Sie  verliebten  sich  Hals  über  Kopf  und  heirateten  nach  vier  Wochen.  Patrick
bereute die stürmischen Tage und Nächte nicht, aber sie waren einfach zu jung gewesen. Als dann
der Alltag mit Fernbeziehung, seine vielen Lehrgänge und Jennys ständig wechselndem Flugplan
über sie hereingebrochen war, hatten sie immer öfter Streit bekommen. Nach zwei Jahren war es
aus  gewesen,  Scheidung.  Und  wie  um  sich  an  ihnen  beiden  für  ihren  jugendlichen  Leichtsinn  zu
rächen,  hatte  das  Schicksal  sie  kaum  acht  Monate  nach  der  Trennung  zur  selben  Airline
verschlagen.

„B4 ist noch frei“, sagte Melanie, wobei sie ihm, von der Reisenden unbemerkt, leicht auf den

Fuß trat. Nun fiel bei Patrick endlich der Groschen. Der B4 war eigentlich immer bis zur letzten
Minute  für  die  Chefetage  reserviert,  weil  sie  in  Barcelona  gerade  ein  Wartungscenter  für  die
Spanienflüge aufbauten.

„Dann  geben  wir  Frau  Frinx  doch  einfach  den  B4  in  der  Premium  Class“,  sagte  er.  Jenny  als

Chefstewardess  hätte  niemals  geduldet,  dass  ohne  dringenden  Grund  die  Regeln  unterlaufen
wurden.  Doch  der  Flieger  ging  in  einer  guten  halben  Stunde,  und  Patrick  wusste  aus  gut
unterrichteten Quellen im Management, dass beim Wartungszentrum gerade Baustopp herrschte.
Er  nickte  Melanie  zu  und  lächelte  für  Frau  Frinx  das  Extra-Wochenend-Ferienflug-Lächeln.  So
hieß das bei HolidayJet, wenn man es wirklich ernst meinte, und er meinte es wirklich ernst. „Mit
besonderen Empfehlungen des Cockpits.“

„Vielen Dank. Brauchen Sie meine Kreditkarte für den Upgrade?“
Der  Stimme  der  Frau  war  Erleichterung  anzuhören.  Patrick  war  sich  sicher,  dass  es  hier  nicht

um zu enge Sitze und zu wenig Fußraum ging. So eng bestuhlt waren die neuen Ferienflieger von
HolidayJet schließlich gar nicht. Aber um was ging es dann? Er schaute zu, wie die Reisetasche

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abgefertigt wurde. Lange würde sie nicht in Barcelona bleiben, die hellgrüne Stofftasche erschien
ihm winzig.

„Ich checke Sie als Economy ein. Alles andere erledigt Herr Lister dann für Sie an Bord.“
Patrick  stellte  sich  näher  an  den  Counter  und  versuchte,  den  Vornamen  im  Computer  zu

erkennen.

„Herr Lister?“ Melanies dunkle Stimme klang ein klein wenig ungeduldig.
„Ja?“  Annika  hieß  sie,  Annika  Frinx.  Adresse  –  was  denn?  Patrick  drehte  sich  erstaunt  zu

Melanie, die ihm schon wieder auf den Fuß trat, aber stärker diesmal.

„Braucht  Flug  251  nach  Barcelona  nicht  einen  Co-Piloten?  Es  ist  fünf  nach  neun.“  Der  kleine

Kobold grinste ihn an. Melanie hatte natürlich Recht, er war spät dran.

„Bin schon weg. Danke.“ Er nickte Frau Frinx – Annika – zu. „Wir sehen uns gleich. Ich muss

leider durch einen anderen Security-Check.“ Patrick deutete hinter sich auf den Staff-Eingang.

Sie  lächelte.  Das leider  war  ihm  mehr  oder  weniger  herausgerutscht,  doch  sie  hatte  es

offensichtlich gehört. „Bis gleich.“ Die grünblauen Augen blitzten, dann nahm sie ihre Bordkarte
und  steckte  sie  in  den  Plastikbeutel.  Außer  dem  Ausweis  befanden  sich  nur  eine  braunes
Glasfläschchen  und  ein  Buch  darin. Als Annika  Frinx  langsam  zum  Eingang  für  die  Passagiere
ging, versuchte Patrick noch, den Titel zu erkennen, irgendetwas mit Fliegen leicht  …  dann  war
sie  zu  weit  weg.  Er  starrte  ihr  nach,  als  sie  wie  eine  grüne  Erscheinung  mit  Schottenrock  die
Abfertigungshalle durchquerte.

Was für Beine! Wie sollte ein Pilot da an Basis-Check und Abhaklisten denken? Nach dem Start

hatten sie auf Autopilot umgestellt, dann war Patrick in die Kabine gegangen. Als Co-Pilot war er
für den Cabin-Check verantwortlich. Er stand hinter den Stewardessen an den Mikrowellen für die
Heißgetränke.

„Der Businesstyp mit dem gelben Schlips in der Premium hat mich jetzt schon drei Mal nach

dem vegetarischen Menü gefragt, richtig fies. Dabei hatten wir noch nicht mal die Türen richtig
zu.  Ich  habe  ihm  schon  erklärt,  dass  ich  erst  nach  dem  Start  servieren  darf“,  sagte  Sariyeh  und
deutete unauffällig zu der Sitzreihe.

„Der  sieht  nicht  wie  ein  Touri  aus.  Sei  lieber  total  höflich,  das  ist  bestimmt  ein  Quality-

Supervisor.  Ich  hab  gehört,  dass  es  wieder  mehr  geheime  Überprüfungen  geben  soll.“  Tanja
räumte die in Alu verpackten Mahlzeiten in die Mikrowelle.

In letzter Zeit hatte es ziemlich viele Neueinstellungen bei HolidayJet gegeben. Die heimlichen

Prüfer  von  Quality  Control  konzentrierten  sich  bestimmt  auf  das  Service-Verhalten  der  Cabin-
Crew. Patrick räusperte sich. „Und, ist er bis jetzt zufrieden?“

„Ich hab noch nicht wieder nach ihm geschaut.“ Tanja zuckte leicht mit den Schultern.
„Dann  hole  das  mal  nach,  okay?“,  sagte  Patrick.  Er  selbst  wollte  nach  Annika  Frinx  auf  B4

schauen, die ihm nicht aus dem Kopf ging.

Die langen Beine waren nicht zu übersehen, selbst wenn Annika Frinx auf ihrem Erste-Klasse-

Sitz  nicht  recht  glücklich  aussah.  Sie  klammerte  sich  an  den  Lehnen  fest  und  saß  steif  in  den
Polstern. Sie war sehr blass.

Patrick beugte sich zu ihr. „Hallo, Frau Frinx. Ist Ihnen nicht gut?“
Mit einem abwesenden Blick schaute sie ihn an, dann quälte sich ein Lächeln auf ihre Lippen.

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„Geht so. Meine Tasche, da ist …“ Sie wollte sich aufrappeln. Patrick kam ihr zuvor und öffnete
das Overhead Compartment über dem Sitz.

„Die Ledertasche, bitte.“
Der Mann neben ihr erhob sich. „Wo ist die Toilette, bitte?“
„Gleich hier vorn.“
Patrick ließ ihn in den Gang treten, dann stand Annika Frinx neben ihm und lugte in die Ablage.

Sie hielt sich an der Kopfstütze des Sitzes fest. Schwankte sie? Der Frau war sicher übel. Patrick
schickte  Sariyeh  einen  auffordernden  Blick,  die  schaute  aber  absichtlich  woanders  hin.  Auch
Tanja war verschwunden. „Ihre Tasche.“

„Ich hole mir nur meine Bachblüten gegen die Aufregung.“
„Wollen Sie nicht lieber ein Glas Wasser?“
Annika  schüttelte  den  Kopf,  fiel  kurz  gegen  seine  Schulter.  Er  stützte  sie,  hielt  aber Abstand.

Tuchfühlung  mit  Passagieren,  besonders  mit  weiblichen  Passagieren,  das  war  immer  heikel.  Sie
kramte  in  ihrer  Ledertasche,  zog  den  Plastikbeutel  hervor  und  nahm  schließlich  ein  braunes
Glasfläschchen heraus. Dann schaute sie sich irgendwie irritiert um, schluckte sichtbar und tastete
sich zurück in den Sitz.

„Alles in Ordnung, Frau Frinx?“
„Ach, jetzt bräuchte ich doch ein Glas Wasser.“
„Kein  Problem.“  Patrick  schaute  sich  um,  nur  war  immer  noch  keine  der  Stewardessen  zu

sehen.

„Müssen  Sie  nicht  eigentlich  fliegen?“,  fragte  Annika.  Ganz  kurz  strahlte  ein  hinreißendes

Lächeln in ihrem Gesicht auf.

„Mein  Kollege  hat  das  alles  im  Griff,  keine  Angst.“  Er  schaute  erneut  über  die  Sitzreihen.

Seltsam,  eine  Stewardess  war  eigentlich  immer  für  die  erste  Klasse  verantwortlich.  Von  der
vorderen  Toilette  kam  mit  schwankenden  Schritten  der  Nachbar  von  Annika  zurück.  Patrick
machte Platz, um ihn ans Fenster zu lassen. Der Herr warf ihm einen missmutigen Blick zu.

Leise  raunte  Patrick  Annika  zu:  „In  zwei  Stunden  sind  wir  in  Barcelona,  versprochen.  Sie

schaffen das schon. Okay?“

„Ja,  okay,  wirklich.  Fliegen  Sie  ruhig  weiter.“  Sie  schloss  die  Augen,  hielt  dabei  aber  das

Bachblütenfläschchen  verkrampft  in  der  einen  Hand.  Patrick  hatte  das  deutliche  Gefühl,  das
irgendetwas gar nicht okay war.

Ganz  plötzlich  tauchte  wie  aus  dem  nichts  Tanja  mit  einem  Tablett  auf.  „Wir  servieren  heute

als Cocktail in der Premium Class einen Caribbean Hurricane. Mit oder ohne Alkohol.“

„In meinem Kopf ist schon Hurrikan genug“, murmelte Annika mit geschlossenen Augen.
Patrick schaute von Sariyeh zu der Passagierin, die sehr blass und regungslos dasaß. Auf einmal

kapierte  er,  was  hier  lief.  Die  Flugangst  dieser  Annika  Frinx,  Tanjas  Aufregung  über  das
vegetarische Menü für den Geschäftsmann, das war alles nur gespielt!

In  seinem  Kopf  schwirrten  die  Geschichten  umher,  die  in  der  Ausbildung  über  die

unangekündigten,  gefürchteten  Service-Bewertungen  erzählt  worden  waren.  Schwangere  mit
Sturzgeburt, ganze Sitzreihen, die in schnarchenden Tiefschlaf fielen, ältere Damen, die mitten im
Flug  aussteigen  wollten,  Passagiere,  die  verborgene  Schnapsflaschen  oder  noch  schlimmer,  ein

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kleines Taschenmesser, aus dem Handgepäck zauberten. Warum für ihn nicht als Test eine hoch
attraktive Frau, die schon beim Einsteigen schwere Flugangst kriegte, bevor sie in der Luft ganz
zusammenbrach?

Okay,  er  war  erstklassig  ausgebildet,  ein  Test  von  Quality  Check  konnte  ihn  nicht  schrecken.

Business  as  usual.  Patrick  legte  einen  mitfühlenden  Ton  in  seine  Stimme.  „Ich  lasse  Ihnen  ein
stilles Wasser bringen.“

Annika öffnete prompt die Augen. Sieh an. Patrick deutete auf den Rufknopf neben dem Sitz.

„Drücken  Sie  einfach,  und  Tanja  wird  sich  um  Sie  kümmern.  Ich  fliege  Sie  jetzt  sicher  nach
Barcelona.“

Er winkte, und Tanja grinste in ihre Drinks mit den bunten Schirmchen. Die wusste doch genau

was  lief.  „Tanja,  würdest  du  bitte  ein  Wasser  bringen  und  Frau  Frinx  helfen,  falls  ihr  schlecht
wird?“

„Natürlich.“ Schon war Tanja bei den Getränkeschränken verschwunden.
„Danke.“ Die Stimme von Annika Frinx klang wirklich dankbar. Patrick drehte sich um. Dieser

blaugrüne  Blick  war  faszinierend,  eine  Mischung  aus  flackernder  Panik  und  totaler  Neugier.
Konnte eine Prüferin wirklich so gut schauspielern?

Als  Patrick  ins  Cockpit  ging,  sah  er  aus  dem Augenwinkel,  wie Annika  Frinx  ihre  Tropfen  in

das  Glas  Wasser  träufelte,  das  ihr  Tanja  gebracht  hatte.  Frauen  hatten  erstaunliche  Tricks  drauf,
die  Erfahrung  hatte  er  doch  wohl  schon  gemacht,  oder?  Patrick  hätte  doch  zu  gerne  gewusst,  ob
diese Annika ihn jetzt von hinten cool abcheckte. Aber er sah sich nicht noch einmal um. Auch so
eine „Prüfung“ konnte ihn nicht schrecken.

„Cockpit check – on“, sagte Jan Kosfeld, der Kapitän von Flug 251.
Patrick griff routinemäßig zu den Schaltern und Hebeln über ihm. Aus den Augenwinkeln sah er

die langen Arme von Jan, der sich im Pilotensitz nicht zu strecken brauchte. Mit seinen schwarzen
Haaren und dunkelbraunen Augen sah er wie ein etwas zu groß geratener Italiener aus, auch wenn
er auf einem niedersächsischen Bauernhof aufgewachsen war. Manchmal eckte Jan wegen seiner
Körpergröße in den engen Kabinen an, was ihm trotz seiner langen Flugerfahrung immer wieder
deutlich sichtbar peinlich war.

„Cockpit check – roger.“ Patrick vertraute Jan. Er hatte ihn bei einem Bogenschießwochenende

in  Starnberg  kennen  gelernt,  als  er  kurz  vor  seiner  ersten  Flugprüfung  unbedingt  einmal  eine
Pause  vom  ganzen  Stress  gebraucht  hatte.  Den  Kurs  hatte  er  sich  nur  leisten  können,  weil  sein
Vater ihn ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Er hatte Jan insgeheim dafür bewundert, wie lange
er den Zielarm ruhig halten konnte, bis er den Pfeil abschoss – und meistens ziemlich genau ins
Schwarze  traf.  Beim  abendlichen  Bier  hatten  sie  über  die  Vor-  und  Nachteil  des  Flachlegens
gefachsimpelt, von Autos allerdings.

Umso  größer  war  Patricks  Überraschung  gewesen,  als  Jan  ihm  später  im  Flugsimulator  als

Ausbildungsprüfer für Landungen bei gestörtem Funkfeuer präsentiert wurde. Jan hatte ihm nichts
geschenkt, mit der A-minus konnte Patrick zufrieden sein.

Ein paar Wochen später hatte Jan ihm den Tipp gegeben, sich bei  HolidayJet zu bewerben, wo

gerade  eine  Co-Piloten-Stelle  frei  geworden  war.  Kaum  hatte  Patrick  den  Job  in  Berlin
bekommen, knirschte es in Jans Beziehung mit einer Kinderärztin. Sie zog Knall auf Fall aus, das

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leere  Zimmer  machte  Jan  wahnsinnig,  also  bot  er  Patrick  an,  bei  ihm  einzuziehen.  Es  war  ein
ruhiges  Zusammenleben,  denn  Jan  machte  nicht  gerne  viele  Worte  –  außerdem  war  einer  von
ihnen immer in der Luft. HolidayJet boomte.

„Jan, was traust du unserem internen Quality Control zu?“
„Alles.“ Der Pilot blickte von den Instrumenten auf, die er gerade justierte. „Wieso?“
„In  der  Cabin  hat  eine  Frau  einen  seltsamen Anfall  von  Flugangst,  Sariyeh  und  Tanja  segeln

herum wie Jets ohne Peilung, und die Lady ist auch noch haargenau mein Typ.“

Jan  lachte  und  schüttelte  seine  dunklen  Haare.  „Haben  die  im  Headquarter  jetzt  alle  Tricks

durch, dass sie wieder mit dem Allerältesten anfangen? Die haben sich in der Kantine rumgehört,
ob du eher bei Blondinen oder bei dunkelhaarigen Girls schwach wirst, verlass dich drauf!“

„Du meinst, sie könnte wirklich eine Prüferin sein?“
Jan sah herüber. „Junge, ich habe die Frau doch nicht gesehen. Bei den Prüfungen von Quality

Control habe ich mich immer auf meinen Instinkt verlassen. Du merkst selbst am besten, ob du an
der Reihe bist. – Ich nehme jetzt den Autopiloten raus.“

„Roger“,  sagte  Patrick.  In  Gedanken  war  er  bei  Annika  Frinx  in  der  Cabin,  die  ihm  einfach

keine  Ruhe  ließ.  Er  kannte  sich:  Dinge  und  Menschen,  die  er  nicht  verstand,  faszinierten  ihn,  er
musste  ihnen  auf  den  Grund  gehen.  Und  bei  dieser  Frau  war  sein  Sensor  ausgeschlagen.  Im
Flughafen hatte sie einfach nur sexy gewirkt mit den langen Beinen, an Bord war sie eine fatale
Mischung aus Hilflosigkeit und Gefahr, falls sie eine Prüferin war. Auf jeden Fall hatte es Annika
Frinx  bis  ganz  oben  auf  seine  persönliche  Checkliste  geschafft,  das  verriet  Patrick  dieses
unverkennbare Gefühl im Magen. Aber was genau wollte ihm dieses flirrende Kribbeln eigentlich
sagen?

Roberta  wäre  stolz  auf  sie  gewesen.  Ohne  die  dezent  hinter  dem  Faltkarton  mit  den
Sicherheitsvorkehrungen  versteckte  Brechtüte  benutzen  zu  müssen,  hatte  Annika  den  Start
überstanden.

Es  war  ein  furchtbarer  Start  gewesen,  auch  wenn  der  Pilot  über  Lautsprecher  etwas  von  „kein

Wölkchen am Himmel“ und „freie Sicht bis Barcelona“ gefaselt hatte. Nicht ihr Pilot, Herr Lister,
denn der war ja nur Co-Pilot, sondern der Mann, der dieses Ungetüm steuerte. Auf jeden Fall hatte
sie  deutlich  gespürt,  wie  ein  Seitenwind  sie  direkt  in  dem  Moment  erfasst  hatte,  als  sie  von  der
Landebahn  abhoben.  Die  Maschine  hatte  heftig  geschwankt.  Sie  hatte  genau  gesehen,  wie  die
Stewardessen auf ihren Klappsitzen sich besorgt angeschaut hatten. Nein, niemand konnte Annika
etwas  vormachen:  Fliegen  war  lebensgefährlich,  und  selbst  bei  gutem  Wetter  konnten  einen  die
Clear-Air-Turbulenzen erwischen. Den Ausdruck hatte sie von einer Flughafen-Webseite aus dem
Internet,  durch  das  sie  gestern  Abend  noch  gesurft  war,  obwohl  die  Trainerin  in  dem  Anti-
Flugangst-Seminar ihnen strikt verboten hatte, vor einem Flug zu googeln. Aber sie hatte den Start
alles in allem gut hinter sich gebracht. Roberta wäre stolz auf sie gewesen.

Allerdings  wusste  Roberta  nichts  von  Annikas  Flugangst.  Niemals  durfte  ihre  Chefin  davon

erfahren,  sonst  würde  Annika  nur  noch  im  Flieger  sitzen  und Connor  FashionConsult  auf  allen
Meetings vertreten, die weiter als fünfhundert Kilometer von Berlin entfernt waren. Roberta war
eigentlich eine tolle Chefin. Doch wenn sie eine Schwäche bei ihren Mitarbeitern entdeckte, dann
fühlte sie sich persönlich dafür zuständig, dass man sich der Schwäche stellte und sie überwand.

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Irgendwie. So etwas wie Flugangst würde ihre Chefin nie verstehen. Roberta Connor – eigentlich
Barbara  Kramer,  aber Mit so einem Namen kannst du im Modegeschäft nichts werden, Kleines  –
liebte  es,  in  ihrem  neusten  Businesskostüm  von  Versace  auf  der  Gangway  zu  stehen,  die  Frisur
perfekt wie im Werbespot für das neueste Haarspray, die Pfennigabsätze zwölf Zentimeter hoch,
mindestens.  Wenn  sie  dann  die  Treppe  hinunterstieg,  kam  sie  sich  vor  wie  Marlene  Dietrich  in
Casablanca. Sagte ihre Chefin jedenfalls nach jedem Flug. Annika hütete sich zu erwähnen, dass
es in Casablanca Ingrid Bergmann gewesen war, die in ziemlich flachen Pumps mit Victor Laszlo
in  den  Nebel  gestapft  war,  damit  Boogie  und  der  französische  Polizeichef  ihre
Kumpelbeziehungen mit einem Whisky begießen konnten.

Roberta  war,  wie  gesagt,  eine  tolle  Chefin,  doch  alles,  was  sie  am  Fliegen  liebte,  löste  bei

Annika panische Schweißausbrüche aus. Und deshalb durfte Roberta nie erfahren, dass ihre junge
Mitarbeiterin seit ein paar Monaten immer nur bei HolidayJet buchte, weil die eben im Gegensatz
zu allen anderen Billig-Fluglinien eine Business Class, pardon Premium Class, hatten.

Annika lehnte sich in den breiten meerblauen Sitz zurück. Sie hatte Glück gehabt, B4 war ein

Gangplatz.  Doch  der  Herr  neben  ihr  mit  dem  unsäglichen  gelben  Schlips  hätte  sicher  auch  die
Plätze getauscht. Annika wagte kurz einen Blick aus dem Fenster. Draußen türmten sich Wolken
zu  mächtigen  Gebilden  auf,  die  für  Annikas  Geschmack  sehr  nach  Regenwolken  aussahen.  Sie
schloss die Augen und umklammerte die gepolsterte Lehne. Praktisch Windstille, hatte der Pilot
vorhin  in  der  Durchsage  erwähnt,  und  die  Trainerin  im  Anti-Flugangst-Seminar  hatte  ihnen
eingebläut, den Worten des Piloten zu trauen.  Die Männer wissen, was sie machen, dafür sind sie
ausgebildet.
  Solchen  hohlen  Versicherungen  –  auch  Autofahrer  wurden  fürs  Autofahren
ausgebildet,  und  trotzdem  passierten  dauernd  Unfälle  –  schenkte  Annika  normalerweise  keinen
Glauben, doch wenn sie an den überaus netten Co-Piloten dachte, dann fühlte sie sich gleich etwas
sicherer. Die Frau beim Check-in hatte ihn mit „Herr Lister“ angeredet, und vorhin, als er sie zu
ihrem Platz in der ersten Klasse geführt hatte, da hatte die Stewardess ihn „Patrick“ genannt. Der
Name klang interessant, geheimnisvoll irisch. Ob er wohl in Berlin lebte? Sie hatte keinen Ring an
seiner  Rechten  entdecken  können.  Annika  lächelte  still  vor  sich  hin.  Irgendwo  hatte  sie  mal
gelesen, dass Frauen bei Männern als Erstes an Heirat, Männer bei Frauen zuerst an Sex denken.
Aber bei ihr war es so, dass sie, weil sie an Sex dachte, logischerweise auf den Gedanken Heirat
kam. Patrick Lister hatte ihr vorhin kurz die Hand auf die Hüfte gelegt. Es war eine leichte, kaum
spürbare  Berührung  gewesen,  aber  Annika  hatte  sofort  Herzklopfen  bekommen.  Und  Flugangst
war das in diesem Moment ganz bestimmt nicht gewesen.

„Das ist ja ein ungewöhnlich ruhiger Flug heute, finden Sie nicht auch?“
Annika  öffnete  die Augen.  Der  Herr  mit  dem  gelben  Schlips  neben  ihr  lächelte  ihr  freundlich

zu. „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht wecken“, sagte er.

„Nein,  nein,  Sie  stören  gar  nicht.“  Sie  setzte  sich  im  Sitz  auf.  Die  Stewardess  hatte  ihr  eine

sandgelbe Decke gebracht, die von ihren Knien rutschte. Der Herr griff sofort danach und fing sie
auf.

„Danke.“ Annika kuschelte sich wieder in die Decke. „Ja, der Flug ist okay.“
„Bei HolidayJet ist das Personal so höflich und zuvorkommend. Das ist man bei Billigfliegern

ja  sonst  nicht  gewohnt.“  Der  Mann  verzog  das  Gesicht,  offenbar  hatte  er  schon  schlechte

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Erfahrungen  gemacht.  Vorhin  hatte  er  die  Stewardess  ziemlich  barsch  angefahren,  wann  er  denn
sein  vegetarisches  Menü  serviert  bekommen  würde. Annika  ließ  den  Blick  über  seinen  dunklen
Anzug  gleiten,  ein  echter  Dreiteiler  von  Armani.  Wahrscheinlich  ein  Geschäftsmann.  Dass  so
einer  auf  gesunde  Ernährung  achtete,  wunderte  sie  ein  wenig,  aber  dann  dachte  sie  an  das
Business-Yoga-Studio  gegenüber  der Agentur.  Dort  gingen  um  die  Mittagszeit  nur  Männer  und
Frauen im Business-Outfit ein und aus.

„Ach, finden Sie?“, sagte sie. „Die meisten sind doch sehr freundlich.“
Der  Mann  schwieg,  und Annika  fügte  hinzu:  „Aber  Sie  haben  schon  Recht,  bei HolidayJet  ist

das Personal wirklich ausgesprochen serviceorientiert.“

Jetzt  hellte  sich  die  Miene  des  Herrn  endlich  auf,  wahrscheinlich  wollte  er  hören,  dass  er  das

Geld seiner Firma für ein Ticket bei der richtigen Airline ausgegeben hatte. Die Menschen waren
schon seltsam. In den letzten drei Minuten hatte sie kein einziges Mal an ihre Flugangst gedacht,
und deshalb redete Annika einfach weiter. Ablenken, hatte die Trainerin geraten, und Small Talk
mit einem Fremden war genau das richtige.

„Ich konnte sogar kurzfristig noch einen Upgrade in die erste Klasse bekommen“, sagte sie.
Der Mann schaute sie aufmerksam an. „Tatsächlich? Ich habe mich schon gefragt, warum Sie

mit einem Economy-Ticket in der Premium Class sitzen. Ein Upgrade also.“ Er nestelte an seinem
Schlips und murmelte dabei: „Und dazu noch auf den B4.“

Wahrscheinlich hatte der Mann gedacht, Annika würde seine leisen Worte nicht verstehen, doch

sie hatte ein sehr gutes Gehör. „B4? Das ist meine Platznummer.“ Sie drehte sich hektisch im Sitz
um und suchte auf der Rückenlehne nach der Nummer, dabei wurden die natürlich über den Sitzen
angezeigt. „Ist etwas mit meinem Platz verkehrt?“ Sie wandte sich zu dem Mann, der sie amüsiert
beobachtete.  Oh  nein!  „Das  ist  doch  jetzt  nicht  so  ein  Platz,  bei  dem  ich  im  Notfall  die  Türen
öffnen muss, oder?“

Die  Vorstellung,  irgendwelche  Hebel  umlegen  zu  müssen,  schwere  Türen  aufzuhieven  und

zuzusehen,  wie  ihre  Mitpassagiere  auf  diese  lächerlichen  Rutschbahnen  sprangen,  um  dann  ins
kalte  schwarze  Wasser  zu  stürzen,  raubte  ihr  die  Luft.  Sie  hatte  Titanic  gesehen,  nicht  nur  ein-
oder  zweimal  wie  ihre  Freundinnen,  sondern  mindestens  zehnmal.  Sie  wusste  haargenau,  wie
schnell  man  im  eisigen  Wasser  starb.  Und  dass  es  bei  Billigfliegern  nie  genug  Schwimmwesten
für alle Passagiere gab, konnte man ja jeden Tag in der Zeitung lesen. Dann fiel ihr ein, dass sie ja
über den Pyrenäen abstürzen, an Felsen zerschellen würden. Zwischen Berlin und Barcelona gab
es gar kein Meer. Sie holte tief Luft.

„Nein, natürlich nicht“, sagte der Mann neben ihr. „Von den Passagieren in der Premium Class

wird  so  etwas  nicht  erwartet. Außerdem  befinden  wir  uns  ja  auf  einem  innereuropäischen  Flug.
Dass  Passagiere  zu  Notfallmaßnahmen  herangezogen  werden,  zumindest  theoretisch,  das  gibt  es
nur bei Langstreckenflügen.“

Annika  verfolgte  die  bläulich  fluoreszierenden  Leuchtstreifen  auf  dem  Fußboden  bis  zum

nächsten Ausgang.  Während  der  Herr  sprach,  überzeugte  sie  sich,  dass  sie  viel  zu  weit  entfernt
von der vorderen Luke saßen. Hier konnte niemand von ihr verlangen, anderen dabei behilflich zu
sein, dass sie in den sicheren Tod sprangen.

„Ist  alles  in  Ordnung  mit  Ihnen?“  Er  bückte  sich  und  hob  die  sandgelbe  Decke  auf,  die  nun

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wirklich auf den Kabinenboden gerutscht war.

Sie lächelte verlegen. „Ja. Ich habe nur ein bisschen Flugangst.“
Der Mann nickte, als ob er sich das schon gedacht hätte. „Benutzen Sie etwa diese Pflaster? Ich

habe gehört, die sollen Wunder wirken.“

Annika  strich  mit  einem  Seufzen  ihre  Haare  zurück,  damit  er  das  kreisrunde  Pflaster  hinter

ihrem  Ohr  sehen  konnte.  Dann  zeigte  sie  ihm  das  andere  Ohr  und  die  Innenseiten  ihrer
Handgelenke. Das machte ihn erst einmal sprachlos.

„Die Pflaster nützen schon was“, räumte Annika ein. „Aber nicht bei einer wirklichen Attacke.“
„Ich  bestell  uns  mal  einen  Cocktail“,  sagte  der  Mann  und  winkte  der  Stewardess  zu,  bevor

Annika ablehnen konnte. Alkohol war Gift für sie beim Fliegen.

„Für  mich  einen  Orangensaft“,  sagte  sie,  als  die  nette  Stewardess  mit  den  schwarzblauen

Haaren nach ihren Wünschen fragte.

„Vielleicht möchten Sie lieber am Fenster sitzen“, schlug der Mann vor, als ein Martini, perfekt

mit Olive, vor ihm stand.

„Nein, auf keinen Fall.“
„Der  Blick  ist  wirklich  atemberaubend.“  Er  lehnte  sich  in  den  bequemen  Sessel  zurück  und

nippte  an  dem  Martini,  der  in  der  Premium  Class  –  Billigflieger  hin  oder  her  –  im  echten
Cocktailglas serviert wurde.

Zum ersten Mal wirkte der Mann nicht geschäftsmäßig. Annika fiel sein graumeliertes, immer

noch volles Haar auf, das perfekt geschnitten war. Träumte so einer, wenn er im Job alles erreicht
hatte, von einem Leben im Süden ein bisschen näher an der Sonne? Oder hatte der immer noch nur
Erfolg und Geld im Kopf? Helle Strahlen schienen durch die Fenster mit den abgerundeten Ecken
und blitzten im Cocktailglas auf. Annika dachte sich nichts dabei, als sie den Kopf hob und hinaus
in den Himmel blickte. Es war wirklich atemberaubend: Weit unter ihr war alles grün und braun,
nur  am  Horizont  erhoben  sich  Bergspitzen  aus  ein  paar  schneeweißen  Wolken.  Das  Flugzeug
schien stillzustehen, so ruhig glitt es durch die Lüfte. Dann senkte es sich leicht nach links unten
und drehte in einer lang gezogenen Kurve Richtung Süden ab.

Sie  stürzten  ab.  Sie  wusste  es:  Die  Flugturbinen  waren  nicht  mehr  zu  hören,  da  war  kein

Vibrieren  wie  beim  Start.  Annika  stockte  der  Atem.  Und  dann  bekam  sie  wirklich  keine  Luft
mehr.  Sie  versuchte  ruhig  zu  bleiben, der  Panik  keine  Chance  geben,  wie  die  Trainerin  gesagt
hatte.  Sie  ging  im  Kopf  Zahlenreihen  durch,  versuchte,  ihren  rasenden  Herzschlag  auf  ein
normales Tempo zu bringen, aber es war hoffnungslos. Der weite Himmel konnte sie nicht halten,
die Berge und das Grün dort unten waren viel zu tief, niemand würde einen Absturz überleben, sie
würden zerschellen und …

„Der  jungen  Frau  ist  schlecht“,  hörte  sie  wie  durch  eine  Wattewolke  die  Stimme  des  Herrn

neben ihr. „Stewardess, kommen Sie mal bitte …“

Annika hörte nichts mehr. Ihr Kopf war wie von selbst nach hinten auf die Lehne gekippt, der

Innenraum  der  Maschine  drehte  sich  in  sandgelb  und  meerblau  um  sie.  Sie  tastete  nach  der
Brechtüte  hinter  dem  Faltblatt  mit  den  Maßnahmen  für  den  Notfall.  Gleich  würde  wirklich  ein
Notfall eintreten, doch an die Tüte kam sie nicht heran. Annika stöhnte. Nur gut, dass Roberta sie
jetzt nicht sah.

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2. KAPITEL

Patrick  stand  vor  dem  Flughafengebäude  in  Barcelona.  Um  ein  eigenes  Profil  zu  gewinnen,  flog
HolidayJet  schon  seit  einem  Jahr  nicht  mehr  den  weiter  entfernt  liegenden  Billig-Airliner-
Flughafen  Girona  an.  Patrick  schaltete  das  Handy  an,  das  sofort  klingelte.  Der  Name  wurde  im
Display angezeigt: Jenny. Was wollte denn seine Ex von ihm?

„Hallo?“
„Hallo, Patrick, ich bin‘s. Na, bist du gerade in Barcelona gelandet?“
Typisch  Jenny,  immer  noch  hatte  sie  seinen  Flugplan  im  Kopf.  „Ich  bin  gerade  aus  dem

Terminal raus. Und selbst? Wieder gesund?“

„Ach, nur eine Erkältung. Ab morgen flieg ich wieder.“
„Freut  mich  zu  hören.  Was  gibt‘s  denn,  Jenny?“  Hoffentlich  brauchte  sie  nicht  wieder  einen

männlichen Vorzeige-Begleiter für eine der vielen Geburtstagsfeiern in Jennys Familie.

„Erzähle ich dir, wenn du wieder in Berlin bist. Ist ja zu teuer, diese Auslandsgespräche auf das

Handy.“

Patrick  vermied,  sie  darauf  hinzuweisen,  dass  sie  ja  angerufen  hatte  und  er  die  Roaming-

Gebühren  zahlen  musste.  So  etwas  gab  immer  nur  Streit,  und  Streit  mit  Jenny  hatte  er  genug  in
seinem Leben gehabt. „Ja, klar“, sagte er deshalb nur. „Ich wollte jetzt eigentlich zum Marktplatz
in El Prat de Llobregat.“

„Das war ja schon immer dein Lieblingsort in Barcelona. Okay, wir sehen uns dann in Berlin.

Ich  will  dich  nicht  weiter  stören.“  Sie  legte  auf.  Einen  Moment  hatte  Patrick  ein  schlechtes
Gefühl, aber schließlich waren sie nicht mehr zusammen. Wahrscheinlich hatte sie erwartet, dass
er trotz Handygebühren hören wollte, was sie ihm zu erzählen hatte.

Sechs Stunden Pause reichten für den Marktplatz in El Prat. Dort gab es immer was zu sehen,

entweder einen Opa, der für die Kinder mit Puppenfiguren am Brunnen spielte, oder die Frauen,
die aus den Boutiquen am Platz bunte Tüten heraustrugen.

Draußen vor dem Terminal war es heiß. Patrick lief zwischen den Trolleys der Reisenden an der

Ankunft vorbei. Er liebte den leichten Geruch nach Flugbenzin, der an jedem Airport zu riechen
war. Wenn er Glück hatte, schaffte er seinen ersten Flug als echter Kapitän sogar noch vor seinem
31.  Geburtstag.  Er  hatte  immer  mit  dreißig  Pilot  sein  wollen.  Kaum  war  er  damals  vom
Matterhorn herunter und aus der Schweiz zurück, hatte er sich um die Ausbildungsmöglichkeiten
gekümmert.  Die  Verkehrpilotenausbildung  bei  der  Paderborner  Flugschule  war  zwar  anerkannt,
aber sie hatte fünf Jahre lang jeden Euro verschluckt, den er mit Wartungsjobs im Technikcenter
verdient  hatte.  Sogar  Nachtschichten  beim  Lost-and-Found  hatte  er  geschoben,  wenn  es  ganz
knapp  geworden  war.  In  den  Stunden  am  Customer  Service  war  er  seiner  Mutter,  die  bei  der
Leipziger  Messe  das  Besucherbüro  geleitet  hatte,  richtig  dankbar  dafür,  dass  sie  ihn  schon  als
Junge  den  sächsischen  Akzent  abtrainiert  und  seine  Aussprache  auf  perfektes  Hochdeutsch
aufpoliert hatte.

Sah  er  da  vorne  richtig?  Patrick  sprang  hinter  eine  Werbetafel,  auf  der  ein  Stier  in  der

riesigroten  Abendsonne  stand.  Am  Taxistand  wechselte  Jan  gerade  mit  Annika  Frinx  ein  paar
Worte. Er trug ihr sogar die Reisetasche. Dieser verfluchte Schweinehund von Kumpel war doch

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mit  allen  Wassern  gewaschen.  Und  diese  Annika  nicht  minder.  Jan  hatte  ihm  vorhin  noch
versprochen,  dass  er  ihn  heute  Abend  auf  dem  Rückflug  fliegen  ließ,  damit  er  seine
Pflichtflugstunden  schneller  zusammen  bekommen  konnte.  Doch  wenn  einer  etwas  von  einer
Kontrolle geahnt hatte, dann wohl Jan. Und warum sonst sollte Jan, der viel zu schüchtern war, um
fremde Frauen einfach so anzusprechen, die Sachen einer Passagierin zum Taxi bringen? Annika
Frinx war eine Prüferin von Quality Control, so viel stand fest. Verdammt! Das kostete Jan einen
Drink und ein paar saftige Infos über die wahre Annika.

Die hatte auch nie und nimmer zwei Stunden Flugpanik hinter sich, so lebhaft wie sie sich von

Jan  verabschiedete  und  ihre  Reisetasche  auf  den  Rücksitz  des  Taxis  warf.  Sie  beugte  sich  vor,
streckte die langen Beine. Wahnsinn. Bei dem Anblick hatte er ihr schon halb verziehen.

Patrick schaute Jan nach, der in Richtung der HolidayJet Staff-Lounge ging, dann trat er aus der

Deckung  des  Werbeschildes.  Den  Schnaps,  für  den  der  Stier  auf  der  Tafel  warb,  könnte  er  jetzt
auch gebrauchen.

„Hallo,  Herr  Pilot!“,  rief Annika  mit  einem  Hauch  Ironie  aus  dem  heruntergedrehten  Fenster.

„Ohne Sie wäre ich jetzt völlig wattig im Kopf. Das Glas Wasser war genau das Richtige. Wollen
Sie in die Stadt? Ich nehme Sie gerne mit.“ Sie öffnete die Tür des Taxis.

Patrick wollte schon einsteigen, da fing er einen Blick aus diesen grünblauen Augen auf, die ihn

einen Tick zu genau fixierten. Ein persönlicher Kontakt mit Passagieren, der über das dienstlich
Notwendige  hinausging  oder  gar  als  intime  Annäherung  missdeutet  werden  könnte,  war  bei
HolidayJet  ein  Grund  für  eine  fristlose  Kündigung.  Bestandteil  des  Arbeitsvertrages,  hatte
Osterloh, der Personalchef, im Einstellungsgespräch gesagt.

„Eine Bekannte von mir eröffnet heute ihre neue Fashion-Bar. Ein echter Kapitän ist eine super

Überraschung, kommen Sie doch einfach mit zur Vernissage.“

Das bedeutete viel Spaß und lockere Gespräche an einer schicken Bar, aber leider auch Alkohol.

Er seufzte. Für den Rückflug musste er nachher nüchtern sein. Da war nichts zu machen.

Wieder glitzerte es in Annika Frinx‘ Augen.
War er denn blöd? Darum ging es hier doch, ob er es mit dem Alkoholverbot genau nahm. Diese

Frage jetzt war der eigentliche Test!

„Ich … es tut mir leid, ich muss ausspannen für den Rückflug. Und kein Alkohol, Sie wissen ja,

ich bin noch im Dienst.“

Das Glitzern verlosch. Sie ließ sogar die Schultern hängen. „Wirklich?“
Gut gespielt, Lady. Die Quality Control hatte offensichtlich eine Profischauspielerin eingekauft.

„Safety first. So ist das bei HolidayJet und bei mir auch.“

Wie ein englischer Butler schloss er leise die Wagentür. „Viel Spaß!“
Dann  drehte  er  sich  um.  Die  Plaza  in  El  Prat  war  gestrichen.  Quality  Control  würde  ihn  nur

verfolgen und sich vielleicht noch etwas anderes ausdenken.

Sein Handy summte, eine SMS war eingegangen. Sorry wegen vorhin. Ruf mich an, ja? Jenny.

Annika  konnte  es  nicht  fassen:  Der  interessanteste  Mann,  der  ihr  seit  Wochen,  ach  was,  seit
Monaten  über  den  Weg  gelaufen  war,  musste  ausgerechnet  einer  sein,  der  sich  leidenschaftlich
gerne  in  ein  Flugzeug  setzte.  Denn  warum  sonst  wurde  jemand  Pilot?  Und  ein  wenig  seltsam
wirkte  er  auf  sie  schon.  Normalerweise  konnte  sie  sich  perfekt  auf  ihre  Menschenkenntnis

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verlassen, und dieser Patrick Lister signalisierte eindeutig, dass er sie sympathisch fand. Mehr als
sympathisch,  wenn  sie  daran  dachte,  wie  er  den  Blick  nicht  von  ihren  Beinen  wenden  konnte.
Doch  jedes  Mal,  wenn  sie  subtil  einfließen  ließ,  man  könne  sich  ja  ein  bisschen  näher  kennen
lernen, klappte er zu wie eine Auster vor dem Messer. Schon bei der Verabschiedung in der ersten
Klasse, nachdem sie diesen furchtbaren Flug überlebt und heil auf spanischer Erde gelandet war,
hatte er kaum mehr als eine Floskel mit ihr getauscht. Dabei hatte er sich während des Flugs so
liebevoll um sie gekümmert, als sie hundeelend in ihrem Sitz gelegen hatte. Als er ihr die Tasche
aus dem Overhead Compartment holte, hatten sich ihre Finger kurz berührt. Annika hatte Funken
schlagen  sehen,  so  hatte  es  da  geknistert  zwischen  ihnen.  Und  dass,  obwohl  sie  eigentlich  mit
ihrem Leben abgeschlossen hatte und nur noch sterben wollte, so schlecht war ihr gewesen.

Der spanische Taxifahrer hatte einen Jazzsender eingestellt, der wunderbar zu der sommerlich

leichten  Atmosphäre  in  Barcelona  passte.  Sie  war  schon  zum  dritten  Mal  auf  der  MODA
Barcelona  und  verliebte  sich  jedes  Mal  von  neuem  in  die  Stadt  und  ihre  Menschen.  Die  ersten
beiden Male war sie natürlich mit dem Zug angereist.

Annika schaute dem Piloten nach, der immer noch vor dem Terminal stand und offenbar nach

einem  anderen  Taxi Ausschau  hielt.  Sie  hätte  ihn  gerne  dahin  mitgenommen,  wo  immer  er  sich
auch  „ausspannte“,  damit  er  auf  seinem  nächsten  Flug  fit  war.  Die  meisten  fuhren  eh  zur  Plaza
España.  Jetzt  drehte  Patrick  sich  um,  und  sie  konnte  seinen  knackigen  Po  in  den  modisch
geschnittenen, wenn auch meerblauen Anzughosen von HolidayJet bewundern. Ein Körper wie ein
asiatischer Kampfsportler, wenn auch zu klein für ein Fotomodell. Er war einfach genau ihr Typ.

Langsam kroch das Taxi durch den Verkehr. Die Reisenden, die mit dem Aerobús in die Stadt

fuhren,  überquerten  die  Straße  an  einer  Ampel,  die  den  Strom  von  Taxis  immer  wieder  zum
Halten  brachte.  Vor  dem  Flughafengebäude  schaute  Patrick  auf  seine  Armbanduhr.  Vielleicht
sammelte  er  Uhren,  so  ein  Hobby  passte  zu  einem  Piloten.  Uhren  waren  ein  wichtiges  Mode-
Accessoire  für  Männer.  Und  dieser  Patrick  hatte  Geschmack,  eine  Jaeger-LeCoultre,  das  war  ihr
noch im Flieger aufgefallen. Aber anscheinend wusste er nicht, wohin er gehen sollte. Da hätte er
doch  wirklich  mit  ihr  zu  Carlotta  gehen  können.  Sie  hätten  sicher  ein  ruhiges  Plätzchen  in  dem
lauschigen Innenhof von Carlottas Laden gefunden, und dann hätte sie schon dafür gesorgt, dass er
entspannt wieder auf den Rückflug kam. Als ob es keine alkoholfreien Cocktails gäbe. Sie schaute
dem Piloten so sehnsüchtig nach, dass der Fahrer sie schon im Rückspiegel beobachtete.

„Ihr Amigo?“,  fragte  der  Taxifahrer,  und Annika  wollte  schon  den  Kopf  schütteln,  da  wandte

Patrick sich um, sah ihr Taxi, blieb stehen und winkte ihr mit einem so süßen Lächeln zu, dass sie
nur dahinschmelzen konnte. Im selben Moment setzte sich das Taxi in Bewegung, weil die Ampel
vorne  auf  Grün  gesprungen  war.  Sie  fuhren  an  Patrick  vorbei,  der  immer  noch  in  ihre  Richtung
schaute.

„Nein“, rief sie heftiger als beabsichtigt. „Bitte, halten Sie an.“
Der  Taxifahrer  legte  eine  Vollbremsung  hin,  hinter  ihnen  hupte  es  laut  und  eindringlich.  Ein

amüsierter Blick traf sie aus dem Rückspiegel. „Ihr Amigo“, wiederholte der Fahrer.

Diesmal  widersprach  Annika  nicht.  Sie  riss  die  Taxitür  auf  und  rannte  auf  den  verdutzten

Piloten zu.

„Patrick  …  äh  …  Herr  Lister,  mein  ich  …“  Sie  brach  ab,  weil  sie  mit  einem  Mal  nicht  mehr

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wusste, was sie sagen sollte. Das immer ihr so etwas passieren musste. Offiziell waren sie doch
gar nicht beim Du, und seinen Vornamen kannte sie nur, weil die Stewardess ihn so genannt hatte.

Doch  der  Pilot  lächelte  amüsiert.  „Also,  ich  habe  mir  Ihr  Flugticket  auch  sehr  genau

angeschaut. Annika.“

Annika.  Er  betonte  die  Vokale  ihres  Vornamen  auf  eine  so  zärtliche,  unnachahmliche  Art.

Eigentlich  war  sie  mit  ihrem  Namen  nicht  so  recht  glücklich: Ein  A  zu  viel,  meine  Liebe,  sagte
Roberta immer, und bestand darauf sie Nika zu nennen. Aber jetzt konnte sie nichts mehr falsch
machen.

„Wir können uns sehr gerne duzen.“ Sie reichte ihm die Hand, die er feierlich schüttelte. Und

dann  fiel Annika  auch  genau  das  Richtige  ein.  Was  scherte  sie  die  Eröffnung  dieser  arroganten
Carlotta, die ohne Connor FashionConsult nie in die Chefetagen von Zara vorgedrungen wäre?

„Und was halten Sie …“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, was hältst du davon, wenn wir etwas

auf unsere neue Freundschaft trinken. Ganz alkoholfrei natürlich.“

Er strahlte sie an wie ein kleiner Junge. Oder eigentlich gar nicht wie ein kleiner Junge, sondern

wie ein erwachsener Mann, der genau wusste, auf was es einer erwachsenen Frau bei einer solchen
Art  von  Freundschaft  ankam.  Er  verzog  die  verführerisch  sinnlichen  Lippen,  dann  blitzte  ein
vergnügter  Schalk  aus  seinen  blauen Augen.  „Mussten  Sie  …  also,  wolltest  du  nicht  auf  so  eine
Modesache gehen?“

„Abgesagt.“  Sie  lächelte,  und  irgendwie  war  das  nun  doch  falsch  gewesen,  denn  Patrick

verwandelte  sich  sofort  wieder  in  den  distanzierten  Typen,  der  sie  vorher  hatte  abblitzen  lassen.
Sie  setzte  schnell  nach:  „Es  ist  nicht  so  wichtig,  wirklich.  Ob  ich  ein,  zwei  Stunden  später  dort
aufkreuze, merkt keiner.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Mir würde es sofort auffallen.“
Ein Charmeur war er also auch. Annika blickte ihm direkt ins Gesicht, er war vielleicht zwei,

drei  Zentimeter  kleiner  als  sie.  Doch  Patrick  schien  das  überhaupt  nichts  auszumachen.  Oh,  sie
mochte  Männer  mit  Selbstvertrauen.  Mit  einer  Kopfbewegung  deutete  sie  in  Richtung  des
Flughafeneingangs. „Ich habe dort eine Saftbar gesehen.“

Patrick hingegen wandte sich zur Straße. Wollte er nun doch in Stadt fahren? Verblüfft fragte

sie: „Ich dachte, du hast hier nur einen kurzen Aufenthalt?“

„Stimmt, sechs Stunden, das ist für Piloten nicht viel. Dann fliege ich zurück nach Berlin.“
Schade  auch.  So  eine  Woche  mit  Patrick  Lister  in  Barcelona  wäre  toll  gewesen.  Sie  musste

unbedingt  herauskriegen,  wo  er  lebte.  Annika  ging  zwei  Schritte  auf  die  breiten  Glastüren  zu.
Wenn sie das Roxanne erzählte, sie und ein Pilot … Aber warum folgte er ihr dann nicht in den
Flughafen? Aus irgendeinem Grund zögerte er.

„Annika“, setzte er an, „ich glaube, da wartet noch jemand auf dich.“ Er deutete mit der Hand

hinter sich auf … das Taxi! In dem ihre Reisetasche samt Ausweis, Geld und, nicht zu vergessen,
ihre gesamte Abendgarderobe lag.

Himmel,  es  hatte  sie  wirklich  erwischt.  Wegen  eines  Mannes,  den  sie  gerade  mal  einen

innereuropäischen Flug lang kannte, hatte sie noch nie ihr Lieblingstasche vergessen!

Patrick lief hinter Annika her, die mit schnellen Schritten auf den Food-Bereich des Flughafens

zusteuerte.  Bisher  war  noch  keine  Frau  seinetwegen  wieder  aus  einem  Taxi,  das  sie  zu  einem

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Mode-Event  bringen  sollte,  wieder  ausgestiegen.  Aber  es  passte  zu  Annika.  Oder  zog  sie  nur
konsequent ihre Inkognito-Evaluation durch, egal wie?

Es  gab  drei  Bars, Irish  Harp,  Juanitas  und  die  Saftbar,  die  mit  Tropicana  Juices  warb.  Sie

setzten sich auf die geflochtenen, rosa-gelben Stühle. Hier gab es alkoholfreie Cocktails aus frisch
gepressten  Säften.  Er  bestellte  einen  Minz-Cocktail,  obwohl  die  Preise  horrend  waren,  aber  er
sparte  ja  die  Taxifahrt  nach  El  Prat.  Annika  nahm  einen  Vanilla-Fresa-Shake.  Patrick  hob  sein
Glas mit dem giftgrünen Sirup, der köstlich schmeckte. „Ich weiß nur, was ein Air-traffic-Scout
tut. Du bist also Talentscout.“

Den Strohhalm ihres Shakes zwischen den vollen Lippen, blinzelte sie ihm zu. „Air traffic, das

könnte  ich  nie.  Ich  arbeite  für  eine  Modescout-Agentur.  Wir  suchen  für  Klienten  aus  der
Modebranche die passenden Mitarbeiter. Designer, Personalmanager, Vertriebsleiter, so was.“

Offensichtlich  dachte  Quality  Control  ja  wirklich  an  alles.  Das  klang  wie  typisches

Marketingdeutsch  aus  einer  x-beliebigen  Agentur.  Gab  es  den  Beruf  „Modescout“  überhaupt?
„Was machst du dabei konkret? Visitenkarten sammeln?“ Patrick lächelte und sein Kopf riet ihm,
dass  er  jetzt  lieber  ein  Bein  über  das  andere  schlagen  sollte,  damit  Annika  nicht  ganz,  ganz
zufällig an ihn stoßen könnte. Sein Bauchgefühl dagegen sagte ihm, dass er doch auch sein Knie
ein wenig vorschieben könnte. Er wollte spüren, wie sich diese prächtigen Schenkel anfühlten.

„Das  fragen  alle.“  Ihr  Lachen  klang  gutmütig.  „Also,  wir  bringen  einfach  Talente  mit

Arbeitgebern  zusammen.  Wer  passt  in  welches  Haus?  Oder  auch,  wer  könnte  in  welches  Haus
passen.  Man  muss  sich  auskennen  in  der  Modeszene  und  vor  allem  tausend  Kontakte  haben.
Roberta  ist  da  unschlagbar,  das  ist  meine  Chefin.  Sie  kennt  jeden.“  Ihre  blaugrünen  Augen
strahlten ihn an.

Patrick  hatte  nur  einmal  eine  Modenschau  besucht.  Da  hatte  es  vor  Kreativen  nur  so

gewimmelt,  Russen,  Spanier,  vielleicht  gab  es  diesen  Job  wirklich.  Nur  –  wenn  sie  Profi  war  in
ihrem  Job,  dann  hatte  sie  sich  für  seine  Evaluation  gut  vorbereitet.  Eine  so  komplizierte
Coverstory  hätte  sie  bestimmt  perfekt  drauf.  „Da  musst  du  doch  dauernd  fliegen,  wenn  du  die
Szene in Europa kennen willst.“

Sie  lachte,  und  es  klang  ein  wenig  verzweifelt,  so  dass  er  sie  am  liebsten  sofort  in  den Arm

genommen hätte.

„Ich kenne die Nachtzuglinien in Europa auswendig. Und sogar nach London kann man ja jetzt

mit  dem  Eurostar  durch  den  Tunnel  fahren.“  Sie  legte  die  Beine  aneinander  und  streckte  die
Fußspitzen.

Patrick zwang sich, zur großen Anzeigetafel in der Halle zu blicken. Sein Flug war noch nicht

angezeigt, obwohl der 21.30 nach New York schon da stand.

„Bist  du  gern  Pilot?“  Sie  fuhr  sich  mit  dem  Finger  über  die  Lippen,  wischte  einen

Vanilletropfen  weg.  „Ich  meine,  da  bist  du  doch  dauernd  unterwegs.  Hast  du  da  Freunde  überall
auf der Welt oder ist das eher schwierig?“

Sie hatte den Mund leicht geöffnet, irgendwo zwischen Neugier und Küss-mich. Patrick lief ein

Schauer durch die Arme bis in die Fingerspitzen, am liebten hätte ihr über die Lippen gestrichen.
Oder über dieses perfekte, runde Knie. Ihre Augenlider senkten sich ein winziges bisschen. Mist,
sie merkte bestimmt, dass er schon wieder auf ihre langen Beine starrte. Aber eigentlich fand er

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noch  aufregender,  dass  sie  so  direkt-indirekt  nach  seinem  Privatleben  fragte.  Sie  hatte
Selbstbewusstsein und traute sich was. Langweilig wurde es mit ihr bestimmt nie.

Schnell sagte er: „Ich fliege bis jetzt nur innerhalb Europas, da geht es meistens am selben Tag

zurück.  Aber  Berlin  kennen  ich  gar  nicht  richtig  vor  lauter  Take-off  und  Touch-down.“  Und
eigentlich  kannte  er  wenige  Leute  in  der  Stadt.  Die  Frauen,  mit  denen  er  in  den  letzten  Jahren
ausgegangen war, hatten alle irgendwie mit dem Fliegen zu. Wahrscheinlich hatte Quality Control
von  seinen  Abenteuern  Wind  gekriegt,  und  deshalb  wurde  ihm  hier  so  gründlich  auf  den  Zahn
gefühlt.

Annika  kramte  in  ihrer  Tasche  und  holte  etwas  hervor,  das  wie  ein  Stück  Samt  aussah.  Ihre

Finger  glitten  darüber.  „Ich  zeige  dir  gerne  ein  paar  spannende  Ecken.“  Sie  hielt  ihm  eine
geschäftlich wirkende Visitenkarte hin.

Annika Frinx, Connor FashionConsult. Darunter stand eine Büroadresse.
„Meine private Adresse steht hinten“, sagte sie und verstaute das Samttäschchen wieder in der

Handtasche.

Er drehte die Karte in seinen Fingern. Es war eindeutig eine Aufforderung, in Kontakt zu treten.

Zu eindeutig und viel zu schnell. Jeder Profi machte Fehler, auch sie. Schade. Frauen waren nicht
so  freigiebig,  selbstbewusste  Frauen  schon  gar  nicht.  Die  Privatadresse  war  der  übernächste
Schritt,  zuerst  kam  die  Handynummer.  „Danke.“  Patrick  griff  zu  seinem  Uniformjacket. Sorry,
Lady,  aber  nicht  mit  mir
.  Mit  seinem  harten  Abgang  musste  sie  jetzt  klarkommen,  falls  sie
wirklich nicht für Quality Control arbeitete.

Er  zog  seinen  Geldbeutel  heraus,  legte  zwanzig  Euro  auf  den  Tisch  und  stand  auf.  Auf  das

Rückgeld konnte er jetzt nicht warten.

Annika blickte auf den Schein, dann zu ihm auf. Eine schmale Falte stand auf ihrer Stirn. Als er

den Geldbeutel zuklappte, lehnte sie sich zurück. „Oh … Danke.“

„Ich  muss  zur  Crew.  Flugvorbereitungen,  tut  mir  leid.  Viel  Spaß  noch  bei  der  Eröffnung.“

Patrick steckte den Geldbeutel weg, seine Visitenkarte blieb drin.

Sie verschränkte die Arme und legte den Kopf schief. „Okay.“
Das Glitzern war erloschen. Verdammt, konnte sie wirklich diesen traurig-verwunderten Blick

schauspielern, mit dem sie in ihren Shake schaute?

Er legte kurz die Hand auf den weißen Stahltisch, dann ging er. An der großen Tafel war sein

Flug endlich angezeigt. Berlin-Schönefeld 21.45.

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3. KAPITEL

Berlinkäfer?  Im  ersten  Moment  dachte  Annika,  sie  hätte  sich  verhört.  Sie  hatte  eine  für  ihre
Verhältnisse geradezu aufgelöste Roxanne Wondratschek am Telefonapparat. Wer die junge Frau
mit den schwarz-pink gefärbten Rastalocken nicht kannte, würde wahrscheinlich nicht ahnen, dass
sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Doch Annika war schon seit vier Jahren mit ihr
befreundet, seit Roxanne aus Hamburg nach Berlin gekommen war. Sie wusste die langen Pausen
und das leise Flattern in Roxannes Stimme genau zu deuten. Bei Sternthaler, dem Modeladen von
Roxanne und ihrer Partnerin, war die ultimative Katastrophe eingetreten.

„Ja,  so  heißen  die  Dinger,  die  gehören  zur  Gruppe  der  Speckkäfer.“  Roxannes  Stimme  wurde

leiser,  als  ob  sie  sich  kaum  traute,  das  Wort  auszusprechen.  „Sie  sind  mit  den  Stoffen  aus
Hamburg  gekommen,  im  Verpackungsmaterial.  Die  Viecher  lieben  festes  braunes  Packpapier.
Aber dann haben sie die Reispapier-Kollektion von Indisha Barclay entdeckt.“ Die Stimme brach
ab, Roxanne kämpfte am anderen Ende der Leitung mit den Tränen. „Es ist alles befallen, überall
kleine, fiese Löcher im Reispapier. Wir konnten nichts mehr retten. Indisha bringt uns um.“

Annika wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie ließ sich in den Bürostuhl fallen, wobei sie durch

die  Glasscheibe  in  Robertas  Büro  linste.  Ihre  Chefin  saß  immer  noch  vor  dem  Computer.
Wahrscheinlich  handelte  sie  wieder  mal  einen  Megadeal  mit  Brio  oder  Levi‘s  per  Chat  aus.
Connor  FashionConsult  war  eine  internationale  Talentscout-Agentur  für  die  Modebranche,  ein
ebenso lukratives wie sensibles Business.

Roberta sah es nicht gerne, wenn ihre Mitarbeiterinnen Privatgespräche führten. Aber eigentlich

plante  Annika  ja  mit  Roxanne  die  Berlinführung  für  einen  japanischen  Kunden.  Mr.  Takano
Yamamoto, ein weitläufiger Verwandter des legendären Designers Yohji Yamamoto, hatte seinen
Besuch für nächste Woche angekündigt. Annika war für das „kulturelle Beiprogramm“ zuständig,
wie Roberta es ausdrückte. Er wünsche hinter die Kulissen zu blicken und angesagte Modemacher
kennen  zu  lernen.  Und  da  er  maßgeblich  für  das  Personalmanagement  der Yamamoto-Stores  in
aller  Welt  verantwortlich  war,  bekam  er  natürlich,  was  er  wollte.  Eigentlich  hatte  sie  Mr.
Yamamoto  zu  Sternthaler  führen  wollen,  doch  von  zerlöcherten  Reispapier-Kleidern  und  einer
Berlinkäfer-Plage war der Gast sicherlich nicht angetan. Sie musste Ersatz finden oder …

„Sag  mal“,  unterbrach  sie  Roxanne,  die  gerade  aufzählte,  welche  Materialien  der  Käfer

verschont  und  an  welchen  er  sich  gütlich  getan  hatte,  welche  Kollektionen  sie  also  retten  und
welche  der  Müllabfuhr  übergeben  konnte.  „Habt  ihr  es  schon  mal  mit  einem  Kammerjäger
versucht?“

Am  anderen  Ende  war  Schweigen,  dann  fragte  Roxanne  leise:  „Glaubst  du,  so  einer  wird  mit

den Dingern fertig? Das dauert Wochen, oder? Yamamoto kommt doch schon in ein paar Tagen.“

Annikas Eltern führten ein bodenständiges Lampengeschäft in Düsseldorf – Wir  machen  Licht

war der Lieblingsspruch ihres Vaters – und dort hatte ein Kammerjäger einmal Wunder bewirkt.

„Ich hör mich um“, versprach sie Roxanne. „Kümmert ihr euch erst mal um die Versicherung,

damit  ihr  den  Kredit  weiter  zahlen  könnt.  Und  Indisha  ist  gerade  wieder  in  Indien.  Bis  sie
zurückkommt, überlegen wir uns eine Strategie, okay?“

„Okay.“

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Sie  legte  auf. Anderen  vermittelte Annika  Selbstvertrauen  und  fand  praktische  Lösungen,  wo

denen  der  Blick  versperrt  war.  Doch  bei  ihren  eigenen  Problemen  kam  sie  einfach  nicht  weiter.
Stundenlang hatten Roxanne und sie schon über „den Traumpiloten“ geredet.

Natürlich,  sie  hätte  wissen  müssen,  dass  er  ihr  aus  gutem  Grund  seine  Visitenkarte  nicht

gegeben  hatte  –  er  wollte  sie  offenbar  nicht  wiedersehen.  Nur  wieso  hatte  er  dann  so  glücklich
gelacht,  als  sie  ihm  spontan  das  Du  angeboten  hatte,  warum  diese  kleinen  Berührungen  im
Flugzeug,  warum  diese  volle  Aufmerksamkeit,  die  nur  ihr  galt  und  die  immer  –  immer!  –
eindeutig darauf hindeutete, dass ein Mann wirklich Feuer gefangen hatte? Warum das alles, wenn
Patrick Lister sich nicht auch wenigstens ein bisschen für sie interessierte? Außerdem hatte er sie
doch zu dem Shake eingeladen.

Annika hatte das kurze Treffen in der Tropicana-Bar auf dem Flughafen Barcelona tausendmal

mit  Roxanne  durchgesprochen.  Jedes  Wort,  jede  Geste  Patricks  hatte  sie  überprüft  und  nach
verborgenen  psychologischen  Hinweisen  durchsucht.  Er  war  nicht  schwul,  da  war  sich  Annika
hundertprozentig  sicher.  Vielleicht  verheiratet,  aber  er  trug  keinen  Ring.  Wahrscheinlich  gab  es
noch eine andere Frau in seinem Leben – das musste es sein. Zumindest war für Roxanne und sie
keine andere Erklärung für das seltsame Verhalten Patricks übrig geblieben.

Roxanne hatte gesagt: „Aber er liebt die Andere nicht mehr, das ist ganz klar. Also hast du alle

Chancen der Welt.“

Seither  setzte Annika  alles  daran,  Patrick  wiederzusehen.  Er  stand  nicht  im  Telefonbuch  und

auch  über  das  Internet  war  nichts  Persönliches  über  ihn  herauszubekommen.  Sie  hatte  eine
Familie Lister in Leipzig gefunden, doch sie traute sich nicht, dort anzurufen. Stattdessen wählte
sie  fast  täglich  die  Direktdurchwahl  zum HolidayJet  Abfertigungs-Counter  am  Flughafen
Schönefeld.  Meistens  war  die  nette  Melanie,  die  ihr  schon  bei  dem  Hinflug  nach  Barcelona
geholfen hatte, am Apparat, und erklärte ihr immer sehr deutlich, nein, sie dürfe Privatnummern
des HolidayJet – Personals nicht an Passagiere herausgeben, aber ja, sie würde Herrn Lister gerne
eine Nachricht von ihr übermitteln.

Wenn  sie  es  wirklich  tat,  hatte  Patrick  nun  schon  mindestens  ein  halbes  Dutzend  Nachrichten

von ihr, doch er meldete sich nicht. Annika blicke auf die Uhr am Telefon, es war nach 19 Uhr.
Die perfekte Gelegenheit für einen – das schwor sich Annika – allerletzten Anruf bei HolidayJet.

Sie  wollte  Patrick  nur  noch  einmal  wiedersehen,  und  wenn  dann  nichts  daraus  wurde,  okay.

Einmal  hatte  sie  sogar  von  ihm  geträumt,  dass  er  sie  an  einem  langen  weißen  Sandstrand  in  die
Arme genommen hätte. Im Traum hatte sich sein männlicher Körper so warm und real angefühlt,
dass  sie  beim  Aufwachen  instinktiv  die  Hand  ausgestreckt  und  ihn  neben  sich  im  Bett  gesucht
hatte.  Von  diesem  Traum  hatte  sie  nicht  einmal  Roxanne  erzählt,  aber  schon  deshalb  konnte  sie
Patrick Lister nicht einfach aufgeben. Nicht ohne es wirklich versucht zu haben. Ihr Sternzeichen
war Wassermann, und schon ihre Mutter hatte immer gesagt, dass sie, wenn sie sich etwas in den
Kopf gesetzt hatte, ungeheuer hartnäckig sein konnte.

Die  Nummer  von HolidayJet  kannte  sie  mittlerweile  auswendig,  doch  als  sie  sie  eintippen

wollte,  klingelte  das  Handy  von  sich  aus.  Fast  wäre  ihr  das  vibrierende  Ding  aus  der  Hand
gefallen.  Vielleicht  gab  es  ja  doch  so  etwas  wie  Gedankenübertragung.  Schnell  drückte  sie  die
Annahmetaste  und  meldete  sich  mit  ihrem  ganzen  Namen,  was  sie  sonst  nie  tat.  „Annika  Frinx,

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ja?“

„Hier ist Phil. Ich brauche ganz dringend deine Hilfe. Erinnerst du dich an die Vertriebsleiterin,

die Roberta an die Camel Collection vermittelt hat? Toni Dingsbums?“

„Sicher“, sagte Annika. Toni Laverni war so etwas wie ein Star für Roberta, und seit sie sie zu

Camel  gebracht  hatte,  waren  sie  dicke  Freundinnen.  Die  Italienerin  war  für  den  Europavertrieb
einer  neuen  Reisekleidungs-Kollektion  für  die  neuen  Jetsetter  zuständig,  für  die  sogar  Brad  Pitt
Werbung machte. „Was ist mit Toni?“

„Sie hat mich mit ins Boot geholt für eine neue Fotostrecke. Aber bei dem Werbekonzept fehlt

total der Pepp. Wir haben schon zig Vorschläge gemacht, aber Toni ist nie zufrieden. Sie will was
Trendiges,  aber  gediegen,  classy,  aber  nicht  klassisch.  Du  weißt  schon,  was  sie  sagen,  wenn  sie
nicht wissen, was sie wollen.“ Phil war Modefotograf und eigentlich ein alter Hase im Geschäft.
Doch wenn ihm die Ideen ausgingen, kam er zu Annika. Er war einer ihrer besten Kontakte in die
Welt der Top-Mode, und sogar Roberta hatte schon von ihrer Bekanntschaft profitiert. Außerdem
war Phil ein wirklich guter Freund.

„Classy  und  gediegen“,  murmelte Annika.  Da  sie  nur  Patrick  im  Kopf  hatte,  fiel  ihr  natürlich

auch  jetzt  nur  Patrick  ein.  Wie  er,  die  meerblaue  Uniformjacke  lässig  über  die  Schulter
geschwungen,  vor  dem  Flughafen  gestanden  hatte.  Patrick,  wie  er  mit  sicheren  Schritten  auf  sie
zugegangen  war,  bei  ihrer  ersten  Begegnung  am HolidayJet  –  Schalter.  Die  Welt  der  Flughäfen,
immer auf dem Sprung in ferne Länder, die man innerhalb von Stunden erreichen konnte – für die
meisten Leute war das der Inbegriff des Reisens. Nicht für Annika, die wegen ihrer Flugangst eine
Leidenschaft  für  Bahnhöfe  entwickelt  hatte,  aber  ein  gut  aussehender,  echter  Flugzeugpilot,  der
käme  sicher  gut  in  einer  Werbung  für  Reisekleidung.  Sie  könnte  die  Marketing-Abteilung  von
HolidayJet  anrufen  und  fragen,  ob  sie  an  einer  Kooperation  Interesse  hätten.  Sie  könnte  also
Patrick ganz offiziell bei der Airline anrufen …

Phil wartet geduldig. Er wusste, dass Annika Zeit brauchte, wenn sie etwas ausbrütete.
„Hm“, sagte Annika. „Vielleicht habe ich da eine Idee.“

Patrick schaute vom Balkon hinunter zur Straße. An der Ampel knutschte ein Schüler mit seiner
Freundin  eng  umschlungen  und  verpasste  die  Grünphase.  Vor  dem  Biobäcker  biss  ein  Typ  im
Anzug in ein Monster-Cookie, das er dann seiner blonden Freundin reichte. Dafür bekam er sogar
einen Kuss. Die Cookies waren mindestens einen Kuss wert, Patricks Lieblingssorte waren die mit
Kokosraspeln. An der Kreuzung schwang eine Postbotin die langen Beine über ihr bepacktes Post-
Fahrrad.

Der Sommer machte Patrick verrückt: Überall lange, feste, pralle, dünne, dicke Frauenschenkel,

die er sofort mit Annikas Beinen verglich. Aber selbst die Models auf den Titelblättern verloren
gegen sie. Keine hatte diesen blaugrünen Blick, in dem alles so geheimnisvoll verschwamm. Und
doch immer ein Feuer glühte.

Patrick hockte sich vor die Anlage und ging die CDs durch, aber eigentlich hatte er keine Lust

auf Musik. Er wollte einfach mit jemandem über das tolle Wetter plaudern. Oder ins Kino gehen,
ohne  vorher  zu  wissen,  in  welchen  Film.  Oder  sich  auf  ein  Glas  Wein  am  frühen Abend  treffen
und  dann  vielleicht  die  halbe  Nacht  durchreden.  Er  ließ  sich  auf  die  Couch  fallen  und  seufzte.
Eigentlich  wollte  er  mit Annika  reden,  die  halbe  Nacht  oder  auch  die  ganze.  Wann  immer,  egal

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über was.

Junge,  wenn  du  hier  nur  rumliegst,  passiert  gar  nichts  mit  der  Frau.  Patrick  sprang  auf.  Sie

hatte ihm wieder eine Nachricht am Flughafen hinterlassen, aber er konnte nicht Freitagnacht in
diesen  Club  kommen,  weil  er  da  zehntausend  Meter  über  dem  Meer  auf  dem  Weg  nach  Sizilien
schwebte.

„Verdammt!“ Der Zettel, den Melanie ihm zugesteckt hatte, musste doch irgendwo sein.
„Ist Annika Frinx ein Neuzugang in deinem Club der gebrochenen Herzen?“, hatte die Check-

in-Chefin mit einem Schulterzucken gefragt, und Kira am Counter hatte nur auf ihre Fingernägel
geschaut.  Vor  einem  Dreivierteljahr  war  Patrick  kurz  mit  ihr  ausgegangen,  aber  es  war  nichts
Ernstes  gewesen.  Für  ihn  wenigstens  nicht.  Später  hatte  Melanie  ihm  gesteckt,  dass  Kira  total
verknallt in ihn sei. Er hatte das Techtelmechtel sofort abgebrochen, nur war Kira dann wirklich
sauer auf ihn geworden. Man konnte es den Frauen eben nicht recht machen. Höchstens vielleicht

„Na  endlich.“  In  der  Uhrentasche  der  Hose  steckte  der  blaugelbe HolidayJet  –  Zettel.  Patrick

tippte  die  Handynummer  ein.  Die  Ziffern  auf  dem  Papier  waren  rundlich,  fast  wie  eine
Kinderschrift. Kiras Schrift.

Egal wo Annika jetzt in Berlin war, er würde zu ihr fahren. Jemand hob ab. „Jaaah?“
„Annika, hier ist Patrick, ich …“
„‘Schuldigun‘. Hier ist Tri Phan Sen. Thailand Massage. Wann möchten Sie kommen?“
Patrick  starrte  den  Telefonhörer  an,  aus  dem  diese  seltsame  Stimme  einer  älteren  Dame  kam.

Hatte  er  jetzt  aus  Versehen  eine  von  Jans  gespeicherten  Nummern  gewählt? Aber  Thai  Massage
war so gar nicht Jans Ding.

„Äh … sorry, falsch verbunden.“ Er beendete die Verbindung und überprüfte die Nummer. Es

war  genau  die,  die  Kira  für  ihn  notiert  hatte.  Wahrscheinlich  hatte  sie  ihm  mit  Absicht  eine
falsche Nummer aufgeschrieben. Dieses Miststück! Patrick zerknüllte den Zettel in der Faust.

Die Visitenkarte, die Annika ihm in Barcelona gegeben hatte! Wo hatte er die bloß hingesteckt?

Schon stand Patrick vor seinem Schrank und wühlte die Uniformen durch, alle Innentaschen, die
außen … Wo war denn die zweite Sommerjacke?

Ein Schlüssel drehte sich in der Wohnungstür. Jan pfiff ein paar Takte im Flur und kam dann

ins Wohnzimmer. In den Händen hielt er ein Päckchen vom Ökobäcker. „Hallo, du bist ja da. Ich
habe  gerade  die  Jacken  wie  vereinbart  in  die  Reinigung  gebracht.  Kannst  du  sie  Mittwoch
abholen? Nächste Woche habe ich Langstrecken-Dienst.“

„Mist!“  Die  Reinigung  hatte  Patrick  ganz  vergessen.  Dann  verklumpte  Annikas  Visitenkarte

also gerade in einer Trommel zu bleichen Fusseln.

„Wie bitte?“
„In meiner Jacke war eine wichtige Visitenkarte.“
„Annikas?“
Patrick sah Jans fragenden Blick und nickte.
Jan pfiff ein Oje und hob das Päckchen hoch. „Mehr als Artischocken-Pizza kann ich zum Trost

nicht anbieten. Und eine Flasche Barolo.“

„Ich bin ein Idiot.“

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„Stimmt. Ich mache uns die Flasche auf.“
Die Worte, die Jan in der Küche vor sich hinsummte, klangen wie Voll-i-di-ot.

Im Autoradio lief der aktuelle Sommerhit, der Annika nicht aus dem Ohr gehen wollte. Natürlich
handelte  er  von  der  großen  Liebe.  Eigentlich  stand  Annika  gar  nicht  auf  Pop.  Ihre  Musikwelt
begann beim soften Jazz und endete bei Neo-Punk, den sie manchmal mit Roxanne hörte. Doch sie
war  verliebt,  auch  wenn  Patrick  Lister  auf  ihre  Annäherungsversuche  nicht  einging.  Annika
korrigierte sich: noch nicht einging.

Sie konnte nicht anders, sie musste lauthals mitsingen: „You are my love, my lover, my a-a-an-

ge-e-l.“ Annika musste über sich selbst lachen. Sie stand gerade im Stau vor der Brücke, die sie
aus  dem  Industriegebiet  am  Stadtrand  zurück  nach  Berlin-Mitte  brachte.  Roxanne  hatte  ihr  den
klapprigen grünen VW Jetta geliehen, denn Annika besaß als Großstadtmensch kein eigenes Auto.
Mit  dem  Fahrrad  kam  sie  schneller  durch  jeden  Stau,  und  außerdem  sparte  sie  sich  durchs
Fahrradfahren  mindestens  zwei  Stunden  in  der  Woche  auf  irgendeinem  Sportgerät  in  einem
Fitness-Studio ein.

Der  Fahrer  neben  ihr  hatte  wohl  mitgekriegt,  wie  sie  den  Song  mitsang,  denn  er  grinste  sie

ziemlich unverschämt an. Annika grinste zurück. Bestimmt dachte der, sie käme direkt von ihrem
Lover. Dabei war sie gerade im Laden eines aus Schwaben stammenden Kammerjägers gewesen,
einer  heruntergekommenen  Klitsche  mitten  auf  einem  neu  sanierten  Fabrikgelände  direkt  an  der
Spree in Oberschöneweide. Im piekfeinen Stuttgart hätte der Mann wohl keinen einzigen Kunden
bekommen,  doch  in  Berlin  zählten  Resultate,  nicht  eine  schöne  Fassade.  Kammerjäger  Berthele
war  der  Tipp  von  Annikas  Vater.  Sie  hatte  ihm  von  der  Katastrophe  der  Berlinkäfer  in  der
Reispapier-Kollektion  erzählt  und  dann  gefragt:  „Was  habt  ihr  denn  damals  gemacht,  als  das
Lager einen Schädlingsbefall hatte?“

Denn auch Lampenverkäufer waren vor dem Getier nicht sicher. Ein kleiner fieser Käfer hatte

sich auf eine bestimmte Sorte von Stofflampenschirmen spezialisiert, in die er mit Vorliebe seine
Larven legte, die das edle Gespinst dann als Reiseproviant in ihr kurzes Leben mitnahmen. Zuerst
hieß  es,  das  gesamte  Lager  müsse  verbrannt  werden,  aber  dann  plötzlich  hatte  ihr  Vater  einen
Kammerjäger gefunden, der der Plage innerhalb von 24 Stunden Herr geworden war.

„Deine  Mutter  darf  davon  nie  etwas  erfahren“,  hatte Annikas  Vater  noch  gesagt  und  ihr  dann

unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit die Telefonnummer des Kammerjägers gegeben. Die
Frinx‘  waren  sehr  vorsichtige  Leute,  vor  allem,  seit Annikas  jüngerer  Bruder  Simon  mit  seiner
Computer-Zeitung für Senioren bankrott gegangen war, in die ihre Eltern einige zehntausend Euro
investiert hatten. Annika seufzte. Simon hatte jede Woche eine neue Geschäftsidee, die wenigsten
davon  setzte  er  in  die  Tat  um. Senior  Launch  hatte  viel  versprechend  gestartet,  aber  nach  dem
ersten großen Hype waren die Verkaufszahlen stetig gesunken. Vor drei Wochen war das Magazin
eingestellt  worden,  und  Simon  war  wegen  der  aufgelaufenen  Schulden  untergetaucht.  Die  Eltern
wussten nicht, wo er steckte, und selbst Annika, die er sonst immer ins Vertrauen zog, hatte keine
Ahnung, wo er war.

Doch  sie  wollte  sich  nicht  die  gute  Laune  verderben  lassen.  Herr  Berthele,  der  Kammerjäger

schaute  morgen  bei Sternthaler vorbei, doch, ja, da „könne mer schoa was macha.“ Annika hatte
die gute Nachricht gleich per Handy an Roxanne weitergegeben.

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Das Handy mit der Freisprechanlage lag noch auf dem Beifahrersitz. Eigentlich könnte sie doch

kurz  bei HolidayJet  anrufen.  Vielleicht  hatte  sie  ja  dieses  Mal  Glück,  und  vielleicht,  vielleicht
erwischte sie Patrick endlich einmal.

Hinter  der  Brücke  über  die  Spree  weitete  sich  die  Straße  auf  vier  Spuren,  die  direkt  Richtung

Süden  nach  Schönefeld  zum  Flughafen  führte.  Annika  überlegte  nicht  lange,  klemmte  die
Kopfhörer in ihre Locken und wählte die wohlbekannte Nummer.

HolidayJet  Check-in,  hier  spricht  Kira.  Was  kann  ich  für  Sie  tun?“,  meldete  sich  nach  nur

zweimaligem Klingeln eine heitere Stimme.

Mist, die schnippische Kira fehlte ihr noch. „Äh, also, hier ist Annika Frinx und …“
„Ach, Sie“, unterbrach Kira sie und klang mit einem Mal gar nicht mehr heiter. „Moment, ich

gebe Ihnen Melanie.“

Am anderen Ende raschelte es, als ob eine Hand über den Hörer gelegt würde. Trotzdem konnte

Annika  deutlich  hören,  wie  Kiras  Stimme  durch  die  Abfertigungshalle  dröhnte.  „Mel,  Patricks
Modeprinzessin ist schon wieder am Apparat!“

Vor lauter Peinlichkeit wäre Annika fast in den Kastenwagen vor ihr gerauscht. Melanie war am

Telefon  immer  höflich  gewesen,  sie  hatte  sich  einfach  nicht  vorstellen  mögen,  dass  die
professionelle  Chefin  des HolidayJet  –  Bodenpersonals  eine  Klatschtante  war.  Annika  schwor
sich, dass dies ihr letzter Anruf war. Entweder klappte es heute, oder sie musste ein Treffen mit
Patrick  dem  Schicksal  überlassen.  Annika  legte  den  zweiten  Gang  ein.  Das  Schicksal  hatte  es
schwer in der Millionenstadt Berlin. Annika hatte schon einmal in Bombay Leute kennen gelernt,
die seit zehn Jahren in derselben kleinen Straße wie sie wohnten.

Am  Flughafen  war  offensichtlich  Hochbetrieb,  durch  die  Kopfhörer  konnte  Annika

Stimmengewirr und im Hintergrund die Flugdurchsagen hören.

„Hallo, tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten.“ Die Chefin des Bodenpersonals klang

völlig außer Atem. „Aber ich habe gute Neuigkeiten. Sie müssen mir allerdings versprechen, dass
Patrick nie erfährt, woher Sie das wissen.“

Zwei  Herzschläge  lang  saß Annika  wie  versteinert  hinter  dem  Steuer.  Dann  hupte  der  Fahrer

hinter  ihr, Annika  drückte  aufs  Gaspedal  und  sagte:  „Hallo,  sind  Sie  noch  da?  Ich  sage  Patrick
nichts, hochheiliges Indianerehrenwort. Ich möchte ihn ja nur …“

„Ja, ist schon klar. Das möchten alle. Also …“
Was  sollte  das  nun  heißen?  Das  klang  ja  fast  so,  als  würden  täglich  Frauen  für  Patrick  bei

HolidayJet anrufen. Annika schob den unangenehmen Gedanken weit weg.

„Also,  Patrick  fliegt  schon  die  ganze  Woche  den  Abendflug  aus  Island  von  Reykjavik.  Die

Maschine landet …“, sie hielt kurz inne, „… in genau acht Minuten. Das Team kommt in zwanzig
Minuten  raus.  Ich  kann  Patrick  vielleicht  zehn  Minuten  hier  festhalten.  Schaffen  Sie  es  in  einer
halben Stunde?“

Annika  wollte  „Ja“  sagen,  doch  die  Stimme  versagte  ihr.  Melanie  war  vielleicht  eine

Klatschtante, aber sie war auch der beste Mensch auf der Welt. Annika räusperte sich und sagte
dann: „Ja, ich bin schon fast auf der Autobahn zum Flughafen. Sie sind ein Schatz, Mel.“ Damit
riss  sie  sich  die  Freisprechanlage  vom  Kopf,  denn  in  diesem  Moment  passierte  sie  das
Verkehrsschild „Ende aller Streckenverbote“. Die Autos vor ihr starteten durch. Annika wechselte

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auf die Überholspur und drückte aufs Gaspedal.

Auf  der  Anzeigentafel  stand  immer  noch  „Flug  776  aus  Reykjavik  –  10  Minuten  Verspätung“.
Annika saß auf dem vordersten Sitz einer Reihe von Stühlen in der Wartehalle. Hier war sie dem
Staff-Ausgang  am  nächsten.  Melanie  hatte  mit  einem Augenzwinkern  auf  eben  diesen Ausgang
gedeutet. Ein Pilot in einer dunkelgrünen Uniform erschien, und im ersten Moment blieb Annika
die Luft weg. Doch die Farbe der Uniform war falsch, der Mann hatte nur entfernt Ähnlichkeit mit
Patrick. Und er war zu groß, und zudem trug er einen schmalen Oberlippenbart. Patrick hatte doch
keinen Bart gehabt, oder? Mit einem Mal wurde sich Annika unsicher, ob sie ihn wiedererkennen
würde. Sie stellte sich sein Gesicht mit den strahlenden blauen Augen vor, genau, wie sie es in der
letzten Woche im Büro, in der U-Bahn, beim Einkaufen und nachts im Bett gemacht hatte. Nein,
Patrick war glatt rasiert.

Sie  schaute  hinüber  zum  Staff-Ausgang.  Und  da  stand  er!  Sie  erkannte  ihn  sofort,  hätte  ihn

unter  tausend  Männern  wiedererkannt.  Annika  erhob  sich,  strengte  sich  an,  wie  jemand  zu
schlendern, der noch viel Zeit hatte und lief dabei, ganz zufällig, auf den HolidayJet – Schalter zu.
Melanie hatte tatsächlich Patrick in ein Gespräch verwickelt. Sie war noch nicht ganz am Counter,
da drehte er sich um.

Er  war  deutlich  übernächtigt.  Dunklen  Schatten  lagen  unter  den Augen,  und  ein  Bartschatten

zeigte  sich  auf  dem  weichen  Kinn.  Seine  Haare  waren  verstrubbelt,  die  Krawatte  ein  bisschen
gelöst, das Hemd am Kragen darunter stand offen. Annika fand ihn wahnsinnig süß. Doch freute er
sich?  War  er  überrascht?  Oder  vielleicht  genervt,  weil  sie  ihn  wiedersehen  wollte?  Patricks
abrupter Abschied  in  Barcelona  fiel  ihr  ein,  und Annika  sank  das  Herz  in  die  Hose,  obwohl  sie
einen Rock trug. Sie beobachtete sein Gesicht und seine Hände, die in den Hosentaschen steckten.
Bei allen ihren Anrufen hatte sie sich nie überlegt, was sie bei ihrem Wiedersehen sagen würde.
Doch jetzt war ihr eines klar: Sie brauchte ein Zeichen von ihm, sie musste wissen, dass sie sich
nicht getäuscht hatte. Sie blieb in vielleicht zehn Meter Entfernung stehen.

Patrick  zog  langsam  die  Hand  aus  der  Tasche,  doch  in  seinem  Gesicht  las  Annika  nur

vollkommene  Überraschung.  Dann  hoben  sich  die  Mundwinkel.  Und  seine  Augen  begannen  zu
strahlen. Mit einem Mal sah er gar nicht mehr müde aus, er hob die Hand und winkte ihr zu, genau
wie vor dem Flughafen in Barcelona, und Annika wäre am liebsten auf ihn zugerannt und hätte ihn
in die Arme geschlossen.

Natürlich  hatte  sie  Patrick  nicht  zur  Begrüßung  umarmt,  dafür  kannten  sie  sich  noch  zu  wenig.
Aber er hatte ihr kurz die Hand auf die Schulter gelegt, so als ob er sie auch am liebsten an sich
gedrückt  hätte.  Nachdem  sie  sich  beide  gegenseitig  versichert  hatten,  wie  froh  sie  waren,  sich
wiederzusehen,  hatte  es  einen  Moment  gegeben,  in  dem  sie  sich  schweigend  angeschaut  hatten.
Melanie  hatte  Patrick  schließlich  aus  einem  Schubfach  zwei  Gutscheine  von HolidayJet  auf  den
Tisch gelegt, und er hatte Annika damit zum Kaffee eingeladen. Jetzt saßen sie wieder in einem
Flughafenrestaurant, ein dampfender Latte vor Annika, eine Cola vor Patrick.

„Ich  wollte  dich  wirklich  anrufen,  aber  deine  Visitenkarte  …  Also,  mein  Mitbewohner  hat

meine  Jacke  zur  Reinigung  gebracht,  und  dann  war  deine  Visitenkarte  hinüber.  Und  als  du  hier
angerufen hast, hat Kira mir deine Handynummer gegeben, aber sie hatte wohl einen Zahlendreher

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gemacht.“

„Das gibt‘s doch nicht“, warf Annika ein, und Patrick grinste sie an.
„Doch, wirklich. Kira muss eine Nummer vertauscht haben. Ich habe dort angerufen, und weißt

du, wer sich gemeldet hat?“

Annika schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck von ihrem Latte. Sie war zu glücklich, um

irgendetwas  zu  sagen.  Patrick  schien  sie  zu  verstehen,  denn  er  fuhr  gleich  fort:  „Ein  Thai-
Massage-Studio!“

„Nein!“
„Doch.  Die  Frau  sprach  nur  ein  paar  Brocken  Deutsch  und  Englisch.  Ich  dachte  erst,  das  ist

deine Rache, weil ich mich auf deine Anrufe nicht gemeldet habe.“ Sein Ton wurde ernster, und er
schaute sie über den Rand des Glases hinweg fragend an.

„Ich  war  schon  ein  bisschen  sauer“,  sagte  Annika.  Männern  durfte  man  nicht  zu  schnell

verzeihen,  sonst  nahmen  sie  einen  nicht  ernst.  Und  wirklich,  Flugplan  hin,  Flugplan  her.  „Du
hättest ja auch einmal eine Nachricht für mich bei Melanie hinterlassen können.

„Tut  mir  leid“,  sagte  er  und  rieb  Kondenswasser  von  seinem  Glas.  „Aber  ich  dachte  ziemlich

lange, dass du eine hausinterne Qualitätsprüferin von HolidayJet bist.“

Und  dann  erzählte  er  ihr  die  ganze  Geschichte:  dass  alle  Fluglinien  ihre  fast  fertigen  Piloten

solchen  unangekündigten  Prüfungen  unterzogen,  bei  denen  es  vor  allem  um  korrektes  Verhalten
den Passagieren gegenüber ging, und dass er einfach nicht ganz überzeugt gewesen sei, dass ihre
Flugangst nicht doch sein Test gewesen sein könnte.

„Aber  ich  habe  wirklich  totale  Angst  vorm  Fliegen“,  sagte  Annika.  Das  war  wieder  typisch.

Leute, die das Fliegen liebten, konnten sich einfach nicht vorstellen, wie das war, wenn man in der
Luft eine Panikattacke bekam. „Mir war wirklich schlecht.“

Patrick nickte. „Inzwischen glaube ich dir das. Aber auf dem Flug 251 nach Barcelona dachte

ich, du wärst eine begnadete Schauspielerin.“

„Ich?“  Annika  brachte  vor  Empörung  erst  mal  kein  Wort  heraus.  „Mir  war  so  schlecht,  ich

dachte,  ich  sterbe!“  Sie  schüttelte  den  Kopf.  „Aber  das  habe  ich  eben  davon,  wenn  ich  mich  in
einen Piloten verliebe.“

Er hob beide Augenbrauen, und sein Blick versank in ihrem. Hatte sie das eben wirklich gesagt?

Sie lauschte dem Klang ihrer eigenen Worte nach.  Wenn ich mich verliebe , klang es ganz deutlich
in  ihr  nach.  Annika  spürte,  wie  sie  knallrot  im  Gesicht  wurde.  Warum  war  sie  nur  immer  so
impulsiv  und  überlegte  nicht,  bevor  sie  mit  so  etwas  herausplatzte.  Roxanne  hatte  sie  gewarnt:
Lass  die  Männer  zuerst  kommen,  dann  triffst  du  die  Entscheidung,  nicht  sie.  Doch  wie  immer
hatte  Annika  ihr  Herz  offenbart,  dabei  wusste  sie  noch  nicht  einmal,  ob  Patrick  irgendwelche
Gefühle  für  sie  empfand.  Vielleicht  hatte  er  sich  nur  aus  Höflichkeit  dafür  entschuldigt,  dass  er
nicht  zurückgerufen  hatte.  Vielleicht  wollte  er  nur  –  und  das  wäre  das  Allerschlimmste  –  eine
unverbindliche nette Freundschaft. Annika hob leicht den Kopf und schaute unter langen Wimpern
hinüber  zu  Patrick.  Seltsamerweise  hatte  auch  er  Farbe  im  müden  Gesicht,  was  ihn  entzückend
aussehen  ließ.  Sie  blickten  sich  über  den  Bistrotisch  hinweg  an,  dann  bewegte  Patrick  langsam
seine Hand auf ihre zu, die still neben dem Latteglas lag.

„Na, du alter Herumtreiber“, erklang da eine Frauenstimme hinter ihnen. „Bist du schon zurück

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aus Island?“

Patrick und Annika zuckten gleichzeitig zusammen, er zog seine Hand abrupt zurück. Eine Frau

im  meerblauen HolidayJet  –  Outfit  trat  zu  ihnen  an  den  Tisch.  Die  blonde  Stewardess  war  nach
Annikas  kurzer  Einschätzung  sogar  noch  ein  paar  Zentimeter  größer  als  sie  selbst.  Ihre
bewundernswert  schlanken  Beine  schienen  gar  nicht  mehr  aufhören  zu  wollen.  Aus
zusammengekniffenen Augen traf Annika ein Blick, der ihren Latte bestimmt eiskalt werden ließ.

„Jenny.“ Patrick holte tief Luft. „Wo kommst du denn her?“
Die  Blondine  beendete  Annikas  Musterung  und  drehte  sich  mit  einem  reizenden  Lächeln  zu

Patrick. „Kira hat mir gesagt, du wärst hier auf einen Kaffee. Hast du meine Nachricht gekriegt?“,
fragte sie.

Das war also eine von den anderen, die für Patrick Nachrichten hinterließen. Annika schaltete

schnell. Roxanne hatte Recht gehabt. Diese Kollegin war die vermutete „Andere“, von der Patrick
nicht loskam oder die ihn nicht gehen ließ, was auch immer. Fragend schaute Annika zu Patrick
hinüber, der halb aufgestanden war, um Jenny die Hand zu geben.

„Annika, das ist Jenny.“ Mit verlegenen Gesten stellte er die beiden Frauen einander vor. „Wir

waren mal zwei Jahre verheiratet“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

„Zweieinhalb  Jahre“,  sagte  Jenny,  während  sie  versuchte,  den  Arm  auf  Patricks  Schulter  zu

legen. Der entzog sich durch eine schnelle Bewegung und setzte sich wieder hin.

„Die Scheidung ist schon eine ganze Weile her“, sagte er fast entschuldigend zu Annika. Dann

wandte er sich zu Jenny. „Wir unterhalten uns gerade, Jenny. Ich ruf dich später an.“

„Ich wollte euch nicht stören.“ Sie schob sich die heruntergerutschte Umhängetasche mit dem

HolidayJet-  Logo  auf  die  Schulter,  dann  fuhr  sie  Patrick  schnell  mit  dem  Handrücken  über  die
stoppelige  Wange.  Der  zuckte  irritiert  zurück,  aber  Jenny  lachte  nur.  „Die  isländischen  Nächte
hast du dir mal wieder nicht entgehen lassen.“ Damit ging sie davon.

Patrick starrte ihr nach und schüttelte dabei den Kopf. „Sie ist doch sonst nicht so“, murmelte

er, mehr zu sich selbst als zu Annika.

Der  intime  Moment  von  vorhin  war  unwiederbringlich  verloren.  Sie  saßen  von  ihren  Gläsern

und wussten nicht, was sie sagen sollten.

Schließlich sagte Patrick: „Ich müsste dann mal los.“
Annika hob den Kopf. „Soll ich dich mit in die Stadt nehmen? Ich bin mit dem Wagen hier.“
Er lächelte, zögerte einen Moment und ergriff dann wirklich ihre Hand. Sehr sanft ließ er seine

Fingerspitze  über  ihren  Handrücken  gleiten.  „Ich  muss  wirklich  los,  Annika.  Ich  habe  einem
Kollegen  versprochen,  ihm  bei  einer  Reparatur  zu  helfen.“  In  seiner  Stimme  lag  ehrliches
Bedauern, und als er Annikas enttäuschtes Gesicht sah, sagte er schnell: „Einem Freund, meinem
Mitbewohner Jan. Hey, denn kennst du ja schon.“

„Ich  kenne  einen  Freund  von  dir?“  Annika  war  viel  zu  sehr  mit  Patricks  kräftigen  Fingern

beschäftigt, die immer noch ihre Hand umschlossen hielten.

„Nicht wirklich kennen.“ Patrick grinste. „Er war der Pilot bei unserem Flug nach Barcelona.“
Unserem Flug. Das klang so romantisch. Sie erinnerte sich vage an den dunkelhaarigen, großen

Mann in Pilotenuniform, mit dem sie auf dem Flughafen in Barcelona ein paar Worte gewechselt
hatte. „Ihr wohnt zusammen?“

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Patrick  nickte.  „Du  lernst  ihn  sicher  noch  besser  kennen.“  Er  schaute  sie  aufmerksam  an.  „So

wie ich dich.“ Es lag ein fragender Ton in der warmen Stimme, und Annika nickte.

Patrick  drückte  kurz  ihre  Finger,  dann  ließ  er  sie  los. Annika  kam  ihre  Hand  mit  einem  Mal

vollkommen nutzlos vor.

„Ich hab noch was für dich“, sagte Patrick und schob ihr etwas zu. Als er seine Hand wegnahm,

sah  sie,  dass  es  eine  meerblaue  Visitenkarte  mit  sandgelber  Schrift  war.  „Meine  Handynummer
steht auf der Rückseite.“

Es  war  einer  dieser  wunderbaren,  lauen  Berliner  Sommerabende,  an  dem  die  Menschen  vor  den
Türen  oder  in  den  Cafés  saßen  und  plötzlich  Zeit  für  ein  Gespräch  unter  Freunden  hatten.
Schülergruppen aus Spanien oder Schweden drängten sich vor den Clubs, und Annika hätte nichts
lieber getan, als mit Patrick an ihrer Seite durch die Straßen zu spazieren. Vielleicht hätten sie auf
der Terrasse die Sterne beobachtet und sich auf den Terrakottafliesen geliebt. Ein anderes Mal, der
Sommer war noch lang. Mit Patrick wollte sie auf keinen Fall etwas überstürzen. Er war ein ganz
besonderer Mann, vielleicht sogar ihr Mann fürs Leben. Das Gefühl seiner Finger auf ihrer Haut
ging ihr einfach nicht aus dem Sinn.

Annika hatte den Jetta bei Roxanne vor Sternthaler abgestellt und ging hoch zu ihrer Wohnung

im obersten Stock eines renovierten Altbaus in der Mulackstraße. Im dritten Stock hing an einer
Tür  ein  selbst  getöpfertes  Schild  mit  den  Namen  „Lise  und  Bernd“.  Lise,  eine  quirlige
Mitzwanzigerin,  der  der  Blumenladen  in  der Alten  Schönhauser  Straße  gehörte,  kannte  sie  vom
Sehen. Annika  blickte  auf  die  Visitenkarte,  die  sie  während  der  ganzen  Strecke  von  Schönefeld
nicht  aus  der  Hand  gelegt  hatte.  „Annika  und  Patrick“,  murmelte  sie.  Selbst  getöpfert  war  nun
wirklich  nicht  ihr  Stil,  aber  ihr  gefiel,  wie  die  beiden  Namen  zusammen  klangen.  Sie  stand  vor
ihrer Tür, wo ihr Nachname in das schmale Messingschild eingraviert war.

Sie  steckte  den  Schlüssel  ins  Schloss,  da  merkte  sie,  dass  die  Tür  schon  aufgeschlossen  war.

Hatte  Roxanne  noch  etwas  vorbeibringen  wollen?  Annika  öffnete  die  Tür  und  trat  in  den  hell
erleuchteten Flur. Das Licht in der ganzen Wohnung brannte. Wenn sie in Gedanken nicht so mit
Patrick beschäftigt gewesen wäre, hätte es ihr schon unten auf der Straße auffallen müssen.

Im Wohnzimmer am Ende des Flurs rief eine Männerstimme: „Bist du‘s, Schwesterherz?“
Simon!  Annika  hängte  ihre  Jacke  an  die  Garderobe,  Patricks  Visitenkarte  ließ  sie  in  der

Schublade unter dem Telefontischchen verschwinden.

Im  Wohnzimmer  auf  dem  Couchtisch  stand  ein  Laptop,  um  den  herum  etliche  Papiere  lagen,

die  alle  irgendwie  offiziell  und  wichtig  aussahen.  Kulis  und  Marker  waren  über  dem  gesamten
Tisch verstreut. Mitten in dem Chaos saß ihr Bruder Simon, die blonden Haare frech in der Stirn,
und grinste sie an. „Hallo, Annika. Deine Freundin Roxanne hat mich in die Wohnung gelassen.
Ich wusste gar nicht, dass Sternthaler zumacht.“

Roxanne! Wenigstens anrufen hätte sie können. Im nächsten Moment fiel Annika ein, dass sie

ihr  Handy  auf  dem  Weg  zum  Flughafen  auf  den  Beifahrersitz  geworfen  und  dort  hatte  liegen
lassen. „Sternthaler hat nicht zugemacht, sie haben eine … äh, na ja, das Sommerloch.“ Sie zuckte
mit  den  Schultern  und  hoffte,  dass  Simon  nicht  nachfragte.  Sie  hatte  Roxanne  hoch  und  heilig
geschworen, dass sie keiner Seele etwas von der Berlinkäfer-Infestation erzählte. Doch Simon war
offensichtlich zu sehr mit seinem Laptop beschäftigt.

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„Was willst du hier? Wir haben uns schon alle Sorgen um dich gemacht.“
„Ich  brauch  einen  Platz  zum  Pennen.  Du  hast  doch  nichts  dagegen,  oder?  Ist  nur  für  eine

Nacht.“

Glück  im  Unglück,  dachte  Annika.  Wenigstens  hatte  sie  Patrick  nicht  mitgebracht.  Im

Gästezimmer  brannte  ebenfalls  Licht,  und  eine  kleine  Reisetasche  stand  ungeöffnet  auf  dem
Boden.

„Na,  eine  Nacht  ist  schon  okay.  Aber  wenigstens  vorher  Bescheid  sagen  hättest  du  sollen.

Schließlich hätte ich ja auch gar nicht da sein können.“

Simon grinste sie an. „Ich bin doch auch so reingekommen.“
„Das sehe ich.“ Annika ging zur offenen Terrassentür und wäre fast über einen Stapel Zeitungen

gestolpert. „Und was ist das hier?“

„Mein  mobiles  Büro.  Mit  den  neuen  Kommunikationsmedien  kann  man  heute  praktisch  von

jedem Ort der Welt ein Business führen.“ Er tippte etwas in den Laptop, dann seufzte er. „Du hast
nicht zufällig ein Fax in der Wohnung?“

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4. KAPITEL

Zusammen mit Phil ging Annika im Fotostudio die geplanten Aufnahmen für die Werbefotos von
Camel durch. Die Auftraggeberin Toni Laverni war von Annikas Idee sofort überzeugt gewesen,
Phil nicht ganz. Und er war der Fotograf.

„Bist  du  sicher,  dass  dein  Pilot  es  bringt?  Er  ist  ein  Laie,  und  du  weißt  selbst,  wie  steif  sich

Laien vor der Kamera bewegen.“

„Patrick fühlt sich wohl in seinem Körper, keine Sorge.“
„Den hast du dir bestimmt genau angeschaut, so wie du schwärmst.“ Phil blätterte in den Seiten.

„Da bin ich ja mal auf den fliegenden Apoll gespannt.“

Annika  überhörte  die  Spitze.  „Sind  die  Sachen  von HolidayJet  schon  geliefert  worden?“  Sie

schaute sich im Studio nach dem blaugelben Logo der Fluglinie um.

„Drei  Kisten  voll  Geschirr,  Decken,  Schwimmwesten,  Broschüren.  Sogar  die  Flugzeugsitze

haben sie liefern lassen. Steht alles da vorn.“ Phil deutete mit dem Kinn zum Set.

Annika  hatte  Patrick  auf  Sardinien  in  einer  Flugpause  erreicht.  Erst  hatte  er  fast  euphorisch

geklungen, als er ihre Stimme erkannte. Doch kaum hatte sie ihn gefragt, ob er ihr nicht für das
Shooting als männliches Model aushelfen wollte, war sein Ton abgekühlt. Annika hatte die Frage
in  seinem  Kopf  direkt  spüren  können: War  das  alles  nur  Berechnung  für  einen  exklusiven
Werbeauftrag?
 Dann hatte sie ihm erzählt, dass sie einem Freund helfen wollte. Schließlich war
Phil selbstständig und nicht Teil von Connor FashionConsult.

„Wir könnten uns dann einen ganzen Tag lang sehen, Patrick.“
Er  hatte  gelacht  und  ganz  weich  „Okay“  gesagt,  das  hatte  sie  sogar  im  rauschenden  Handy-

Empfang gehört. „Wie viel Honorar gibt es denn?“

Ein  bisschen  seltsam  fand  sie  Patricks  Frage  schon.  „Keins.  Es  ist  doch  nur  ein  Gefallen.“

Eingesehen  hatte  sie  allerdings,  dass  sie  mit  der  Marketing-Abteilung  von HolidayJet
Rücksprache halten sollte. Und als Annika im Gespräch mit dem Marketing-Menschen den Namen
Camel  Collection  hatte  fallen  lassen,  war  der  plötzlich  Feuer  und  Flamme  für  die  Werbe-
Kooperation  gewesen.  „Sprechen  Sie  mit  dem  Piloten  und  berufen  Sie  sich  auf  mich“,  hatte  er
gesagt.  Und  genau  das  hatte  Annika  gemacht,  ein  ganz  offizieller  Anruf  auf  Patricks
Handynummer.

Phil sah auf die Uhr. „Gleich elf. Pünktlich müsste dein Himmelstürmer ja eigentlich sein.“
„Patrick  kommt  direkt  vom  Flughafen.  Für  Verspätungen  kann  er  nichts.  Da  ist  der  Tower

schuld.“ Annika bemühte sich, nicht zu laut zu werden.

Phil  hob  die Augenbrauen  und  lächelte  nur. Annika  schaute  schnell  zum  Kunsthimmel  hinter

dem Set. Da verteidigte sie Patrick schon, und dabei kannten sie sich erst ein paar Tage.

Als Annika Patrick gefragt hatte, ob er als echter Kapitän Modell stehen wolle, war er im ersten
Moment  nicht  gerade  begeistert  gewesen.  Er  war  zwar  nicht  schüchtern,  aber  für  eine  Werbung
mit dem Slogan „Echte Travelfashion“, wenn dann nachher die Fotos überall auf dem Flughafen
hingen,  dafür  war  er  zu  wenig  Exhibitionist.  Doch  er  wollte  Annika  nicht  noch  einen  Wunsch
abschlagen. Außerdem konnte er so endlich einmal richtig viel Zeit mit ihr verbringen. Wenn er

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nicht  Jan  hoch  und  heilig  versprochen  hätte,  bei  der  komplizierten  Reparatur  seiner  Enduro  zu
helfen,  wäre  er  natürlich  mit Annika  vom  Flughafen  in  die  Stadt  gefahren.  Wann  passierte  das
einem schon, dass eine Traumfrau nicht locker lässt?

Jetzt  hatte  ihn  eine  Visagistin  in  dem  Fotostudio  eine  Viertelstunde  mit  ihren  Quasten  und

Stiften  traktiert.  Er  öffnete  die  Augen.  Sein  Spiegelbild  sah  eigentlich  aus  wie  immer,  nur  ein
wenig frischer und brauner. Und jünger.

„Fertig“, sagte die Frau mit den rosa Ohrringen und räumte die Stifte zurück.
Patrick trat aus dem Schminkraum und sah erst mal nur weiße Vorhänge, schwarze Strahler an

einem Rohr an der Decke und silberbespannte, riesige Schirme. Und dann tauchte zwischen zwei
Stoffbahnen  ein  blonder  Mann  auf,  der  gebräunt  war  wie  direkt  vom  Strand.  An  seinem
Handgelenk leuchtete ein neongelbes Clubbändchen.

„Annika“, rief der Mann, „der Herr Kapitän ist längst da!“
„Phil, du bist unmöglich.“ Annika stand mit zwei ledernen Reisetaschen mit HolidayJet – Logo

neben drei Flugzeugsitzen. Sogar die aktuelle Baureihe, Respekt.

Annika ließ alles fallen, stieg über die Taschen hinweg in einem engen karierten Rock. Sie zog

ihn  zur  Seite  vor  den  blauen  Fotohimmel.  „Du  hast  ja  sogar  deine  Uniformmütze  dabei.“  Ihre
grünblauen Augen sprühten Funken.

„Du musst dich sofort umziehen. In dem Karo-Rock siehst du aus wie die ältere Schwester von

Mrs. Moneypenny.“ Der Fotograf zog ihn an der Jacke. „Eure Begrüßungsarie verlegen wir jetzt
sofort ins Set. Ihr beiden fliegt sowieso längst, also setzen Sie sich einfach hierher.“

Phil drückte Patrick in den mittleren Sitz, ging vor ihm in die Knie und musterte sein Gesicht.

„Valerie? Tupfer!“

Die  Visagistin  steckte  den  Kopf  zur  Tür  des  Schminkraums  heraus.  „Der  Puder  auf  der  Stirn

muss sein …“

„Natürlich, aber nicht auf der Jacke des Herrn Piloten. Bürste das bitte rasch mal aus.“
„Oh, sorry.“ Die Visagistin erschien mit einer weißen Bürste in der Hand.
Annika  machte  Platz.  „Ich  sehe  zwar  keinen  Puder,  aber  Phil  ist  Perfektionist.  Jedes

Staubkörnchen stört.“

„Ist weg, Phil.“ Die Visagistin verschwand wieder in der improvisierten Maske.
Patrick kam sich vor wie beim Zahnarzt, da wusste er auch nie, was los war, nur, dass es gleich

wehtun  würde.  Annika  stand  in  einem  hautengen  gelben  Kostüm  vor  ihm,  den  Rand  der  Jacke
säumte oranger Kunstpelz. Wow!

„Und  was  soll  ich  jetzt  tun?“  Patrick  schaute  sich  um,  aber  der  Fotograf  schien  sich  nur  für

seine Kameras zu interessieren.

„Du  lässt  dich  gleich  von  den  Models  verwöhnen,  die  Valerie  gerade  auf  Normaltouristin

schminkt“,  sagte  Annika.  „Sie  tragen  die  Kleider  der  Camel  Herbst-Collection:  ein  bisschen
Safari, ein bisschen Golf, ein bisschen Yacht-Feeling.“

„Das  ist  alles?“  Patrick  kam  das  Set  ziemlich  vollgestellt  vor.  Zig  Taschen  aus  der

Reisekollektion  standen  am  Rand,  ein  ganzer  Ständer  mit  Damenbekleidung  nahm  die  Sicht  auf
die Lampen.

Die Models waren sehr unterschiedlich. Eine Frau war mindestens so alt wie seine Mutter, die

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andere  war  in  Annikas  Alter,  die  dritte  irgendwo  dazwischen.  „Sie  sehen  wirklich  aus  wie
Passagiere auf dem HolidayJet – Flug nach Teneriffa.“

„Genau das sollen sie auch.“
Phil nickte den Models zu. „Wie besprochen, ja? Die Reisenden bedienen den Kapitän.“
Schon hielt Annika der ältesten ein Tablett mit Gläsern hin. Patrick hatte keine Ahnung, wo sie

das  nun  wieder  herbeigezaubert  hatte.  Aber  sicher  gab  es  in  diesem  Profistudio  eine  Küche.
„Dorthin schauen. Lächeln.“ Es blitzte.

„Entspannen Sie sich. Nehmen Sie ein Glas wie bei jeder guten Party. Prosten Sie Erika zu. Ja,

genau so.“

„Ist  ja  richtig  gut!“  Patrick  schmeckte  eine  frische  Zitronennote  in  der  Apfelsaftschorle.

„Obwohl ich ja dachte, es sei der Champagner, der bei HolidayJet in der Premium Class serviert
wird.“ Die goldgelbe Flüssigkeit perlte in dem Glas, und Patrick sah, dass Annika ihn mit einem
glücklichen Lächeln anschaute.

„Champagner  könnt  ihr  zu  Hause  trinken.  Hier  wird  gearbeitet“,  meinte  der  Fotograf  lachend.

Er sah auf eine Liste. „Setzt euch um, wie Motiv drei. Die Taschen etwas weiter links.“

Die Models folgten den Anweisungen.
„Du  sollst  ja  auch  Spaß  dabei  haben.  Und  wir  auch.“ Annika  nutzte  eine  Pause  und  stieß  mit

ihm an.

„Bereitest du die Halstücher vor?“, fragte Phil.
„Klar“, sagte Annika.
Der Fotograf bediente zwei Kameras gleichzeitig. Patrick wunderte sich, wie schnell das alles

ging.  Kopf  links,  Hand  rechts,  Fuß  vor.  Die  Models  setzten  die  Anweisungen  sofort  um,  er
hingegen  brauchte  gar  nichts  zu  machen,  außer  immer  schön  nach  vorn  gucken.  Nur  einmal
korrigierte Annika seine Haltung und strich dabei von hinten an seinem Hals entlang. Das wohlige
Gefühl hielt Minuten an.

„Eine Sequenz mache ich mit dir, Annika. Zieh dich um. Dann habt ihr was fürs Poesiealbum.

Ihr  drei  habt  Pause.  Valerie  soll  euch  für  die  Nachtaufnahmen  umschminken.“  Phil  wechselte
schon das Objektiv vor der Kamera.

Die Models verschwanden im Schminkraum.
Annika holte sich aus einem rollbaren Plastikkleiderschrank eine Hose im Armeestil und eine

weiße  Leinenbluse.  So  schnell  wie  sie  sich  umzog,  konnte  Patrick  nicht  mehr  sehen  als  einen
Spitzen-BH und lange Beine.

„Ein  Erster-Klasse-Menü  mit  Fisch?“  Annika  reichte  ihm  eine  aufgeklappte  Karte.  „Die

Kamera ist da vorn.“ Sie blinzelte ihm zu. „Nicht mich anschauen.“

Dazu hatte Patrick aber am meisten Lust.
„Doch, war gar nicht schlecht!“ Der Fotograf regelte die Helligkeit einer Lampe. „Er soll dich

ansehen.  Das  ist  die  eigentliche  Idee.  Die  Passagiere  bedienen  den  Piloten,  also  wären  sie  die
Stewardessen.  So  zeigen  wir  die  Reisekollektion  von  Camel  mal  in  ganz  anderen
Bewegungsbildern  als  sonst  in  den  Katalogen.  – Annika,  ein  wenig  mehr  Rückenlage,  die  Nase
höher,  genau,  noch  eine.  Ja.  Und  jetzt  wie  besprochen  die  Nummer  mit  der  Nackenmassage  im
Nachtflug.“

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Das  Licht  wechselte  auf  Knopfdruck.  Mit  einer  sanften  Bewegung  nahm  Annika  Patrick  die

Mütze  vom  Kopf,  und  eine  seidene  Schlafbrille  glitt  vor  seine Augen,  ihre  Finger  spielten  über
seine Wangen und strichen über die Ohrläppchen. Das zarte Gefühl rieselte durch ihn hindurch bis
zu seinen Fußspitzen. Jetzt glaubte er es wirklich, dass sie sich in ihn verliebt und nicht nur für die
Werbeaufnahmen hatte rumkriegen wollen.

Annikas Finger kreisten über seine Halsmuskeln. Am liebsten hätte er geschnurrt wie ein Kater.
„Still halten.“ Phils Kommando schallte durch das Studio. „Ihr seid perfekt!“
Annikas Linke lag auf seiner Brust, trotz der Schlafbrille sah er Lichtblitze. Sein Herz klopfte.

Und sie musste das durch den Stoff der Uniform spüren.

„Pause!“
Er hörte, wie Phil an den Kameras hantierte. Annika fasste seine Hand und zog ihn vom Sitz.

Mit der Stoffbrille auf der Nase folgte er ihr blind und stolperte prompt über die herumstehenden
Reisetaschen, aber das schien ihr egal zu sein. Ein Vorhang streifte seine Schulter. Dann fühlte er
ihre Fingerspitzen an den Ohren, sie schob die Brille von seinem Gesicht. Und da sah er sie. „Du
hast dich ja schon wieder umgezogen! Wie machst du das nur?“ Perlenohrringe blitzten an ihren
Ohren, sie hatte ein Strandkleid übergeworfen.

„Ich hab das bei den Models abgeguckt, die müssen sich im Gehen umziehen können“, flüsterte

sie. Ihr Blick leuchtete, ihre Lippen berührte seine, ihre Finger wanderten seinen Kragen hoch in
sein Haar. „Ich habe zwar Flugangst, aber ein bisschen Akrobatik macht mir nichts aus.“

Das  war  es,  was  ihm  immer  gefehlt  hat,  das  Quäntchen  Überraschung,  der  Schuss

Unberechenbarkeit und die große Dosis Humor. Patrick fasste sie um die schmale Taille und hob
ein  klein  wenig  sein  Kinn,  damit  er  sie  voll  auf  den  Mund  küssen  konnte.  Er  war  fasziniert  von
weichen Lippen, die sich langsam öffneten, dann küsste er Annika sanft, einmal, dann ein zweites
Mal. Er hatte ganz vergessen, wie schön es war, wenn die Zeit einfach stehen blieb, zwischen zwei
Berührungen der Lippen, wenn die Welt einfach nur aus blaugrünen Augen bestand, wenn alles so
einfach war. Und grenzenlos wurde. Wie beim Flug über die Alpen im unendlichen Blau. Er küsste
sie wieder. Und noch mal, er streichelte Annikas Rücken, ihre Schultern, ihre Brüste. Es war ein
Gefühl, als ob er direkt durch eine Gewitterbank flog.

Da  waren  tatsächlich  Blitze.  Annika  machte  sich  los  und  drehte  den  Kopf.  „Phil,  du  bist

wirklich unmöglich.“

Der  blonde  Fotograf  winkte  grinsend  mit  der  Kamera.  „Keine  Angst.  Die  sind  für  euch,  als

kleines Dankeschön. Seid ihr bereit für die nächste Runde?“

„Kommst du?“ Annika nahm Patrick bei der Hand und zog ihn zurück zum Set.
„Mit  dir  fliege  ich  überall  hin,  wenn‘s  sein  muss,  auch  mit  der  Camel  Collection  in  den

Dschungel.“  Patrick  fühlte  ihre  heiße  Hand.  Er  ließ  sich  in  den  Sitz  fallen  und  war  so  glücklich
wie schon ewig nicht mehr. Eigentlich so glücklich wie damals, als er zum ersten Mal bei einem
eigenen Flug das Matterhorn gesichtet hatte. Und eben hatte sich auch ein Traum erfüllt.

Annika trat hinaus in die Dunkelheit, Patrick folgte ihr. Das Licht aus der Kneipe fiel auf das alte
Pflaster vor dem Restaurant, in dem sie mit dem gesamten Team das erfolgreiche Camel-Shooting
gefeiert hatte. „Alles im Kasten“ hatte Phil lange nach Mitternacht verkündet, dann waren sie zu
seinem  Lieblingsitaliener  am  Hackeschen  Markt  geschlendert. Annika  war  froh,  dem  Rauch  und

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dem  Trubel  zu  entkommen.  Sie  wollte  endlich  mit  Patrick  allein  sein.  Morgen  musste  er  schon
wieder los – ein bisschen kam sie sich vor wie eine Seemannsbraut, die immer auf ihren Liebsten
wartet.  Dabei  waren  sie  erst  seit  vier  Tagen  zusammen.  Die  stressigen  Vorbereitungen  für  den
Besuch von Yamamoto erledigte sie mit links, sie ärgerte sich nicht einmal darüber, dass Simon
immer  noch  in  ihrem  Gästezimmer  schlief.  Was  allein  zählte,  waren  die  wenigen  Stunden  mit
Patrick  auf  dem  Flughafen.  Einmal  hatten  sie  zwischen  zwei  Flügen  heimlich  in  der
Personallounge  von HolidayJet geknutscht und waren ziemlich schnell auf der Erste-Hilfe-Couch
gelandet.  Sie  hatte  gerade  noch  die  Jacke  überziehen  können,  während  Patrick  hektisch  sein
Uniformhemd wieder in die Hose stopfte, als eine ahnungslose Kira in die Lounge hereinplatzte.
Annika sehnte sich nach einer Nacht mit Patrick, und als sie heute bei den Foto-Aufnahmen auf
seinem Schoß saß, hatte sie deutlich gespürt, wie sehr auch er sie wollte.

Patrick legte seinen Arm um ihre Taille, und sie kuschelte sich enger an ihn. Wortlos schlug sie

den Weg hinunter zum Spreeufer ein.

„Wir könnten zu mir gehen“, sagte Annika leise. „Nur zum Schlafen. Du fliegst doch morgen.“
„Ja, das könnten wir“, sagte Patrick. Doch sie gingen weiter zum Ufer hinunter, bis sie in dem

kleinen Park waren, in dem tagsüber Kinder spielten und sonnenhungrige Berliner im Gras lasen
oder picknickten. Unter den Bäumen gingen sie langsamer. Patricks Hand wanderte zärtlich unter
Annikas Hemdbluse, ein Teil aus feinem weißen Leinen, das sie noch von der Camel Collection
trug. Seine Hand war warm. Vorsichtig strich er über ihre Taille hoch bis zu ihrem Brustansatz.

Abrupt drehte sich Annika zu ihm. Sie hielt das einfach nicht mehr aus. Mit ein paar schnellen

Bewegungen zog sie sein Hemd aus der Hose und legte ihre Hände auf seine Brust, fuhr über die
Brustwarzen  und  spürte  mehr  Patricks  kehliges  Stöhnen  als  dass  sie  es  hörte.  Sein  Mund  suchte
ihre Lippen, und sie küssten sich.

„Wann  kommst  du  wieder?“,  fragte Annika.  Irgendwie  war  sie  mit  dem  Rücken  an  einem  der

hohen Bäume gelandet, gegen den Patrick sie leidenschaftlich drängte.

„Morgen  Abend“,  sagte  er  und  legte  den  Kopf  auf  ihre  Brust.  Er  atmete  heftig,  und  Annika

strich ihm zärtlich über das Haar. Lange konnte das so nicht mehr weitergehen. Simon musste aus
ihrer Wohnung verschwinden, und zwar so schnell wie möglich.

„Komm morgen Abend zu mir“, flüsterte sie in seine Locken.
„Und dein Bruder?“
„Der wird nicht mehr da sein.“
Patrick hob den Kopf. Im Mondlicht glitzerten seine Augen, und sie sah, dass er lächelte. „Du

willst ihn meinetwegen rauswerfen?“

„Er wollte nur eine Nacht bleiben, und jetzt hängt er schon fast eine ganze Woche bei mir ab

und  belagert  mein  Wohnzimmer. Außerdem  können  wir  ja  wegen  Jan  nicht  zu  dir.  Oder  hat  er
morgen Abend Dienst?“

Das Glitzern in Patricks Augen wurde stärker, und er drückte sich wieder enger an sie. „Leider

nicht.  Jan  kommt  morgen  aus  Florida  zurück.  Da  hat  er  sogar  erstmal  zwei  Tage  frei. Aber  wir
können auch in ein Hotel gehen.“

Annika  lachte  leise  auf.  Was  für  eine  süße  Idee.  Und  sie  kannte  da  sogar  ein  verwunschenes

Hotel in Charlottenburg, das für eine romantische Nacht genau das richtige wäre. Aber Patrick war

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keine Affäre, kein Mann, mit dem sie sich im Hotel einen One-Night-Stand erlaubte. Sie wollte,
dass er in ihr Leben trat, als ihr Liebhaber, ihr Freund und Partner. Sie wollte die ganze Nacht mit
ihm  leidenschaftlichen  Sex  haben  und  am  Morgen  mit  ihm  zusammen  auf  ihrer  Terrasse
frühstücken.

„Ich  weiß  das  Angebot  zu  schätzen“,  sagte  Annika,  „aber  ich  möchte  lieber  zu  mir  gehen.

Simon wird morgen Abend weg sein, mach dir deshalb keine Gedanken. Dann muss eben er in ein
Hotel.“ Das war überhaupt ihre allerbeste Idee heute Abend.

Patrick nickte, bevor er sich von ihr löste und sie an der Hand von dem Baum wegzog. „Komm,

lass uns weitergehen.“

Annika  folgte  ihm,  und  eng  aneinandergepresst  liefen  sie  immer  weiter  die  Spree  entlang. Ab

und zu kamen ihnen andere Paare entgegen oder einzelne Spaziergänger, die zu nachtschlafender
Zeit ihre Hunde ausführten.

Berlin  war  eine  Stadt,  die  niemals  schlief,  aber  bei  Nacht  war  sie  geradezu  verzaubert.  Das

Mondlicht verwandelte das Wasser der Spree in einen Silberteppich, und die Äste der alten Bäume
am  Ufer  ächzten  und  knackten,  als  ob  sie  der  Nacht  die  vielen  Geschichten  aus  ihrem  langen
Leben erzählten. Irgendwann fing auch Patrick von seiner Kindheit in Leipzig an und den Reisen,
die  er  zusammen  mit  seiner  Familie  in  Osteuropa  unternommen  hatte.  Es  war  eine  fremde  Welt
für Annika, die von Düsseldorf erzählte und ihrem Designstudium in Hamburg.

An einer Stelle führte der Uferweg unter einer Fußgängerbrücke hindurch. Dort war es richtig

dunkel,  und  es  roch  geheimnisvoll  würzig  nach  dem  Wasser,  das  plätschernd  gegen  die
Uferbefestigung schlug. Patrick nahm sie in die Arme und küsste sie noch leidenschaftlicher als
zuvor.  Er  schob  die  weiten  Blusenärmel  hoch,  streichelte  zärtlich  die  empfindliche  Haut  in  der
Armbeuge. Annika zog ihn näher zu sich, sie wollte jeden Zentimeter seines Körpers spüren.

Nachher wusste sie nicht mehr, wie lange sie sich unter der Brücke berührt und geküsst hatten,

doch  als  sie  unter  der  Brücke  heraus  wieder  auf  den  Uferweg  traten,  war  am  Horizont  zwischen
den  Häusern  ein  rosa  Lichtstreifen  zu  sehen.  Gemeinsam  setzten  sie  sich  auf  eine  Bank,  auf  der
frischer Tau lag. Sie beobachteten, wie der Streifen breiter und heller wurde, das Rosa erst einen
Gelbstich  annahm  und  dann  immer  leuchtender  Orange  wurde.  Schließlich  erschien  wie  ein
glühender roter Ball die Sonne am Horizont. Als ob sie das erste Sonnenlicht begrüßte, begann in
der Ferne eine Kirchenglocke zu schlagen. Die klaren Töne hallten durch die morgendliche Stille
über das Wasser, und Annika kuschelte sich näher an Patrick und zählte leise die Glockenschläge
mit. „Eins, zwei, drei, vier“, zählte Annika. „Und fünf.“

Patrick fuhr ihr mit dem Finger über die Wange. „Es ist schon sechs Uhr“, sagte er, „wir haben

die Nacht durchgemacht.“

Annika  war  vollkommen  glücklich.  Vielleicht  konnten  sie  ja  noch  irgendwo  zusammen

frühstücken  nach  dieser  wunderbaren  Nacht,  der  schönsten  ihres  Lebens.  „Wann  geht  denn  dein
Flug?“

„Mein Flug?“ Patrick starrte sie an, als hätte sie gefragt, wann denn der Butler mit dem Bentley

vorfahre. „Mein Flug!“ Er sprang so abrupt auf, dass Annika fast von der Bank kippte.

„Was ist denn?“, fragte sie vollkommen verdutzt.
„Es tut mir leid, Annika.“ Patrick taste seine Hosentaschen ab, dann zog er das Handy heraus.

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„Mist, Mist, Mist.“

„Du hast einen Frühflug“, sagte Annika. Sie kapierte allmählich, was passiert war.
„Den  6.25  nach  Rio  de  Janeiro.  Es  ist  mein  erster  Interkontinentalflug.  Shit,  sie  rufen  mich

schon seit Stunden an. Ich hatte gestern beim Shooting das Handy ausgestellt.“

„Sechs Uhr fünfundzwanzig?“, fragte Annika.
Patrick  nickte  und  schaute  sich  hektisch  nach  allen  Seiten  um.  „Vielleicht  schaffe  ich  es  mit

dem Taxi. Die Straßen sind morgens leer.“ Er schaute verzweifelt zu Annika.

„Da  vorne  ist  ein  Taxistand“,  sagte  sie  und  rannte  los.  Einen  Moment  lang  starrte  Patrick  ihr

nach, und sie rief: „Komm schon, sonst reicht es nie.“ Dann spurtete er ihr hinterher.

Keuchend kamen sie an dem Stand an, wo ein einzelnes Taxi wartete. Annika war beim Laufen

klar  geworden,  dass  Patrick  es  nie  schaffen  konnte.  In  achtzehn,  nein,  sechzehn  Minuten  konnte
nicht einmal der schnellste Berliner Taxifahrer nach Schönefeld kommen.

„Ich  muss  trotzdem  rausfahren“,  sagte  Patrick,  der  offensichtlich  dieselben  Überlegungen

angestellt hatte. „Ich hab eh ein Wahnsinnsglück, wenn ich nicht sofort gefeuert werde.“

Annika  klopfte  an  die  Beifahrertür  des  Taxis  und  weckte  den  bärtigen  Fahrer,  der  über  seiner

Morgenzeitung eingenickt war.

Plötzlich  stand  Patrick  vor  der  halb  geöffneten  Tür  und  schien  es  auf  ein  Mal  gar  nicht  mehr

eilig zu haben. Er starrte auf seine Schuhspitzen.

„Du musst los, Patrick!“, sagte Annika und wollte ihn an den Schultern in das Taxi schieben.
„Ich hab gar nicht genug Geld dabei.“ Er wand sich aus ihrem Griff und schaute ihr ernst in die

Augen. Dabei sah er aus wie ein kleiner Junge, der das Schokoladeneis nicht bezahlen kann, das er
gerade gegessen hat.

Annika  schüttelte  den  Kopf.  „Das  ist  doch  kein  Problem.“  Sie  zog  den  Geldbeutel  aus  ihrer

Handtasche. Sein ernster Blick verwirrte sie so, dass sie ihm einen Hundert-Euro-Schein einfach
in die Hosentasche steckte. „Komm bald wieder“, flüsterte sie ihm zu.

„Na, könn‘ Se sich loseisen?“, brummte von vorn die verschlafene Stimme des Taxifahrers.
Patrick wollte sich schon ins Taxi setzen, doch dann wandte er sich noch einmal zu Annika und

ergriff ihre Hände. „Ich ruf dich an.“ Er drückte ihr einen so zärtlichen Kuss auf die Lippen, dass
Annika ihn am liebsten gar nicht gehen lassen wollte. Im nächsten Moment war er weg, und die
Autotür knallte zu.

„Ich  liebe  dich,  Patrick“,  rief  sie  ihm  nach,  aber  ihre  Worte  gingen  unter  im  Quietschen  der

Reifen, als der Taxifahrer in die Mitte der Straße schoss.

Der Taxifahrer war wie der Teufel gefahren, Patrick warf ihm den Hundert-Euro-Schein auf den

Sitz und wartete nicht mal, bis der Mann ihm einen Zwanziger herausgegeben hatte. Er rannte so
schnell von der Taxispur zur Abfertigungshalle, dass er Seitenstechen bekam. Die Halle barst vor
Menschen,  alle Abfertigungsschalter  waren  geöffnet,  aber  nicht  nur  die  üblichen  Schlangen  von
Touristen  drängelten,  überall  standen  Mitarbeiterinnen  in  Service-Uniformen  und  beruhigten
aufgeregte Passagiere. Er musste sofort zum Staff-Raum durchkommen.

Vorne tuschelte Melanie am Check-in, sie reckte gerade das Kinn, erkannte ihn und winkte ihn

zu sich.

„Was ist mit meinem Flug?“ fragte Patrick und starrte in Melanies gestresstes Gesicht.

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„Flug  4723  nach  Rio  de  Janeiro  hatte  vor  vierzig  Minuten  take-off.“  Sie  fuhr  sich  durch  die

kurzen  blonden  Haare.  „Alles  ist  durcheinander.  Die  Kollegen  von  der  Flugreserve  waren  schon
weg, weil sie gestern Nacht für Vinzenz eingesprungen sind, der in Chania Maschinenschaden hat.
Die  andern  Airlines  fliegen  auch  gerade  Oberkante  Unterlippe,  es  gab  keinen  Ersatz  für  dich.
Osterloh  hat  notgedrungen  den  ganzen  Flugplan  umgestellt,  die  Jungs  neu  eingeteilt,  aber  dann
ging es plötzlich doch nicht auf, weil er da erst merkte, dass keiner deiner Kollegen, die noch da
waren,  schon  wenigstens  mal  als  Co-Pilot  in  Rio  de  Janeiro  runter  ist  …  Safety  first,  Osterloh
kennt da nichts.“

Patrick  sah  die Verspätet-Anzeigen  auf  der  Tafel  der  Halle.  Die  verpassten  Slots  kosteten

HolidayJet  mindestens  so  viel  wie  drei  seiner  Jahresgehälter.  Und  sein  Chef  würde  einen  Malus
ins  Flugbuch  eintragen  lassen,  wonach  ihn  nie  wieder  eine  Airline  einstellte.  „Osterloh  bringt
mich um.“

Gerade  weil  ihn  der  oberste  Vorgesetzte  von  HolidayJet  eigentlich  schätzte  und  ihm  sogar

schon einige Male bei der Flugstundenzahl entgegengekommen war, würde er ihn nun erst recht
fertig  machen.  Osterloh  war  nicht  umsonst  an  die  Spitze  gekommen.  Er  war  hart,  aber  gerecht.
Und Patrick hatte einen schwerwiegenden Fehler gemacht, da war nichts zu deuteln.

Melanie  sah  ihn  mitfühlend  an.  „Wahrscheinlich  bist  du  eh  schon  tot.  Osterloh  hat  auf  dem

Monitor zufällig gesehen, dass Jan gerade aus Florida gelandet war. Er hat ihn aus der Maschine
geholt  und  direkt  in  das  Cockpit  des  Rio-Flugs  gesetzt.  Den  Safety-Check  hatten  die  Kollegen
schon durch.“

Das war garantiert ein Verstoß gegen zwanzig Bestimmungen auf einmal. „Ich muss sofort zu

Osterloh.“

Melanie hielt ihn am Ärmel fest. Ihre Augen musterten ihn, als ob er schwer krank sein könnte.

„Was war denn los? Du bist doch sonst so zuverlässig.“

Patrick versuchte zu sprechen, aber erst wischte er sich über die Augen. „Ich habe mit Annika

an der Spree den Sonnenaufgang bewundert.“

„Das ist jetzt nicht wahr!“ Melanie warf einen Blick zum Counter, aber die Stewardessen waren

zu beschäftigt, als dass sie etwas gehört hätten. Sie zog ihn rasch weg zur Personaltoilette.

Vor den Spiegeln baute sie sich auf. „Liebe ist nicht alles, und schon gar nicht in deinem Alter.

Auf  keinen  Fall  darfst  du  gegenüber  Osterloh  auch  nur  andeuten,  dass  eine  Frauengeschichte
dahintersteckt.“ Melanies Zeigefinger bohrte sich in seine Jacke.

„Annika kann überhaupt nichts dafür …“
Melanie  drehte  die  Hähne  auf.  „Mensch,  vergiss  deine Annika  mal  für  einen  Moment.  Komm

jetzt sofort zu dir! Du musst deinen Job retten.“

Patrick  spritzte  sich  Wasser  ins  Gesicht.  Die  Kälte  half  ihm  zu  denken.  Gerade  lief  eine

Katastrophe  in  seinem  Leben  ab.  Seit  Jahren  sparte  er  jeden  Euro  für  die  teure  Ausbildung,  er
leistete  sich  keine  eigene  Wohnung,  hatte  kaum  eigene  Möbel.  Lebte  seit  Jahren  ohne  richtigen
Urlaub, und jetzt verpatzte er die endgültige Pilotendauerzulassung, von der er so lange geträumt
hatte, im letzten Moment.

Melanie knabberte an ihren Fingern. „Du musst dir etwas ausdenken, dass Osterloh akzeptieren

kann. Irgendwas.“

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„Ich  kann  so  schlecht  lügen.“  Patrick  starrte  in  sein  bleiches  Gesicht  im  Spiegel.  Sein  Herz

klopfte  wild.  „Mein  …  mein  Vater  hat  einen  Herzinfarkt,  und  meine  Mutter  dreht  durch.“  Er
wandte sich um und schaute Melanie an. „Glaubst du, die Geschichte funktioniert?“

Melanie zuckte mit den Schultern, dann nickte sie. „Besser als nichts.“

Immer  noch  blass  trat  Patrick  in  das  Büro  seines  obersten  Vorgesetzten  bei  HolidayJet  ein.  Im
grauen  Business-Anzug,  die  Hände  in  den  Hosentaschen,  stand  Osterloh  am  Bildschirm,  der  die
Flugdaten ihrer Airline online zeigte.

„Dass  Sie  sich  überhaupt  noch  hertrauen.“  Osterloh  sah  ihn  mit  einem  Ausdruck  an,  in  dem

Patrick  fast  so  etwas  wie  Verachtung  zu  erkennen  vermeinte.  „Wir  haben  drei  Maschinen  im
Überhang. Alle  ackern  wie  die  Blöden,  damit  das  Boarding  noch  klappt,  bevor  drei  Time-Slots
verfallen.“ Er sprach ruhig, als würde er Patrick das alles zum ersten Mal erklären. Aber unter der
Oberfläche  brodelte  es.  „Andernfalls  kostet  uns  das  viel,  viel  Geld.  Können  Sie  sich  überhaupt
vorstellen, um welche Summen es hier geht, Lister?“

Patrick  wusste,  dass  es  besser  war  zu  schweigen. Aber  er  hätte  sowieso  nichts  sagen  können

außer,  dass  es  ihm  leidtat.  Aber  Osterloh  war  noch  blasser  im  Gesicht  als  sonst,  seine  Augen
blitzten, er wollte jetzt bestimmt keine Entschuldigungen hören.

„Ohne  Kosfelds  Kollegialität  hätten  wir  jetzt  horrende  Strafen  zu  zahlen.  Sämtliche

Flugaufsichtsbehörden  und  Berufsorganisationen  wären  hinter  ihm  gestanden,  wenn  er  Nein
gesagt hätte. Ich hätte ihn nicht auf Ihren Platz zwingen können, um den Flug nach Rio de Janeiro
zu fliegen. Das war Ihr Flug. Sogar Ihr Premierenflug auf Langstrecke. Wo, verdammt noch mal,
waren Sie, Lister?“

Patrick schluckte. Melanie hatte Recht. Wenn er jetzt die Wahrheit sagte, schmiss ihn Osterloh

eigenhändig  aus  der Airline.  Und  zwar  noch  in  dieser  Minute.  „Mein  Vater  …“,  der  saß  sicher
quietschvergnügt  beim  frühmorgendlichen  Angeln  an  der  Saale,  „…  hatte  einen
lebensbedrohlichen  Herzinfarkt.“  Patrick  versank  vor  Scham  im  meerblauen  Teppich  und  senkte
den hochroten Kopf. „Er hat es Gott sei Dank überlebt.“ Lügen war schrecklich, Osterloh musste
es doch sehen, dass kein Wort davon stimmte. Aber der erwartete Wutausbruch blieb aus.

Osterloh sah zum Bildschirm. Die Anzeige hinter Monastir sprang auf Take-off. „Na, endlich!“

Osterloh legte die Hände ineinander. „Die Maschine nach Tunesien hat es auch noch geschafft, sie
rollt  gerade  im  Slot  auf  die  Startbahn.“  Der  Manager  ließ  sich  in  den  Sessel  fallen.  Er  schloss
einen Moment die Augen.

Patrick wusste nicht, wohin mit seinen Händen.
„Lister,  Sie  haben  bisher  keine  Fehler  gemacht.  Sie  sind  sogar  überdurchschnittlich  gut.“

Osterloh beugte sich vor und legte die Arme auf die Schreibtischfläche. „Aber der verpasste Flug
nach Rio de Janeiro war Ihr letzter. Definitiv. Es tut mir leid.“

Patrick biss die Zähne zusammen. All die Jahre waren umsonst gewesen. Verdammt … Er half

nichts, seine Knie wurden weich, er lehnte sich an den Türrahmen.

„Hören Sie gut zu.“ Osterloh erhob sich und kam um den Schreibtisch herum. „Ich weiß, dass

Sie ein Pilot aus Leidenschaft sind, der sich die Ausbildung hart abgerungen hat – wie ich.“

Zu Patricks Überraschung lächelte der Chef ihn sogar mit ein bisschen Mitgefühl an. „Niemand

ist  unfehlbar.  Sogar  ich  habe  schon  mal  Bockmist  gebaut.  Fairness  ist  eine  Tugend  der  Piloten,

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nicht  wahr?“  Er  klopfte  ihm  auf  die  Schultern.  „Sie  kriegen  jetzt  eine  allerletzte  Chance. Aber
einen weiteren Flug dürfen Sie einfach nicht verpassen. Niemals. Verstehen wir uns?“

Für  einen  Moment  schwankte  das  Büro  vor  Patricks  Augen.  „Ja,  natürlich.  Ich  verpasse

bestimmt nie mehr einen Flug.“ Er war so erleichtert, dass er sich gar nicht richtig freuen konnte.
Er war noch mal davongekommen. „Danke.“

„Ich  vertraue  Ihnen,  enttäuschen  Sie  mich  nicht.  In  einer  halben  Stunde  fliegen  Sie  nach

Lissabon.  Und  keine  Dummheiten  mehr.  Sie  haben  noch  fünfundzwanzig  Minuten.  Und  jetzt
raus!“

Patrick  schloss  die  Tür  hinter  sich.  Der  Flur  des  Bürotraktes  war  leer.  Patrick  machte  einen

Luftsprung. Er durfte weiterfliegen!

Der  Schlüssel  drehte  sich  mit  einem  quietschenden  Geräusch  in  der  Wohnungstür.  Patrick  hatte
diesen Augenblick mehr gefürchtet als den Dauerspott, den die Kollegen am Flughafen über ihm
ausgeschüttet  hatten.  Er  war  heilfroh,  dass  Melanie  dichthielt. Alle  glaubten  an  den  Herzinfarkt
seines  Vaters,  manche  Kollegen  hatten  ihm  sogar  zu  verstehen  gegeben,  dass  sie  es  in  so  einem
Notfall  auch  riskiert  hätten,  einen  Flug  zu  verpassen.  Dann  hatte  Osterloh  in  einer
außerordentlichen  Pilotenbesprechung  alle  dazu  verdonnert,  die  Sache  so  hinzudrehen,  dass  die
Flugaufsicht nicht mitkriegte, was wirklich passiert war. Die  Bonuszahlung  am  Jahresende  hatte
der Personalchef davon abhängig gemacht, dass nichts durchsickerte.

Aber Jan würde Patrick ehrlich in die Augen schauen müssen.
Dann  kam  er  herein,  Patrick  hatte  seinen  Kumpel  noch  nie  so  fertig  gesehen.  Jan  warf  die

Pilotenjacke  einfach  über  den  Sessel  und  ließ  sich  aufs  Sofa  fallen.  Er  wirkte  wie  sein  eigener
Großvater. Unter dem dichten Bartschatten war er totenblass, die Ringe unter den Augen waren so
tief, dass er aussah, als sei er für den Karneval geschminkt. „Oh Mann. Ich bin total fertig, Patrick.
Drei Stunden Turbulenzen über Cap Verde, du kannst dir vorstellen, was in der Cabin los war …“
Er ließ den Kopf zurücksinken, dann machte er die Augen auf. „Sorry, ich rede nur von mir. Wie
geht es deinem Vater? Ist er wieder okay?“

Jans Blick war so mitfühlend, selbst jetzt noch. Er wusste, wie viel sein Vater Patrick bedeutete.

Er  hatte  ihm  von  den  vielen  Jugendreisen  im  Ostblock  erzählt,  bis  auf  die  Krim  und  nach
Nowosibirsk hatte ihn sein Vater mitgenommen. Patrick senkte den Kopf. Er spürte, wie ihm das
Blut in die Wangen schoss.

„Er …“ Er brachte es nicht fertig, Jan anzulügen, der ihm immer geholfen hatte, mit dem Job,

und jetzt wieder. „Ich …“

„Patrick?“ Jan richtete sich halb auf und kniff die Augen zusammen. „Du wirst ja rot. Was ist

los?“

„Mein Vater hat gar nichts.“ Es war raus. Patrick schaffte es sogar, Jan anzusehen.
Dem stand der Mund offen.
„Ich habe den Flug verpasst.“
Jan blinkte mit den Augen. „Du hast was?“, rief er. Er schlug mit der Faust auf das Sofa. „Das

gibt es nicht. Ich fliege vierundzwanzig Extrastunden, weil ich denke, dass dir das Schicksal übel
zusetzt, und in Wirklichkeit hast du deinen Arsch nicht rechtzeitig aus den Federn gekriegt. Bist

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du noch zu retten, Mann?“

Jetzt war Jan richtig wütend. Er hatte die Lippen fest zusammengepresst und die Fäuste geballt.
„Ich  habe  nicht  verschlafen.“  Wenn  Jan  ihm  jetzt  eine  scheuerte,  würde  er  sich  nicht  mal

ducken.

„Wie bitte? Was dann? Hat der Herr Lister vielleicht gesoffen?“ Jan konnte kaum sprechen vor

Wut.

Patrick hob entschuldigend die Schultern. „Ich war mit Annika an der Spree und, die Frau ist …

ist einfach unglaublich, ich habe das noch nie erlebt. Ich habe die Zeit total vergessen. Total.“

Jan stand auf und ging zum Schrank. „Darauf brauche ich einen Whisky, das ist zu viel. Pilot

Lister  knutscht  irgendwo  rum  und  vergisst  wegen  einer  Frau  glatt  eine  Maschine  mit
zweihundertvierzig Leuten.“ Er blickte kopfschüttelnd zum Fenster hinaus. „Kannst du nicht wann
anders rumtreiben?“

Jan hatte allen Grund, böse zu  sein.  Dabei  hatten  er  und Annika  ja  nicht  mal  …  Patrick  sagte

leise: „So war es nicht. Es ist wirklich ernst. Je mehr ich sie kennenlerne, desto mehr fasziniert sie
mich.“

„Ach, höre doch auf.“ Die Whiskyflasche in Jans Hand zitterte. „Du bist doch dauernd verliebt,

Patrick. Die Frauen stehen auf dich. Wie viele Affären hattest du letztes Jahr? Na?“

„Mit Annika ist es anders. Wirklich.“
„Ach? Und wie ist es?“
Wie sollte er ihm das erklären, er verstand es ja kaum selber. Er fühlte es nur. Klar sah Annika

gut aus, aber da war mehr, viel mehr. Jan musterte ihn immer noch zornig. Patrick holte Luft. Jan
war doch selber verliebt. Schon länger. Vor ein paar Wochen hatte er Patrick gestanden, dass er
Melanie vom Bodenpersonal schon ewig anbetete. Angeblich ignorierte sie ihn aber, wenn er sie
überhaupt einmal am Flughafen traf. Deshalb litt Jan nun stumm vor sich hin, weil er nicht daran
glaubte, dass die lebenslustige Check-in-Chefin sich für einen Langeweiler wie ihn interessieren
konnte.

„Stell dir vor, Melanie sagt auf einmal Ja und hat nur noch Augen für dich, den ganzen Tag und

Abend, und es stellt sich nach dem zweiten Date heraus, dass sie noch viel toller ist, als du immer
gedacht hast.“

Jans Gesichtsausdruck wechselte von Wut zu Überraschung, dann wurde er nachdenklich.
„So war das. Annika ist für mich wie Melanie für dich.“
Jan ließ den Whisky ins Glas gluckern. „So schlimm, Patrick?“
Schlimm war es eigentlich nicht, es war herrlich. „Ja, ehrlich. Könnte dir das mit Melanie nicht

auch passieren?“

„Ich  glaube  nicht,  dass  ich  einen  Flug  verpassen  würde.“  Jan  stürzte  das  Glas  in  einem  Zug

hinunter.  „Schon  deshalb  nicht,  weil  Melanie  am  Check-in  stehen  würde.“  Er  grinste  plötzlich.
„Das ist dir wirklich ernst mit dieser Annika, nicht?“

„Ja.“ Patricks Stimme war ganz fest. „Sonst hätte ich doch nie …“
Jan stellte das Glas ab. „Okay,  okay.  Ich  geh  jetzt  duschen  und  dann  ins  Bett.“  Er  drehte  sich

noch einmal um und drohte ihm mit dem rechten Zeigefinger. „Aber dass eins klar ist: Ich habe
einen Flug bei dir gut, den du für mich fliegst, wann immer ich mal eine Freischicht brauche!“

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5. KAPITEL

Annika  hatte  bis  sieben  Uhr  bei Connor  FashionConsult  durchgearbeitet  und  dann  im  Büro
verkündet,  dass  sie  den  morgigen  Tag  frei  nehmen  würde.  Roberta  hatte  sie  angestarrt  wie  ein
Wesen von einem anderen Stern. Mürrisch wies die Chefin darauf hin, dass Mr. Yamamoto in ein
paar  Tagen  kommen  würde.  Doch  Annika  war  vorbereitet  und  legte  Roberta  das  ausgefeilte
Besuchsprogramm  vor,  mit  allen  Boutiquen  und  Trend-Shops,  mit  formellen  wie  inoffiziellen
Gesprächsterminen. Sie hatte den Abholservice vom Flughafen und das Hotel gebucht, sogar ein
Gespräch  mit  der  Storeleiterin  von  Joops  Wunderkind-Shop  hatte  sie  heute  Morgen  noch
festmachen können.

„Na  gut“,  brummte  Roberta.  „Dann  genieß  deinen  freien  Tag  morgen,  Nika.  Da  steckt  doch

dieser Pilot dahinter. Habe ich Recht?“

Annika zuckte nur mit den Schultern und lächelte geheimnisvoll. Ihr Privatleben ging Roberta

nichts  an. Auch  wenn  sie  in  einem  schwachen  Moment  vor  Frau  Rose,  der  Tratschtante,  zu  viel
gesagt hatte, aber mehr würde im Büro niemand erfahren, schon gar nicht die Chefin.

„Er  soll  ja  gut  aussehen,  sagt  unser  Lieblingsfotograf.“  Roberta  genoss  sichtlich  Annikas

Überraschung.  Jetzt  verriet  sie  sogar  auch  noch  Phil!  Das  würde  er  ihr  büßen.  „Er  findet  ihn  zu
klein,  aber  berichtet  von  einem  prächtigen  Po.“ Annika  funkelte  ihre  Chefin  an,  doch  die  lachte
nur.  „Ich  wiederhole  nur,  was  Phil  mir  gesagt  hat.“  Sie  hatte  noch  einen  Fussel  von  ihrer  Tao-
Bluse geschnippt und war ins Büro zurückgegangen.

Als Annika jetzt vor dem bodenlangen Spiegel in ihrem Schlafzimmer stand, lachte sie selbst

über Phils Spruch. Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Patricks Po war sensationell. Und in weniger
als  einer  Stunde  würden  sie  zusammen  in  die  Sushi-Bar  vorne  an  der  Weinmeisterstraße  gehen.
Oder  einfach  hierbleiben  und  endlich  Zeit  füreinander  haben,  so  lange  und  so  intensiv,  wie  sie
wollten. Annika  spürte,  wie  ihr  ganzer  Körper  zum  Leben  erwachte  bei  dem  Gedanken,  dass  sie
heute Nacht endlich miteinander schlafen würden.

Gestern  Morgen  war  sie  nach  Patricks  hektischem Abschied  kurz  nach  sechs  heimgekommen.

Um  acht  Uhr  hatte  sie  Simon  geweckt  und  ihn  innerhalb  von  zwei  Stunden  in  das  Hotel  in  der
Kastanienallee  verfrachtet.  Ein  wenig  tat  es  Annika  leid,  als  ihr  Bruder  ohne  ein  Wort  des
Abschieds die Treppe hinunterlief, aber dieses eine Mal musste sie zuerst an sich denken. Es ging
um wahre Liebe, und die begegnete einem bekanntermaßen nur einmal im Leben.

Annika  drehte  sich  vor  dem  Spiegel.  Das  eng  anliegende  gelbe  Kleid  brachte  ihre  schlanke

Figur zur Geltung, und der orange Kragen ließ ihre braunen Locken leuchten. Roxanne hatte es mit
ihr  zusammen  ausgesucht.  Da  hatten  sie  bei  Bread  &  Butter,  der  alljährlichen  Messe  der  jungen
Berliner Modeszene, teilgenommen und ein paar wichtige Kontakte vermittelt, dafür hatte Annika
das Kleid behalten dürfen. „Du bist die einzige Frau, die ich kenne, die Gelb tragen kann“, hatte
Roxanne ihr damals gesagt. Annika lächelte ihrem Spiegelbild zu und fragte sich, ob Patrick wohl
Tahiti-Cocktails genau so gerne mochte wie sie.

Während  sie  in  der  Küche  Rum,  Cointreau  und  Grenadine  im  Shaker  mixte,  klingelte  das

Telefon. Die Ruferkennung zeigte an, dass es ihre Eltern aus Düsseldorf waren. Bestimmt wollten
sie  mit  ihr  über  Simon  reden.  Annika  warf  einen  Blick  auf  ihre  Handyuhr.  Es  war  noch  Zeit,

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Patrick  wollte  um  acht  hier  sein.  Sein  Flieger  aus  Lissabon  war  um  17.30  Uhr  gelandet,  und  er
wollte sich zu Hause umziehen.

Zuerst erzählte Annika ihrer Mutter, dass Simon wohlauf war und bei ihr wohnte – eine kleine

Lüge,  die  ihr  der  Himmel  bestimmt  verzieh  –,  dann  kam  ihr  Vater  an  den  Apparat  und  legte
wieder  einmal  los,  wie  teuer  alles  geworden  sei.  Seit  ihre  Eltern  das  in  Simons  Zeitungsprojekt
investierte  Geld  verloren  hatten,  entwickelten  sie  seltsame Allüren.  Ihre  Mutter  wusch  nur  noch
zwei Maschinen pro Woche. Annika, bei der so ziemlich jeden Tag die Waschmaschine lief, sagte
gar nichts dazu. Dann berichtete ihr Vater, dass sie sich überall Zeitschalter für das Licht einbauen
lassen wollten. Im nächsten Moment beschwerte er sich über die hohe Tierarztrechnung. Als die
beiden  Kinder  aus  dem  Haus  waren,  hatten  sich Annikas  Eltern  eine  Katze  angeschafft,  und  die
kleine Mizi hatte ihre Herzen im Sturm erobert.

„Mizi frisst nicht mehr“, meinte ihr Vater mit tieftrauriger Stimme, „und dabei kriegt sie nur

noch Spezialfutter. Weiß du noch, wie viel das kleine Ding immer weggeputzt hat? Arm gefressen
hat sie uns.“

„So teuer war das doch nicht.“ Das war genau der falsche Satz. In den nächsten fünf Minuten

rechnete ihr Vater haargenau vor, wie viel Gramm eine ausgewachsene Katze am Tag fraß und wie
viel teurer als normales Katzenfutter die Spezialdiät war. Annika schaute auf die Uhr, es war zehn
vor acht.

„Papa“, unterbrach sie ihn. „Papa, ich muss Schluss machen.“
„Wart noch, Kleines. Deine Mutter will dir noch was sagen.“ Am anderen Ende der Leitung war

Getuschel  zu  hören,  doch Annika  konnte  ihre  Eltern  nicht  verstehen.  Dann  hörte  sie  ihre  Mutter
sagen: „Annika, wie lange will Simon denn in Berlin bleiben?“

„Ich  glaube,  das  weiß  er  selbst  nicht  so  genau.“  Annika  hatte  den  Hörer  zwischen  Ohr  und

Schulter geklemmt und holte die Cocktailgläser aus dem Eisfach.

„Aber schon noch ein paar Tage, oder?“
„Mach dir keine Sorgen, ich pass schon auf ihn auf.“ Vorsichtig drehte Annika die Glasränder

im Zucker.

„Ja, das weiß ich. Du warst schon immer verantwortungsbewusst. Sag ihm, er soll anrufen, ja?“
„Mach  ich.  Tschüss,  ihr  beiden.“  Endlich  konnte Annika  das  Telefon  weglegen  und  sich  den

Tahitis widmen. Der Cocktail floss perfekt ölig in die Gläser.

Es klingelte, und vor Schreck und Freude wäre Annika fast der Shaker aus der Hand gerutscht.

Sie strich den gelben Seidenstoff über ihrer Taille glatt, dann rannte sie zur Tür und riss sie auf.

„Simon!“ Es war nicht zu fassen. Ihr Bruder grinste sie schief an.
„Na, wie war die Nacht mit dem neuen Lover, Schwesterchen?“
„Noch  gar  nicht.  Patrick  kommt  jeden  Moment,  wir  sind  für  heute  verabredet.  Und  dich  kann

ich jetzt überhaupt nicht brauchen. Was ist denn das hier alles?“

Der  gesamte  Treppenabsatz  stand  voller  Koffer  und  Taschen.  Vor  der  Tür  ihrer  Nachbarn

entdeckte Annika eine Riesenschachtel, in der offenbar ein Flachbildmonitor steckte. „Wie … wie
hast  du  das  denn  hierhergebracht?“ Annika  hätte  sich  auf  die  Zunge  beißen  können.  Wie  Simon
seinen  ganzen  Kram  –  denn  um  nichts  anderes  konnte  es  sich  handeln  –  hier  vor  ihre  Wohnung
gebracht hatte, war total egal. Wie er es wieder wegbrachte, das war wichtig.

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„Meine Sachen“, sagte Simon vollkommen lässig.
„Und? Was wird das jetzt?“ Diesen Typen brachte nichts, aber auch gar nichts aus der Ruhe.
„Das Hotel ist mir zu teuer. Ich stell meine Sachen ins Gästezimmer, dann verdrück ich mich,

hänge ab in einer Kneipe oder geh ins Kino. Wenn ich zurückkomme, seid ihr beiden Lovebirds
bestimmt schon im Bett.“

Annika  schüttelte  energisch  den  Kopf.  „Nein,  diesmal  nicht.  Ich  habe  mir  morgen  extra  frei

genommen, damit ich in Ruhe mit Patrick frühstücken kann. Und dieses … Zeug hier, ich will das
nicht in meiner Wohnung.“

„Ich  hau  morgen  ganz  früh  ab,  versprochen, Annika.  Du  wirst  nicht  mal  merken,  dass  ich  im

Gästezimmer geschlafen habe. Großes Indianerehrenwort.“

Sie  seufzte.  Es  war  wie  in  alten  Zeiten,  als  Simon  sie  dazu  überredet  hatte,  ihm  ihren

Lieblingsteddy  zu  schenken.  Irgendwann  konnte  sie  einfach  nicht  mehr  Nein  sagen.  Sie  trat  von
der  Tür  zurück,  und  Simon  packte  mit  einem  sehr  zufriedenen  Gesichtsausdruck  die  Griffe  von
zwei riesigen Lederkoffern.

Als  er  an  ihr  vorbeiging,  ließ  er  kurz  den  Blick  über  ihr  Outfit  gleiten.  „Gelb  steht  dir  nicht,

Schwesterherz“, sagte er und verschwand im Gästezimmer.

An  der  Bank  am  Hackeschen  Markt  klemmte  sich  Patrick  den  eingewickelten  Strauß  rote  Rosen
zwischen die Knie. Der Geldautomat war noch auf Polnisch eingestellt, und Patrick wechselte die
Anzeige. Er wollte Annika das Geld für die Taxifahrt nach Schönefeld zurückgeben. Auch wenn er
seinen Flugplan nicht im Kopf hatte, seine Geheimzahl vergaß er wenigstens nie. Obwohl, wenn
Annika jetzt neben ihm stehen würde …

Er  dachte  an  ihre  grünen  Augen,  daran,  wie  wunderbar  weich  sich  ihre  Haut  anfühlte.

Gedankenverloren  tippte  er  die  vier  Codenummern  ein.  Der  Automat  piepte,  dann  kam  die
Nachricht: „Die Anmeldung war nicht erfolgreich, da PIN und EC-Karte nicht zueinander passen.
Bitte  prüfen  Sie  Ihre  Eingaben.“  Was  denn?  Patrick  holte  tief  Luft,  konzentrierte  sich  und  gab
erneut seine Geheimnummer ein.

Sein  Konto  stand  im  Minus.  Das  Gehalt  hätte  doch  schon  vorgestern  auf  das  Konto  kommen

müssen. Auch  wenn  immer  am  Monatsende  die  Rate  seines Ausbildungskredits  abging  und  am
Monatsanfang die Miete, er müsste trotzdem im Plus sein. Patrick überlegte. Er hatte Kira nicht
genau zugehört im Staff-Room, aber anscheinend hatte das Buchungssystem den letzten System-
Update  nicht  vertragen.  Dauernd  gab  es  Doppelreservierungen  und  falsche  Datumsangaben.  Die
Computerprobleme  bei HolidayJet  konnten  sich  auf  die  Buchhaltung  ausgewirkt  haben.  Er
brauchte jetzt mindestens dreihundert Euro. Patrick rechnete schnell, da würde er knapp unter dem
Dispo-Limit bleiben.

Dann drückte er die Taste, und der Automat spie brav das Geld aus.
Patrick steckte die Scheine ein und marschierte mit dem Strauß durch die Touristenmassen, die

sich  zwischen  Kino,  Cafés  und  Straßenbahnen  über  den  Hackeschen  Markt  bewegten.  Auf  den
Wänden  des  Treppenhauses  stoben  Rauten  in  allen  Farben  durcheinander,  so  dass  Patrick  seine
Blumen  fast  etwas  eintönig  vorkamen.  Er  klingelte  an  der  Tür  im  obersten  Stock,  an  der  mit
großen Buchstaben FRINX stand.

Im  nächsten  Moment  wurde  die  Wohnungstür  aufgerissen,  als  ob  jemand  direkt  dahinter

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gewartete hätte. „Ja?“, fragte eine raue Männerstimme.

Das weiße Hemd war drei Knöpfe weit offen, die weiße Hose darunter glücklicherweise nicht.

Ein spöttischer Blick traf Patrick. Rasiert war der Kerl auch nicht.

War  das  der  Bruder?  Patrick  ließ  den  Blumenstrauß  sinken.  Der  schmale  blonde  Mann  sah

Annika überhaupt nicht ähnlich.

„Der ist wohl für dich, Schwesterchen!“, rief der Typ in die Wohnung und nahm sich eine Jacke

von der Garderobe.

Patrick sah Annikas Bruder nach, der ihm kurz zunickte und dann die Treppe hinunterpolterte.

Irgendwie seltsam, der Typ. Er betrat zögernd die Wohnung und zog die Tür hinter sich zu.

„Patrick? Bist du schon da?“, rief Annika aus einem Zimmer.
„Ich  konnte  es  nicht  erwarten“,  sagte  Patrick.  Dann  stand  sie  vor  ihm.  Das  gelbe,  enge  Kleid

verhüllte eigentlich gar nichts, Patrick sah im ersten Moment nur Kurven.

„Wow. Was für ein Kleid!“ Gelbe Seide, da waren rote Rosen doch genau richtig. „Die sind für

dich.“

Annika gab ihm einen Kuss über den Strauß hinweg mitten auf den Mund und raschelte gleich

neugierig  das  Papier  auseinander.  „Das  sind  ja  unendlich  viele  Rosen!“  Ihre  grünblauen Augen
blitzten wie Smaragde.

„Dreißig.“
„Du bist verrückt. Ich suche nur schnell eine passende Vase.“
Schon  war  sie  in  der  Küche  verschwunden.  Im  Wohnzimmer  hinter  der  Couch  lag  ein

Wollplaid, das genauso Wellen schlug, als ob drunter ein Federbett mit Kissen läge. Patrick sah
ein  Paar  große  Männerschuhe  in  der  Ecke  neben  einem  Stapel  Modezeitschriften.  Der  blonde
Bruder  eben  war  aber  eher  klein.  Er  scannte  das  Zimmer  wie  ein  Cockpit  vor  dem  Start,  keine
Männersachen,  weder  Sportzeitschriften  noch  verlorene  Socken.  Dafür  lag  Nähzeug  herum,  eine
Boa aus Neonfedern und jede Menge Bildbände waren in zwei Regalen aufgereiht. „Alta Moda“,
„New York – back list“ …

Eine  Hand  schob  sich  unter  seinen Arm.  „Brauche  ich  alles  überhaupt  nicht  für  meinen  Job.

Aber Design und Mode ist meine Leidenschaft. Nichts ist ja wirklich neu in der Mode. Manchmal
muss  ich  wissen,  ob  ein  überlanges  Revers  nicht  gerade  vor  zehn  Jahren  schon  mal  in  war.“  Sie
schob sich unter seiner Beuge durch und lächelte ihn an. „Die Rosen duften wahnsinnig gut.“

„Nicht so gut wie du.“ Patrick küsste sie. Es stimmte wirklich. Ihr Duft war so würzig und so

erregend  wie  der  Regen  in  der  Karibik.  Sie  schmiegte  sich  in  seine Arme.  Er  mochte  gar  nicht
aufhören sie zu küssen.

„Ich hab uns einen Tahiti gemixt. Gin, Cointreau, Champagner … Ich hoffe, du magst das?“ Sie

strich ihm leicht über den Unterarm.

„Ich mag alles, was du machst.“
Annika  holte  die  Gläser  aus  der  Küche.  Er  setzte  sich  aufs  Sofa  und  machte  den  obersten

Hemdknopf auf. Ihm war jetzt schon heiß.

„Auf  uns.“  Sie  stießen  an  und  tranken.  Langsam  zog  Annika  ihn  an  der  Krawatte  zu  sich

herüber.

„Eigentlich  müssen  wir  doch  gar  nicht  essen  gehen,  oder?“,  sagte  Patrick.  Der  Edel-Sushi-

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Laden, den Annika vorgeschlagen hatte, war rasend teuer. Er streckte die Beine, damit sie besser
neben ihm liegen konnte. Der Kuss bitzelte noch vom Champagner. „Vielleicht ganz einfach Call-
a-Pizza, was meinst du?“

„Vielleicht.“ Annika streifte ihm die Jacke von den Schultern, die auf den Boden glitt. Patrick

schickte seine Hände auf Kurs Südsüdost.

Erst vibrierte es in seiner Jackentasche, dann hörten sie es auch. Sein Handy klingelte. Oh nein,

nicht jetzt!

„Lass einfach klingeln“, flüsterte Annika.
„Ich  muss  checken,  ob  es HolidayJet  ist,  du  weißt  ja  …“  Er  streckte  sich  und  fummelte  das

Handy aus seiner Hosentasche. „Lister.“

„Überraschung,  Patrick.  Ich  löse  jetzt  meinen  Joker  ein.  Du  musst  in  zwei  Stunden  für  mich

nach  Mallorca  fliegen.  Sorry,  Kumpel.“  Jans  dunkle  Stimme  klang  wie  der  Wetterbericht,  wenn
eine Regenperiode angekündigt wurde.

Patrick fühlte, wie seine Erregung zusammenfiel. „Äh … Okay.“ Er legte auf. „Ich muss für Jan

fliegen.“

Annika saß, die Arme neben sich, auf dem Sofa. Sie hatte mitgehört. „Jetzt, nachts?“
HolidayJet  hat  dafür  eine  Sondergenehmigung.  Es  ist  der  unbeliebteste  Flug  überhaupt.  Ich

habe es ihm versprochen, weil … du weißt ja.“ Er wollte sie küssen, sah aber noch, wie sie Tränen
wegblinzelte. Patrick strich ihr über die Wangen. „Ich habe mich selber reingeritten, und du musst
darunter  leiden.“  Er  fühlte  sich  wie  ein  ertappter  Verräter.  Dann  ließ  sie  sich  zu  seiner
Erleichterung doch küssen.

Annika lächelte tapfer. „Machen wir das Beste daraus. Ich fliege einfach mit.“
Ehe  Patrick  etwas  sagen  konnte,  schob  sie  ihn  zur  Seite  und  ging  zu  ihrem  Schlafzimmer.  Er

sah, wie sie einen Koffer unter dem Bett vorzog.

„Hast  du  ein  bisschen Aufenthalt  in  Mallorca,  dass  wir  im  Meer  schwimmen  gehen  können?

Was meinst du?“

„Die Crew ist im Hotel untergebracht. Nach dem Nachtflug haben wir sogar einen ganzen Tag

frei.“

„Umso besser. Es dauert nur fünf Minuten. Keine Sorge. Rufe schon mal ein Taxi.“
Sie  überraschte  ihn  schon  wieder.  Patrick  lachte,  während  er  Annika  beim  Packen  zusah.

Apropos Taxi … Patrick legte ihr den Hundert-Euro-Schein neben die Reisetasche und tippte die
Nummer ein.

In Schönefeld schüttelte Melanie am Check-in-Schalter den Kopf. „Sorry, ich kann nichts machen,
die Maschine ist sogar überbucht. Und zahlende Passagiere mit Reservierung gehen vor.“

Das durfte nicht wahr sein. Patrick warf Melanie einen bittenden Blick zu. „Und der B4?“
Melanie legte den Kopf schief. „Ist diesmal vom Headquarter belegt.“
Patrick  ballte  die  Faust.  Annika  seufzte  neben  ihm.  Sie  hatten  sich  die  ganze  Taxifahrt  zum

Flughafen  leidenschaftlich  geküsst,  er  hatte  sie  damit  getröstet,  dass  sie  schon  bald  …  Warum
ging in letzter Zeit immer alles schief?

„Wisst  ihr  was?  Das  ist  doch  ganz  einfach.“  Melanie  checkte  noch  etwas  im  Computer,  dann

sagte  sie:  „Nimm  du  doch  einfach  die  8-Uhr-Maschine  morgen  früh.“  Melanie  drehte  ihren

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Wuschelkopf zu Annika und lächelte spitzbübisch. „Dann ist er auch ausgeschlafen, und ihr macht
euch morgen einen schönen Tag auf Mallorca.“

„Mach  ich!“  Annika  drückte  Patricks  Hand.  „Und  du  reservierst  uns  in  Palma  das  schönste

Zimmer, und wir bewegen uns den ganzen Tag nicht vor die Tür.“ Sie legte ihre Arme um seinen
Hals  und  flüsterte  ihm  ins  Ohr:  „Auf  die  paar  Stunden  kommt  es  jetzt  auch  nicht  mehr  an.  Ich
werde schlafen wie ein Engel und von dir träumen.“

Ein  langer  Kuss  ersparte  ihm  die  Antwort,  dass  es  ihm  so  leidtue,  sie  allein  zurück  in  die

Wohnung  zu  schicken. Aus  den Augenwinkeln  sah  er  Jan  aus  dem  Staff-Eingang  kommen.  Jan
grinste jetzt schon.

Patrick stellte Annika und Jan einander vor.
„Wir kennen uns ja schon ein wenig von dem Barcelona-Flug vor ein paar Wochen“, meinte Jan

etwas  geistesabwesend,  weil  er  den  Blick  nicht  von  Melanie  nehmen  konnte,  die  am  Computer
etwas eingab.

„Damals hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, dass ich mal mit einem Piloten …“

Annika legte ihren Arm um Patricks Taille.

Jan drehte sich zu ihr. „Und ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass ich meine Liebe

auf der Arbeit finde.“

Melanie schaute nicht vom Computer auf, doch ein Lächeln in ihrem Gesicht verriet, dass sie

Jans Worte gehört hatte.

Jan reichte Patrick die Hand. „Du musst los, Kumpel. Tut mir wirklich leid. Aber schön, dass du

diesmal pünktlich bist.“ Er klopfte Patrick auf die Schulter.

Melanie  räumte  ein  paar  Papiere  zusammen.  „Hier.  Ich  habe  dir  die  Bordkarte  ausgestellt.

Damit  kannst  du  morgen  früh  einfach  durchgehen.“  Melanie  reichte Annika  die  Karte  über  den
Schalter. Dann schaltete sie das Servicezeichen auf Off. „Dann ist ja alles geregelt. Wie du siehst,
bin ich auch pünktlich, Jan.“

Melanie  schlüpfte  einfach  über  das  Kofferband  nach  vorn  und  hängte  sich  bei  Jan  ein.  Die

beiden  sahen  sich  an.  Aus  Melanies  Gesicht  verschwand  die  ganze  Spannung  eines  langen
Arbeitstages, und Jan strahlte wie ein Junge, der den ersten Preis im Seifenkistenrennen gewonnen
hat.

Patrick sah erst Annika an und dann die beiden. Jan hatte sich endlich getraut. Und es stimmte

also  doch,  was  ihm  Kira  einmal  anvertraut  hatte.  Melanie  mochte  stille  Typen  viel  mehr  als  die
ewig coolen Jungs, die Pilot werden wollten, weil sie es schick fanden.

„Na  denn.  Guten  Flug.  Und  viel  Spaß“,  sagte  Melanie.  Jan  nickte  nur.  Sie  gingen  durch  die

Abfertigungshalle Richtung Ausgang und steckten die Köpfe zusammen.

Annika schaute den beiden nach. „Sie sind richtig süß. Eben noch so korrekt und professionell,

und jetzt verliebt wie Teenager.“ Sie deutete zum Staff-Ausgang. „Du musst los. Bis morgen am
Pool in Mallorca.“ Sie küsste ihn. Patrick war es schon fast wieder vollkommen egal, ob er zu spät
ins Cockpit kam …

Aber es half nichts, er musste den Flug machen. Jetzt war er der Kapitän. Die Mallorcaflüge waren
die  anstrengendsten  Flüge,  was  gar  nichts  mit  dem  Wetter,  der  Strecke  oder  dem  Flughafen  in
Palma zu tun hatte. Nein, es waren die Passagiere, die der Ansicht waren, schon der Ferienflieger

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sei eine Außenstation von Ballermann 6. Intern wurde bei HolidayJet diskutiert, ob man auf den
Mallorcaflügen  generell  keinen Alkohol  mehr  ausschenken  sollte.  Das  Management  befürchtete
jedoch,  dass  die  Reisenden  zu  anderen Airlines  abwandern  würden.  Wenigstens  war  Patrick  als
Pilot  an  Bord  und  musste  sich  nicht  direkt  mit  den  angetrunkenen  Passagieren  herumschlagen.
Zweimal hatte er per Durchsage des Kapitäns versucht, die randalierende Gruppe Jungs zur Ruhe
zu bringen. Der Erfolg war mäßig. Eine Viertelstunde später war es wieder losgegangen.

Doch  nun  saß  er  endlich  im  meerblau-sandgelben  Shuttlebus,  der  das  Flugpersonal  von  den

Maschinen  zum  Eingang  des  Staff-Bereichs  im  Hauptterminal  brachte.  Er  hatte  schon  öfters  im
Best Western  direkt am Flughafen übernachtet, wenn er den letzten Flug nach Mallorca geflogen
war.  Zwar  war  es  ein  typisch  anonymes  Flughafenhotel,  dafür  waren  die  Räume  großzügig
geschnitten. Von den Zimmern im oberen Stockwerk hatte man einen herrlichen Blick zum Meer.
Die  Angestellten  am  Empfang  würden  ihn  sicher  das  von HolidayJet  reservierte  Einzelzimmer
gegen ein Doppelzimmer tauschen lassen. Den Aufpreis und notfalls ein Schmiergeld musste sein
Dispo eben noch hergeben. Aber inzwischen war bestimmt sein Gehalt eingegangen.

Er  schaltete  sein  Handy  an,  auf  dem  sofort  eine  SMS  von  Annika  ankam. Liebster  Patrick,

Yamamoto kommt schon morgen früh, kann nicht weg. Du hast was gut bei mir! In Liebe, Annika .
Patrick merkte erst, dass er laut „Nein!“ gerufen hatte, als die Köpfe sämtlicher Kolleginnen und
Kollegen zu ihm herumschwenkten. Sein Co-Pilot Georg, ein junger Bayer, den es aus München
zu HolidayJet verschlagen hatte, warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Sorry,  Crew,  keine  Panik.  Es  ist  was  Privates“,  sagte  Patrick  und  ließ  das  Handy  in  der

Seitentasche  seiner  Uniform  verschwinden.  Er  spürte  an  dem  betretenen  Schweigen,  dass  er
ziemlich wütend geklungen hatte, und noch beim Aussteigen fühlte er die Blicke der Kollegen im
Rücken.

Die Bar des Best Western war während der Sommermonate rund um die Uhr geöffnet, ein Service
für das Flugpersonal aller Airlines, die Mallorca im Sommer im Zwanzig-Minuten-Takt anflogen.
Patrick  hatte  sein  Gepäck  auf  das  Zimmer  gebracht,  sich  nach  einem  traurigen  Blick  auf  das
schmale Einzelbett schnell umgezogen, dann war er schnurstracks in die Bar marschiert. Auf die
Enttäuschung brauchte er jetzt einen Whisky.

Neben ihm am Tresen saß ein älterer Asiate mit glänzend schwarzem Haar, der mit einem edlen

Nadelstreifenanzug fast ein wenig fehl am Platz wirkte. Annika hätte Patrick sicher sagen können,
aus  welchem  Modehaus  der  Anzug  kam  –  Armani,  tippte  er.  Er  trug  privat  lieber  Jeans,  mit
Anzügen  kannte  er  sich  nicht  aus.  Die  anderen  Touristen  waren  ausnahmslos  mit  Shorts  und
Tanktops bekleidet. Vor ihm stand ebenfalls ein Whisky, und als Patrick seinen zweiten bestellte,
nickte der Asiate ihm leicht zu.

„Sieht so aus, dass Sie auch Pech beim Poker hatten“, fragte der Mann unvermittelt.
„Poker?“ Wäre Patrick nicht so elend zumute gewesen, dann hätte er loslachen müssen. „Nein“,

sagte er. „Schlimmer, ich habe Pech in der Liebe.“

„In  meiner  Jugend  ist  mir  das  auch  mal  passiert.“  Der  Mann  warf  ihm  ein  halb  ironisches

Lächeln zu. „Hat sie Sie sitzen lassen?“

„Nein.“  Patrick  schüttelte  den  Kopf.  Schließlich  sagte  er  leise:  „Wir  lassen  uns  dauernd

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gegenseitig sitzen. Mal muss ich ein Date absagen wegen des Jobs, dann sagt sie ab wegen ihres
Bruders oder auch wegen ihres Jobs. Wir wollten heute Nacht hier im Hotel zum ersten Mal …“
Patrick griff nach dem Glas und stürzte den Whisky hinunter. Er wusste nicht, warum er diesem
Fremden von seinem Liebesleid erzählte, und auch noch in solchen Worten, aber es tat gut, sich
den Frust von der Seele zu reden.

„Sie haben Zeit, junger Mann“, sagte der andere und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter.

„Genießen Sie die Vorfreude. Das ist doch das schönste am Verliebtsein. Danach geht es immer
nur bergab, bis dann der Alltag die Liebe erstickt.“

„Uns  wird  das  nicht  passieren.  Mit  Annika  …“,  allein  schon  ihren  Namen  auszusprechen,

machte Patrick irgendwie hoffnungsvoll, „… mit Annika ist jeder Tag ein Abenteuer. Da gibt es
keinen Alltag. Sie arbeitet in der Modewelt. In Berlin. Eigentlich kommt sie aus Düsseldorf. Ihr
Bruder ist ein Chaot, sie aber gar nicht …“

Er erzählte dem Mann von Annika, ihrer Flugangst, ihren langen Beinen, wie sie sich getroffen

hatten. Wenn er über sie sprechen konnte, war es fast ein bisschen so, als wäre sie eben nur kurz
an den Pool gegangen.

Der Asiate  hörte  geduldig  zu,  der  Barkeeper  stellte  Patrick  noch  einen  Whisky  hin  und  hörte

auch zu, während er die Gläser polierte. Irgendwann wurde Patrick klar, dass er ein Glas zu viel
getrunken hatte. Der Barkeeper schaute ihn fragend an.

„Noch einen“, sagte Patrick, obwohl er eigentlich ins Bett gehörte.
„Fühlen  Sie  sich  jetzt  besser?“  Der  Mann  im  Nadelstreifenanzug  blinzelte  ihn  aus  schrägen

Augen an. „Sie sind sehr verliebt, junger Mann. Ich bin sicher, die junge Frau wird das erkennen.
Geduld ist das Tor zum Herzen, heißt es in meinem Land.“

Patrick  nickte.  „So  etwas  Ähnliches  sagt  man  auch  in  Deutschland.“  Er  kippte  den  letzten

Whisky hinunter. „Tut mir leid, ich rede nur über mich. Sie hatten Pech im Poker, sagen Sie?“

„Ah.“  Der  Mann  fuhr  sich  über  das  glänzende  Haar.  „Fortuna  ist  noch  wankelmütiger  als

Aphrodite.“  Dann  schaute  er  Patrick  mit  einem  seltsamen  Blick  an.  „Haben  Sie  schon  einmal
gespielt?“

Patrick, dessen Erfahrungen sich auf Roulette in der Spielbank Wiesbaden beschränkte, zuckte

mit  den  Schultern.  „Manchmal  mit  Kollegen,  in  Casinos.“  Lächelnd  fügte  er  hinzu:  „Ich  setze
immer auf Rot, das ist meine Farbe.“

„Aber  nein,  ich  meine  Poker“,  sagte  der  Mann,  und  seine  dunklen Augen  blitzten  mit  einem

Mal.  „Das  Spiel  der  Könige  und  Ganoven.  Ich  habe  gehört,  in  Berlin  gibt  es  exklusive  Poker-
Clubs,  in  denen  mit  sehr  hohen  Einsätzen  gespielt  wird.“  Wieder  blickte  er  Patrick  mit  diesem
sonderbar fragenden Blick an.

„Nie gehört.“ Kurz überlegte Patrick, wie alt der Mann wohl sein mochte, doch die glatte Haut

und  die  gepflegten  Hände  waren  alterslos.  Fünfzig,  vielleicht  sechzig  Jahre,  schätzte  Patrick.  Er
bemerkte, dass das Glas des Asiaten leer war, und er winkte dem Barkeeper, er solle nachfüllen.
Der  Mann  im  Nadelstreifenanzug  bedankte  sich  mit  einem  feinen  Lächeln,  dann  breitete  er  vor
Patrick  die  Geheimnisse  der  Pokerszene  in  Mallorca  aus.  Er  erzählte  von  den  Hinterzimmern  in
den  Nobel-Fincas,  die  Herren  immer  in  Smoking,  die  Damen  in  den  neusten  Kreationen  der
internationalen  Modemacher.  Millionen  gingen  dabei  über  die  Tische,  behauptete  er.  Auch  der

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Barkeeper  trat  wieder  näher  zu  ihnen  und  hörte  mit  verschränkten  Armen  zu.  Und  schließlich
verriet der Asiate Patrick und dem Barkeeper noch eines seiner Geheimnisse.

„In Japan sagt man: Es ist besser, daran zu denken, wie man nicht verliert, als daran, wie man

gewinnt“,  sagte  er  leise,  sodass  sich  Patrick  vorbeugen  musste,  um  ihn  zu  verstehen.  „Für  einen
Pokerspieler  heißt  das,  ein  Bluff  ist  nicht  immer  nur  ein  Bluff.“  Nun  lehnte  sich  auch  der
Barkeeper über den Tresen. „Manchmal sollen Ihre Gegner auch denken, Sie hätten ein niedrigeres
Blatt als das, was Sie wirklich auf der Hand haben. Merken Sie sich das, junger Mann: Überlegen
Sie genau, wann Sie Ihr As ziehen.“ Er leerte seinen Whisky, dann stand er auf. Der Alkohol war
ihm  nicht  anzumerken,  er  stand  gerade  wie  eine  Eins.  Er  nickte  Patrick  ein  letztes  Mal  aus  den
dunklen Augen zu, bevor er durch die inzwischen menschenleere Bar zur Hotellobby ging.

„Und warum hatten Sie Pech?“, rief Patrick ihm nach.
Der Mann hielt an der Glastür inne und drehte sich um. „Ausnahmsweise zu spät ausgestiegen,

mein Junge“, sagte er mit einem Achselzucken, dann verschwand er Richtung Aufzug.

Eine  hochgewachsene  Blondine  in  lilafarbenen  Shorts  schaute  dem Asiaten  verwundert  nach,

als  sie  die  Bar  betrat.  Patrick  starrte  auf  die  makellosen,  langen  Beine,  die  kannte  er  doch.
„Jenny!“

„Patrick!“ Sie kam mit schwingenden Hüften auf ihn zu und setzte sich auf den Platz, wo eben

noch der alte Spieler gesessen hatte. „Für mich einen Gin Tonic, bitte“, warf sie dem Barkeeper
zu,  der  wortlos  zum  Shaker  griff.  „Was  machst  du  denn  hier?  Jan  fliegt  doch  den  Mallorca-
Spätflug.“

Wie  immer  hatte  Jenny  den HolidayJet  –  Flugplan  bestens  im  Kopf.  Patrick  erzählte  ihr  die

Neuigkeiten  von  Jan  und  Melanie.  Sie  würde  es  eh  sofort  in  Berlin  erfahren.  Das HolidayJet  –
Team war relativ überschaubar, und das Wer-mit-Wem ein Dauergesprächsthema.

„Da freue ich mich für die beiden“, sagte Jenny, aber es klang nicht ganz echt. In letzter Zeit

erschien sie ihm fast verbittert, ein Zug, der gar nicht zu der lebenslustigen Jenny passte, in die er
sich  als  Pilotenanfänger  verliebt  hatte.  Patrick  hatte  munkeln  hören,  Jenny  habe  eine Affäre  mit
einem verheirateten Lufthansa-Kapitän.

„Warum bist du noch hier? Du hattest doch den Frühflug?“ Manchmal kannte auch Patrick den

Flugplan,  vor  allem,  wenn  es  um  Jennys  Flüge  ging,  obwohl  man  sie  nur  im  Ausnahmefall
zusammen einteilte.

„Die  Fluglotsen  haben  heute  früh  einen  Spontanstreik  durchgeführt.  Unser  Rückflug  wurde

abgesagt.“ Sie blickte ihn an. „Du hast Glück, wenn du morgen von dieser Insel herunterkommst.“

Wahrscheinlich sah sie den Schreck in seinen Augen, denn sie lächelte wissend. Patrick wusste

nicht, wie er es aushalten sollte, noch einen weiteren Tag von Annika getrennt zu sein. Sie hatten
sich  vage  für  morgen  verabredet,  je  nachdem,  wann  Annika  sich  von  ihrem  japanischen  Gast
würde loseisen können. Genauer wagte sie schon gar nicht mehr zu planen. Aber wenn er morgen
nicht nach Berlin zurückkam, nur, weil auf Mallorca wie immer in der Hochsaison die Fluglotsen
streikten, dann … Nun, dann würde er schwimmen, trampen, als blinder Passagier mit dem TGV
fahren, alles, wenn es ihn nur zu Annika brachte.

„Du  bist  verliebt“,  konstatierte  Jenny  und  nippte  an  dem  Gin  Tonic,  den  der  Barkeeper  ihr

hingestellt  hatte.  „Und  zwar  in  diese  Modetante.  Wie  hieß  sie  noch  mal? Andrea, Angela?“  Sie

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griff in die Erdnussschale auf dem Tresen. Normalerweise rührte sie solche Snacks nie an, weil sie
ihre Figur ruinierten.

„Annika  heißt  sie“,  sagte  Patrick  und  frage  sich,  ob  Jenny  Stress  mit  dem  Lufthansa-Kapitän

hatte.  Sie  konnte  doch  nicht  immer  noch  eifersüchtig  auf  jede  neue  Frau  sein,  die  in  sein  Leben
trat.

„Ach genau, Annika. Wie das brave Mädel aus Pippi Langstrumpf.“
„Jenny, lass gut sein, okay?“ Patrick leerte den Whisky und schob das Glas dem Barkeeper zum

Auffüllen hin. Wie viele waren es jetzt? Drei? Oder doch schon vier? Im Spiegel hinter der Bar
konnte  er  Jenny  beobachten,  die  ihr  Haar  richtete.  Sie  sah  wirklich  toll  aus.  Unter  dem  rosa
Tanktop  zeichnete  sich  ihre  beträchtliche  Oberweite  ab,  und  Patrick  musste  an  ihre  erste  Zeit  in
Frankfurt  denken,  die  Nächte,  in  denen  sie  sich  bis  zum  Morgengrauen  geliebt  hatten.  Im  Bett
hatte es zwischen ihnen nie Probleme gegeben.

Er  riskierte  einen  weiteren  Blick  auf  Jennys  übergeschlagene  Beine.  Aber  die  Erinnerung  an

Annikas  Schenkel  in  dem  knappen,  karierten  Schottenrock,  der  sich  so  verführerisch  um  ihre
Kurven legte, war einfach stärker. Erregung durchflutete ihn, und er stürzte den Whisky hinunter.
Warum war Annika nur so weit weg, während Jenny … hier bei ihm war?

„Hast du dein Gehalt eigentlich diesen Monat auch nicht bekommen?“, platzte Patrick heraus.

Etwas  Besseres  fiel  ihm  nicht  ein,  aber  er  musste  sich  auf  andere  Gedanken  bringen.  Und  sein
leeres  Konto  war  das  beste  Mittel,  ihn  aus  dieser  gefährlichen  Stimmung  zu  reißen,  in  der  ihm
alles passieren konnte. Wenn er nicht aufpasste, landete er am Ende mit Jenny im Bett. Sie legte
es  darauf  an,  das  sah  er  an  der Art,  wie  sie  vor  ihm  ihre  Lippen  nachzog.  Er  war  ihre  Marlene-
Dietrich-Nummer,  und  früher  hatte  er  nie  widerstehen  können.  Aber  heute,  das  schwor  Patrick
sich, würde Jenny ihn nicht herumkriegen.

„Mein Gehalt?“ Jenny ließ langsam den knallrosa Lippenstift sinken. „Ich glaube schon. Na, ich

weiß  es  nicht.  Ich  habe  noch  nicht  nachgeschaut.“  Sie  verstaute  das  Schminkzeug  wieder  in  der
Handtasche. „Glaubst du, HolidayJet ist pleite?“

Patrick musste insgeheim grinsen. Wenn es ein Thema gab, das Jenny noch mehr interessierte

als  Sex,  dann  war  es  Geld.  Sie  redeten  noch  eine  Weile  über  die  streikenden  Fluglotsen,  die
typischen  Mallorcaflieger.  Schließlich  zahlte  Patrick  seine  fünf  Whiskys  und  auch  Jennys  Gin
Tonics, immerhin waren sie einmal verheiratet gewesen, und er war ein Gentleman.

Im  engen  Hotelaufzug  standen  sie  dicht  nebeneinander,  und  Patrick  spürte  Jennys  Wärme.  Es

war schon verdammt lang her, dass er mit einer Frau geschlafen hatte.

„Mein Zimmer ist diesmal im vierten Stock, da ist es schön ruhig“, sagte sie und rückte dabei

noch etwas näher zu ihm.

Patrick drückte die Vier, dann zögerte er. Sein Zimmer war im zweiten Stock. Die Ziffer vier

leuchtete,  und  Jenny  legte  sanft  ihren  Arm  um  seine  Hüfte.  Unwillkürlich  stöhnte  Patrick  auf.
Doch all die Erregung, die sich in den letzten Tagen in ihm aufgestaut hatte, gehörte Annika. Er
wollte mit ihr lachen, mit ihr Berlin erkunden und mit ihr schlafen. Mit Annika. Vorsichtig wand
Patrick  sich  aus  Jennys  Umarmung  und  drückte  entschlossen  die  Zwei.  Die  Ziffer  leuchtete  auf,
und Jenny ging wortlos auf Abstand.

„Gute Nacht“, sagte er.

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„Träume schön.“
Als Patrick aus dem Aufzug trat, spürte er Jennys bedauernden Blick im Rücken. Doch ihm tat

es nicht leid.

Im Zimmer betrachtete er das schmale, weiß bezogene Einzelbett. Wäre Annika jetzt hier, dann

würden sie sich auf diesem Bett lieben, egal wie schmal es war.

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6. KAPITEL

Kammerjäger  Berthele  trug  einen  dunkelblauen  Kittel  über  der  beigen  Stoffhose,  in  der  Rechten
hielt er einen leuchtendgelben Industrie-Sprayer, in der Linke eine Gasmaske, die Annika an die
Gasmaske  ihres  Urgroßvaters  aus  dem  Ersten  Weltkrieg  erinnerte,  die  ihr  Vater  bei  sich  im
Schrank aufbewahrte.

„Funktioniert  es?“,  fragte  Roxanne,  die  in  der  letzten  Stunde  nervös  vor  dem Sternthaler  auf

und  abgegangen  war.  Sie  versuchte,  durch  die  angelehnte  Tür  einen  Blick  in  ihren  Laden  zu
erhaschen.  Mit  einem  Ächzen  ließ  Herr  Berthele  den  Sprayer  auf  die  Ladefläche  seines
Kleintransporters  fallen,  der  von  einem  Laien  ohne  eine  Firmenaufschrift  grün  umgespritzt
worden war. Vorne am Kühler deuteten böse Kratzer im Lack auf einem Unfall hin.

„Wann können wir wieder rein?“
„Na,  heut  wird  das  nichts  mehr.“  Der  Kammerjäger  wickelte  mit  einer  Seelenruhe  das  dicke

Verlängerungskabel auf eine farbverkleckste Trommel. „Jetzt ist erst mal die Chemie dran.“

„Aber übermorgen Nachmittag ist der Laden doch wieder begehbar?“ Annika merkte, dass auch

ihre Stimme inzwischen eine leicht panische Tonlage erreicht hatte. Sie hatte Mr. Yamamoto mit
Müh  und  Not  begreiflich  machen  können,  dass  es  eine  Abweichung  vom  vorab  gemailten
Besuchsprogramm  gab  und  sich  ihr  Besuch  bei Sternthaler  um  einen  Tag  verschob.  Der  Japaner
war zwar auch einfach so einen Tag zu früh angereist, trotzdem bestand Yamamoto darauf, dass
seine Termine akkurat eingehalten wurden. Annika könnte sich ohrfeigen dafür, dass sie nicht das
kleine  Wörtchen tentative, vorläufig, über das Programm geschrieben hatte. Herr Yamamoto war
ein  Korinthenkacker  vor  dem  Herrn  und  hielt  sich  strikt  an  den  gemailten  Ablauf.  Nachher  im
Büro musste sie ihm unbedingt eine aktualisierte Version ausdrucken. Denn natürlich hatte auch
die Frau von Joop das Gespräch gleich um zwei Stunden verschieben lassen. Offensichtlich tickten
die Uhren in Berlin anders als in Tokio.

Kammerjäger  Berthele  zog,  nachdem  er  die  hinteren  Türen  des  Kleintransporters  geschlossen

hatte, einen zerknautschten Beutel Tabak aus der Brusttasche seines Kittels und drehte sich eine
Zigarette. Annika und Roxanne schauten sehnsüchtig auf die Selbstgedrehte. Natürlich hatten sie
beide  schon  seit  Jahren  keine  Zigarette  mehr  geraucht,  das  waren  Jugendsünden,  doch  es  gab
Situationen, die schrien förmlich nach Nikotin.

„Übermorgen also?“, wiederholte Annika.
„Horror,  ich  muss  spätestens  morgen  wieder  in  den  Laden“,  meinte  Roxanne.  „Wir  müssen  ja

aufräumen. Du hast nicht gesehen, wie der da drin gewütet hat.“ Sie deutete mit dem Kinn auf den
Kammerjäger.

„Wie  giftig  ist  das  Zeug  eigentlich?“,  fragte  Annika,  die  plötzlich  Visionen  eines  Mr.

Yamamoto mit Allergieschock in der Notaufnahme der Charité hatte.

„Was heißt schon giftig?“ Berthele schnippte mit einer raschen Handbewegung die Asche von

seiner  Zigarette  auf  das  Pflaster.  Damit  kletterte  er  in  seinen  Transporter,  bei  dem  das  Fenster
noch  von  Hand  heruntergekurbelt  werden  musste.  Er  startete,  und  über  dem  dröhnenden
Motorengeräusch  rief  er  Roxanne  und Annika  zu:  „In  vierundzwanzig  Stunden  können  Sie  rein.
Aber lassen Se keine Kleinkinder und keine Schwangeren in den Laden. Die Rechnung schick ich

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Ihnen.“  Der  Kleintransporter  zockelte  los  und  verschwand  vorne  in  der  Schönhauser.  Nur  die
Abgaswolke  und  der  geschlossene  Laden  verrieten,  dass  Kammerjäger  Berthele  sie  jemals
heimgesucht hatte.

„Hätte  er  nicht  so  eine  Art  Warnschild  an  die  Tür  machen  sollen?“,  fragte  Roxanne,  die

vorsichtig die Tür einen Spalt aufschob.

„Seine  Methoden  sind  nicht  ganz  legal,  helfen  aber.“  Annika  blickte  über  die  Schulter  ihrer

Freundin ins Innere von Sternthaler.

„Nein, das sieht ja furchtbar aus. Annika, siehst du die Jacken aus der Blessed-Kollektion? Er

hat sie total mit diesem Zeug eingesprüht.“

„Klar, genau darin stecken die Berlinkäfer.“
Roxanne  zuckte  zusammen.  Auf  das  Wort  „Käfer“  reagierte  sie  neuerdings  allergisch.  Dann

kroch ein irgendwie fauliger Geruch in Annikas Nase.

„Das Zeug riecht ja krass.“ Roxanne hielt sich die Hand vors Gesicht.
„Der Gestank verfliegt hoffentlich bis morgen.“
Roxanne schloss gewissenhaft den Laden ab, sogar das Sicherheitsschloss oben an der Tür, das

sie  sonst  immer  offen  ließ.  Dann  klebte  sie  mit  Tesastreifen  einen  Zettel  an  das  Schaufenster.
„Wegen Umbauten geschlossen“ stand darauf.

Was für ein Tag! Annika schleppte sich die Treppe zu ihrer Wohnung hoch. Zuerst gestern Abend
der  Schock,  dass  Mr.  Yamamoto  mit  der  Sieben-Uhr-Maschine  morgens  in  Tegel  ankommen
würde und sie nicht zu Patrick fliegen konnte. Trotzdem war Yamamoto doch erst gegen Mittag
eingetroffen,  angeblich  war  er  irgendwo  festgesessen. Annika  war  mit  dem  Japaner  den  ganzen
Nachmittag  kreuz  und  quer  durch  Mitte,  durch  den  Prenzlauer  Berg  und  schließlich  sogar  bis
hinaus  nach  Pankow  marschiert. Annika  schätzte  Mr. Yamamoto  auf  Mitte  sechzig,  aber  er  war
erstaunlich fit für sein Alter. Zudem liebte er es, zu Fuß zu gehen. Auf eine S-Bahnfahrt zurück
hatte er sich gerade noch eingelassen, doch er weigerte sich, auch nur einen Schritt in die U-Bahn
zu machen. Annika konnte ihm nicht böse sein. Der Mann hatte eine U-Bahn-Phobie.

Sie hatte es Patrick nicht gesagt, aber vor dem Flug nach Mallorca hatte ihr gegraut. Sie wäre

geflogen, für ihn, um endlich mit ihm zusammen zu sein. Aber die Liebe machte ihre Flugangst
nicht weniger schlimm. Zumal Flüge nach Mallorca logischerweise übers Meer führten. Während
sie mit Patrick zum Flughafen gefahren war, hatte sie Horrorvisionen von Abstürzen ins Wasser
gehabt. Patrick hatte sie das natürlich nicht merken lassen, und auch nicht Melanie. Sie und Jan
waren  wirklich  ein  tolles  Paar,  er  ganz  schüchtern,  sie  so  lebhaft  und  kommunikativ.  Annika
seufzte. Die beiden arbeiteten bei der gleichen Fluggesellschaft und sahen sich von Berufs wegen
immer wieder. Kein Wunder, dass sie und Patrick dagegen einfach nicht zusammenkamen – ihre
Leben waren einfach zu unterschiedlich.

Annika seufzte, als sie an dem getöpferten Klingelschild ihrer Nachbarin vorbeikam. Aber das

war  doch  die  Liebe,  Gegensätze,  die  sich  anzogen.  Was  sollte  sie  mit  einem  Freund  aus  der
Modebranche? Zum einen gab es da kaum heterosexuelle Männer, und zum anderen wollte sie ja
nicht noch in ihrem Privatleben nur über Modetrends, Vertrieb und Personalentscheidungen reden.
Trotzdem  hätte  sie  fast  losgeheult,  als  am  Mittag  Patricks  SMS  gekommen  war,  dass  er  wegen
eines Fluglotsenstreiks erst morgen wieder von Mallorca wegkam. Es war wie verhext.

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Vielleicht  war  es  aber  auch  ein  Wink  des  Schicksals.  Sie  würde  mit  Roxanne  erst  mal

Sternthaler  wieder  auf  Hochglanz  bringen  und  dann,  am Abend,  wenn  sie Yamamoto  im  Hotel
abgeliefert hatte, hatten sie und Patrick endlich Zeit füreinander.

Von  oben  waren  leise  Stimmen  zu  hören.  Das  klang  nicht  nach  ihrem  Nachbar,  der  sich

manchmal noch lange im Treppenhaus von seinem Freund verabschiedete. Nein, es klang eher …
wie ihr Vater! Annika stürzte das letzte Stockwerk hoch. Tatsächlich!

„Was macht ihr denn hier?“
Wie  zwei  im  Dschungel  der  Großstadt  Gestrandete  saßen  ihre  Eltern  nebeneinander  auf  dem

Treppenabsatz, der hoch zum Dach führte. Ihre Mutter trug ihr neues blassgrünes Chanel-Kostüm,
und  ihr  Vater  seinen  teuren  Anzug  von  Boss  mit  dem  weißen  Seidenschal,  den  er  sonst  für
festliche Anlässe anlegte. Ganz bestimmt hatten sie sich nicht so in Schale geworfen, um vor ihrer
Wohnung herumzusitzen.

Annika blickte von einem zu anderen. „Was ist passiert?“
„Wir wollten deinen Bruder sehen“, sagte ihr Vater und erhob sich.
„Und für heute Abend haben wir Karten in der Staatsoper“, ergänzte ihre Mutter. „Das gehört

alles zu dem Hauptstadt-Sparpaket der Deutschen Bahn.“

„Simon ist wahrscheinlich gar nicht da“, sagte Annika. Sie schloss die Tür auf und hoffte, dass

Simon  sich  wirklich  verdrückt  hatte.  Sie  hatte  ihn  vorhin  angerufen  und  sich  drei  Stunden  Ruhe
erbeten,  bevor  er  zum  Schlafen  in  ihre  Wohnung  kam.  Simons  Habseligkeiten  standen  natürlich
noch in ihrem Gästezimmer, wo er den riesigen Flachbildschirm aufgebaut hatte.

„Kommt  doch  rein“,  rief  sie  ihren  Eltern  zu,  die  seltsam  unentschlossen  immer  noch  vor  der

Tür standen. Ihre Eltern kannten die Wohnung doch.

„Mädchen, Annika“, begann ihr Vater.
„Wir  sind  zu  dritt“,  sagte  ihre  Mutter  und  hob  die  Katzenreisetasche  auf,  die  hinter  ihnen  auf

der  Treppe  gestanden  hatte.  Jetzt  bemerkte  Annika,  dass  neben  ihrem  Vater  ein  Sack  mit
Katzenstreu  und  eine  dieser  viereckigen  Plastikschalen  stand,  die  in  fast  jedem  Haushalt  als
Katzenklo herhalten mussten.

Sie  trat  erst  mal  zwei  Schritte  zurück.  Dann  miaute  es  laut  und  herzzerreißend  aus  der

Reisetasche. „Ihr habt Mizi dabei!“

„Sie  muss  doch  versorgt  werden.“  Ihre  Mutter  war  der  praktisch  veranlagte  Teil  ihrer  Eltern.

„Frau Tomaczek gießt die Blumen und kümmert sich um die Post, aber sie setzt sich doch nicht
hin und passt auf, dass Mizi auch frisst. Wir mussten sie mitnehmen.“

„Im Hotel erlauben sie keine Haustiere“, erklärte ihr Vater.
„Und  da  …  und  da  …“  Annika  brachte  den  Satz  nicht  zu  Ende.  Offenbar  ging  ihre  gesamte

Familie davon aus, dass man alles, für das man gerade keinen anderen Ort fand, in ihrer Wohnung
abladen konnte. „Kommt nicht in Frage.“ Nein, dieses Mal würde sie hart bleiben. „Bringt sie in
eine Katzenpension. Oder ins Tierheim. Bei mir bleibt Mizi auf keinen Fall.“ Annika blickte ihre
Mutter bittend an. „Ihr könnt euch ja nicht vorstellen, was gerade hier los ist. Ich bin den ganzen
Tag unterwegs. Abends komm ich nie vor Mitternacht nach Hause.“

„Du willst Mizi ins Tierheim abschieben?“ Die Stimme ihrer Mutter hatte den hohen, empörten

Tonfall,  mit  dem  sie  sonst  nur  mit  ihrem  Bruder  redete,  wenn  er  wieder  mal  ein  Projekt  in  den

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Sand gesetzt hatte. Doch jetzt war es Annika, die das Falsche gesagt hatte. Und wie auf Stichwort
miaute Mizi wieder los und krallte sich gegen das Gitter des Reisekorbes.

„Sie  will  raus“,  meinte  Annika  tonlos.  Schon  wieder  verloren.  Wie  kam  es  nur,  dass  sie  nie

durchsetzte, was sie wollte? Vielleicht gab es dafür auch Seminare, wie gegen die Flugangst.

Stirnrunzeld  schaute  sie  zu,  wie  ihre  Eltern  Mizis  Futter-  und  Wassernäpfe  in  ihrer  Küche

aufstellten, und konnte gerade noch verhindern, dass das Katzenklo ins Bad gestellt wurde. „In den
Flur“, sagte sie und beachtete den enttäuschten Blick ihrer Mutter nicht. Soweit kam es noch, dass
ihr morgens die Zahnbürste ins Katzenklo fiel.

Erst jetzt wurde Mizi befreit. Die kleine schwarzweiß getigerte Katze verkroch sich sofort unter

Annikas Couch. Nach langem Hin und Her und genauen Anweisungen, mit welchen Leckerlis Mizi
zu  füttern  war,  damit  sie  überhaupt  etwas  fraß,  rauschten  ihre  Eltern  endlich  ab  in  die  Oper.
Vielleicht schafften sie es ja noch zum dritten Akt.

Annika ließ sich total fertig aufs Sofa fallen. Unter ihr fauchte es. Mizi preschte hervor, direkt

zum Futternapf im Flur. Annika rieb sich die Augen. Das Tier machte sich über die Näpfe her, als
hätte sie seit Wochen nichts zu Fressen bekommen. Von wegen kranke Katze.

Mit den papierverhangenen Schaufenstern und dem „Wegen-Umbauten-geschlossen“-Zettel in der
Tür sah es so aus, als  sei  der  Laden  eigentlich  geschlossen. Aber Annika  wollte  sich  mit  ihm  in
einem Modeladen in der Mulackstraße treffen, und Patrick hatte Sternthaler gleich am Anfang der
Straße entdeckt. Er klopfte zögerlich, und es wurde ihm sofort geöffnet.

Drinnen  zog  er  gleich  den  Kopf  ein,  er  fürchtete  schon,  dass  der  Stapel  blaue  Hutschachteln

vom  Regal  auf  ihn  herabstürzen  würde.  Er  hielt  sich  seitlich  an  den  Fenstern  vor  zwei  nackten
Schaufensterpuppen, die nur noch grüne Miniröcke trugen.

„Dort ist es ganz schlecht!“ Ein lila gepunkteter schwarzer Schleier wedelte durch die Luft. „Ich

muss da ran.“ Roxanne rauschte mit einem Berg Kleider über den Armen an ihm vorbei. „Dieser
Gestank ist un-er-träglich.“

Patrick  roch  es  auch.  Moment  mal,  war  da  nicht  eine  Katze?  Hinter  den  zugeklebten

Schaufensterscheiben  war  unter  einer  grünen  Kappe  ein  weißer  Katzenschwanz  zu  erkennen,  der
hektisch auf und ab wedelte. Annika hielt ein Handy an ihr Ohr und steckte mit der freien Hand
neongelbe Pins auf einem Terminplaner an der Wand um. Sie hatte ihn noch nicht gesehen.

„Das  ist  völlig  unmöglich.  Die  Models  müssen  einen  Tag  früher  zur  Anprobe  …  Wie  …?“

Annika drehte sich zum Schreibtisch herum und zog ein Papier aus dem Stapel, den sie mit dem
Ellenbogen  festhielt.  „Nein,  nicht  schon  wieder  dieses  Make-up-Team  vom  Theater,  diese
Anfänger …“

Ihr  Rücken  beschrieb  einen  sexy  Bogen  in  dem  orangenen  Kleid.  Ihre  braungebrannten  Beine

steckten  in  weißen  Römersandalen,  die  bis  zum  Knie  hochgeschnürt  waren. Annika  stieg  gerade
auf  die  Trittleiter  vor  einem  Regal  mit Accessoires.  Ihre  Zehennägel  glänzten  in  Diamantfarbe.
Patrick unterdrückte den Impuls, jetzt einfach vor ihr hinzuknien und ihre Füße zu küssen.

„Patrick!“  Ihre  Augen  leuchteten  vor  Freude.  Sie  hielt  das  Handy  einen  Moment  auf  ihren

flachen Bauch. „Ich mach gleich Pause“, flüsterte sie und winkte ihn heran.

Er trat um einen Stapel Modezeitschriften und einen offenen Koffer, der aussah, als sei er aus

dem  neunzehnten  Jahrhundert.  Schwere  Holzbügel  und  Lederriemen  hielten  ihn  zusammen.

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Annika zog Patrick an sich heran.

„Zweihundertfünfzig  Euro  habe  ich  gesagt  …“  Sie  küsste  ihn  aufs  Ohr.  „Zweihundertfünfzig

und keinen Euro mehr …“ Sie küsste ihn auf die Nasenspitze. „Definitiv keinen Euro mehr. Wie?
… Okay.“ Sie klappte das Handy zusammen. „Na, bitte. Geht doch.“ Ihr warmer Körper schmiegte
sich an ihn. Er sog ihren Duft ein, da war etwas. „Du vibrierst ja richtig.“

Annika blinzelte. „Das ist in deinen Armen kein Wunder.“ Sie machte sich frei und ließ sich auf

den  Stuhl  hinter  dem  Tresen  fallen.  „Hier  ist  die  Hölle  los.  Ich  muss  noch  vier  Studenten
einweisen, damit die Kollektion gelüftet wird.“

Patrick hob die Augenbrauen. „Wieso stinkt es hier eigentlich so?“
„Der Kammerjäger war da, und dann ist da noch …“ Das Handy klingelte. „Ich erzähle es dir

später. – Sternthaler.“ Annika kritzelte mit ihrer gut lesbaren Schrift Notizen auf einen Block.

„Dort  ist  es  ganz  schlecht!“  Roxanne  fuchtelte  von  der  Tür  her.  „Du  stehst  direkt  auf  einem

Präsentationsstück.“

Patrick  starrte  auf  den  Boden.  Eine  braune  Baumwollstoffbahn  schlängelte  sich  um  den

Verkaufstresen  herum.  Er  trat  zur  Seite  und  wäre  dabei  fast  über  die  Katze  gestolpert,  die  ihr
Versteck  im  Fenster  verlassen  hatte  und  sich  nun  einer  halbvoll  mit  Katzenfutter  gefüllten
Plastikschüssel näherte, die unter dem Tresen stand.

Roxanne zog von der Tür her an der Baumwollbahn. „Das ist im Schaufenster der Wüstensand.“
Aha. Patrick wich zum Kleiderständer mit den bunten Blusen aus. In diesem Moment sprang die

Katze auf den braunen Stoff. Roxanne schüttelte den Kopf. „Und das, das ist Mizi.“

Aha,  Mizi  also.  Patrick  versuchte,  zur  Tür  zu  gelangen,  ohne  auf  die  Baumwollbahn  oder  die

Katze  zu  treten,  die  nun  offenbar  die  herabhängenden  Fransen  eines  Schals  mit  einem
Mauseschwanz verwechselte. In diesem Moment hielt Annika ihn mit einer Hand zurück. „Habe
ich  notiert.  Natürlich,  Signore  Franelli.  Ciao.“  Sie  sprang  auf.  „Patrick,  ich  muss,  muss,  muss
heute fertig werden.“

Es klingelte schon wieder. Sie hangelte sich nach dem Telefon und streckte den langen Rücken

über  einen  Haufen  Halsschals.  Annikas  linkes  Bein  schwebte  in  der  Luft.  „Schon  aufgelegt.
Patrick, rette mich.“ Sie verdrehte die Augen.

Er umfing sie am Rücken und zog sie zu sich. Einen Moment ruhten ihre Hände auf den seinen.
Sie seufzte. „Ich möchte so gern mit dir in weißem Sand unter Palmen liegen. Vielleicht können

wir zusammen wegfahren? In die Karibik, da wollte ich schon als kleines Mädchen hin. Antigua
soll so schön sein, so romantisch.“ Kurz schloss sie die Augen und schmiegte sich an ihn. Dann
sagte sie leise: „Oder lass uns mit dem Nachtzug nach Nizza fahren, das wäre toll.“

„Schlafwagentickets  sind  ziemlich  teuer.  Ich  habe  etliche  Flugmeilen  auf  meinem  Bonus-

Mitarbeiterkonto.  Die  reichen  für  zwei  Erster-Klasse-Tickets.“  Und  belasteten  sein  Konto  nicht.
„Die Palmen sind in der Karibik nicht zu übertreffen. Und Antigua ist wirklich wunderschön, ich
habe einmal einen Pausen-Tag am Strand verbracht und Kokosnüsse geknackt.“

„Da muss ich aber über den Ozean fliegen, du weißt doch …“
„Wenn ich bei dir bin, braucht du keine Angst mehr vorm Fliegen zu haben.“ Annika schaute

einen  Moment  zum  Boden,  dann  lächelte  sie  ihn  tapfer  an.  „Den  Versuch  mache  ich  gern.  Ich
fühle mich schon in deinen Armen sehr sicher.“

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Es klingelte. Sie entwand sich und drückte auf eine Taste der Telefonanlage, nachdem sie ihn

flüchtig auf den Mund geküsst hatte. „Gleich kommen die Studenten, die hier alles zum Lüften in
den Waschsalon bringen.“

Ging das überhaupt? Waschbenzin kannte er ja, aber wer wusste schon, was es in dieser Branche

noch an Tricks gab? „Ich gehe dann mal lieber.“ Er wollte sie küssen, schaffe es aber nur bis zu
ihrem Ohr.

Sie nahm eine braune Kladde von einem Kleiderstapel und blätterte sie auf. „Ich rufe dich an.“
Patrick sah sich an der Tür noch einmal um. Mizi, die Katze, lag auf der braunen Baumwolle

und ließ sich von Roxanne den Bauch streicheln. Annika blickte auf und fing seinen Blick auf. Die
steile  Falte  auf  ihrer  Stirn  verschwand  sofort.  „Bis  später,  Patrick.  Buche  uns  was  Schönes,
Antigua soll ja toll sein.“ Sie blinzelte ihm verschwörerisch zu. „Aber vielleicht doch eher Palmen
am Mittelmeer. Sonst muss ich ja über den Atlantik fliegen.“

HolidayJet fliegt aber gar nicht nach Nizza.“
Annika tippte schon wieder eine Nummer in ihr Handy und hörte ihn nicht.
„Hier ist es ganz schlecht!“ Roxanne schob ihn mit beiden Händen aus der Tür von Sternthaler,

wobei sie mit dem Fuß Mizi davon abhielt, auf die Straße zu entwischen.

Patrick  starrte  auf  den  Monitor,  während  er  überlegte,  welche  der  mit HolidayJet  assoziierten
Airlines  wohl  Nizza  anflog.  Normalerweise  gab  es  immer  billige  Stand-by-Tickets  für  das
Personal der befreundeten Airlines. Doch mit dem Nachtzug nach Südfrankreich – das ging nicht.
Für ein reguläres Bahnticket hatte er einfach nicht die Kohle, auch wenn er Annika diesen Wunsch
zu gerne erfüllen wollte. Und wenn er noch zehnmal hin- und herrechnete, eine Woche Urlaub für
zwei überzog seinen Dispolimit, selbst wenn er alle Sonderangebote der Bahn nutzte und das Geld
für  das  Hotel  auf  seine  zwei  Kreditkartenkonten  verteilte.  Patrick  klickte  die  Homepage  seiner
Bank auf dem Computerschirm weg.

„Probleme?“ Jan lehnte in einer legeren Freizeithose und  einem  Rio-de-Janeiro-T-Shirt  in  der

Tür. Sie hatten ausnahmsweise mal zur gleichen Zeit dienstfrei.

„Wenigstens  weiß  ich  jetzt,  warum Annika  so  gern  nach  Nizza  will“,  sagte  Patrick  resigniert.

„Dort gibt es keinen Ballermann. Ob ich ihr vorschlage, dass wir doch nach Antigua fliegen? Es
klang  so,  als  sei  die  Karibik  ein  alter  Traum  von  ihr.“  Und  irgendwann  musste  Annika  ihre
Flugangst mit seiner Hilfe überwinden. Je früher desto besser.

„Es ist die Trauminsel schlechthin“, sagte Jan.
„Du warst schon mal dort?“, fragte Patrick überrascht.
„Ich nicht, aber Melanie ist mal Langstrecke dorthin geflogen, als sie noch bei der Deutschen

BA war.“ Jan fuhr über den Zuckerhut auf dem Rio-Shirt. „Ich habe ihr von euren Urlaubsplänen
erzählt.“

„Das  klingt  ja  so,  als  ob  du  unsere  coole  Check-in-Frau  jetzt  häufiger  triffst.“  Patrick  wusste

genau, dass die beiden fest zusammen waren, aber er wollte Jan zum Reden bringen.

Sein  Freund  streckte  die  langen  Arme  hoch  zum  Türrahmen.  „Yepp!“  Dann  lächelte  er

verschmitzt. „Melanie ist genial. Sie lässt beim nächsten Sushi-Laden ein ganzes Menü kommen,
dann  brauchen  wir  gar  nicht  richtig  aufzustehen.  Sie  ist  so  wunderbar  unkompliziert.“  Jan  hielt
inne,  bevor  er  leiser  fortfuhr:  „Und  sie  will  nicht  dauernd  nur  mit  mir  reden.  Sie  ist  wirklich

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einfach gerne mit mir zusammen.“

Patrick  hatte  genau  gehört,  wie  weich  Jans  Stimme  bei  den  letzten  Worten  geworden  war.

Melanie war gut für Jan, das spürte er.

Jan räusperte sich. „Na ja, wurde doch auch mal Zeit. Melanie findet auch, dass es mit uns super

läuft.  Sie  hat  mich  gefragt  …“  Es  gelang  ihm  nicht  ganz,  sein  Honigkuchenpferd-Grinsen  zu
verbergen. „Ich werde nächstes Wochenende bei ihr einziehen.“

„Ihr  geht  aber  ran.  Gratuliere.“  Patrick  hob  den  Daumen.  Wie  gut,  dass  Jan  endlich  in  feste

Hände  gekommen  war.  Er  war  so  schüchtern,  dass  er  gar  nicht  merkte,  wie  viele  Frauen  ihn
interessant fanden, und so war er in den letzten Jahren bis auf die Affäre mit der Kinderärztin fast
immer solo gewesen. Aber das Single-Dasein war nichts für einen Mann wie Jan.

„Ich bin mir sicher, dass es das Richtige ist. Nägel mit Köpfen machen, das sagt Melanie auch.“
„Melanie ist das Risiko Wert. Die Jungs im fliegenden Personal waren alle scharf auf sie.“
„Außer dir.“ Jan kniff ein Auge zu.
„Kein  Grund  zur  Eifersucht.  Mein  Leben  dreht  sich  um  Annika  wie  die  bunten  Kreise  da.“

Patrick deutete mit dem Daumen auf den Bildschirm des Laptops. „Auch wenn ich den Flug mit
meinen  Bonusmeilen  bezahle,  die  Hotels  auf  Antigua  haben  gesalzene  Preise.  Könntest  du  mir
vielleicht noch mal was ausleihen? Ist das letzte Mal, versprochen?“

Jan verzog das Gesicht wie beim Zahnarzt. „Du bist mein bester Freund, ehrlich. Aber ich habe

auch kein Geld mehr übrig. Ich will für Melanie etwas besonders Glitzerndes kaufen.“ Er strahlte.

„Das  ist  wirklich  toll,  Jan.“  Und  obwohl  Patrick  Jan  sein  Glück  von  Herzen  gönnte,  spürte

Patrick  einen  Druck  in  der  Magengegend.  Der  Mietvertrag  für  die  Wohnung  lief  auf  Jan. Allein
konnte  Patrick  die  Miete  für  die  drei  Zimmer  nicht  bezahlen,  und  mit  einem  anderen  Typen
zusammenzuwohnen, das wollte er sich erst gar nicht vorstellen.

Jan  schien  zu  merken,  dass  sein  plötzlicher  Auszug  für  Patrick  nicht  ganz  einfach  war.  „Ich

spiele gerne weiter den Hauptmieter, wenn du hier wohnen bleiben willst“, sagte er.

„So weit habe ich gar nicht gedacht.“
„Ich ziehe nächsten Samstag um.“ Jan deutete auf den Schreibtisch und das Regal. „Die Anlage

nehme ich dann allerdings auch mit.“

„Ja, natürlich.“ Patrick versuchte zu lächeln. „Dann mache ich mit Annika eben einen billigeren

Urlaub. Vielleicht einfach ein Wochenende in Paris.“ Er zuckte mit den Schultern. Fast körperlich
tat es ihm weh, dass er Annika so enttäuschen musste.

Jan  wiegte  den  Kopf.  „Oder  du  musst  ein  bisschen  Risiko  eingehen.  Mach  aus  hundert  Euro

zehntausend.“

„Wie soll das denn gehen?“
„Du  bist  doch  der  Stratege  von  uns  beiden  und  kannst  schnell  kombinieren.  Moment!“  Jan

verschwand  kurz  in  seinem  Zimmer  und  kam  mit  einer  Visitenkarte  zurück.  „Hat  mir  ein
Passagier  in  der  ersten  Klasse  zugesteckt.  Soll  einer  der  angesagtesten  Poker-Clubs  in  Berlin
sein.“

Poker.  Patrick  fiel  der  asiatische  Gentleman  ein,  mit  dem  er  in  der  Hotelbar  auf  Mallorca

gesprochen  hatte.  Er  schielte  auf  das  Papier,  auf  das  ein As  gedruckt  war  und  eine Adresse  im
Osten von Berlin.

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Jan klopfte mit zwei Fingern auf den Tisch. „Melanie erwartet mich. Schau dir den Club doch

einfach mal an.“ Dann war er draußen.

No limits beim Einsatz. Formelle Kleidung. Patricks Blick fiel auf den Schrank, der eigentlich

Jan gehörte. Zumindest besaß er einen eigenen Smoking. Er streifte sich die Klamotten vom Leib
und suchte nach diesem weißen Hemd mit dem Stehkragen.

Was hatte der asiatische Gentleman auf Mallorca gesagt? Man muss wissen, wann man sein As

zieht.

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7. KAPITEL

Etwas Besonderes hatte Mr. Yamamoto verlangt, etwas Extravagantes, das nicht jeder Japaner in
Berlin zu sehen bekam. Etwas, das mit dem innovativen Spirit der Stadt verbunden war. Annika
ging nach dem geflügelten Wort des amtierenden Bürgermeisters vor: Berlin war arm, aber sexy.
Sie  hatte  Phil  eingespannt,  um  die  Vorlieben  des  Gastes  herauszufinden.  Phil  holte  Yamamoto
vom  Hotel  ab,  und  nach  einem  halbstündigen  Spaziergang  vom  Gendarmenmarkt  zur  Torstraße
setzte er den Japaner bei Roberta ab. Stockhetero, lautete sein Urteil. Doch auch subtil formulierte
Anfragen,  ob  Mr.  Yamamoto  denn  eine  besondere  Begleiterin  für  die  abendlichen  Stunden
wünsche, fruchteten nichts.

Schließlich wurde es dem Gast zu dumm. „Es wird doch nicht so schwierig sein, mir etwas zu

zeigen,  woher  die  jungen  Modemacher  ihre  Inspiration  beziehen.  Sie  sind  doch  Insider!  Und,
meine Damen“, er schaute von Annika zu Roberta, die das gediegene Dinner mit dem Gast schon
hinter sich gebracht hatte, „für weibliche Begleitung musste ich noch nie bezahlen.“ Er lehnte sich
in dem Sessel in Robertas Büro zurück und tippte ungeduldig auf die Lehne. „Aber Sex ist nicht
das  Geheimnis  dieser  Stadt.  Da  sind  Ihnen  Paris  und  Warschau  weit  voraus.“  Er  starrte  an  die
Decke. „Es muss an der explosiven Mischung liegen, wenn Alt und Neu, Ost und West, Tradition
und  Moderne  aufeinandertreffen“,  murmelte  er,  wobei  er  die  Seiten  eines  Modekatalogs  mit
schnellen Fingern durchblätterte. Ein wenig sah es aus, als würde er mit dem Katalog Daumenkino
spielen. Oder … ein Kartenspiel mischen.

Und da hatte Annika eine Idee.

Als Erstes eiste sie Roxanne von Sternthaler los – die Studenten kriegten das Putzen schon alleine
hin, und die Kleider waren eh noch beim Auslüften. Sie würden Mr. Yamamoto in einen der neuen
Poker-Clubs in Berlin-Mitte schleppen. Annika hatte sich das Bohème Sauvage ausgeguckt, in das
man nur in formeller Kleidung aus den Zwanziger Jahren zur Pokerrunde vorgelassen wurde.

Mr. Yamamoto war begeistert – die wilden Zwanziger, die Zeit von Metropolis – und der Frack

samt  passendem  Zylinder,  den  Roberta  organisierte,  standen  ihm  ausgezeichnet.  Als  er  erfuhr,
dass  im  Bohème  Sauvage  nicht  um  echtes  Geld  gespielt  wurde,  sank  seine  Begeisterung  jedoch
rapide. „Warum pokern, wenn man nichts riskieren will?“, sagte er verdrießlich, und im Grunde
ihres  Herzens  musste Annika  ihm  Recht  geben.  Mit  dem  Glücksspiel  war  es  wie  mit  der  Liebe:
Wer nicht alles auf eine Karte setzte, der würde nie auf Wolken gehen und Sterne in den Augen
des Geliebten sehen.

Allmählich verstand sie, nach was Mr. Yamamoto in Berlin suchte. Am liebsten hätte sie ihm

eine große Liebe organisiert, aber die konnte man eben weder durch Geld noch durch Connections
bekommen.

Doch  sie  hatte  ja  eine  Super-Connection,  wenn  es  um  Illegales  ging,  ihren  Bruder  Simon

nämlich. Seit ihre Eltern in Berlin eingefallen waren, hatte er sich nicht mehr in ihrer Wohnung
blicken  lassen.  Simon  hatte  einen  sechsten  Sinn  dafür,  unangenehmen  Konfrontationen  aus  dem
Weg zu gehen. Doch wenn er nicht bei ihr wohnte und auch nicht in einem Hotel war, dann konnte
er nur bei seiner Exfreundin Charlie Unterschlupf gefunden haben. Glücklicherweise hatte Annika

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noch  ihre  Nummer.  Charlie  klang  so,  als  wolle  sie  Simon  am  liebsten  gestern  als  heute
hinauswerfen, aber endlich konnte Annika ihn um Rat fragen.

„Warum nicht eines der Spielcasinos?“, fragte Simon, der sofort verstand, was Annika wollte.
„Zu normal, zu spießig.“
„Stimmt.“ Er überlegte kurz. „Dann kommt eigentlich nur Rummelsburg in Frage.“
Annika kapierte nichts. „Das Accessoire-Label?“
„Was?  Nee,  der  Poker-Club  in  Rummelsburg.  Da  treffen  sich  die  Profi-Spieler  in  einer  alten

Fabrikanlage beim Kraftwerk Klingenberg.“

Das  war  genau  das  Richtige.  Mit  der  Adresse,  einem  Kontaktnamen  und  der  Aufforderung,

mindestens  tausend  Euro  mitzunehmen,  damit  Mr.  Yamamoto  überhaupt  an  einem  Tisch
zugelassen  wurde,  beendete  Simon  das  Gespräch.  Er  schob  eilige  Geschäfte  vor,  doch  Annika
vermutete, dass er nicht mit ihr über die Eltern sprechen wollte, die nur seinetwegen nach Berlin
gekommen waren. Aber sie hatte erreicht, was sie wollte. Auf nach Rummelsburg!

Wenig  später  schritt  Mr. Yamamoto  im  Zwanzigerjahre-Outfit  über  den  verwahrlosten  Vorplatz
einer  alten  Fabrik,  während  Roxanne  und  Annika  in  langen  Abendkleidern  mit  aufgenähten
Seidenblumen  und  viel  Glitzer  –  beide  Outfits  vom  Salon  Geburzi  in  der  Bergmannstraße  –  in
Stöckelschuhen in stockdunkler Finsternis hinterherstolperten. Mr. Yamamoto pfiff fröhlich eine
asiatische  Melodie  vor  sich  hin,  während Annika  zum  ersten  Mal  überlegte,  ob  nicht  selbst  ein
Flug weniger gefährlich war als diese Expedition in den wilden Osten Berlins.

Natürlich hatte der Club keinen Namen, nur eine einzige trübe Funzel beleuchtete die Stahltür.

Annika  flüsterte  dem  bulligen  Türsteher  den  Kontaktnamen  ins  Ohr  und  ließ  dabei  einen
Hunderteuroschein unauffällig in seine Hand gleiten.

Innen  war  alles  mondän  schlicht  eingerichtet.  Wenige  für  das  Pokerspiel  notwendige  Möbel

standen  in  einem  Raum,  der  früher  mal  eine  Werkskantine  gewesen  sein  mochte.  Es  waren
hundert,  vielleicht  hundertfünfzig  Gäste  in  Abendgarderobe  anwesend.  Der  Aufzug  von  Mr.
Yamamoto wurde von einigen mit erhobener Augenbraue registriert.

An  einem  der  acht  Tische  hatte  sich  eine  größere  Menschenmenge  versammelt,  alle  starrten

schweigend  auf  den  grünen  Filz,  dort  schien  ein  Spieler  eine  Glückssträhne  zu  haben.  Roxanne
hatte  schon  herausgefunden,  wo  es  Getränke  gab,  und  brachte  drei  Sektkelche.  Mr.  Yamamoto
setzte  sich  an  einen  Tisch.  „Ich  habe  schon  von  diesen  Berliner  Clubs  gehört“,  sagte  er  und
schaute sich neugierig um. „Ich möchte erst einmal die Atmosphäre aufnehmen.“

Es  war  sehr  viel  russisches  Publikum  da,  wunderschöne  dunkelhaarige  Frauen,  die  mit

bestickten Handtäschchen an den Tischen saßen und Stapel von 100- und 500-Euro-Chips vor sich
aufhäuften. Ganz am Ende des Raums bewachten vier massige Männer einen Schalter, hinter dem
Scheine gegen Spielchips getauscht wurden.

Die vier waren auch Mr. Yamamoto aufgefallen, und er grinste Annika an. „Hier wird wirklich

gespielt“, sagte er. Mit einem Ruck stand er auf. „Meine Damen, machen Sie sich unabhängig von
mir  einen  schönen  und  hoffentlich  ertragreichen  Abend.  Ich  werde  mich  nun  ganz  dem  Spiel
widmen.“ Damit schritt er in Richtung Garderobe und Chip-Schalter davon.

„Soll ich ihm das Spielgeld geben, damit er an einen Tisch darf?“, fragte Annika.
„Lieber nicht. Er ist bestimmt beleidigt, wenn du damit andeutest, er habe nicht genug Geld für

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seinen  Spaß.“  Roxanne  puderte  sich  die  Nase  wie  eine  Lady  aus  einem  alten  Südstaatenroman.
„Mach dir keine Sorgen, Annika. Der Mann ist nicht von gestern.“

Annika seufzte. „Und was machen wir?“
„Nun“,  meinte  Roxanne  grinsend.  „Ich  weiß  nicht,  was  du  in  einem  Pokerclub  machen  willst,

aber ich habe das Geld vom Verkauf des letzten Kleides dabei. Vielleicht gewinne ich ja so viel,
dass ich Indisha ihre vom Ungeziefer ruinierte Kollektion bezahlen kann.“

„Du  kannst  pokern?“  Man  erfuhr  doch  immer  wieder  etwas  Neues  über  seine  engsten

Freundinnen.

Roxanne  beugte  sich  näher  zu  ihr.  „Ich  habe  in  Hamburg  mal  einen  Sommer  lang  in  einem

Spielclub auf Sankt Pauli als Croupier gejobbt.“ Sie trank den Sekt aus, dann ging auch sie davon
zur Kasse.

Annika  ließ  den  Blick  in  die  Runde  kreisen.  Ein  paar  Männer  blickten  aufmunternd  zurück.

Einer erinnerte sie an Patrick, und das gab ihr einen Stich ins Herz. Sie wusste nicht einmal, was
Patrick  heute  Abend  machte.  Da  waren  sie  beide  zur  gleichen  Zeit  in  Berlin,  aber  sie  war  so
eingespannt, dass sie ihm nicht einmal ein Date später in der Nacht versprechen konnte. Morgen
hatte Mr. Yamamoto sein Gespräch bei Joop, zu dem ihn natürlich Roberta, die Chefin, begleiten
würde. So gesehen hatte Annika morgen … frei. Sie zog ihr Handy aus dem zum Kleid passenden,
schmalen Handytäschchen. Mist, hinter diesen dicken Betonwänden gab es keinen Empfang.

An dem umlagerten Tisch waren „Ahs“ und „Ohs“ zu hören. Die Menge stand fünf Reihen dicht

um die Pokerspieler, doch das war eine Situation, in der Annika ihre Größe zum Vorteil gereichte.
Sie  suchte  sich  eine  Stelle,  wo  ein  paar  kleine  Chinesinnen  in  bunten  Seidenjacken  aufgeregt
miteinander  flüsterten.  Der  ältere  Croupier  mit  einer  Goldrandbrille,  die  vorne  auf  seiner
Nasenspitze saß, mischte gerade die Karten. Neben ihm hatte eine sehr junge, sehr blasse Blondine
in einem hauchdünnen hellblauen Outfit Platz genommen. Das Kleid war aus der letzten Versace-
Kollektion.  Ihr  gegenüber  am  Tisch  saß  ein  vielleicht  vierzigjähriger  Mann  in  einer
Trachtenjacke,  daneben  ein  Mittzwanziger,  dem  die  schwarzen  Strähnen  über  die Augen  fielen.
Einem Mann mit grauem Haar lugte ein kariertes Einstecktuch aus der Brusttasche des Jacketts.
Ein Engländer vielleicht? Oder einer, der sich auf britisch stylte. Den Fünften in der Runde sah sie
nur  von  hinten,  ein  kleinerer  Mann  im  Smoking,  vor  dem  sich  mehrere  Stapel  mit  grünen  und
schwarzen Chips auftürmten. Direkt vor ihm lagen die weniger wertvollen blauen und roten Chips
in einem Haufen. Das war also der Mann mit der Glückssträhne. Er nahm die Karten auf, die der
Croupier  nun  verteilte,  und  hielt  sein  Blatt  nah  vor  sich,  so  dass  weder  die  Chinesinnen  noch
Annika ihm in die Karten blicken konnten.

Irgendwo  hatte  sie  den  Mann  doch  schon  mal  gesehen  …  Dieser  Stich  Mahagoni-Farbe  im

dunklen  Haar,  diese  lässige,  aufrechte  Haltung.  Sie  konnte  nicht  umhin,  die  muskulöse
Rückenpartie und die breiten Schultern zu bewundern, die in dem perfekt sitzenden Smoking toll
zur Geltung kamen. Dann beugte sich der Engländer mit dem Einstecktuch zu ihm und sagte leise
etwas. Annika stutzte. Das war doch …

Diese süße Art, den Kopf beim Zuhören schief zu legen, das konnte doch nur …
Sie drängte sich nach vorn, näher zu dem Mann hin. Die Chinesinnen warfen ihr böse Blicke zu,

machten  aber  Platz.  Nun  stand  sie  rechts  von  ihm,  die  hohe  Lehne  des  Stuhls  vor  sich. Annika

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reckte  den  Hals,  sah  die  kleinen  Löckchen  über  dem  Ohr  des  Mannes,  seinen  markanten
Mundwinkel, die vollen Lippen. Das war …

„Patrick!“
Ihr Aufschrei ließ alle im Saal herumfahren, und für ein paar Sekunden starrten alle Gäste nur

sie an.

„Was machst du hier?“, fragte sie ihn und musste ihn berühren, denn vielleicht bildete sie sich

das  alles  ja  nur  ein.  Doch  Patricks  Brust  unter  ihren  Händen  fühlte  sich  solide  und  echt  an. Aus
dem  Augenwinkel  bemerkte  Annika,  dass  die  Mitspielerin  im  hellblauen  Versace-Kleid  sie
aufmerksam beobachtete, und langsam ließ sie ihre Finger zu Patricks Händen gleiten.

„Ich spiele Poker“, sagte er, als ob es das Normalste der Welt wäre, dass er in einem exklusiven

Berliner  Pokerclub,  von  dessen  Existenz  nur  ausgesuchte  Eingeweihte  wussten,  seine  Abende
verbrachte.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du … dass …“, stammelte Annika.
Patrick beugte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Es ist mein erstes Mal, aber verrat mich

nicht.“ Grinsend deutete er auf die Chips-Stapel. „Das ist alles für unseren Urlaub in Antigua.“

Und  da  konnte  Annika  nicht  anders,  sie  küsste  ihn  vor  all  den  Leuten,  egal  ob  es  in  diesem

Nobelschuppen  gut  geheißen  wurde.  Doch  die  Gäste  nahmen  es  gelassen,  nur  die  Chinesinnen
beäugten sie mit einem Ausdruck, der Annika wie Neid vorkam.

Das  Allerseltsamste  an  dieser  Begegnung  war  allerdings  Mr.  Yamamoto.  Nach  Annikas

Aufschrei  war  er  zusammen  mit  Roxanne  zum  Spieltisch  geeilt,  und  nun,  wo  allmählich  wieder
Ruhe einkehrte, wandte er sich an Patrick.

„Welche Freude, junger Mann, Sie hier wiederzusehen.“ Er legte ihm die Hand auf die Schulter.
Annika  wollte  ihren  Augen  nicht  trauen,  als  Patrick  aufstand  und  Mr.  Yamamoto  mit  einem

herzlichen  Händeschütteln  wie  einen  alten  Bekannten  begrüßte.  „Ohne  Sie  wäre  ich  nicht  hier“,
sagte Patrick.

Ohne Mr. Yamamoto wäre Patrick nicht hier?  Annika stieß ihn vor Neugier in die Rippen, doch

dann bemerkte sie den dunklen Blick des Japaners, der von ihr zu Patrick und wieder zurück zu ihr
glitt.  Offensichtlich  wusste  Mr. Yamamoto  mehr,  als  sie  ahnte.  „Ihr  kennt  euch?“,  flüsterte  sie
Patrick ins Ohr.

Patrick  drückte  ihr  die  Hand,  raunte  „Ich  habe  ihn  in  Mallorca  getroffen“,  und  setzte  sich

wieder an den Tisch. Annika und Roxanne verfolgten mit angehaltenem Atem, wie Patrick gewann
und  gewann,  bis  er  schließlich  die  blauen  und  roten  Chips  in  schwarze  umtauschte  und  alles  in
allem  über  zwölftausend  Euro  gewonnen  hatte.  Punkt  Mitternacht  machte  er  Schluss  und
verabschiedete sich mit einer eleganten Verbeugung von seinen Mitspielern.

Mr. Yamamoto  und  Patrick  schüttelten  sich  noch  einmal  die  Hände.  „Man  muss  im  richtigen

Moment aussteigen können“, sagte Patrick mit einem weisen Lächeln, und Annika verliebte sich
gleich noch mal in ihn.

Dann nahm der Japaner Patricks Platz in der Runde ein. Annika warf Roxanne einen fragenden

Blick  zu,  doch  die  zuckte  nur  mit  den  Schultern.  „Er  hat  sich  einen  Platz  an  diesem  Tisch
gekauft.“

„Kannst du auf ihn aufpassen und ihn in sein Hotel zurückbringen?“ Heute war ihre Nacht mit

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Patrick,  das  Schicksal  wollte  es  so.  Sie  konnte  einfach  nicht  hierbleiben,  sie  musste  endlich  mit
ihm zusammen sein.

Roxanne  lächelte  vieldeutig.  „Geh  nur,  Süße.  Ich  bringe  Mr.  Yamamoto  schon  wieder  heil

zurück. Ich will ja, dass er morgen meinen Laden bewundert.“

Annika schob ihr die tausend Euro zu. „Lass dir für alles eine Quittung geben“, sagte sie noch.

Roberta  würde  sie  killen,  wenn  sie  von  den  Ausgaben  für  diesen  Abend  erfuhr.  Dafür  saß  Mr.
Yamamoto  zufrieden  in  der  Pokerrunde  und  genoss  sichtlich  seine  ganz  besondere  Nacht  in
Berlin.

Sayonara, Mr. Yamamoto, dachte Annika, als sie Hand in Hand mit Patrick an dem grinsenden

Türsteher vorbei in die Nacht schritt.

Das Taxi setzte sie am Rosenthaler Platz ab, und sie gingen eng umschlungen durch die dunklen
Straßen.

„Ich kann es immer noch nicht glauben“, sagte Annika. „Dass ich mit Yamamoto just an dem

Abend in diesem Pokerclub auftauche, wenn du dort das Kleingeld für unseren Urlaub gewinnst.
Wie hast du das gemacht, Patrick?“

„Glück, Annika, reines Anfängerglück.“ Er lachte laut auf, nahm sie bei der Hüfte und wirbelte

sie herum. Dann schaute er sie  ernst  an.  „Für  mich  ist  das  kein  Kleingeld, Annika.  So  viel  Geld
habe ich noch nie auf einmal gehabt. Damit können wir uns ein tolles Hotel in Antigua leisten.“

Annika stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihm die ernsten Falten von der Stirn. Er war

so süß, so verantwortungsbewusst und dann wieder so spontan und leichtsinnig. Für sie wollte er
seinen  gesamten  Pokergewinn  ausgeben,  für  die  Zeit  mit  ihr.  Nur  er  und  sie,  unter  Palmen,  im
Sand am Meer.

„Die Karibik läuft uns nicht weg“, sagte sie. „Patrick, fällt dir etwas auf? Wir haben zum ersten

Mal eine Nacht für uns.“

„Und wir haben morgen früh auch noch Zeit“, sagte Patrick.
„Und  ein  Zimmer  für  uns  allein“,  hauchte  Annika.  Dass  Mizi  in  ihrer  Wohnung  auf  Futter

wartete, verdrängte sie. Mizi war schließlich nicht Simon.

„Ja.“  Patricks  Stimme  klang  heiser,  er  zog  sie  noch  enger  an  sich.  „Du  kannst  dir  nicht

vorstellen, wie oft ich mir diesen Moment herbeigesehnt habe.“

„Nicht  so  oft  wie  ich.“  Annika  fuhr  ihm  über  den  Po,  dann  über  seinen  Rücken  unter  die

Smokingjacke.  Sie  wollte  seine  Haut  spüren,  ihn  riechen,  ihr  Gesicht  an  seiner  Brust  vergraben.
Patricks Körper vibrierte förmlich. Er drehte sie zu sich und küsste sie überall im Gesicht, Augen,
Nase, Wangen. Vorsichtig fuhr sie ihm mit der Zunge über die Lippen, und er stöhnte.

„Lass uns schnell zu dir gehen“, sagte er und zog sie weiter.
„Ja!“ Annika musste lachen, so glücklich war sie.
Er  drückte  sie  an  sich  und  küsste  sie.  „Wir  haben  so  lange  warten  müssen“,  sagte  er  leise.  Er

schaute sie an, und die Sterne glitzerten wirklich in seinen Augen.

Annika  nahm  seine  Hand.  Sie  liefen  an  der  neuen  Sushi-Bar  vorbei,  gingen  die  Mulackstraße

entlang, die vier Stockwerke hoch, bis sie vor Annikas Tür standen.

Dahinter maunzte und kratzte es furchtbar.
Annika  öffnete  vorsichtig  die  Tür,  und  Patrick  konnte  gerade  noch  sein  Bein  vor  den  Spalt

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stellen, sonst wäre Mizi entwischt. Dafür krallte sich die Katze in den Stoff.

„Oh  nein!“,  schrie Annika.  Im  Flur  zog  sich  eine  Spur  aus  Papierfetzen  bis  ins  Wohnzimmer,

dort fand Annika die Überreste des neusten Style-Magazins. Daneben hatte Mizi gleich den Inhalt
von  zwei,  nein drei  Blumentöpfen  großzügig  verteilt.  Irgendwo  hatte  Annika  gelesen,  Katzen
ließen es ihre Besitzer auf diese Art spüren, dass man sich zu wenig um sie kümmerte. Aber sie
war  nicht  Mizis  Besitzerin.  Wenn  schon,  dann  hätte  Mizi  die  Blumen  im  Wohnzimmer  ihrer
Mutter ruinieren sollen.

„Dieses Mistvieh, das wird sie mir büßen.“ Grimmig lief Annika in die Küche, aber Mizi saß

dort  schon  vor  dem  leeren  Futternapf,  klopfte  mit  dem  Schwanz  auf  den  Boden  und  blickte  mit
leidenden Du-lässt-mich-verhungern-Blick zu Annika auf.

Patrick lachte leise. „Füttere sie erst mal, dann gibt sie bestimmt Ruhe.“
„Du  kennst  Mizi  nicht“,  grummelte  Annika,  doch  sie  öffnete  eine  der  Dosen  mit Filets  mit

Enten- und Hühnchenbrust und kippte Mizi das Zeug in den Napf.

Dann war wirklich Ruhe, bis auf die genießerischen Schmatzlaute der Katze. Annika lehnte sich

gegen  Patrick,  der  seine  Arme  um  ihre  Taille  legte,  und  gemeinsam  schauten  sie  Mizi  beim
Fressen zu.

Annika  überlegte,  ob  sie  eigentlich  am  Morgen  die  Tür  zu  ihrem  Schlafzimmer  geschlossen

hatte, und wenn nicht, was Mizi dort alles angestellt haben könnte, da spürte sie kleine zarte Bisse
in  ihrem  Nacken.  Patrick  öffnete  mit  sanften  Händen  die  Haken  an  ihrem  Kleid,  und  Annika
stockte der Atem.

„Jetzt?“, fragte sie.
„Hmmm“,  machte  Patrick  und  streifte  ihr  das  Kleid  von  den  Schultern.  Ihren  BH  hatte  er  in

weniger als zwei Sekunden geöffnet, das Spitzenteil fiel einfach auf den Boden. Zärtlich strich er
über ihre Brüste. Annika konnte nicht mehr stillhalten. Sie drehte sich um, nahm ihm die Krawatte
ab, die nur noch lose um seinen Hals hing, zog an seiner Smokingjacke. „Du hast so viel an“, sagte
sie, und Patrick lachte, als er sich das Hemd aufriss.

Als sich ihre Körper berührten, schlugen kleine, bunte Funken, die in den Schnurbarthaaren von

Mizi aufleuchteten. Die Katze maunzte und verschwand im Wohnzimmer.

Annika  spürte  Patricks  Erregung,  als  er  sich  an  sie  presste.  Sie  streichelte  seinen  muskulösen

Rücken,  fuhr  über  seine  Hüften  und  öffnete  die  Gürtelschnalle  und  den  Hosenknopf.  Jeden
Zentimeter seiner warmen Haut wollte sie berühren. Patrick ließ seine Zunge unendlich langsam
über ihre Ohrmuschel gleiten und zog ihr dabei das Kleid über die Hüften. Sie öffnete sacht den
Reißverschluss  seiner  Hose.  Sobald  sie  ihn  berührte,  zuckte  er  zusammen,  seine  Finger  krallten
sich unwillkürlich in ihr Haar. Zart biss er sie ins Ohrläppchen.

„Bett?“, murmelte er.
„Bett.“
Auf  dem  Weg  ins  Schlafzimmer  verlor  Annika  das  Geburzi-Kleid  und  Patrick  seine

Smokinghose.  Lachend  streifte  sie  ihm  die  Socken  ab  und  er  ihr  den  Slip.  Sie  liebten  sich  mit
solcher  Leidenschaft,  wie  sie  Annika  noch  nie  erlebt  hatte,  langsam  und  wild,  zärtlich  und
ekstatisch. Als  draußen  der  Morgen  graute,  lagen  sie  erschöpft  nebeneinander  in  den  zerwühlten
Laken. Die Nachttischlampe verbreitete ein schummriges Licht. Unten auf der Straße fuhr jemand

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auf  einem  quietschenden  Fahrrad  vorbei.  Annika  fühlte  sich  frei  und  geborgen  zugleich,
umschlungen  von  Patricks  Körper,  der  nach  Sex  und  einem  zitronigen  Männerparfüm  roch.  In
seinen  Haaren  meinte  sie  einen  Hauch  von  Flugzeugbenzin  auszumachen,  doch  das  stimmte
wahrscheinlich nicht, und sie bildete es sich vor lauter Liebe nur ein.

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8. KAPITEL

An  der  Wohnungstür  stand  nur  noch  sein  Name  Lister.  Patrick  grinste,  Jan  war  ein  Typ,  der
einfach  alles  genau  nahm.  Vielleicht  war  Türschilderbereinigung  auch  ein  Teil  des  Rundum-
sorglos-Pakets  des  Unternehmens,  das  Jan  mit  dem  Umzug  beauftragt  hatte.  Patrick  hatte  die
wenigen freien Stunden der letzten vollgepackten Flugwoche nur bei Annika verbracht und davon
die  meiste  Zeit  im  Bett,  wo Annika  ihn  mit  Fingerfood  und  er  sie  mit  frischen  Schrippen  vom
Ökobäcker verwöhnt hatte. Aber jetzt brauchte er frische Klamotten und die andere Fluguniform.

Er schloss auf. Im Flur war sogar die Garderobe abmontiert. Patricks Schritte hallten auf dem

Parkett.  Er  legte  die  Jacke  auf  den  einen  Küchenstuhl,  der  ihm  gehörte.  Wenigstens  waren  der
Herd und der Kühlschrank noch da. Auf der Spüle standen ein paar Becher und Gläser, die er in
den gemeinsamen Hausstand eingebracht hatte, und das Besteck mit den schwarzen Griffen, das er
mal in München auf dem Viktualienmarkt gekauft hatte.

Ein  bisschen  kam  Patrick  sich  vor  wie  ein  Einbrecher,  der  in  ein  leeres  Haus  einstieg.  Jans

Zimmer war komplett ausgeräumt. Die Kabel des Fernsehanschlusses hingen in der Ecke aus der
Wand.

Fast alle Möbel in der großen Wohnung hatten Jan gehört. Nur der alte Ledersessel, den Patrick

aus Leipzig überall hin mitschleppte, glänzte solide wie eh und je. Und das dunkelbraune Buffet
mit  dem  geschnitzten  Obst  in  den  Türen  stand  verloren  im  Wohnzimmer.  Für  Möbel  hatte  er
wegen seiner Ausbildung zum Piloten nie Geld übrig gehabt.

„Nicht mal ‚ne richtige Anlage habe ich“, brummte Patrick. Er betrachtete seine CD-Sammlung

in den zwei Stahltürmen, die vor dem Buffet verblieben waren. Kurz überlegte er, ob er die CDs
über  seinen  Laptop  abspielen  sollte,  doch  die  Vorstellung,  was  die  miserablen  Lautsprecher  aus
seinen  Lieblingssongs  machen  würden,  hielt  ihn  davon  ab.  Annikas  Anlage  hatte  einen
Supersound.  Patrick  konnte  sich  nicht  recht  vorstellen,  dass  sie  auch  so  schnell  mit  ihm
zusammenziehen  wollte  wie  Melanie  mit  Jan.  Er  legte  sich  die  Hand  in  den  Nacken.  Die
Wohnungsfrage würde er Ende des Monats lösen müssen. Jan war fair genug gewesen, noch eine
Monatsmiete  mitzutragen.  Danach  müsste  Patrick  ausziehen  oder  sich  einen  Kollegen  oder
Bekannten suchen, der eine Bleibe brauchte. Aber Patrick hatte keine Lust auf neue Leute. Er hatte
Lust auf Annika. Morgens, mittags und abends.

„Und  deshalb  entsorge  ich  jetzt  Altlasten.“  Im  Buffet  verwahrte  er  in  einer  Schublade

Erinnerungsstücke.  Zwischen  alten  Postkarten  und  dem  Album  mit  den  ersten  Flugfotos  lag  in
einem  dunkelgrünen  Täschchen  aus  Filz  der  Siegelring,  den  Jenny  ihm  geschenkt  hatte.  Es  war
damals ein Zeichen ihrer großen Liebe gewesen, auch wenn er den Siegelring seines verstorbenen
Schwiegervaters  nie  getragen  hatte.  Das  Gutsherren-Image,  das  dem  goldenen  Ring  mit  dem
eckigen  bordeauxroten  Stein  anhing,  war  so  ganz  und  gar  nicht  sein  Stil.  Vielleicht  wirkte  die
Erziehung in der DDR bei ihm nach, aber mit dem Siegelring am Finger kam er sich immer wie
einer vor, den andere bedienen müssen.

Patrick  nahm  das  Filztäschchen  aus  der  Schublade.  Am  besten  packte  er  den  Ring  in  den

Umschlag zu den fünfhundert Euro, die ihm vom ganzen Pokergewinn übrig geblieben waren, seit
er gestern noch sämtliche Schulden bei Jan beglichen hatte. Das war das Taschengeld für Antigua.

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Die  Tickets  würde  er  mit  seinem  Bonus-Konto  bezahlen.  Und  den  Siegelring  würde  er  Jenny
morgen beim Abendflug nach Barcelona zurückgeben.

In der Küche griff er nach seiner Jacke, in deren Innentasche der Umschlag steckte, da fiel sein

Blick auf die Spüle. Zwischen seinen Gläsern lag dort eine winzige Schachtel mit dem Aufdruck
„Tiffany & Co.“. Patrick nahm das hellblaue Kästchen mit der weißen Schleife in die Hand. Die
kleine Ringschatulle war leer.

Kein Wunder, dass Jan ihm kein Geld leihen konnte. Patrick stellte sich einen Moment vor, wie

sich  sein  Kollege  wie  Audrey  Hepburn  in  dem  berühmten  Film  die  Nase  an  der
Schaufensterscheibe platt drückte, und musste lachen.

„Kommt ja wie gerufen“, meinte er. Eigentlich war Jan sehr ordentlich, aber vielleicht hatten er

und  Melanie  die  Schatulle  nach  der  Ringübergabe  einfach  vergessen.  Patrick  zog  den  alten
Siegelring aus dem Filztäschchen und steckte ihn in die Samteinlage der Schatulle. Dann klappte
er sie mit einem Plopp zu.

Der  flache  Karton  passte  sogar  in  den  Geldumschlag.  Patrick  wandte  sich  zur  Tür.  Je  eher  er

hier  rauskam,  desto  besser.  Irgendwie  fand  er  es  ziemlich  deprimierend  in  der  leeren  Wohnung.
Jan  war  ein  wirklich  guter  Freund.  Na,  sie  würden  sich  sicher  oft  sehen.  Für  das  nächste
gemeinsame  Wochenende  hatte  Jan  schon  angefragt,  ob  er  Lust  auf  einen  Fußballabend  bei  uns
hatte. Patrick hatte keine Ahnung, ob Annika Fußball mochte. Annika … Sie waren in dem Sushi-
Laden verabredet. Dafür würde sein Geld noch reichen. Und was sie danach noch brauchten, war
für kein Geld der Welt zu haben.

Ein  Geräusch  hatte  Annika  aufgeweckt,  dem  sie  nachhorchte.  Doch  in  ihrer  Wohnung  war  es
vollkommen still. Annika drehte leicht den Kopf und blickte zu Patrick, der mit dem Kopf an ihrer
Schulter tief schlief. Seine entspannten Gesichtszüge wirkten unschuldig und frisch wie die eines
kleinen Jungen. Dabei war er im Bett alles andere als unerfahren. Erinnerungen an die letzte Nacht
gingen ihr durch den Kopf: Patricks Körper, der sich auf ihr bewegte, seine Locken, die ihm in die
Augen fielen, als er sich über sie beugte und Worte der Lust in ihr Ohr raunte. Sie spürte, wie ihr
Körper sich schon wieder nach Patricks Berührungen sehnte.

Da war es wieder, ein leises Klirren. Sanft nahm sie Patricks Arm von ihrer Brust und schlüpfte

aus dem Bett. Es war erst Viertel nach fünf, draußen ging gerade die Sonne auf. Annika nahm den
Bademantel  vom  Haken  und  ging  in  die  Küche.  Hatte  sie  es  doch  geahnt!  Mizi  schob  auf  dem
gefliesten Boden ihren Futternapf hin und her, der immer wieder gegen die Wasserschale klirrte.

„Du  kleiner  Schlawiner“,  flüsterte  Annika.  „Es  ist  doch  noch  gar  nicht  Zeit  fürs  Frühstück.“

Natürlich  gab  sie  Mizi  trotzdem  einen  Klacks  Thunfisch,  denn  wer  konnte  schon  diesem
schnurrenden Fellbündel widerstehen, das einem unentwegt um die Beine strich?

An  der  Garderobe  hing  Patricks  Lederjacke.  Sie  roch  am  schwarzen  weichen  Leder  und  sog

seinen  Geruch  auf,  der  sie  an  eine  Sommerbrise  voller  Zitronenduft  erinnerte.  Sie  freute  sich  so
auf den Urlaub. Den Flug in die Karibik würde sie irgendwie überstehen, wenn Patrick neben ihr
saß.  In  der  Apotheke  hatte  sie  außerdem  diese  neuen  Wundertropfen  bestellt,  die  ihr  Melanie
empfohlen hatte.

Der  eine  Ärmel  der  Jacke  war  unordentlich  umgeschlagen.  Als  sie  gestern  Abend

heimgekommen  waren,  hatten  sie  nicht  viel  Zeit  aufs  Ausziehen  verwendet.  Annika  strich  den

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Ärmel  glatt.  Ein  Briefumschlag  lugte  aus  der  Innentasche.  Behutsam  zog  sie  daran.  Das  Kuvert
war schwerer, als sie erwartet hatte. Und es war nicht zugeklebt.

Annika  horchte  in  Richtung  Schlafzimmer.  Patrick  war  sicher  noch  nicht  aufgewacht.  Ganz

vorsichtig zog sie den Umschlag aus der Tasche. Auf der Vorderseite stand das Wort  Cashier, und
Annika erinnerte sich, das Patrick seinen Gewinn im Rummelsburger Pokerclub darin ausgezahlt
bekommen  hatte.  Doch  da  steckte  noch  etwas  anderes,  etwas  Eckiges.  Eindeutig  eine  kleine
Schachtel  …  eine  Schatulle.  Annikas  Herz  klopfte.  Das  konnte  doch  nur  Eines  bedeuten.  Mit
spitzen Fingern öffnete sie den Briefumschlag und schaute hinein. Fünfhundert Euro lagen darin.
Und eine auffällig hellblaue Schachtel mit schwarzem Aufdruck. „Tiff…“

„Sweetie?“ Patricks Stimme klang verschlafen.
Rasch steckte Annika alles zurück in die Innentasche, drehte die Jacke wieder mit dem Futter

zur Wand und strich sie glatt. Patrick wollte sie mit einem Verlobungsring überraschen. Das hatte
noch nie ein Mann für sie getan. Es war, als ob Patrick ihre geheimsten Wünsche kannte und in
Erfüllung  gehen  ließ  –  wie  ein  Zauberer.  Die  Reise  nach  Antigua  würde  ihre  Verlobungsreise
werden. Das durfte sie ihm nicht verderben. Keine einzige Andeutung würde sie machen, sondern
warten, bis er den richtigen Moment für gekommen hielt.

Im Schlafzimmer öffnete Annika den Gürtel des Morgenmantels und ließ ihn am Bett von ihren

Schultern gleiten. Patrick blickte sie aus dunklen Augen an und hob die Decke. Sie küsste ihn mit
einer intensiven Zärtlichkeit, die mehr verriet, als sie ahnte. Doch Annika ging nur ein Satz durch
den Kopf: Ja. Ja, ich will.

„Roger“, antwortete Patrick der Flugsicherung Zürich. Bis zum Mittelmeer war nun Ruhe an Bord.
Er wandte sich an seinen Co-Piloten, mit dem er ganz gern flog. „Übernimm du mal, ich mache
heute den Security-Check mit dem Team.“

Sein Co Sven kaute gerade ein Stück Schokolade, brummte Zustimmung und stellte sofort die

Engine-Control um.

Patrick  stand  auf  und  nahm  seine  Uniformjacke  aus  dem  Fach  hinter  den  Pilotensitzen.  Jenny

war mit an Bord, ausnahmsweise hatten sie zusammen Dienst.

Er  nickte  den  Premium-Class-Passagieren  zu,  zwei  von  ihnen  blätterten  in  den  Katalogen  von

HolidayJet.

In der dritten Reihe hob eine Frau im grauen Twinset das Glas. Jenny lächelte. „Darf ich Ihnen

noch nachschenken?“

Patrick wartete, bis Jenny fertig war und zur nächsten Reihe ging. „Jenny, ich möchte was mit

dir besprechen, hast du kurz Zeit in der Pantry?“

„Ja, natürlich.“
Patrick  wartete  im  Winkel  vor  den  Mikrowellen.  Hier  konnten  die  Passagiere  sie  beide  nicht

sehen.

„Müssen  wir  in  die  Warteschleife?  Hatte  ich  diese  Woche  schon  zweimal.“  Jenny  legte  ihren

streng  gebundenen  Zopf  über  die  Schulter.  „Soll  ich  die HolidayJet  –  Sweets  schon  mal
vorbereiten?“

Jenny war immer in Sorge, immer unter Strom.
„Es ist nichts Dienstliches.“

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Sie hob die linke Augenbraue. „Sondern?“
Patrick  zog  die  Schatulle  aus  der  Innentasche  seiner  Uniformjacke  und  klappte  sie  auf.  „Ich

hätte ihn dir längst zurückgeben sollen.“

Jenny legte die Hand an ihre Wange. „Aber ich habe ihn dir doch geschenkt.“
„Ich  habe  andere  schöne  Erinnerungsstücke  an  unsere  Zeit.  Der  Siegelring  hat  deinem  Vater

länger gehört als mir. Und ich weiß, wie sehr du an dem Ring hängst. Nimm ihn, bitte.“

Einen Moment lang tastete sie über das Gold und sah melancholisch auf den roten Stein. Dann

drückte  sie  Patrick  kurz  an  sich.  „Ich  habe  es  einfach  nicht  übers  Herz  gebracht,  dich  darum  zu
bitten.“  Sie  nahm  den  Ring  aus  der  Schatulle.  Dabei  lächelte  sie.  „Danke.  Aber  die  Schatulle
nehme ich nicht.“

„Wieso?“
„Die  gehört  zu  Melanies  Ring.  Alle  wissen  doch,  dass  Jan  ihr  einen  Riesendiamanten  bei

Tiffany‘s gekauft hat.“ Jenny winkte ab. „Das bringt Melanie sonst Unglück, wenn der Ring, den
mein geschiedener Mann mir zurückgibt, in der Schachtel liegt, die Jan für ihren Ehering gekauft
hat.“

Wenn  es  um  Liebesdinge  ging,  war  Jenny  ein  bisschen  abergläubisch.  Patrick  zuckte  mit  den

Schultern und steckte die Schatulle ein.

Das Rufzeichen Premium leuchtete auf.
„Die  Frau  trinkt  einen  Champagner  nach  dem  andern.  Hoffentlich  findet  die  nachher  die

Gangway.“ Jenny warf ihm ein kurzes Lächeln zu, bevor sie voranging.

Himmel,  er  hatte  ganz  vergessen,  wie  angespannt  Jenny  bei  der  Arbeit  sein  konnte.  Annika

nahm Stress viel leichter, ihr bei der Arbeit zuzusehen, machte sogar Spaß. Patricks Blick fiel auf
eine Checkliste von Jennys Team. Flug 251 nach Barcelona. Es war der Flug, auf dem er Annika
kennengelernt hatte. Und heute gab er seiner Exfrau auf dem gleichen Flug den letzten besonderen
Gegenstand zurück, der sie noch verbunden hatte.

Patrick  strahlte,  als  er  durch  die  erste  Klasse  zurück  ins  Cockpit  ging.  Ein  gutes  Omen.

Vielleicht sollte er auch ein bisschen abergläubisch werden.

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9. KAPITEL

Der  Käsewagen  rollte  an  der  riesigen  Amphore  vorbei  zurück  in  die  Küche.  Annika  war  so
aufgeregt,  dass  sie  von  dem  viergängigen  Menü  fast  nichts  hatte  essen  können.  Patrick  war  im
Smoking  und  mit  einem  riesigen  Strauß  roter  Rosen  vor  ihrer  Wohnungstür  erschienen,  um  sie,
wie  er  sagte  „edel  auszuführen“.  Er  hatte  in  einem  Sterne-Restaurant  am  Potsdamer  Platz
reserviert. Das konnte nur eines bedeuten: Heute Abend wollte er ihr den Ring geben.

Annika  hatte  ihm  verschwiegen,  dass  Roberta  fast  alle  ihre  Besprechungen  beim  Business-

Lunch  im Facil  abhielt,  und  die  lichte  Architektur  und  vorzügliche  Speisekarte  für  sie  nichts
Neues waren. Ein Kollege namens Sven habe ihm den Tipp gegeben, Patrick selbst war offenbar
noch nie hier gewesen. Der Türsteher hatte ihm erst einmal freundlich erklären müssen, dass man
zum Restaurant in den fünften Stock des Hotels hochfuhr.

Die Mönchskopf-Käseflocken auf ihrem Teller rochen verführerisch, aber Annika bekam nichts

hinunter. Patrick hatte sich noch Brot zum Käse auf den Teller genommen und verzehrte alles bis
auf ein paar Krümel. Wie lange wollte er sie denn noch auf die Folter spannen?

„Du wirst doch nicht krank, jetzt, wo ich endlich mal da ganze Woche da bin“, fragte Patrick

und legte ihr eine besonders rote und schön geformte Erdbeere auf den Teller.

„Nein,  nein.“  Die  Frucht  war  sehr  aromatisch.  Patrick  grinste,  als  er  sah,  wie  herzhaft  sie

hineinbiss. Wenn er nur endlich den Ring hervorholen würde, dann könnte auch Annika den Abend
genießen.

Als  er  ihr  eine  sternförmig  geschnittene  Mangoscheibe  auf  den  Teller  legen  wollte,  ergriff

Annika Patricks Hand. „Verrat mir doch endlich, was der Anlass für dieses tolle Dinner ist.“ Sie
schaute  ihm  tief  und  vielsagend  in  die  Augen,  aber  Patrick  blickte  sie  nur  irritiert  an.  Seinem
Gesichtsausdruck nach zu urteilen wusste er wirklich nicht, auf was sie hinauswollte.

„Du bist der Anlass, Annika, wir beide, dieses unbeschreibliche Glück, dass wir uns lieben und

zusammen  sind.  Dass  wir  endlich  Zeit  haben  füreinander.  Dass  ich  noch  nie  so  wahnsinnig
verliebt war. Dass ich … ach, die Sterne könnte ich dir vom Himmel holen, Annika. Gleich hier,
vom Dachgarten hier.“ Er führte ihre Hand an seine Lippen und küsste sie sanft in die Innenfläche.

Annika  wurde  heiß.  Er  machte  es  ja  verdammt  spannend.  Jetzt  würde  aber  doch  der  Ring

kommen. So eine poetische Rede, das konnte kein Mann aus dem Stegreif, das musste sich Patrick
vorher überlegt haben. „Ja-a?“, fragte sie.

Da war wieder dieser irritierte Blick. „Ja, was?“
„Der  Ring.“  Da,  es  war  raus.  Geheimnisse  waren  einfach  nicht  ihr  Ding.  Sie  ergriff  Patricks

Hände.  „Tut  mir  leid,  jetzt  hab  ich  dir  die  Überraschung  ruiniert.  Das  wollte  ich  echt  nicht.  Der
Umschlag hat in deiner Jacke gesteckt, und ich hab reingeschaut. Ich hab mir nichts dabei gedacht,
wirklich nicht.“

Beinah mechanisch streichelte Patrick ihre Hände, etwas stimmte nicht. Der Mann, mit dem sie

seit Tagen das Bett teilte, schluckte und räusperte sich, er suchte ganz offensichtlich nach Worten,
um etwas zu sagen, was sie nicht hören wollte.

Leise gestand sie: „Ich habe aber nur die Schatulle gesehen. Ehrlich.“ Sie drückte seine Hände.

„Es tut mir so leid, Patrick. Wirklich, das wollte ich nicht.“

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„Aber das war doch Melanies,“ platzte er heraus. „Das heißt, eigentlich war es Jennys Ring. Jan

hat die Schatulle für Melanies Ring in der Wohnung vergessen, und ich hatte den Ring für Jenny.
Den wollte ich ihr schon lange geben.“

Schon lange? „Du wolltest ihr einen Antrag machen?“ Annika zog abrupt ihre Arme zurück.
„Nein,  natürlich  nicht.  Jan  hat  Melanie  einen Antrag  gemacht.“  Er  legte  den  Kopf  schief  und

grinste sie an. „Sie hat Ja gesagt. Jan und Melanie ziehen zusammen.“

„Und warum hast du dann Jenny einen Ring gegeben? Patrick …“ Annika wurde mit einem Mal

schlecht  vom  Geruch  des  Käses,  und  sie  schob  den  Teller  weg.  „Du  hast  mir  doch  geschworen,
dass mit Jenny nichts mehr läuft.“

Er wurde tatsächlich rot. Das durfte jetzt nicht wahr sein. Patrick konnte ihr kaum eine Sekunde

offen  in  die Augen  schauen.  „Da  ist  nichts  mit  Jenny“,  murmelte  er,  aber  überzeugend  klang  es
nicht. Patrick holte Luft. „Annika, versteh doch, das mit Jenny … ich hab da in Mallorca gesessen
und konnte an nichts anderes denken als an unsere Nacht an der Spree und wie scharf ich auf dich
war.  Wie  scharf  ich  auf  dich  bin.“  Ein  spitzbübisches  Lächeln  blitzte  über  Patricks  Gesicht,
verschwand aber sofort wieder. „Und da kommt sie vorbei und flirtet, wie sie es immer tut. Das
…“

Es lief doch noch was. „Mit Jenny in Mallorca!“ Ihr Stuhl knallte auf den Natursteinboden. Wie

konnte er ihr das antun? Sie erinnerte sich gut an diesen traurigen Abend, als Patrick ihr wieder
einmal  abgesagt  hatte.  „Fluglotsenstreik  nennst  du  das  dann,  ja?  Mit  Yamamoto  über  Poker
geplaudert, wie?“ So verliebt war sie gewesen, während er die erstbeste Gelegenheit beim Schopf
packte und mit seiner Ex in die Kiste stieg.

„Nein, Annika!“ Auch Patrick stand auf. „Ich hatte nichts mit Jenny. Da war nichts!“
„Du  kannst  dir  die  Entschuldigungen  sparen,  Patrick.  Das  geht  nicht  zusammen,  in  die  eine

angeblich wahnsinnig verliebt, aber die andere im Kopf. Das ist eine Frau zu viel.“ Sie drehte auf
dem Absatz um und ging. Ihre Tränen sollte er nicht mitkriegen, das fehlte noch, dass sie wegen
diesem Oberidioten im Facil losheulte.

Patrick rief ihr irgendwas hinterher, aber sie ignorierte es.
„Ich habe nicht genug Geld für die Rechnung.“
Annika blieb wie angewurzelt stehen. Nicht genug Geld? Das war das Allerletzte. Am liebsten

wäre sie vor Scham hier auf der Stelle in den fünf Stockwerke tiefer liegenden Boden versunken.
Hatte die Liebe sie so blind gemacht, dass sie einen Schnorrer nicht erkannte?

Betont langsam, als wäre die Szene das Normalste der Welt, ging sie zum Tisch zurück. Patrick

wühlte in seinem Geldbeutel, wenigstens hatte er den Anstand, knallrot zu sein.

„Das tut mir wirklich leid, Annika. Ich dachte, ich hätte mehr Geld eingesteckt“, sagte er leise

und schaute dabei mit hochrotem Kopf auf die Tischdecke.

Was wohl so viel hieß wie,  dich Zicke lade ich ganz sicher nicht auch noch zum Essen ein. Was

für ein Loser. Annika legte vollkommen ruhig drei Hundert-Euro-Scheine auf den Tisch und ging,
ohne Patrick auch nur eines Blickes zu würdigen.

Der  Fahrstuhl  kam  nicht.  Die  Anzeige  stand  auf  2.  Er  musste  sie  unbedingt  noch  erwischen.
Unbedingt.  Patrick  rannte  das  Treppenhaus  hinunter,  durch  die  Glastüren  am  Türsteher  vorbei
hinaus auf die Potsdamer Straße. Er  reckte  den  Kopf,  er  sah  sie  nicht.  Sein  Herz  raste  wie  beim

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Zirkeltraining vor der Schwerkraftkammer. Mist, dass er nicht größer war. Die Bürgersteige waren
voller Menschen, die ins Kino wollten. Da! Ihr rotes Kleid leuchtete zwischen den Passanten.

„Annika!“ Er rempelte ein japanisches Pärchen an, das einen Stadtplan studierte. „Warte doch!“

Er sah, wie sie in ihrer Tasche kramte. Dann stand er atemlos vor ihr. Sie sah ihn nicht einmal an.

„Brauchst  du  noch  mehr  Geld,  hat  es  nicht  gereicht?“  Ihre  Stimme  zitterte. Annika  warf  ihm

einen kalten Blick zu. „Du bist vielleicht ein Geizkragen, Mann.“

Patrick  verstand  die  Welt  nicht  mehr.  „Was  bin  ich?“  Jeden  Euro  hatte  er  für  sie

zusammengekratzt.  „Annika,  wenn  ich  mehr  Geld  hätte,  würde  ich  alles,  was  ich  habe,  für  dich
ausgeben.  Ich  zahle  dir  das  zurück,  es  war  doch  meine  Einladung.  Der  Umschlag  mit  dem  Geld
steckt in meiner Lederjacke, wirklich.“

„Tatsächlich?“ Ihr Mundwinkel zuckte. Sie nestelte ihre Handtasche wieder zu und schaute zur

Straße hin.

„Ich hätte nie Pilot werden können, wenn ich nicht Schulden für die Ausbildung gemacht hätte.

Die muss ich jetzt zurückzahlen. Die Ausbildung ist wahnsinnig teuer.“

Annika sagte fast gedehnt langsam. „Aber deiner angeblichen Ex einen teuren Ring schenken,

das  kannst  du.  Und  mich  dann  für  das  Restaurant  zahlen  lassen.  Und  ein  paar  Tage  bei  mir
umsonst  wohnen,  weil  dein  Kumpel  dich  vor  die  Tür  setzt,  das  kannst  du  auch.  Für  wie  blöde
hältst du mich eigentlich, Patrick Lister?“

„So  ist  es  doch  überhaupt  nicht.“  Patrick  versuchte,  ihren  Blick  aufzufangen,  aber  sie  sah

konsequent an ihm vorbei zur Straße.

„Doch!“ Ihr Kopf flog herum. Ihr enttäuschter Blick fixierte ihn. „Genau so ist es. Du hast mit

mir  gespielt  wie  mit  einer  dummen  kleinen  Schülerin,  die  sich  in  den  Flugkapitän  verguckt  hat.
Du  hast  mich  doch  nur  als  Stop-over-Programm  zwischen  den  guten  Zeiten  mit  deiner  Ex
gebraucht.“ Sie wandte sich ab.

„Nein!“  Er  griff  nach  ihrer  Schulter,  fasste  mit  der  anderen  Hand  nach  ihr.  „Annika  …“  Er

wollte, er musste sie küssen, damit sie begriff, wie sehr er sie liebte. Von ganzem Herzen.

„Fass mich nicht an!“ Annika stieß ihn ziemlich unsanft weg.
Zwei  Handwerker  in  Blaumännern  schauten  von  der  Bushaltestelle  herüber.  Auf  dem

Bürgersteig blieben vier Touristinnen stehen, eine hob eine Digicam.

„Annika, ich liebe dich doch.“ Patrick fand selbst, dass er sich wie ein fremdgehender Ehemann

anhörte.  „Da  war  nichts  mit  Jenny,  wirklich  nicht.  Sie  wollte  vielleicht,  aber  ich  nicht.  Ich  will
dich. Für immer.“

„Ach, hau doch einfach ab, du Mistkerl.“ Ihre Stimme klang heiser, Patrick sah die Tränen in

ihren Augen.

„Sweetie,  bitte,  nicht.“  Er  griff  nach  ihr,  wollte  sie  in  die Arme  nehmen  und  trösten,  aber  sie

trat hastig zurück.

„Hey, Mann, lass sofort die Frau in Ruhe.“ Die Männer im Blaumann drohten breitbeinig mit

erhobenem Arm.

Annikas Gesicht war Tränen überströmt, sie rannte zum Straßenrand. Aus dem Verkehr scherte

gerade ein Bus aus.

Und dann war sie weg. Einfach vom Verkehr verschluckt. Patrick sah nur noch rote Rücklichter.

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Ihm  war,  als  ob  sich  der Asphalt  vor  ihm  öffnete  und  eine  ungeheure  Kraft  ihn  in  die  Öffnung
hineinziehen wollte. Patrick versuchte, sich zu wehren, aber der Kloß in seinem Hals wurde immer
größer.  Er  hätte  schreien  mögen  wie  ein  Kind.  Nun  begann  es  auch  noch  zu  regnen.  Das  durfte
alles nicht wahr sein. Annika war weg.

Irgendwann drehte er sich um und lief in die Dunkelheit.

Im  strömenden  Regen  waren  die  roten  Laternen  vorne  an  der  Straßenecke  kaum  zu  erkennen.
Endlich, gleich war sie zuhause. Annika war mit dem Bus gefahren. Den rauen Kommentar eines
Berliner  Taxifahrers  angesichts  ihres  ruinierten  Make-ups  hätte  sie  nicht  mehr  ertragen,  auch
wenn sie wusste, dass es als Trost gemeint war. An der Haltestelle war sofort ein Bus gekommen,
und sie war eingestiegen und hatte sich auf einen der dunkleren Plätze gesetzt. Die ganze Strecke
bis zum Hackeschen Markt hatte sie in den Regen gestarrt. Sie verstand Patrick nicht mehr. Er war
doch nicht der Typ, der zwei Nummern auf einmal schob. Oder hatte sie sich so in ihm getäuscht?
Schon wieder kamen die Tränen hoch, und Annika wischte sich rasch übers das nasse Gesicht.

Vor  der  Sushi-Bar  stand  ein  korpulenter  Mann  unter  einem  riesigen  Regenschirm  und  schien

auf jemanden zu warten. Das gelbe Licht aus dem Restaurant leuchtete bis auf die Straße, hinter
den  Scheiben  konnte Annika  ein  Paar  erkennen,  die  sich  von  der  Bedienung  mit  den  gepiercten
Saphiren  in  den Augenbrauen  das  Menü  erklären  ließen.  Die  Bedienung  stammte  aus  Südkorea,
sprach aber Berlinerisch wie eine Einheimische. Annika ging gerne zu ihr, und auch Patrick hatte
sie sofort gemocht. Sie erinnerte sich, wie er zum ersten Mal von der megascharfen Wasabi-Paste
gekostet hatte. Neugierig, draufgängerisch, und er konnte über sich selbst lachen. Sie liebte diesen
Mann.

„Annika?“, fragte eine heisere Stimme.
Sie fuhr erschrocken herum. Der Mann mit dem Schirm war ihr ein paar Schritte nachgegangen.
„Ja?“,  sagte  sie  zögernd  und  fragte  sich,  woher  der  Mann  ihren  Namen  kannte.  Sie  versuchte,

sein Gesicht zu erkennen, doch der Schirm verdeckte es nach wie vor.

Nun  drehte  der  Mann  sich  schnell  um  und  rief  in  Richtung  Sushi-Bar:  „Da  ist  sie  endlich!

Wusst ich‘s doch, dass das meine Kleine ist.“

Annika  starrte  zur  Sushi-Bar,  wo  ihre  …  ja,  da  stand  ihre  Mutter  im  leichten  beigen

Sommermantel in der Tür und hatte ein buntes Tuch um den Kopf geschlungen.

„Was …?“, wollte sie fragen, aber dann schob ihr Vater den riesigen Regenschirm über sie und

brachte sie beide darunter ins Restaurant.

„Wir  fliegen  nachher“,  sagte  ihre  Mutter,  als  sie  alle  um  den  Tisch  herum  saßen.  „Mit  dem

Spätflug nach Düsseldorf. Dein Vater hat sich eine heftige Erkältung geholt, er muss dringend ins
Bett.“ Auf dem Sitz neben Annika stand die große Reisetasche ihrer Mutter, und unter dem Tisch
hatte sie kaum Platz für ihre Beine wegen der beiden Koffer und den Einkaufstüten von KaDeWe
und Lafayette.

Die  gepiercte  Bedienung  kam  und  blickte  Annika  mit  erhobener  Augenbraue  an,  so  dass  sie

schnell einen Sake bestellte. Kaum war das Mädchen weg, flüsterte ihre Mutter: „Der ist doch viel
zu teuer, die importieren den direkt aus Japan.“

Annika  schaute  zu  dem  Bier,  das  vor  ihrem  Vater  stand,  und  dem  fast  leeren  Glas

Apfelsaftschorle vor ihrer Mutter. „Ihr habt hier nicht mal was gegessen?“

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Ihre Eltern schüttelten den Kopf, ihr Vater nieste. So wie es aussah, warteten sie schon Stunden

hier.  Das  nächste  Mal,  wenn  sie  mit  Patrick  …wenn  sie  mit  wem  auch  immer  in  die  Sushi-Bar
kam, würde sie das teuerste Fisch-Menü bestellen. Die Bedienung hatte was gut bei ihr.

„Warum habt ihr mich nicht angerufen?“ Wenn sie sich nicht mit Patrick gestritten hätte, säße

sie immer noch im Facil. Ihr Eltern hätte ewig auf sie warten können.

„Dein Vater hat das Geschäftshandy nicht dabei, ist doch eine Privatreise“, erklärte ihre Mutter,

und ihr Vater nickte. Dann räusperte er sich. „Wir wollten uns noch verabschieden.“

„Und  dir  was  für  Simon  mitgeben.“  Rasch  zog  ihre  Mutter  eine  flache  Schachtel  aus  ihrer

Handtasche.

„Das hat deine Mutter auf einem Flohmarkt gefunden.“
Annika lächelte ihren Vater an, der sichtlich stolz auf seine Frau war. „Was ist es denn?“
„Kann er immer brauchen“, meinte ihr Vater.
„Na  ja,  echtes  Leder  ist  es  nicht.“  Ihre  Mutter  hob  den  Deckel  der  Schachtel,  in  sandgelbes

Seidenpapier eingewickelt lag eine schwarze Brieftasche aus Kunstleder.

„Eine Brieftasche? Für Simon?“, meinte Annika überrascht.
Ihre Mutter klappte die Schachtel mit einem beleidigten Gesichtsausdruck wieder zu. „Das wird

wieder  modern,  weißt  du“,  sagte  sie.  „In  Düsseldorf  haben  die  Geschäftsmänner  alle  so  eine.“
Dabei  blickte  sie Annikas  Vater  zärtlich  an,  und Annika  wurde  plötzlich  klar,  dass  ihre  Mutter
sich gerade an ihren Vater erinnerte, wie er ausgesehen hatte, als sie sich kennen gelernt hatten.
Ganz  sicher  war  ihr  Vater  in  seinen  Lampenladen  immer  mit  Brieftasche  gegangen.  Erst  musste
Annika grinsen, doch dann wurde sie traurig. Patrick wäre der Mann gewesen, mit dem sie hätte
alt werden wollen. „Dann fliegt ihr heute zurück“, sagte sie leise.

„Ja“, sagte ihre Mutter und schaute irgendwie betrübt auf ihr Apfelsaftschorle.
Ihr Vater nieste wieder. „Tja, da ist noch eine Sache.“
Himmel, hoffentlich wollte sie jetzt nicht Simons Adresse von ihr.
„Mizi“, sagte ihre Mutter.
„Mizi …?“ Annika schaute sich um. Der Katzenkorb war nirgends zu sehen. Logisch, der stand

ja auch noch in ihrer Wohnung. „Ihr wollt doch nicht …?“

„Wir dachten …“, begann ihr Vater.
„Sie versteht sich doch so gut mit dir. Und du hast doch Platz.“ Wie immer hatte ihre Mutter

sich alle Begründungen schon zurechtgelegt.

Annika  dachte  an  das  Katzenklo  in  ihrem  Flur,  an  das  zerrissene  Style-Magazin,  an  die

umgeworfenen Futternäpfe bei Sternthaler. Sie konnte keine Katze haben, sie hatte einfach keine
Zeit für ein Haustier.

„Seit sie in Berlin ist, frisst sie wieder“, sagte ihr Vater leise. „Bei uns ist es Mizi wohl zu still.

Sie ist eben eine Großstadtkatze.“

Ihre Mutter starrte schon wieder in das Apfelsaftglas.
Was  konnte Annika  dagegen  noch  sagen?  Vermutlich  würde  sie  eine  von  diesen  Singlefrauen

mit Katze werden und ihr ganzes Leben lang der großen Liebe namens Patrick nachtrauern.

Annika  hatte  ihre  Eltern  zum  Alexanderplatz  begleitet  und  in  den  Schönefeld-Express  gesetzt.
Dabei  hatte  sie  ausführliche  Erklärungen  über  das  korrekte  Katzenklo-Säubern  und  die  diversen

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kulinarischen Vorlieben von Mizi erhalten. „Ich schicke dir ihren Impfpass mit der Post“, waren
die letzten Worte, die ihre Mutter ihr aus der schon fahrenden Regionalbahn zugerufen hatte.

Nun stand Annika allein auf dem verlassenen Bahnsteig, und der Regen trommelte auf das Dach

des  Bahnhofs.  Sie  spürte  die  nassen  Kleider,  die  sie  ganz  vergessen  hatte,  und  sie  erinnerte  sich
wieder an den Riesenstreit mit Patrick. Wie konnte er sie nur so anlügen? Nach Weinen war ihr
nicht mehr zumute, und Streiten wollte sie auch nicht. Sie wollte Patrick. Jetzt, hier, neben sich.
Sie  wollte  sich  an  seinen  warmen  Körper  schmiegen  und  mit  ihm  zusammen  durch  den  Regen
rennen und daheim seine braunen Haare trockenreiben und ihm die Tropfen vom Gesicht küssen.

Doch in ihrer Wohnung begrüßte sie nur eine erbärmlich maunzende Katze.
„Sie sind weg“, sagte Annika.
Mizi  allerdings  interessierte  sich  nur  für  den  Kühlschrank  und  die  Schätze,  die  er  barg.  Als

Annika Lachs- und Thunfischstücke in den leeren Futternapf füllte, informierte sie Mizi: „Ich bin
jetzt dein Frauchen.“

Die  Katze  blinzelte  Annika  kurz  aus  grünen  Augen  an,  dann  wandte  sie  sich  wieder  dem

Fressnapf  zu.  Der  Blick  war  eindeutig:  Mizi  mit  ihrem  siebten  Katzensinn  wusste  schon  längst,
was Annika erst heute Abend erfahren hatte.

Sie  trat  in  den  Flur  und  hob  den  Briefumschlag  auf,  den  jemand  unter  ihrer  Wohnungstür

hindurchgeschoben hatte. Mizi hatte ihr keine Zeit gelassen, auf den Absender zu schauen, zuerst
musste die Katze gefüttert werden. Das Papier fühlte sich sehr zart in ihren Händen an, sie konnte
eine feine Struktur spüren.

Als  Annika  den  Brief  im  Licht  der  Wohnzimmerleuchte  genauer  anschaute,  sah  sie,  dass  es

japanisches  Reispapier  war,  mit  einer  verschlungenen  Tuschemalerei  auf  der  Vorderseite  neben
ihrem Namen. Hinten war nur ein viereckiger roter Stempelabdruck zu sehen, ein Absender stand
nirgends. Doch nur ein Mensch in Berlin konnte ihr solch einen Brief überbringen:

Der  Aufenthalt  in  Berlin  hat  meine  Erwartungen  bei  Weitem  übertroffen.  Sie  haben  mir
gezeigt, was das Besondere an dieser Stadt ist. Poker wird auf der ganzen Welt gespielt, doch
nirgends wird alles auf eine einzige Karte gesetzt. Carpe diem, heißt es, und darin liegt wohl
die kreative Quelle dieser Stadt. Ergreifen auch Sie den Tag und lassen Sie das Glück nicht
mehr  los,  das  Sie  gefunden  haben.  Und  grüßen  Sie  mir  Ihre  Freundin  von  Sternthaler.  Sie
wird von uns hören.
Ich danke Ihnen, Ihr Takano Yamamoto.

Der Regen prasselte laut auf die Terrasse, an den Fenstern rannen Tropfen über das Glas. Mizi saß
auf der Fensterbank zwischen Patricks Rosenstrauß und Annikas Sammlung bunter Steine von der
Ostsee, wo sie letztes Jahr mit Roxanne im Urlaub gewesen war.

Das rote Kleid von Lagerfeld lag zerknüllt auf der Couch, die Schuhe irgendwo im Flur. Annika

hatte  sich  ihren  grauen  Freizeitanzug  übergestreift  und  sich  in  den  Leinensessel  an  die
Terrassentür gesetzt. Es war ihr Platz zum Nachdenken, ihr Platz zum Traurigsein. In ihrem Schoß
lag  der  geöffnete  Brief  von  Mr. Yamamoto.  Sie  hatte  Roxanne  angerufen.  Nur  die  Mailbox  war
angesprungen, trotzdem tat es Annika gut, die ruhige Stimme ihrer Freundin zu hören. Was würde
Roxanne  jetzt  tun?  Mizi  doch  noch  in  den  Katzenkorb  packen  und  ihren  Eltern  zum  Flughafen

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bringen?  Patricks  Rosenstrauß  zum  Fenster  hinauswerfen?  Oder  darüber  nachdenken,  was
eigentlich passiert war?

Gut,  sie  dachte  nach.  Grübelte.  Natürlich  war  sie  mit  den  falschen  Erwartungen  in  das

Restaurant gegangen. Patrick hatte ihr keinen Antrag machen wollen, das war Annika inzwischen
klar geworden. Die Sache mit dem Ring war ein Missverständnis gewesen. Aber etwas hatte sich
auf Mallorca zwischen ihm und seiner Ex Jenny abgespielt. Patrick konnte sich nicht verstellen, so
gut  kannte  sie  ihn  inzwischen,  und  was  auch  immer  da  gelaufen  war,  es  war  ihm  wahnsinnig
peinlich. Aber er hatte nicht mit Jenny geschlafen. Das klang nach Roxanne, ruhig und vernünftig,
sie würde das jetzt sagen. Weil Patrick sich nämlich – eben – nicht verstellen konnte. Er konnte
sie nicht anlügen, nicht bei so einer wichtigen Sache, nicht mitten in so einem Streit.

Ich will dich. Für immer. Das war Patricks Stimme. Wie verzweifelt er geklungen hatte. Und sie

hatte  ihn  einfach  stehen  lassen.  Sie  hatte  ihm  nicht  zugehört,  hatte  ihrem  Glück  den  Rücken
zugedreht.  Mr. Yamamoto  hatte  Recht:  Carpe  diem,  auch  wenn  es  Nacht  war! Annika  sprang  so
abrupt auf, dass Mizi am Fenster zusammenzuckte.

„Du  kannst  nichts  dafür“,  sagte Annika  und  strich  über  das  weiche  Katzenfell.  Mizi  schnurrte

zufrieden, dann drehte sie ihren kleinen klugen Kopf zu Annika.

„Jetzt  bin  ich  am  Zug,  was?“,  flüsterte  Annika.  Mizi  miaute  leise,  wahrscheinlich  wollte  sie

Entenbrustfilets  als  Mitternachts-Snack  oder  einfach  weiter  gestreichelt  werden.  Doch  vielleicht
wollte sie auch, dass Patrick wieder zurückkam.

Der Fahrradschlüssel lag auf der Ablage im Flur. Mit ihrem Rennrad war sie schneller als jedes

Taxi oder die BVG, bei jedem Wetter.

„Wart  nicht  auf  mich“,  rief  sie  Mizi  zu,  dann  rannte Annika  so  schnell  sie  konnte  die  Treppe

hinunter.

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10. KAPITEL

Patrick  saß  auf  dem  Ledersessel,  den  er  von  seinem  Großvater  geerbt  hatte.  Wenigstens  auf  ein
paar  Dinge  im  Leben  konnte  er  sich  verlassen.  Er  strich  über  das  Leder,  mit  der  anderen  Hand
setzte  er  vorsichtig  das  Whiskyglas  ab.  Jan  hatte  ihm  eine  Flasche  alten  Glenfiddich  auf  das
Buffet gestellt, mit einem Zettel „Gruß aus Schottland von Melanie und Jan“.

Patrick  nahm  den  nächsten  Schluck.  Der  Whisky  schmeckte  wunderbar  rauchig.  Er  würde  die

Flasche  leer  machen,  ganz  langsam  wegdämmern  aus  dieser  verdammten  Wirklichkeit.  Was  um
Himmels  Willen  hatte  ihn  nur  geritten,  er  hatte  selber  alles  verbockt.  Patrick  hieb  sich  mit  der
Faust an die Stirn. Wie konnte er nur die leere Ringschatulle eines Vierkaräters von Tiffany‘s mit
sich herumtragen! Annika musste doch gedacht haben, dass er ihr einen Antrag machen …

„Ich  verdammter  Idiot.“  Und  er  hätte  schon  lange  mit  ihr  über  seine  finanzielle  Lage  reden

sollen. Spätestens an dem Abend im Pokerclub. Sie hätte ihn doch sicher verstanden, auch wenn
alle dachten, Piloten haben Geld. Er ärgerte sich über seine falsche Eitelkeit.

Draußen  quietschten  Reifen,  ein  Hund  bellte.  Patrick  sah  durchs  offene  Fenster  in  den

Vollmond.  Er  war  schön. Annika  war  schön.  Patrick  starrte  in  das  weiße  Licht.  Sie  war  weg,  er
hatte die Frau seines Lebens für immer verloren.

„Ich  war  einfach  zu  blöd.“  Patrick  nahm  einen  großen  Schluck,  nur  schmeckte  der  Whisky

plötzlich bitter.

Es  klingelte.  Patrick  sah  zur  Tür.  Wahrscheinlich  wollte  Jan  die  Lampe  im  Flur  noch

abmontieren, die er vergessen hatte.

Wieder klingelte es. Patrick sah auf das Glas in seiner Hand, so schnell konnte er heute nicht

mehr denken. Hatte Jan nicht noch den Schlüssel?

Dann  klingelte  es  Sturm.  „Verdammt!“  Patrick  erhob  sich,  ging  zu  Wohnungstür  und  drückte

den Türöffner. Das Mondlicht spiegelte sich auf dem leeren Parkettboden.

Es klopfte heftig an der Tür. Also war es doch Jan, der den Schlüssel vergessen hatte. Patrick

riss die Tür auf. „Mann!“, rief er. „Hat dir Melanie schon so den Kopf verdreht, dass …“

Im  ersten  Moment  sah  er  nur  eine  tropfnasse  Gestalt  in  einem  grauen  Jogginganzug.  Dann

erkannte er Annika. Wirklich. Sie war so schön wie nie zuvor, ihre Lippen, ihre schlanke Gestalt,
wie  sie  die  Fäuste  aneinanderpresste,  als  ob  ihr  furchtbar  kalt  wäre.  Patrick  sah  an  ihr  herunter,
und  dabei  fiel  ihm  sein  offenes  Hemd  ein,  die  gelockerte  Krawatte  und  die  halbleere
Whiskyflasche, die er mit sich herumtrug. Er wich zurück in die Wohnung. Ihrem Blick konnte er
nicht ausweichen, diese blaugrünen Augen glänzten so seltsam, die hellroten Lippen zitterten.

„Annika?“  Er  lief  rückwärts  durch  den  mondbeschienenen  Flur,  die  leuchtende  Fee  vor  ihm

schwebte auf ihn zu.

„Patrick? Hey, alles in Ordnung?“
Er wollte etwas sagen, wusste aber nicht was. Vielleicht war er ja sturzbetrunken eingeschlafen

und träumte nur, dass Annika hier vor ihm stand. „Annika?“, sagte er noch einmal.

Er brauchte Luft, einen klaren Kopf. Draußen hatte es aufgehört zu regnen. Dafür war Annika

klatschnass.  Der  Anzug  klebte  an  ihr  wie  eine  zweite  Haut  und  zeichnete  jede  Rundung,  jede
Erhebung  ihres  wunderschönen  Körpers  nach.  Patrick  drehte  sich  weg  von  der  Erscheinung  und

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riss das Fenster auf. Der Mond kam hinter den Wolken hervor, die Nachtluft kühlte seine Wangen.
Was sollte er ihr jetzt noch sagen? Sie brauchte sich ja nur in der Wohnung umzuschauen, dann
sah  sie  es  selbst:  Er  war  ein  bankrotter  Pilot,  der  nicht  mehr  besaß  als  die  Flugerlaubnis  für
Passagierflüge.  Und  einen  alten  Ledersessel.  Und  eine  halbleere  Whiskyflasche.  Patrick  fühlte
sich  erbärmlich.  Das  war  nicht  das  Leben,  das  er  sich  für  Annika  wünschte.  Sie  war  viel  zu
lebensfroh für eine leere Wohnung und immer selber kochen müssen.

Eine  zarte  Berührung  streifte  seinen  Rücken,  zwei  Arme  schoben  sich  unter  seinen  Achseln

hindurch. Wärme durchströmte seinen Körper. Annikas Wärme. „Patrick, ich wusste ja gar nicht
…“

Er griff ihre Hände. Plötzlich verschwamm der Mond. Patrick liefen Tränen über die Wangen.

Aber  er  schämte  sich  nicht  dafür.  Wichtig  war  nur,  dass  die  Frau,  die  er  liebte,  zu  ihm
zurückgekehrt war. Er schluckte. „Du siehst ja, Jan hat alles mitgenommen. Mir gehört wirklich
nicht viel.“

„Mann,  das  ist  mir  gar  nicht  in  den  Sinn  gekommen,  dass  du  Geldsorgen  haben  könntest“,

flüsterte Annika in seinem Rücken.

„Ich habe wirklich mein ganzes Geld in die Ausbildung investiert. Jeden Cent. Nur so habe ich

es geschafft. Fliegen bedeutet mir so viel. Ich habe meinen Traum verwirklicht.“

„Das ist ganz bestimmt wichtiger als Urlaub in der Karibik und jeden Abend Sushi.“ Ihre Hände

streichelten  seine  Brust.  „Ich  habe  auch  einen  Traum“,  flüsterte  Annika.  „Ich  möchte  mit  dir
glücklich werden.“

Patrick drehte sich zu ihr. Sein Herz klopfte so laut, dass er dachte, die ganze Wohnung müsste

davon widerhallen. Annikas Augen waren klar, in ihnen spiegelte sich der helle Mond. „Wirklich?
Kannst du mit einem Mann glücklich werden, der die halbe Zeit des Jahres in der Luft ist?“

Sie  nickte,  er  roch  den  Regen  in  ihrem  nassen  Haar.  „Wenn  du  wirklich  eine  Frau  willst,  die

sich  das  halbe  Jahr  auf  Modemessen  und  in  Flagship-Stores  herumtreibt.“  Sie  lächelte  ihn  fast
schüchtern an.

„Wir haben immer noch die Nächte.“
„Und manchmal ein Wochenende. Oder auch zwei.“
Sie  grinste,  und  er  küsste  sie,  weil  er  diese  wunderbaren  Lippen  einfach  küssen  musste.  Sie

legte ihre Arme um seinen Hals  und  zog  ihn  dicht  zu  sich.  Er  hielt  ihren  schlanken  Körper  fest,
sank  langsam  auf  das  Parkett,  legte  sich  auf  den  Rücken  und  zog  Annika  auf  sich.  Mondlicht
glitzerte  in  den  Regentropfen  in  ihrem  Haar.  Er  streifte  ihr  die  nassen  Kleider  vom  Körper,  sie
löste seine Krawatte, das Hemd, den Gürtel seiner Hose.

Die Kleider verstreuten sich um sie herum. Mit ihren langen Beinen umklammerte Annika seine

Hüften, Patrick umfasste ihren Körper fester als je zuvor. Sie bewegten sich langsam in einen ganz
eigenen Rhythmus. „Ich lass dich nie wieder fort von mir“, flüsterte er Annika heiser ins Ohr.

Dann liebten sie sich im weißen Licht, bis der Mond unterging.

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EPILOG

„Ohne dich hätte ich mich das alles nie getraut.“ Patrick legte den Arm um Annikas Schultern und
ging mit ihr über den weißen Sand. Alles war so einfach, wenn man nur wollte.

Vor vier Stunden hatte er noch einen Ferienflieger in die Karibik geflogen. Sie winkten Melanie

und Jan, die am Strand vor ihnen entlang liefen, in der weißen Gischt des Meers.

Patrick schloss die Augen.
Jan  hatte  sofort  Ja  gesagt,  als  er  ihm  seine  verrückte  Idee  unterbreitet  hatte.  Jan  und  Melanie

waren genauso unzufrieden mit dem Flugplan wie er und Annika. Deswegen hatten sie das Ding zu
viert geplant.

„Du  übernimmst  wieder.“  Patrick  schaltete  den  Autopilot  aus  und  griff  zum  Steuer.  Alle

Anzeigen im Cockpit waren im normalen Bereich. „Bearings Funkleitstelle Azoren. Roger“, sagte
er mit Unschuldsmiene. Das war das Zeichen für Jan.

„Roger.“ Jan schaltete die Steuerung um und übernahm.
Patrick ging in die erste Klasse, wo Annika auf B4 saß. Sie war schon kreidebleich. Er lächelte

die  Passagiere  in  den  Reihen  an  und  tat  so,  als  ob  er  zu  der  Economy  weitergehen  wollte.  Der
Mann  auf  B5  mit  der  blauen  Krawatte  kam  ihm  irgendwie  bekannt  vor.  Melanie  saß  ein  paar
Plätze hinter Annika, sie flog als vom Dienst befreites Crew-Mitglied mit.

„Wir sind an den Azoren vorbei“, flüsterte Patrick ihr zu.
„Der  Frau  ist  schlecht!“,  rief  der  Herr  auf  B5  durch  die  Cabin.  Melanie  und  Patrick  stürzten

sofort herbei.

Annika  litt  wirklich.  Sie  war  blass  wie  damals  auf  dem  Barcelona-Flug  und  stammelte  kaum

verständliche  Sätze.  Mit  fahrigen  Bewegungen  stieß  sie  dem  Nachbarn  den  Martini  vom  Tablett
und  kippte  ihn  sich  über  den  Rock.  „Ich  …  ich  krieg  keine  Luft  mehr.“  Mit  den  halb
geschlossenen  Augen  sah  sie  wirklich  aus  wie  im  Delirium.  Hätte  Patrick  nicht  Melanies
Mundwinkel amüsiert zucken sehen, ihm wäre angst und bange geworden.

„Herr Kapitän.“ Melanies Stimme war schrill und hoch wie nie im echten Leben. „Wir müssen

sie sofort hinlegen. Gut, dass die erste Reihe frei ist.“

„Ich  bringe  den  Notfall-Koffer.“  Patrick  zog  am  Cockpit  in  dem  Staufach  die

Sicherungskapseln ab.

Die Passagiere der ersten Klasse beugten sich über die Sitzlehnen, weiter hinten waren sie sogar

aufgestanden, um besser sehen zu können, was da vorne vor sich ging.

„Es besteht kein Grund zur Sorge, meine Damen und Herren.“ Jetzt verströmte Melanie wieder

Kompetenz  und  professionelle  Gelassenheit.  „Setzen  Sie  sich  bitte.  Das  dient  Ihrer  eigenen
Sicherheit. Die Passagierin leidet an Flugangst. Ich bin für solche Situationen ausgebildet.“

Patrick gab das vereinbarte Zeichen mit der flachen Hand.
Annika röchelte, dann kippte ihr Kopf zur Seite. Melanie legte ihr einen Eispack auf die Stirn,

bevor sie überzeugend Pulsfühlen und Blutdruckmessen praktizierte. Auf die Passagiere musste es
wie eine ernsthafte Untersuchung wirken.

Mit  ernster  Miene  winkte  sie  Patrick  zu  sich.  „Ich  fürchte,  es  ist  doch  schlimmer  als  ich

dachte.“

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„Sind Sie ganz sicher?“, fragte Patrick.
„Das  Wohl  der  Passagiere  steht  bei  HolidayJet  an  oberster  Stelle.“  Melanie  nickte  den

Sitzreihen der Premium Class zu.

Patrick rang nicht lange mit der gewichtigen Entscheidung. „Code Blue, Mel.“
„Code Blue?“ Der Mann mit der blauen Krawatte war aufgestanden und stemmte die Arme in

die Seiten. „Das dürfen Sie doch gar nicht anordnen!“

„Wie bitte?“ Plötzlich erkannte Patrick den Mann. Er war ein Mitarbeiter von Quality Control.

Mist, sie hatten einen Prüfer an Bord. „Und ob ich das darf! Die Gesundheit unserer Passagiere hat
absoluten Vorrang. Melanie, informieren Sie die Crew. Ich bleibe solange bei der Passagierin.“

Annika öffnete kurz die Augen, ansonsten verriet sie sich mit keiner Bewegung.
„Aber die Regeln …“
Patrick schnitt dem Mann das Wort ab. „… bestimmt in der Luft der Kapitän. Und der Kapitän

bin ich, und niemand sonst.“

Annika stöhnte gequält auf. „Oh Gott … mir ist so schlecht.“
„Sie sehen doch, wie die Frau leidet.“ Patricks Stimme war hart geworden.
Der Mann schüttelte den Kopf und sackte auf B5 zurück.
Melanie  kam  mit  schnellen  Schritten  zurück.  „Alles  okay.  Jan  meldet  gerade  Code  Blue  nach

Berlin.“

Patrick ging ins Cockpit und schloss die Tür fest hinter sich.
Jan hob den Daumen. „Der Treibstoff reicht nicht mehr bis Florida“, sagte er augenzwinkernd.

„Wir haben richtig kalkuliert.“

Patrick  griff  zum  Mikrofon  und  machte  seine  Durchsage:  „Meine  Damen  und  Herren,  hier

spricht  Ihr  Kapitän.  Wegen  eines  bedauerlichen  medizinischen  Notfalls  werden  wir  in  Saint
Barthélemy zwischenlanden. Es besteht kein Grund zur Besorgnis. Wenn Sie Fragen haben, hilft
die Crew Ihnen gerne weiter.“

Über  den  Notkanal  hatte  er  den  Tower  des  winzigen  Inselflughafens  gerufen.  Die  Landebahn

war  lang  genug  für  eine HolidayJet  –  Maschine,  doch  die  Kerosinvorräte  auf  der  kleinen  Insel
waren immer viel zu knapp. Jan und er hatten das vorher sehr genau überprüft.

Annika  stieg  mit  Patrick  über  eine  Kokosnuss  im  Sand.  Dort,  wo  das  Meer  in  kleinen  Wellen

gegen den Strand schlug, saßen ein paar Möwen und blickten starr in die Ferne, ohne sich von den
Menschen ablenken zu lassen.

Endlich  hatten  sie  Zeit  füreinander.  „Und  es  dauert  wirklich  zwei  Tage,  bis  die  das

Flugzeugbenzin mit dem Schiff hierherschaffen können?“

„Hm.“ Patrick rollte die Kokosnuss mit seinem nackten Zeh im Sand hin und her.
„War es deine Idee?“
„Jan ist ziemlich zeitgleich draufgekommen“, sagte Patrick und ließ die Nuss vor Annikas Füße

rollen.

Weiter vorne hatten sich Jan und Melanie in den Schatten der Palmen gelegt. Der Karibikwind

spielte  in  Patricks  Locken,  und  Annika  wünschte  sich,  dass  sie  immer  auf  dieser  Insel  bleiben
könnten.  Na  ja,  zumindest  bis  die  nächste  Modemesse  startete.  Und  die  neue  Kollektion  von
Indisha  bei Sternthaler  vorgestellt  wurde.  Dann  musste  sie  wieder  zuhause  in  Berlin  sein.  Mizi

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konnte ja auch nicht ewig bei Roxanne auf sie warten.

Die  Möwen  krächzten,  und  Annika  versuchte  zu  erkennen,  was  die  Vögel  da  am  Horizont

beobachteten.

In diesem Moment hörte sie etwas klacken. Das fatale Geräusch einer Ringschatulle. Sie drehte

sich um. Der Diamant glitzerte im Sonnenlicht.

„Annika,  willst  du  mich  heiraten?“,  fragte  Patrick  mit  feierlichem  Ton.  Er  sah  so  süß  und

schüchtern aus, trotz der Badehose und der Kokosnuss, auf der er ihr den Ring darbot. „Und frag
bitte nicht, woher ich das Geld …“

„Ach, Patrick.“ Sie küsste ihn zärtlich. Dann fiel sie ihm um den Hals. „Ja. Ja, ich will!“
Annika rief es so laut, dass sogar die Möwen ihre Köpfe drehten.

– ENDE –


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