Apache Cochise 18 Letzte Huerde vor der Hoelle

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Dan Roberts

Letzte Hürde vor der Hölle

Apache Cochise

Band Nr. 18

Version 1.0

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Prolog

Man nannte die Apachen Barbaren, Wilde und Massenmörder.
Waren sie das? Über alles, was in dieser Welt geschieht oder
früher einmal geschah, kann man so oder so urteilen.

Um objektiv zu sein, kann an dieser Stelle nur von

Unbefangenen ein Widerruf dieser Meinung über die Apachen
erfolgen. Unser Nachruf, sozusagen eine verspätete
Ehrenrettung dieses großen, stolzen und kämpferisch
veranlagten Volkes, das von der Steinzeit »über Nacht« in eine
erbarmungslose Zivilisation versetzt wurde, die sie nicht
begriff, wie auch die Umstände, die zum Untergang der roten
Rasse führten.

Man kann sagen, die damaligen Weißen und Mexikaner

waren alles andere als weitblickend, eher nur von einer
hyperhumanen Art, die dem Prankenschlag eines Panthers
glich. Bei den meisten Weißen war die Ausrottung der Indianer
eine beschlossene Sache, honoriert durch Prämien für einen
Apachen-Skalp.

Dachten und handelten die weißen Einwanderer mit ihrer

mitgebrachten zweitausendjährigen Kultur alle richtig, Kultur
und Zivilisation, gemessen an der der Apachen? Oder
bewegten sie sich in der klischeehaften Vorstellung des
Militärs vom »toten Indianer, der ein guter ist«?

Mitnichten. Zum Teil gab es vorausschauende und

mitfühlende Männer in der Army, die aber wegen ihrer
»Humanitätsduselei« nicht zu Wort gelangten, aber den
Untergang der roten Rasse voraussagten und mit den
Indianern fühlten.

Nicht alle waren sie ein Colonel Chivington, ein abenteuer-

und beförderungssüchtiger George Armstrong Custer. Fest
steht aber, daß der Massenmord an der indianischen Rasse von

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vielen Amerikanern heutzutage bagatellisiert und, wenn die
Sprache darauf kommt, mit einer lässigen Handbewegung
abgetan wird.

Auch die in wissenschaftlichen Disziplinen denkenden

Amerikaner können einen Rückblick auf die Zeit nach 1850 nur
schwer vertragen. Man sieht die in den Wüsten und Gebirgen
vegetierenden Stämme Arizonas nicht, und das beruhigt den
Durchschnittsamerikaner ungemein, weil er das ökologische
Harakiri, das man mit dem Land und seiner Urbevölkerung
trieb, nicht mit ansehen muß.

Zugegeben, die Stämme der Indianer, besonders die

Apachen, betrieben zu keiner Zeit Vorratswirtschaft,
ausgenommen die seßhaften und Ackerbau treibenden Pueblos
im Westen von Neumexiko und in den nordöstlichen Bereichen
Arizonas.

Lag hier der Untergang der roten Rasse begründet?
Sicherlich nicht, denn kein nomadisierendes Volk in Europa,

Asien oder Afrika konnte sich mit Vorratshaltung befreunden.
Gingen sie unter? Nein, sie gingen auf in den Völkern, deren
Gebiete sie okkupierten. Auch andere negative Aspekte – in den
Augen der Weißen – kann den Apachen nicht abgesprochen
werden. Sie waren nun einmal Naturkinder, einfache Nomaden
in einem riesigen Kontinent, der ihnen alles bot, was sie zum
Leben brauchten. Zu alten Zeiten war daher für die Apachen
die Welt noch in Ordnung. Erst als der weiße Mann mit seinen
überlegenen Waffen, mit Schnaps und seiner verfeinerten
Kultur und seinen ansteckenden Krankheiten kam, legte sich
das große graue Leichentuch über die Stämme und
Sippenverbände.

Ganz bestimmt wäre vor 100 und mehr Jahren

möglicherweise vieles ganz anders gekommen, wenn unter den
Militärs und in der Regierung in Washington nur ein einziger
Mann mit entsprechendem Weitblick und ohne Ressentiments
gegen die rote Rasse gewesen wäre.

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Es hat nicht an klardenkenden und verantwortungsbewußten

Leuten gemangelt, aber sie hatten nicht die Stimmengewalt im
Kongreß, die dazu notwendig gewesen wäre, den Indianern zu
ihrem Recht zu verhelfen.

Es ist nicht Aufgabe dieser Einleitung, anzuklagen und zu

richten, denn niemand von uns kann sagen, daß er es
womöglich hätte besser machen können. Sie alle in der
damaligen Zeit – Rote wie Weiße – waren Kinder einer harten
und erbarmungslosen Epoche, und sie waren Bewohner einer
rauhen Umwelt.

Die Serie APACHE COCHISE mit ihrem wahrhaft großen

Häuptling Cochise als Held ist die im Wesen und Charakter
authentische Aufzeichnung amerikanischer Geschichte, die in
Romanform für den deutschen Sprachraum noch nicht oder nur
in Kurzform gebracht wurde.

Die guten und schlechten Weißen, die anständigen Apachen

und die grausamen, tauchen namentlich in der Story auf und
geben der Geschichte einen dramatischen, wenn auch
makabren Hintergrund.

Ihr Martin Kelter Verlag.

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***

Apachenland.

Tausend Canyons, tausend Felsen und zahllose Verstecke.

Am Tag glühte die Sonne, tauchte Pinien, Kakteen und
Felsenwüste in gnadenlose Hitze.

Dieses Land bot den weißen Menschen unzählige Rätsel und

Gefahren.

Dieses Land war ein Paradies für Klapperschlangen,

Skorpione, Eidechsen und Wölfe.

Der weiße Mann konnte zahllose Gebiete finden, die für ihn

und seine Lebensweise besser geeignet waren.

Aber hier, im Südwest-Territorium, lockte das Gold, lockten

die Gerüchte vom schnellen Reichtum.

Apachenland – das Land des heißen Sandes, der

unwegsamen Bergfestungen, der erbarmungslosen Krieger,
deren Grausamkeit aus dem Kampf ums Überleben geboren
war. Denn die Ureinwohner dieser Halbwüste, der Kakteen-
und Felsenwildnis waren den Eroberern im Weg.

Schon mehr als einmal hatten die eisenharten Krieger der

verschiedenen Stämme den vorwärts drängenden Spaniern,
Weißen und später den Mexikanern Einhalt geboten.

Das Gold lockte den weißen Mann.
Jener gelbe Dreck, mit dem die Apachen erst später

umzugehen lernten. Denn bei ihnen taugte ein so weiches
Metall zu nichts. Ihre Künste dienten dem Überleben. Und für
Pfeilspitzen, Dolche oder gar Kochgeräte war das gelbe Metall
zu weich.

Erst spät – zu spät – lernten die Krieger, daß dieses gelbe

Eisen den Geist der Weißen verwirrte, ihnen als begehrtes
Tauschmittel diente und imstande war, Unfrieden unter den
Eroberern zu stiften.

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Und jetzt ging es ums Überleben, um die nackte Existenz der

Stämme, um ihre ureigenste Art des Lebens, die sie seit
Jahrhunderten vervollkommnet hatten.

Große Führer ahnten, wußten, daß der Kampf vergebens war.

Aber sie alle folgten dem Ruf des Blutes, das im Kampf so
heiß durch die Adern wallte. Sie folgten dem Ruf, der gebot,
die Rasse zu erhalten, den Fortbestand zu sichern und den
jungen und jüngsten Knaben das Kämpfen zu lehren, ihnen zu
zeigen, wie ein wahrer Krieger die schwachen und hilflosen
Weißen besiegte.

Und inmitten der tausend Canyons, der schrundigen

Felswände lagen die Bergfestungen der Krieger, die
Apacherias.

Sie waren wie Burgen, wie steinerne Forts. Uneinnehmbar

für die Truppen der Weißen, die zudem noch durch die
Sandhölle ziehen mußten, um überhaupt in die Nähe der
Apacherias zu gelangen.

Noch immer waren die Apachen die eigentlichen Herren der

Halbwüste. Und weil sie in diesem öden Gebiet überlebten,
weil sie alle Wasserstellen kannten und von einer Handvoll
Nahrung existieren konnten, zogen sie sich den Haß der
Weißen zu.

Doch nicht alle weißen Männer dachten, daß nur ein toter

Apache ein guter Apache war.

Lieutenant Haggerty war der Chiefscout im Südwest-

Territorium. Er war Cochises Freund, der Bruder des großen
Führers, der als Nachfolger von Mangas Colorados der
angesehenste Häuptling der Apachenstämme war.

Aber die einzelnen Gruppen lebten nach den Befehlen ihres

Chiefs. Victorio, der unversöhnliche Weißenhasser, stand
Cochise feindlich gegenüber.

Niemand kann heute noch sagen, aus welchem Grunde

gerade Victorio, den die weißen Männer »Old Vic« nannten,
jeden Menschen mit heller Haut töten wollte.

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Cochise dagegen hatte erkannt, daß der Strom der

Einwanderer, die alle Flüsse und Creeks, alle Wasserlöcher und
kleinen Seen besetzten, kaum aufzuhalten war. Seine Politik
ging dahin, den Stämmen zumindest die Eigenständigkeit zu
erhalten, die alte Lebensweise zu bewahren.

Ein weiterer Freund des großen Führers war Thomas

Jeffords. Der Postmeister der Butterfield Overland Mail,
oberster Postmann des ganzen Territoriums, hatte in kühnem
persönlichem Einsatz dem Chief abgerungen, daß die Kutschen
durchs Apachenland fahren durften. Zudem war es Jeffords,
der die Sprache der Chiricahuas beherrschte, gelungen, dem
Häuptling einen Stützpunkt auf dem Apachen-Paß abzuringen.

Hoch oben stand die Station, die aus dem spitzgiebeligen

Haupthaus, den Ställen und Werkstätten und den Corrals
bestand. Aber nur eine der Quellen hatte Cochise dem weißen
Mann zugestanden. Denn Wasser war kostbar in diesem Land.
Und die Ponys der Krieger benötigten ebenfalls Wasser, wenn
sie von den Raubzügen zurückkehrten, die in alle
Himmelsrichtungen führten.

Zwischen den Dragoon Mountains und den Chiricahua-

Bergen (wie sie heute noch heißen) lag das größte Jagdgebiet
des gleichnamigen Stammes. Und der Führer, der Jefe dieses
Stammes, war Cochise.

Er war ein großer, hochgewachsener Mann, sechs Fuß und

zwei Inches groß. Er hatte einen mächtigen Brustkorb und eine
Adlernase und besaß die Kraft eines Bären. Und zudem war er
der Schwiegersohn des legendären Mangas Colorados – wie
ihn die Spanier genannt hatten: Rotärmel –, der vor Cochise
der größte Führer der wilden Stämme gewesen war.

Cochise, Chief der Chiricahuas.
Die Apacherias – die Bergfestungen der eisenharten Krieger.
Die letzte Hürde vor der Hölle. Dies waren die Apachen, die

in der Halbwüste zu überleben vermochten und noch die Kraft
zu wilden, erbarmungslosen Kämpfen besaßen.

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*

»Mein Vater«, sagte Naiche leise und blickte in die tanzenden
Flammen des Feuers, »warum verstehe ich nicht, was du
denkst?«

Cochises Sohn lauschte, wartete auf die Antwort, aber sie

kam nicht.

»Victorio ist hier«, fuhr Naiche fort, »mit ihm kamen Chato,

Nana und Loco. Sie gehören nicht zu jenen, die so denken wie
du. Von unserem eigenen Volk sitzt Ulzana mit am Ratsfeuer.
Auch er haßt die Weißen, und ich frage mich, mein Vater, ob
du den richtigen Weg gehst. Denn die weißen Menschen
nehmen unser Wasser, unser Land und bauen merkwürdige
Pflanzen darauf an. Es ist unser Wasser, unser Land, ich weiß
es.«

Cochise saß dicht an der Hütte. Seine dunklen Augen

blickten zu den züngelnden Flammen und wirkten
unergründlich.

»Naiche, mein Sohn«, erwiderte der Jefe, »du willst, daß wir

alle weißen Menschen davonjagen oder töten. Du hörst auf die
Worte der Männer, die nur Mord, Brand und Tod kennen.
Siehst du nicht, daß die Weißen so zahlreich sind wie die
Sandkörner in der Wüste? Erkennst du nicht, daß tausend
kommen, wenn wir hundert töten? Was nutzen uns die Skalps
im Rauch der Feuer? Hundert Skalps nehmen wir, und tausend
Männer brechen in die Berge ein. Sie kommen mit modernen
Gewehren, mit Waffen, die hundertfach den Tod bringen. Die
Weißen sind wie ein Sandsturm, Sohn, ein einzelnes Korn läßt
dein Auge tränen, und du reibst es aus. Aber wenn der Wind
die Wüste peitscht, gehst du unter.«

Naiche schwieg lange. Der hochgewachsene, junge Krieger

blickte in die tanzenden Flammen des Feuers. Die dunklen
Augen des Apachen schienen Dinge zu sehen, die nur inmitten
dieses Flammenspiels existierten.

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»Aber wir Krieger überstehen auch einen Sandsturm«, sagte

Cochises Sohn schließlich und lächelte.

Der Chief verzog das Gesicht ein wenig, als er antwortete:

»Aber wie, Sohn? Überlege und sage mir, wie wir den
Sandsturm überleben? Reiten wir auf unseren Mustangs gegen
die brennende Gewalt an?«

»Nein, wir verkriechen uns«, erwiderte Naiche nachdenklich

und nickte nach einer langen Weile.

»Ja, wir bieten der Urgewalt keinen Widerstand«, fuhr

Naiche fort. »Willst du damit sagen, daß wir auch den Weißen
keinen Widerstand bieten sollen? Sie nehmen uns alles, bis auf
das letzte Wasserloch. Und wir sind doch Krieger.«

Cochises Gesicht war eine unbewegliche Maske. Nicht

einmal Naiche, der seinem Vater sehr nahe stand, erriet in
diesem Moment die Gedanken des Häuptlings.

Sie waren schwer und voll düsterer Zukunftsahnungen. Denn

wenn eines Tages die Freunde der Apachen, die wenigen
Weißen, nicht mehr in diesem Land lebten, gingen die Stämme
unter.

»Ich gab dem einarmigen Soldatenvater mein Wort«, sagte

Cochise langsam. »Und ich erwarte, daß Victorio sein Wort
hält. Wenn wir jedes Bleichgesicht töten, das wir sehen, dauert
es nicht lange, bis mehr und mehr Pferdesoldaten kommen.
Hellauge weiß, was er sagt, und er hat recht.«

Ja, Thomas Jeffords, von den Indianern Hellauge genannt,

hatte schon vor langen Tagen davor gewarnt, die Weißen
einfach niederzumachen. Denn einmal mußte die Geduld der
Militärs zu Ende sein. Und dann würden die Pferdesoldaten die
Chiricahuas förmlich überschwemmen.

Naiche schwankte in seinem Denken. Denn einmal war er ein

Apache, ein großer Krieger, dem der Kampf Freude bereitete.
Und zum anderen war er Cochises Sohn.

Zwischen den unversöhnlichen Weißenhassern wie Victorio

von den Mimbrenjos und Ulzana, einem bedeutenden

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Unterhäuptling der Chiricahuas und Cochise, klafften die
Ansichten weit auseinander.

Die Krieger und Ältesten und Häuptlinge, die jedes

Bleichgesicht vernichten wollten, waren in der Überzahl. Und
doch respektierten sie Cochises Entscheidung, keinen offenen
Kampf zu beginnen.

Naiche hörte ein winziges Geräusch. Er sah auf, wandte den

Kopf und erkannte Chan-ank. Er war der älteste Mensch, den
Naiche je gesehen hatte. Mehr als siebzig Winter und Sommer
lasteten auf den dünnen, eingefallenen Schultern des alten
Kriegers. Er ging gebeugt, wie unter der Last seiner Jahre,
unter der Last der Erinnerungen. Dürr, vertrocknet und weise
wie ein alter Uhu war Chan-ank, der im Rat der Ältesten der
Mann mit den meisten Sommern war.

»Jefe, die Gäste sitzen am Ratsfeuer«, sagte der alte Krieger

mit seiner seltsam rasselnden Stimme, die irgendwoher aus
seiner schmächtigen Brust zu kommen schien.

Der Stoßende Adler, wie sein Name in der Sprache der

Weißen lautete, konnte den großen Führer ermahnen, durfte
sich das erlauben, denn sein Wort galt viel im Rat der Ältesten.
Und er stand auf Cochises Seite.

All die zahllosen Jahre hatten den Verstand des Alten

geschärft. So geschärft, wie sie ihm seine Kraft genommen
hatten, die Kraft, die Muskeln und die Zähne. Aber sein Gehirn
war geschärft worden und er dachte weiter als bis zum
nächsten Tag, weiter als über die Apacherias der Chiricahuas
hinaus.

Chan-ank, der Stoßende Adler, dachte an seine Enkel, die

sich schon im Kampf gegen die Gelbhäutigen im Süden
ausgezeichnet hatten. Er dachte an seine Urenkel, die nach
seinem Willen noch richtige Kämpfer werden sollten. Aber das
ließ sich nicht durchführen, wenn Victorio und sein Anhang
ihre Ansichten durchsetzten, wenn sie alles Land zwischen den
Mogollons im Norden und der unsichtbaren Grenze im Süden

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mit Brand, Blut und Tod überzogen.

Der alte Krieger wußte, daß es ums Überleben ging. Und

wenn die Apachen am Leben blieben, konnten sie auch die
alten Sitten und Riten untereinander bewahren. Und damit war
die Zukunft gesichert.

Aber das war ein Wunschtraum, geboren aus der Not,

gestützt von der unbändigen Gier nach dem Überleben des
Volkes, der Stämme.

»Gehen wir, mein Sohn«, sagte Cochise, »ich spreche zu den

Männern. Ich werde ihnen von meinen Träumen erzählen, die
mir der Bote des Todes in der Nacht brachte. Und diese
Träume sind voller Bitterkeit und Not. Und sie zeigen, daß es
nur einen Weg gibt, unser Volk vor dem Untergang zu
bewahren.«

Geschmeidig stand Naiche auf. Höflich wartete er, bis auch

Cochise sich erhoben hatte. Der wiederum ließ Chan-ank den
Vortritt. Aber der Alte stützte sich schwer auf den starken Arm
des Jefes, zwang den hochgewachsenen Mann zu sich hinab
und raunte ihm ins Ohr: »Du mußt kämpfen, Sohn, kämpfen
und den anderen zeigen, daß die Chiricahuas keine Weiber
sind. Nur so wirst du sie überzeugen. Sei klug wie der Luchs,
schnell wie die Schlange und listig wie ein Wüstenwolf, der die
Beute in die Falle lockt.«

Cochise lächelte. Er antwortete nicht, denn sie waren schon

dicht neben dem großen Feuer, in dessen Lichtkreis die
Häuptlinge und Unterführer der anderen Stämme saßen.

Victorios langes Haar fiel ihm bis über die Schultern. Kein

Stirnband bändigte die Flut, und das wilde Gesicht des
Mimbrenjos verhieß jedem Gegner nur den Tod.

Naiche wartete, bis sein Vater den Stoßenden Adler zu

seinem Platz geleitet hatte, wartete, bis sich auch der Chief
gesetzt hatte und reihte sich dann mit gekreuzten Beinen in den
Kreis des Rates ein.

»Meine Brüder«, begann Cochise, und seine Augen schienen

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plötzlich die Flammen des Feuers aufzusaugen. »Wir sind
zusammengekommen, um zu beraten.«

»Wir sind gekommen«, sagte Victorio scharf, »um einen

Entschluß zu fassen. Die Weißen sind wie tollwütige Wölfe.
Sie rauben und morden. Sie töten jeden Apachen. Sie nehmen
alles, was uns gehört. Wir wollen beschließen, sie zu
vernichten und für alle Zeiten davonzujagen.«

Naiche holte tief Luft. Der wilde Anführer der Mimbrenjos

hatte die Regeln der Gastfreundschaft selbst verletzt, grob
verletzt, und irgend jemand mußte ihn zurechtweisen.

Doch der Sohn des großen Chiefs brauchte nicht

einzugreifen. Chan-ank hob die dürre, faltige Rechte, die einer
Adlerklaue glich, und sagte mit brüchiger Stimme: »Du bist
mir ein Sohn, wie mir jeder Apache ein Sohn ist, Victorio.
Aber von einem Sohn verlange ich, daß er die Gesetze achtet,
vor allem die Gesetze der Gastfreundschaft.«

Victorios Blick wurde stechend, als er den ausgemergelten

Alten anstarrte. Doch dann senkte der Jefe der Mimbrenjos den
Kopf und blickte in die Flammen.

Die Zurechtweisung kränkte ihn, jedoch hatte er sie verdient.

Die Hitze, die lodernde Glut in Victorios Adern, war für kurze
Zeit gekühlt.

Cochise lächelte sekundenlang. Außer Naiche und dem

Stoßenden Adler bemerkte keiner der Männer am Ratsfeuer,
daß der Jefe amüsiert war.

Als der Häuptling fortfahren wollte, als er von seinen

Träumen und Eindrücken über die Weißen erzählen wollte,
erklang auf einmal weit entfernt eine Trommel.

Der Rhythmus war allen bekannt. Gespannt richteten sich die

Krieger auf, versuchten, mit ihren Blicken die Dunkelheit zu
durchdringen. Und sie wußten doch, daß der Bote noch weit,
sehr weit entfernt war. Aber der Ruf der Trommel ließ sie alle
Schlimmes ahnen.

Zugleich blickten sie auf Cochise, der seine Absichten

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blitzschnell änderte. Jetzt war nicht die Zeit von seinen
Träumen zu erzählen. Die Signaltrommel meldete, daß ein
Bote in die Bergfestung kam. Ein Krieger der Apachen, der
einen langen, harten und staubigen Weg hinter sich hatte.

Lange Zeit später gellte der durchdringende Pfiff des

Jagdfalken auf – ein weiteres Signal.

Und als der Ruf der Spottdrossel ertönte, verfielen die

Ratsmitglieder in eine Haltung betonter Gleichgültigkeit.

Dieser Ruf kündigte an, daß der Bote in wenigen Minuten

die Apacheria erreichte.

*

Die Pferde und Mulis waren müde. Seit Tagen marschierten sie
unter glühender Sonne nach Osten. Von Casa Grande bis zum
Aravaipa Creek mochte die Entfernung etwa hundert Meilen
Luftlinie betragen.

Aber eine gerade Strecke zu reiten, war unmöglich. Denn der

Trail folgte uralten Pfaden, die von den Vorfahren der Apachen
gefunden und benutzt worden waren.

Die ersten Weißen, die in dieses Land des heißen Sandes

gekommen waren, mußten ebenfalls diese Wege benutzen.
Einige hatten versucht, auf anderen Trails zum Ziel zu
kommen. Sie alle waren tot, der mörderischen Hitze zum Opfer
gefallen.

»Verdammt!« rief eine helle Stimme, »Moment mal, ich

komme gleich nach. Mein Pferd hat sich den Huf vertreten,
glaube ich.«

Sofort lenkte der Führer der Karawane sein Maultier zur

Seite. Schwer stampften die Hufe durch den Sand. Die scharfen
Körner schoben sich zwischen die Haare des Fells und rieben
auf der Haut wie eine Feile hin und her.

Lange hielten die Tiere diese Strapazen nicht mehr durch. Es

war zum Glück nicht mehr sehr weit bis zum Ziel des Trecks.

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Höchstens einen Tag noch, und die zwanzig Männer und eine
Frau erreichten dann den Aravaipa Creek.

Gold hieß das magische Wort, das die Weißen die

unsäglichen Strapazen aushalten ließ. Die Gerüchte sprachen
von reichen Funden am Nebenfluß des San Pedro. Doch wie es
dort aussah, ob überhaupt noch für einundzwanzig Personen
genügend Claims vorhanden waren, das wußte kein Mensch zu
sagen.

Aber all diese Unwägbarkeiten hielten Menschen dieses

Schlages nicht davon ab, das Glück zu suchen und zu
versuchen.

Der Mexikaner zügelte sein Muli, schob den flachkronigen

schwarzen Hut in den Nacken und lächelte. Tomeo Avellan
lächelte gerne. Er wußte, daß er gut aussah, und er wußte, daß
er am besten aussah, wenn er seine strahlend weißen Zähne
zeigte, und die dunklen Augen förmlich funkelten.

»Senora Lynb«, sagte Tomeo, »wir alle haben Sie gewarnt.

Es ist schlimm für eine Stute, diesen Trail zu gehen. Wenn Sie
wenigstens einen kräftigen Hengst genommen hätten!«

Lynn Rogers runzelte die Stirn: Eine kleine Staubwolke fiel

von ihrer Haut. Lynn fuhr sich mit der Zungenspitze über die
Lippen, schmeckte den bitteren, alkalihaltigen Schmutz und
verzog das Gesicht.

»Ja, ich weiß«, erwiderte sie, »alle haben mir das hundertmal

gesagt, aber ich reite nicht auf einem Muli, niemals!«

Tomeo lächelte immer noch. Diese Frau gefiel ihm. Sie

gehörte zur besonderen Art, zu jener Art, die der Mexikaner
begehrenswert fand. Er konnte sich nur schwer von der
Vorstellung lösen, daß die schöne Lynn Rogers eines Tages mit
ihm ziehen würde.

Aber was hatte ein Mexikaner, ein Greaser, schon einer

weißhäutigen Frau zu bieten? Selbst wenn sie im tiefsten
Inneren schlecht war, abgrundtief schlecht, wie Tomeo
vermutete, würde sie doch den Männern ihrer eigenen Rasse

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den Vorzug geben.

»Und was soll diese Anspielung auf einen Hengst?« fragte

Lynn mit scharfer Stimme. »Avellan, Sie wissen, daß ich so
etwas nicht leiden kann. Es ist nicht nötig, daß Sie dauernd Ihre
männliche Überlegenheit zeigen. So überlegen sind Sie
nämlich nicht. Sie haben inzwischen zwei Feldflaschen geleert,
allein heute, und meine erste ist noch halb gefüllt.«

Der Mexikaner bewegte die Lippen und murmelte unhörbar

einen ellenlangen Fluch. Diese verdammte Kuh! Soll sie doch
austrocknen in der Hitze und am Ziel wie ein schlaffer
Hautsack aussehen. Es war ihm egal, ja, vollkommen egal.
Wenn sie nur nicht so schön gewesen wäre.

Bevor sich Tomeo zu einer Antwort aufraffen konnte, ritt Ed

Cooper heran.

Der schlanke dunkelhaarige Amerikaner machte nicht viel

Worte. Er saß ab, stapfte durch den Sand zu Lynns Pferd, hob
den linken Vorderhuf hoch und betastete das Gelenk.

Pfeifend ging der Americano zu seinem Muli zurück und

kramte in der Satteltasche, bis er eine Blechdose herausholte,
deren Lackierung völlig zerkratzt war. Außerdem zog Cooper
eine lange Binde hervor, die vor langer Zeit sicher mal weiß,
nun aber grau war.

Immer noch pfeifend trug Ed die Salbe aus der Dose auf das

Gelenk auf und legte einen strammen Verband an.

»Siehst du, Greaser, so wird das gemacht«, sagte Cooper

grinsend zu Tomeo. »Die anderthalb Tage bis Klondyke am
Aravaipa Creek schafft die Stute schon. Und dann hat sie jede
Menge Zeit, um sich zu erholen.«

Lynn lächelte verführerisch. Der Mexikaner biß die Zähne so

fest zusammen, daß sie knirschten. Denn dieses Lächeln galt
dem Americano und nicht Tomeo.

Ein paar Minuten später hatten die beiden Männer und die

Frau wieder ihre Positionen im Mulitreck eingenommen. Es
ging weiter. Immer im gleichen ermüdenden Trott marschierten

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die Maultiere nach Osten.

Aber kaum einer der staubigen, verschwitzten und

goldhungrigen Kerle dachte an die Strapazen. Sie schwelgten
bereits im Erz, im Waschgold und in den Nuggets, die sie aus
dem Creekbett und den Hängen der Berge herausholen würden.

Keiner von ihnen dachte daran, daß nur wenige das große

Glück haben würden, die Bonanza zu finden und mit der Beute
ungerupft zu entkommen.

Denn für die Apachen waren alle Weißen willkommene

Beute. Und diese zwanzig Männer und die eine Frau zogen ins
Apachenland.

Die Aravaipas betrachteten das Gebiet zwischen den Galiuro

Mountains im Südwesten, den Pinalenos im Nordosten und
dem Quartsite-Höhenzug im Norden als ihr ureigenstes
Jagdgebiet. Hohe Berggipfel, so der Sunset mit über
siebentausend Fuß, der Mount Graham mit mehr als
zehntausend und der Gipfel des Quartsites mit knapp
fünftausend Fuß bildeten die weithin sichtbaren Grenzmarken
dieses Landes. Das eigentliche Jagdgebiet besaß eine Größe
von über fünfhundert Quadratmeilen. Aber auch die Berghänge
und Täler dieser bewaldeten Umfriedung aus Gestein zählten
die Aravaipas unter ihrem Häuptling Eskaminzin noch zu ihren
Jagdgründen.

Doch wenn das gelbe Eisen lockte, kannten die Weißen keine

Furcht mehr. Wenn sie die Gier nach Gold antrieb, wenn ihr
Blick starr und fiebrig zugleich wurde, setzten die meisten
Männer selbst ihr Leben ein, um an den begehrten Schatz zu
kommen.

Doch was trieb eine Frau dazu, sich einer derart harten und

erbarmungslosen Männergesellschaft anzuschließen?

Lynn Rogers war eigentlich nur eine Abenteuerin.
Ihr Mann hatte sie schon vor Jahren verlassen, um irgendwo

im Westen sein Glück zu machen. Sie hatte ihn nie
wiedergesehen und nie von ihm gehört. Eines Tages hatte die

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Post ein unscheinbares, schmutziges Päckchen gebracht, dessen
graues Papier zerfleddert war. Dieses kleine Paket enthielt
alles, was von Buck Rogers übriggeblieben war.

Lynn hatte nur die Lippen zusammengepreßt und den

gesamten Inhalt des Paketes weggeworfen.

Was nutzten ihr Erinnerungen? Alles was Buck ihr

beigebracht hatte, war der Umgang mit Karten und Würfeln
gewesen. Und das war alles, was sie konnte.

Zuerst fuhr sie auf den großen Dampfschiffen, die den

Mississippi bis nach New Orleans hinuntersteamten. Das Glück
war launenhaft, aber für Lynn reichte fast immer zum Leben,
was sie am Pokertisch gewann. Und wenn einmal eine Partie
schiefging, nun, als Frau hatte sie ja noch andere
Möglichkeiten. Schließlich mußte sie leben und war nicht
besonders wählerisch in ihren Methoden.

Jetzt aber hatte sie der Ruf des Goldes nach Arizona gelockt.

Hier begann etwas Neues. Hier entrissen harte Männer dem
heißen Boden unter tausend Gefahren die Schätze, die die Erde
jahrelang gehütet hatte.

Lynn verstand es, sich durchzusetzen. Sie war hart wie ein

Maultierabhäuter, biegsam wie ein Ulmenholzbogen und
gefährlich wie eine Stange Dynamit, an dem die Lunte glomm.

Die Stute ging langsamer als sonst. Die Zerrung behinderte

das Tier, doch Lynn wußte, daß es durchhalten würde. Noch
eine Nacht mußten die Menschen im Freien kampieren.
Morgen, irgendwann im Laufe des Nachmittags, erreichten die
Goldsucher Klondyke, die kleine Ansiedlung am Aravaipa
Creek.

Für eine Frau gab es ganz sicher eine Unterkunft, und wenn

diese aus einer alten Zeltplane bestand.

Und morgen nachmittag konnte sich auch das Pferd erholen.
Lynn dachte über die Männer nach, die sie in ihrem Treck

aufgenommen hatten. Natürlich machte sich ein jeder dieser
zerlumpten, hageren Kerle Hoffnungen. Zugleich wußten die

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meisten jedoch auch, daß ihre Chancen dünner als ein Haar
vom Kopf der schönen Frau waren.

Lynn Rogers wußte genau, daß sie sich an die erfolgreichen

Männer halten mußte, um selbst Erfolg zu haben und
Sicherheit zu finden. Denn hier im wilden Land zwischen den
schroffen Bergen und der erbarmungslosen Halbwüste, drehten
einsame Männer schneller durch als andernorts. Dabei ging es
nicht nur um die Tatsache, daß Lynn eine schöne,
begehrenswerte Frau war. Nein, sie wußte, daß sie in wenigen
Tagen genauso zerlumpt und abgerissen wie die Digger
aussehen würde.

Es ging um den Erfolg beim Goldsuchen. Lynn war davon

überzeugt, daß sie nur gewinnen konnte, wenn sie sich an
Männer wie Ed Cooper, Torneo Avellen und Captain Jack
hielt.

Aber noch erkannte sie nicht, wer die endgültige Führung

dieser Gruppe übernehmen würde.

War es Captain Jack, der erfahrene, bärenstarke Digger?
Auf sein Wort hörten die anderen. Er hatte sich nach den

ersten Tagen der Vorbereitung Cooper und Avellan als Helfer
ausgewählt. Nach welchen Gedanken hatte Jack gehandelt, als
er den geschmeidigen Ed und den katzenhaften Mexikaner
aussuchte?

Niemand wußte, was in diesem Kopf vorging, der von

struppigen grauen Haaren bedeckt war.

Und niemand wußte, welche Art Männer in Klondyke lebten.

Würden sie dem Druck der neuen Goldsucher nachgeben? War
noch Raum genug für weitere erfolgversprechende Claims?
Oder mußten die Neuen mit Mord und Raub ihre heiße Gier
nach Gold durchsetzen und befriedigen?

Lynn brauchte das Gold, brauchte die Dollars, denn in

Tombstone war sie auf Gambler gestoßen, die alle Tricks
kannten und ihr beinahe den letzten Cent aus der Tasche
gezogen hatten.

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Lynn war sicher, daß sie zu neuem Reichtum kommen

würde. Zu richtigem Reichtum, nicht nur ein paar hundert
Dollars, die in wenigen Wochen verschwunden sein würden.

Die schöne Frau hob den Kopf, blickte über das Land, über

dem Hitzeschleier wabberten. Die bewaldeten Hänge der
Bergketten wirkten wie ein erlösender Farbtupfer in dem
grausandigen Land. Doch auch dieses Grün der Pinien wirkte
matt und stumpf unter dem Staub, den der Morgenwind bis
nahe an die Gipfel der Berge geweht hatte.

Lynn kniff die Lider etwas zu, um besser sehen zu können.

Im ersten Moment glaubte sie, daß sie sich geirrt hätte, doch
dann entdeckte sie einen zweiten und dritten Indianer.

»Da, Indianer!« rief die Abenteuerin und streckte die Rechte

zu den Hängen hin aus.

Sofort brüllte Captain Jack, der an zweiter Stelle ritt, eine

Reihe von Befehlen. Wie eine lang gedrillte Truppe vollführten
die Goldsucher die Umstellung ihres Trecks. Nun marschierten
die Mulis nicht mehr hintereinander, sondern in einer Art
Kreis, der zwar selten genau rund war, aber doch seine
Funktion erfüllen würde.

Und die bestand darin, angreifenden Apachen besser

Widerstand leisten zu können.

Aber waren Aravaipas nicht friedliche Indianer? Ging nicht

die Rede davon, daß ihr Führer Eskaminzin nicht gegen die
Weißen kämpfen wollte?

Bis zum Untergang der Sonne folgten die drei Krieger auf

ihren zähen Ponys dem Treck. Und als der Widerschein des
Tagesgestirns blutrot auf den Hängen der Pinaleno Mountains,
auf den glatten Granitschroffen des Mount Graham lagen,
verschwanden die Krieger, als hätten die Wacholdersträucher
sie verschluckt.

Es war still an den Feuern des Trecks an diesem Abend. Der

Übermut der Goldsucher hatte einen Dämpfer bekommen, nur
wenige, so Captain Jack, machten sich keine Sorgen, noch

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21

nicht. Denn auch die friedlichen Aravaipas bestanden darauf,
daß ihr Jagdgebiet nicht von Weißen angetastet wurde.

War aber Gold im Spiel, galten die Versprechungen der

Weißen so viel wie ein ausgetrocknetes Wasserloch in der
Wüste.

*

Eskaminzin, Chief seines Stammes, saß vor dem Jacale, der
ihm als Anführer zustand. Der Häuptling blickte zu den Alten,
die vor dem Ratsfeuer hockten und miteinander murmelten.

Er wußte, was die Männer des Rates besprachen. Und er

wußte, was sie von ihm fordern würden, wieder einmal
forderten: den Kampf gegen die weißen Eindringlinge
aufzunehmen und sie zu vernichten.

Zahlreiche Krieger standen auf der Seite der Alten. Doch

Eskaminzin war der Häuptling der Aravaipas. Sein Wort galt,
und wenn einer der jungen, heißblütigen Krieger gegen dieses
Wort verstieß, sprach er unnachsichtig Strafen aus. Und diese
Strafen fraßen an der Ehre eines Kriegers, der doch nur das tat,
wozu er seit frühester Kindheit ausgebildet worden war: rauben
und töten.

Aber Eskaminzin spürte, genau wie Cochise, die

Überlegenheit der weißhäutigen Menschen, die wie ein
Heuschreckenschwarm über das dürre Land herfielen. Der
Chief der Aravaipas ahnte, daß die große Zeit der Siege, des
Kämpfens für die Apachen aller Stämme so gut wie vorbei
war. Es galt, den Sippen das Überleben zu ermöglichen. Die
Tugenden der Apachen mußten erhalten bleiben. Alle, auch die
kleinsten Kinder, sollten lernen, wie sich ein Mann im
wasserlosen Gebiet am Leben erhält, wie er die Tiere der
Wüste aufspürte und als Nahrung verwenden konnte. Diese
Dinge mußten bestehen bleiben. Aber zusätzlich waren andere
zu lernen, Kenntnisse und Fähigkeiten, der verhaßten

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22

Bleichgesichter zu übernehmen. Denn war es schlecht, einen
Teil der Nahrung anzubauen? War es schlecht, Rinder zu
züchten, sich von ihrem Fleisch zu ernähren? Natürlich durfte
die althergebrachte Lebensweise nicht zu plötzlich verändert
werden. Es war wichtig, den jungen Kriegern und Kindern
beizubringen, daß die Traditionen, die in Jahrhunderten
erworbenen Fähigkeiten der Apachen, erhalten bleiben mußten,
daß sie heilig waren.

O ja, Eskaminzin konnte in dieser Zeit als der hellsichtigste

aller Apachenführer gelten. Seine Politik war die des Friedens.
Und noch ahnte er nicht, daß er eines Tages einen blutigen
Feldzug gegen die Bleichgesichter führen und fast
hundertfünfzig seiner Leute der Rache verrückter Weißer zum
Opfer fallen würde.

Eine Handtrommel erklang leise, aber eindringlich. Da, das

Signal. Die Späher kehrten ins Lager zurück.

Eskaminzin blickte zu den Alten hinüber. Die zahnlosen

Greise waren verstummt. Ihre Gesichter wirkten trotz aller
Falten angespannt. Die Alten, gebeugt unter der Last vieler
heißer Sommer und karger Winter warteten auf die
Nachrichten. Erst wenn sie die neuesten Erkenntnisse
verarbeitet hatten, würden sie Eskaminzin bedrängen.

Das Pochen steigerte sich, wurde schnell, wild und hart.
Und jeder Krieger, jede Squaw wußte, was diese Zeichen zu

bedeuten hatten. Es war die Meldung über den Tod zweier
Krieger.

Der Jefe blickte aus den Augenwinkeln zu den Alten. Er sah

den kaum unterdrückten Triumph in den Gesichtern der
Männer am Ratsfeuer. Für ein paar Sekunden verspürte
Eskaminzin heißen Zorn in sich aufwallen.

Diese alten Eidechsen, sie besaßen keine Zähne mehr, aber

Fleisch wollten sie haben. Sie hatten keine Kraft mehr in den
dürren Armen, aber besser als der beste Krieger wollten sie
sein.

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23

Seit Jahren schon hatte keiner der Alten auch nur einen Fuß

vor das Lager gesetzt, und doch wollten sie besser wissen als
er, was für den Stamm gut war.

Zwei schrille Schreie stiegen zum Himmel. Sie endeten in

einem traurig klingenden Triller, der an Eskaminzins Ohren
zerrte und schnitt.

Sekunden später stimmten zwei Squaws den Trauergesang

an.

Der Chief setzte sich gerade hin. Die Hände lagen auf den

Knien der unterkreuzten Beine. Das Gesicht des Häuptlings
war unbewegt, aber die dunklen Augen loderten in finsterem
Feuer.

Wieder zwei der besten Krieger tot, dachte er. Mir bleiben

nur noch sechs mal zehn Krieger, die unsere Sippe schützen
können. Wenn die Weißen unser Lager finden, kommen sie
wie der aufgepeitschte Sand im Wüstensturm über uns. Sie
zermalmen uns, denn mit sechzig Kämpfern sind wir den
modernen Waffen der Bleichhäutigen hoffnungslos unterlegen.

Zwei Apachen ritten auf ihren Mustangs im Schritt bis zum

Rand der Lagerfeuer. Am langen Zügel folgten jedem Pony ein
Pferd, auf dessen Rücken ein toter Mann lag.

»Nalecha und Yanka«, murmelte der Chief laut genug, daß

es die beiden überlebenden Späher hören konnten. »Warum
mußten sie Bu ins Land des Todes folgen?«

Quachan und Setonya, die beiden überlebenden Späher,

starrten ihren Häuptling mit ausdruckslos wirkenden
Gesichtern an. Aber Eskaminzin war erfahren genug, um die
gespielte Ruhe der beiden zu durchschauen.

Mit harten Worten verspottete er sie, stachelte ihren Unmut

an und rief: »Vier Krieger ritten davon, als die Sonne am
Morgen erschien. Zwei sind tot. Zwei stehen vor mir und
wagen kein Wort zu sprechen. Es ist recht, daß die beiden im
Tal des Todes sind, denn auch sie sind wohl Feiglinge
gewesen, die ihrem Jefe nicht berichtet hätten. Sind denn die

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24

Krieger alte Weiber geworden? Ja, es ist recht, daß die
Bleichhäutigen unser Land nehmen, wenn von einem Trupp
Späher nur die Hälfte der Männer lebend in unser Lager
zurückkehrt. Warum seid ihr gekommen, Quachan und
Setonya? Reitet wieder, zeigt euch den Bleichgesichtern und
sagt zu ihnen, daß ihr Aravaipas seid, daß ihr gerne von den
Kugeln der Weißhäutigen sterben wollt.«

Quachan legte die Rechte an den Griff des mexikanischen

Dolches, der seine erste Kriegsbeute war. Der Krieger wußte,
daß diese eine Herausforderung zum tödlich endenden
Zweikampf bedeutete, aber Quachan war zu erregt, denn die
Worte des Chiefs waren der reine Hohn.

»Geht doch, geht zu den Weißen«, rief Eskaminzin

dramatisch, »ruft ihnen zu, daß ihr die Skalps der Eindringlinge
wollt und wartet ab, ob sie euch ihre Haare geben. Seid ihr
Krieger? Nein, ihr seid Eidechsen, schnell, aber auch
furchtsam.«

Setonya, der Besonnere der beiden, trat einen Schritt vor und

sagte halblaut: »Verspotte nicht uns, verspotte die Toten. Sie
rochen Blut, Beute und Skalps. Wir konnten sie nicht
zurückhalten.«

»Und meine Befehle?« fragte Eskaminzin.
Quachan und Setonya senkten die Köpfe. Es fiel ihnen

schwer, ihre toten Freunde des Ungehorsams zu beschuldigen,
aber ihnen blieb keine andere Wahl.

»In einem halben Mond mißachteten zehn Krieger meine

Befehle«, fuhr der Häuptling fort. »Acht tote Männer zeugen
von ihrem Unverstand, ihrer Dummheit. Ja, ich glaube, es ist
Usens Wille, daß unser Volk stirbt.«

Erschreckt fuhren die Kämpfer zusammen, als der Chief den

Namen der Gottheit erwähnte. Sie hielten ängstlich Ausschau
nach einem Naturzeichen, das die Worte des Führers
unterstreichen würde.

Als lange Minuten nichts geschah, atmeten die Krieger auf.

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Manitu war wohl noch nicht bereit, den Untergang der
Aravaipas zuzulassen.

»Jefe, sie wollten nicht glauben, daß es Weiße gibt, die

scharfe Augen wie der Wüstenfalke haben«, sagte Quachan
halblaut. »Nalecha und Yanka verließen ihren Posten, zeigten
sich den Bleichgesichtern und verhöhnten sie. Mit Kugeln aus
den Gewehren, die so schnell schießen, wie ein alter Mann
lachen kann, trafen die Weißhäutigen unsere Freunde.«

Lange brütete Eskaminzin mit gesenktem Kopf über diese

Tatsachen. Es war bei allen acht Kriegern ungefähr das gleiche
gewesen.

»Geht, bringt sie ihren Weibern«, befahl der Jefe. »Sie sollen

die Sitte achten und den Kriegern den Weg in die unendlichen
Jagdgründe nach Art der Sippe leicht machen. Geht, ich will
euch nicht mehr sehen.«

Die Alten am großen Feuer hatten jedes Wort verstanden.

Langsam standen sie auf. Mit schlurfenden Schritten näherten
sich die Ältesten der Aravaipas dem Häuptling, der die
Geschicke des Stammes lenkte.

»Dies ist unser Land«, sagte der Sprecher der Alten. »Das

sind unsere Jagdgründe, seit undenklich vielen Sommern. Am
Fluß des hellen Wassers haben die Blaßhäutigen eine Stadt
errichtet. Jacales aus Holz und Stein stehen dort. Wie die
Krötenechsen wühlen sie sich in die Erde, graben nach dem
weichen Eisen, das die Farbe der Sonne hat und kreischen wie
die Kinder, die Loco-Kraut gegessen haben, sobald sie das
schlechte Eisen finden.«

Der Sprecher holte Luft. Sein faltiges Gesicht mit den

eingefallenen Lippen verzog sich zu einer grausiglistig
wirkenden Grimasse.

»Geh hin, Eskaminzin, zeige ihnen, wo es dieses weiche

Eisen gibt. Führe sie in die Berge, in die Schlucht des
hundertfachen Todes. Unsere tapferen Krieger brauchen sich
nicht zu zeigen. Die Würmer machen der weißen Brut ein

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26

schnelles Ende. Und diejenigen, die entkommen, laufen in
unsere Kriegslanzen und Pfeile.«

Der Chief schüttelte entschieden den Kopf. Nein, dieser

Vorschlag kam überhaupt nicht in Frage. Denn im Tal des
hundertfachen Todes gab es unzählige Schlupfwinkel und
kleine Pfade, die einem geschickten Mann die Flucht
ermöglicht hätten. Und entkam nur ein Bleichgesicht, so
dröhnten wenig später die Trompeten der Pferdesoldaten im
Lager der Aravaipas. Squaws, Alte und Kinder konnten
niemals rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.

Und ein Angriff der Blaujacken war gleichbedeutend mit

dem Tod des ganzen Stammes. Die Aravaipas würden auf ein
paar ziellos umherstreifende Krieger reduziert werden. Diese
Kämpfer würden nur noch für ihre Rache leben und so
vielleicht den großen Krieg zwischen Apachen und Weißen
auslösen.

»Was willst du denn unternehmen, Chief?« fragte einer der

Alten.

Das Wort Chief hatte, wie er es aussprach, einen spöttischen,

herausfordernden Klang.

Bedächtig antwortete der Häuptling: »Ich bin ein Mann des

Friedens. Ich muß mein Volk schützen. Und ich muß die Alten
schützen, denen die heiße Sonne und der trockene Sand den
Geist ausgedörrt hat, den sie einst von Manitu erhielten.«

Die Ältesten zischten wütend, rückten vor, schwangen

drohend ihre dürren Arme.

»Ich bin ein Mann des Friedens«, wiederholte Eskaminzin,

»ich stehe zu Cochise, der ebenfalls den Kampf mit den weißen
Eindringlingen vermeiden will. Was hilft es uns, wenn einer
der Bleichgesichter aus dem Tal der hundert Tode entkommt?
Wenn er die Nachricht verbreitet, daß dort eine Höhle in den
Berg führt, daß in dieser Höhle das gelbe Eisen in armdicken
Strängen im Felsen liegt? Dann kommen Tausende, ihr Alten.«

Das Tal der hundert Tode. Es lag mitten in dem Gebirgszug,

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den die Weißen Galiuro Mountains nannten. Ein schmaler
Canyon, kaum so breit wie ein Dutzend Pferde, zog sich weit
in die Felsenwildnis hinein. Aber kein Gras, kein Bergkraut
und kein Moos wuchs dort. Es gab nur heißen, glühenden
Sand, Gestein und Klapperschlangen in unzählbarer Menge.

Auf halber Höhe führte ein Stollen in den Berg. Noch heute

widerstanden die schweren Stützpfosten dem Druck der
Gesteinsdecke. Die Eisenmänner, die Ritter der spanischen
Krone, hatten vor vielen Sommern das Goldvorkommen
entdeckt und angefangen auszubeuten. Aber auch die
gepanzerten Ritter waren den Apachen nicht gewachsen
gewesen. Die erbarmungslosen Krieger hatten alle
Eindringlinge getötet und sich gefragt, was diese Menschen mit
dem wertlosen, weichen Metall anfangen wollten.

Aber die Kenntnis von diesem reichen Lager war den

Aravaipas über die Jahrhunderte hinweg immer erhalten
geblieben.

»Was unternimmst du, Chief?« fragte einer der Ältesten.

»Willst du wie ein Kind zusehen, daß die Weißhäutigen unser
Land nehmen, unser Wasser trinken und unser Wild jagen?«

»Ich halte mich an das Wort des Friedens, das Cochise für

die Stämme sprach«, erwiderte Eskaminzin listig. »Ich werde
einen Boten zu dem großen Häuptling schicken und ihm
berichten lassen, was hier geschieht.«

Die Alten sahen sich an, und auf einmal war der grimmige

Gesichtsausdruck verschwunden. Zufrieden nickten sich die
Ältesten zu. Auf einmal waren sie der Meinung, daß
Eskaminzin doch ein listiger Halunke war. Denn er schob nun
Cochise, dem Anführer der Chiricahuas, die Entscheidung zu.
Sollten doch die Krieger des großen Chiefs den Bleichhäutigen
die Köpfe einschlagen. Für die Aravaipas blieben noch
genügend Skalps übrig, die sie im Rauch ihrer Feuer trocknen
konnten.

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28

*

Drei junge Krieger liefen zum Rand der Feuer, die vor den
Jacales loderten und den Streifen markierten, der allein den
Angehörigen des Stammes vorbehalten war.

Nur auf Einladung durfte ein Fremder diese Linie

überschreiten.

Cochise musterte die Häuptlinge, die mit ihm am Ratsfeuer

saßen. Victorios wildes Gesicht, das von der schulterlangen
Haarmähne umrahmt wurde, wirkte hart. Die hohen
Wangenknochen verstärkten diesen Eindruck noch.

Der Mimbrenjo schien zu wittern, daß etwas auf den Chief

der Chiricahuas zukam, das Victorios Position im Machtkampf
um die Oberherrschaft aller Apachen stärken konnte.

Charos Haare hingen lang bis auf den Oberkörper herab. Das

dunkle Stirntuch hielt dem Unterführer die Augen und das
rundliche, großflächige Gesicht frei.

Nana und Loco genossen bei ihren eigenen Sippen höchstes

Ansehen.

Nana stand auf der Seite des Krieges, auf Victorios Seite.

Loco dagegen war davon überzeugt, daß die Apachen nur
gemeinsam mit den Weißen ihr Überleben sichern konnten.

Charo wußte nicht, was er wollte. Er war unentschlossen,

zögerte und ließ sich nicht in eine Richtung drängen.

Ulzana, der zum Stamm der Chiricahuas gehörte, haßte jeden

Weißen wie den Aussatz. Der Unterhäuptling hätte selbst die
Gesetze der Gastfreundschaft gebrochen, wenn dadurch einer
dieser verhaßten Bleichhäutigen zu Tode gekommen wäre.
Doch er wagte nicht aufzumucken, wenn er in Cochises Lager
weilte.

Der Schlag der Trommel wurde hektischer. Er schien sich

der Apacheria zu nähern, so schnell, als jage der Trommler auf
einem galoppierenden Mustang heran.

Cochise hatte die Posten selbst ausgesucht, die Männer und

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die Orte, an denen sie wachen sollten. Und der Ruf der kleinen
Handtrommel bewies dem Chief, daß sich ein Freund der
Apacheria näherte. Denn nur Freunde wurden so angekündigt.
Feinde meldeten die Späher und Posten mit den Rufen der
Wildtiere. So lauteten die Befehle des Häuptlings, und keiner
der Krieger wagte es, diese Befehle in unmittelbarer Nähe des
Lagers zu mißachten.

Cochise unterdrückte ein Lächeln, als er die anderen

Häuptlinge, die Gäste der Chiricahuas, musterte. Der große
Führer, Schwiegersohn und Nachfolger des legendären Mangas
Colorados, war zufrieden. Die Unterhäuptlinge würden alle in
wenigen Minuten sehen und hören, wie Cochise entschied.

Keine Sekunde kam dem großen Führer der verschiedenen

Apachenvölker der Gedanke, daß der Bote eine schlechte
Nachricht bringen könnte, eine Nachricht, die Cochise selbst
vor große Schwierigkeiten stellen würde.

Er wußte, daß von seinen Handlungen, von seinem Denken

und seinen Taten der Frieden im Apachenland abhing. Nur er
konnte die wilden, heißblütigen Krieger zurückhalten, die auf
Raubzug ausreiten wollten. Nur er vermochte die Männer zu
zügeln, die Skalps und Beute in die Jacales ihrer Sippen
bringen wollten.

Der Hufschlag verstummte abrupt. Ein paar kehlige Worte

klangen auf. Victorio richtete sich gespannt auf und wandte
den Kopf. Er kannte diese Laute, diese Sprache. Es war die
Sprache der Aravaipas, die südwestlich der San Carlos
Reservationen lebten. Mehr als einmal hatten Mimbrenjo-
Krieger Zuflucht bei diesem Volk gesucht und waren als
Stammesangehörige ausgegeben worden, wenn die
Pferdesoldaten kamen.

Mehr als einmal hatten die Aravaipas den Mimbrenjos

gestohlene Pferde, Mulis und Rinder abgekauft.

Victorio sah nicht mehr erwartungsvollgespannt aus. Ein

Schimmer der Zufriedenheit lag auf seinen Zügen. Sicher

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rechnete der wilde Membrenjo-Häuptling damit, daß der Bote
Ärger für Cochise brachte.

Und Ärger für den großen Chief bedeutete Freude für

Victorio. Denn sein Wort war Krieg, Kampf bis zum letzten
Pfeil, zur letzten Lanze. Und solange noch ein Apache die
Hand mit dem Schädelbrecher heben konnte, sollte er
zuschlagen, um die verhaßten Weißen zu töten.

Die Schritte näherten sich. Schattenhaft, von den tanzenden

Flammen beleuchtet, entdeckte Cochise die gedrungene Gestalt
eines fremden Kriegers hinter dem Feuer.

»Quachan von den Aravaipas kommt als Bote«, sagte der

Mann laut. »Ich komme in Frieden an das Feuer des
Häuptlings.«

»So tritt näher«, lud Cochise den Krieger ein. »Setz dich an

dieses Feuer und sprich. Wir hören deine Botschaft, Quachan.«

Langsam ging der Bote zum Flammenkreis, sah sich

unauffällig um und kam zu dem Schluß, daß seine Meldung
eigentlich nicht für die Ohren der anderen Häuptlinge bestimmt
war. Denn Eskaminzin bat um Hilfe. Der Chief der Aravaipas
wollte nicht mit Feuer, Pfeilen und heißem Blei über die
weißen Eindringlinge herfallen. Eskaminzin war für den
Frieden, den Cochise dem einarmigen General Howard
versprochen hatte.

Aber wenn dieser Friede von goldhungrigen Weißen

gebrochen wurde, so mußten auch die Aravaipas sich wehren.

»Sprich, Bruder«, sagte Cochise ruhig, »du kommst zur

rechten Zeit. Diese Männer hier, die Führer ihrer eigenen
Stämme sind, fordern von mir den Krieg. Und doch wissen sie,
was ich entschieden habe. Sprich, Quachan, und sage mir, ob
auch Eskaminzin den Krieg fordert.«

Der Krieger setzte sich mit gekreuzten Beinen etwas

seitwärts von dem großen Chief, denn so verlangte es die Sitte.

»Oh, Cochise, Häuptling der Chiricahuas, Führer aller

Stämme unseres Volkes«, begann Quachan, »die Aravaipas

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leben friedlich in dem Land, das ihnen vom Vater der
Pferdesoldaten zugesprochen wurde. Die Jagd ist gut und
reichlich. Keiner unseres Stammes leidet Hunger oder Durst.
Unsere Pferde sind stark und zäh und tragen uns viele Stunden,
bis sie Gras brauchen und Wasser. Die Wüste ist unsere
Heimat, und wir sind ihre Kinder.«

Cochise nickte anerkennend. Sogar Victorio mußte

widerwillig anerkennen, daß dieser Bote die Sitten beachtete
und beherrschte.

»Und doch, Cochise«, fuhr Quachan fort, »lebt unser Volk

nicht in Frieden. Den Frieden, den du mit den Blaßhäutigen
ausgehandelt hast, gibt es für uns Aravaipas nicht. Die
Weißgesichter kommen in unser Land und durchwühlen den
Boden unserer Berge nach dem gelben Eisen. Die Männer
trinken das brennende Wasser, schreien und johlen und
vertreiben das Wild, wenn sie auf die Jagd gehen. Der Fluß, der
den Namen unseres Volkes trägt, ist dunkel von aufgewühlter,
durchspülter Erde. Er ist rot vom Blut unserer Krieger und
Squaws, die den weißen Jägern in die Hände fielen.«

Abermals machte Quachan eine Pause. Sie war

wohlberechnet, denn auch der Bote kannte die Standpunkte der
verschiedenen Häuptlinge. Und um ihren Fragen oder
Vorwürfe sofort entgegenzutreten, fuhr er fort: »Keiner unseres
Stammes hat die Weißen gereizt. Eskaminzin ist geritten und
hat ihnen gesagt, daß sie auf unserem Land nach dem gelben
Eisen suchen. Unser Häuptling sagte ihnen, daß der Vater der
Pferdesoldaten das verboten hat, aber die lachten unseren Chief
aus, der doch in ihrer eigenen Sprache zu ihnen redete.
Eskaminzin will keinen Krieg, denn du hast Frieden geboten,
Cochise. Doch es kommt zum Krieg, wenn die Weißen nicht
unser Land verlassen. Sie haben das gelbe Metall gefunden,
und sie wollen immer mehr. Eskaminzin will nicht töten, will
keine Bleichgesichter in das jenseitige Land schicken, denn er
weiß, daß hundert kommen, wenn er zehn tötet. Aber sie hören

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nicht auf die Worte unseres weisen Anführers. Sie verspotten
ihn und lachen. Eskaminzin schickt mich, damit du kommst
und mit den Bleichgesichtern sprichst. Sie werden dem Führer
aller Stämme glauben, wenn er ihnen sagt, daß sie nicht in
unserem Land nach dem weichen gelben Metall suchen
dürfen.«

Eskaminzin war ein sehr geschickter Mann, stellte Cochise

fest. Ihm war klar, daß der Chief der Aravaipas Hilfe brauchte.
Aber der Stolz eines Apachenhäuptlings ließ es nicht zu, offen
um diese Hilfe zu bitten. Doch diese Botschaft, in der
Eskaminzin indirekt dem großen Führer vorwarf, er sei schuld
daran, daß die Aravaipas nicht mit Tod und Feuer über die
weißen Eindringlinge kommen durften, verpflichtete Cochise
zur Hilfe.

Lächelnd blickte er in die Runde, musterte jedes einzelne

Gesicht. Begegnete den Blicken seiner Freunde und seiner
Widersacher, sah in dem einen Besorgnis und in dem anderen
offenen Hohn.

Ja, sie alle warteten auf seine Entscheidung, auf sein Wort.

Er konnte die Hilfe nicht ablehnen, dann hätte er für alle Zeiten
bei den Stämmen als Feigling gegolten.

Cochises Feinde waren sicher der Ansicht, daß Eskaminzin

dabei war, die Seiten zu wechseln, seine Friedensliebe gegen
den Kampf auszuwechseln. Und aus diesem Grund hatte er
diese Botschaft geschickt.

Aber Cochise selbst kannte den Chief des kleinen Stammes

gut genug. Der Anführer der Chiricahuas wußte, daß
Eskaminzin in Not war.

»Quachan, du bist unser Gast«, sagte Cochise gelassen. »Laß

dir an einem Feuer Nahrung geben, laß dir den Ort zeigen, an
dem du schlafen kannst. Meine Antwort lasse ich dich wissen,
Krieger.«

Damit war der Bote entlassen. Er stand auf und verließ das

Ratsfeuer.

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Cochise blickte in die zuckenden Flammen. Das Knacken

des dürren Holzes durchbrach ab und zu die nächtliche Stille.
Weit entfernt heulte ein Wolf seinen Jagdruf heraus. Und ein
Nachtvogel segelte lautlos über die Apacheria und versetzte
eine Menge Krieger, Alte und Squaws in Unruhe.

Denn dieser Vogel war die Eule. Bu brachte die Sterbenden,

die Toten in das jenseitige Reich, in dem die Krieger auf
schnellen, nie ermüdenden Mustangs jedem nur denkbaren
Wild nachstellten. In diesem Land gab es keine Weißen, keine
Landräuber und keine Pferdesoldaten und Mexikaner.

Wenn ich mit meinen Kriegern ins Land der Aravaipas ziehe,

überlegte Cochise sich, kann das einen Krieg auslösen. Reite
ich nicht, so redet Victorio von der Feigheit der Sandechse, die
sich Cochise nennt. Und Victorios Reden laufen schneller von
Mund zu Mund, als sich ein Buschfeuer von Strauch zu
Strauch schwingt.

Naiche beobachtete das ausdruckslose Gesicht seines Vaters.

Der Sohn des großen Cochise musterte jeden Inch des
Oberkörpers, der Schultern und Muskeln, aber nichts verriet,
daß sein Vater intensiv über die Worte des Boten, über
Eskaminzins Absichten nachdachte.

Ich muß reiten, überlegte der Häuptling der Chiricahuas.

Selbst wenn wir den Vettern nicht helfen können, wenn wir
untergehen im Kampf gegen die Bleichgesichter, so ist das ein
Zeichen. Mein Zeichen, ich setze es in dieses wilde, trockene
Land, das unser Land war, und nie wieder allein das Land der
Apachen sein wird.

Naiche sah den Brustkorb, der sich unter gleichmäßigen

Atemzügen hob und senkte. Selbst die Adern am Hals seines
Vaters traten nicht stark hervor, wie es manchmal bei
Menschen geschieht, die sich mit all ihrer Willenskraft
zusammennehmen.

Victorios schwarze Augen wirkten wie die Kanten

zerbrochenen Glases im Schein der Flammen. Der Chief der

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Mimbrenjos wartete nur auf eine Schwäche Cochises, um dann
sofort die Situation auszunutzen.

Victorio, der Weißenhasser, Victorio der Kriegshetzer, er

besaß viele Anhänger. Vor allem unter den kampferprobten
Kriegern aller Stämme gab es viele, die sich lieber auf dem
Rücken eines Mustangs den Weißen entgegengeworfen hätten,
als nach Cochises Wort lebten.

Kampf, Raub, Mord und Tod, Skalps und Beute, Weiber, die

vor Angst kreischten, das heiße Wallen des Blutes, all das war
das Leben der Apachenkrieger. Das war Apachenrecht. Und
wenn der offene Angriff keinen Erfolg versprach, so nahmen
sie zu einer der tausend Listen Zuflucht, die jedes Kind schon
kannte, jedes Apachenkind.

Und all dies – so wußte Cochise und wußte Eskaminzin –

würde sich in der nächsten Generation ändern.

Was blieb, war die Tradition, die Kunst des Überlebens in

Wüste und Halbwüste, die unendliche Geduld dieser
Menschen, wenn es darum ging, einen persönlichen Erfolg zu
erringen.

Cochise lächelte leicht. Seine dunklen Augen schienen die

hellen Flammen des Feuers gar nicht wahrzunehmen.

Victorio freute sich zu früh. Der Chief würde dem

Mimbrenjo zeigen, wie ein wahrhaft großer Anführer einer
solchen Herausforderung entgegentrat.

Cochise selbst würde mit einer Anzahl ausgesuchter Krieger

zu den Aravaipas reiten. Der oberste Häuptling selbst würde
den Kampf gegen die Eindringlinge aufnehmen und ihnen
zeigen, wo ihr Platz war: überall, doch nicht im Apachenland.

Cochise hob den Kopf, starrte Victorio spöttisch an und sagte

laut: »So hört denn meine Entscheidung. Ich lade euch ein,
meine Freunde und Brüder, ich lade euch zu einem Ritt in die
Richtung des Winters ein. Wir treiben unsere Mustangs jedoch
nicht bis zu den Eisfelsen, in dem der Winter haust, nein, wir
reiten zu unseren Vettern, den Aravaipas. Denn wir müssen

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ihnen zeigen, was sie gegen die Bleichhäutigen unternehmen
sollen. Wir haben für den Frieden gestimmt, und es liegt an
uns, diesen Frieden einzuhalten.«

Cochise machte eine Pause, musterte die Männer, die mit

ihm um das Ratsfeuer saßen, und lächelte hart.

»Ich wähle zwölf Krieger aus, die uns begleiten. Mehr

Kämpfer brauchen wir nicht, um die Weißhäutigen
davonzujagen. Ich habe gesprochen.«

Respektvoll erhoben sich die anderen Männer, als der Chief

aufstand.

Cochise schaute geradeaus. Wenigstens schien es so. Aber in

Wirklichkeit sah er prüfend die Gesichter der Gäste an, sobald
er den Flammenkreis verlassen hatte.

Und er sah, was er erwartet hatte. Die Freunde des Krieges

zeigten Verwirrung in ihren Zügen, während die Befürworter
des Friedens besorgt aussahen.

Aber er wußte, was er tat. Er mußte ein Zeichen setzen,

mußte allen Zweiflern zeigen, daß durch den persönlichen
Einsatz ein Auflodern des glimmenden Feuerbrandes im
Südwesten verhindert werden konnte.

*

Die Sonne stand hoch am Himmel, als die Reiter ihre Tiere
zügelten. Die Mulis senkten die Köpfe. Mit den hornigen
Lippen rupften sie Dornengewächse und Disteln ab und
zermalmten das staubige Grün zwischen den Zähnen.

Lynn Rogers Stute entlastete den verletzten Fuß. Für das

Pferd gab es hier kein Futter.

»Da ist der Fluß«, rief Captain Jack.
»Los, Jungs, galoppieren wir hin und nehmen uns unseren

Teil!« brüllte einer der Digger hinter dem Anführer der kleinen
Gruppe.

Sofort wandte sich Tomeo Avellan im Sattel um. Der

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Mexikaner hielt mit der Rechten den Griff des Revolvers
umklammert.

Die Gruppe unter Captain Jacks Führung durfte nicht

auseinanderfallen. Denn genau das hatte der grauhaarige
Anführer seinen beiden Unterführern eingehämmert.

›Wenn wir in Klondyke eine Chance haben wollen‹, hatte er

gesagt, ›dann müssen wir unsere Leute zusammenhalten. Ich
nehme nur solche Männer mit, die auf mich hören, meine
Befehle befolgen. Denn mit zwanzig Kerlen in eine bestehende
Siedlung einzubrechen, das gibt immer Ärger. Und ich will
Gold finden, versteht ihr? Es ist mir egal, was ich dafür
anstellen muß.‹ Tomeo musterte den Schreihals eingehend und
kam zu dem Schluß, daß der Bursche wohl nur übermütig war,
denn er machte keine Anstalten, sein Muli in Trab zu bringen.

Captain Jack hatte sich gar nicht umgedreht. Er verließ sich

auf den Mexikaner und Ed Cooper, den Coltmann.

Was die beiden nicht wußten, hätte ihnen sicher ein böses,

verbissenes Grinsen abgenötigt: Captain Jack hatte dieses
Geschrei extra bei dem Goldsucher bestellt. Denn hier, kurz
vor dem Ziel, wollte der Anführer der goldgierigen Männer
überprüfen, ob er sich auf sie verlassen konnte. Jack war
nämlich nicht damit zufrieden, einfach etwas gelben Staub aus
dem Boden zu kratzen. Er wollte mehr, wollte sich zum
Anführer der kleinen Ansiedlung am Aravaipa River
aufschwingen, die aus dreckigen, zerrissenen Zeltplanen,
windschiefen Bretterhütten und Erdlöchern bestand.

Denn nur als Boß der Digger gelang es ihm, an die wirklich

guten Claims heranzukommen und dort satten Gewinn zu
machen.

Lynn Rogers preßte ihrer Stute die Absätze in die Flanken.

Das Tier ging ein paar Schritte vor, bis es dicht neben Jacks
Muli stand.

Ed Cooper pfiff eine Melodie und schaute den Mexikaner an.
Tomeos olivfarbenes Gesicht wirkte verkniffen. Seine

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schwarzen Augen drohten und die Lippen bewegten sich, als
fluchte der Mann lautlos.

»Okay, reiten wir ins Tal«, sagte Jack laut und hob die

Rechte.

Minuten später kletterten die Mulis über Felsenpfade zum

seichten Wasserlauf hinab, der den Namen eines
Apachenstammes trug.

Jack zog den breitkrempigen Hut tiefer in die Stirn. Seine

Augen lagen im Schatten. Der Reiter jedoch konnte die
Umgebung unauffällig mustern.

Lynn hielt ihr Pferd an der Seite des Mulis. Die schöne Frau

schob ihren flachkronigen Hut etwas zurück. Das Haar, das
hervorquoll, hatte die Farbe reifer Kastanien. Besorgnis stand
im Blick der graublauen Augen, als Lynn den Anführer fragte:
»Captain, dort unten sind eine Menge Männer. Haben wir
überhaupt Aussichten, einen ordentlichen Claim zu ergattern?«

Jack lächelte breit und erwiderte: »Wir bekommen unseren

Teil schon, verlaß dich darauf, Girl.«

Seine Stimme hatte selbstsicher geklungen. Offenbar war er

davon überzeugt, dachte Lynn. Sie beobachtete ihn, sah, wie er
immer wieder die Berghänge musterte, die Claims und
Schürfstellen ansah und immer ruhiger und vergnügter wurde.

Vergebens fragte sich die schöne Frau, was diesen Mann so

zufrieden machte. Der bullige, mittelgroße Captain Jack, dem
strähnige graue Haare unter der Stetsonkrempe hervorsahen,
war ein As auf seinem Gebiet. Sicher, aber konnte es denn sein,
daß die Goldsucher am Aravaipa alle die falschen Claims
abgesteckt hatten?

Zum erstenmal in ihrem Leben wünschte sich Lynn, daß sie

von irgendwas mehr verstünde.

»Da, sie haben uns gesehen«, sagte sie und streckte die Hand

aus.

Etwa ein Dutzend Männer verließen ihre Claims. Die Digger

hielten alle Schrotflinten und Revolver in den Händen.

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»Sie wissen nicht, was sie tun sollen«, sagte Jack mit einem

verächtlichen Unterton in der Stimme. »Sie sind wie
Maulwürfe. Wenn's haarig wird, graben sie sich wieder ein.«

Aber ganz so schien es nun doch nicht zu sein, denn die

Goldsucher bildeten einen weiten Halbkreis. Wenn die Reiter
nicht abschwenkten, waren sie von mehr als der gleichen
Anzahl Männer in wenigen Minuten umzingelt. Und diese
Männer hatten ihre Waffen schußbereit.

»Nur die Ruhe«, sagte Captain Jack gelassen. »Die werden

sich noch wundern, mächtig wundern.«

Lynn verspürte einen Anflug von Furcht, als sie den

grauhaarigen Anführer der Digger von der Seite her ansah.
Was hatte Jack vor? Wollte er den Männern in Camp Klondyke
heißes Blei zu schmecken geben? Wollte er mit Gewalt einen
Anteil am Goldfeld erbeuten?

Noch ungefähr hundert Pferdelängen trennten die beiden

Gruppen.

Jack sah sich um, musterte die Talhänge, die Felsformationen

und grinste breit, als er die unterschiedlich gefärbten
Gesteinsschichten betrachtete.

»Es sind Narren«, sagte der Grauhaarige leise zu Lynn,

»alles nur verdammte Narren, die keine Ahnung von Gold
haben.«

Jack verhielt sein Muli ein halbes Dutzend Längen vor dem

Mann, der die Winchester an der Hüfte hielt.

»Was wollt ihr?« fragte der Bursche mit unsicherer Stimme.

»Hier ist alles zu. Jeder Fußbreit Boden ist vergeben. Ihr findet
nicht mal mehr 'nen Platz, auf den ihr 'nen Eimer stellen könnt.
Ihr seht, daß wir vorbereitet sind. Wenn ihr angreift, fließt Blut.
Das sind unsere Claims, Mann. Besser für euch, ihr
verschwindet wieder.«

Captain Jack schob sich den Stetson in den Nacken. Die

eisblauen Augen funkelten spöttisch, als er erwiderte: »Mister,
du hast ja die Hosen voll. Ich rieche das bis hierher.«

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Der Digger stieß einen zornigen Ruf aus, riß die Winchester

an die Schulter und legte mit dem Daumen den Hahn zurück.
Es knackte metallisch, als der Hammer einrastete. Ein winziger
Ruck mit dem Finger genügte, und Captain Jack fing eine
Kugel ein.

»Wir wollen euch gar nicht eure Claims wegnehmen«, sagte

der bullige Mann laut. »Was habt ihr denn schon aus dem
Boden gekratzt? Ich wette, daß ihr nur ein paar Goldtaschen
gefunden habt. Vielleicht ein Dutzend, mehr nicht.«

Der Digger ließ die Winchester sinken und starrte Jack lange

an. Jeder sah, daß der Mann angestrengt überlegte. Schließlich
lächelte er schlau und fragte: »Aber du weißt genau, wo mehr
Gold zu finden ist, was?«

Jack nickte nur. Ja, das wußte er, doch konnte es auch

genausogut anders kommen. Aber alles wies darauf hin, daß
unterhalb der Ansiedlung der Claims größere Chancen für gute
Funde bestanden.

»Wir wollen nur durch den Fluß reiten«, sagte Jack

freundlich. »Ihr seht ja dann, wo wir unsere Claims abstecken.«

Lynn nahm den Hut ab. Ihr kastanienfarbenes Haar fiel bis

über die Schultern. Der Sprecher der Digger starrte die schöne
Frau an, als hätte er in den letzten zehn Jahren so etwas nicht
mehr gesehen.

Einer der Burschen, die den Halbkreis bildeten, pfiff grell.
Eine Bewegung ließ Lynn den Kopf wenden. Aus einer

Brettertür, die ein wenig stabiler als die anderen aussah, trat
eine Frau. Mit wiegenden Hüften kam sie näher und lächelte
Lynn an.

»Gott sei Dank, daß du hier bist«, sagte die Mexikanerin mit

rauher Stimme. »Wir sind nur zu dritt. Verstärkung können wir
gut gebrauchen. Komm so lange zu mir, bis dir die Männer
eine Hütte gebaut haben, ja? Ich bin Elena.«

Lynn lächelte schwach und sagte: »Elena, ich bin

hergekommen, um Gold zu suchen. Ich bin nicht gekommen,

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um schmutzige Männer zu verwöhnen.«

Die Mexikanerin lachte laut und zeigte ihre perlweißen

Zähne.

»Du bist eine närrische Frau«, rief Elena, »noch, aber das

wird sich schnell ändern. Weißt du, wie wenig Gold es hier
gibt? Die Männer sind unzufrieden, aber sie haben noch Geld
in den Taschen. Denk mal darüber nach, weiße Frau.«

Die Mexikanerin lachte leise vor sich hin. Aber sie konnte

nicht verhindern, daß sich ein bitterer Ausdruck über ihr
Gesicht legte. Es war wohl doch nicht so viel zu verdienen, wie
sie Lynn gerade weismachen wollte.

»Was ist nun mit euch?« fragte der Sprecher der Digger laut.

»Wollt ihr kämpfen oder wollt ihr verschwinden?«

Captain Jack deutete mit der Rechten auf den Fluß, wies in

die Richtung Strömung und sagte: »Wir wollen weiter, dorthin,
Mister. Und wenn ihr uns aufhaltet, wird es eine blutige Sache.
Darauf gebe ich dir mein Wort.«

Der Anführer der Digger lachte laut und erwiderte, immer

wieder von lautem Gelächter unterbrochen: »Okay, geht nur
hin, macht euch lächerlich. Jeder weiß, daß das Gold am Hang
liegt, höchstens noch am Fuß des Hanges. Wie sollte dort in
den Sand und zwischen das Gestein Gold kommen? Reitet
doch, ihr Narren. Je eher ihr dort anfangt, desto eher gebt ihr
wieder auf und verschwindet.«

Ein paar Burschen hinter Jack wurden unruhig. Sie rutschten

in den Sätteln hin und her und tasteten nach den Schaufeln und
den Hacken.

Aber der Boß drehte sich halb im Sattel um und sagte über

die Schulter: »Laßt mich nur machen, Männer. Ich verstehe
mehr vom Boden als diese komischen Clowns da vorne. Das
sind Narren, darauf verwette ich mein Leben.«

Die Überzeugung, mit der Jack gesprochen hatte, ließ die

goldhungrigen Männer verstummen. Und als der Anführer
seinem Muli die Zügel freigab, folgten ihm alle Digger. Lynn

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ritt an zweiter Stelle. Allen war klar, daß sie ihre Wahl
getroffen hatte. Und manch ein Mann sagte sich, daß er dies
hätte voraussehen können. Denn Frauen wie Lynn Rogers
waren immer an der Spitze zu finden. Nur dort fiel für sie
genügend ab.

*

Prüfend schaute sich der Reiter um. Es gab nur Sand, Felsen
und Kakteen. Unter der glühenden Hitze lag das Land wie
ausgestorben vor John Haggerty.

Der Scout ritt weit im Norden umher. Ein Gefühl hatte ihn

hierher getrieben, nur ein Gefühl, aber er wußte, daß er sich auf
die Warnungen verlassen konnte, die er spürte.

Doch was ging in diesem trostlosen Gebiet vor? Es war

selbst für Apachen zu karg und unwegsam. Dornbüsche und
Disteln wucherten hier. Palmlilien reckten ihre Stämme steil in
die Höhe. Im Schatten der Sanddünen wuchsen Agaven.

Es war zu still im Land, dachte John. Die Krieger

beschäftigten sich damit, Tizwin, den Agavenschnaps, zu
brauen. Und wenn genügend Apachen berauscht waren, würde
es wie ein Feuermeer über Südarizona rauschen: das wilde Blut
der Krieger, ihre Gier nach Kampf und Beute.

Haggerty schüttelte den Kopf. Was sollten diese Gedanken?

Es war ruhig und das war gut so. Es bedeutete, daß die
aufsässigen Chiefs dem Wort des großen Cochise gehorchten,
daß sie die Weißen in Ruhe ließen.

Aber der Scout wußte, daß diese Ruhe trügerisch war. Der

geringste Anlaß genügte, um die Kämpfer auf die Rücken ihrer
Ponys zu treiben und erneut den Krieg aufflackern zu lassen.

Grau und braunrot glänzten die Felsen im Schein der

Mittagssonne.

Konata, dachte der Scout, ja, ich reite zu Konata. Der

Aravaipa ist ein guter Farmer. Sein Tal liegt nicht weit von

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hier. Vielleicht erfahre ich sogar was von dem Mann.

Ein kurzer Ruck am Zügel genügte, und der Graue änderte

die Richtung.

Hinter den Felsen lag Konatas Tal. Es war nicht breit, kaum

eine Viertelmeile, aber dafür besaß es das Kostbarste, was in
diesem Land zu finden war: ausreichend Wasser. Selbst in den
trockensten, heißesten Sommern versiegte der Bachlauf nicht,
der aus den Felsen rann und nach etwa zwei Meilen im Sand
versickerte. Aber dort war das Tal schon zu Ende.

Das ist einfach kein Land für Weiße, dachte Haggerty, als er

auf die kahlen Felsen zuritt. Hier überleben nur Apachen. Was
suchen wir hier? Es ist der Drang in uns, der uns treibt. Der
Drang zu sehen, was hinter dem nächsten Hügel liegt, was auf
der anderen Seite des Flusses wächst. Und wir bilden uns ein,
daß dort besseres Land, ein besseres Leben auf uns wartet.

Aber das alles ist Unsinn. Warum können wir nicht zufrieden

sein mit dem, was wir besitzen, was wir uns erarbeitet haben?

John Haggerty wußte keine Antwort auf diese Frage. Es lag

wohl in der Natur der weißen Rasse, sich die Erde Untertan zu
machen, wie es schon in der Bibel stand. Aber John hatte
begründete Zweifel an dieser Ansicht.

Der Sand gab unter den beschlagenen Hufen des Pferdes

nach. Ein schwacher Wind brachte heiße Luft mit. Wenn er
selbst erst in der Schlucht war, ging es besser. Denn dort
kühlten die Steinwände die Luft. Und die Feuchtigkeit des
Bachlaufes brachte richtige Erfrischung.

Woher dieses Wasser kam, wußte niemand. John nahm an,

daß irgendwo in den gewaltigen Felsen ein großer Hohlraum
existierte, eine mächtige Höhle, die das Regenwasser aufnahm
und speicherte. Ein Abfluß hatte sich im Laufe ungezählter
Jahrhunderte gebildet und entließ nun das kostbare Naß ins Tal.

Konata zog seinen Nutzen daraus. Der Aravaipa war nicht

mehr jung. Er hatte sicher schon weit über vierzig Sommer
hinter sich gebracht. Der Mann galt als einer der besten Krieger

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des Stammes, doch er war des Kämpfens, des Beutemachens
müde geworden. Vor zehn Sommern, so berichteten die
Männer des Stammes, hatte sich Konata eine schöne, kräftige
Squaw genommen und war mit ihr in die Felsenschlucht
gezogen.

Seit dieser Zeit hatte der Aravaipa nie wieder den

Maulbeerholzbogen gegen einen Feind abgeschossen.

Aber seine Pferde waren berühmt. Seine Schafe und die

wenigen Rinder waren prächtige Exemplare, die jeden
Vergleich mit den Tieren aushielten, die auf den fetten Weiden
von Colorados Blaugrastälern aufgewachsen waren.

Haggerty lenkte sein Pferd in die zerklüftete Wildnis der

Felsklippen. Eine nadelspitze Gesteinsnase versperrte den
Weg. John rutschte im Sattel so weit nach links, zog das rechte
Bein aus dem Steigbügel, daß für den Leib des Tieres gerade
genug Platz zum Durchschlüpfen blieb.

Nachdenklich betrachtete der Scout die violett schimmernde

Spitze, die künstlich geschliffen war. Dieser Farbton bewies
John, daß Gift auf dem Gestein lag. Wahrscheinlich Gift aus
der verrotteten Milz eines Rehs, gemischt mit Nesseln und
anderen Pflanzen. E'estlus nannten die Apachen dieses tödliche
Zeug und benutzten es sogar auf der Jagd. Denn das Fleisch
getroffener Tiere verdarb nicht, nur unmittelbar um die
Pfeilwunde herum schnitten die Krieger das Fleisch des
Beutetieres ab und warfen es weg.

Konata war vorsichtig, stellte Haggerty fest. Vielleicht hatte

er Grund dazu. Aber das würde der Scout schon erfahren.

John ließ sein Pferd im Schritt gehen. Er wollte es einem

eventuellen Beobachter so leicht wie möglich machen.
Vielleicht mußte Konata erst überlegen, wer dieser
bleichgesichtige Mann war, der in das Tal eindrang. Denn es
war mehr als acht Monate her, seit der Scout den Apachen
besucht hatte.

Endlich erreichte John den Bachlauf. Das Pferd blieb von

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selbst stehen und trank. Haggerty saß ruhig im Sattel und
musterte die Umgebung. Der Scout spürte, daß er beobachtet
wurde, aber er konnte den Mann, der irgendwo zwischen den
zerklüfteten Schroffen der Talwände hockte, nicht entdecken.

Konata saß auf der obersten Corralstange, als John heranritt.
»Ich grüße dich, Krieger«, sagte der Scout und hob die

Linke, die vom Herzen kam, mit ausgestreckter Handfläche
Konata erwiderte den Gruß, sagte aber kein Wort. Sein Blick
ging an dem Weißen vorbei, verlor sich in dem Gewirr der
Felsen.

»Wenn ich nicht willkommen bin, so reite ich wieder«, fuhr

Haggerty fort und zupfte am Zügel. »Wenn hier Dinge
passieren, die nicht für die Augen eines Bleichgesichtes
bestimmt sind, so sage mir das, Krieger. Du weißt, daß ein
Freund alles hören und ertragen kann, was ihm der Freund
sagt.«

Konata machte eine undeutliche Handbewegung, die alles

oder auch gar nichts bedeuten konnte und sagte leise. »Bleib,
Falke, laß dein Pferd saufen, nimm dir Wasser, ruhe dich aus.«

Haggertys Sinn für unangenehme Dinge war bis zum

äußersten angespannt. Auf einmal wußte der Chiefscout, was
ihn in den Norden des Landes geführt hatte: Konatas Wissen
war es, denn daß der Apachenfarmer etwas verbarg, war
Haggerty klar.

Doch wie sollte er den Mann zum Sprechen bringen?
Niemals war es einem Weißen gelungen – auch keinem

Mexikaner – aus einem Mann der Wüste etwas
herauszubringen, was der nicht preisgeben wollte.

Die Tür des Farmhauses öffnete sich, als John absaß und den

Sattelgurt lockerte.

Gawa-chora kam heraus. Sie war eine Schönheit, selbst für

die Begriffe der Weißen. Die Squaw besaß fast überhaupt keine
typischen Gesichtszüge der Apachen, war aber doch eine
reinblütige Aravaipa.

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Ein Kind von etwa einem Jahr hielt sich am Lederrock der

Mutter fest und trippelte unsicher hinter ihr her. Neugierig sah
der Kleine den Gast an, denn er hatte wohl noch nie in seinem
kurzen Leben ein Bleichgesicht gesehen.

Gawa-chora lächelte, als sie den Weißen sah und kam mit

geschmeidigen Schritten näher.

»Falke«, sagte sie sanft, »du bist der Mann, den Tla-ina liebt.

Ich möchte wissen, was im Herzen eines Weißen vorgeht,
wenn ihn eine Apachenfrau liebt.«

Haggerty hielt in seiner Beschäftigung inne, schaute Gawa-

chora an und versuchte ein Lächeln. Es schien nicht besonders
gut auszufallen, denn ein hellwacher Ausdruck trat in die
schwarzen Augen der Squaw.

»Das ganze Land scheint es zu wissen«, erwiderte John leise.

»Wie kommt das eigentlich? An dem Tag, an dem ich das
herausfinde, werde ich ein reicher Mann sein. Denn dann
brauchen die Weißen keinen Telegraphen mehr. In dieser
menschenleeren Wüste verbreiten sich Nachrichten schneller
als durch die singenden Drähte.«

»Du siehst viel, Falke«, entgegnete Gawa-chora, »aber du

siehst einen Apachen nur dann, wenn er gesehen werden will.
Die Krieger bringen uns auch das Geschwätz der Weiber an
den Kochfeuern. Aber sprich, Falke, was sagt dein Herz zu
Tla-inas Liebe?«

Haggerty spürte die Spannung, die in der Luft lag. Er fragte

sich, was wohl von seiner Antwort abhängen würde. Denn
auch Konata schien auf die Worte des Weißen zu warten.

»Es singt, Gawa-chora«, erwiderte John leise.
Er wußte nicht, daß ein trauriger Ausdruck in seine Augen

trat, daß so etwas wie Sehnsucht in seinem Gesicht stand, als er
redete.

»Es singt ein schwarzes Lied, Gawa-chora«, fuhr Haggerty

fort. »Denn die Gedanken der Apachen sind dunkel, wenn sie
an Tla-ina und Falke denken. Und die Gedanken der Weißen

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sind wie die dunkelste Nacht des Jahres, wenn sie davon
hören.«

Die Squaw nickte. Ein kleiner Junge ließ ihren Rock los und

marschierte schwankend auf John zu. Mit dem feinen Gespür
des Naturkindes hatte der Kleine wohl erkannt, daß dieser
merkwürdige Fremde mit der kranken Haut zu ihnen gehörte.

Haggerty überlegte nicht lange. Er hob das nackte Kind

hoch, setzte es in den Sattel und gab ihm die Zügel in die
winzigen Hände. Jauchzend hüpfte der Junge auf und ab,
während der Scout sein Pferd langsam im Kreise führte.

Konata sagte einige kurze Sätze in der Stammessprache. Der

Farmer redete so schnell, daß John nur zwei Worte deutlich
verstand. Und diese Worte hießen Essen und Gast.

Innerlich atmete der Scout auf. Er wußte, er hatte eine Hürde

überwunden. Aber noch konnte er nicht sagen, woraus dieses
Hindernis bestanden hatte. Denn Konata war ein freundlicher
Mann. Es mußten schwerwiegende Dinge geschehen sein,
wenn der Farmer auf einmal derart zurückhaltend war.

»Falke, du bist willkommen«, sagte der Apache auf einmal

laut. »Du wirst sehen und hören. Und du wirst nicht nur wie ein
weißer Mann denken, wenn du alles weißt. Das sehe ich, denn
ich besitze eine Gabe, die manche von uns Wüstenwanderern
kennen. Wir sehen, wenn ein Mann ehrlich ist. Und dein Name
ist weithin bekannt. Du bist Cochises Blutsbruder. Du bist
unser Freund. Vielleicht kannst du meinem Volk helfen. Aber
davon später. Komm jetzt und sieh dir meine Tiere an, Falke.
Sieh auch das eine Tier und sage mir, wie weit es gelaufen ist.
Danach sprechen wir weiter.«

Wortlos folgte Haggerty dem Aravaipa in den Corral, an den

sich der Stall anschloß, der aus rohen Brettern und Balken
erbaut war.

*

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»Ist es nicht leichtsinnig«, sagte Victorio scheinheilig zu
Cochise, »einem jungen Krieger wie Naiche den Befehl über
deine Festung anzuvertrauen?«

Die Chiefs, mit Cochise an der Spitze, und zwölf

ausgewählte Chiricahua-Krieger, ritten nach Norden. Naiche,
der Sohn des großen Führers, hatte das Kommando über die
neue Apacheria übernommen. Cochise wußte, daß er sich auf
seinen Sohn verlassen konnte. Denn Naiche verstand, wie sein
Vater dachte, welches Ziel er verfolgte. Und das konnte er von
den meisten seiner Krieger nicht sagen. Ja, selbst Victorio, der
doch auch ein großer Führer war, vermochte nicht weiter als
bis zur nächsten Sanddüne zu sehen.

Bitter dachte Cochise daran, daß kaum einer der

Apachenhäuptlinge sich darüber klar war, daß die Weißen die
Sieger bleiben würden. Sicher, es war gut und richtig, den
Eindringlingen Niederlagen zuzufügen, sie aufzuhalten, wo
dies möglich war. Es war nicht nötig, ihnen jede einzelne
Wasserstelle der Halbwüste zu zeigen. Denn in ihrer maßlosen
Gier würden die Bleichhäutigen sofort den Boden umpflügen
und das karge Naß, das Dutzende von Pferden und Kriegern
am Leben erhalten konnte, einfach versickern lassen.

»Naiche ist mein Sohn«, sagte der Chief zu Victorio und

lächelte spöttisch. »Er weiß, was er zu tun hat. Er ist ein junger
Mann, der die Befehle seines Vaters befolgt.«

Cochise machte eine kurze Pause, sah Victorio eindringlich

an und fuhr genauso laut fort: »Im Gegensatz zu vielen anderen
Häuptlingen, die das Wort ihres obersten Führers gering
achten.«

Victorios wildes Gesicht wurde noch grimmiger. Er hatte die

Zurechtweisung deutlich verstanden. Denn seiner
Großzügigkeit war es zu verdanken, daß immer wieder
Mimbrenjo-Trupps aus den San Carlos Reservationen
verschwanden und raubend und mordend blutige Fährten durch
das Land zogen.

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»Wir wollen nicht über Dinge reden«, sagte Chato

überraschend, »die gleichgültig sind. Wir reiten nach Norden,
zu unseren Vettern, den Aravaipas, um ihnen zu helfen. Wie
diese Hilfe aussehen wird, entscheidet Cochise. Danach kann
Victorio spotten, wenn er es noch vermag.«

Chato hatte zum erstenmal Stellung bezogen. Aber was hatte

das zu bedeuten? War der Häuptling zu einem Entschluß
gekommen? Oder ging es ihm nur darum, während des Rittes
von drei Tagen Ruhe und Frieden aufrechtzuerhalten?

Am späten Nachmittag erreichten die Wachen der

verschiedenen Stämme ein Wasserloch, das allgemein bekannt
war. Weiße, Indianer und Mexikaner tränkten hier ihre Tiere
und füllten ihre Schläuche und Flaschen, wenn sie diesen Weg
zogen.

Umsichtig teilte Cochise die Posten ein. Bis seine Späher aus

dem unübersichtlichen Land zurückkehrten, mußte die Quelle
unter der Felsplatte bewacht werden.

Es dauerte nicht lange, bis ein rauchloses Feuer brannte.

Immer wieder schob einer der Apachen trockene Zweige und
Kaktusstengel nach. Die Fleischbrocken, mit ein wenig Salz
eingerieben, garten an jungen grünen Ästen über den Flammen.

Schweigend saßen die Häuptlinge um das Feuer. Victorio

beschimpfte sich innerlich selbst, daß er an diesem Zug
teilgenommen hatte. Denn ein einziger Hinweis an einen
Weißen genügte, und die Führer der großen Stämme waren
verraten.

Ein ferner, krächzender Ruf ließ Cochise aufmerken. Es war

der Schrei des Geiers, der durch die Halbwüste hallte. Doch
kein dunkler Punkt schwebte am Himmel, kündete davon, daß
ein Aasvogel in der Nähe war.

Das Fleisch war gar. Mit Fingern und Zähnen zerkleinerten

die Apachen ihr Essen und tranken das kristallklare Wasser der
Quelle dazu.

Als Cochise zu seinen Posten ging, sagte einer der Krieger:

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»Sechs Pferdesoldaten reiten in Richtung Sonnenaufgang.
Weitere sechs nehmen die Richtung, in der die Sonne stirbt,
Chief.«

Der Häuptling nickte nur. Er wußte, daß General Howard

zahllose kleine Patrouillen aussandte. Cochise hielt das für gut,
denn einmal beruhigten die Soldaten die Weißen, und zum
anderen zwangen die Uniformierten die Krieger, die nach
Süden zogen, zu großen Umwegen.

Nicht, daß auch nur ein Pferdesoldat einem Apachen

gefährlich geworden wäre, ganz bestimmt nicht. Aber die
Mimbrenjos und Tontos wollten sich nicht damit aufhalten,
eine Armeepatrouille auf ihre Fährte zu locken, die dann kreuz
und quer das Land durchforschte. Es war wichtiger, in Mexiko
Beute zu machen.

Cochise kniff die Augen etwas zusammen. Weit entfernt, am

südöstlichen Horizont, stieg eine Staubfahne in den
Nachmittagshimmel. Gegen die Sonne war der Schleier kaum
zu sehen, aber er hatte das Gehör eines Wüstenluchses und die
Augen eines Goldadlers. Das Zeichen wiederholte sich noch
dreimal.

Kurze Zeit später schmetterte die Spottdrossel einige kurze

Triller.

Cochise ging zum Feuer und setzte sich.
»Was sehen deine Späher?« fragte Loco.
»Vier Gelbhäutige«, erwiderte der Chief, »sie erreichen

diesen Ort nicht.«

Und so war es auch.
Denn die müden Pferde der Mexikaner trotteten langsam

durch den Sand. Mühsam kämpften die Tiere gegen die immer
wieder nachrieselnde Masse an.

Die Reiter waren genauso müde wie ihre Pferde. Leere

Wasserflaschen, zwei ausgehöhlte Kürbisse, hingen von den
Sattelhörnern herab und schlugen im Takt der langsamen
Gangart der Pferde gegen ihre Leiber.

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Die Mexikaner hielten die Augen halb geschlossen. Trotz der

wagenradgroßen Sombreros, deren Krempen Schatten
spendeten, wirkten die Reiter von der Hitze niedergedrückt.

Als die ersten roten Krieger aus dem Sand aufschnellten, war

es schon zu spät.

»Apachen!« gellte die Stimme des vordersten Mannes, aber

er brachte kein weiteres Wort mehr hervor.

Eine eiserne Lanzenspitze bohrte sich in sein Herz. Die drei

anderen Gelbhäutigen rissen ihre Revolver noch heraus, aber es
war zu spät. Sie wurden alle getötet.

Sechs Chiricahuas berieten sich kurz. Einer der Krieger

entfachte ein kleines Feuer. Wenig später stiegen die ersten
Rauchballen zum Nachmittagshimmel auf. Die fünf anderen
Apachen plünderten die Mexikaner aus und grunzten erfreut,
als sie schwere Beutel fanden, in denen es verheißungsvoll
klingelte.

Jeder der Toten hatte einen Ledersack mit mehr als fünfzig

Goldstücken bei sich. Vier Pferde mit Sätteln, Waffen und
Patronen und das Gold und die Messer, all das war
willkommene Beute. Wenn erst die Rotte Kämpfer aus den
Dragoon Mountains hier eintraf, war diese Beute so gut wie in
Sicherheit.

Fünf der Krieger machten sich wieder auf den Weg. Der

sechste trieb die Pferde vor sich her in Richtung Süden. Auf
Wegen, die nur die Apachen kannten, kam der sechste Späher
später der Gruppe nach, die nach Norden zu den Vettern ritt.

*

John Haggerty bewunderte die Pferde des Aravaipa-Farmers.
Die Tiere wirkten kräftig, ausdauernd und zäh. Jedes sah so
aus, als könne es eine Woche durch die Wüste rennen, ohne
auch nur einen Tropfen Wasser zu benötigen.

Und dann sah der Scout das letzte Tier.

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Es stand hinter den anderen, schien sich verstecken zu

wollen, sorgte immer dafür, daß zwei oder drei Zuchttiere vor
ihm hin und her liefen.

»Wie lange ist dieses Pferd gelaufen, Falke?« fragte Konata

und beobachtete den Weißen genau.

Haggerty zögerte mit der Antwort. Auf den ersten Blick sah

es so aus, als sei das Tier ziemlich erschöpft und abgetrieben.
Lange konnte es noch nicht in diesem Corral stehen. Aber John
spürte, daß etwas anderes hinter Konatas Frage steckte.

»Nicht so lange, wie es aussieht«, antwortete der Scout

schließlich. »Aber der Reiter trieb es an, forderte ihm alle Kraft
ab.«

Zufrieden nickte der Apachenfarmer.
»Es ist die Strecke gelaufen, die ihr zwanzig Meilen nennt«,

sagte Konata. »In drei Tagen hat sich das Pony erholt. Aber ob
sich sein Reiter erholt, weiß ich nicht.«

John sah den Apachen offen an und entdeckte Wut in dessen

Augen. Konata hielt sich nur unter Aufbietung aller Kräfte
zurück, stellte John fest. Viel fehlte nicht, und der friedliche
Farmer würde sich in eine erbarmungslose Kampfmaschine
zurückverwandeln.

»Wo ist der Mann?« fragte der Scout leise.
Der Farmer riß die Stalltür auf. Das Licht fiel in breiter Bahn

in das dämmerige Innere und riß den Gang zwischen den
Boxen und Futterraufen aus dem Halbdunkel.

»Hinten, links«, sagte Konata, »ich bleibe hier und wache. Er

weiß, daß du ein Freund der roten Männer bist, Falke.«

Haggerty schluckte. Der Apachenfarmer war sich offenbar

nicht bewußt, daß John immer noch seiner eigenen Rasse näher
stand als der der Apachen. Aber Freundschaft, wahre
Freundschaft, hatte schon vor vielen Jahrhunderten Wunder
vollbracht.

Zögernd ging Haggerty auf die letzte Box zu, verharrte an

der Wand aus dünnen Brettern und machte schließlich noch

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zwei Schritte.

Fast wäre der Scout zusammengezuckt, denn der Mann, der

auf der Pferdedecke lag, war kaum noch als Mensch zu
erkennen. Er ähnelte eher einem Bündel roten Fleisches,
zerschlagen wie er war.

Erschüttert hockte sich John hin. Forschend betrachtete er

den Kopf, suchte Gesichtszüge, Formen zu erkennen, aber es
war unmöglich. Fest stand für Haggerty, daß der Mann
zumindest ein Halbblut war. In diesem Moment wünschte sich
der Chiefscout nichts sehnlicher, als die Kerle vor die Fäuste
zu bekommen, die diesen armen Hund so zugerichtet hatten.

»Wer bist du?« wisperte der total zerschlagene Mann kaum

hörbar.

Die Worte drangen undeutlich, verwischt zwischen den

geschwollenen, aufgeplatzten Lippen hervor. »Kenne ich dich?
Ich kann dich nicht sehen. Meine Augen sind wie tot. Graue
Schleier erkenne ich, mehr nicht.«

»Ich werde Falke genannt«, antwortete John. »Vielleicht sagt

dir das etwas.«

»Ja, du bist der Blutsbruder des großen Chiefs«, raunte der

Halbindianer. »Was suchst du hier? Kommst du wegen der
Weißen?«

Haggerty wurde hellhörig. Jetzt konnte er das packen, was er

fühlte.

»Das kann ich dir noch nicht sagen«, erwiderte John ehrlich.

»Ich hatte das Gefühl, ich müßte in den Norden reiten. Das ist
alles.«

Es dauerte ein paar Sekunden, bis das Halbblut antwortete.
»Das ist gut, Falke«, murmelte der Fremde schwach: »Du

bist wie ein Apachenkrieger. Ich fühle es. Und nur darum bist
du der Bruder des großen Häuptlings. Hör zu, ich habe nicht
mehr viel Zeit. Entweder bringt mich Bu, der Todesbote, in die
ewigen Jagdgründe, oder aber ich gehe ins Paradies ein, wie
mich mein Vater lehrte.«

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Haggerty beugte sich vor, betrachtete die Wunden, sah

Knochen gegen braunrote Haut drücken und wußte, daß der
Mann wirklich keine Chance mehr hatte.

»Ich heiße Will Jackson und Fuchsspäher, und ich glaube

beides nicht«, fuhr der tödlich Verletzte fort. »Es wird sein, als
ob der Wind eine Kerzenflamme löscht, weiter nichts. Alles
bleibt, wie es ist, nur Fuchsspäher lebt nicht mehr. Doch wen
kümmert das schon?«

John dachte blitzschnell nach. Es war sinnlos, diesem

Menschen etwas vormachen zu wollen. Er fühlte, daß der Tod
schon die Hand nach ihm ausstreckte. Aber es war möglich,
den Mann zufriedener, ruhiger sterben zu lassen. Dafür
handelte sich der Scout unter Umständen etwas ein, das über
seine Kräfte ging.

Haggerty dachte an die Tatsache, daß Halfcasts weder bei

den Weißen noch bei den Indianern eine Chance hatten. Von
beiden Rassen wurden diese Mischlinge abgelehnt und mußten
den Weg der Außenseiter nehmen. Jenen Weg der immer
haarscharf an allen Gesetzen beider Rassen entlangführte.

»Ich kann dir nichts versprechen, Fuchsspäher«, sagte

Haggerty, »aber wenn du mir erzählst, wer dich so zugerichtet
hat, kümmere ich mich darum.«

Das Zucken in dem verquollenen Gesicht sollte wohl ein

Lächeln darstellen, überlegte John.

Ohne weiter nachzudenken, ergriff er die Hand des fremden

Halbblutes, hielt sie fest und drückte sie leicht.

»Gut, Falke«, röchelte der Mann, »sehr gut, das mußt du

auch. Es geht um den Frieden. Dies alles hier, zwischen den
Bergen das Land, ist Apachenland.«

»Ich weiß, Eskaminzin ist ein kluger Chief«, erwiderte John.

»Er hat die Garantie, daß dieses Gebiet den Aravaipas zur Jagd,
zu ihrem Leben, erhalten bleibt.«

Abermals verzerrte sich das Gesicht des halbtoten Mannes.
»Garantie des weißen Mannes«, murmelte er, »was nutzt das

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schon? Weniger als ein leerer Wasserschlauch in der Wüste.«

Haggerty spürte die Unruhe in sich. Sie steigerte sich immer

mehr. In wenigen Sekunden wußte er, was in diesem Land
geschah, was ihn hergetrieben hatte.

»Gold, Falke«, röchelte Fuchsspäher, »zerbricht alle

Versprechen. Das Gerücht von Gold macht alle Verträge
ungültig.«

»Wo wird hier Gold gesucht?« fragte John hart. »Das bringe

ich in Ordnung. Sind die Aravaipas in Gefahr?«

»Ja, sie beobachten die Siedlung«, sagte das Halbblut kaum

hörbar. »Immer wieder suchen die Späher den Ruhm, die Beute
und starben. Klondyke liegt am Fluß, am Aravaipa Creek. Aber
es gibt noch andere hier, die den Apachen…«

Der Halbindianer zuckte wie unter einem unsichtbaren

Peitschenhieb. Sein Körper verkrampfte sich, bäumte sich auf
und sank nach Sekunden schlaff und leblos auf die Pferdedecke
zurück.

Reglos hockte John vor dem Toten. Haggertys Gedanken

waren unruhig, beschäftigten sich mit den weitreichenden
Folgen dieser ungesetzlichen Ansiedlung am Fluß des
Stammes.

Langsam beugte sich der Chiefscout vor, legte sanft die

Pferdecke über dem toten Halbindianer zusammen und stand
auf.

»Ich bestatte ihn nach den Sitten meiner Väter«, sagte

Konata hinter John. »Er war mehr Apache als weißer Mann,
Falke. Was wirst du tun? Eskaminzin will Frieden halten. Seine
Krieger sind wild und verwegen. Sie beobachten die Weißen,
die wie Sandechsen den Boden zerwühlen. Immer wieder stirbt
einer der Späher. Und der Häuptling hat nur sechs oder sieben
Hände guter Krieger. Was wirst du tun, weißer Mann, den
Cochise Bruder und Falke nennt?«

Fort Thomas lag nicht weit entfernt. Zu General Howard

mußte John einige Stunden länger im Sattel sitzen, als nach

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Fort Thomas. Aber dies war eine Nachricht für den
Kommandeur. Denn Howard hatte allen Weißen verboten, im
Südwestterritorium Land zu besetzen, das vertraglich den
Apachen zugesichert war. Und die Army sorgte mit sanftem
Druck dafür, daß diese Verträge auch eingehalten wurden.

»Wie viele Weiße graben am Fluß nach Gold?« fragte

Haggerty den Farmer.

»Zehn Hände und noch zwei«, erwiderte Konata. »Und nur

der große Geist weiß, wann noch mehr kommen. Vier Hände
kamen gestern. Wenig später trabte das Pony, das du gesehen
hast, auf meinen Hof. Fuchsspäher lag bewußtlos auf dem
Rücken des Tieres. Er hatte sich mit Lederriemen
festgebunden. Ich weiß von ihm, daß er einer der ersten am
Fluß war. Aber als die neuen Männer kamen, jagte der Chief
den Fuchsspäher davon. Er wehrte sich, und nun ist er im Land
des Todes. Ja, hole die Pferdesoldaten, Falke. Sie sollen die
Bleichhäutigen davontreiben. Eskaminzin will keinen Krieg,
wenigstens keinen zwischen Aravaipas und Weißen.«

»Ich reite sofort«, sagte Haggerty und verließ den Stall.
Wenige Minuten später hatte der Scout sein Pferd getränkt

und die Wasserflasche gefüllt. Die Hufeisen klopften hart auf
dem festgestampften Boden vor den Häusern, als John seinem
Tier die Zügel freigab.

*

Argwöhnisch hatten die Digger, die schon seit Wochen die
Abhänge der Berge nach dem begehrten gelben Metall
durchwühlten, die zwanzig Männer und die Frau beobachtet.

Unter Captain Jacks Führung steckten sich die neuen

Goldsucher Claims am Ufer des Creeks ab. Einigen wurde es
doch unbehaglich, als die Kerle weiter südlich laut lachten.
Jack jedoch hielt seine Männer eisern zusammen.

»Nimm das Stück neben meinem«, raunte der Anführer der

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schönen Frau zu.

Sie befolgte diesen Rat und sah, daß links und rechts von ihr

und Captain Jack jeweils Ed Cooper und Tomeo Avellan ihr
Land markierten.

Lynn kam der Verdacht, daß Jack mehr als alle anderen

wußte. So war es nicht. Der bullige Mann setzte nur seine
Kenntnisse ein, die er in mehr als zehn Jahren auf Goldfeldern
der Staaten gesammelt hatte.

Als Captain Jack seine erste Pfanne auswusch und für mehr

als vier Dollar Gold fand, und die zweite und dritte Pfanne
mehr als je zehn Bucks brachten, verstummten die Spötter
schlagartig.

Auch Lynn, Ed und Tomeo hatten Glück.
Alles andere vollzog sich innerhalb von zwölf Stunden ganz

von selbst. Auf einmal war Jack der angesehendste Mann in
Klondyke, der ungekrönte König der Diggersiedlung am
Aravaipa Creek.

Gegen Mittag des folgenden Tages trieb sich ein Fremder im

Wasser herum.

Jack griff zur Winchester und spannte den Hahn.
»Verschwinde, Bastard«, rief der grauhaarige Goldsucher,

»du stehst auf meinem Claim.«

Der Halbindianer kümmerte sich nicht darum. Er betrachtete

aufmerksam den Grund und stand reglos wie eine Statue.

Jack drückte ab. Die Kugel riß dem Halbblut den Hut vom

Kopf. Bevor der Mann mit der bronzefarbenen Haut zum
Revolver greifen konnte, schlug Jack zu. Er hatte die
Winchester durch die Hand rutschen lassen, packte sie am Lauf
und benutzte das Gewehr wie eine Keule. Der Kolben traf das
Halbblut in den Magen.

Captain Jack warf das Gewehr hinter sich. Tomeo fing die

Waffe auf, lud durch und richtete seine Aufmerksamkeit auf
die Umgebung.

Captain Jack drosch mit beiden Fäusten auf den würgenden

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Mann ein, der sich mühsam hochgestemmt hatte. Er war zu
keiner Abwehr fähig, denn Jacks Fäuste fetzten wie
Schmiedehämmer die kümmerliche Deckung auseinander, die
der Halbindianer mit beiden Armen bildete.

»Dir werd' ich's zeigen, du verdammter Bastard!« brüllte der

neue King des Diggercamps, »auf meinem Claim
herumzuschnüffeln, was? Und in der Nacht heimlich den
goldhaltigen Sand aus der Strömung holen.«

Mit erbarmungslosen Schlägen trieb Jack den neugierigen

Mann ans Ufer. Als der Halbindianer endlich zusammenbrach,
schnaufte der vierschrötige grauhaarige Mann. Nachdem er
seinen Atem beruhigt hatte, brüllte er: »Wer weiß, ob das nicht
ein Späher der verfluchten Roten ist? Ich schlage vor, wir
hängen ihn irgendwo auf.«

Jack besaß einen feinen Sinn für solche Situationen und

spürte, daß er mit dem Vorschlag nicht durchkommen würde.

Ein paar Männer brüllten ihre Zustimmung heraus, aber die

Mehrheit lehnte ab. Jacks Macht war noch zu neu, nicht
genügend gefestigt, um es auf eine wirkliche Probe ankommen
zu lassen. Also gab er nach.

»Er muß verschwinden«, rief der erfolgreiche Digger.

»Wenn ihr ihn davonjagt, wird er seine roten Freunde
alarmieren.«

Allen war klar, was Captain Jack damit sagen wollte: Es

würde besser für alle sein, wenn sie den Halbindianer
aufknüpften.

Die Digger ließen sich nicht darauf ein. Sie banden den

bewußtlosen Mann auf sein Pferd und jagten das Tier mit
Stockhieben davon.

»Narren, verdammte, blutige Narren«, murmelte Jack

verbissen, als die anderen wieder zu ihren Claims gingen.

Lynn blicke den kräftigen Anführer mit ausdruckslosem

Blick an und fragte: »Was hast du gegen Indianer?«

Jack grinste wild, bevor er antwortete: »Ich kann die roten

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Stinker nicht ausstehen. Und Halfcasts erst recht nicht.«

»Wenn der Bursche entkommt, wenn er wirklich auf

Apachen trifft«, sagte Lynn nachdenklich, »dann bricht über
uns die Hölle herein, denke ich.«

Jack lachte laut, aber es lag kein freundlicher Ton in diesem

Lachen. Es wirkte hart, hörte sich brutal an und zeigte der
schönen Frau, daß der Anführer zu der Art Menschen gehörte,
die sie eigentlich nicht mochte.

»Wir pumpen die roten Dreckskerle so voll Blei, daß sie

nicht mehr laufen können«, prahlte Captain Jack. »Was sind
schon ein paar stinkende Apachen, Girl? Nichts sind sie, gar
nichts. Mach dir keine Sorgen. Solange ich hier was zu sagen
habe, passiert dir nichts.«

Lynn ging zu ihrem Claim zurück. Nachdenklich betrachtete

sie Jack, der sich nach seiner Waschpfanne bückte und
weitermachte, als sei gar nichts geschehen.

»Ein harter Mann, nicht wahr«, sagte Tomeo Avellan und

lächelte gezwungen. »Er hat was gegen Leute, die keine weiße
Haut besitzen. Mich hat er nur mitgenommen, weil ich ein
guter Kämpfer bin. Und wenn es gegen Apachen geht, ist Jack
jeder recht. So sieht das aus, Senora Lynn.«

Sie wußte, daß Tomeo sie warnen wollte. Sicherlich verlor

Captain Jack in anderen Situationen die Beherrschung, und es
war gut für sie, dies zu wissen.

Lynn Rogers schuftete wie alle anderen auf dem Claim. Sie

fand weniger als Jack, aber immer noch so viel, daß sich schon
jetzt der Trail durch das heiße, staubige Land gelohnt hatte.

Captain Jacks Ausbruch hatte etwas in Gang gesetzt, von

dem die Digger selbst noch nichts ahnten. Die meisten Männer
waren unzufrieden. Denn gute Ausbeute gab es nur auf
wenigen Claims. Und so suchten sie nach einem Opfer, an dem
sie sich abreagieren konnten.

Sie fanden es, als sich ein weiterer Halbindianer in der

Dämmerung davonmachen wollte.

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Wie ein Mann brüllte die Meute auf. Das Halbblut sprang auf

sein Muli, trieb dem Tier mit aller Gewalt die Absätze in die
Flanken, aber es war zu spät.

Nachdem die Goldsucher den Mann zusammengedroschen

und durchsucht hatten, setzten sie ihn auf sein Muli und jagten
das Tier mit Steinwürfen davon.

Captain Jack war zufrieden. Die Kerle machten ihm nach,

was er ihnen gezeigt hatte. Morgen würde er versuchen, seine
Macht richtig auszuspielen, zu erweitern.

Der bullige Mann ging langsam hinter dem Muli her, das im

Schritt davonmarschierte. Die Winchester hielt der
Indianerhasser in der Armbeuge.

Plötzlich durchschnitt ein scharfes Schwirren die Luft. Zwei

der Digger gurgelten unverständlich auf und brachen
zusammen.

Captain Jack sah die wippenden Pfeilschäfte in ihren Hälsen

und rannte im Zickzack los. Er hatte nur eine Chance, wenn die
Indianer aus ihren Deckungen aufwuchsen und wieder
Kriegspfeile von den Sehnen schnellen ließen.

Jack entdeckte den ersten Krieger fast sofort und ließ sich auf

die Knie fallen. Noch während er die Erschütterung des
Aufpralles spürte, riß er die Winchester hoch und feuerte.

Der Krieger wuchs förmlich hinter den zerbrochenen

Stämmen auf, die seine Deckung gebildet hatten, und brach
vornüber zusammen.

Ein Pfeil zischte so dicht an Jacks Kopf vorbei, daß er ein

paar der strähnigen grauen Haare abschnitt.

Der bullige Mann warf sich zur Seite, rollte dreimal um sich

selbst, gelangte wieder auf die Knie und schoß. Der Indianer
sprang auf, lief humpelnd davon, versuchte ein paar
Dornbüsche zu erreichen, aber Jack tötete den Krieger mit der
zweiten Kugel.

Die Goldsucher rannten mit ihren Waffen herbei, stürmten an

Captain Jack vorüber, der die verschossenen Patronen aus der

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Gurtschlaufe ersetzte und ein grimmiges Gesicht zog.

»Da habt ihr es«, rief er scharf, als die Digger zurückkamen,

»ich wette, dieser Indianerbastard war ein Späher der Apachen.
Das hier ist doch Apachenland, Männer. Wir müssen auf der
Hut sein. Gibt's noch mehr verdammte Rothäute hier unter
euch?«

Einen Moment redeten die Digger aufeinander ein.
»Nein, das waren die einzigen, Captain«, antwortete ein

Mann. »Was sollen wir jetzt machen? Wenn die Apachen
kommen, sehen wir sie nicht. Sie fallen über uns her. Und mit
viel Glück erwischen wir nur ein Dutzend und schicken sie zur
Hölle.«

»Quatsch«, erwiderte Jack scharf, »stellt Posten auf. Haltet

die Augen offen, Männer. Auch die Apachen kochen nur mit
Wasser. Ihr seht ja, daß ich zwei erwischt habe.«

»Dafür sind aber zwei von uns tot«, erwiderte ein bärtiger

Goldsucher. »Und die Indianer sind keine Apachen, sondern
Wichitas. Ich frage mich, was die Kerle so weit westlich
wollen.«

Jack spürte, daß die anderen zu sehr auf den Bärtigen hörten,

und brüllte laut: »Männer, es ist doch egal, welchem Stamm
die Indianer angehörten. Hauptsache ist, daß sie tot sind. Und
für mich ist nur ein toter Indianer ein guter Indianer. Hinterher
kümmert es mich nicht, ob er gekommen ist, mir guten Tag zu
sagen oder mir den Kopf abzuschneiden.«

Mehr als die Hälfte der Digger lachte, und das war ein gutes

Zeichen, fand Jack. Es sah so aus, als könnte er sich noch
steigern. Wenn er erst mal der anerkannte Boß hier war, würde
er alles ganz anders aufziehen. Die anderen sollten für ihn
arbeiten. Sie würden beteiligt, sicher, aber zu einem geringen
Teil. Auf jeden Fall bekamen sie so viel, daß sie das Gold
wieder in einem Laden lassen konnten, in dem Jack Schnaps
verkaufte.

Mann, das würde eine Sache. Er holte sich auf diese Art

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jeden Cent, der hier zu verdienen war.

Er bemerkte nicht den nachdenklichen, ja, furchtsamen

Blick, den Lynn Rogers ihm zuwarf. Die schöne Frau witterte,
daß sie bei Captain Jack wohl auf den falschen Mann gesetzt
hatte. Er verstand zwar eine Menge vom Boden und vom Gold.
Als Mensch hingegen war er zu machtgierig. Und Lynn hatte
sich geschworen, sich niemals beherrschen zu lassen.

*

»Noch ein Tag«, sagte Cochise, »dann erreichen wir
Eskaminzin.«

Ulzana, Unterhäuptling der Chiricahuas, antwortete nicht. Er

hatte beschlossen, seinem Chief einstweilen nicht mehr zu
antworten.

Ulzana war ein Weißenhasser, einer jener Männer, die sofort

einem fanatischen Kampfesauftrag gegen die Eindringlinge
zugestimmt hätten. Er stand auf Victorios Seite, würde die
tapferen Krieger der Chiricahuas lieber in einen aussichtslosen
Kampf, in den Tod führen, als mit friedlichen Mitteln die
Gefahren beilegen.

Quachan, der Aravaipa, der die Männer führte, lenkte sein

Pony an die Seite des großen Führers aller Stämme.

»Wir kommen an, wenn die Sonne den höchsten Stand

überschritten hat«, sagte Quachan. »Wenn wir während der
Nacht reiten, erreichen wir Eskaminzin schon zu der Stunde, in
der die Sonne aufgeht.«

Cochise lehnte ab. Es wäre unziemliche Hast, zu früh bei

dem befreundeten Häuptling zu erscheinen. Schließlich ging es
um ein Problem, das mit friedlichen Mitteln gelöst werden
sollte. Sonst hätte Eskaminzin nicht nach Cochise geschickt.
Denn der Anführer wußte, daß Quachan der Überbringer eines
Hilferufes war.

Sicherlich wurde Eskaminzin den Kriegstreibern in seinem

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eigenen Stamm nicht mehr so ganz Herr. Um seine Position zu
sichern, schob er Cochise, dessen Ansichten er teilte, den
zerbrochenen Bogen zu.

Victorio gab seinem weißen Mustang die Zügel frei. Der

Mimbrenjo brauchte einen scharfen Ritt, brauchte das
Austoben im wilden Land, um nicht an allem zu ersticken, was
er bisher mitgemacht hatte und noch erleben würde.

Cochises Gesicht war unbewegt, als er ihm nachschaute.

Aber der Chief der Chiricahuas ahnte, daß Victorio etwas ganz
anderes vorhatte.

»Ich sehe mir das Land an«, sagte Cochise und gab seinem

Schecken die Zügel frei.

Schräg zur Marschrichtung galoppierte das Tier in die

Wildnis. Nach wenigen Yards schon war keine Spur, kein
Hufabdruck mehr zu erkennen. Apachen sind Meister darin,
ihre Fährten unsichtbar zu machen, gar keine zu hinterlassen.

Der Jefe ritt so weit, bis er sicher war, nicht mehr im

Blickfeld seiner Begleiter zu sein. Erst dann änderte Cochise
die Richtung. In spitzem Winkel jagte er dorthin, wo er
Victorio vermutete.

Eine zerrissene Landschaft, mit hoch aufragenden Klippen,

karg bewachsen mit Wacholderbüschen, Kugelkakteen und
Dornbüschen mußte das Ziel des Mimbrenjos sein.

Um Cochises Lippen spielte ein wissendes Lächeln. Die

Späher der Chiricahuas waren genausogut wie jeder andere
Späher eines beliebigen Apachenstammes. Und er wußte
genau, daß ihre Gruppe von Kundschaftern der Mimbrenjos
umschwärmt wurde.

Cochise fürchtete nicht um sein Leben. Das würde Victorio

nicht wagen, aber der große Führer fürchtete um den Frieden
im Land, um die Zukunft der Apachenvölker.

Darum wollte er wissen, was Victorio, der Weißenhasser und

Kriegstreiber, seinen Spähern mitteilen würde.

Dort hinten, inmitten der Klippen, des vom Winde

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zerfressenen Landes, dort würde der Mimbrenjo mit seinen
Kundschaftern zusammentreffen.

Cochise leitete seinen Schecken hinter eine Gruppe von

riesigen Palmlilien. Der Mustang schnaubte leise, als sein Herr
ihm mit gespreizten Fingern durch die Mähne fuhr und ihm den
Hals klopfte. Das Tier senkte den Kopf. Es würde hier warten,
bis der Reiter zurückkehrte. Denn das waren die großen
Erfolge des indianischen Einreitens, bei dem der Wille des
Pferdes nicht brutal gebrochen wurde.

Die Männer der roten Rasse nahmen sich Zeit, stellten die

Freundschaft zwischen Mensch und Tier – oder wie sie sagten:
zwischen zwei Lebewesen – her und erreichten so eine
lebenslange Treue des Pferdes gegenüber seinem Herrn.

Cochise glitt zu Boden. Die Riesenyuccas warfen Schatten,

den der Chief ausnutzte. Nach wenigen Körperlängen konnte
nur noch das geübte Auge eines Spähers den grauen,
staubbedeckten Leib des hochgewachsenen Häuptlings vom
gleichfarbigen Untergrund unterscheiden.

Der Häuptling kroch wie eine Schlange voran. Er hatte eine

weite Strecke bis zu den Felsen zurückzulegen. Cochise wußte,
daß er sich Zeit lassen konnte. Der Mimbrenjo würde gerade
erst dort eintreffen. Die Klippen galten bei Victorios Kriegern
als Treffpunkt. Und nur der Große Geist wußte, wann die
Kundschafter dort eintrafen.

Cochise arbeitete sich ruhig weiter vor. Er glitt in eine

Mulde, die tief unter dem Rand Wasser enthalten mußte. An
den Rändern der kaum mannslangen Senke wuchs gelber
Wüstenlöwenzahn. An dem schmalen Abhang wucherten rote
Verbenen und weiße Blumen, die nur einen indianischen
Namen hatten.

Als Cochise auf der anderen Seite der kleinen Vertiefung

wieder hinaufgleiten wollte, verharrte er reglos.

Vor ihm, im grellen Sonnenlicht, inmitten des heißen Sandes,

lagen drei Klapperschlangen.

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So vorsichtig sich der Häuptling auch bewegt hatte, die Tiere

waren durch die kaum merkliche Vibration des Bodens
gewarnt worden. Zwei Köpfe hoben sich, pendelten hin und
her, und die gespaltenen Zungen zuckten förmlich aus den
Mäulern.

Cochise atmete gleichmäßig durch.
Er summte beruhigend.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis die erste Schlange den

Kopf senkte. Ihr Leib krümmte sich. Lautlos glitt das Reptil
davon, verschwand hinter einem umgestürzten Kaktus und kam
nicht mehr hervor. Sekunden später folgten die beiden anderen
Klapperschlangen, und Cochise arbeitete sich behutsam weiter
vor. Er wußte genau, daß eine grobe Erschütterung die Tiere
zum Angriff gereizt hätte.

Ohne weitere Schwierigkeiten gelangte er an den Fuß der

kahlen, steil aufragenden Klippen, die wie von Riesenhand in
die Landschaft geworfen wirkten.

Zwischen den dicken, senkrechten Felsplatten wucherte

spärliches Gras, wuchsen Kräuter, deren Blätter schlaff auf
dem Boden lagen. Es war lange her, seit hier Regen die
natürlichen Zisternen der Felsengruppe gefüllt hatte.

Cochise kroch vorwärts. Nun kam es nur noch darauf an,

kein Geräusch zu verursachen. Er brauchte weder Victorio
noch seine Späher zu sehen. Es genügte, wenn er ihre Stimmen
hörte.

Kein Laut war zu hören. Nur der schwache Wind raschelte

im Sand und pfiff unendlich leise, wenn er sich an den
schmalen Felsen brach.

Der Chief lag reglos. Stunden schienen zu vergehen, aber das

Zeitgefühl eines Apachen war nicht vorhanden, wenn er auf
Feinde, auf Beute lauerte.

»Victorio«, sagte eine Männerstimme halblaut, »Jefe, ich bin

gekommen, wie du befohlen hast. Ich war jeden Tag da.«

»Chantuan, ich reite mit Cochise zu den Aravaipas«,

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erwiderte der Häuptling der Mimbrenjos. »Eskaminzin ist
entweder zu einem alten Weib geworden oder aber er hat sich
etwas ganz Besonderes ausgedacht.«

Cochise hörte zu, wie sein ewiger Widersacher Victorio dem

Späher berichtete, was bisher geschehen war. Der große
Häuptling verzog keine Miene. Sollte doch der Mimbrenjo das
Gerücht verbreiten lassen, daß Cochise den Frieden auf seine
Art erhielt.

»Ich weiß nicht, was der Chiricahua machen wird«, fuhr

Victorio fort. »Aber auf jeden Fall muß er sein Gesicht wahren.
Er wird es nicht auf einen offenen Kampf ankommen lassen.
Denn dann ist seine Rede vom Frieden so viel wert wie der
Skalp eines Bleichgesichtes, das keine Haare mehr hat. Aber er
darf auch keine Möglichkeit haben, auszuweichen. Meine
Krieger sollen aufbrechen. Reite schnell, Chantuan, hole die
Krieger. Kein Weißer, kein Apache außer unseren Männern
darf nach Süden gelangen. Wenn Cochise seine Aufgabe an die
Blauröcke weitergeben will, so darf sein Bote nie bei dem
einarmigen Hund ankommen.«

Cochise verzog grimmig die Lippen. Victorio versuchte

alles, um den Führer der Stämme zu stürzen, seine Worte, sein
Handeln zu untergraben. Aber das sollte ihm nicht gelingen.
Denn hörten die kleineren Häuptlinge nicht mehr auf Cochise,
dann brach der Krieg über das Land herein. Die
Bleichgesichter kamen mit Kanonen und Gewehrmaschinen,
wie sie Thomas Jeffords einmal beschrieben hatte.

Cochise hatte genug gehört. Lautlos kroch er zurück. Er

wollte vor dem Mimbrenjo wieder bei der Gruppe sein, die
nach Norden ritt. Denn Victorio brauchte nicht zu wissen, daß
sein Plan bekannt war.

Cochise mußte nun einen ganz bestimmten Weg gehen, denn

er konnte nicht mehr mit der Übermacht der Krieger die
Weißen vertreiben.

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*

Klondyke lag im grauen Licht der Morgendämmerung. Über
den Pinalenos kroch unendlich langsam die Sonnenscheibe
empor.

Müde blickten die fünf Männer zu den Bergen, die den Fluß

einschlossen. Matt glänzten die Nadeln der Pinien, und ein
Eselhase hoppelte zwischen den Kräutern, die am Berghang
wuchsen, auf der Suche nach besonderen Leckerbissen, umher.

Keiner der Wächter bemerkte den plötzlichen Satz, den das

Tier machte.

Mit einen gewaltigen Sprung setzte der Hase davon, schlug

einen Haken und jagte auf eine Senke zu, die dicht mit
Gestrüpp bewachsen war. Ein letzter Satz brachte das Tier
mitten zwischen die Sträucher, wo es zitternd, mit angelegten
Ohren, hocken blieb und sich dicht an den Boden schmiegte.

»Nichts los«, sagte einer der Posten und gähnte.
Angewidert sah der zweite Mann auf die schwärzlich

verfärbten Zahnstummel seines Kameraden und grunzte nur.

»Ich möchte wissen, warum wir hier rumhocken«, fuhr der

erste mit gelangweilt klingender Stimme fort.

Der zweite Mann überlegte, ob er antworten sollte, fand die

Anstrengung aber zu groß und hielt den Mund. Immerhin hatte
er schon drei Stunden Wache hinter sich. In ein paar Minuten
mußte die Ablösung kommen. Und danach konnten die
jetzigen Posten endlich wieder nach Gold graben.

Denn schließlich waren sie hergekommen, um die große

Bonanza zu finden und nicht, um in die Dunkelheit zu starren.
Wenn die Indianer kamen, dann jedenfalls nicht in der Nacht.
Davon waren die meisten weißen Männer überzeugt.

Und sie alle hier hatten den Rothäuten ja schon gezeigt, was

ihnen blühte, wenn sie sich zu nahe an die Siedlung der
Weißen heranwagten.

Wo zum Teufel blieb nur die Ablösung? Die verdammten

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Kerle schnarchten und dachten gar nicht daran, ihre Freunde
abzulösen.

Das Grau des Morgens hellte sich etwas auf. Die ersten

Lichtstrahlen griffen über die Gipfelzüge der Pinaleno
Mountains und rissen die Zweige der Dornbuschwüste aus der
Dämmerung.

Die Wächter beobachteten das Camp, denn sie verfluchten

ihre Ablösung.

Und in diesem Moment geschah es.
Wie Pumas waren die Krieger herangeschlichen. Nun lagen

sie kaum zwei Schritte von den Posten entfernt. Hinter jedem
Weißen lauerten zwei Indianer auf ihre Chance. Denn die
Posten durften keinen Laut von sich geben, keinen Alarm
schlagen. Keiner von ihnen durfte noch den Abzug
zurückreißen und die schlafenden Goldgräber aufschrecken.

Ein leises, kaum hörbares Zischeln ertönte. Den Bruchteil

einer Sekunde später zischelte es überall.

Plötzlich wuchsen die roten Kämpfer förmlich aus dem

Boden. Schlingen legten sich um die Hälse der Weißen,
geschwungen von Händen, die in dieser Art des Tötens
hundertfach geübt waren.

Der Überfall mißglückte, denn einem der Posten gelang es

noch, den Abzug seiner Winchester durchzudrücken. Der
Schuß peitschte über das Tal. Auf einmal wimmelte es dort
unten von Bewaffneten.

Die Indianer ließen die Schlingen zurück, versuchten, sich

mit weiten Sätzen in Sicherheit zu bringen, aber eine Salve aus
mehr als drei Dutzend Gewehren mähte die Krieger nieder.

Captain Jack erfaßte sofort, daß die fünf Kämpfer nur der

Vortrupp waren, der die Posten ausschalten sollte. Durch die
Knallerei waren die übrigen Angreifer gewarnt. Vielleicht
änderten sie in letzter Sekunde ihre Taktik.

»Hört mir zu!« brüllte Jack mit seiner Stentorstimme, die

mühelos das aufgeregte Geschrei übertönte. »Nur der Teufel

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68

weiß, von welcher Seite die Rothäute kommen. Wir müssen
einen Kreis bilden. Los, verteilt euch. Die Männer mit
Schrotflinten erledigen die Kerle, die durchkommen. Schießt
nicht zu früh. Vergeßt nicht, daß die Schrotladungen nach etwa
hundert Yards zu weit streuen. Laßt die Roten rankommen.
Brennt ihnen die Ladungen auf das Fell, wenn sie noch dreißig
Yards entfernt sind.«

Jack rannte los. Er hielt auf die Hütten zu, die ein Stück

weiter flußaufwärts standen. Das stabilste Gebäude war das der
Freudenmädchen, und auf dessen flaches Dach wollte sich Jack
hinaufziehen.

Hufe dröhnten, als der bullige Anführer der Goldsucher noch

zwei Dutzend Yards von der Hütte entfernt war.

Mindestens achtzig Pferde galoppierten aus beiden

Richtungen durch den Aravaipa Creek. Das flache Wasser
spritzte hoch auf, und die ersten Pfeilwolken senkten sich von
den Hängen der Berge herab.

Vereinzelt dröhnten Gewehre, und Pulverrauch quoll

zwischen den kurzen Bäumen und den Büschen der
ansteigenden Talwände auf.

Im Zickzack rannte Jack weiter. Er wartete auf das schnelle

Hämmern moderner Winchestergewehre, auf den tödlichen
Bleihagel, den ein geübter Schütze aus einer solchen Waffe
abfeuern konnte. Doch statt des Stakkatogeräusches der
Karabiner wummerten nur Vorderlader und großkalibrige
Büffelbüchsen.

Innerlich atmete Captain Jack auf. Er hatte dafür gesorgt, daß

seine Männer die modernsten Waffen besaßen. Denn schon
lange vor Beginn des Trecks ins Apachenland war Jack
klargewesen, daß sie niemals ohne Auseinandersetzung mit den
Roten davonkommen würden. Zwanzig Gewehre bedeuteten
selbst in den Händen ungeübter Schützen eine gewaltige
Feuerkraft. Wenn die Digger nur mit jedem dritten Schuß einen
Indianer oder ein Pferd erwischten, so bedeutete dies immer

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noch hundertzwanzig Treffer.

Jack erreichte die Bretterwand des Freudenhauses und hörte

Elenas Stimme.

»Legt euch flach hin, ihr Schnepfen«, rief die Mexikanerin,

»die Kugeln zischen durch die Wände wie durch Ziegenfett.«

Jack schob das Gewehr auf das flache Dach und zog sich mit

beiden Händen hinauf. Sekunden später lag er auf dem Bauch,
die Winchester schußbereit vor sich. Er zielte auf den
vordersten Reiter, der von Norden her durch das Bett des
Aravaipa galoppierte.

Jack drückte ab. Der Indianer warf beide Arme hoch und

rutschte vom Pferd. Jack legte die Patronenschachtel, die er aus
seinem Zelt mitgenommen hatte, dicht vor sich.

Wie ein Automat lud der vierschrötige Mann durch und

feuerte. Jede seiner Kugeln traf. Die Angreifer, die aus
nördlicher Richtung heranjagten, bildeten innerhalb weniger
Sekunden ein wirres Knäuel aus Toten, Verwundeten und
sterbenden Pferden, die grell wieherten und schrien.

Drei, vier Pfeile schlugen dicht neben Captain Jacks Kopf

ein. Die Schäfte wippten noch, als sich der Digger herumwarf
und die letzten beiden Schüsse auf die Krieger abfeuerte, die
von Süden durch das Tal herangaloppierten.

Jack preßte mit schnellen Bewegungen Patronen in die

Ladeklappe seines Gewehres.

Bald waren die Angreifer nahe genug heran. Warum zögerten

die Idioten denn noch, dachte Jack. Aber da donnerten auch
schon die Parker- und Greenerflinten, und ein vernichtender
Schrothagel fuhr wie ein Ungewitter zwischen die Roten.

Aus den Hügeldeckungen dröhnten immer wieder zwei

Gewehre in regelmäßigen Zeitabständen. Allmählich schossen
sich die Kerle ein. Eines der Geschosse riß Jack den Stiefel am
Schaft auf, ein anderes traf die Munitionsschachtel in dem
Moment, als der Goldsucher sich vom Dach wälzte.

Jack hörte eine weitere Salve der Schrotflinten und schluckte

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70

ein paarmal, um das Dröhnen und Klingeln aus den Ohren zu
vertreiben.

Die Berittenen rissen ihre Pferde herum. Weit beugten sich

die Reiter von den Pferderücken hinab, rissen ihre verwundeten
Freunde hoch und trieben die Tiere mit schrillen Schreien an.

Kein Schuß fiel mehr, kein Pfeil wurde abgefeuert, nur die

gellenden Rufe der flüchtenden Indianer durchbrachen die
Stille. Ab und zu schlug ein Pferd mit den Hufen hilflos in der
Luft. Das Wasser des Aravaipa färbte sich rot von Blut.

Jack blinzelte zur Sonne hinauf, die gerade zu einem Viertel

über die Gipfel der Pinalenos gestiegen war. Der gesamte
Angriff hatte kaum länger als zehn Minuten gedauert.

»Also los, Männer«, brüllte Captain Jack. »Räumen wir auf,

Leute. Das werden sich die verfluchten Roten merken. Mit uns
können sie nicht umspringen wie mit 'nem einsamen Farmer.
Ich wette, die Apachen stimmen jetzt ein mächtig großes
Geheul an, wenn die Krieger wieder bei ihren Sippen sind.«

Der bärtige Goldsucher, der schon vor einiger Zeit gesagt

hatte, daß die beiden erschossenen Späher keine Apachen
gewesen waren, ging zum Wasser und betrachtete die toten
Angreifer genau.

Anschließend kam der Mann zu Jack und sagte laut: »Mister,

das sind keine Apachenkrieger. Das sind Caddos und Wichitas.
Die Kerle leben weit im Osten, eigentlich jenseits des Rio
Grande. Ich schätze, die Kerle sind auf einem Raubzug. Die
Apachen stehen uns noch bevor.«

»Halt dein Maul«, sagte Jack leise, aber scharf. »Das

brauchen diese Narren doch nicht zu wissen. Es genügt, daß sie
den Angriff abgeschlagen haben. Jetzt fühlen sie sich stark und
unverwundbar und werden auch die Apachenkrieger zur Hölle
schicken.«

Der Bärtige lächelte mitleidig und erwiderte: »Du hast von

Apachen so viel Ahnung wie meine tote Grandma von
Klapperschlangen. Du wirst dich noch wundern, Mister Jack.«

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Der vierschrötige Mann registrierte, daß ihn der Bärtige nicht

mit Captain ansprach und war auf der Hut. Denn dieser Kerl
schien ein Widersacher zu sein.

»Was habe ich mit deiner toten Grandma zu schaffen?«

fragte Jack lässig. »Ich bin nicht tot.«

»Grandma hatte die Schlange mit 'nem Regenwurm

verwechselt, darum starb sie«, erwiderte der Bärtige grinsend.
»Und genauso wird's dir auch ergehen, wenn du Apachen mit
Wichitas und Caddos verwechselst. Das eben war ein
Theaterstück aus der Sonntagsschule gegen einen
Apachenangriff. Aber mach du nur, was du willst, Jack.«

Wut und Unglauben beherrschten Jack, als der Bärtige

davonging. Aber was von seinen Worten zu halten war, würde
sich bestimmt in den nächsten Tagen herausstellen.

Der vierschrötige Anführer der Digger beaufsichtigte das

Aufräumen und verzog das Gesicht, als die fünf toten Posten
an ihm vorbeigetragen wurden.

Hätten die Narren besser aufgepaßt, wären sie noch am

Leben.

Jack war der Meinung, daß die Goldsucher gewarnt waren.

Und die neuen Wächter verhielten sich wohl wachsamer als die
Toten.

Captain Jack irrte sich mächtig. Denn die neuen Posten

waren voller Triumph. Hatten sie nicht gezeigt, wie sie mit den
verdammten Roten fertig geworden waren? Ha, sie sollten nur
kommen, dann gab es keinen mehr, der noch davonlaufen
konnte.

*

Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, nickte
Cochise dem Aravaipa-Führer zu. Quachan gab seinem Pony
die Zügel frei und ließ es galoppieren.

Der Bote sollte dem Häuptling des Stammes die Ankunft der

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Häuptlinge ankündigen.

Quachan war etwa eine halbe Stunde geritten, als er von

Norden her einen Mustang kommen sah, der im jagenden
Galopp die gleiche Richtung nahm.

Der Krieger erkannte das Pferd seines Freundes Setonya und

stieß den Ruf des Jagdfalken aus, der zwischen ihnen das
vereinbarte Zeichen war.

Setonya verhielt sein Tier etwas. Quachan holte auf, und als

er seinen Fuchs neben dem Freund verhielt, gab der dem
eigenen Tier wieder die Zügel frei.

Gemeinsam jagten die beiden Mustangs auf das Lager der

Aravaipas zu.

In kurzen, schnellen Sätzen schilderte Setonya den Angriff

auf die Bretterstadt der weißen Eindringlinge.

Quachan war klar, das dies die Lage verschärft hatte. Selbst

Cochise würde es schwer haben, die Bleichhäutigen zum
Abzug zu bewegen. Denn nun fühlten sich die Weißen stark,
unbesiegbar. Hatten sie doch den Angriff einer räuberischen
Horde Indianer abgeschlagen.

Daß es marodierende Caddos und Wichitas waren, machte in

ihren Augen keinen Unterschied aus.

Eine Trommel dröhnte hell, als die beiden Freunde das Lager

erreichten. Sie sahen zwei abgetriebene Mustangs im Grastal
stehen und wußten, daß Eskaminzin schon durch die anderen
Späher von dem Überfall erfahren hatte.

Quachan lief zum Jacale des Chiefs. Setonya folgte

langsamer, denn seine Nachricht war nicht mehr so dringend.

»Cochise ist auf dem Wege hierher«, meldete Quachan

seinem Jefe. »Er bringt Victorio und die Unterhäuptlinge mit.«

Eskaminzin hatte fest damit gerechnet. Er gab eine Reihe von

Befehlen, und Sekunden später flammten Feuer auf. Die
Squaws steckten große Fleischbrocken auf Hartholzstäbe und
hielten sie über die Flammen. Andere Frauen schleppten
Kürbisse herbei, die Tizwin, den vergorenen Agavenschnaps

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enthielten.

Eine Reihe von Kriegern, die Bögen auf den Rücken, gefüllte

Pfeilköcher an den Seiten, liefen auf ihre Posten. Denn Cochise
sollte wie der Mann empfangen werden, der er war: Als der
Oberhäuptling aller Apachenstämme.

Dumpf hallten die Trommeln in einem lockeren Rhythmus.

Der Geruch des garenden Fleisches zog über das Lager. Und
manch ein Krieger, manch eine Squaw verspürte die Vorfreude
auf den Genuß des Mulifleisches, das für alle Apachen eine
Delikatesse war.

Und dann kam Cochise. Er saß stolz und gerade auf seinem

hageren Pinto, der wie geschaffen für die Wüste schien.

Victorio ritt eine halbe Länge hinter dem großen Häuptling.

Der Mimbrenjo wollte wohl betonen, daß der Unterschied
zwischen ihm und Cochise nicht mehr als eine halbe
Pferdelänge betrug.

Hinter den beiden ritten Chato, Nana und Loco und Ulzana.

Ihren Mustangs folgten die Tiere der zwölf Krieger, die der
Chief als Ehrenwache mitgenommen hatte.

Wie es die Sitte erforderte, stand Eskaminzin auf, ging den

Besuchern ein paar Schritte entgegen und hob beide Arme halb
in die Höhe und zeigte die Handflächen.

»Du bist der Gast des Stammes, Cochise«, rief Eskaminzin

laut, »und das, was ein Krieger des Stammes dir zufügt, hat er
mir zugefügt. Sei willkommen bei den Aravaipas, Vetter.«

Cochise erwiderte die Worte mit der vorgeschriebenen

Antwort. Auch der große Chief erwähnte mit keinem Wort
seine Begleiter. Natürlich galt die Gastfreundschaft auch für
die Ehrenwache, aber daß Eskaminzin Victorio nicht genannt
hatte, trieb dem Mimbrenjo den heißen Zorn in die Augen. Er
beschloß, daß der Aravaipa diese Beleidigung irgendwann
einmal büßen würde.

Halbwüchsige Knaben liefen heran und führten die Pferde zu

einem Grasfleck, durch den sich ein fußbreiter Wasserlauf

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wand. Im trockenen Land war dies als besondere Ehrung
anzusehen.

Wenig später saßen die Gäste vor dem großem Feuer, das nur

ein paar Schritte von Eskaminzins Jacale entfernt loderte. Der
köstliche Duft des gebratenen Mulifleisches, der Geruch des
Tizwin und die Wurzeln, die in der Glut geröstet worden
waren, zeigten, daß der Chief der Aravaipas ein Festmahl
vorbereitet hatte.

Cochise beobachtete den befreundeten Häuptling unauffällig.

Nichts wies darauf hin, daß der Anführer des kleinen Stammes
ihn auf eine hinterhältige Art reinlegen wollte.

»Holt die Alten, holt den Rat der weisen Männer

zusammen«, rief Eskaminzin. »Sie sollen mit uns essen, denn
sie haben zusammen mit mir entschieden, daß Cochise unser
oberster Richter ist und ihm zusteht, die Feinde des Friedens
zurechtzuweisen.«

Ein paar alte Krieger schlurften heran. Cochise sah die

grinsenden, faltigen Gesichter, den verhaltenen Spott in den
Augen dieser Alten und wußte plötzlich, daß der Häuptling der
Aravaipas einen schlauen Schachzug durchgeführt hatte.

Zuerst reichte Eskaminzin dem Gast das beste Stück Fleisch.

Danach bot der Führer des kleinen Stammes auch Victorio
Mulibraten an. Ohne auch nur eine Geste des Dankes nahm der
Mimbrenjo an und aß sofort.

Es dauerte lange, bis alle satt waren, bis die ausgehöhlten

Kürbisse mit Tizwin die Runde machten.

Cochise war als erster mit dem Essen fertig gewesen. Er

blieb in allen Dingen des täglichen Lebens maßvoll. Nur in
seinem Zorn konnte er sich selbst verlieren.

»Ich bin gekommen«, begann Cochise, und trank einen

winzig kleinen Schluck des Agavenschnapses, »weil ich von
weißen Eindringlingen im Land der Aravaipas hörte. Natürlich
weiß ich, daß du genügend mutige Krieger hast, um solche
Probleme schnell und nach Art unserer Rasse zu lösen. Aber du

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weißt, daß ich Frieden mit dem einarmigen Soldatenvater
geschlossen habe. Für die Dauer von sechs Mondzeiten soll
kein Apache einen Weißen angreifen.«

Victorio nahm einen gewaltigen Schluck, stieß hörbar auf

und rief laut:

»Was sollen diese Worte, Cochise. Die weißen Hunde sind

ohne Gesetz, ohne Recht. Howard hat dir versprochen, die
Bleichgesichter aus unserem Land fernzuhalten. Was
geschieht: sie kommen zu unserem Vetter Eskaminzin und
bauen eine Stadt, weil sie verrückt nach Gold sind. Ich sage:
vertreiben wir diese weißen Gesetzesbrecher nicht. Ich sage:
töten wir sie! Töten wir sie nach Art unserer Väter. Denn das
ist unser Recht, das ist Apachenrecht im Apachenland.«

Tadelnd sah Cochise den Mimbrenjo an. Victorios schwarze

Augen schienen in einem unheimlichen Feuer zu glimmen. Die
Haare hingen ihm strähnig auf den Schultern, und der ganze
Mann strahlte nur unterdrückte Wut und Kampfesgier aus.

Er brannte darauf, sich mit Gewehr und Kriegsbeil auf dem

Rücken eines feurigen Mustangs mitten in die Schlacht zu
werfen. Er witterte Blut, das Blut der Weißen, und hörte
sicherlich schon die Schreie der Krieger, die zum Töten
aufriefen.

»Victorio, ich habe vom Frieden gesprochen«, sagte Cochise

sanft. »Und ich bin gekommen, unseren Vetter Eskaminzin
zum Frieden zu ermahnen.«

»Wie willst du diese Bleichhäutigen friedlich aus diesem

Land jagen?« fragte Victorio herausfordernd. »Sie suchen
Gold, und das hält sie hier, das läßt sie sich in den Boden
krallen wie der Adler seine Beute krallt.«

»Warte ab, Mimbrenjo«, erwiderte Cochise gelassen. »Du

wirst es sehen. Du hast mein Wort, Victorio.«

Der Häuptling starrte den hochgewachsenen Führer der

Chiricahuas an und rief: »Was werde ich sehen? Einen Krieger,
der zu den Blauröcken reitet und nach Hilfe ruft? Sehe ich

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Pferdesoldaten, die ins Tal der Aravaipas kommen und ihre
Rassegefährten davontreiben? Ist das deine Kunst, Cochise?
Denn du hast dich doch mit den Weißhäutigen verbündet. Du
verrätst die Apachen, du verrätst deine eigene Seele.«

Cochise lächelte freundlich als er erwiderte: »Ich reite nicht

zu den Blauröcken, Vetter. Und wenn ich zu General Howard
wollte, würden mich deine Krieger nicht aufhalten.«

Victorios Gesicht wurde sofort glatt und ausdruckslos. Der

Mimbrenjo überlegte fieberhaft, was Cochise wußte. Wer hatte
ihm hinterbracht, daß die Mimbrenjos das Land abgeriegelt
hatten? Woher wußte der große Häuptling, daß Victorio aus
dieser Sache eine Machtprobe entwickelt hatte, um Cochise
bloßzustellen und ihm seine Anhänger abzugewinnen?

»Wenn mein Bruder Eskaminzin einverstanden ist«, sagte

der Chief, »nehme ich mich der Sache an.«

Der Anführer der Aravaipas nickte und drückte mit blumigen

Worten seine Zustimmung aus, während er seinen alten
Kriegern, die den Rat des Stammes bildeten, zublinzelte.

Die zahnlosen Greise unterdrückten ihre Heiterkeit kaum

noch. Sie hielten Cochise für einen Narren, denn was wollte
der mit zwölf Kriegern gegen die Weißen am Fluß ausrichten?
Außerdem war dies die beste Gelegenheit zu zeigen, daß
Cochises Friede keiner sein konnte. Denn die Weißen drangen
weiterhin in das Land der Apachen ein und wußten doch, daß
diese Halbwüste die letzte Hürde vor der Hölle war.

Cochise nahm noch einen kleinen Schluck Tizwin und

lauschte den Trommeln. Ein Instrument unterschied sich von
dem Rhythmus der anderen.

Der Krieger spielte die Melodie, die die Männer des

Stammes zum Kampf aufrief.

»Wann willst du zu den Weißen reiten?« fragte Eskaminzin

laut und sah Cochise eindringlich an.

»Wir haben gegessen«, erwiderte der Chief. »Ich reite, wenn

uns das Essen in unseren Bäuchen nicht mehr behindert.«

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Der Ruf der Kriegstrommeln wurde kräftiger, lauter.

Durchdringend überlagerte die Melodie die Rhythmen der
anderen Instrumente und übertönte selbst noch den Klang der
einsaitigen Apachenfiedel, die nun einfiel.

Cochise sah auf. Genau gegenüber stand ein Krieger von

vielleicht zwanzig Sommern. Das Gesicht des Mannes war
durch die flackernden Flammen kaum zu erkennen. Zudem
stand die Sonne so steil, daß sie alle Augen blendete, die zu
dem Aravaipa blickten.

Abrupt verstummte das Dröhnen der Trommel.
»Sag uns Kriegern, Jefe«, rief der Mann, »warum wir nicht

Beute machen sollen? Sag uns, warum du verboten hast, Skalps
zu nehmen. Sag uns, warum du die Bleichgesichter schützt.
Wir Krieger wollen töten. Wir wollen das Blut der
Weißhäutigen sehen, wollen ihr Gewimmer im Todeskämpf
hören und unser Land von ihnen befreien.«

Eskaminzin sprang geschmeidig auf. Mit drei langen

Schritten erreichte der Häuptling den Krieger, holte aus und
schlug ihn mit der Faust nieder. Der Aravaipa fiel wie ein
Baum. Seine Haare lagen nur eine Handbreit von der Glut
entfernt. Und Eskaminzin machte sich daran, den Mann ins
Feuer zu schieben. Denn er hatte es gewagt, die heilige
Gastfreundschaft zu verletzen und damit auch seinen eigenen
Chief tödlich beleidigt.

Cochise hob die Linke ein wenig und rief halblaut: »Nein,

Bruder, laß den Krieger leben. Er ist ein junger Wolf, der aus
dem Rudel ausbrechen möchte. Er wird der Vater vieler Söhne
sein. Und seine Söhne werden noch in fünfzig oder mehr
Sommern nach Art der Apachen leben. Aber kämpft er jetzt,
stirbt er. Tötest du ihn, bringt er deinem Stamm keine Söhne
mehr. Laß den jungen Wolf leben, Eskaminzin. Ich schenke dir
dieses Leben.«

Der Häuptling der Aravaipas blickte Cochise über die

Flammen hinweg an und erkannte, daß der große Anführer

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seine Worte ernst meinte.

Sofort ergriff Eskaminzin die Gelegenheit und sagte: »Gut,

aber über dieses Leben müssen wir allein sprechen.«

Cochise nickte und stand auf. Er folgte dem Aravaipa hinter

die Jacales zum Grasplatz der Pferde. Hier konnte kein Krieger
anschleichen und die beiden Männer belauschen.

*

John Haggerty war mit der Wildnis vertraut. Nicht nur seiner
Freundschaft mit Cochise wegen hatte er den Titel eines
Lieutenants von General Howard verliehen bekommen.

John war einer der besten Scouts des Südwestens. Er

vermochte sich fast wie ein Apache unsichtbar zu machen, fand
Wasser an Orten, die jedem anderen Weißen nur ein müdes
Lächeln entlockt hätten und wußte all seine Sinne zu
gebrauchen.

Und so spürte Haggerty, als er nach Süden ritt, daß etwas

vorging in dem wilden Land, dessen Kargheit beinahe schon
wieder schön zu nennen war.

John entschloß sich, den kräfteraubenden Trail nach Fort

Buchanan zu nehmen. Das Pferd war stark genug, um diese
Strecke bewältigen zu können. Der Scout mußte die
Greasewood Mountains durchqueren, die sich südöstlich an die
Pinalenos anschlossen. Hatte John diesen Gebirgszug hinter
sich gebracht, lagen noch etwa fünfzig Meilen vor ihm, bis er
das Fort erreichte.

Haggerty wußte nicht, daß Victorios Krieger das Land

abgeriegelt hatten. Trotz Kenntnis dieser Tatsache wäre er auf
jeden Fall geritten. Denn wenn im Land der Aravaipas
Goldsucher den Boden umwühlten, so zählte das Leben des
Scouts nicht viel. Es ging um den Frieden im Südwesten,
darum, Howards und Cochises Versprechen nicht als Lügen
erscheinen zu lassen.

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John lenkte das Tier zu einer Rinne, die während des

spärlichen Regens als Wasserlauf diente. Der Staub lag in
diesem Arroyo fast zwei Inches hoch, denn schon lange war
kein Wasser mehr vom Himmel auf die ausgedörrte Erde
gefallen.

Nach den ersten Schritten des Pferdes zog John am Zügel.

Der Scout vermochte nicht zu sagen, was ihn mißtrauisch
gemacht hatte, aber er achtete auf die Warnungen seines
Instinktes.

Aufmerksam musterte Haggerty die Überkante der schrägen

Rinne, senkte seinen Blick zu den glatten Wandungen und dem
Staubbett auf dem Boden. Es wirkte unberührt, aber was hatte
das schon zu bedeuten? Es gab zahllose Wege in die Berge,
und mehr als zwei Dutzend führten dorthin, wo dieser Arroya
mündete.

Eine schwache, kaum wahrnehmbare Bewegung ließ John

aufmerken. Er sah wieder hinauf. Eine dünne, nur gegen das
Licht der Sonne kaum zu erkennende Staubfahne wirbelte
durch die Luft.

Haggerty sog tief die Luft in die Lungen.
Das hier waren Apachentricks. Vielleicht lag dort oben

wirklich ein Krieger auf der Lauer, wartete nur auf den
Weißen, der arglos heraufritt und tötete das verhaßte
Bleichgesicht.

Genausogut konnte es ein anderer Trick sein. Ein zweiter

roter Kämpfer lauerte auf dem Ausweichpfad, und sein
Kumpan warf dort oben den Sand in die Luft, um den Weißen
zum anderen Weg zu treiben. Aus diesen verschiedenen
Möglichkeiten ließen sich eine ganze Menge böser Situationen
zusammenstellen. Und fast jede konnte für den Scout tödlich
enden.

Haggerty preßte entschlossen seinem Pferd die Absätze in

die Flanken. Das Tier griff weit aus, stieß sich mit den
Hinterbeinen ab und trabte fast durch die Rinne nach oben.

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Mit dem letzten Ausgreifen gewann das Pferd den flachen,

steinigen Rand und spürte plötzlich Johns Faust zwischen den
Ohren. Erschreckt machte es einen Satz nach vorne.

Ein Revolver wummerte. Die Kugel fauchte eine Armlänge

an Haggerty vorbei. Seine Witterung hatte ihn nicht getrogen.
Die Feinde lauerten hier oben.

Während der Scout das Pferd in Galopp brachte, sah sich der

Reiter schnell um. Es war lange her, seit er diesen Weg
genommen hatte. Verändert hatte sich nicht viel. Die Büsche
waren ein wenig größer geworden, und die schrundigen Felsen
lagen noch immer so, wie er es in Erinnerung hatte.

In wilden Zickzacksprüngen lenkte Haggerty das Pferd auf

die mehr als mannshohen Felsen zu. Zwischen ihnen wollte er
sich bis zu den Gelbkiefern vorarbeiten, die etwa hundert Yard
entfernt wuchsen. Die Deckung der jungen Bäume war für
John ausreichend.

Wenn aber zwischen diesen Kiefern Apachen lauerten, stand

es schlecht um ihn.

Ich muß durch, dachte der Scout. Wenn die Aravaipas die

Weißen töten und davonjagen, kommen in ein paar Wochen
Tausende von goldhungrigen Kerlen und metzeln zuerst die
Apachen nieder, bevor sie nach Gold suchen. Dann flammt der
Krieg wieder auf, und Cochise und ich stehen auf
verschiedenen Seiten und müssen gegeneinander kämpfen.

Das Pferd schnaufte laut, gehorchte aber den scharfen

Rucken der Zügel. Dicht an den Felsen hetzte es vorbei, und
mehr als einmal war Johns Bein in Gefahr, von vorstehenden
Gesteinszacken aufgerissen zu werden.

»Hooco, Falke, ich sehe dich!« rief ein Krieger kehlig hinter

John. »Warte auf mich, Falke, du bist eine Made, weiß wie
eine Made, die im fetten Boden lebt. Warte, Falke, damit ich
dir deinen Skalp nehmen kann!«

Haggerty stieß einen kurzen Fluch aus. Der Sprachfärbung

nach war ein Mimbrenjo hinter ihm her. Und Victorios Krieger

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81

hielten sich nicht an Cochises versprechen, keinen Weißen zu
überfallen.

Die Zweige zwischen den Kiefern schwankten. Kein

Windhauch fächelte über den Berghang. John zog gewaltig am
Zügel, riß das Pferd förmlich nach rechts, aber es war zu spät.

Zwei Mimbrenjo-Krieger trieben ihre kleinen, zähen Ponys

an und preschten aus der grünen Deckung hervor.

»Komm zu uns, Falke!« brüllte einer der Indianer spottend,

»schenk uns deinen Skalp!«

John sah, daß die beiden Apachen die Richtung änderten. Sie

trennten sich. Einer der Krieger ritt am Rand der Gelbkiefern
entlang, versperrte dem Scout die Flucht nach vorne, und der
zweite Apache schnitt John den Weg aus dem Felsengeröll
heraus ab.

Es konnte nur noch Sekunden dauern, bis die Pfeile

schwirrten.

Da, drei dumpfe Schläge. Die Eisenspitzen hatten das

Sattelleder durchbohrt. Erschreckt stieg das Pferd vorne hoch,
als es die Wunden spürte. Haggerty hatte alle Hände voll zu
tun, aber als das Tier schrill wieherte, als es den Schmerz des
stechenden Eisens spürte, das durch die Sattelbewegungen
immer mehr Haut aufriß, mußte John aufgeben.

Er zog die Winchester aus dem Scabbard, lud durch und

schnellte sich aus dem Sattel. Der Scout prallte hart auf, drehte
sich blitzschnell um die eigene Achse und stieß sich mit den
Füßen ab.

Als er sich umwandte, war der Sattel des Pferdes gespickt

von Pfeilen. Und jetzt schlugen drei der tödlichen Geschosse in
den Hals des Tieres. Es röchelte, knickte mit den Vorderbeinen
ein und brach zusammen.

Grimmig zog Haggerty das Gewehr an die Schulter und

feuerte. Der Apache vor der Kiefernwaldung wurde wie von
einer gewaltigen Faust von seinem Pony gefegt.

Die beiden anderen stießen schrille Schreie aus. Ihre

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Mustangs reagierten auf den leichtesten Zügeldruck, auf die
winzigsten Bewegungen der Beine und Hacken. Mit
sinnverwirrenden Sprüngen, die vor und zurück, nach links,
rechts, schräg zur Seite führten, näherten sich die Pferde der
beiden Mimbrenjos den Bäumen.

John pendelte mit dem Gewehr hin und her. Wenn er endlich

einen Krieger im Visier hatte, abdrücken wollte, vollführte
dessen Pony einen unerwarteten Satz.

Zorn stieg in dem Scout auf, und Zorn war ein schlechter

Ratgeber.

Haggerty holte tief Luft und jagte einen Fächer von acht

Kugeln zu den beiden Reitern hinüber.

Das linke Tier steilte vorn hoch, hilflos fuhren die Hufe

durch die Luft, und der Mimbrenjo schnellte sich wie ein
braunroter Ball von seinem Pony. Der Krieger landete unsanft
mit dem Kopf und Nacken auf einem kniehohen Stein und
bäumte sich auf, bevor er reglos liegenblieb. Der Kopf hing
seltsam schief zur Seite. Der Apache mußte sich das Genick
gebrochen haben.

Voller Wut stieß der letzte Kämpfer seinen Schlachtruf aus

und jagte heran. John wartete bis zum letzten Moment und
feuerte. Der Indianer war sofort tot.

Haggerty zog Patronen aus den Gurtschlaufen und lud die

Winchester auf. Wo drei Mimbrenjos auf der Lauer lagen,
konnten noch mehr sein.

Lange wartete der Scout ab. Er besaß die Geduld der

Apachen, wenn es darauf ankam.

Während der Wartezeit überlegte John, daß er zu Fuß nach

Fort Buchanan marschieren mußte. Der einzige Ausweg war
ein Indianermustang. Für einen toten Krieger wäre das
Einfangen eines Ponys kein Problem gewesen. Haggerty
jedoch trug den Geruch der Weißen mit sich, und das machte
die Sache ungeheuer schwierig.

Die Sonne war ein großes Stück weiter nach Westen

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gewandert, als der Scout schließlich die Deckung der
Gelbkiefern verließ und lautlos zu dem ersten toten Krieger
schlich.

Der Apache war in den ewigen Jagdgründen, daran hatte

John keinen Zweifel. Auch der zweite Angreifer lebte nicht
mehr. Haggerty huschte zu dem dritten Mann hinüber.
Irgendwas warnte den Scout. Aufmerksam betrachtete er den
Mimbrenjo. Es konnte sein, daß er sich das Genick gebrochen
hatte. Aber genausogut war es möglich, daß sich der Krieger
verstellte.

Abschätzend blickte John auf die Adern am Hals. Die Sonne

blendete den Weißen, so daß er nicht sehen konnte, ob sie
pulsierten.

Es knackte metallisch, als Haggerty den Hahn der

Winchester zurücklegte. Schußbereit das Gewehr in den
Fäusten, pirschte sich der Chiefscout weiter.

Als er noch drei Schritte von dem Krieger entfernt war, kam

Leben in den Indianer. Er schnellte sich zur Seite, hielt
plötzlich einen Colt in der Hand und feuerte.

John sah fast genau in die orangerote Blume des

Mündungsfeuers, spürte einen scharfen Schmerz am Hals und
drückte ab. Der Krieger war tot, jetzt war er tot. Aber vorher
hatte er länger als zwei Stunden in glühender Sonne gelegen
und nur darauf gewartet, dem verhaßten Bleichgesicht das
Leben nehmen zu können.

Haggerty griff mit der Linken zum Hals. Als er die Finger

zurückzog und betrachtete, waren sie naß von Blut. Ruhig
erforschte John die Wunde. Sie schlug nicht im Takt seines
Herzens, also hatte er eine Chance.

Der Scout löste das Halstuch und klemmte es zwischen die

Zähne, als er zu den Bäumen zurückging. Dort, im
Halbschatten, mußte eine bestimmte Pflanze wachsen, deren
Blätter blutstillend wirkten, wenn sie zu einem Brei zerkaut
und auf die Wunde gestrichen wurden.

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John suchte lange. Es dämmerte bereits, als er die Pflanze

fand. Brach denn wirklich schon der Abend herein?

Mühsam wandte Haggerty den Kopf. Die Sonne stach grell

in seine Augen. Nein, es war noch heller Tag. Der Blutverlust
hatte den Scout geschwächt. Er verlor langsam die Besinnung.

Schnell, dachte er, ich muß mich verbinden.
Er rupfte mit unsicheren Bewegungen Blätter ab, steckte sie

in den Mund und kaute mühsam. Jedes Zusammenbeißen der
Zähne jagte einen höllisch heißen Schmerz durch die
Halswunde.

Endlich schien der Brei richtig zu sein. Mühsam holte der

Scout die Masse aus dem Mund und verlor beinahe die Hälfte
davon. Lange Zeit stierte Haggerty auf den Boden, auf die
braungefärbten Nadeln und fand den Anblick der hellgrünen
Flecken des Breis auf diesem Untergrund lustig.

Er kam wieder zu sich, und sofort spürte er den Schmerz.

Dies war das sicherste Zeichen, daß sein Kopf halbwegs klar
wurde. John schmierte sich den Rest des schon trocknenden
Gemisches auf die Verletzung und hoffte, daß die Kugel sauber
gewesen war. Denn sonst war eine Blutvergiftung fällig. Und
die verlief in neunzig von hundert Fällen tödlich.

Mit ungeschickten Fingern knotete John das Halstuch so fest

um den Hals, daß er gerade noch Luft bekam.

Erschöpft hielt er inne und dachte nach. Aber während er

versuchte, die Gedankenfetzen zu haschen, fiel er zur Seite auf
das weiche Polster aus Piniennadeln und versank in
Bewußtlosigkeit.

Victorios Krieger hatten ihre Aufgabe erfüllt: Der Weg nach

Süden, die zahllosen Trails und Pfade, die nur den Apachen
bekannt waren, blieben für jeden Menschen gesperrt.

Und der einzige Weiße, der Scout John Haggerty, lag

besinnungslos im Schatten der Kiefern. Nur er hätte das
erneute Auflodern der Kämpfe verhindern können. Aber er
hatte keine Chance.

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*

Cochise sah Eskaminzin lächelnd an und sagte: »Berichte,
mein Bruder, was bringen die alten Männer vor? Reden sie
vom Krieg? Stehen in ihrem müden Geist die Heldentaten ihrer
Jugend wieder auf?«

Der Aravaipa lächelte ebenfalls.
»Häuptling«, erwiderte er respektvoll, »du weißt, daß ich

mein Volk bewahren will. Du weißt, daß wir Vieh züchten und
Äcker bauen. Aber jetzt sind die weißen Männer an unseren
Fluß gekommen und waschen das Gold aus dem Sand. Sie
durchwühlen die Hänge der Berge, zerstören die Wurzeln der
Bäume und Sträucher, und der spärliche Regen rinnt auf dem
nackten Gestein davon.«

Cochise nickte. Er kannte als Sohn der Halbwüste jedes

Wasserproblem, das nur denkbar war. Aber hier ging es nicht
um das kostbare Naß. Hier ging es um mehr.

»Die Alten, die zahnlosen Männer des Rates«, fuhr

Eskaminzin fort, »sie fordern, daß meine Krieger mit Pfeilen
und Kriegsgeschrei über die Eindringlinge herfallen.«

Abermals nickte der große Chief. Cochise erweckte den

Eindruck eines Felsens, den nichts erschütterte.

»Aber du willst Frieden halten, Bruder«, sagte er. »Das ist

gut und klug von dir. Der Rat der Alten stimmte also deinem
Vorschlag zu, mich herzuholen, und mich die Eindringlinge
vertreiben zu lassen?«

»So ist es, Bruder«, antwortete Eskaminzin.
»Du weißt, was das bedeuten kann?« fragte der Häuptling.
Der Aravaipa senkte den Kopf. Ja, Eskaminzin wußte, was

geschah, wenn es zu Blutvergießen kam.

Cochise stand als Lügner und Wortbrecher vor den Weißen.

Sie würden sich nicht länger den Befehlen der Blaujacken
fügen, sondern wie die Sommerheuschrecken über das wilde
Land der Apachen herfallen. Zahllose Scharmützel, ja, Kriege

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waren die Folge davon. Und dann, wenn die Weißen in Not
gerieten, kamen auch mehr Blauröcke in den Südwesten. Und
das mußte das Ende der freien Stämme sein.

»Victorio hat seine Krieger angewiesen, jeden Pfad nach

Süden abzuriegeln«, sagte Cochise halblaut. »Der Mimbrenjo
ist mein Widersacher. Er spricht zu seinen Männern von
Mangas Colorados, der ein Mimbrenjo war. Er spricht davon,
daß er als Führer größer, weiser, geschickter und
kampflüsterner war als ich es bin.«

»Weiche nicht ab von deinem Pfad«, sagte Eskaminzin

unruhig. »Du mußt den Weißen verständlich machen, daß ein
jeder Chief den Befehl über seine Männer hat, daß du als
oberster Führer nur Einfluß besitzt, wenn auch die kleinen
Jefes der anderen Stämme zustimmen. Sie halten sich an dein
Wort, sicher, aber immer wieder schicken sie ihre Krieger aus,
um Weiße auszurauben und zu töten. Es ist kein Krieg, der
über unserem Land liegt, es ist die Kampfeslust unserer
Männer, Cochise.«

Eine Weile standen die beiden Führer auf dem Grasteppich

und sahen den Mustangs zu, die ruhig weideten.

»Gut, ich werde selbst nachsehen«, sagte Cochise

schließlich. »Meine Kundschafter beobachten sicher schon das
Lager der Weißen und berichten mir, wenn ich zu ihnen stoße.«

»Was hast du vor?« wollte der Aravaipa wissen. »Welchen

Weg nimmst du, Cochise?«

Er lächelte hart, unnachgiebig, als er antwortete: »Den der

Herausforderung, des Spottes und der Beleidigung. Du weißt,
daß jeder Bleichhäutige von sich glaubt, jedem Indianer
überlegen zu sein.«

Eskaminzin nickte. In seinen Augen funkelte Erregung.
»Ich brauche deine Krieger, Bruder«, fuhr der Chief fort.

»Sie alle sollen die Gewehre nehmen, die du für sie verwahrst.
Die Gewehre sind wichtig, glaube mir.«

Der Aravaipa hob die Rechte.

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Fragend sah Cochise den Mann an, der sagte: »Wichtiger als

du glaubst. Denn nicht nur die Weißen plündern unser Land.
Die alten Feinde, Wichitas und Caddos, fallen über uns her. Sie
erschlagen Weiße, rauben und morden, und die Blaujacken
sehen in den Apachen die Gegner. Meine Späher berichten von
mehr als doppelt so vielen Kriegern, wie ich besitze. Die
Wichitas haben einen Angriff auf das Lager der Goldsucher
durchgeführt und wurden zurückgeschlagen. Die Gewehre der
Bleichgesichter brachten den Tod über die Wichitas und ihre
Freunde. Aber die Goldsucher haben einen Sieg errungen und
fühlen sich stark und mächtig.«

Cochise spürte, wie ihn Erregung ergriff. Dies war genau die

Situation, die er brauchte. Die Überheblichkeit der
Bleichgesichter gegenüber den Indianern brachte ihm nur
Vorteile. In ihrem Hochmut würden die Goldsucher bereit sein,
seine Herausforderung anzunehmen. Es war möglich, einige
Dinge zugleich zu erledigen.

Einmal die Weißen zu vertreiben und zweitens Victorio

bloßzustellen, der darauf setzte, daß es einen heißen Kampf
und dadurch das Auflodern des Krieges geben würde.

»Wir nehmen uns die räuberischen Wichitas vor«, versprach

Cochise. »Ich wünschte, Falke wäre in der Nähe. Denn das
sind Dinge, die er wissen sollte.«

Der Chief ahnte nicht, daß Haggerty nur ein paar Dutzend

Meilen entfernt bewußtlos zwischen halbhohen Kiefern lag,
angeschossen von Victorios Mimbrenjoposten.

»Aber zuerst müssen die Goldgräber das Land verlassen«,

sagte Eskaminzin ernst. »Du solltest wissen, Cochise. In
unseren Bergen gibt es ein Tal, das bei meinem Volk einen
bestimmten Namen hat. Es heißt Schlucht des hundertfachen
Todes. Klapperschlangen leben dort, und nur sie beherrschen
dieses Tal. In längst vergangener Zeit fanden die Eisenmänner
dort Gold in der Bergwand. Heute noch führt eine Höhle in den
Felsen. Und durch diese Wände ziehen Goldadern, die so dick

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wie unsere Arme sind. Du siehst, es ist notwendig, daß die
Weißen davonreiten. Der Fluß führt nicht viel des gelben
Eisens mit sich. Wenn die Weißen ungeduldig werden,
durchstreifen sie mein Land. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis
sie in die Schlucht des hundertfachen Todes gelangen und die
Höhle der Eisenmänner finden. Und was dann geschieht,
kannst du dir vorstellen.«

Innerlich erschrak der große Häuptling. Von der Existenz

dieser Mine hatte er nichts gewußt. Aber sicherlich besaß jeder
Stamm solche uralten Geheimnisse. Es galt, sie auf jeden Fall
vor den Bleichgesichtern zu bewahren. Denn wurde die Lage
eines Goldstollens bekannt, blieb den Apachen nur noch der
Tod im Kampf, der Untergang.

»Die alten Männer wollten die Weißen in dieses Tal locken

und das Gewürm die Arbeit machen lassen«, fuhr Eskaminzin
fort. »Ich hielt das für einen schlechten Plan. Denn wenn auch
nur ein Bleichgesicht entkommt, wenn auch nur ein Weißer die
Höhle findet, besteht wieder Gefahr für uns.«

Die Folgen wären unabsehbar. Cochise war einer jener

wenigen Indianer, die weiter sahen als bis zur Wand ihres
Jacales. Er bedachte die Zukunft seiner Rasse, hörte von
Vettern, die weit entfernt im Norden gegen die Eindringlinge
Schlachten schlugen und zurückweichen mußten, hörte von
dem merkwürdigen Eisenweg, der von rauchenden und
stöhnenden Maschinen befahren wurde und von den singenden
Drähten, mit denen sich die Bleichgesichter auf geheimnisvolle
Weise über weite Strecken hinweg verständigten. Dies alles
waren unverständliche Dinge, fast Wunder, für einen
Naturmenschen wie Cochise. Das Leben der Apachen war
darauf ausgerichtet, sich selbst und die Sippe am Leben zu
erhalten, zu überleben. Es gab keinen Raum für unnütze Dinge.
Der nackte Existenzkampf in Wüste und Halbwüste forderte
den Kriegern alles ab.

Und gerade weil das so war, ahnte Cochise, daß diese

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Lebensweise zum Untergang verurteilt war.

Der weiße Mann, weitaus weniger zäh und listig als ein

Apachenkrieger, überlebte dank seiner anderen Kenntnisse und
Fähigkeiten. Er zwang dem Wasser seinen Willen, den Weg
der Weißen auf. Er verwandelte kargen Boden in fruchtbares
Land, er züchtete Tiere, die als Nahrung dienten, aber er taugte
nicht im Kampf. Ging diese Fähigkeit verloren, wenn man sich
mit den Dingen der Weißen beschäftigte?

Cochise wußte es nicht. Und er würde es niemals erfahren.

Er konnte nur dafür sorgen, daß sein Volk überlebte und nicht
ausgerottet wurde. Dies war sein Ziel, und um sein Ziel zu
erreichen, wandte er jede List an, derer ein Apachenführer
fähig war.

»Zeige mir den Weg zu dem Ort der Bleichgesichter«, sagte

Cochise zu Eskaminzin. »Ich werde sie beobachten und dann
entscheiden. Bereite deine Krieger darauf vor, daß sie sich
ringsum verteilen. Sie sollen auf halber Höhe der Talwände
warten. Wenn der Rennkuckuck einmal ruft, müssen deine
Männer über die Köpfe der Weißen schießen. Ruft er zweimal,
müssen sie töten.«

Cochise verschwendete kein Wort daran, daß seine Befehle

und seine Zeichen unbedingt beachtet werden mußten. Das
setzte er voraus.

Er sah Eskaminzins besorgtes Gesicht und sagte: »Wenn die

Weißen abziehen, nimmst du die Gewehre wieder an dich. Ich
weiß nichts von Waffen, die dreizehnmal hintereinander
feuern, mein Bruder.«

Der Aravaipa-Führer wirkte erleichtert. Denn die

Winchesterbüchsen stammten aus einem Beutezug und sollten
so wenig wie möglich gesehen werden. Sie waren das
gefährlichste Mittel des Stammes, wenn er sich gegen eine
Übermacht zur Wehr setzen mußte.

Cochise pfiff leise, und sein Pony trabte heran. Das Tier rieb

seine Nüstern an den Schultern seines Herrn und schnaubte.

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Sekunden später ritt er in die Richtung, die ihm der Aravaipa

gewiesen hatte. Und nach etwas mehr als zwei Stunden stand
Cochises Plan fest.

Er saß inmitten eines Feldes von Holzgras und hatte seine

Späher gesprochen.

Sie berichteten, was er selbst auch beobachtet hatte. Die

Weißen waren nachlässig bei der Bewachung der Goldfelder.
Es mußte so sein, wie Cochise gedacht hatte. In maßloser
Überlegenheit schien es den Bleichgesichtern, daß ihnen nichts
mehr zustoßen konnte.

Die Wachen blickten mehr zum Fluß hin als in die Berge und

die Taleinschnitte im Norden und Süden.

Cochise saß auf, klopfte dem Pferd den Hals und strich ihm

durch die Mähne. Das Tier schnaubte unter der Liebkosung
und ging an.

Der Häuptling würde ganz normal heranreiten, warten, bis

ihn jemand bemerkte, und dann zu den Eindringlingen reden.

Die Krieger der Aravaipas lagen in ihren Stellungen. Das

andauernde Fiepen der Taschenratte war das Zeichen gewesen.

*

Captain Jack schuftete wie ein Verrückter auf seinem Claim.
Aber nur wenig Gold kam zum Vorschein. Die Ausbeute war
nicht der Rede wert. Wenn es so weiterging, holte Jack an
einem langen Tag, der von Sonnenaufgang bis
Sonnenuntergang dauerte, für ungefähr fünf Dollar Goldstaub
und Flitter aus dem Boden. Und das war ein Lohn, der ihm zu
gering für den Aufwand, die Umstände und die Gefahren
erschien.

Der Erfolg der letzten Tage war geschmolzen wie Schnee in

der Sonne. Die Gruppe um Captain Jack hatte voll
Begeisterung die Goldtaschen geplündert, die im Laufe der
Jahrtausende entstanden waren. Jeder der Männer – und auch

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Lynn Rogers – besaßen mehr als dreihundert Dollar in Gold.
Aber damit war es jetzt vorbei. Nun begann die Schinderei für
ein paar Cents, und die Digger, die schon seit Wochen hier
schufteten, konnten sich ein schadenfrohes Grinsen nicht
verkneifen.

Dabei war Jack sicher, daß in diesem Gebiet eine Menge

Gold verborgen sein mußte. Er wußte jedoch auch, daß er ohne
eingehende Untersuchung, ohne Sprengstoff und erfahrene
Bergmänner die Bonanza nicht finden konnte.

Hätte er geahnt, wie nahe eine richtige Mine lag, wäre er

sicher übergeschnappt. Denn ein Stollen im Berg, durchzogen
von armdicken Goldadern, das war der Traum eines jeden
Schürfers.

Jack warf mit einem Fluch die Schaufel zu Boden.
Nein, das war Schinderei. Mit hartem körperlichem Einsatz

war hier nichts zu holen. Der Anführer blickte zum
Nachbarclaim hinüber.

Lynn Rogers arbeitete stetig weiter. Sie sah nicht auf, sah

sich nicht um. Die Frau warf zwar bei jedem Heben der
Schaufel nur halb so viel Erde in ihren Waschtrog, aber sie gab
nicht auf.

Captain Jack schüttelte unwillig den Kopf. Dieses Weib, sie

war wie ein Falke unter lauter Tauben. Jack blies die Wangen
auf und betrachtete interessiert die Beine, die sich unter dem
straffen Stoff der Hose abzeichneten.

Einer solchen Frau mußte ein Mann schon etwas bieten, um

sie an sich zu binden. Mit einem Beutel Gold, ohne Aussicht
auf mehr, gab sich Lynn Rogers sicher nicht zufrieden.

Jack hatte das dringende Bedürfnis, zu Elena und ihren

Freundinnen zu gehen. Er wandte sich um, konnte aber das
Bild des schlanken, geschmeidigen Frauenkörpers nicht
vergessen.

Jack marschierte auf die größte Hütte zu. Dort gingen die

Mädchen ihrer Arbeit nach.

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Der vierschrötige Mann erwachte aus seinen Gedanken,

schüttelte sie ab, wie ein Puma das Wasser nach dem Bad im
klaren Bergsee, und blieb wie erstarrt stehen.

Diese verruchten Hundesöhne.
Die Posten, die das Diggercamp, die kleine Stadt Klondyke

bewachen sollten, schauten zu, wie ihre Diggerfreunde
arbeiteten.

Jähe Wut schoß in Jack hoch. Er merkte nicht, daß er beide

Hände zu Fäusten ballte. Mit schweren Schritten stampfte er
auf die Posten zu, die den Nordzugang bewachen sollten.

Ein Mann verließ seinen Standort. Er ging immer schneller,

rannte nun und lief auf seinen Claim zu.

Jack wurde schneller. Er schnitt dem zerlumpten Kerl den

Weg ab, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn durch.

»Was fällt dir ein, du Ochse«, brüllte Jack. »Du bist zur

Wache eingeteilt. Du und die anderen, ihr seid dafür
verantwortlich, uns vor dem nächsten Indianerangriff zu
warnen. Wie kommst du dazu, deinen Posten zu verlassen, du
hirnverbrannter Narr?«

Der Kerl wich Jacks Blick aus und erwiderte: »Mann, da

arbeitet ein Bursche auf meinem Claim. Auf meinem Claim,
verstehst du? Er holt mein Gold raus, und ich schaufle nachher
nur noch Dreck.«

»Das ist mir egal«, sagte Jack scharf. »Du hast Wachdienst,

verschwinde auf deinen Posten, bevor ich dich
zusammenschlage!«

Der dünne Goldsucher straffte sich. Seine Augen glitzerten

auf einmal drohend, und er sagte: »Das solltest du besser nicht
versuchen, Mister. Du bist nicht unser Anführer. Du bist nur
ein gewalttätiger Hurensohn, der hier einfach kommandieren
will.«

Jack holte tief Luft. Die Adern am Hals schwollen an. Noch

beherrschte sich der vierschrötige Mann, aber lange dauerte es
nicht mehr, bis ihm der Geduldsfaden riß.

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»Hör zu, Maulwurf«, erwiderte Jack leise, »ich bin der

einzige Mann hier, der wirklich was von Gold versteht. Das
hast du doch wohl begriffen, oder nicht?«

Unwillkürlich nickte der Digger, Jack hatte recht.
»Ich war in Kalifornien dabei, in Montana und bei dem

großen Fund in Cripple Creek in Colorado«, fuhr Jack fort.
»Ich weiß, wovon ich rede. Und ich weiß auch, daß die
Apachen die schlimmsten Roten sind, die es gibt. Weißt du
überhaupt, daß uns gestern gar keine Apachen angegriffen
haben? Das waren umherziehende Wichitas und Caddos. Sie
kommen aus New Mexico, von der anderen Seite des Rio
Grande. Die Apachen, die Wüstenkrieger, haben wir noch vor
uns. Was sagst du jetzt?«

Der aufrührerische Gesichtsausdruck des dürren Diggers

machte einer unbestimmten Angst Platz.

»Das waren keine Apachen?« fragte der Kerl mit unsicherer

Stimme.

»Nein, die kommen noch«, entgegnete Jack hart, »heute oder

morgen, sie kommen, verlaß dich darauf. Und wir haben nur
eine Chance, wenn ihr Posten wachsam wie die Luchse seid.
Hast du das begriffen, du blutiger Narr?«

Der Digger nickte langsam und wandte sich um. Mit

gleichmäßigen Schritten marschierte er auf seinen Posten
zurück und spähte aufmerksam nach Norden.

Jack war zufrieden. Diesen Kerl hatte er in Trab gebracht.

Aber die anderen waren genauso nachlässig. Sie kamen sich
wohl ziemlich großartig vor, weil sie einen Indianerangriff
abgeschlagen hatten. Wenn sie doch nur richtig darüber
nachdenken würden. Ihnen mußte doch klar sein, daß nur das
verheerende Feuer der zwanzig Gewehre der neuen Goldsucher
das Camp gerettet hatten.

Voller Grimm stapfte Captain Jack zu dem nächsten Wächter

hinauf und brüllte den Mann zusammen. Der Kerl schien
überhaupt nicht zu begreifen.

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Er grinste breit, zeigte seine schwärzlichen, abgebrochenen

Zähne und sagte mit New Orleans-Dialekt in der Stimme:
»Mistah, was geht's dich an? Bist du hier der Boß, he? Zahle
ich Steuern an dich?«

»Du bist dümmer als ein Ochse«, erwiderte Jack bitter.

»Wenn die Apachen kommen, fährst du sicher als erster zur
Hölle.«

»Spiel dich nicht so auf«, entgegnete der Kerl. »Wenn es mir

paßt, beobachte ich das Land. Jetzt habe ich was besseres zu
sehen. Wenn dir das nicht paßt, Mann, denn verschwinde doch.
Dich hat keiner gerufen, und wir haben dich nicht zu unserem
Anführer gewählt, kapiert?«

Jack wollte zuschlagen, wollte seinen Zorn, seinen Grimm an

diesem Großmaul auslassen, aber er hielt sich zurück. Denn
wenn er so anfing, hörten bald die anderen überhaupt nicht auf
ihn. Und Jack wollte ja in Klondyke die Macht an sich reißen
und nicht nur am Gold, sondern an jedem Cent verdienen, der
ausgegeben wurde.

Er wandte den Kopf etwas und schaute in die Richtung, in

die auch der Posten blickte.

»Ach du dicker Nugget«, murmelte Jack angewidert, als er

durch die Fensterhöhle des Freudenhauses sehen konnte.

Die Girls hatten den Fetzen Tuch zurückgeschlagen, ihnen

war es wohl zu warm geworden. Und Glasscheiben oder
Ölpapier gab es hier in der Wildnis nicht.

»Hoffentlich denkst du daran«, sagte Jack und wies mit der

Hand auf das Bretterhaus. »Wenn dir die Roten den Skalp
abziehen, dann hast du in der Hölle wenigstens eine schöne
Erinnerung.«

»Hau doch endlich ab«, erwiderte der Kerl aus New Orleans

nur und ließ sich nicht weiter stören.

Jack marschierte davon. Er spürte unbändige Wut in sich.

Mit solchen Idioten war wirklich nichts anzufangen.

Der Bärtige, der den selbsternannten Captain schon zweimal

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gereizt hatte, kroch aus einem Erdloch und grinste. Der Mund
wirkte wie ein Loch im schwarzen Gestrüpp des Bartes.

»Na, das läuft wohl nicht so, wie du dir das vorstellst, Jack«,

sagte der Mann.

Der bullige Digger blieb stehen und starrte den Bärtigen ein

paar Sekunden lang an und verzog dann sein Gesicht zu einer
bösen Grimasse.

»Habe ich dir das zu verdanken?« fragte Jack rauh. »Du hast

doch schon zweimal gestänkert, Mister.«

Der Bärtige lachte laut und erwiderte: »Mach du nur dein

Spielchen. Ich amüsiere mich darüber, weiter nichts.«

»Was weißt du von den Apachen hier?« fragte Jack aus einer

plötzlichen Eingebung heraus. »Ich kenne mich mit Indianern
aus, aber nicht mit diesen roten Teufeln. Komm mit zu meinem
Claim. Ich gebe dir 'nen Whisky aus.«

Der Bärtige nickte und ging neben Jack her. Lynn hielt mit

dem Schaufeln einen Moment inne. Der Schweiß lief ihr über
das Gesicht und hatte die kastanienfarbenen Haare in nasse
Strähnen verwandelt, auf die sich der Staub wie eine graue
Puderschicht gelegt hatte.

»Also los«, forderte Jack den Bärtigen auf, nachdem der

einen großen Schluck aus der Blechflasche genommen hatte,
die Whisky enthielt.

»Sie kommen«, behauptete der andere, »aber wir sehen sie

erst, wenn sie neben uns aus dem Boden wachsen. Das hier ist
das Land der Aravaipas. Ihr Chief ist friedlich, will keinen
Krieg mit den Weißen. Aber wenn er die anderen Stämme um
Hilfe ruft, wird von uns keiner am Leben bleiben.«

»Ich denke, Cochise hat mit diesem General einen

Friedensvertrag geschlossen«, sagte Jack unruhig.

»Hat er«, erwiderte der andere, »aber wir dürfen nicht hier

sein. Das hat Howard den Apachen garantiert. Und wenn uns
die Soldaten erwischen, jagen sie uns davon.«

Captain Jack knirschte mit den Zähnen. Wut überzog sein

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Gesicht, als er sagte: »Diese verfluchten Blaubäuche und
stinkenden Roten, Mann, das ist ein freies Land. Und ich grabe
dort ein Loch, wo es mir gerade paßt.«

»Solange dir keiner die Schaufel wegnimmt«, erwiderte der

Bärtige. »Ich habe ein mächtig schlechtes Gefühl, Jack. Heute
wird noch irgendwas passieren, verlaß dich darauf. War ganz
gut, daß du die Posten geweckt hast, aber sie nutzen uns nichts,
wenn die Apachen angreifen.«

Unwillkürlich schaute sich Jack um.
Lachend sagte der andere: »Du siehst einen Apachenkrieger

erst dann, wenn er dir den Kopf abschneidet. Und dann ist es
für dich zu spät.«

Der bullige Jack schüttelte sich und antwortete: »Ein

scheußliches Gefühl ist das, Mann. Wann kommen sie?«

»Wenn sie kommen, dann kurz vor Einbruch der

Dämmerung«, erwiderte der Bärtige. »Sie machen einen
Angriff und ziehen sich zurück. Aber sie bleiben die ganze
Nacht in der Nähe, um uns verrückt zu machen. Am Morgen
greifen sie dann wieder an. Aber ich weiß nicht, ob ich einen
großen Kampf wittere. Cochise wird ziemlich sauer sein, wenn
er davon erfährt. Er ist der größte Führer, ein schlauer Fuchs,
dieser Häuptling.«

Nach einer Weile, als die Männer nochmals getrunken

hatten, sagte Jack: »Wenn ich ihn vor die Mündung bekäme,
deinen schlauen Fuchs Cochise, ich würde ihm eine Kugel
geben. Er ist doch nur ein Roter wie alle anderen auch.«

Der Bärtige schüttelte nachsichtig den Kopf und erwiderte:

»Ohne ihn wären wir schon alle tot. Dann hätten wir aber im
Südwesten einen richtigen Krieg.«

Der Goldsucher wandte sich um, wollte wieder zu seinem

Claim gehen und weiterarbeiten. Aber er blieb wie gebannt
stehen.

»Was ist denn los? Hat dich was gebissen?« fragte Jack.
»Da hast du den großen Chief«, sagte der Digger halblaut.

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»Dort oben, auf dem Hügelkamm, hockt er auf seinem
Mustang und beobachtet uns.«

Jack fuhr herum, kniff die Lider zusammen und sprang mit

einem Satz vor, bückte sich und riß die Winchester hoch.

Die Entfernung war für einen sicheren Schuß ideal.
Aber als Captain Jack abdrücken wollte, schlug der Bärtige

die Waffe zur Seite und brüllte: »Bist du verrückt? Denkst du,
Cochise ist allein gekommen? Wir alle sterben in zwei
Sekunden, wenn du den Häuptling auch nur verwundest. Da, er
kommt zu uns ins Tal runter. Wir müssen abwarten, was er von
uns will, Jack. Erst dann können wir überlegen und handeln.«

Jack atmete schwer und verfluchte den Bärtigen. Denn sicher

hätten die Krieger erst mal ihren toten Chief geborgen, wenn
ihn die Kugel erwischt hätte. Für die Digger wäre Zeit genug
geblieben, eine richtige Verteidigung zu organisieren.

Aber Jack hatte keine Ahnung von der listigen

Kampfesweise der Apachen. Sie griffen in einer solchen Lage
niemals offen an, wie die Wichitas oder andere Reitervölker
des Nordens es machten.

Die Apachen überraschten die Feinde.

*

John Haggerty öffnete die Augen und blinzelte zur Sonne hoch.
Aber da war keine Sonne mehr, da war nur noch der azurblaue
Himmel, dessen Farbe allmählich dunkler zu werden schien.

»Bei allen Höllenkatzen«, fluchte John, »diesmal bin ich

wirklich weg gewesen.«

Er blickte nach Westen, die Sonnenscheibe stand glutrot über

den Bergen. In weniger als drei Stunden war es völlig dunkel.
Der Chiefscout lag hier unter Pinienästen und spürte die
Schwäche in allen Gliedern.

»Es ist der Blutverlust«, murmelte John und tastete nach dem

Verband.

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Er war trocken und saß fest. Wenigstens das war in Ordnung,

dachte Haggerty und überlegte, was er nun anfangen könnte.

Ich brauche ein Pferd, dachte der Scout, als er sich erhob.
Drei tote Tiere lagen nicht weit entfernt. Zwei waren

Indianerponys, und der dritte Kadaver war mal Johns zäher
Grauer gewesen.

Aber wo trieb sich der vierte Indianermustang herum?
Haggerty schöpfte Hoffnung. Zugleich spürte er

Niedergeschlagenheit, denn es war für einen weißen Mann sehr
schwer, ein Apachenpony einzufangen. Die Tiere scheuten den
Geruch der Weißen, schreckten vor ihnen zurück, wie es ihnen
die Krieger beigebracht hatten, die Mustangs wurden sanft
gezähmt, an den Herrn und Reiter langsam gewöhnt und nicht
brutal eingebrochen, wie es oft mit den Pferden der Weißen
geschah.

Der Scout machte sich auf den Weg. Es dauerte fast eine

halbe Stunde, bis er die Fährte des Ponys fand. Johns Schritte
waren unsicher. Schwankend marschierte er hinter den
Hufabdrücken her.

Die Spur führte in einen schmalen Einschnitt, dessen Boden

aus kahlem Fels bestand. Die fast senkrecht aufragenden
Wände wirkten stumpf. Auf winzigen Vorsprüngen hatte der
Wind Erde abgelagert und Samen hingetragen.

Kräuter wucherten dort, aber die Hitze hatte ihren Tribut

gefordert. Die Blätter der Gewächse hingen schlaff herab.

Keine Fährte mehr.
John stolperte unsicher weiter. Der Mustang konnte nur

weitergelaufen sein. Es sei denn, er war wie eine Spinne die
Steilwände hinaufgekrochen, aber daran glaubte der Scout
nicht so recht.

Die Schlucht wurde breiter. John horchte angestrengt, als er

den kühlen Hauch von Wasser zu spüren glaubte. Der
schwache Mann schritt schneller aus, konnte seine Ungeduld
kaum zügeln, denn wenn es hier Wasser gab, war auch der

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Mustang dort.

Haggerty hatte Glück.
Das Pferd stand an einer Pfanne in den Felsen, in der es

silbrig aufglänzte. Das Tier wieherte, warf den Kopf hoch, daß
die goldfarbene Mähne wallte und sprang zur Seite.

»Jetzt habe ich dich«, sagte Haggerty zufrieden.
Aber er hatte das Pony noch nicht. Es sollte noch fast eine

Stunde dauern, bis er den jungen Hengst so in die Enge
getrieben hatte, daß er nach den aus Gras geflochtenen
Indianerzügeln greifen konnte.

Zitternd stand der Mann neben dem Kopf des Pferdes, sog

der Mustang den unvertrauten Geruch ein.

Und dann zog sich John Haggerty mühsam auf den Rücken

des Pferdes.

»Lauf nach Süden«, raunte der geschwächte Mann. »Ich muß

zum Fort, muß zu Howard. Die Hölle bricht in Arizona auf,
wenn ich meine Meldung nicht machen kann.«

Der Mustang marschierte los, umrundete die Wasserpfanne

und ging mit kurzen, schnellen Schritten durch die Schlucht.
Vor den Kiefern schlug das Tier die Richtung nach Westen ein.

Haggerty erwachte aus seiner Benommenheit und riß am

Graszügel.

»Nach Süden, dummes Vieh«, krächzte der Scout, »du mußt

nach Süden.«

Das Pony ließ sich nicht beirren. Es ging weiter nach

Westen, suchte sich seinen Weg selbst und kletterte wie eine
Bergziege über Pfade, die kaum einen halben Yard aus den
Steilwänden herausragten.

So sehr sich Haggerty auch bemühte, wenn er halbwegs bei

Bewußtsein war, er vermochte den Willen des Pferdes nicht zu
ändern. Das Tier ging geradewegs auf die San Carlos
Reservation zu. Von dort waren die Mimbrenjo-Krieger
gekommen, und dorthin trieb es das Tier zurück.

John ergab sich in sein Schicksal. Er konnte nichts, aber auch

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gar nichts daran ändern, denn er war schwach und matt.

Sollten ihn doch Victorios Krieger gegen irgendwas

eintauschen. Sollten sie ihn töten, es war egal, vollkommen
egal.

Immer wieder verlor er das Bewußtsein für Minuten, dann

wieder gewann er aus einer verborgenen Quelle seines Körpers
neue Kraft und riß sich zusammen. Aber die Zeiten der
Besinnungslosigkeit wurden immer länger, dauerten an, und
die Zeit, in der er wach war, konnte man nach Minuten zählen.

Nur der Instinkt hielt den verwundeten Mann auf dem

Pferderücken.

Es dunkelte bereits, als das Pony stehenblieb und warnend

schnaubte. Es warf den Kopf hoch, sog tief den Geruch ein und
wieherte laut und grell.

Vor dem Tier lag eine mit halbhohen Bäumen und

Sträuchern bewachsene Ebene, die an der Felswand zu enden
schien, die für Greasewood-Gebirge die höchste Erhebung war.
Ein Pfad führte um den Fuß dieses Gipfels herum. Und dieser
Weg war den Mimbrenjos bekannt.

Sekunden später dröhnten Hufe über den Boden. Ein

Dutzend Reiter jagte heran. Braunhäutige Gestalten duckten
sich hinter die weit vorgestreckten Köpfe mit den wehenden
Mähnen. In Sekundenschnelle war der Mimbrenjo-Mustang
umzingelt. Kräftige Hände packten zu, hoben den verletzten
Weißen aus dem Sattel und ein Krieger sagte in einer fremden
Sprache: »Wah! Das ist John Haggerty. Er ist der Häuptling
aller Scouts in diesem Land. Kana-Wanka wird zufrieden sein
mit dieser Beute.«

John spürte nichts. Er war bewußtlos. Sein geschwächter

Körper brauchte Ruhe, den tiefen, heilenden Schlaf. Aber noch
schwankte er zwischen zwei Mustangs, gehalten von den
Händen der Wichita-Krieger, die ihren Fang zu ihrem Versteck
brachten.

Das Mimbrenjo-Pony war eine weitere willkommene Beute.

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Drei Krieger folgten der Fährte zurück, holten Johns

Ausrüstung und die Winchester und plünderten die toten
Späher der Mimbrenjos aus.

Als Haggerty die Augen aufschlug, blickte er in die Flammen

eines halbhoch lodernden Feuers.

Außer dem Knacken des Holzes in der Glut und den

Geräuschen von Pferden war nichts zu hören. Selbst die
Nachttiere, die doch in diesen bewaldeten Hängen lebten,
verhielten sich still.

Unwillkürlich tastete John nach der Halswunde. Er spürte

einen neuen, frischen Verband und fühlte sich für Sekunden
zufrieden. Aber hatte er denn Grund, zufrieden zu sein?

Langsam stemmte sich der verletzte Scout hoch. Er blickte in

die dunklen Augen eines Kriegers.

Der Mann war kein Apache, das sah Haggerty sofort. Er

schätzte, daß der Wächter zu den Wichitas gehörte, die weit im
Osten lebten, jenseits des Rio Grande. Aber immer wieder
zogen starke Banden dieses Stammes zusammen mit ihren
Verwandten, den Caddos, aus, um Raubzüge durchzuführen. In
den Wichitas und Caddos vereinigten sich das Können der
Krieger mit den Hinterlistigkeiten der Weißen.

Was hatte dieser Trupp hier zu suchen, hier in Eskaminzins

Land?

»Der Häuptling will mit dir reden«, sagte der Wächter und

verschwand aus dem Lichtkreis des Feuers.

Sekunden später kam der Krieger mit einem untersetzten,

kräftigen Mann zurück, der so etwas wie Würde ausstrahlte.
Aber dieses Gefühl verschwand sofort, als der Chief grinste
und sagte: »Du bist wertvoll, John Haggerty. Du bist gute
Beute für uns.«

Verdammt, woher kennt mich der Kerl? dachte John.
»Wir haben Späher überall«, prahlte der Anführer der

räuberischen Bande. »Wir wissen von dir und deiner
Freundschaft zu Cochise. Darum sind wir hier. Wir rauben die

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Aravaipas aus, die sich wie alte Weiber benehmen und nicht
kämpfen. Aber ihr Häuptling ist ein schlauer Fuchs. Er hat den
großen Chief zu Hilfe geholt. Cochise kämpft gegen die
weißen Goldgräber. Er wird sie davonjagen, das weiß ich
sicher. Aber dann steht er gegen uns. Und meine Horde zählt
mehr als hundert Krieger.«

»Was willst du von mir?« fragte Haggerty. »Warum hast du

mich verbinden lassen? Ich stehe jetzt auf, Mann. Und ich
nehme mir ein Pferd, meine Waffen und setze meinen Weg
fort, als wäre ich euch nie begegnet.«

Der Chief lachte laut auf und rief: »Du bleibst hier,

Haggerty. Ich bin Häuptling Gelbschlange, und ich bestimme,
ob du getötet oder vorher lange Stunden gemartert wirst. Du
mußt kräftig werden, weißer Mann, damit du die Martern lange
aushältst.«

John rührte sich nicht. In seinem Gesicht zuckte kein

Muskel, und sein Blick blieb fest.

Enttäuscht fuhr Gelbschlange fort: »Vielleicht verkaufen wir

dich auch an die Pferdesoldaten oder an Cochise. Das weiß ich
noch nicht. Aber wenn unsere Feinde zu nahe kommen, stirbst
du. Sie werden nicht wagen, den obersten Späher der
Blaubäuche zu gefährden.«

Cochise war in der Nähe. Dies zählte für Haggerty. Wenn er

nur die Gelegenheit bekäme, ein paar Rauchzeichen zu geben.
Sicher ließ sich der Häuptling von Kundschaftern abschirmen.

Haggerty schöpfte Hoffnung.
Aber als der Tag anbrach, verschwand sie wie die Dunkelheit

vor der Sonne, denn die Wichitas ließen ihn keine Sekunde aus
den Augen. Offensichtlich wußten sie seinen Wert genau
einzuschätzen und wollten ihn als Druckmittel behalten.

John dachte an Cochise und hoffte, daß er die Goldsucher

mit friedlichen Mitteln zum Abzug bewegen konnte.

*

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103

Cochise saß gelassen auf seinem hageren, zäh wirkenden
Mustang, als er in das Tal der Aravaipas ritt. Die
Bleichgesichter hatten ihn gesehen. Und er hatte bemerkt, daß
der bärtige Mann dem anderen das Gewehr aus den Händen
schlug. Der Bärtige schien klug zu sein, klüger als der andere,
der vor kurzer Zeit die Wächter zurechtgewiesen hatte.

Es war nutzlos gewesen, denn zu diesem Zeitpunkt waren die

Chiricahuas und die Krieger Eskaminzins bereits in ihren
Stellungen.

Kein Weißer sieht einen Apachen, wenn er das nicht will,

dachte Cochise und blickte in das Tal hinab.

Die Bleichgesichter standen reglos. Sie starrten zu dem

einzelnen Indianer hin, der so gelassen zu ihnen herabritt.

Furcht kroch den Diggern in die Knochen. Mit den

schwieligen Fingern umklammerten sie ihre Werkzeuge,
packten die Schaufelstiele und Hacken fester, waren bereit,
damit um sich zu schlagen. Nur den wenigsten kam der
Gedanke, daß Werkzeuge kümmerliche Waffen gegen einen
Trupp Apachen sein mußten.

Cooper streckte den Kopf aus seinem Erdloch und zog sich

hoch. Mit zwei langen Schritten war der Revolvermann neben
Captain Jack. Von der anderen Seite lief Tomeo Avellan über
Lynns Claim zu der Gruppe.

»Sollen wir den Kerl zur Hölle schicken, wenn er in

Schußweite ist?« fragte Cooper kalt.

Lynn sah den Mann an. Er wirkte plötzlich hart und

erbarmungslos. Nichts erinnerte sie mehr an den freundlichen
Reiter, der auf dem Trail in dieses Flußtal ihrem Pferd geholfen
hatte.

»Nein, auf keinen Fall«, erwiderte der Bärtige an Jacks

Stelle. »Der Häuptling kommt nur, wenn ihn eine Streitmacht
von Kriegern absichert. Wir sterben alle, wenn hier auch nur
ein Schuß fällt.«

Lynn verspürte trotz der Sonnenhitze einen kühlen Hauch in

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104

ihrem Nacken. Es war, als hätte der Atem des Todes sie
gestreift. Die schöne Frau spürte auf einmal ganz deutlich, daß
dies hier kein Land für sie war. Jeder Weiße mußte verloren
sein, der sich hier niederließ. Es sei denn, er genoß die
Freundschaft der Apachen. Und die war schwerer zu erringen
als der Job des Präsidenten.

Ich gehe zurück, dachte Lynn. Wenn ich heil hier

wegkomme, reite ich nach Tucson. Dort gibt es für eine Frau
wie mich sicher genügend Möglichkeiten. Da gibt es
Minenbesitzer, die vor Geld geradezu stinken, die nicht mehr
laufen könnten, wenn sie all ihre Dollars mit sich
herumschleppten.

Cochise zügelte seinen Mustang ein halbes Dutzend Längen

vor Captain Jack. Prüfend musterte der Häuptling die Gruppe
der Weißen, er sah, daß eine Frau dabei war und erkannte, daß
sie wie die Männer den Boden durchwühlte.

»Ich bin Cochise«, sagte der Häuptling mit kräftiger, weithin

hallender Stimme. »Dies ist unser Land, Apachenland. Meine
Brüder, die Aravaipas haben mich geholt. Ihr tut Unrecht,
Bleichgesichter, Unrecht nach euren eigenen Gesetzen. General
Howard, der Vater der Pferdesoldaten, hat dieses Land den
Aravaipas zugesprochen. Geht. Ihr müßt verschwunden sein,
wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat.«

Captain Jack lachte laut und rief: »Was ist, wenn wir nicht

gehen? Das ist freies Land, Mann. Und wohin ich meinen Fuß
setze, bestimmt kein General und kein Apache. Wir bleiben!«

Cochise schüttelte leicht den Kopf. Der große Chief hatte den

bulligen Weißen schon durchschaut. Er spielte den Anführer,
aber in Wahrheit gab es keinen Boß bei diesen Maulwürfen.
Jeder sorgte für sich und versuchte, so viel wie möglich zu
ergattern.

»Du wirst es erleben, was geschieht«, erwiderte Cochise

ruhig. »Ihr tut Unrecht. Folgt dem Recht, folgt dem Wort, das
der Soldatenvater mir und allen Stämmen gab.«

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105

Jack holte tief Luft. Wider Willen war er von dem Häuptling

beeindruckt. Wie selbstsicher, gelassen er auf seinem Mustang
saß. Er erweckte den Eindruck, als könne ihm einfach nichts
passieren, als sei er gegen alles gefeit, was losbrechen könnte.

»Paß auf, Häuptling«, rief Captain Jack, »wir suchen hier nur

Gold, verstehst du? Wir suchen nach dem gelben Eisen, das für
euch nutzlos ist. Wir können etwas damit anfangen, Chief, aber
das begreifst du sicher nicht. Warum ist das schlecht? Wenn
der Boden nichts mehr hergibt, ziehen wir ab. Früher nicht, das
verspreche ich dir.«

Cochise lächelte spöttisch und erwiderte: »Ich weiß genau,

was die Bleichgesichter mit dem Gold anfangen. Sie lieben es,
geben ihr Leben dafür, und so werdet auch ihr eure Leben
hergeben müssen. Ihr habt bis zum höchsten Stand der Sonne
Zeit, nicht mehr. Und es ist unser Gold, unser Land, es ist
Apachengold, Bleichgesicht. Ihr dürft mitnehmen, was ihr
gefunden habt. Cochise ist großmütig. Ihr gelangt ohne Gefahr
für euch in das Gebiet der Weißen.«

Captain Jack witterte einen Vorteil. Warum gab sich der

Chief so großzügig? Hatte er gar keine Krieger in der
Hinterhand? War er allein gekommen?

»Du verdammter Hundesohn«, rief Jack, »du willst uns

bluffen, weiter nichts. Wir bleiben, und wir geben dir zwei
Minuten Zeit zu verschwinden. Bist du dann noch in
Gewehrschußweite, durchlöchern wir dich.«

Cochise griff zum Kampfbeil, das an der Seite seiner

hirschledernen Hose in einer Schlinge baumelte.

»Für deine Beleidigung müßte ich dich töten, weißer Mann«,

sagte der Häuptling laut. »Aber ich gab mein Wort, daß ihr
abziehen könnt.«

Captain Jack bekam immer mehr Mut. Er schüttelte die Hand

des Bärtigen ab, der ihn zurückhalten wollte und trat zwei
Schritte vor.

»So sieht also ein Apache in Wirklichkeit aus«, höhnte Jack.

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106

»Du bist ein Weib, Cochise, kein Kämpfer. Warum fürchtest
du dich vor uns? Weißt du überhaupt, wie viele Gewehre auf
dich gerichtet sind? Ein Ruf von mir genügt, um dich zur Hölle
zu schicken.«

Dem Chief war nicht anzumerken, daß seine Geduld beinahe

erschöpft war.

»Los, jagen wir ihn davon!« brüllte Jack und lief auf das

struppige Pony zu.

Er schwang die Winchester wie eine Keule. Vier, fünf andere

folgten dem selbsternannten Anführer des Camps. Sie rissen
ihre Schaufeln und Hacken hoch und waren entschlossen, den
verdammten Apachenhäuptling wie eine Ratte zu erschlagen.

»Los, geben wir's dem Hund«, brüllte Jack, »wir sind schon

mal mit Rothäuten fertig geworden. Den hier schaffen wir auch
noch!«

Fast zwei Dutzend Digger folgten diesem Ruf. Die anderen

zogen sich etwas zurück, sahen sich um, musterten die Hügel,
die Deckungen und warteten auf das Eingreifen der Krieger,
die irgendwo verborgen sein mußten.

Plötzlich erklang laut der Ruf eines Wüstenvogels. Der

Rennkuckuck rief einmal.

Und dieser Ruf war noch nicht verhallt, als es geschah.
Mehr als fünfzig Gewehre peitschten. Ein Bleihagel fuhr

zwischen die Weißen, zerstörte Wasserschläuche, zerschlug
Kaffeekannen und Gepäck, und zahlreiche Kugeln prallten als
Querschläger von den Schaufelblättern ab und sirrten jaulend
davon.

Innerhalb von zwei Sekunden stand das Pony mit dem

großen Häuptling allein an dem Platz, wo er sein Tier verhalten
hatte.

»Wir sind keine Caddos und keine Wichitas«, sagte der

Chief, »wir bekämpfen den weißen Mann mit seinen eigenen
Waffen. Meine Krieger haben zahlreiche Gewehre, moderne
Gewehre, und ihr wißt nicht einmal, wo meine Krieger stecken.

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107

Ich will kein Blutvergießen. Ich will den Frieden, den ich
versprochen habe, halten. Geht, reitet davon, ihr seid nicht in
Gefahr, wenn ihr abzieht. Ich weiß, daß ihr kaum Gold
gefunden habt. Was hält euch, hier in unserem Land?«

Captain Jack stand gebückt vor dem Pferd. Das Pony bleckte

die Zähne. Jack hatte den Eindruck, der struppige
Indianermustang lache ihn aus.

Und das brachte den stämmigen Mann fast um den Verstand.
»Kampflos verschwinden wir nicht!« brüllte er. »Hier gibt's

Wasser. Ich könnte Pferde oder Rinder züchten. Dies ist gutes
Land, denn der Creek ist hier.«

Die meisten Digger schüttelten die Köpfe. Sie waren hinter

schnellem Reichtum her, nicht hinter harter Arbeit. Captain
Jack schien einen Sonnenstich zu haben.

»Dann kämpfe doch, Jack«, rief einer der Goldsucher, »los,

tritt doch gegen Cochise an.«

»Das werde ich auch!« brüllte Jack und beugte sich noch

weiter vor.

Seine Arme hielt er ausgebreitet, als wolle er den Chief in

einer gewaltigen Umarmung an seine Brust ziehen und
zerquetschen.

»Na los, Jack«, hetzte ein anderer, »wir müssen abziehen,

das ist klar. Gold gibt's auch kaum noch. Was sollen wir also
noch hier? Aber vorher gönnen wir uns noch einen kleinen
Spaß, wenn wir dir zusehen, wie der Apache dich fertigmacht.«

»Ja, du hast doch in den letzten Tagen die Schnauze am

weitesten aufgerissen, Jack«, schrie ein anderer. »Wenn
Cochise gewinnt, ziehen wir bis Mittag ab. Gewinnst du,
bleiben wir ungeschoren, bis auch das letzte Gramm Gold
gefunden ist. Ist das ein fairer Vorschlag?«

Aufmerksam beobachtete der Häuptling den untersetzten

stämmigen Weißen.

»Ich nehme an«, stieß Jack hervor.
»Halten die Bleichgesichter ihr Wort?« fragte Cochise laut.

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»Reitet ihr bis zum höchsten Stand der Sonne, wenn sie wieder
erscheint?«

Ein paar Sekunden lang schwirrten die Stimmen der

Goldsucher so laut durcheinander, daß selbst das Murmeln des
Creeks nicht mehr zu hören war.

»Ja, Chief«, rief der Bärtige dann, »wir halten unser Wort.

Dürfen wir das Gold mitnehmen, das wir gefunden haben?«

Erstaunt blickte Cochise auf den Bärtigen und sagte: »Ich

habe euch doch mein Wort gegeben.«

»Also los, spannen wir einen Seilcorral«, rief ein zerlumpter

Digger und rannte davon.

Der Apachenführer wartete reglos auf dem Rücken seines

Ponys, bis die Vorbereitungen getroffen waren und sah zu, was
die Weißhäutigen machten.

*

Wenige Minuten dauerte es nur, bis der Ring fertig war.
Captain Jack zog sich das verschwitzte Hemd aus und warf es
achtlos zur Seite.

»Welche Waffen nehmen wir?« fragte der bullige Mann laut.
Die Zuschauer wurden still, als sie die mächtigen

Muskelstränge auf Jacks Oberkörper, an seinen Armen und den
Schultern sahen.

Das versprach ein spannender Kampf zu werden.
»Wähle deine Waffe, Bleichgesicht«, antwortete Cochise und

saß ab.

»Messer«, erwiderte Jack kurz und grinste zufrieden, als der

Chief zustimmend nickte.

Auch Cochise legte sein ledernes Hemd ab, löste das

Kampfbeil aus der Schlaufe und warf es auf das Hemd. Der
Indianer überragte den Weißen um mehr als Kopfeslänge. Und
auch er besaß einen muskelbepackten Oberkörper.

Die Sonne stand schon schräg, leuchtete auf die

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109

bronzefarbene Haut des Chiefs, ließ die Muskelstränge
hervortreten.

»Also los!« rief Captain Jack und stürmte vor.
Er rannte geduckt auf Cochise zu, hielt das Messer in der

Linken und schien einen Stoß von unten nach oben führen zu
wollen. Aber das war nur ein Trick. Im letzten Moment würde
Jack die Hand drehen, etwas zur Seite reißen und schräg
zustoßen.

Cochise bewegte nur den Oberkörper, wich dem Stoß aus

und vollführte mit dem Messerarm eine blitzschnelle
Bewegung.

Auf Jacks weißer Haut erschien ein roter Strich, klaffte

auseinander, und Blut quoll hervor.

Der Weiße stieß einen unartikulierten Schrei aus und wurde

vorsichtiger. Wie ein Raubtier seine Beute, so umkreiste Jack
den großen Häuptling, wartete nur auf die Gelegenheit, ihm
sein Messer in den Leib zu rennen.

Aber Cochise war auf der Hut. Er verfolgte jede Bewegung,

ahnte jeden Angriff voraus und konterte erbarmungslos.

Die Zuschauer verfolgten gespannt den Kampf. Lediglich der

Bärtige sah sich um und runzelte die Stirn. Lynn bemerkte die
Bewegung, blickte ebenfalls zu den Talwänden und erschrak.

Mehr als sechzig Krieger standen hinter Steinen, Büschen

und Baumgruppen und beobachteten genauso gespannt wie die
Weißen den Zweikampf am Rio Aravaipa.

Lynn sah den Bärtigen an.
»Zu viele für uns«, raunte der Mann, »machen wir uns bereit.

Wenn der Häuptling verliert, fallen die anderen über uns her.
Los, zeigen wir, daß wir auf jeden Fall abziehen. Sie lassen uns
dann durch.«

»Glauben Sie, daß Jack eine Chance hat?« wollte Lynn

wissen.

»Eigentlich nicht, aber man kann nie wissen, auf wessen

Seite das Glück gerade ist«, erwiderte der Bärtige.

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110

Die Zuschauer brüllten begeistert auf, als Cochise ausglitt

und zu Boden fiel. Er fing sich mit der Linken ab, wollte sich
herumwerfen, aber da nahm Jack seine Chance wahr.

Mit einem gewaltigen Satz sprang er vor, stieß sich ab und

flog beinahe zwei Yards weit durch die Luft. Das Messer mit
der langen Klinge hielt der Goldsucher wie eine Lanze
vorgestreckt. Er wollte sich auf den Indianer werfen und ihn an
den Boden nageln.

Aber Cochises Fall war nur ein Trick gewesen. Der Apache

glitt wie eine Schlange zur Seite, streckte den Messerarm vor
und prellte seinem Gegner das Messer aus der Hand.

Geschmeidig wie ein Puma kam Cochise wieder auf die

Füße. Er lächelte spöttisch, als er sein Messer wegwarf und
sagte: »Ich bin fair, Bleichgesicht. Komm, kämpfe mit mir.«

Captain Jack stand keuchend vor dem hochgewachsenen,

muskelbepackten Häuptling. Schweiß lief ihm in Strömen über
Gesicht und Oberkörper.

Ein Hoffnungsschimmer, dachte Jack. Die meisten Roten

sind uns Weißen im körperlichen Zweikampf unterlegen.

Er stürmte vor, steppte zur Seite und packte blitzschnell zu.

Mit beiden Armen umschlang er Cochises Hüften, wollte den
großen Krieger zu Boden zwingen, aber wie ein Fels stand der
auf seinen Beinen.

Fast bedächtig wirkten seine Bewegungen, als er sich etwas

vorbeugte. Und dann ging alles sehr schnell. Jack wirbelte
schreiend durch die Luft, prallte zwei Yards weiter schwer zu
Boden und rappelte sich benommen wieder auf. Rote Schleier
tanzten vor seinen Augen. Wut war es, Wut und
Benommenheit, die seine Sinne verwirrte. Er mußte doch
einsehen, daß er Cochise unterlegen war.

Aber wild brüllend jagte Captain Jack auf den Indianer zu.

Der Chief packte ihn, drehte den schweren Körper herum und
legte Jack den Arm von hinten so um den Hals, daß er ihm die
Luft abschnürte.

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»Der Kampf ist aus«, sagte der Häuptling laut, und sein

Atem ging kaum schneller als vorher.

»Wir ziehen ab«, rief der Bärtige. »Mit der Morgensonne

reiten wir, Häuptling. Tötest du deinen Gegner?«

Cochise war großmütig. Er lockerte seinen Griff, ließ Jack zu

Boden gleiten und wandte sich ab. Mit einem Satz übersprang
der Häuptling die Seile, die den Kampfplatz abteilten und ging
zu seinem Mustang.

Captain Jack konnte die Niederlage nicht verwinden. Die

roten Schleier verschwanden, und nur kalte Wut blieb in dem
besiegten Mann zurück.

Eine Armlänge entfernt glänzte etwas Metallisches auf dem

Boden.

Es waren die Revolver, die Ed Cooper und der Mex

fallengelassen hatten, als die Warnsalve der Krieger
aufgepeitscht war.

Mit einem Ruck schob sich der Weiße vor, packte einen Colt

und warf sich herum. Knackend rastete der Hahn ein.

»Fahr zur Hölle, du roter Hund!« brüllte Jack wie von Sinnen

und drückte ab.

Aber als er den Abzugswiderstand überwand, spürte er einen

harten Schlag gegen den Hals. Ein heißer, scharfer Schmerz
nahm dem Mann die Besinnung, nahm ihm das Leben.

Cochise hatte gerade das Kampfbeil in die Schlinge hängen

wollen, als er das Knacken hörte. Sofort reagierte der
Häuptling, warf sein Tomahawk und tötete Captain Jack.

Abwartend stand er neben seinem Pony. Wenn die Weißen

nun zu den Waffen griffen, waren sie verloren, war der Frieden
wieder einmal im Südwesten verloren.

Aber die Goldsucher wagten nicht, gegen mehr als sechzig

kampfbereite Krieger vorzugehen, die moderne Gewehre in
den Fäusten hielten.

Cochise holte sein Kampfbeil und sein Messer, säuberte

beides, zog sein Hemd an und schwang sich auf sein Pony.

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Als er zwischen den Stämmen der Kiefern verschwand,

atmeten die Weißen auf. Sie hatten genügend Zeit, ihre Sachen
zu packen und sich marschbereit zu machen. Irgendwo in
Arizona gab es sicher noch Gold. Irgendwann lachte ihnen das
Glück, fanden sie die große Bonanza, von der jeder träumte.

Cochise hingegen stieß zu seinen Kriegern, betrachtete

spöttisch Victorios mürrisches Gesicht und sagte nichts. Der
Mimbrenjo hatte eine Schlappe erlitten. Seine fein
gesponnenen Listen, seine Versuche, waren mißlungen. Der
große Häuptling hatte keine Hilfe benötigt, um mit den
Eindringlingen in Eskaminzins Land fertig zu werden.

Cochise dachte an die Wichitas. Sobald die Weißen weit

genug entfernt waren, mußte er sich um die räuberischen
Krieger kümmern. Auch sie durften keine Unruhe in das Land
tragen. Denn alles fiel auf die Apachen zurück und konnte den
kaum gefestigten Frieden gefährden. Vielleicht sollte er in
diesem Fall die Pferdesoldaten um Hilfe bitten, dachte der
Häuptling. Er ahnte nicht, daß sein Blutsbruder John »Falke«
Haggerty Gefangener der Wichitas war und niemanden
sehnlichster herbeiwünschte als Cochise.

Cochise würde kommen, denn er kämpfte für sein Land,

seine Rasse und seine Freunde, zu denen er vor allen anderen
John zählte.

ENDE


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