background image

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

background image

 

2

 

Alexander Calhoun 

Fahr zur Hölle, Rothaut 

Apache Cochise 

Band Nr. 28 

Version 1.0 

background image

 

3

Prolog 

Man nannte die Apachen Barbaren, Wilde und Massenmörder. 
Waren sie das? Über alles, was in dieser Welt geschieht oder 
früher einmal geschah, kann man so oder so urteilen.
 

Um objektiv zu sein, kann an dieser Stelle nur von 

Unbefangenen ein Widerruf dieser Meinung über die Apachen 
erfolgen. Unser Nachruf, sozusagen eine verspätete 
Ehrenrettung dieses großen, stolzen und kämpferisch 
veranlagten Volkes, das von der Steinzeit »über Nacht« in eine 
erbarmungslose Zivilisation versetzt wurde, die sie nicht 
begriff, wie auch die Umstände, die zum Untergang der roten 
Rasse führten.
 

Man kann sagen, die damaligen Weißen und Mexikaner 

waren alles andere als weitblickend, eher nur von einer 
hyperhumanen Art, die dem Prankenschlag eines Panthers 
glich. Bei den meisten Weißen war die Ausrottung der Indianer 
eine beschlossene Sache, honoriert durch Prämien für einen 
Apachen-Skalp.
 

Dachten und handelten die weißen Einwanderer mit ihrer 

mitgebrachten zweitausendjährigen Kultur alle richtig, Kultur 
und Zivilisation, gemessen an der der Apachen? Oder 
bewegten sie sich in der klischeehaften Vorstellung des 
Militärs vom »toten Indianer, der ein guter ist«?
 

Mitnichten. Zum Teil gab es vorausschauende und 

mitfühlende Männer in der Army, die aber wegen ihrer 
»Humanitätsduselei« nicht zu Wort gelangten, aber den 
Untergang der roten Rasse voraussagten und mit den 
Indianern fühlten.
 

Nicht alle waren sie ein Colonel Chivington, ein abenteuer- 

und beförderungssüchtiger George Armstrong Custer. Fest 
steht aber, daß der Massenmord an der indianischen Rasse von 

background image

 

4

vielen Amerikanern heutzutage bagatellisiert und, wenn die 
Sprache darauf kommt, mit einer lässigen Handbewegung 
abgetan wird.
 

Auch die in wissenschaftlichen Disziplinen denkenden 

Amerikaner können einen Rückblick auf die Zeit nach 1850 nur 
schwer vertragen. Man sieht die in den Wüsten und Gebirgen 
vegetierenden Stämme Arizonas nicht, und das beruhigt den 
Durchschnittsamerikaner ungemein, weil er das ökologische 
Harakiri, das man mit dem Land und seiner Urbevölkerung 
trieb, nicht mit ansehen muß.
 

Zugegeben, die Stämme der Indianer, besonders die 

Apachen, betrieben zu keiner Zeit Vorratswirtschaft, 
ausgenommen die seßhaften und Ackerbau treibenden Pueblos 
im Westen von Neumexiko und in den nordöstlichen Bereichen 
Arizonas.
 

Lag hier der Untergang der roten Rasse begründet? 
Sicherlich nicht, denn kein nomadisierendes Volk in Europa, 

Asien oder Afrika konnte sich mit Vorratshaltung befreunden. 
Gingen sie unter? Nein, sie gingen auf in den Völkern, deren 
Gebiete sie okkupierten. Auch andere negative Aspekte – in den 
Augen der Weißen – kann den Apachen nicht abgesprochen 
werden. Sie waren nun einmal Naturkinder, einfache Nomaden 
in einem riesigen Kontinent, der ihnen alles bot, was sie zum 
Leben brauchten. Zu allen Zeiten war daher für die Apachen 
die Welt noch in Ordnung. Erst als der weiße Mann mit seinen 
überlegenen Waffen, mit Schnaps und seiner verfeinerten 
Kultur und seinen ansteckenden Krankheiten kam, legte sich 
das große graue Leichentuch über die Stämme und 
Sippenverbände.
 

Ganz bestimmt wäre vor 100 und mehr Jahren 

möglicherweise vieles ganz anders gekommen, wenn unter den 
Militärs und in der Regierung in Washington nur ein einziger 
Mann mit entsprechendem Weitblick und ohne Ressentiments 
gegen die rote Rasse gewesen wäre.
 

background image

 

5

Es hat nicht an klardenkenden und verantwortungsbewußten 

Leuten gemangelt, aber sie hatten nicht die Stimmengewalt im 
Kongreß, die dazu notwendig gewesen wäre, den Indianern zu 
ihrem Recht zu verhelfen.
 

Es ist nicht Aufgabe dieser Einleitung, anzuklagen und zu 

richten, denn niemand von uns kann sagen, daß er es 
womöglich hätte besser machen können. Sie alle in der 
damaligen Zeit – Rote wie Weiße – waren Kinder einer harten 
und erbarmungslosen Epoche, und sie waren Bewohner einer 
rauhen Umwelt.
 

Die Serie APACHE COCHISE mit ihrem wahrhaft großen 

Häuptling Cochise als Held ist die im Wesen und Charakter 
authentische Auf Zeichnung amerikanischer Geschichte, die in 
Romanform für den deutschen Sprachraum noch nicht oder nur 
in Kurzform gebracht wurde.
 

Die guten und schlechten Weißen, die anständigen Apachen 

und die grausamen, tauchen namentlich in der Story auf und 
geben der Geschichte einen dramatischen, wenn auch 
makabren Hintergrund.
 

Ihr Martin Kelter Verlag 

background image

 

6

*** 

Sie lagen zwischen den Mesquitebüschen und starrten mit 
angstverkrampften Herzen zu dem auf die Entfernung 
undeutlichen Rechteck von Corralitos hinunter. Jemand hatte 
dort unten gewütet. Dächer waren eingedrückt und Zäune 
eingerissen. Aus dem Dorf war eine trostlose, leere Ruine 
geworden. 

»Nicht bewegen, du Trottel!« 
Carlos Porfiro Mojada zischte es warnend. Die Beleidigung, 

die er hinzufügte, lockte bei Rico Montalban nur ein 
geringschätziges Lächeln auf die olivbraunen Züge. 

»Was befürchtest du?« 
»Apachen. Siehst du nicht die Trümmer, hörst du nicht die 

Stille eines Leichenhauses? Mann, Hombre, mußt du blöd 
sein.« 

»Sie sind längst nicht mehr da«, antwortete Estevan 

zuversichtlich. 

»Still! Das weiß man bei Apachen nie. Sie können direkt vor 

uns sein, neben uns, hinter uns. Verhaltet euch still und wartet 
ab.« 

Jeder der elf Männer, die hier im Unkraut lauerten, spürte die 

Gänsehaut wie ein Reibeisen über den Rücken gleiten. 
Apachen! Ein Wort für unartige Kinder, die nicht hören 
wollten. Apachen! Ein Schreckgespenst für alle, die sich in 
ihrem Land aufhielten. 

»Glaubst du, sie lauern irgendwo dort unten?« fragte Emerito 

aus dem Hintergrund. Unter dem dichten Dach des Gestrüpps 
klangen seine Worte wie durch einen Tunnel, aber die Angst in 
seiner Stimme war unverkennbar. 

»Das weiß niemand«, antwortete Carlos leise. »Verhaltet 

euch ruhig. Wenn die Bussarde ihr Werk beginnen, können wir 

background image

 

7

hinunter, nicht eher.« 

Elf Köpfe fuhren zum Himmel und beobachteten die dunklen 

Punkte, die wie Rußflocken im Spiel der Winde am Himmel 
kreisten. Sie kauerten im Unkraut und suchten die Umgebung 
ab. Mojadas Bande hatte am Morgen die Stelle kurz hinter der 
Grenze erreicht und war hier abgestiegen, um die Ansiedlung 
zu beobachten, die sie ausrauben wollte. 

Carlos Porfiro spannte sein Gewehr und griff nach seinem 

Colt, um die Ladung zu prüfen. Aus dem Überfall war nichts 
geworden. Andere waren ihnen zuvorgekommen. Andere, 
Apachen. Aber man konnte nie wissen. Vielleicht waren sie 
noch in der Nähe und lauerten auf das Erscheinen ihrer 
Erzfeinde? 

»Ich gehe hinunter«, sagte Mojada plötzlich. »Du, Mort, 

begleitest mich. Die anderen geben uns Feuerschutz, wenn's 
erforderlich werden sollte.« 

Trotz der frühen Morgenstunde war es unter dem Dach des 

Chapparals glühend heiß. Kein Windhauch verschaffte 
Kühlung. Nur die Insekten waren unterwegs und die 
huschenden Nager. 

Die beiden Männer standen auf und huschten gebückt den 

Hang hinunter. Sie ließen den Friedhof mit seinen 
eingefallenen Gräbern und schiefen Kreuzen hinter sich liegen. 
Im Schatten einer ausgebrannten Adobehütte ohne Dach 
blieben sie lauernd stehen und beobachteten die übrigen 
Hausruinen. 

Aus einigen stieg Rauch kerzengerade in die Höhe, ein 

Zeichen, daß der Apachenüberfall während der Nacht 
stattgefunden hatte, und daß es im Innern der Bauwerke immer 
noch schwelte. 

»Weiter!« 
Der Befehl an Mort Douglas, dem eiskalten Mann aus 

Kansas, war ein leiser Hauch. Sie huschten zum nächsten Haus. 
Ihre Stiefel knirschten über zerbrochenes Glas und stießen 

background image

 

8

gegen verrostete Büchsen und an anderen Unrat. 

Ein kurzer Blick durch eines der Fenster sagte ihnen alles. 

Matratzen waren aufgeschlitzt worden, zerschlagene Kisten 
und Möbel lagen zwischen dem Unrat. Ein Haufen Decken 
waren zerschnitten und teilweise verbrannt. 

Carlos Porfiro warf einen Blick zum Dach, es war 

eingesunken, die Balken angekohlt, die Holzbedeckung 
verbrannt. Alle Dinge von Wert waren von den Apachen 
mitgenommen worden. Der schwache Wind wehte stöhnend 
und wie klagend durch die Ruinen. Hier würden die Banditen 
nichts mehr von Wert finden, wenn sie überhaupt etwas 
gefunden hätten. Sonora war arm, noch ärmer die Menschen, 
die in dieser mexikanischen Provinz lebten. Hinzu kam die 
Revolution nach dem vorangegangenen Krieg gegen Benito 
Pablo Juárez liberaler Regierung, der versuchte, die Truppen 
Kaiser Maximilians von Mexiko außer Landes zu jagen, um 
selbst wieder den Präsidentenstuhl einnehmen zu können. 

In diesen Wirren gediehen Banden von Desperados wie 

Unkraut im Frühjahrsregen. Zahlreiche Banden von 
Mexikanern, Amerikanern, Indianern und sogar entlaufenen 
Negersklaven aus den Südstaaten der USA. 

»Sieht trostlos aus, was?« 
»Wir kamen zu spät. Mirda!« 
Carlos Porfiro Mojada spuckte aus und huschte zur nächsten 

Ruine. Auch hier war es nicht anders. Das Bild, das sich den 
beiden Desperados bot, war stets das gleiche: Verbrannte 
Häuser, ausgeplündert und mutwillig zerstört. Sie stießen auf 
die ersten Toten. 

Die Apachen hatten sie auf dem Marktplatz 

zusammengetrieben und dann getötet. 

Mort Douglas, der eiskalte Revolvermann, verzog kaum die 

Lippen. 

»Apachenart«, sagte er. »Ich sehe keine toten Kinder?« 
»Die haben sie mitgenommen. Werden alle zu perfekten 

background image

 

9

Chiricahuas umfunktioniert. Eines Tages kommen sie als 
Apachen über uns.«. 

Mort Douglas schüttelte sich. Gehetzt flogen seine Blicke 

zwischen den Häusern auf und ab, immer wieder. Aber nichts 
rührte sich. Der Wüstenwind bewegte lose Teile und spielte mit 
Unrat und Tumbleweed. 

»Du brauchst keine Angst zu haben, sie sind fort«, sagte 

Carlos spöttisch und grinste Douglas an. 

»Angst? Du bist wohl nicht bei Trost, Greaser? Ich und 

Angst! Falls du's vergessen hast: ich bin der beste 
Revolvermann zwischen Oaxaca und dem Pecos. Leg dich ja 
nicht mit mir an, Carlos, sonst wirst du dein blaues Wunder 
erleben.« 

»Der zweitbeste.« 
»Was? Du hast wohl 'nen Vogel unter deinem Hut? Wer will 

denn besser sein als ich?« 

»Ich.« 
»Was, du? Mann, ich krieg 'nen Schreikrampf. Du und 

besser. Wenn ich das noch mal höre, glaube ich es fast.« 

»Du kannst es glauben«, antwortete der Mexikaner kühl. 

»Und wenn nicht, dann versuch's mal. Das ist eine 
Aufforderung.« 

Zufällig starrte der Bandenchef zu den Büschen einer Mulde 

hinüber, die außerhalb der Ruinen einer zerstörten 
Dorfgemeinschaft lag. Etwas bewegte sich dort. Carlos machte 
einen Riesensatz und verschwand hinter der Hausecke. 
Unbewußt folgte ihm der Amerikaner. 

»Was ist los?« fragte er. »Indianer?« 
»Weiß nicht. Warte ab.« 
Wieder Bewegung bei den Büschen. Ein Maulesel wieherte 

leise. Carlos huschte um das Haus herum zum nächsten. Von 
hier aus konnte er kriechend die Büsche erreichen, während 
ihm Mort Feuerschutz gab. Carlos kroch weiter, bis er das 
Schimmern von Wasser vor sich erkennen konnte. Noch ein 

background image

 10

paar Meter und er konnte die verschwommenen Umrisse eines 
Spitzhutes sehen. 

Wahrscheinlich war es ein Mexikaner. 
Der Mann richtete sich auf und hob sein Gewehr. 
»Wer ist da?« rief er auf Spanisch. 
»Ein Freund.« 
Der Gewehrhahn knackte deutlich, die antwortende Stimme 

klang ziemlich hell. 

»Welcher Freund? Hier gibt es nur Tote, aber keine Freunde. 

Bleiben Sie stehen, Hombre.« 

Carlos erhob sich aus dem Staub und klopfte sich den 

Schmutz von der Kleidung. 

»Sie sind eine Frau, verstecken Sie sich nicht länger. Wir tun 

Ihnen nichts. Lassen Sie Ihr Gewehr fallen, und kommen Sie 
aus den Büschen. Was ist das für ein Wasser hinter Ihnen?« 

»Ein See, das sehen Sie doch. Er wird von einer 

unterirdischen Quelle gespeist. Ich werde nicht kommen, 
kapiert? Ihrem Blätterteiggesicht sieht man die Gemeinheit auf 
hundert Meilen an. Gehen Sie fort. Gehen Sie schnell fort.« 

»Unsinn! Fort. Wohin fort? Überall können Apachen sein. 

Wollen Sie mich dem sicheren Tod überantworten?« 

»Sie sind nicht allein, Hombre. Meinen Sie, ich hätte den 

Kerl dort bei der Hausruine und die anderen auf dem Hügel 
nicht gesehen? Hauen Sie endlich ab, aber schnell.« 

Das schmale Gesicht unter dem spitzen Strohsombrero stieß 

einen gellenden Schrei aus. Ein Schuß krachte. Die gelbe 
Mündungsflamme raste zusammen mit Pulverqualm auf Carlos 
zu, aber keine Kugel traf. 

Noch einmal brüllte das Gewehr hinter dem Dickicht auf. 

Weit hinter dem Desperado erklang ein Todesschrei. Carlos 
war so verblüfft, daß er den Arm nicht sah, der sich um den 
Hals des Mädchens legte und sie umriß. 

background image

 11

»Komm heraus! Mit erhobenen Händen!« 

Der es sagte, war ein Indianer. Ein Apache. Noch genauer: 

ein Chiricahua. Man sah es an dem breiten Stirnband, an der 
hellen Wildlederkleidung und an der majestätischen Gestalt, 
die gebieterisch den Arm ausstreckte und in die Klippen 
deutete. 

Der Gewehrhahn knackte überlaut. Eine angstgepeinigte 

Stimme zerflatterte wie Staub im Höhenwind. 

»Wer bist du, Rothaut?« 
»Cochise, der Jefe aller Apachenstämme. Komm endlich, 

oder soll ich dich holen?« 

Naiche warf seinem Vater einen fragenden Blick zu. Cochise 

schüttelte den Kopf und zeigte mit dem Finger auf die Spitzen 
seiner hellen Mokassins. 

»Hierher kommt er, freiwillig.« 
Der Mexikaner kam. Urplötzlich teilten sich die Büsche. Er 

war klein und schlank wie ein Mesquitezweig. Dunkle Augen 
flitzten ängstlich von Rothaut zu Rothaut und übersahen auch 
die grimmig dreinblickenden Krieger im Hintergrund nicht. 

»Du bist wirklich…?« 
»Ich stelle Fragen«, unterbrach ihn Cochise. »Weshalb 

lauerst du uns auf?« 

Der Mex schüttelte so heftig den Kopf, daß ihm der zu große 

Hut in die Stirn rutschte. 

»Allmächtiger! Ich und auflauern? Ich habe mich 

verkrochen, Chief. In den tiefsten Busch verkroch ich mich. 
Und weißt du auch warum? Aus Angst vor dir und deinen 
Kriegern.« 

»Kröte! Schweig, du Hund von einem Pima! Du hattest das 

Gewehr schon gehoben, ich sah es deutlich. Laß es fallen! Los, 
laß es fallen!« 

»Dann bin ich wehrlos.« 
»Wirf es weg!« 
Cochises Stimme klang wie brechendes Glas. Das Funkeln 

background image

 12

seiner Augen ließ erst nach, als das Gewehr, eine uralte 
Hauser, auf den Boden polterte. 

»Geh weg! Zurück!« 
Naiches Hand legte sich an den Messergriff in den Leggins. 

Er war nahe daran, dieser feigen, winselnden Kreatur die 
Klinge bis ins Heft in das falsche Herz zu stoßen. Im stillen 
wunderte er sich, warum sein Vater so viele Umstände mit dem 
Gelbhäutigen machte. Irgendwie ahnte er, daß Cochise nie 
etwas ohne Grund tat, und die sechs Krieger im Hintergrund 
wußten das auch. 

Cochise stieß das vorsintflutliche Gewehr mit dem Fuß zur 

Seite und folgte dem mickrigen Mexikaner. In seiner Angst vor 
dem Chiricahuas wich dieser weiter und weiter zurück. 

»Du hast mir das Leben versprochen«, winselte er und brach 

vor Selbstmitleid fast in Tränen aus. »Du hast es versprochen, 
Cochise, und der Häuptling der Apachen hält hoffentlich sein 
Wort.« 

»Schweig! Ich versprach dir nichts!« 
Cochises Stimme kam grollend aus seiner gewölbten Brust. 

Sein scharfgezeichnetes Gesicht mit der großen Adlernase 
drückte Verachtung und Widerwillen aus. 

»Du kannst dich freikaufen, Kröte. Wenn du alle meine 

Fragen wahrheitsgemäß beantwortest, lasse ich dich laufen.« 

»Frage…« 
»Still, du schleimige Kröte! Wenn der Häuptling der 

Apachen vor dir steht, schweigst du!« 

Die Angst um sein Leben ließ die Worte des Mexikaners 

förmlich sprudeln. Er verdrehte dabei die Augen, als hinge er 
schon am Marterpfahl. 

»Heilige Mutter Gottes, frage, Cochise.« 
»Du wirst mich anlügen, um deine schmutzige Haut zu 

retten.« 

»Ich werde die Wahrheit sagen. Ich schwöre es bei allen 

Heiligen Mexikos. Ich werde…« 

background image

 13

»Du wirst schweigen.« 
Naiche spuckte angewidert aus. Die Krieger in seinem 

Rücken bewegten ihre Körper unruhig auf den Satteldecken. 
Sie haßten nichts mehr als Feigheit und den Ausdruck von 
Angstgefühlen. Wer bei ihnen um sein Leben winselte, war 
schon so gut wie tot. 

»Du bist ein Mann dieses Juárez?« 
»Nein, Jefe.« 
Cochise hob das Gewehr auf, hielt es dem Mexikaner vor die 

Nase. 

»Ein französisches Gewehr, Bastard. Du lügst!« 
»Ich sage die Wahrheit!« schrie der Kleine schreckerfüllt. Er 

zitterte an allen Gliedern. »Du mußt mir glauben, Cochise, daß 
ich mit diesem Rebell nichts zu tun habe.« 

»Wenn nicht mit ihm, dann mit den Franzosen?« 
Miguel warf beide Hände abwehrend in die Höhe. 
»Auch nicht mit den Franzosen. Kaiser Maximilian ist kein 

Freund der Mexikaner. Wenn ich…« 

Cochise ließ ihn nicht zu Wort kommen, kannte er doch die 

geschmeidigen Zungen der Mexikaner im Reden. 

»Dann arbeitest du für eine der Verbrecherbanden? Du bist 

ein Desperado?« 

Miguel senkte den Blick und nickte. 
»Ich reite für Carlos Porfiro Mojada und kundschafte 

Hazienden und Ortschaften aus, die überfallen werden sollen. 
Nebenher treibe ich Handel mit den Peonen.« 

Cochises nächste Frage kam wie ein Peitschenschlag. 
»Du bist von Süden gekommen, durch die Gran Desierto. 

Kennst du die geheimen Wasserstellen?« 

»Nein, ich nahm Wasser in Schläuchen mit. Mein Maulesel 

ist hochbepackt. Du kannst dich davon überzeugen.« 

Cochise gab Naiche einen Wink, während er mit seinem 

Verhör fortfuhr. »Sind in der großen Trockenwüste Soldaten? 
Halten sich Juárez' Männer dort auf, Franzosen, oder 

background image

 14

irgendeine andere Truppe?« 

»Ich habe keine gesehen, Chief. Diese Gegend ist gefährlich 

für Mexikaner und Apachen. Ich mußte immer in der Nacht 
reiten und mich am Tag verbergen.« 

Naiche kam zurück und zerrte einen Maulesel hinter sich her. 

Die Augen der Krieger bekamen einen lichten Glanz. 
Mauleselfleisch war für sie ein Leckerbissen. Naiche nickte 
seinem Vater zu und deutete auf die prallen Wasserschläuche. 
Der Mexikaner sah die gierigen Blicke der Krieger und deutete 
auf den Maulesel. 

»Ich kann mich nicht von dem Muli trennen, Cochise. Ohne 

das Tier bin ich in diesem Land verloren.« 

Der Häuptling warf einen Blick zurück auf die Berge. Es gab 

keinen Weg aus ihnen. Nur wenigen weißen Männern war es 
jemals vergönnt, aus diesen Bergen zurückzukehren. Jenseits 
der Berge lagen andere, noch weitgestreckter, noch dunkler 
und gefährlicher. Nur die Apachen kannten die Berge, ihre 
Canyons, Mesas und ihre geheimen Quellen. 

»Du kannst deines Weges ziehen«, sagte er. 
Miguel warf einen scheuen Blick auf die dunklen 

Wasserspeiergesichter der Krieger und wich ängstlich einen 
Schritt zurück. Er wußte von der grausamen Art der Apachen, 
einen Gefangenen laufen zu lassen, um ihn anschließend zu 
Tode zu hetzen. Aber er irrte. 

Cochise schwang sich auf sein Pferd und ritt an der Spitze 

seiner Krieger in die flimmernde Tageshitze hinein. 

Carlos warf sich herum und zog den Revolver. Mit dem 
Daumen spannte er den Hahn. Um den Bruchteil einer Sekunde 
war er zu spät gekommen. Zwanzig Yards von ihm entfernt 
hauchte ein Apache im Todeskampf sein Leben aus. Mit einem 
einzigen Sprung war Carlos Porfiro Majada auf den Füßen und 

background image

 15

hetzte mit langen Sätzen zum See hinüber. 

Ein Pfeil zischte an ihm vorbei, ein zweiter, schließlich ein 

dritter. Mit einem Riesensprung krachte er in das Dickicht und 
kam neben Mort Douglas und der fremden Mexikanerin auf 
dem Bauch zu liegen. 

»Das war knapp«, keuchte er. »Die roten Bestien sind also 

noch immer in der Nähe.« 

Er blickte seitwärts. Morts Arm lag wie eine kräftige Liane 

um den Hals einer noch jungen Mexikanerin. Vor ihr lag ein 
Gewehr. Der Hut war dem Mädchen vom Kopf gerutscht, 
schwarzes Haar floß ihr lang über die Schultern. 

Vom Hügel herüber klangen Schüsse. Graue Pulverwolken 

stiegen über der unkrautüberwucherten Kuppe auf und 
verteilten sich. Das Gewehrfeuer richtete sich auf die letzten 
Ruinen bei der im Halbkreis verlaufenden Straße. 

»Warum hast du sie überwältigt, Mort? Sie rettete mir das 

Leben.« 

»Das konnte ich nicht wissen, als sie schoß. Konnte auch 

nicht wissen, auf wen sie schoß. Die Wildkatze hat mir ganz 
schön zu schaffen gemacht.« 

»Laß sie los!« 
»Meinetwegen. Wenn sie schreit, stopfe ich ihr die 

Futterluke mit dem Revolverkolben.« 

Carlos studierte das aparte Gesicht des sicher kaum 

zwanzigjährigen Mädchens. Schmales Gesicht, leicht 
hervorstehende Wangenknochen, hohe Jochbögen, dunkle 
Augen und füllige Lippen. Alles in allem: sie war schön. Seidig 
und blauschwarz rahmte das Haar ihr braunes Gesicht ein. 

»Sind Sie aus diesem Dorf, Señorita?« 
Sie nickte, warf unter seidigen Wimpern einen prüfenden 

Blick hervor, der Carlos streifte. Sofort schaute sie wieder fort. 

»Meine Eltern sind tot, Señor. Sie sind alle tot, die 

Menschen, die mit uns zusammenlebten. Alle!« 

»Chiricahuas?« 

background image

 16

Sie nickte unter Tränen. Ein trockenes Schluchzen schüttelte 

ihren Körper. Nach einer Weile antwortete sie: 

»Victorio. Ich habe ihn deutlich gesehen und erkannt. Er 

ermordete und skalpierte meinen Vater.« 

Carlos murmelte: »Tut mir leid.« Mort Douglas grinste nur. 

Die scharfen Züge in seinem Gesicht wanderten über die Figur 
des Mädchens und begutachteten ihre Jungfräulichkeit. 

»Wieviel Apachen waren an dem Überfall beteiligt?« 
»Fünfzig, oder auch mehr. Es ging alles zu schnell. Mit dem 

sinkenden Abend griffen sie an, und eine Stunde später brannte 
die Ansiedlung an allen Ecken und Enden.« 

»Wie sind Sie dem Massaker entkommen?« 
»Ich war am See, um ein Bad zu nehmen, Señor. Als die 

ersten Schüsse fielen, versteckte ich mich.« 

»Und das Gewehr hier? Haben Sie das auch gebadet?« 
Das Mädchen wurde rot, über und über rot. Beinahe wild 

schüttelte sie den Kopf. 

»Ich nehme es immer mit, wenn ich das Dorf verlasse.« 
»Vor wem hatten Sie Angst?« 
»Vor den Desperados. Sie sind ein Desperado, nicht wahr?« 
Carlos nickte. In diesem Augenblick verfluchte er die 

Stunde, die ihn zum Räuber und Plünderer gemacht hatte. 
Diese junge mexikanische Frau hatte den hartgesottenen 
Desperado im Sturm erobert, und der flüchtige Augenblick, der 
dazu genügt hatte, würde dem Manne ewig unvergessen 
bleiben. 

Mort Douglas erhob sich auf die Knie und spähte durch den 

dichten Chapparal. Hinter ihm gluckerte der See und warf 
kleine Wellen an das grasbedeckte Ufer. Was Mort sah, ließ 
ihn den Kopf schütteln. Er sah nichts, und gerade das war es, 
was ihn verwunderte. Er stand auf und zog seinen schweren 
Revolvergurt hoch. 

»Runter!« sagte Carlos heftig. »Oder willst du einen Pfeil 

zwischen deine Rippen haben?« 

background image

 17

Morts Lippen verzogen sich spöttisch und abweisend. Seine 

weißen Zähne und seine eiskalten grauen Augen blitzten. 

»Unsterblichkeit mag sicher ganz reizvoll sein, Carlos, aber 

bestimmt auch langweilig. Ich gehe mal nachsehen, wenn du 
nichts dagegen hast?« 

»Bleib in Deckung, das ist bestimmt sicherer.« 
»Ich lasse mich nicht bedrohen. Weder von einer Rothaut 

noch von einem Spie.« 

Fort war er. Wie ein Büffel durchbrach der Revolvermann 

den grünen Ring der Pflanzenmauer. Carlos Porfiro erhob sich 
auf die Knie, den Revolver in der Faust. Er spähte durch die 
Blätterwand und verfolgte den Amerikaner mit seinen Augen. 

Mort war beim letzten Haus angelangt und warf sich dort zu 

Boden. Den gespannten Colt hielt er in der ausgestreckten 
Hand. Nichts rührte sich. Staubteufelchen tanzten auf der Calle 
Royal und verbanden sich mit dem trockenen Dung, der von 
thermischen Winden aufgewirbelt wurde. 

Links von ihm lag der tote Apache, rechts davor eine 

zusammengerollte Klapperschlange in der heißen Sonne. Das 
ausgebrannte Dorf war tot und leer. Oder doch nicht? Wo ein 
Apache war, mußten sich mehrere aufhalten. Kein Chiricahua 
entfernte sich so weit von seinen Jagdgründen und schon gar 
nicht in die Gran Desierto, wenn er nicht mußte oder wenn er 
allein war. 

In seinem Rücken johlten die Kameraden auf dem Hügel und 

riefen ihm Warnungen und Ermahnungen zu. Mort beobachtete 
sie nicht. Ein Revolvermann seines Formates kümmerte sich 
nicht um ein paar rote Halsabschneider, und wenn sie ihn 
angriffen, würde er mit heißem Blei zu ihnen sprechen. 

Schwer und vertraut lag der langläufige Revolver in seiner 

Hand. Wie ein alter Freund, der zuversichtlich und vertraulich 
mit ihm raunte. 

Mort kroch weiter. Er traute dem Frieden nicht. Selbst die 

Jungs oben auf dem Hügel konnten das Dorf nicht ganz 

background image

 18

einsehen, weil die Hauptstraße diagonal zu ihrer Blickrichtung 
verlief. 

Mort gelangte bis zur Straße. Auch hier nichts. Unrat und 

Tumbleweed torkelte wie trunken über den 
zusammengewehten Staub, um irgendwo zum Erliegen zu 
kommen oder einfach weiterzurollen, bis es nicht mehr ging. 

Ein leises, kaum wahrnehmbares Geräusch war plötzlich 

hinter ihm. Mort Douglas fegte herum und warf sich auf den 
Rücken. Die satanische Fratze mit den bunten Querstreifen 
fletschte ihn hinter dem gespannten Kriegsbogen geradezu 
faunisch an. 

Mort schoß, spannte den Hahn wieder und hob die Waffe. Er 

brauchte keinen zweiten Schuß, um sich des Apachen zu 
erwehren. Der Krieger ließ den Bogen fallen, warf die Arme in 
die Höhe und knickte in den Knien ein. Sein letzter Impuls 
war, den verhaßten Weißen mit dem Messer zu erreichen, was 
ihm nicht mehr gelang. Der Tod war schneller. 

Mort wirbelte auf die Knie, drehte sich um seine Achse, 

immer den Colt im Anschlag, gespannt und mit fünf Patronen 
in der Trommel. Er erwartete einen weiteren Angriff, sah sich 
aber getäuscht. Vom Hügel herüber vernahm er das Geschrei 
der Desperados, die ihm Warnungen zuriefen, die er nicht 
verstand. 

Als er die Hufschläge hörte, ahnte er, daß sich der Rest der 

Krieger fluchtartig absetzte. Er stand auf und trat auf die 
Dorfstraße hinaus. Dort ritten sie, drei Krieger auf schnellen 
Mustangs, die die stämmigen Beine wie Dreschflegel warfen. 

Vom Hügel kamen die Banditen heruntergeritten. Sie hielten 

beim See an und stiegen aus den Sätteln. Mort setzte sich in 
Bewegung und ging den Weg zurück. Er hatte sie vertrieben, 
die lauernden Krieger, und er war so gelassen wie zuvor. 

background image

 19

Am Rio Yaqui kauerten in einem offenen Feldlager Soldaten 
der französischen Armee an kleinen Kochfeuern und bereiteten 
sich ihre Abendmahlzeit. Im Westen sahen sie nur 
Berggiganten mit weißen Häuptern und die tiefen Einschnitte 
der Schluchten. Hinter ihnen lag die große Wüste von Sonora. 
Im Norden gurgelte der Fluß, und im Süden wellte sich das 
Hügelland, das der Sierra Madre vorgelagert war. 

Wenn nicht die Rauchsignale gewesen wären, hätten sie sich 

in der Bergwelt wie zu Hause gefühlt. Aber so vorsichtig die 
Gruppe sich im Indianergebiet bewegte, es gab keine 
Möglichkeit, ihre Spur zu verwischen. Im schlimmsten Fall 
konnte ein einzelner Reiter den scharfen Augen der Yaquis und 
Apachen entgehen, eine so große Kolonne jedoch niemals. 

Der Tag neigte sich. Dunkelheit brach über das Lager, und 

wenn die Soldaten den Feuern neue Nahrung gaben, flackerten 
Licht und Holzrauch bis weit hinüber zum Fluß. Wie Tinte floß 
der Rio Yaqui durch die Hügel, und wie schäumende Tinte 
unterspülte sein Wasser die Uferböschungen. 

Der Reiter hinter den Hügeln, noch etwa zwei Meilen 

entfernt, roch zuerst den Feuerrauch, bevor er die Brandstellen 
sah. Zwischen zwei Hügeln steigerte er seine Unrast und gab 
dem Pferd die Sporen. Aber schon bald danach zügelte er den 
Dunkelbraunen wieder und stieg aus dem Sattel. 

»Diese Vollidioten!« fluchte er auf Englisch. 
Er band sein Pferd an einem Kandelaberkaktus fest und ging 

zu Fuß weiter, dem Geruch des Rauches nach. Endlich sah er 
die Flammen, als er eine Bodenwelle hinter sich ließ. Er 
kauerte in der Dunkelheit und blickte zu den Lagerfeuern. 
Stimmengemurmel drang an sein Ohr. Es waren Franzosen. 
Die Soldaten trugen seltsame Uniformen, die sich dem 
malerisch veranlagten Land anpaßten, in dem sie zwangsläufig 
Krieg spielen mußten. Ein Krieg, der ihnen völlig gleichgültig 
war. 

Ihre roten Hosen waren zerrissen, die blauen Uniformjacken 

background image

 20

mit den Silberknöpfen starrten vor Schmutz. Ihre Stiefel hatten 
Löcher und kaum noch Sohlen. Trotz ihres schäbigen 
Aussehens waren sie immer noch eine willkommene Beute für 
die Yaquis und Apachen, weil sie noch etwas hatten, was die 
Indianer wollten: Waffen und Skalps. 

Der Mann hinter der Bodenhebung trat aus der Dunkelheit 

und rief gedämpft: »Hallo, Lager!« Dann trat er rasch hinter 
einen Busch. Der Wachposten fuhr herum und hob das 
Gewehr. Die Soldaten an den Feuern richteten sich auf und 
starrten in die Dunkelheit. Ein Offizier erhob sich und ging 
dem Ruf nach. 

»Wer ruft?« brüllte der Posten. 
»Quadis Maurice Guilbert aus dem Hauptquartier in 

Mexiko.« 

Der Offizier rief: »Kommen Sie ans Licht, Monsieur!« 
Der Mann mit dem seltsamen Namen Quadis schritt aus der 

Dunkelheit dem Lichtkreis entgegen. Bei dem Offizier blieb er 
stehen und legte grüßend die Hand an den Hut, obwohl er 
Zivilkleidung trug. 

»Guten Abend. Sie sind Capitaine Duboi?« 
»Ja, und wer sind Sie?« 
»Ich sagte es bereits: mein Name ist Quadis Maurice 

Guilbert. Ich komme mit Sondervollmachten direkt aus 
Mexiko. Hier, bitte lesen Sie.« 

Er zog ein Stück Papier aus der Tasche und reichte es dem 

Offizier. Der faltete das Schreiben auseinander und drehte sich 
zum Licht. Nach einer Weile nickte er und gab das Schreiben 
zurück. 

»Ich soll Sie mit Ihren Leuten aus dem Indianergebiet heraus 

und nach Osten führen. Und das heute nacht.« 

»Wer hat das angeordnet? Mein Befehl lautet, die Yaquis 

anzugreifen und zur Räson zu bringen.« 

»Das Hauptquartier«, Guilbert zuckte die Achseln. 

»Womöglich der Kaiser selbst. Wissen Sie übrigens, worauf 

background image

 21

Sie sich da eingelassen haben? Die Yaquis zur Räson zu 
bringen, ist leichter gesagt als getan. Yaquis bändigt man nicht. 
Man bringt sie um oder man wird von ihnen umgebracht. 
Lassen Sie das Lager abbrechen.« 

Der Offizier gab die nötigen Befehle, und Minuten später 

stand die Truppe feldmarschmäßig bereit zum Marsch ins 
Ungewisse. Duboi und Guilbert ritten an der Spitze des langen 
Zuges. Sie unterhielten sich, von Dunkelheit umgeben, von der 
Nacht gedeckt. Geheimnisvoll rauschten die Büsche im Wind, 
und noch geheimnisvoller leuchteten die Sterne über ihren 
Köpfen. 

»Sie sind Offizier, Monsieur?« 
»Nein, Scout oder Pfadfinder, wenn Sie wollen. In eine 

Uniform lasse ich mich nicht stecken.« 

»Parbleu, wirklich ein Scout? Ich dachte immer, das gibt es 

gar nicht.« 

»Sie sehen, daß es das gibt. Erkennen Sie die Hügelkette im 

Osten? Dort müssen wir hindurch. Haben wir sie hinter uns 
liegen, gibt es für Sie und Ihre Soldaten keine Probleme mehr.« 

Duboi warf einen seltsamen Blick auf das Gesicht des neben 

ihm reitenden Mannes. Hatte das nicht etwas seltsam 
geklungen, so wie er es durch die Zähne quetschte? So 
maliziös und zweideutig? 

Aber Guilberts Gesicht war nichts anzumerken. Die Hügel 

kamen näher und sahen in der sternendurchdrungenen 
Dunkelheit wie die Rücken großer schlafender Büffel aus, oder 
wie ein erstarrtes Meer. Hügel reihte sich an Hügel, Tal an Tal. 
Dazwischen gab es Buschinseln und Bäume, Kakteen und 
ganze Distel- oder Yuccafelder. 

Ein seltsames beklemmendes Gefühl befiel den Offizier. Der 

Schweiß brach ihm klebrig und in dicken Tropfen aus. Seine 
dunkeln Augen flogen von Kuppe zu Kuppe, von Busch zu 
Busch, hinter jeden Baum. Aber die Nacht blieb still und 
weiterhin gespenstisch. 

background image

 22

Schweigen legte sich auf die Truppe. Die Angst, in dieser 

Nacht allein in einem fremden Land zu sein, beflügelte ihre 
Sinne und ihre Phantasie. Riesige Monster tauchten aus den 
seitlichen Tälern auf, stampften heran und ließen die Erde 
zittern. Halluzinationen. 

Etwa eine Stunde waren sie durch das Labyrinth von Hügeln 

und Tälern marschiert, als unvermittelt vor ihnen ein Licht 
auftauchte. Eine Stimme rief: 

»Feuer! Gebt Feuer, Muchachos!« 
Guilbert riß sein Pferd nach rechts und gab ihm die Sporen. 

Das Tier fegte laut wiehernd in ein Hügeltal und verschwand. 
Gewehre krachten rings um die französische Truppe, viele, 
nicht zu zählende Gewehre. Es krachte, als seien sämtliche 
Höllen losgelassen. 

Das Schreien und Keuchen der zusammenbrechenden 

Soldaten wurde vielzähliger und lauter, ihr Wut- und 
Schmerzgebrüll geradezu infernalisch. 

Capitain Dubois wollte den Befehl zum Rückzug 

herausschreien, aber der Einschlag einer Kugel in seiner Kehle 
ließ nur noch ein blutersticktes Gurgeln zu. Er brach zusammen 
und war tot, bevor der Gedanke an Verrat ihn ganz erreichte. 

Nach einer halben Stunde lebte keiner der Soldaten mehr. 

Gestalten mit Wagenradsombreros auf den Köpfen glitten leise 
und schattenhaft heran, während Guilbert aus einem Hügeltal 
heraus auf ein großes Militärlager zuritt. 

Vor einem Doppelzelt sprang er aus dem Sattel und stürmte 

durch den Eingang. Zwei Mexikaner mit Riesensombreros auf 
den Köpfen und gekreuzten Patronengurten über der Brust 
hielten ihn auf. 

»Zu wem wollen Sie, Señor?« grunzte der eine und stieß den 

Amerikaner vor die Brust. 

»Zum Präsidenten, zu wem sonst? Melden Sie mich, Major. 

Ich bin Mark Bowden und komme vom Rio Yaqui.« 

Die Leinwand zum Nebenraum teilte sich. Der Flügel 

background image

 23

klappte wieder zurück, und ein um die Hüften fülliger Indianer 
erschien. Benito Juárez, gepflegt wie immer, eine breite rote 
Schärpe unter dem langschößigen Rock. 

»Laßt diesen Mann eintreten, Pfilippo, ich kenne ihn.« 
Guilbert betrat das Zelt und blieb vor Juárez stehen. Der 

ehemalige Präsident zupfte an seinen Koteletten. 

»Mr. Bowden, Sie haben die Truppe gefunden?« 
»Es war denkbar einfach, Sir. Sie hinterließ eine Menge 

Spuren, denen man selbst im Dunkeln folgen konnte.« 

»Und?« 
Bowden wedelte ein wenig mit der Hand. »Es hat natürlich 

geklappt. Von den Rothosen dürfte keiner mehr leben. Ihre 
Leute waren pünktlich zur Stelle und gut postiert. Wenn ich 
nicht irre, wird das den Kaiser abhalten, eine weitere Truppe in 
den Norden zu schicken und massakrieren zu lassen. Das 
verlorene Material und die Waffen sind für ihn unersetzlich.« 

»Das haben Sie ausgezeichnet gemacht, Mr. Bowden. Ihre 

Belohnung können Sie sich beim Zahlmeister abholen. Vielen 
Dank für Ihre gute Arbeit.« 

Bowden zögerte. »Sie sollten Anweisung geben, Sir, die 

Feuer draußen zu löschen. Der Rauch ist meilenweit zu 
riechen. Keine Indianernase kann… Pardon, Sir, ich vergaß…« 

Juárez lächelte. »Macht nichts«, erwiderte er. »Die ganze 

Welt weiß, daß ich ein Ureinwohner dieses Landes bin. Wir 
sind die Herren Mexikos, nicht die Franzosen. Einverstanden, 
ich lasse die Feuer löschen, wenn Sie den Rauch und das Licht 
für gefährlich halten. Durch wen gefährlich?« 

Bowden lachte trocken. Sein scharfgeschnittenes Gesicht mit 

den grauen Augen wirkte überheblich und selbstsicher. 

»Das fragen Sie, Sir? Sie sollten die Yaquis und Apachen 

eigentlich besser kennen als ich.« 

»Natürlich! Meine indianischen Späher berichteten mir, daß 

Cochise, der Häuptling der Chiricahuas, in Sonora eindrang 
und auf dem Weg zu den Yaquis ist. Wir haben allen Grund, 

background image

 24

uns für dieses Treffen zu interessieren.« 

»Wie meinen Sie das, Sir.« 
»Was haben Sie nach Erfüllung dieses Auftrages vor?« 
»Am liebsten würde ich nach Texas oder Kansas 

zurückkehren«, antwortete Bowden trocken und unpersönlich. 

Juárez' Augen lagen mit einem seltsamen Ausdruck auf dem 

scharfgeschnittenen Gesicht des Amerikaners. Bowden fragte 
sich, was den ehemaligen Präsidenten bewegte. 

»Haben Sie einen weiteren Job für mich? Falls ja, was bringt 

er ein?« 

Juárez sagte: »Dreihundert. Die Arbeit dürfte Ihnen gelegen 

sein.« 

»Meine Preise richten sich nach der Art des Unternehmens, 

Sir, und nach seinem Gefährlichkeitsgrad. Wenn es mich 
meinen Kopf kosten kann, müssen Sie etwas zulegen. Daran 
geht Ihre Revolution nicht zugrunde.« 

»Mr. Bowden, Sie verstehen ein Geschäft auszuhandeln, alle 

Achtung. Ich biete Ihnen das Doppelte. Sechshundert.« 

Bowden nickte. »Und was muß ich dafür tun?« 
»Bringen Sie mir die Nachricht, was Cochise bei dem Yaqui 

will und was er mit Tehueco vereinbart. Es geht um Krieg oder 
Frieden mit den Stämmen. Trauen Sie sich das zu?« 

»Warum nicht? Sechshundert Goldpesos bei Erfüllung Ihres 

Auftrages. Ich bin einverstanden. Bei Tagesanbruch reite ich. 
Adios und gute Nacht, Sir.« 

»Buenas noches, Señor Bowden!« 

Es war ein brausender Schrei, der die Sterne verdunkelte und 
mit hundert Echos von den Felsklippen zurückbrandete. Sogar 
die Steine brachte er zum Beben. Der Schrei wiederholte sich 
nicht, aber er hallte lange in der aufgewühlten Seele des 
einsamen Mannes nach, der ein Kochfeuer unterhielt und eine 

background image

 25

Pfanne schwenkte. 

Zwei Paar Augen beobachteten ihn bei seiner Tätigkeit. Auf 

ein Kopfnicken Cochises erhob sich Naiche und folgte dem 
Jefe auf die Lichtung. Als sie so beide unerwartet und lautlos 
aus der Dunkelheit auftauchten, zuckte der Weiße zusammen 
und sprang auf die Füße. Wie hingezaubert lag sein 
großkalibriger Revolver in seiner Hand. 

»Wer seid ihr?« 
Cochise blieb stehen und starrte abwechselnd in die 

Flammen und auf den Fremden. Wenn die Flammen den 
Weißen anstrahlten, blickte Cochise in die kältesten grauen 
Augen, die ihm je begegnet waren. 

»Lösche das Feuer«, sagte er. »Yaquis sind in der Nähe. Du 

hast ihren Jagdschrei gehört, oder nicht?« 

Der Weiße nickte. »Wer bist du, ein Yaqui? Aber nein, das 

kann nicht sein, du würdest mich sonst nicht warnen.« 

»Ich bin Cochise, der Häuptling aller Apachenstämme. Ich 

und mein Sohn haben von den Yaquis nichts zu befürchten, 
aber du. Wirf Sand auf das Feuer.« 

Cochise trat mit seinem Begleiter näher an das Feuer. Er war 

um einige Zoll größer als der Amerikaner, mit einem 
mächtigen Oberkörper, der das Wildlederhemd über der Brust 
zu sprengen schien. 

»Ich habe noch nicht gegessen«, protestierte der Weiße in der 

dicken Buschjacke und dem flachkronigen Stetson auf dem 
Kopf. 

Naiche scharrte mit dem Fuß Erde über das brennende Holz. 

Cochise antwortete: »Wenn du nicht im Dunkeln eine Mahlzeit 
zubereiten kannst, dann bekommst du dein nächstes Essen in 
den Ewigen Jagdgründen, Bleichgesicht. Los, lösche es!« 

Der Fremde schob den Revolver ins Halfter und studierte 

zweifelnd die Gesichter seines unverhofften Besuches. 

»Du bist wirklich Cochise, der Jefe der Chiricahuas?« 
»Ich habe gesagt, wer ich bin. Und wer bist du? Wenn ein 

background image

 26

weißer Mann das Land der Yaquis betritt, muß er sehr tapfer 
sein oder verrückt. Die ›Vettern‹sind nicht gut auf Weiße oder 
Mexikaner zu sprechen.« 

»Mein Name ist Mark Bowden. Ich komme im Auftrag des 

Präsidenten Benito Juárez und will zu den Yaquis.« 

Aus den nahen Klippen schallte der Ruf eines 

Gebirgskauzes. Langgezogen und klagend drang der Laut bis 
in den letzten Winkel der wilden Gebirgslandschaft. Noch 
einmal rief der Kauz alles Leid seiner Art in die 
schattenerfüllte Dunkelheit, dann war es still. 

»Du mußt nicht erst zu den Yaquis, sie sind schon da«, sagte 

Cochise und fuhr dann fort: »Wer ein Feuer anzündet, ist 
seinen Skalp so gut wie sicher los.« 

Bowden errötete und löschte die letzte züngelnde Flamme 

mit einem Schwall Sand, den er mit dem Fuß auf das 
brennende Holz schleuderte. Als er sich aus seiner 
halbgebückten Stellung wieder aufrichtete, sah er sich einer 
Kette von Indianern gegenüber, die mit drohenden Gebärden 
ihre Gewehre auf die drei Gestalten richteten. 

Lautlos waren sie herangekommen, und ebenso lautlos hatten 

sie die Gruppe beim Lagerfeuer eingekreist. Ein 
hochgewachsener Indianer, der ein geflecktes Fell über der 
Schulter trug, kam gleitend und lautlos wie ein Panther aus der 
umgebenen Nacht und blieb vor Cochise stehen. 

»Willkommen im Lager der Yaquis, Chiricahua. Wer ist 

dieses Bleichgesicht?« 

Bowden starrte eingeschüchtert auf die wilden Gesichter. Die 

Körper der Krieger steckten in heller Leinenkleidung, an den 
Füßen trugen sie Strohsandalen, auf den Köpfen spitze 
Sombreros oder nur Stirnbänder. Wild flatterten ihre Haare bis 
auf die Schultern. Alle trugen sie Waffen in den Händen, 
gekreuzte Patronengurte über der Brust, ein Messer im Gürtel 
oder ein Schlagwerkzeug als Waffe. 

»Ein Abgesandter Juárez', Tehueco. Er will zu dir.« 

background image

 27

»Ich erwarte keine Botschaft. Tötet ihn!« 
Zwei Krieger stürzten sich auf Bowden, rissen ihm den 

Revolver aus dem Halfter und bemächtigen sich seines 
Gewehres, das in der Nähe des Feuers an einem Stein lehnte. 

Cochise hob die Hand. Sofort wurde es still auf der kleinen 

Lichtung. Auge in Auge stand er dem Kaziken gegenüber. 

»Du solltest dir seine Wünsche anhören, Tehueco. Das ist der 

Rat eines Freundes. Die Zeiten sind nicht gut für den roten 
Mann, und wenn wir ihre Zeichen mißachten, gehen wir 
unserem Untergang entgegen.« 

Der Häuptling, ein Mann mit einem breitflächigen Gesicht 

und einer Adlernase wie ein gebogener Schnabel, drehte sich 
zu dem Weißen herum. Seine Stimme klang dunkel, aber er 
sprach ein gutes Spanisch. 

»Sage deine Botschaft, Bleichgesicht, danach wirst du 

getötet.« 

»Ich komme als Abgesandter, Kazike, und genieße deinen 

Schutz und die Garantie meines Lebens. Mein Name ist Mark 
Bowden. Juárez schickt mich. Ich soll mit dir verhandeln und 
dir im Namen des Präsidenten Geschenke versprechen«, log 
Bowden unverdrossen. 

»Wo sind die Geschenke?« 
»Du kannst sie dir im Lager abholen oder eine Abordnung 

schicken, wie du willst.« 

Ein paar dunkle Augen glühten ihn an, nicht nur ein Paar, 

mindestens zwanzig. So mancher Finger krümmte sich am 
Abzug und manche Hand zuckte zum Messer oder zur 
Schleuder, aber nichts geschah. 

»Was will der abtrünnige Hund Juárez von mir?« 
Verachtung klang aus Tehuecos Stimme, eine Verachtung, 

die allen Indianern galt, die mit den Mexikanern paktierten und 
ihnen Handlangerdienste leisteten. 

Bowden spielte seinen letzten Trumpf aus. Er betete still zum 

Himmel, jetzt die richtigen Worte zu finden, die den Yaqui 

background image

 28

überzeugen konnten. 

»Juárez bittet dich um Beteilung am Freiheitskrieg aller 

Mexikaner gegen die französischen Eindringlinge. Deine 
Krieger werden wie die regulären Truppen des Präsidenten 
behandelt. Sie erhalten Lohn, Waffen und Proviant. Sogar eure 
Unteroffiziere dürft ihr stellen. Ein gutes Angebot, finde ich.« 

Tehueco spuckte verächtlich zu Boden. In der Reihe der 

Krieger kam lautes, drohendes Murren auf. Cochise und 
Naiche verhielten sich still, und ihre Krieger in der Dunkelheit 
des Lagerumkreises ebenfalls. Alle warteten ab. Die Situation 
war plötzlich unübersichtlich geworden. Wenn Tehueco Juárez' 
Abgesandten töten ließ, war ein Krieg gegen die wilden 
Bergstämme unvermeidlich. 

Bowden dagegen redete um seinen Kopf. Von Sekunde zu 

Sekunde pochte sein Herz lauter. Er starrte zum dunklen 
Nachthimmel empor. Ein Land der Finsternis, schwarz wie die 
Hölle, um ihn herum und zwischen den Felsen die Schatten des 
Todes, unberechenbar, launig und das einzige Licht 
verdunkelnd, das sich in seine Sinne drängte: Benito Juárez. 

Tehuecos Hand richtete sich auf den Weißen. 
»Tötet ihn! Das soll meine Antwort auf das Angebot des 

Abtrünnigen sein!« 

Mit einem tierischen Geheul stürzten sich die Krieger auf 

den Weißen. Bowden hatte mit der Reaktion des Kaziken 
gerechnet. Mit gewaltigen Faustschlägen schmetterte er die 
beiden ersten Angreifer zu Boden, trat dem dritten in den 
Unterleib, einem vierten in die Rippen. Einem weiteren 
Indianer hieb er die Faust so hart an den Kopf, daß der Yaqui 
sich am Boden überschlug. 

Bowdens zweite Aktion folgte auf dem Fuß. Mit einem 

Riesensprung verschwand er aus dem Feuerkreis. Von Pfeilen 
und geschleuderten Steinen verfolgt, glitt, stolperte und schoß 
er die Böschung hinab und raste dem Fluß entgegen. 

Für ihn gab es nur Flucht. Sein Pferd, die Ausrüstung und 

background image

 29

seine Waffen waren verloren, aber er hatte sein Leben gerettet, 
und dafür war er dem Schicksal dankbar. 

Das Gebrüll der Krieger lag ihm noch in den Ohren, als er 

sich in die schäumenden Wirbel bei den Klippen stürzte und 
mit langen Armstößen die Flußmitte des Rio Yaqui zu 
erreichen versuchte. 

Während er Wasser schluckte und wieder ausspie, dachte er 

darüber nach, was er falsch gemacht haben könnte. Um Kräfte 
zu sparen, legte er sich auf den Rücken und ließ sich von der 
Strömung treiben. Ihm ging es bei diesem Krieg um nichts. Er 
war nur an Geld interessiert. Patriotismus kannte er nicht, und 
auch der Bürgerkrieg im Osten der Vereinigten Staaten war 
ihm nur Mittel zum Zweck, Geld zu machen. 

Während er unbeweglich mit dem dahinschießenden Wasser 

trieb, überlegte er sich alle Möglichkeiten, wie er doch noch 
zum Ziel gelangen konnte. Seine Gedanken waren dabei so 
abgelenkt, daß er das Tosen eines Wasserfalles überhörte, auf 
den er pfeilschnell zuschoß. Gischt hüllte ihn wie mit einem 
weißen Mantel ein. 

Als er merkte, was geschah, war es für ihn zu spät. Wie ein 

Geschoß sauste er auf die Fälle zu und ging im brodelnden 
Wasser unter. Zweimal prallte er heftig gegen Felsen und 
versuchte verzweifelt, nach oben durchzustoßen, um Luft zu 
schnappen. 

Es gelang. Gierig saugte er das Lebenselement in seine 

Lungen und füllte sie bis in die Spitzen. Um ihn herum war nur 
Schaum und kochendes Wasser. Einmal wurde er 
hochgehoben, dann wieder überspült und in die Tiefe gedrückt. 

Den einsamen Haifischzahn, der auf seinem Weg über den 

Fall aus dem Strudel ragte, sah er nicht. Aber er fühlte ihn. Als 
er mit dem Kopf gegen ihn krachte, verließen ihn die Sinne. Er 
versank im Wasser und wurde von dem Fall weit hinaus in das 
tiefer liegende Becken geworfen. 

background image

 30

Es war stockfinster in der Schlucht. Ein Coyote heulte. Der 
Wind stöhnte durch die weite Schlucht, raschelte im Laubwerk 
und erfüllte die Klippensiedlung mit einem geisterhaften 
Geflüster. Unter vorspringenden Felsplatten und in Höhlen 
kauerten sie unter gespannten und lichtschluckenden Decken 
an Feuern, die zwar Licht spendeten, aber keinen Rauch 
verbreiteten. 

Lagerposten lagen geduckt hinter Gestrüpp, das im Wind 

trocken raschelte. Beim Schluchtausgang gurgelte der Rio 
Esmeralda, der dem Rio Yaqui entgegenstrebte. 

In der größten Höhle flackerte ein bescheidenes Feuer, das 

von trockenen Kakteenästen genährt wurde. Cochise lehnte an 
der Wand. Naiche saß mit Tehueco und zwei weiteren 
Yaquikriegern beim Feuer. Tehuecos große Fäuste baumelten 
zwischen den Knien. Er zupfte wiederholt an seiner Unterlippe. 

Von der glatten Felswand herüber sprach Cochise. Seine 

Stimme klang ruhig und sonar wie immer. 

»Deine Späher leisteten gute Arbeit, Häuptling. Die 

Nachricht, die sie brachten, klingt wohltuend in meinen Ohren. 
Wieviel Gewehre sagtest du?« 

»Drei Wagen voll, hochbepackt bis unter die Planen.« 
Cochise kannte die Fahrzeuge der französischen Armee 

nicht, stellte sich jedoch die Prärieschoner vor, in denen die 
Weißen sein Land durchführen, um Kalifornien zu erreichen. 

»Jeder Wagen faßte hundert Gewehre, dazu Pulver und Blei 

und die langen Messer, die sie Bajonette nennen. Hohahe, gute 
Jagd!« 

»Du wirst sie angreifen, Häuptling der Yaquis?« 
»Ich werde sie vernichten und viele Skalps erbeuten.« 
»Wie viele?« 
Tehueco hob die Hände und spreizte zweimal alle zehn 

Finger. Cochise hob den Kopf und starrte den Kaziken an. Der 

background image

 31

wich seinem Blick aus und ritzte eine Landkarte mit dem 
Finger in den weichen Höhlensand. 

»An dieser Stelle mündet der Yecora in den Rio Yaqui. Das 

Land ist flach. Umgeben von Bergen wächst an dieser Stelle 
Gras für ihre Pferde. Sie werden einen Tag damit verbringen, 
ihre Wasserfässer zu füllen und im Fluß zu baden.« Er spuckte 
aus.« Dort überfallen wir sie in der Morgendämmerung. Folgt 
Cochise mit seinen Kriegern Tehuecos Ruf?« 

Cochise stieß seine Schulter von der Wand ab und trat ans 

Feuer. Die dunklen Augen der Yaquis verfolgten jeden seiner 
Schritte. 

»Alle Chiricahuas werden teilhaben«, sagte er. 
»Auch an den Gewehren?« Tehuecos Stimme klang leise und 

lauernd. 

»Chiricahuas brauchen keine Gewehre von den Franzosen. 

Sie holen sie sich von den Soldaten im Norden.« 

Tehuecos Gesicht entspannte sich. Er stand katzengewandt 

auf und reichte über die Flammen hinweg dem Jefe der 
Apachen die Hand. 

»Wann brechen wir auf?« fragte Cochise. 
Teheuco antwortete: »Eine Stunde nach Mitternacht. Wir 

machen keine Gefangenen. Yaquis machen nie Gefangene.« 

»Keine Gefangenen«, antwortete Cochise beipflichtend. 
Die Eingangsdecke schlug zurück. Lautlos glitt ein Krieger 

auf seinen Maisstrohsandalen in den Höhlenraum. Er blieb vor 
Tehueco stehen und wartete, bis dieser ihn ansprach. 

»Du bist zurück, Tejotitan. Was hast du zu berichten?« 
»Viele Reiter nähern sich dem Unterlauf des Rio Yaquis. Sie 

besitzen gute Waffen und Pferde, und sie führen auf Packmulis 
Proviant mit.« 

»In welche Richtung reiten sie? Banditos?« 
Der Späher nickte und gurrte ein paar Worte, die Cochise 

nicht verstand. Tehueco drehte den Kopf und sprach über das 
Feuer hinweg: 

background image

 32

»Der Bastard nennt sich Carlos Porfiro Mojada. Die Männer, 

die sich ihm anschlossen, sind seine Bande. Manchmal spricht 
er auch von einer Armee Soldaten.« 

»Sind sie Soldaten?« 
Tehueco spuckte angewidert ins Feuer. 
»Desperados«, antwortete er auf Spanisch. »Mörder, 

Plünderer, Frauenschänder!« 

»Was wollen sie in den Jagdgründen der Yaquis?« 
»Rauben und zerstören. Sie überfallen Haziendas, treiben 

Vieh und Pferde fort, erschießen alles, was sich ihnen in den 
Weg stellt. Die Soldaten sagen dann, das haben Yaquis getan.« 

Tehueco wiegte den Kopf wie jemand, der mit seinen Sorgen 

nicht fertig wurde. Mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: »Meine 
Krieger werden auch sie vernichten. Zuerst die Soldaten mit 
den roten Hosen, danach die Desperados. How!« 

»How!« grunzten die Anwesenden. Das flackernde 

Feuerlicht zeichnete ihre Gesichter auf die Wände und ließ sie 
ins Dämonische verzerrt auf den weißen Flächen des 
Kalkgesteins erscheinen. Für einen unbeteiligten Weißen 
mußte es aussehen, als hätte die Hölle ihre Bewohner 
ausgespien, die sich in dieser Naturhöhle ein Stelldichein 
gaben. Aber Weiße waren nicht anwesend. 

»Dein Angriffsplan ist fertig«, sagte Cochise und wechselte 

einen Blick mit Naiche. »Du hast nichts vergessen, Tehueco?« 

»Was?« 
»Deinen Krieger nach der Anzahl der Weißen zu fragen.« 
Tehueco winkte ab. 
»Das ist unwichtig, Cochise. Die Yaquis zählen ihre Feinde 

nicht, bevor sie angreifen.« 

»Es könnten mehr sein als du Krieger hast. Außerdem sind 

sie besser bewaffnet.« 

»Wir erbeuten Gewehre, Cochise. Für jeden Yaquikrieger 

eines jener Gewehre der Franzosen. Ist das nicht genug für ein 
paar Desperados?« 

background image

 33

Cochise wollte eine scharfe Erwiderung geben, wurde aber 

abgelenkt. Ein hochgewachsener Krieger betrat die Höhle. Mit 
seiner Breite wirkte er noch größer als der Häuptling der 
Apachen. Er blieb beim Feuer stehen und richtete sich auf. 

»Wenn Cochise, der Häuptling aller Apachenstämme Angst 

vor den Banditos hat, muß er nicht mit den Yaquis in den 
Kampf ziehen. Um so größer ist die Beute, die den Yaquis 
zufällt.« 

Cochise kam mit einem weiten Schritt um das Feuer. Naiche 

stand schnell auf, die Hand am Messer. Aber er blieb stehen, 
um abzuwarten, was sein Vater vorhatte. 

»Du willst sagen, daß die Chiricahuas feige sind?« 
Cochises Stimme war ein dunkles Grollen, das lange 

nachhallte. Pitcar, Tehuecos Sohn, war um einen Zoll größer 
als er, noch breiter in den Schultern, und er war jünger. Der 
Yaqui hatte gerade das achtzehnte Lebensjahr erreicht und war 
durch den Rat der Ältesten zum Krieger erklärt worden. 

Das Schweigen beim Feuer wurde lähmend. Wieder 

durchmaß Cochises Blick den Kreis der Welt, die dem Indianer 
geblieben war. Es war kein fruchtbringendes Schauspiel, das 
sich ihm in dieser Höhle bot. Wo er hinsah, überall stieß er auf 
die gleiche anmaßende Gefühllosigkeit, auf das sinnlose 
Imponiergehabe des roten Mannes. 

Ihm war, als wate er durch milchiges Wasser, schäumend 

und gischtend, und jenseits dieses Wassers sah er eine 
ungeheure Öde, die ihn mit eigener Schwere weiterschob, 
während sie alles, was eine rote Haut hatte, gnadenlos 
zermalmte. 

Pitcar schien zu ahnen, was in dem großen Häuptling 

vorging. Er senkte den Blick und murmelte Worte der 
Entschuldigung. Tehueco richtete sich auf, schob sich 
unmerklich zwischen den Häuptling und seinen Sohn. 

»Du hast dem Jefe der Apachen Ehre erwiesen und dich 

entschuldigt, mein Sohn. Geh nun, bevor es den Mann reut, den 

background image

 34

du mit deinen Worten schmähtest. Geh!« 

Pitcar ging. Grußlos verließ er die Höhle. Cochise wandte 

sich um. 

»Die Chiricahuas werden die Desperados angreifen und 

vernichten, die Yaquis die Soldaten in den roten Hosen. Die 
gesamte Beute gehört den Yaquis. How!« 

Aufgerichtet und stolz verließ er die Höhle. Naiche folgte 

ihm. 

Der auseinandergezogene Reitertrupp hielt auf ein 
Handzeichen Majadas jäh an. Carlos deutete auf die 
Flußbiegung und rief dem neben ihm reitenden Mort Douglas 
etwas zu, aber die Worte gingen im Brausen der Fälle unter. 

Mort sah auch so, was der Bandenchef meinte. Die Sohle des 

Tales, in das sie ritten, war feucht. Dichtes Moos klebte wie 
nasser Schwamm an den Felsen und schickte seine Ausläufer 
bis zum Wasser. Es gurgelte und rauschte, schäumte und 
gischtete dort drüben bei den doppelten Fällen. 

Aber das alles beachtete der Revolvermann nicht. Dem 

zusammengekrümmten Körper galt seine Aufmerksamkeit, 
einem Körper, der sich wie ein nasses Tuch um einen 
herausragenden Felsen geschlungen hatte. 

»Ich reite hin und hole ihn heraus.« 
»Du bleibst hier, Mort. Emerito kann das besser als du. Dich 

und deine Revolver brauche ich hier.« 

»Hast du Angst, Greaser?« kam es spöttisch zurück. »Wenn 

du Angst hast, dort drüben ist ein Gebüsch. Dort kannst du die 
Hose wenden.« 

Carlos Porfiro Mojada bezwang seinen Zorn, der bei solchen 

Situationen und bei den spöttischen Worten des Gringos in 
Jähzorn ausartete. Innerlich kochte er, zumal das hinter ihm 
reitende Mädchen jedes Wort mithören konnte. 

background image

 35

»Emerito macht das, du bleibst hier!« befahl er scharf. »Wir 

sind auf Yaquiland und können jeden Augenblick auf sie 
stoßen oder auf Apachen. Emerito, hol ihn heraus.« 

Der mexikanische Bandit trieb sein Pferd zum Fluß und ließ 

es in das seichte Wasser plantschen. Bis zu ihm herauf spritzte 
das feuchte Element. Bei der Klippe neigte er sich aus dem 
Sattel, packte den Mann beim Arm und riß ihn auf den Rücken. 

Es war ein Weißer. Seine Stirn zierte eine fastgroße Beule. 

Der Mann war hochgewachsen, breitschultrig und schwer. 
Emerito stieß einen Ruf aus und winkte. 

Es war der Hilferuf eines Mannes, der sein ihm auferlegtes 

Werk nicht vollbringen konnte, weil er hilflos auf einem Pferd 
saß und das kalte Wasser scheute. 

»Ziehe ihn ans Ufer.« 
»Er ist schwer, ich kann nicht. Außerdem ist er ohne 

Bewußtsein!« schrie er zurück. Und nach einem keuchenden 
Atemzug setzte er hinzu: »Schicke noch einen Mann, am 
besten Pila, der ist stark und kann schwimmen!« 

Pila ritt auf einen Wink Mojadas an und kam durch das 

seichte Wasser herüber. Beiden zusammen gelang es leicht, 
den Bewußtlosen ans Ufer zu schleifen. 

Mojada und Mort Douglas trieben ihre Pferde an die 

Uferstelle und stiegen ab. Bei dem Verwundeten blieben sie 
stehen und sahen sich um. Sie verstanden, was geschehen war. 
Sie begriffen auch, was der Himmel tief am Horizont zu 
bedeuten hatte. Seltsam fahl glomm die Sonne, fast verborgen 
hinter gestaltlosen Nebel und Dünsten, die wie feste Massen, 
aber ohne Konturen und Linien wirkten. 

»Den Mann hat's ganz schön erwischt«, sagte Mojada und 

warf einen prüfenden Blick zu den Höhen hinauf. Zu sehen war 
nichts. Das hatte aber nichts zu bedeuten. Die Indianer in dieser 
Region sah man nicht, wenn sie nicht gesehen werden wollten. 
Yaquis oder Apachen, es blieb sich gleich. 

»Was machen wir mit ihm?« 

background image

 36

Douglas zog seinen Colt. Der Hahn rastete knackend ein und 

der Lauf mit dem abgefeilten Korn richtete sich auf den 
blutverkrusteten Mann am Boden. 

»Ein Schuß löst alle Probleme«, knurrte Mort und entblößte 

seine Oberzähne. 

»Mort!« sagte der Mexikaner hastig. 
»Kannst du kein Blut sehen, Spie?« der Revolvermann 

grinste verschlagen. »Nur einen Schuß. Ich schieße bestimmt 
nicht vorbei.« 

»Nein! Man kann den Schuß weit hören. Wir wissen nicht 

genau, wo wir sind. Möglicherweise sind Rothäute in der 
Nähe…« 

»Na und?« unterbrach ihn Douglas. »Sollen sie doch 

kommen. Wir schießen sie ab wie auf einem Scheibenstand 
und…« 

»Dazu mußt du Narr sie erst sehen, aber du wirst sie erst 

sehen, wenn sie vor dir aus dem Boden wachsen und dir ihr 
Messer in den Wanst stoßen. Laß es sein, Hombre.« 

»Du bist feige, Spie, ich wußte es, und du hast Angst und 

womöglich die Hose schon gestrichen voll, deswegen stinkst 
du wie ein Skunk.« 

Carlos zuckte zusammen und war mit einem Sprung vom 

Pferd. Seine Hand zuckte zum Revolver, während er seine 
Beine spreizte, um beim Rückschlag der Waffe genügend 
Stand zu haben. 

»Stecke deine Kanone ein und komm von deinem Pferd. Wir 

tragen es jetzt aus, hier an dieser Stelle. Komm runter, 
Bastard.« 

Mort Douglas steckte seelenruhig den Colt ins Halfter und 

schwang ein Bein über die Pferdekruppe. Gemächlich stieg er 
aus dem Sattel und trat vier Schritte von dem Tier weg. Dabei 
blinzelten seine hellen Augen, als sei er über den plötzlichen 
Mut des Mexikaners verwundert, den er ständig beleidigte, um 
ihn herauszufordern. 

background image

 37

Beide gingen zehn Schritte in die entgegengesetzte Richtung. 

Zehn Schritte für Mort, zehn für Carlos. Als sie abgeschritten 
waren, blieben sie beide wie auf ein Kommando stehen. 

»Zieh!« rief Mort bissig. »Zieh, Spie, damit wir es hinter uns 

bekommen.« 

Ein heller Schrei ließ beide zusammenzucken und 

herumfahren. Aller Augen waren auf sie gerichtet, nur das 
Mädchen schaute in eine andere Richtung. Ihr Blick hing auf 
dem zerklüfteten Bergland im Süden, das der Rio Yaqui in 
zwei Hälften teilte. 

Mort und Carlos drehten gleichzeitig ihre Köpfe herum und 

zuckten zusammen. Acht Indianer hielten auf ihren Ponys hoch 
oben auf den Klippen. Genau acht. Weder Mort noch Carlos 
zählten sie. Carlos sagte: »Begraben wir unsere 
Meinungsverschiedenheit bis zur nächsten Gelegenheit? Oder 
willst du dich im Angesicht des sicheren Todes doch noch mit 
mir schießen?« 

»Yaquis«, murmelte Mort Douglas. »Alle Wetter, gleich acht 

auf einem Haufen.« 

Carlos erwiderte: »Apachen.« 
»Was?« 
»Das sind Apachen«, wiederholte der Mexikaner. 

»Chiricahuas.« 

»Wie willst du das erkennen?« 
»Ich weiß es eben. Ein Dummkopf wie du kann keinen 

Yaqui von einem Apachen unterscheiden.« 

»Den Dummkopf schieße ich dir eines Tages mit einem 

Pfund Blei in deinen Bauch, verlaß dich darauf. Was machen 
wir? Hauen wir ab?« 

»Wir sind in der Überzahl und bestimmt besser bewaffnet. 

Vielleicht ziehen sie ja auch wieder ab, wenn sie erkennen, daß 
sie keine Chance haben. Nein, wir nehmen es mit ihnen auf.« 

»Laß uns verduften«, sagte Esteban kläglich. »Meine 

Kopfhaut juckt auf einmal so sonderbar.« 

background image

 38

»Halt's Maul, du feige Laus«, knurrte Carlos Porfiro Mojada. 
»Sie werden uns vom Hügel aus abschießen wie Kaninchen.« 
»Das können sie nicht«, trumpfte Carlos auf. »Zu weit, viel 

zu weit. Wenn sie nicht herunterkommen, haben wir nichts zu 
befürchten.« 

»Die sind schneller da, als du bis drei zählen kannst.« 
Carlos drehte sich zu Mort um. 
»Dein großes Maul wird dir eines Tages gestopft werden, so 

wahr ich ein Caballero bin.« 

»Du und Caballero?« grunzte Mort verächtlich. »Du 

dämlicher Hund spielst dich doch nur vor der glutäugigen 
Kleinen auf, mehr ist nicht dahinter. Wir verteilen uns und 
warten auf das, was kommt. Ich glaube nicht, daß sie uns von 
oben anfallen werden. Aber sie könnten die andere Hangseite 
benutzen, um ungesehen in die Flußniederung zu gelangen. 
Von dem Felsenlabyrinth und den Büschen dort drüben wäre es 
noch ein Katzensprung. Falls sie angreifen, legt euer Feuer vor 
die Lücke dort drüben. Sind sie erst einmal in unserer Nähe, 
wird's zum Kampf Mann gegen Mann kommen, und im 
Nahkampf sind sie uns überlegen.« 

»Einen feuchten Dreck sind sie, wir haben die besseren 

Waffen«, widersprach Carlos. »Wer gibt die Kommandos, du? 
Noch bin ich der Führer der Bande und gebe die Befehle.« 

»Du und Befehle…« Mort lachte herausfordernd, dabei ließ 

er offen, was er dachte. 

Er ging in Deckung hinter einen bemoosten Stein, getrieben 

von der stummen Drohung auf dem Hügel. Nichts rührte sich 
in der Landschaft. Das Schweigen des nahen Todes hing wie 
ein Alptraum über der Wildnis. Carlos war zu dem Mädchen 
gehuscht und legte sich neben sie hinter einen Kieshaufen, den 
das letzte Hochwasser angeschwemmt hatte. 

»Wird es schlimm für uns werden, Señor?« 
»Nein, sicher nicht«, log der Desperado. Er blickte zum 

Himmel und dann wieder zu den Hügeln. Heftig zuckte er 

background image

 39

zusammen. Die Indianer waren verschwunden. 

Esteban kam angekrochen. Er kratzte sich am Hals. »Was 

nun?« 

Carlos stierte auf die Felsen und den Einschnitt. Das Land 

sah so leer aus wie ein Mondkrater. Etwas drängte ihn, 
umzukehren und wegzureiten. Apachen waren nicht gerade 
sympathische Menschen. 

»Verduften wir, noch ist's Zeit«, sagte Esteban. »Sie 

schlängeln sich wie Reptilien an uns heran, und wir werden sie 
erst hören und sehen, wenn sie vor uns aus dem Boden 
wachsen.« 

Carlos' Augen verengten sich. »Amigo«, erwiderte er leise. 

»Du spielst doch nicht mit dem Gedanken zu verschwinden?« 

»Habe ich nicht vor«, ereiferte sich der Mexikaner. »Ich will 

nur eine reelle Chance, wenn ich schon kämpfen muß.« 

»Du wirst sie erhalten, wenn sie angreifen.« Mehr sagte 

Carlos nicht. 

Die Stille des Todes bedrückte sie alle und machte sie 

unsicher. Einige zitterten so, daß sie ihre Gewehre aus den 
Händen legen mußten. Andere murmelten Gebete und flehten 
die heilige Jungfrau an, an die sie glaubten, obwohl sie 
Banditen und Mörder waren. 

Carlos blickte auf den undurchschaubaren Mort neben sich. 
»Du bleibst hier«, sagte er. »Gib mir Deckung, bis ich die 

Lichtung überquert habe.« 

Mort nickte lässig. Doch sein Tonfall war nicht ohne Rat. 
»Sei vorsichtig«, flüsterte er. »Mann, was hast du vor? Wäre 

doch schade, wenn einem so hübschen Spie etwas zustoßen 
würde.« 

»Deine Besorgtheit rührt mich zu Tränen«, erwiderte Carlos 

trocken. »Du bist ein gottverdammtes Schlitzohr, Muchacho.« 

Alle wußten sie, daß die Apachen keine Zeit mit 

Verhandlungen verschwenden würden. Sie würden sich 
heranschleichen und plötzlich da sein, als hätte sie die Hölle 

background image

 40

ausgespuckt. Die Augen der Männer suchten jeden Stein, 
Busch oder sonstwie geartete Deckungen ab. Kein Lufthauch 
bewegte die zundertrockenen Büsche zu ihrer Linken. Selbst 
der Gesang der Vögel war verstummt. Und als Mario, einer der 
Jüngsten der Bande, einen Blick zum Himmel warf, sah er die 
kreisenden schwarzen Punkte, die ohne Kraftaufwand im 
Auftrieb schwebten. Er zuckte entsetzt zusammen und legte 
sein schweißnasses Gesicht auf den Unterarm. 

Carlos sprang auf und huschte zu dem verstaubten Gestrüpp 

hinüber. Er nutzte jede noch so kleine Deckung aus, bis er in 
einer Lücke im Buschwerk angekommen war. Hier warf er sich 
in den Staub und lockerte das Messer in der Scheide. Nach 
einer Weile tastete er nach dem Revolvergriff. Dann schlich er 
weiter, rund um die Basis des Hügels. Seine Nerven waren 
dabei aufs Äußerste gespannt. 

Während er hinter den Hügel zu kommen versuchte, lagen 

die anderen in wachsamer, angespannter Angst hinter ihren 
Deckungen. Die Tageshitze und das Grauen vor dem, was sie 
erwartete, wenn die Apachen unbemerkt über sie kamen, preßte 
sie förmlich an den Boden. 

Als ein Schrei des Entsetzens und der Todesfurcht über die 

Lichtung zitterte und sogar das Rauschen des Flusses 
übertönte, kam die Panik genausoschnell über sie wie die 
Apachen. 

Lieutenant Gaston de Meville ritt dem Wagenzug hundert und 
manchmal mehr Meter voraus. Ihm folgten ein Zug Kavallerie, 
die drei Munitionsfahrzeuge und schließlich ein Halbzug 
Infanterie angeführt von einem Corporal. 

Gaston de Meville war stolz auf sein Kommando, weil es das 

erste war, für das er ganz allein die Verantwortung trug. 
Verwegen hatte er das Käppi aufs rechte Ohr gedrückt, und 

background image

 41

ebenso verwegen saß er bolzengerade im Sattel. Ein wenig 
schläfrig war er. Die Hitze war infernalisch und trocknete die 
Haut schneller aus als man Flüssigkeit durch die Kehle jagen 
konnte. 

Aber auch die Hitze mußte einmal der Nachtkühle weichen, 

und wenn die Sonne hinter der Sierra Madre versank und lange 
Schatten den Zug einhüllten, würde es erträglich werden. 

Er warf einen Blick über die Schulter, sah die taumelnden 

Gestalten der Infanteristen, die hängenden Köpfe der Pferde 
und ihre schleppenden Hufe, die bei jedem Schritt strauchelten. 
Sie taten ihm leid, alle, aber er konnte nicht helfen. 

Sein Befehl lautete, Waffen und Proviant so schnell wie 

möglich zur letzten französischen Garnison nach Matachic zu 
bringen, und Matachic war noch weit. Die Garnison lag am Rio 
Moctezuma, zehn Meilen von Suaqui entfernt. 

Er würde sie übermorgen erreichen, wenn er Wasser für die 

Soldaten und die Tiere fand. Wenn? Er lenkte sein Pferd in 
einen breiten Hohlweg und nahm übergangslos bestialischen 
Geruch wahr. Er hielt an, stieg vom Pferd und zerrte es ein paar 
Schritte weiter. Aber das Tier zitterte an allen Gliedern und 
weigerte sich, dem Offizier Folge zu leisten. 

Gaston de Meville, uralter Adelssproß, nahm all seinen Mut 

zusammen und drang in eine schmale Schlucht ein, die im 
rechten Winkel auf den Hohlweg stieß. Mit jedem Schritt 
wurde der Verwesungsgeruch infernalischer. Gaston blieb 
stehen, band sich ein seidenes Tuch um Mund und Nase, gab 
Sergeant Fabien Seyrig, der ihm gefolgt war, einen Wink ihm 
zu folgen und ging weiter. 

Die Schlucht machte einen Knick. Als der Lieutenant ihm 

folgte, stieß er unerwartet auf eine Verbreiterung und auf eine 
spärliche Vegetation, die zundertrocken bei jedem Windstoß 
wie Pergament knisterte. 

Aber er sah noch etwas. Mitten in diesem braungelben Wall 

verkümmerter Pflanzenreste hoben sich zwei dunkler gefärbte 

background image

 42

Punkte ab, von denen dieser entsetzliche Verwesungsgestank 
auszugehen schien. 

»Mon Dieu!« stöhnte der Sergeant hinter ihm. 

»Allmächtiger, das ist ja schrecklich.« 

Gaston nickte, ging weiter und versagte es sich, öfter als 

einmal in der Minute Luft zu holen. 

»Folgen Sie mir, Sergeant!« 
Die wenigen Worte bereiteten ihm Höllenqualen, und als er 

schließlich vor dem entsetzlich verstümmelten Etwas stand, das 
ehemals zwei Menschen gewesen waren, erbrach er sich. 

»Sie wurden skalpiert«, sagte der Sergeant hinter ihm. »Von 

Yaquis.« 

»Woher wollen Sie das wissen, Mann? Es gibt auch noch 

andere Stämme in Sonora, ganz bestimmt Apachen. Sie sind 
nicht weniger grausam als die Ureinwohner Mexikos. Ein 
Beerdigungskommando soll die beiden armen Teufel unter die 
Erde bringen. Dalli, Sergeant.« 

Er machte einen weiten Bogen um die Stätte der indianischen 

Hinrichtung und näherte sich einem Wall aus aufgeschichteten 
Steinen. Er kroch auf allen vieren auf dem Wall weiter, schob 
lose Steine aus dem Weg, setzte dann mit der mühsamen 
Kriecherei eine Weile aus, als seine Hände und Füße 
schmerzten. Schließlich kroch er in den Schatten eines 
überhängenden Felsens. 

Mit einem langen Blick starrte er die Böschung hinunter. 

Plötzlich wurde ihm klar, weshalb es auch hier unangenehm 
nach Verwesung roch, wenn auch nicht so stark wie bei den 
Gemarterten. Er konnte das große, weiße Knochengerippe im 
Licht der sinkenden Sonne deutlich sehen. Das Fleisch war so 
sauber entfernt, als hätten Geier und Bussarde ihre Arbeit 
beendet. Apachen und Yaquis ließen gutes Maultierfleisch 
nicht so schnell verderben. 

Das Sonnenlicht glänzte matt auf etwas, was jenseits der 

gebleichten Knochen lag. Es sah aus wie Silberplatten. Gaston 

background image

 43

de Meville kroch ein Stück weiter über den Wall und verließ 
ihn an einer Einbruchstelle. Mit gezogenem Revolver näherte 
er sich dem glänzenden Etwas. 

Als sein Fuß gegen zwei Säcke stieß, zuckte er zurück. Dem 

Klang nach war Metall enthalten. Er ließ sich auf die Knie 
nieder und öffnete das Lederband, das den Sack 
zusammenhielt. Silbergeschirr kollerte vor seine Füße. Platten, 
Schüsseln und Leuchter aus reinem Silber, alles Gegenstände, 
zu denen auch eine Frau gehören mußte. 

Gaston schlängelte sich eine Geröllböschung hinunter. Im 

Schatten eines einsamen Felsblocks blieb er liegen. Vor sich 
sah er etwas. Er kroch langsam weiter, spürte den 
Reibungsschmerz an seinen Knien und fluchte unterdrückt. Als 
er sich einen Kaktusdorn in die Hand riß, wurde sein Fluchen 
vehementer. Trotzdem kroch er weiter, bis er erkennen konnte, 
was dort lag. 

Der Körper lag auf dem Rücken. Schwarzes Haar zeichnete 

sich dunkel gegen die weiße Haut ab. Der nackte Körper einer 
Frau war erstaunlich hell, nur das verzerrte Gesicht hatte eine 
dunklere Farbe. 

Tote Augen starrten blicklos zum Himmel. Man hatte sie 

erschlagen. 

Was diese Tragödie ausgelöst hatte, konnte Gaston nur 

ahnen. Die Frau, noch jung und außergewöhnlich hübsch, war 
nicht von Indianern getötet worden. Sein Blick glitt nach links. 
Ein Gewirr von Felsen und losen Steinbrocken türmte sich an 
der Basis der Wand in die Höhe. Spuren dorthin gab es nicht. 

Der Offizier zwang sich dazu, langsam und vorsichtig 

zurückzugehen, obwohl ihn die Angst gepackt hatte. Lautlos 
kehrte er über den Wall zurück, bis er beim 
Begräbniskommando angelangt war. 

Er brauchte kein Wort zu sagen. Sergeant Fabien Seyrig 

wußte Bescheid. Die Toten waren bestattet. Nach einem Gebet 
schloß man das Doppelgrab. 

background image

 44

»Hinter jenem Wall, Sergeant, liegt eine tote Frau. Wenn ihr 

sie in die Erde gebettet habt, rasten wir zwei Stunden.« 

»Sollen wir nicht besser über Nacht Biwak aufschlagen?« 
»Nein, wir ziehen weiter. Sie kennen unseren Befehl, 

Sergeant.« 

Die braune Faust hieb donnernd auf den Tisch. Geschirr, Kerze 
und Pläne wackelten oder segelten zu Boden. 

Benito Suárez war außer sich. Sein braunes Falkengesicht 

mit den nach der neuesten Mode gestutzten Bartkoteletten 
wandte sich im Zorn zwei Männern zu, die mit gekreuzten 
Patronengurten vor ihm standen und recht betreten dreinsahen. 

»Ich fühle mich von allen Seiten verraten und verkauft. 

Korruption in den eigenen Reihen, Befehlsverweigerungen am 
laufenden Band, Widerstand gegen die Offiziere. Dazu keine 
Nachrichten aus dem Süden, keine Meldung von diesem 
Bowden. Nur Widerwärtigkeiten! Ich frage Sie, Señores, wo 
das hinführen soll? Machen wir eine Revolution oder sind wir 
eine Räuberbande?« 

Colonel Destinguez zuckte so heftig zusammen, daß ihm die 

Zigarre aus den Fingern fiel. Colonel Alberque drehte den 
Kopf zur Seite, um die funkelnden Tigeraugen nicht sehen zu 
müssen. 

»Es gibt auch gute Nachrichten«, sagte Destinguez 

zurückhaltend. 

»Welche? Nennen Sie mir nur eine einzige, Señor!« Juárez 

schnappte wie ein Hai. 

»Maximilians Wagenzug mit Gewehren und Proviant, Señor 

Präsident.« 

»Ein Gerücht, nichts weiter.« 
»Kein Gerücht. Die Nachricht ist zuverlässig. In zwei Tagen 

ist der Troß in unserer Nähe. Befehlen Sie den Angriff, 

background image

 45

Señor?« fragte Destinguez. 

»Ich befehle nicht nur den Angriff, Señores, sondern erwarte 

auch Erfolge. Dringende Erfolge, verstehen Sie? Die Armee 
wird unruhig, und eine unruhige Armee ist immer eine Gefahr 
für einen Heerführer, dem für den Augenblick die Hände 
gebunden sind. Hiobsbotschaften dürfen von jetzt an nicht 
mehr weitergegeben werden. Deserteure sind standrechtlich zu 
erschießen, Korruption abzuurteilen. Auch das ist ein Befehl, 
Señores.« 

»Um welche Hiobsbotschaften handelt es sich, Señor 

Präsident? Man vernimmt in einem so großen Lager viel, weiß 
aber nichts Genaues.« 

Juárez bückte sich, hob die am Boden liegenden Pläne und 

Aufzeichnungen auf. Als er sich wieder aufrichtete, war sein 
Gesicht krebsrot. 

»Selbstverständlich wissen Sie nichts«, antwortete er bissig. 

»Einfach deswegen, weil Sie nichts wissen wollen. Oder haben 
Sie die Befehlsbekanntgabe von gestern schon wieder 
vergessen? Was las ich denn vor? Ich darf Ihnen Einzelheiten 
des Offiziersgespräch noch einmal vortragen, oder ermüdet Sie 
mein Geschwätz?« 

»Señor Präsident…« 
»Seien Sie still, Colonel. Hören Sie zu: Proviantmangel, 

verlustreiche Kämpfe gegen Desperadobanden und Indianer, 
kein Futter für die Pferde und das Schlachtvieh, das steht im 
Vordergrund. Nachrangig sind die Yaquis und Apachen, die 
uns das Leben sauer machen. Wenn wir überleben wollen, 
müssen Pferde und Mulis geschlachtet werden. Sofort. Das war 
meine Anordnung, das war ein Befehl. Und was ist geschehen? 
Nichts!« 

Albergue fuhr sich mit dem Finger um den runzeligen Hals. 

Er machte Kalbsaugen, wagte aber doch eine Erwiderung. 

»Wir sind Reiter, Señor Präsident, Kavalleristen. Keiner der 

Männer kann ein Pferd leiden sehen, aber schlachten kann er es 

background image

 46

auch nicht.« 

Juárez funkelte ihn an und schmetterte seine Hand erneut auf 

den Kartentisch. 

»Wir haben Tiere zuviel. Gott weiß, wir haben nicht genug 

Wasser und Futter für die Herde, aber wir werden uns noch 
eine Weile gedulden müssen, bis wir wissen, was wir zu tun 
haben. Die überschüssigen Tiere sind zu töten und ihr Fleisch 
an den Kochfeuern zu verteilen. Und das sofort.« 

»Das ist unmöglich, unsere Männer würden sofort meutern.« 
»Albergue, dann stelle ich alle Beteiligten vor ein 

Kriegsgericht und vor ein Erschießungskommando!« 

»Lassen wir sie laufen, sie schlagen sich allein durch.« 
Juárez starrte den Mann an, als hätte er ihn nicht verstanden. 
»Hören Sie«, antwortete er. »Ich mag weder Muli- noch 

Pferdefleisch. Aber, caramba, ehe ich verhungere, würge ich 
auch das in mich hinein. Veranlassen Sie sofort alles, sonst 
bringe ich Ihnen bei, wer in diesem Lager die Befehle gibt. 
Und Sie, Señor Destinguez, bereiten einen Trupp ausgesuchter 
Leute und den Überfall auf den Wagenzug vor. Bin ich 
verstanden worden? Danke, meine Herren, das wäre alles!« 

Halluzinationen überfielen Carlos Porfiro Mojada, 
unangenehme Einbildungen. Er sah nur Staub und rollende 
Felsbrocken vor sich, und der Steinschlag wälzte sich auf ihn 
zu. Sein Herz begann ein warnendes Pochen, dessen 
Konsequenz aber nicht bis zu seinem Gehirn durchdrang. 
Danach kam das wilde Hüpfen und das aufgeregte Flattern, der 
eiserne Ring, der sich um seine Stirn preßte, und schließlich 
kroch das Schwindelgefühl langsam und schleichend durch 
sein Gehirn. 

Sein verzweifelter Mut wurde von einer mächtigen Woge 

von Angst besiegt. Was sollte er tun, wenn die Apachen 

background image

 47

angriffen? Oder waren es Yaquis? 

Der Schrei erreichte ihn und löste eine weitere Angstwelle 

aus. Der Schrei war so gräßlich und gellend, daß Mojadas Herz 
auszusetzen drohte. Pila schrie so, der kleine Pila, der Jüngste 
der Bande. 

Es kam so schnell über sie, daß es ihr Verstand gar nicht 

begriff, zu schnell und zu überraschend. Bei der Hügelwand 
entstand ein Getöse, als wollte die Welt untergehen. Staub 
verdunkelte die Sonne und ließ ihren Standort nur noch ahnen. 

Was den Hang herunterkam, war groß, klotzig und 

gewalttätig. Felsen rollten über den Abhang, rissen andere aus 
ihrem Bett, stürzten sich gemeinsam mit Geröll und Sand auf 
die Banditen. 

Pila schrie wieder. Esteban und Emerito sprangen auf und 

rannten zu den schreienden und auskeilenden Pferden. Die 
Tiere rissen an den Seilen und schrien wie kleine Kinder in 
ihrer Not. Mario und Giulio nahmen ihre Hüte von den Köpfen 
und schlugen auf die völlig verstörten Tiere ein. 

»Um Gottes willen, haltet sie auf!« 
»Ohne die Pferde sind wir in der Wildnis verloren. Wirf dich 

ihnen entgegen!« 

Carlos lag wie betäubt am Boden und wagte kaum, Luft in 

seine Lungen zu ziehen. Im dichten Staub sahen sie sich nicht 
mehr, dazwischen platzten die Felsbrocken wie Schrapnells. 
Ein Pferd riß sich los und rutschte die Böschung hinunter. 
Joseph Perez, ein hochgewachsener und gewalttätiger Mann, 
schrie erschrocken auf, als zwei aufgeregte Pferde auf ihn 
zurasten. Er wurde gegen einen mächtigen Stein geschleudert 
und brach in die Knie. 

»Heilige Mutter Gottes, laß diesen Alptraum vorübergehen!« 
Tosender Lärm hallte durch das Flußbecken und wurde von 

den Wänden zurückgeworfen. Staub erstickte alles wie ein 
Leichentuch. Und dann kamen sie! 

Huschende Schatten, schnell, beweglich, lautlos. Messer und 

background image

 48

Kriegskeulen blitzten. Augen funkelten und Münder öffneten 
sich zum Schrei. Irgendwo wurde geschossen, hektisch und 
ziellos. 

»Sie sind unter uns«, keuchte Carlos, strich sich den Brei aus 

Staub und Schweiß aus dem Gesicht, und sah plötzlich das 
Mädchen auftauchen. »Sie werden uns alle massakrieren! 
Kommen Sie, wir müssen fort!« 

Seine Stimme hatte ihren normalen Klang verloren, sie 

kreischte im höchsten Diskant, mit der vollen Stärke einer 
trockenen Kehle. Angst beflügelte seine Schritte, aber er wußte 
nicht, wohin er sie lenken konnte, denn überall war Staub, der 
das Licht verdeckte und aufsog wie ein Schwamm Wasser. 

Das Mädchen taumelte auf die Füße und keuchte an seiner 

Seite vorwärts. Dämonen tauchten schattenhaft vor ihnen auf, 
verschwanden wieder, tauchten einfach ein in das dichte 
Gespinst unzählig vieler Staubpartikel. 

Schreie hingen in der Luft, Schreie von Menschen und 

Pferden. Pilas Stimme war deutlich zu erkennen, und als sie 
röchelnd verklang, wußte Carlos, daß der Junge sein Leben 
unter einem Messer oder der Schneide eines Kriegsbeils 
ausgehaucht hatte. 

»Die Pferde stehen dort drüben«, schrie Carlos hektisch. 

»Norden, mehr nach Norden, Señorita!« 

»Sie standen dort«, antwortete sie und wandte sich wieder 

dem Fluß zu. 

Eine blutgetränkte Gestalt erschien wie ein Gespenst aus dem 

Nebel von Staub. In ihrem Rücken donnerten weiter 
Felsbrocken zu Tal. Der Mann vor ihnen stand taumelnd auf 
einer Felsplatte und hielt sich mit beiden Händen den Kopf. 

»Was ist los?« krächzte er. »Ist die Hölle hinter euch her? 

Wer seid ihr?« 

Carlos hatte den Mann fast vergessen, den sie aus dem Fluß 

gefischt hatten. 

»Hau ab, Hombre«, rief er. »Apachen!« 

background image

 49

»Wo? Ich sehe keine.« 
»Hörst du nicht das Splittern der Felsen, du dummer Hund? 

Sie stürzen Steine von den Hängen.« 

»Wer seid ihr?« 
»Wir fischten dich aus dem Fluß. Verschwinde, bevor sie dir 

den Skalp nehmen.« 

Er wollte weiter, das Mädchen fest an der Hand gepackt, aber 

etwas Großes, Braunes tauchte vor ihm auf und wieherte 
angstvoll. 

»Ein Pferd!« schrie Carlos. »Das ist die Rettung.« 
Zu zweit stürzten sie sich auf das Tier. Carlos, der Desperado 

und Mark Bowden, dessen Kopfwunde wieder blutete. 

Carlos schnaufte: »Laß los, Gringo!« 
»Den Teufel werde ich. Ich hab's zuerst entdeckt.« 
»Laß los, sage ich dir, sonst…« 
»Was sonst?« 
Eine Klinge funkelte durch die Staubwolke, zuckte unter 

dem Pferdehals hindurch. Aber Bowden wich zurück und 
tauchte unter dem Messerstoß weg. Sein Stiefel fuhr vor, traf 
Carlos in den Unterleib. Zusammengekrümmt und stöhnend 
vor Schmerz riß der Desperado das Messer hoch und warf es. 

Mark Bowden blieb eine Sekunde lang wie erstarrt stehen 

und legte beide Hände wie beschwörend um das Heft. Er 
gurgelte ein paar Worte, aber das Leben entfloh so schnell, daß 
die Worte es gar nicht mehr erreichten. Tot brach er 
zusammen. Juárez würde vergeblich warten. 

Carlos hielt das Pferd noch beim Zügel und drehte sich zu 

der schwarzhaarigen Schönheit um, die beide Hände auf den 
im Schrei verzerrten Mund hielt. 

»Aufsteigen!« befahl er. »Los, schnell, ich halte den Gaul!« 
Schatten huschten vorbei, verfolgt von anderen, die bei ihrem 

Schemendasein recht beweglich wirkten, und gefährlich. 
Schreie, in höchster Todesnot aus gequälter Seele 
hervorgestoßen, zitterten zerflatternd und verklangen endgültig 

background image

 50

beim Fluß. 

Carmen Obera setzte einen Fuß in den Steigbügel und 

schwang sich mit angstgepeitschter Hast auf den Sattel. Carlos 
gab ihr die Zügel und wollte sich hinter sie auf die Kruppe des 
Tieres schwingen. 

Es blieb beim Wollen. 
Eine mächtige Gestalt tauchte vor ihm auf. Sie schälte sich 

nicht langsam aus dem Dunst der Staubpartikel, sondern war 
ganz einfach da. Das schon zum Stoß erhobene Messer 
glitzerte wie der Giftzahn einer Klapperschlange. 

Eine Sekunde lang zögerte Carlos mit seiner 

Abwehrmaßnahme. Diese Sekunde hätte ihn fast das Leben 
gekostet. Im letzten Augenblick gelang es ihm, dem 
Klingenstoß auszuweichen und sich abzudrehen. Heiß wie ein 
Feuerstrahl fuhr die Schneide über seinen Oberarm. 

Carlos Porfiro Mojada stürzte, riß im Fallen den Colt heraus, 

richtete dessen Mündung auf die majestätische Gestalt der 
Rothaut und drückte ab. Klick. Mehr sagte die Waffe nicht. 
Leergeschossen war sie für Carlos wertlos. Erneut drang der 
Apache auf ihn ein. Wild funkelten seine Augen. Das Messer 
in seiner Faust schien ein Eigenleben zu bekommen, es zuckte 
vor, zurück, schlug Kreise und trieb den Mexikaner am Boden 
kriechend zwischen die Pferdehufe. 

Das Tier tänzelte aufgeregt. Carmen sah sich um. Rechts am 

Sattel hing die halbvolle Wasserflasche. Sie hakte sie ab, hob 
sie hoch und schmetterte sie dem Indianer auf den Kopf, als 
das Pferd ihn mit einer seitlichen Drehung in die Reichweite 
ihres Armes brachte. Cochise – er war es – brach zusammen 
und rollte unter den Pferdebauch. Für Carlos war die Gefahr 
mit diesem Einzelsieg noch lange nicht vorbei. Er erreichte 
zwar die Pferdekruppe, ergriff die Zügel und setzte dem 
scheuenden Tier die Sporen in die Weichen. 

Mit mächtigen Sätzen fegte das Tier die Geröllböschung 

hinab, strauchelte, fing sich wieder und setzte sich auf die 

background image

 51

Hinterhand. In einer mächtigen Staubwolke ging es zum Rio 
Yaqui hin. 

In Carlos' Rücken wurde geschossen. Grell stieg das 

Kriegsgeschrei in den sich aufhellenden Himmel. Von links 
preschte ein Rotfuchs in waghalsiger Schußfahrt auf seinen 
Braunen zu. Mort Douglas brüllte wie ein Comanche. 

Über und über mit Blut und Dreck verschmiert, schwang er 

seinen Revolver wie eine Kriegskeule. Funken stoben unter 
den Pferdehufen, als sie über Steine und Geröll glitten, immer 
abwärts, stetig auf das Flußufer zu. 

»He, Spie, denen haben wir's gezeigt, wie?« 
»Was gezeigt?« 
»Wie Americanos kämpfen. Mindestens zehn gehen auf 

meine Rechnung.« 

»Caramba, du bist ein Aufschneider. Es waren nur acht 

und…« 

Trommelnde Hufe unterbrachen ihn. Er warf einen Blick 

über die Schulter. 

Wenigstens zehn Pferde folgten ihnen. Drei von ihnen waren 

beritten. Sie wurden von heulenden Desperados mit Händen 
und Füßen angetrieben, als säße ihnen der Leibhaftige in 
Person im Nacken. 

»Wohin geht die Reise?« rief Mort vom galoppierenden 

Pferd und grinste breit über das ganze Gesicht. 

»Sammeln!« schrie Carlos und deutete auf die ferne 

Flußkrümmung. »Sammeln und zählen! Wenn wir unsere 
Verluste wissen, reiten wir nach Matachic.« 

»Spie, was willst du am Rio Moctezuma?« 
»Caramba, du sollst nicht Spie zu mir sagen, du krummer 

Hund! Was ich dort will? Blöde Frage. Die Bande auffüllen, 
was sonst? Eine Armee von Leuten will ich um mich haben, 
und dann werden wir's den Franzosen, diesem Juárez und allen 
Rothäuten zeigen. Verdammt will ich sein, wenn es mir nicht 
gelingt, das Land in Angst und Schrecken zu versetzen. Reite, 

background image

 52

Amigo, reite!« 

»Der Teufel ist dein Amigo«, knurrte Mort Douglas 

grimmig. Aber er trieb widerspruchslos sein Pferd in den 
aufspritzenden Fluß. 

In der Zelt-Cantina ging es hoch her. Proviant war 
eingetroffen. Auch bauchige Flaschen mit Pulque, Baconora 
und Bier. Baconora für die Offiziere, Pulque für die 
Mannschaften. 

Zur Zeit der Abendröte, als sich die Sonne wie ein kupferner 

Gong über die Sierra Madre senkte, war die Hälfte der 
Soldaten betrunken. Grölend und fluchend zogen die 
Caballeros durch die Lagerstraßen, pöbelten Offiziere an, 
schlugen sich gegenseitig halb tot und quälten die Mädchen der 
Marketenderei. Ihr Verhalten bereitete Offizieren wie dem 
Generalstab Kopfzerbrechen. 

Vollgestopft war das Kantinenzelt. Schwitzende und 

randalierende Muchachos übertönten mit ihrem Geschrei selbst 
die sechs Mann starke Musikkapelle. Besonders drei Hombres 
in spitzkronigen Wagenradsombreros auf den schwitzenden, 
pomadisierten Köpfen, in geschlitzten, engen Tuchhosen, mit 
riesigen Sporen an den hochhackigen Reiterstiefeln und 
gekreuzten Patronengurten über der Brust, machten sich 
röhrend wie brünstige Hirsche und brüllend wie Stiere überlaut 
bemerkbar. Längs der Messingstange an der Bar aus dunklem 
Mahagoni, die, Gott weiß wie, nach Sonora gekommen war, 
standen, schwitzten und tranken sie in Viererreihe. Mann an 
Mann. So auch, ein bißchen verdrießlich, weil ihm der Tabak 
ausgegangen war, Lon McFane, der Gringo aus dem Norden. 

An seinem Aussehen war nichts Besonderes. Alle sahen sie 

gleich aus, diese Fremden, vom Stetson bis zu den verstaubten 
Stiefeln, und sie handelten alle gleich. Mit dem Revolver. Er 

background image

 53

war ihr einziges Argument, denn große Reden lagen ihnen 
nicht. 

Bei Lon McFane jedoch stellte manches aufmerksame Auge 

einen geringfügigen Unterschied fest: Das schwarze Halfter 
mit dem schweren Colt hing sehr tief am rechten Oberschenkel, 
höchstens einen halben Zoll über dem Knie. Und der Kolben 
mit der reihenweise eingeschnitzten Kerben stand wenigstens 
einen ganzen Zoll von der Hüfte ab. 

Dieser Hombre, kaltäugig und blond wie reifer Weizen, 

zeigte ein offensichtliches Mißfallen an dem Imponiergehabe 
der Mexikaner. Er wechselte zum anderen Ende der Theke, 
griff über die Schulter des lautesten Schreiers, nahm 
Tabakbeutel und Maisstrohpapier vom Tresen und drehte sich 
seelenruhig eine Zigarette. 

Als der Mexikaner zuerst verwundert herumfuhr und dann 

drohend die Stirn runzelte, sagte er kühl: »Feuer. Du hast doch 
Zündhölzer, Greaser? Also spute dich.« 

Der aggressive Ausdruck schwand wie Kerzenlicht im Sturm 

in den dunklen Augen des Mexikaners, und es war, als 
erschlaffe sein ganzer Körper, als er dem Gringo in die 
mausgrauen kalten Augen sah. 

Eine merkwürdige Stille drang bis in den letzten Winkel, 

lähmend in ihrer tödlichen Vorahnung. Wie eine Marionette 
fischte der Mann ein Zündholz aus der Tasche und riß es an. 
Lon machte keine Anstalten, das brennende Holz zu nehmen. 

Man ahnte, was kam. Mexikaner trennten sich bereits von 

Amerikanern. Es war immer die gleiche Situation. Zuerst eine 
Herausforderung, dann das blutige Massaker. Der große 
Gringo sah aus, als könnte er es mit einem halben Dutzend 
revolverschwingender Mexikaner leicht aufnehmen. 

Spannung knisterte wie freigewordene Elektrizität. Sogar der 

Tabakqualm unter der Decke schien sich zu verdichten. Lon 
McFane nahm seinen Kopf zurück und gebot so der Flamme, 
ihm zu folgen. 

background image

 54

»Halt sie dran, verdammter Halsabschneider.« 
Dabei wich er noch einen halben Schritt zurück. Eine 

offensichtliche Herausforderung für den Mexikaner, die die 
anderen mit lautem Murren und Flüchen quittierten. 

Die Flamme verlosch, die Finger des Mexikaners 

verbrennend. 

»Vollkommen übergeschnappt, was?« zischte der Gringo. 
»Ich nehme ein anderes.« 
»Hölle und Satanas, ich will kein anderes!« Lon stieß dem 

käsigen Mexikaner vor die Brust, daß er in die Arme seiner 
Kumpane stürzte. 

»Sachte, sachte, du Hengst«, mahnte ein anderer, dem Lons 

Verhalten mißfiel. 

»Schwimm ab, du Bastard! Du hast das Maul zu halten, 

wenn Männer reden.« 

Auch das war einen Schritt zuviel, einen einzigen. Die Hand 

des dunkelhäutigen Mannes fuhr in die Schärpe. 

»Nimm es zurück, Gringo. Nimm's schnell zurück, sonst…« 
»Was?« 
Das lange Messer fuhr heraus und zuckte auf Lon zu. Im 

gleichen Augenblick zogen die umherstehenden Mexikaner 
ihre Messer und Revolver. Lon McFanes Hand glitt schnell wie 
ein Blitzstrahl nach unten und brachte mit zauberhafter 
Kunstfertigkeit den langläufigen Colt heraus. Seine Linke glitt 
dabei wie ein huschender Schatten über den Hahn. 

Messer flogen, Biergläser, dazu dröhnte das Krachen 

zerschmetterter Stühle durch das Zelt. Als die Stuhlbeine in 
Aktion traten, öffnete sich das Zelt. Juárez mit zwei seiner 
höchsten Offiziere kam herein. Eisiges Schweigen löste den 
Tumult ab. Betreten starrten die Männer auf den schmutzigen, 
kippenübersäten Boden. Nicht so Lon McFane. Die kalten 
Augen auf die eintretende Gruppe gerichtet, ging er ihr 
entgegen, den Revolver in der Hand. 

Hinter ihm blieben vier Tote, Tote, die das Resultat des alten 

background image

 55

Hasses waren und die Geschehnisse um den Alamo de Parras 
und der naheliegenden Stadt San Antonio de Bexar erneut 
aufleben ließen. 

Juárez, der Diplomat, wußte, was in den Herzen und 

Gehirnen seiner Soldaten vorging. Er überspielte seine eigenen 
Gefühle mit Barschheit und Befehlston. 

»Warum taten Sie das, Americano?« 
»Tat ich was?« war die kühle Antwort. 
»Sie erschossen vier meiner Männer, was war der Grund?« 
»Ich schoß in Notwehr, Mr. Präsident.« 
»Wie lange sind Sie schon in meiner Armee?« 
»Viel zu lange, Señor, ja, viel zu lange.« 
Die Revolvermündung wich nicht von der roten Schärpe vor 

ihr, und sie strich hin und her, nach links und rechts. Das 
Murren in Lons Rücken brandete wieder wie Meeresbrausen. 
In der hinteren Ecke pfiffen die zusammengerotteten 
Amerikaner Beifall. Ein Hexenkessel, der erst wieder ruhig 
wurde, als Juárez achtungsgebietend die Rechte hob. 

Laut, für jeden im Zelt vernehmbar, sagte er: 
»Die Schwadron des Victorio Chauvet kam zu spät, Señores. 

Sie stießen zwar auf den französischen Waffentransport, aber 
sie kamen um einen halben Tag zu spät.« 

»Warum zu spät?« 
Die bösartige Stimme aus dem Hintergrund beschränkte sich 

nicht auf diese eine Frage. Sie bellte heiser und gewalttätig 
weiter: »Sind Ihre verdammten Greaser nicht mehr in der Lage, 
ein paar Franzosen das Fürchten beizubringen, Juárez?« 

Juárez überhörte die Beleidigung und straffte seinen Körper. 

Als Beifallspfiffe und Protestrufe wieder verstummten, fuhr er 
fort: 

»Meine mexikanischen Soldaten, Patrioten und keine 

bezahlten Revolverkämpfer, werden die Franzosen aus dem 
Land jagen. Das ist so sicher wie der tägliche Sonnenaufgang. 
Aber was schon tot ist, können sie nicht noch einmal töten. 

background image

 56

Und was bereits gestohlen wurde, können sie nicht erbeuten. 
Wer es von den amerikanischen Herren besser kann, mag 
vortreten.« 

»Ich!« Lon McFane ließ den Revolver verschwinden. »Ich 

kann's besser! Geben Sie mir ein Kommando, Mister…« 

Den Rest verschluckte er mit einem verächtlichen Verziehen 

der Lippen. 

»Sie? Auch gegen Yaquis und Apachen?« 
Lon nickte und warf einen vorsichtigen Blick zu seinen 

Landsleuten in die andere Ecke, die ihm durch Kopfnicken 
beipflichteten. 

»Was sind schon ein paar Wilde?« blähte er sich auf. »Bei 

uns im Norden gibt es ebenfalls Indianer, und noch 
gefährlichere. Die Comanchen zum Beispiel…« 

Juárez unterbrach ihn brüsk. »Ich mache mir nichts daraus, 

die Biographie eines amerikanischen Raufbolds anzuhören. 
Schweigen Sie, Hombre! Sie werden ein Kommando erhalten. 
Halten Sie nicht, was Sie versprechen, gehen Sie durch die 
Gasse. Buenas noches, Señores.« 

Er verließ das Zelt, während hinter ihm vier Tote 

hinausgeschleift wurden und die Musik wieder anstimmte. 

Cochise ließ die flüchtenden Desperados nicht verfolgen. Einer 
seiner Krieger war gefallen, elf tote Banditen lagen auf dem 
weißen Sand wie Sommersprossen auf einer hellen Haut. 

Naiche richtete das Wort an den Jefe. »Wir sollten sie 

verfolgen und töten. Alle.« 

»Es wird Krieg geben, Sohn. Sie werden sich gegenseitig 

ausrotten, wir brauchen nichts weiter zu tun, als auszuharren 
und aufzupassen. Reiten wir.« 

Sie bestiegen ihre Ponys und verließen die Arena beim Fluß, 

deren Boden mit Blut getränkt worden war. Am Abend 

background image

 57

überquerten sie den Rio Moctezuma drei Meilen nördlich der 
Stadt Suaqui. Landarbeiter, die sie aus der Ferne sahen, ließen 
alles liegen und flüchteten in die Häuser. 

»Wir sollten sie angreifen und Beute machen«, sagte Naiche 

und zeigte mit der Hand auf die rennenden dunklen Punkte. 

»Yaquiland«, erwiderte Cochise ablehnend. »Reiten wir 

schneller.« 

Am Abend stießen sie auf den großen Fluß, und als die ersten 

Schatten durch die Täler krochen, zügelten sie ihre Ponys vor 
dem großen Siegesfeuer der Yaquis. Cochise stieg ab und 
näherte sich dem auf dem Boden kauernden Tehueco. 

»Meine Brüder waren erfolgreich?« 
Tehueco wies auf Kisten mit Gewehren und Säcke voll 

Proviant. 

»Krieger der Yaquis sind stets erfolgreich. How!« 
»Wo sind die Pferde und die Wagen?« 
»Tot und verbrannt. Setz dich, Cochise, der Festschmaus 

beginnt.« 

Nicht weit vom Feuer dröhnten übergangslos Trommeln. Ihr 

Schall pflanzte sich düster und gefahrdrohend durch die 
Bergwildnis und kehrte mit Echos zurück. 

»Es war leicht«, erklärte Tehueco. »Wir überraschten die 

Franzosen genau an jener Stelle, die ich für den Überfall 
vorgesehen hatte. Bastarde!« setzte er verächtlich in seiner 
Sprache hinzu. 

Pitcar, der Riese, kam zum Feuer und spie in die Flammen. 

Er wechselte einen kurzen Blick mit seinem Vater und richtete 
das Wort an den Apachenhäuptling. 

»Unterwegs griffen wir einen Reiter auf, der aus Juárez' 

Armee desertierte. Er bot sein Leben gegen Informationen an. 
Wir ließen ihn gewähren.« 

»Und?« fragte Cochise. »Wo ist er?« 
»Tot«, war die lakonische Antwort. »Wir töteten ihn, 

nachdem er uns alles verriet.« 

background image

 58

Cochise wartete. Pitcar versetzte sich dramatisch in die Rolle 

des Erzählers, der mit seinen Heldentaten renommierte und 
keine Situation als Berichter außer acht ließ, seine Person in 
das rechte Licht zu rücken. Eine Eigenart aller roten Männer. 

Tehueco jedoch dauerte das alles zu lange. Der 

Siegesschmaus wartete und das über den Feuern bratende 
Maultierfleisch sandte seinen Duft über die Lichtung. 

»Der Abtrünnige schickte eine Abordnung zu dem 

einarmigen General nach Arizona.« 

Pitcar warf seinem Vater einen ärgerlichen Blick zu, der ihn 

mit seiner Erklärung um den großen Auftritt gebracht hatte. 

Cochise hob den Kopf. »Was will er von Howard?« 
»Hilfe.« 
»Hilfe? Welche Hilfe? Soldaten?« 
»Auch. Dem Abtrünnigen geht es mehr um Proviant und 

Gewehre. Ohne ausreichende Verpflegung und Bewaffnung 
kann er den Kaiser und dessen Truppen doch gar nicht 
besiegen.« 

Cochise verstand die verzweifelte Lage des Oaxaca-

Indianers. Er schaute Tehueco eindringlich an. »Glaubst du an 
die Mission dieses Benito Juárez, Häuptling der Yaquis?« 

Tehueco wiegte den Kopf in einem unregelmäßigen Takt, der 

zu keiner Melodie gehörte. 

»Er ist Indianer«, sagte er ausweichend, »aber nicht der 

Freund der Yaquis. Apachen mag er gar nicht, besonders keine 
Chiricahuas.« 

Seine Stimme hatte einen unheimlich gleichgültigen Klang, 

den er durch Gesten zu verbergen suchte. Tehueco sprach ohne 
jeden Eifer, und der Frager, der ihm gegenüber saß, würdigte 
ihn keiner Antwort. 

Hektischer schlugen die Trommeln, jubilierten die Flöten, 

brannten die Feuer, genährt durch zundertrockene Kakteen. 
Tehueco griff das erlahmende Gespräch wieder auf. 

»Der einarmige General wird Truppen in unser Land 

background image

 59

schicken und Scouts, die sich im Gebirge auskennen. Was 
denkt der Häuptling der Chiricahuas darüber?« 

»Nichts«, sagte Cochise nachdenklich. 
»Howard schickte keine Truppen, weil er das Land der 

Chiricahuas und Mimbrenjos nicht von Soldaten entblößen 
kann. Juárez ist ganz auf sich gestellt. Die Nordamerikanos 
haben mit sich selbst und ihrem Krieg gegen den Süden genug 
zu tun. Du kannst beruhigt sein, Tehueco.« 

Das Gespräch erstarb endgültig. Große Holzschüsseln 

wurden gebracht und breite Bretter, auf denen das geschmorte 
Fleisch von den Feuern lag. Dazu gab es Tortillas und Tizwin, 
ein gegorenes Getränk. 

Die Indianer rissen große Bratenstücke von dem heißen 

Fleischberg und verschlangen sie, während die Trommeln 
pausenlos pochten. An einem Nebenfeuer gerieten die Yaquis 
durch den genossenen Tizwin in Ekstase und begannen einen 
rhythmischen Kriegstanz, der aus seltsamen Verrenkungen der 
Gliedmaßen und aus unartikulierten Schreien bestand und auch 
die Körper der besonneren älteren Männer wiegen ließ. 

Cochise und der Yaqui-Häuptling wischten ihre fettigen 

Hände an den Leggins ab. Pitcar stand unvermittelt auf und 
entfernte sich. Naiche, der den nachdenklichen Blick seines 
Vaters gesehen hatte, tat es ihm nach und tauchte in die 
entgegengesetzte Dunkelheit ein. Lautlos wie ein Panther glitt 
er an der Basis des Steilhanges um das Lager. Er vermied es, 
den großen Wohnhöhlen zu nahe zu kommen und vermied 
auch eine Annäherung an die luftig gebauten Buschhütten. 

Als sich seine Augen an die Dunkelheit außerhalb des 

Lagerkreises gewöhnt hatten, sah er Pitcar. Der Hüne näherte 
sich einem einsamen Felsen und blieb stehen. Ein Pfiff ertönte. 

Eine zweite Person, ein Indianer, trat aus dem Schatten und 

sprach mit dem Häuptlingssohn. Naiche verstand kein Wort. Er 
mußte näher heran und benutzte ein Tamariskenfeld dazu, sich 
ungesehen anzuschleichen. 

background image

 60

Pitcar sprach noch mit dem anderen Indianer. Naiche 

verstand erste Worte, so nahe war er schon, als ihm ein 
Mißgeschick passierte. Ein trockener Zweig brach unter seiner 
Hand. Es knackte so laut, als sei ein Gewehrhahn gespannt 
worden. 

Pitcar und der fremde Indianer wirbelten herum und stürzten 

sich mit gezogenen Messern auf die Stelle des Geräusches. 
Naiche konnte nicht mehr fliehen. Er erhob sich blitzschnell 
und parierte einen Messerstich Pitcars, wobei ihm die eigene 
Klinge aus der Hand geprellt wurde. 

Naiche ließ sich fallen, rollte seinen Körper ab und entging 

so einem gewaltigen Fußtritt des Häuptlingssohnes, der erneut 
auf ihn eindrang. Wie eine Katze sprang Naiche vom Erdboden 
hoch, packte einen faustgroßen Stein und schmetterte ihn 
gegen Pitcars Stirn. 

Mit einem Ächzen brach der Yaqui zusammen. Naiche 

schaute sich um. Der andere Indianer war verschwunden. 
Naiche überzeugte sich davon, ob sein Widersacher noch lebte, 
dann entfernte er sich auf dem gleichen Weg, den er 
gekommen war. 

Cochise saß noch beim Feuer. Tehueco hatte den 

Gesprächsfaden wieder aufgenommen und pries seine 
Heldentaten, die er vollbracht haben wollte. Naiche setzte sich 
still und nahm sich ein Stück Fleisch vom Brett. 

Kaum fünf Minuten später kam Pitcar. Der Stein hatte ihm 

die Stirn aufgerissen und eine eigroße Beule geschlagen. Blut 
lief ihm über das Gesicht. 

»Hast du mit einem Puma gerauft, mein Sohn?« 
Pitcar kochte vor Grimm, wagte aber nicht, die Wahrheit zu 

sagen. Stumm schüttelte er den Kopf und entfernte sich. Über 
die Schulter hinweg sagte er: »Ich bin gestürzt, nichts weiter.« 

Cochise wechselte einen vorsichtig fragenden Blick mit 

Naiche. Naiches Finger berichteten in der Zeichensprache, was 
passiert war. Cochise überlegte nicht lange. Er stand auf, 

background image

 61

verabschiedete sich von Tehueco und ging gemessenen 
Schrittes mit Naiche zu der Buschhütte, die man ihm und 
seinem Sohn angeboten hatte. Die Chiricahuas schliefen 
außerhalb und bewachten den Schlaf ihres Häuptlings. 

»Du hattest Ärger?« 
»Mit Pitcar. Ich war unvorsichtig und konnte ihn und den 

anderen Yaqui nicht belauschen. Schlimm, Jefe, sehr 
schlimm.« 

»Weiß er, daß du es warst?« 
»Es war sehr dunkel.« 
»Wir warten den neuen Tag ab, Naiche. Legen wir uns 

schlafen.« 

»Mr. Haggerty!« 

»Sir?« 
»Ich ließ Sie kommen, um Sie um Ihren Rat zu bitten. Wie 

sehr sind Sie mit Cochise und seinen Chiricahuas vertraut?« 

Der Chiefscout der Siebenten Kavallerie in Arizona zuckte 

unmerklich und ahnungsvoll zusammen. Strich sich über das 
braune, gewellte Haar, schniefte kurz und warf fragende Blicke 
auf die anwesenden Colonels Walman und White. 

Walmans Gesicht wirkte ernst. White strich sich den 

Knebelbart, der nach französischer Mode gestutzt war. Beide 
blickten zu Boden, weil sie die stumme Frage in Haggertys 
Augen nicht ertragen konnten. 

»Macht er wieder Kummer, Sir… General?« 
»Es bahnt sich etwas an, Mister, und was es auch sein wird, 

für uns ist es unangenehm. Bitte, beantworten Sie meine 
Frage.« 

Haggerty antwortete noch nicht. Er warf einen gewollt 

gleichgültigen Blick auf die Stabsoffiziere, aber er fühlte sich 
beunruhigt. Als er die gesamte Tragweise Otis O. Howards 

background image

 62

Frage begriff, preßten sich seine Lippen zusammen, und ein 
Schimmer von Härte trat in sein Gesicht. 

Zögernd, aber wahrheitsgemäß antwortete er: 
»Sir, Ihre Frage ist nicht definitiv zu beantworten. Ich weiß, 

was Cochise will, was er vorhat und wie seine Politik aussieht. 
Cochise versteht mich, wenn ich ihm beistehe und ihn in 
seinem Kampf gegen alle Eindringlinge helfe. Damit ist Ihre 
Frage sicherlich nicht beantwortet, oder?« 

Howard stand hinter seinem Kartentisch auf und beugte sich 

etwas vor. Erschreckend leer hing sein aufgesteckter rechter 
Ärmel der Uniformjacke unter dem Armstumpf. Ein 
Bürgerkriegsgeneral, der an der Front seinen rechten Arm 
verloren hatte und hier sein Gnadenbrot aß? Sicherlich nicht. 
Howard war ein Heerführer von Format, der roten Rasse 
zugetan, weil er wußte, daß sie am Untergehen war. 

»Nein«, sagte er herb und nachhaltig. »Nein, Mr. Haggerty, 

meine Frage ist damit nicht beantwortet. Ich will Ihnen 
zunächst berichten, was uns angetragen wurde. Bitte, nehmen 
Sie anschließend Stellung und versagen Sie mir nicht Ihren 
Rat.« 

Der General machte eine nachdenkliche Pause, fuhr mit 

ruhiger Stimme fort, von der Abordnung zu erzählen, die 
Benito Juárez nach Norden geschickt hatte, um den Beistand 
der US-Regierung zu erbitten. 

»Es war die vierte Delegation«, sagte er. »Alle 

vorangegangenen sind entweder von Banditen, Apachen oder 
Yaquis liquidiert worden. Dieser gelang es, sich 
durchzuschlagen. Ein Colonel und zwei Offiziere.« 

Haggerty nickte. »Well, Sir, und was hat das mit Cochise zu 

tun? Ich kann nicht annehmen, daß er sich in die 
mexikanischen Revolutionswirren verstricken ließ? Dafür ist er 
zu schlau.« 

»Sehen Sie, das wollte ich hören.« 
Howards Stimme klang hektisch, doch irgendwie befreit. 

background image

 63

Seine Colonels nickten, als hätten sie nichts anderes erwartet. 

John fuhr fort: »Sie haben etwas im Sinn, Sir. Heraus damit. 

Mir ist völlig klar, daß Sie meine Dienste erwarten, Sie hätten 
mich sonst nicht mitten in der Nacht zu dieser Unterredung 
gebeten.« 

Howard setzte sich wieder. Er legte den Armstumpf auf den 

Kartentisch, als könnte er die Last des fehlenden Gliedes nicht 
mehr tragen. Aufmerksam musterte er Haggerty, wortlos und 
nachdenklich. 

»Ich will Sie bitten, nach Sonora zu reiten und Cochise von 

seinen möglichen Absichten abzubringen. Das ist kein Befehl, 
Mr. Haggerty. Ich kann Ihnen das nicht befehlen, weil ich dann 
zugäbe, Sie zu einem Himmelfahrtskommando zu schicken. 
Kommen Sie meinem Wunsch nach?« 

Haggerty zuckte zusammen, richtete sich bolzengerade auf 

und warf hilflose Blicke auf die Colonels. Aber sie zuckten nur 
mit den Achseln und blickten ein wenig betreten weg. 

»Sir, das ist unmöglich.« 
»Warum?« Howards Stimme hatte abrupt den Schmelz 

verloren. 

»Niemand weiß, wo sich der Chief aufhält. Und was 

schlimmer ist: Ich bin Angehöriger der US-Armee und 
Offizier. Sie kennen die Befehle des Hauptquartiers, Sir: Keine 
Einmischung in mexikanische Angelegenheiten. Ohne 
Sondergenehmigung des Gouverneurs von Sonora ist Mexiko 
für mich tabu.« 

Howard winkte brüsk ab. »Als wenn ich das nicht selbst 

wüßte. Juárez ist zur Zeit Gouverneur von Sonora. Seine 
Hilfeersuchen an die Siebente Armee ist Ihre Garantie für 
freies Geleit.« 

Haggerty schüttelte ablehnend den Kopf. Sein nächster 

Einwand klang aber schon schwächer. »Cochise verträgt keine 
Einmischung in seine Angelegenheiten. Mein Erscheinen 
könnte mißverstanden werden und seinen Trotz herausfordern. 

background image

 64

Er ist ein Fürst, das sollten wir nicht vergessen, Sir. Trotzdem: 
Wenn das Oberkommando zustimmt, betrete ich 
mexikanischen Boden.« 

Augenblicklich wirkte der General konsterniert und 

verärgert. 

»Komischer Kauz«, schniefte er und warf wütende Blicke 

auf die Colonels drüben beim Kartentisch. Walman zwinkerte 
mit den Augen, gab sich einen Ruck und trat vor. 

»Wir könnten es Mr. Haggerty leichter machen, Sir, und die 

Kompetenz des Hauptquartiers ausschließen, wenn Ihnen daran 
gelegen ist?« 

»Selbstverständlich bin ich an einer solchen Lösung 

interessiert! Aber wie? Ich sehe keine Möglichkeit, wenn sich 
Mr. Haggerty weigert.« 

»Sir, es gibt eine, Sie klingt nicht einmal schlecht.« 
»Heraus damit, Colonel!« 
»Mr. Haggerty scheidet offiziell aus dem Armeedienst aus 

und steht der Siebenten und Vierten Kavallerie lediglich für 
besondere Einsätze zur Verfügung, bei vollen Bezügen und 
Aufrechterhaltung seines Status als Offizier. Das bedeutet, daß 
er als Privatmann nach Sonora geht. Sein Spielraum, sich mehr 
Cochise zu widmen, wird dadurch größer und somit sein 
Aktionsradius.« 

Howard runzelte die hohe Stirn, dann tat er einen tiefen 

Atemzug und füllte befreit seine Lungen mit der stickigen 
Zeltluft. Seine hellen Augen wechselten mit einem fragend-
bittendem Ausdruck zu Haggerty. Der Chefscout brachte seine 
letzten Bedenken vor »Und wer übernimmt von nun an offiziell 
meine Aufgabe?« 

Walmans Antwort glitt wie geölt von seinen Lippen: »Ich 

denke an Al Sieber. Er eignet sich wie kein anderer, Ihren Platz 
einzunehmen, Mr. Haggerty. Sind Sie anderer Meinung?« 

John verneinte. Nachdenklich senkte er den Kopf und suchte 

in Walmans Plan nach Lücken. Er fand keine und gab sich 

background image

 65

geschlagen. In seiner lokonischen Art wandte er sich an 
General Howard. 

»Einverstanden, Sir. Wo wurde Cochise zum letztenmal 

gesehen?« 

»Zwischen dem Bavispe und dem Rio Yaqui. Wann reiten 

Sie?« 

»Im Morgengrauen, Sir.« 
»Ich danke Ihnen, Mr. Haggerty, und – viel Glück! Gute 

Nacht, Gentlemen!« 

»Du stinkst wie Aas!« 

»Hol dich der Teufel, Gringo!« 
Lon McFane, mit seinem unrasierten Gesicht verwegen 

aussehend, die angerauchte Zigarette zwischen den schmalen 
Lippen hängend, den Hut im Nacken, stützte sich mit dem 
linken Ellenbogen auf den Tresen und schickte einen 
kaltverwegenen Blick zu dem ganz in Schwarz gekleideten 
Mexikaner am anderen Ende der Bar. 

»Dich wird er holen, aber sicher nicht der Teufel, Stinker!« 
»Wer sonst?« 
Carlos Porfiro Mojada strich sich eine schwarze Locke aus 

der Stirn. Dann lachte er. 

»Manchmal legen die Gringos einen absurden Sinn für 

Humor an den Tag. Ich bin Carlos Porfiro Mojada, Großmaul. 
Und wer bist du?« 

Männer drängten von der Bar zurück. Das taten sie immer, 

wenn eine Schießerei drohte. Der Gringo sah nicht so aus, als 
würde er sich ungestraft Großmaul nennen lassen. 

»Wer ich bin, tut nichts zur Sache«, antwortete McFane kalt. 

»Nimm mal an, ich sei das amtlich bestätigte 
Rekrutierungsbüro des großen Feldherrn Juárez. Was sagst du 
nun?« 

background image

 66

»Ein Rekrutierungsbüro auf zwei Beinen?« Carlos lachte. 

»Mann, du hast nicht mehr alle Schrauben beisammen.« 

»Du bist ein Goldstück, Spie, aber so dumm, daß dich die 

Schweine beißen. Hier, sieh mal.« Lon griff in die Tasche, 
nahm eine Handvoll Goldpesos heraus, warf sie im 
Kerosinlicht in die Höhe und fing sie wieder auf. 

»Weißt du, was das ist, Spie? Gutes Geld, keine 

Revolutionspapierchen, die man nach Sieg oder Niederlage 
verbrennen kann. Gold! Goldpesos! Zwei davon gehören dir, 
wenn du unterschreibst. Handgeld, sozusagen, griffig und 
wertbeständig. Na, wie ist's, willst du?« 

Carlos lachte gellend. Er schickte feurige Blicke in die 

Runde und blinzelte seinen gut verteilten Leuten im Saloon 
belustigt zu. Nach dieser Demonstration seines Mutes wandte 
er sich wieder dem Amerikaner zu und verzog höhnisch 
lächelnd seine Lippen. 

»Du bist genau der Typ, der einen Milcheimer unter einen 

Bullen stellt, um ihn zu melken. Mann, verzieh dich, dein 
Geschwafel kotzt mich an!« 

Der Saloon in Matachic war brechend voll. Wie  an jedem 

Samstag war die gesamte Männerwelt auf den Beinen, um ein 
Glas zu trinken und Neuigkeiten zu erfahren. Der Treffpunkt 
war Daniels Emporium, nicht etwa die Cantina gleich nebenan. 

Huck Daniel, ein ausgedienter Revolutionär vergangener 

Auseinandersetzungen in Mexiko, hatte sich hier am Rio 
Moctezuma niedergelassen, um ein seßhaftes Leben zu führen. 
Der Saloon, den er stolz Emporium nannte, war zur Goldgrube 
geworden, obwohl Matachic recht klein und seine Bewohner 
arm waren. 

Tabakschwaden wehten Lon McFane ins Gesicht. Er 

blinzelte und verkniff sich eine Träne. 

»Hör zu, du brauner Indianerbastard. Hör gut zu!« Seine 

Stimme klang, als zerkaue er Kieselsteine wie einen Priem. 
»Ich bin Juárez' Segundo und beauftragt, Soldaten zu 

background image

 67

rekrutieren. Kapiert? Du wirst jetzt unterschreiben und zwei 
Goldpesos in Empfang nehmen. Falls du dich weigerst, werde 
ich deine hübsche Visage ein wenig deformieren und so 
verändern, daß dich deine eigenen Leute nicht mehr 
wiedererkennen, verdammter Desperado!« 

Carlos lachte wieder. Die offene Kampfansage ignorierte er 

genauso wie das Zurückweichen der versammelten Männer, 
seiner eigenen und das der Gäste. 

Als er außer seinem höhnischen Lächeln keine 

Bereitwilligkeit zeigte und seine dunklen Augen lediglich 
tödliches Gift versprühten, stieß sich der Amerikaner von der 
Theke ab und spreizte ein wenig die Beine. 

»Ich habe zwanzig Hombres bei mir, Juárez' Spezialtruppe, 

für Einsätze wie diesen besonders geschult. Soll ich sie auf 
dich und deine Bande von Halsabschneidern loslassen?« 

Carlos kicherte. Es klang trocken und hohl wie geschüttelte 

Erbsen in einem Beutel. 

»Gib acht!« schrie er und hob die Hand. »Paß auf, Gringo!« 
Im gedrängt stehenden Ring der Zuschauer entstand 

Bewegung. Wenigstens dreißig Revolver flitzten aus gut 
geölten Halftern. Hähne rasteten metallisch. Huck Daniel rang 
die Hände. 

»Um Gottes willen, zerstört mein Etablissement nicht!« 
»Halt's Maul, Schnapspanscher! Nach seinem Sieg über die 

Franzosen bezahlt Juárez jeden Schaden, auch eine 
zerschossene Kneipe.« 

Nach einem tiefen Atemzug, der seine ganze Verachtung 

ausdrückte, drängte sich Lon McFane die kalte 
Geringschätzung für die Machtdemonstration förmlich auf die 
Lippen. 

»Und«, sagte er beinahe gelangweilt, »hättest du den Mut, 

Spie, deinen braunen Affen das Signal zu einer Schießerei zu 
geben?« 

Carlos' Antwort war ein Fingerschnippen. Darauf krachte ein 

background image

 68

Schuß. Die Kugel fuhr vor McFane in den festgestampften 
Lehmboden. 

»Hier ist meine Antwort, Gringo. Und das ist für die 

Beleidigungen.« 

Wieder schnippten die Finger. Ein zweiter Schuß aus einem 

schwerkalibrigen Colt bullerte und riß Lons Hut vom Kopf. 
Sein Gesicht versteinerte. 

Juárez hatte ihm aufgetragen, sich wie ein Caballero zu 

benehmen und jedem Streit aus dem Weg zu gehen, aber die 
Schüsse auf ihn waren einfach zu viel. Er war nicht gewillt, 
sich der anmaßenden Unverschämtheit des Greasers auch noch 
seinen Speichel zu lecken. 

»Merkwürdig, wie sich viele Situationen gleichen. He, 

Spie!« Nach dieser Aufforderung fuhr seine Rechte so schnell 
zum Halfter, daß ihr kein Auge zu folgen vermochte. Der Colt 
flitzte an die Hüfte und entlud sich brüllend. 

»Das ist meine Antwort, du Bärendreck von einem 

Desperado!« 

Neben Carlos Porfiro Mojada, ein Stückchen hinter seinem 

Rücken, gellte der Schrei eines pockennarbigen Mexikaners. Er 
sprang in die Höhe, drehte sich wie ein Kreisel und begann 
einen Veitstanz. Grotesk hüpfte er auf einem Bein und 
schwang dabei die Arme wie ein balzender Hahn seine Flügel. 

Lon hatte ihm den Fuß durchschossen und beobachtete den 

Verletzten nicht mehr weiter. Herausfordernd ließ er den 
Revolver am Bügel um den Finger kreisen, blies den 
Pulverrauch aus dem Lauf und schob ihn ins Halfter zurück. 

»Unterschreibst du, Spie?« 
»Und wenn ich es nicht tue? Juárez mag zum Teufel gehen 

mit allen seinen verdammten Plänen um den 
Präsidententhron!« 

»Nicht er, du gehst zum Teufel.« 
Niemand sah, wie der Amerikaner seinen Revolver zog. Den 

Zuschauern war es, als besitze diese Wunderwaffe ein 

background image

 69

Eigenleben und handele selbständig durch den stummen 
Wunsch ihres Besitzers. 

Lon McFane überbrückte die Distanz zu seinem Widersacher 

mit ein paar langen Schritten und preßte ihm den kalten Lauf 
gegen die Kehle. 

»Kann dein Mäusegehirn sich vorstellen, was sein wird, 

wenn ich abdrücke?« 

Carlos starrte den großen grauäugigen Gringo überrascht und 

entsetzt an, und seine Augen, sonst verschlagen und von einem 
zynischen Ausdruck erfüllt, wanderten rund und schreckhaft 
geweitet. 

Er versuchte ein paar Worte hervorzugurgeln, aber es blieb 

dabei. Kein Wort drang über seine Lippen, nur der Schweiß 
perlte in dicken Tropfen wie glitzernde Perlen. 

»Verhaltet euch ruhig, Boys!« schrie Lon über die Schulter. 

»Keine Bewegung, die ich mißdeuten könnte!« 

Die Schwingflügel beim Eingang schlugen schmatzend 

zurück. Ein hochgewachsener Amerikaner betrat den Saloon. 
Wie versteinert blieb er stehen und studierte sekundenlang die 
Situation. 

Dann setzte er sich wieder in Bewegung und stieß 

rücksichtslos mit den Ellbogen um sich, um Platz zu schaffen. 
Im äußeren Ring der Versammlung hielt er wieder an und ließ 
seine klirrenden Sporen zur Ruhe kommen. 

»Sehr gut und geschickt«, sagte er. Seine Stimme war nicht 

laut, aber in ihrer Schärfe eindringlich und bis in den letzten 
Saloonwinkel vernehmbar. 

»Was willst du?« fragte Lon, ohne einen Blick von dem 

verstört wirkenden Mexikaner zu lassen. »Dich einmischen?« 

Mort Douglas kicherte. 
»Unter Umständen, ja. Dieser Señor vor deinem 

Revolverlauf ist mein Kompagnon, dem ich beizustehen 
verpflichtet bin.« 

»Was, dieser dreckige Spie?« 

background image

 70

»Warum nicht? Die klingende Münze zählt, nicht die 

Hautfarbe oder der Schmutz. Nimm die Kanone weg.« 

Lon McFane wies den Gedanken, von einem anderen 

Befehle anzunehmen, mit einer Kopfbewegung von sich. 

»Wer bist du?« 
»Mort Douglas.« 
»Dachte ich mir. Macht dir ein Revolverkampf Spaß, Mort?« 
Lons Stimme klang noch so kalt und unpersönlich wie 

vorher. Der so plötzlich erwachsene Gegner mit dem großen 
Namen als Revolvermann beeindruckte ihn überhaupt nicht. 

Mort antwortete: »Wenn er gut ist, bin ich immer dafür zu 

haben.« 

Lon McFane grinste, nahm aber nicht den Revolver von 

Carlos' Kehle. Im Saloon war es so still wie in einer Kathedrale 
nach dem Amen geworden. Spannung lag wie Elektrizität in 
der Luft. Sogar harte gesottene Männer hielten den Atem an 
und wagten kaum zu schlucken. 

»Irgendwie habe ich das Gefühl, daß du die Geschichte 

richtig genießt, Freundchen. Lassen wir's darauf ankommen. 
Zuerst schieße ich dem Spie den Kehlkopf aus dem Hals, dann 
bist du an der Reihe. Also…« 

»Nein! Nicht! Laß ihn in Ruhe, Mort! Er schießt tatsächlich, 

und wenn ich tot bin, helfen mir deine Revolverkünste nichts!« 

Carlos Porfiro Mojada stieß die Worte mit Zwischenräumen 

und zitternder Angst hervor. Seine Gliedmaßen flogen. Sein 
Atem ging stoßweise, als litte er unter Luftmangel. 

»Lon, du benimmst dich wie ein Tölpel. Falls du's noch nicht 

bemerkt hast: meine Partei ist in der Überzahl. Und jeder Mann 
in der Bande schießt einer Fliege das rechte Vorderbein ab, so 
fix sind sie.« 

»Well, lassen wir's darauf ankommen. Aber es macht keinen 

Unterschied, wer am Ende der Schießerei übrig bleibt. Dieses 
braune Affengesicht vor mir ist auf alle Fälle tot. Bueno, es 
geht los!« 

background image

 71

»Nein! Ich unterschreibe!« 
Alle moralischen Maximen, wenn sie überhaupt vorhanden 

gewesen waren, versanken im Staub der Angst um das eigene 
Leben. Carlos zitterte so, daß seine Zähne klapperten. Selbst 
das überzeugende Manifest des Komplicen legte keine 
unbezwingbare Mauer zwischen ihn und seinen Peiniger, der 
wölfisch und unbeeindruckt grinsend Morts Drohung mit 
einem Achselzucken abtat. 

»Ich will nicht sterben!« heulte er los, als sich der Druck der 

durchbohrten Stahlmündung etwas lockerte und seinem 
Adamsapfel Spielraum zum Sprechen gab. 

»Du wirst sterben, wenn du deinen Leuten nicht 

augenblicklich den Befehl gibst, den Saloon zu verlassen. Na, 
los, wie lange soll ich warten?« 

»Geht hinaus! Alle!« schrie Carlos in Todesangst. »Ich 

befehle es!« 

»Mir kannst du nichts befehlen, Spie«, murmelte Mort 

Douglas und verzog angewidert seine Lippen. »Mir nicht!« 

Mojadas Bande folgte dem Befehl. Einer nach dem anderen 

schoben sie sich im Gänsemarsch durch die Pendeltür. Mort 
Douglas jedoch blieb stehen und betrachtete die Szene. 

»Du kannst auch verduften«, sagte Lon McFane scharf. »Ich 

brauche deine zweifelhafte Unterstützung nicht, und dieser 
Bastard vor mir verzichtet liebend gern auf deine Anwesenheit. 
Los, Mann, hau ab!« 

Mort Douglas dachte nicht daran, dem Befehl zu folgen und 

sich feige zu verkriechen. Sein Ehrenkodex als Revolvermann 
und kaltschnäuziger Schütze untersagte es ihm. 

»He, du!« rief er. »Wir sind beide Amerikaner. Daß wir auf 

verschiedenen Seiten des Zaunes stehen, hat das Kismet 
vorherbestimmt. Ebensogut könnten wir ein gutes Paar 
abgeben, das sich mit den Revolvern den Weg freischießen 
kann. Mann, sei vernünftig und nimm die Kanone weg.« 

»Mir kommen gleich die Tränen.« 

background image

 72

»Wir könnten das kleine Mißverständnis unter uns beiden 

austragen«, fuhr Mort unbeirrt fort. »Unter uns beiden, 
verstehst du? Mann gegen Mann. Der Verlierer gibt sich 
geschlagen. Ist das ein Angebot?« 

»Zum Kotzen, ja.« Lon McFane grinste kalt. »Bei allem 

Irrsinn, Amigo, ich bin einverstanden. Wie willst du's haben?« 

»Wie es das ungeschriebene Gesetz vorschreibt. Zwanzig 

Schritte, dann, peng!« 

»Und wer garantiert mir, daß dieser Olivbraune in der 

Zwischenzeit nicht davonsegelt?« 

»Du selbst, wenn du Sieger bleibst. Deine Kugel ist schneller 

als seine Beine.« 

»Klingt nicht schlecht. So soll's also sein.« 

Unter der zupackenden Hand riß das dünne Leder. Das 
Geräusch ließ John Haggerty zusammenzucken. Absolute 
Finsternis umfloß ihn und den Gegner wie Watte. Keine zwei 
Schritte weit konnte John sehen. Der Schrei nach dieser 
überraschenden Gewaltanwendung ließ ihn übergangslos 
förmlich erstarren. 

Die helle Stimme kam von einer Frau. Haggerty konnte es 

nicht fassen, eine Frau in dieser Wildnis anzutreffen, dazu noch 
in der Nacht. Seine Aufmerksamkeit galt seiner Umgebung. 
Wenn er auch nichts sah, so stellten sich seine anderen Sinne 
verschärft auf die Stille und die daraus erwachsende Gefahr 
ein. 

Haggerty hielt es für ausgeschlossen, daß sich eine einzelne 

Indianerin in der Canyonlandschaft herumtrieb, die zum 
Lebensbereich der Chiricahuas gehörte. Sein Augenmerk 
richtete sich auf einen überraschenden Überfall durch Krieger, 
und er wußte aus Erfahrung, daß er sie erst sehen würde, wenn 
sie vor ihm aus dem Boden wuchsen. 

background image

 73

Lautlos huschte er zu einem Geröllhaufen, der ihm bessere 

Deckung bot. Der Lederfetzen in seiner Hand raschelte. Mit 
den Fingern befühlte er das dünne Antilopenleder, kam aber zu 
keinem Resultat über dessen Träger. 

John Haggerty fühlte die Einsamkeit wie ein makabres 

Unheil, das sich von allen Seiten seinem Standort näherte. Ihm 
war, als würde seine Zukunft im unvermeidlichen Tod enden, 
ausgelöscht durch ein Kriegsbeil oder die Klinge eines 
Indianers. 

Ganz plötzlich hatte er Angst vor diesem Schicksal. Spontan 

wurde er von einer huschenden Bewegung abgelenkt. Ein 
Coyote heulte leise bei der gegenüberliegenden Felswand. War 
es ein Coyote oder die gut imitierte Nachricht eines Kriegers? 

Haggertys Hände wurden feucht. Er wischte sie an seiner 

Hose ab, die nach Pferdeschweiß und Sattelleder roch. Er 
zuckte erneut zusammen. Die Bewegung war wieder da. Ein 
Huschen, Gleiten, lautlos wie der Samenflug im 
Frühlingswind. Nichts mehr. 

Johns Augen tränten. Er wagte es nicht, auch nur mit einer 

einzigen Handbewegung die gereizten Augen durch Reiben zu 
erleichtern. Ein Nachtvogel schrie gellend. Aus dem Canyon 
hallte das Echo gespenstisch herüber. 

Eine weitere Bewegung, nicht weit von ihm, lenkte 

Haggertys Aufmerksamkeit auf diesen Punkt. Deutlich sah er 
die schemenhaft verschwommene Gestalt, die sich bückte und 
wieder aufrichtete. Immerfort. 

Noch einmal starrte John Haggerty auf den Fetzen, dann 

steckte er ihn ein und kroch lautlos wie ein Indianer über das 
scharfkantige Geröll. Sein Plan war ihm klar vorgezeichnet. Er 
mußte, wenn er lebend aus dieser Falle herauskommen wollte, 
den Indianer mit seinem seltsamen Gebaren unschädlich 
machen. 

Eine Geisel konnte ihm zwar bei einem beabsichtigten 

Überfall keinen großen Nutzen bringen, weil sich Chiricahuas 

background image

 74

nicht an die Gepflogenheit des Weißen Mannes im Krieg 
hielten und keine Rücksicht auf die Not eines lebenden Pfandes 
nahmen. 

John kam näher. Das Kriechen auf losen Steinen und Geröll 

war eine schweißtreibende Arbeit, die dazu Konzentration und 
äußerstes Geschick erforderte. Seine Gedanken drehten sich 
ständig um den einen Punkt: wie kommt man hier heraus – 
lebend? 

Augenscheinlich sammelte der Indianer etwas ein und 

steckte das, was er aus dem kargen Boden riß, in einen Sack. 
Was es war, erkannte John Haggerty nicht. An jener Stelle 
wuchsen lediglich Disteln und ein paar verkümmerte Yucca-
Stauden. 

Meter für Meter näherte er sich dem Ungewissen. Plötzlich 

packte ihn rasende Wut, die er, der sonst so besonnene, sich 
nicht erklären konnte. Er sprang auf und stürzte sich auf den 
Indianer. 

Seine Hände packten zu, als der Körper sich aufrichtete. Sie 

griffen mörderisch zu mit der ganzen Kraft eines verzweifelten 
Mannes, der um sich herum den sicheren Tod sah. 

Ein Schrei. Hell und grell, wie in höchster Not. 
John riß das zappelnde und sich wehrende Bündel an seinen 

Körper und legte beide Arme um die Brust der Rothaut, um ihr 
die Luft aus den Lungen zu pressen. 

Röchelnd pfiff die Luft aus den fremden Lungen. Der Körper 

erschlaffte in Johns Armen und sackte in die Knie. Er ließ ihn 
fallen, riß ein Zündholz an, dessen Flamme er mit der Hand 
schützte und – fuhr zurück, als hätte ihn der Giftzahn eines 
Reptils angegrinst. 

Vor ihm lag Tla-ina, Cochises junge und schöne Schwester. 

Sie hielt die Augen geschlossen und wirkte bleich und 
verschreckt. 

»Allmächtiger!« stammelte John Haggerty und faßte sich 

dann an den Kopf. 

background image

 75

Das Mädchen schlug die Augen auf, sagte ein paar Worte 

und schaute die Gestalt des Weißen aus großen, ängstlichen 
Augen an. 

»Tla-ina! Um des Allmächtigen willen, wie kommst du in 

diesen Canyon?« 

»Ich suche Heilkräuter, Falke«, war die schüchterne Antwort. 
»Mitten in dunkler Nacht?« 
»Sie sind am wirksamsten, wenn sie der Tau der Nacht 

benetzt hat.« 

Haggerty setzte sich zu dem Mädchen und hielt ihre Hand. 

Eine düstere Ahnung befiel ihn. 

»Ist jemand in deinem Volk krank? Cochise?« 
»Cochise ist gesund wie der Adler in den Lüften und der 

Fisch im klaren Wasser. Na-tse-kes leidet an fiebrigen 
Ausschlägen und bedarf der Hilfe.« 

»Wer ist Na-tse-kes?« 
»Die Squaw von Dobe-he, dem Gefleckten Büffel.« 
»Ein Krieger deines Stammes?« 
Tla-ina nickte. »Er durchwandert mit seiner Familie die 

Canyons und… Du willst zu Cochise, Falke?« 

Haggerty nickte und stand auf. 
»Cochise ist im Land der Gelbhäutigen. Du wirst ihn nicht 

finden auf den Weidegründen der Chiricahuas.« 

»Ich muß ihn dringend sprechen, Tla-ina. Sehr dringend. Wo 

muß ich den Jefe suchen?« 

»Cochise ist wie der Vogel in der Luft, einmal hier und am 

nächsten Tag woanders. Reite zum Moctezuma, Falke.« 

Tla-ina wirkte betreten. Es war fast, als könnte John ihre 

Gedanken lesen. Eingesponnen in die Vorstellungen seiner 
Aufgabe, wußte John Haggerty nicht, wie er sich ihr gegenüber 
verhalten sollte. Sie richtete sich plötzlich auf und stand dann 
dicht vor ihm. 

»Du hast einmal gesagt, daß du Tla-inas Jacale wieder 

besuchen würdest, Falke. Gilt das Versprechen noch immer?« 

background image

 76

Sie legte die schmalen Hände auf seine Schulter und schaute 

ihm lange in die Augen. 

John war voller Verlangen für dieses braune Mädchen, das 

sich scheu wie ein Reh an ihn preßte, aber er dachte an Cochise 
und ahnte im Unterbewußtsein, daß der Jefe einen Squaw-
Mann ebenso wenig mochte wie die Weißen. 

Trotzdem legte er einen Arm um ihre Taille und zog sie an 

sich, bis er ihren Atem auf seinem Gesicht spürte. Sie zitterte 
wie Büffelgras im Präriewind, und als er sich halb über sie 
beugte und sie küßte, krallte sie ihre Hände in seine Schultern. 

Als sie sich nach einem langen Kuß trennten, nickte John 

keuchend. Das weiche Fleisch unter dem zerrissenen 
Lederhemd drohte ihm die Besinnung zu rauben. Aber 
Cochises strenges Antlitz hing vor ihm in der Nacht, als stünde 
der Chief leibhaftig in diesem Canyon. 

»Ich werde kommen, das verspreche ich. Aber zuerst muß 

Frieden im Land einkehren, in dem die Chiricahuas leben. Ich 
werde alles dransetzen, diesen Frieden herbeizuführen, Tla-ina. 
Wir müssen warten.« 

Ihre Hände auf seiner Schulter zitterten wie Espenlaub. 
»Friede«, sagte sie leise, »was ist das?« 
»Du weißt, was ich meine, Mädchen. Eure Sippen sollen 

nicht ständig in der Gefahr leben, von Weißen oder 
Mexikanern getötet zu werden. Vergossenes Blut fordert 
wieder Blut. Ich muß reiten.« 

»John, es ist dunkle Nacht.« Zum erstenmal redete sie ihn 

mit seinem Vornamen an, der so fließend von ihren Lippen 
glitt, als hätte sie ihn in ihrer Bergeinsamkeit hundertmal 
geübt. 

»Ein Falke sieht auch während der Nacht, Tla-ina. Der 

Nachtfalke. So einer bin ich wohl. Adios!« 

John wurde von der Pflicht und dem Wunsch getrieben, 

weiteres Blutvergießen im Süden zu verhindern. Auch 
Mexikaner und Indianer waren Menschen, und die 

background image

 77

Bevölkerung in Sonora und Chiricahuas hatte in den 
Revolutionswirren der vergangenen Jahre mehr als genug 
gelitten. 

Bei seinem Pferd drehte er sich noch einmal um. Im gleichen 

Moment drangen die Sterne durch die Dunstschicht und 
sandten ihr Licht in die felsige Schlucht. 

Tla-ina stand noch dort, von einer seltsamen diffusen 

Helligkeit umgeben. Sie hob die Hand und grüßte. Haggerty, 
der sich in den Sattel schwang, grüßte zurück und ritt nach 
Süden davon. 

Sie standen sich in der Abenddämmerung gegenüber. Ihre 
kalten Augen lauerten. Durchdringend klang das trockene, 
aufgeregte Keuchen eines Zurückgebliebenen durch den 
Saloon. Es war so still, daß man das Summen der Fliegen 
hörte. 

Von draußen drangen die heiseren Stimmen der Mexikaner 

und Gringos herein, die Mojada auf Morts Befehl hatte 
aussperren müssen. Nur Juárez' Parteigänger waren in der 
Kneipe geblieben. 

»Nun«, sagte Mort gelassen, »ich warte.« 
»Der Herausforderer bin ich und bestimme den Zeitpunkt des 

Duells.« 

»Dann bestimme ihn, du Armleuchter. Es wird sich nichts 

ändern, auch wenn du die Sache hinausziehst. Ich passe auf!« 

Carlos quetschte seinen Rücken an den Tresen und machte 

sich klein. Der Mexikaner wirkte demoralisiert. Angst 
umflatterte ihn mit dem seltsamen Taumelflug eines Falters. 
Wer blieb Sieger? Gab es überhaupt einen Sieger? Beide 
Duellanten sahen aus, als schenkten sie sich nichts, aber einer 
von ihnen mußte der Schnellere sein. Sekundenbruchteile 
entschieden über Sieg oder Niederlage, über Leben und Tod. 

background image

 78

»Hat dich der Mut verlassen?« höhnte Mort Douglas mit 

geringschätzig verzogenen Lippen. »Hose gestrichen voll, 
wie?« 

Das alte Spiel begann mit neuen Reizen. Sie schmähten und 

verhöhnten sich gegenseitig, bis einen die Wut übermannte. Er 
würde ziehen und unter der Kugel des anderen sein Leben 
aushauchen. Sie waren beide Revolvermänner, tödlich in ihrer 
Entschlossenheit, eiskalt im Handeln, und sie schreckten vor 
nichts zurück. 

»Schwätzer!« sagte Lon McFane bissig. »Greaserfreund!« 
»Du mieser Haufen Dreck! Du Ausbund der Hölle, zieh, 

wenn du dich traust!« 

Sie standen sich gegenüber. Zwanzig Yards Abstand, die 

Hände gespreizt wie Klauen, jeden Augenblick bereit, 
zuzupacken, zu ziehen und zu schießen. Über der halbhohen 
Pendeltür hingen die Köpfe der Ausgesperrten wie Trauben. 
Selbst an den schmutzigen Fenstern drückten sie ihre Nasen 
platt. 

Die Verbliebenen machten sich klein und häßlich. Sie hätten 

sich gewünscht, unsichtbar zu sein und doch alles zu sehen. 
Eine verirrte Kugel hatte schon manchen Falschen erwischt. 

»Du solltest dir eiserne Unterwäsche anziehen und 

wiederkommen, Bastard!« bellte Lon scharf. Seine Rechte glitt 
lagsam zur Hüfte, beinahe zeitlupenhaft langsam. Er schien die 
Situation richtig zu genießen. 

Die Anwesenden begriffen, daß der Zeitpunkt der 

Auseinandersetzung unmittelbar bevorstand. Die Duellanten 
setzten sich mit der Austragung der Fehde kein Denkmal, aber 
sie wurden wie viele andere zur Legende, und nur das zählte. 

Auch Morts Rechte machte die bekannte Abwärtsbewegung. 

Nun kam es darauf an, wer die besseren Nerven hatte und am 
Zucken des Auges erkannte, daß der andere zog. 
Sekundenbruchteile entschieden ein Revolverduell. 

»Ich krieg 'ne Gänsehaut, wie 'n Reibeisen, wenn ich…« 

background image

 79

Morts heisere Stimme versiegte zu einem Flüstern. Ein 

unerwarteter Laut drang in die Stille des Saloons und weckte 
seltsame Ahnungen in den beiden Kämpfern. 

Ihre Hände blieben über den Halftern hängen. Verkrampfte 

und zum Kampf angespannte Glieder lockerten sich, und ihre 
Körper, beide gleich groß und zusammengekrümmt, streckten 
sich zur Normalhaltung. 

Sie lauschten. Die Glocke von St. Barbara, der kleinen 

Kirche aus der Kolonialzeit, wimmerte wie Seelen Verdammter 
vor dem Jüngsten Gericht. 

Stimmen dröhnten wie Brandung. Einzelne Schreie füllten 

die engen Gassen von Matachic am Rio Moctezuma, und das 
Entsetzen, das draußen alle ergriff, setzte sich mit dem Ruf 
»Apachen« und »Yaquis« bis in den letzten Winkel fort. 

Füße trommelten den Staub. Die Glocke wimmerte und 

mahnte. Matachic war ohne Übergang zum Tollhaus geworden. 
Lon und Mort blickten sich an. Lons Augen zwinkerten. Mort 
leckte sich die Lippen und verlor ein wenig Farbe. Beiden 
perlte nun Schweiß über die angespannten Gesichter. 

»Indianerüberfall«, sagte Mort heiser. 
Lon nickte. »Verschieben wir unseren kleinen Disput auf 

morgen. Einverstanden, du revolverschwingender Säugling?« 

Morts Kopf ruckte hoch. Seine grauen Augen glimmten 

tückisch. 

»Den Säugling schieße ich eines Tages mit einem Pfund Blei 

in deinen dreckigen Wanst. Warte ab, Großmaul!« 

Lauter und eindringlicher mahnte die Glocke zum 

Widerstand. Das Getrappel draußen hatte aufgehört. Die Köpfe 
an den Fenstern und über der doppelflügeligen Schwingtür 
hatten sich in Luft aufgelöst. Nur die etwa zwanzig 
Anwesenden standen starr wie Salzsäulen und lauschten dem 
dumpfen Getöse. 

Mort und Lon überlegten krampfhaft, ob sie nicht doch noch 

zur Waffe greifen und die Beleidigungen mit einem schnellen 

background image

 80

Schuß ahnden sollten. Schließlich waren sie das ihrem Ruf 
schuldig. 

Aber die heraufziehende Dunkelheit machte ihrem Vorsatz 

ein jähes Ende. Der angstschlotternde Daniel hinter dem 
Tresen hütete sich, hervorzukommen und die Kerosinlampen 
anzuzünden. 

Drängender wurden die Glockentöne, erstes Schießen setzte 

ein. Menschen untermalten das Durcheinander auf den Straßen 
mit hysterischem Geschrei und rannten ziel- und kopflos durch 
die Gassen. 

Lon McFane wechselte einen langen Blick mit Mort 

Douglas. Beiden war die Kampfeslust vergangen. Das 
Zauberwort Apache nahm ihnen jede Lust zum Duell. Was half 
es dem Sieger, wenn er anschließend von einer Rothaut 
skalpiert wurde? 

Der eiskalte McFane grinste bei dem Gedanken. Aber das 

Grinsen verging ihm. Jemand stöhnte in der Dämmerung. Von 
draußen drang der Geruch von verbranntem Stoff, Holz und 
Fleisch herein. Pulverdampf mischte sich dazwischen, und der 
ekelhafte Gestank, der auf beide einwirkte, ließ den letzten 
vagen Gedanken an das Duell verpuffen. 

»Kümmern wir uns um die Sache?« fragte Lon. 
Mort nickte. Er gab dem käsigen Carlos ein Kopfzeichen und 

setzte sich in Bewegung. 

Als sie gemeinsam vor die Tür traten, schlug ihnen 

Dunkelheit und beißender Qualm in dichten Schwaden 
entgegen. 

Ein Gefühl naher Gefahr befiel John Haggerty. Das Feuer war 
niedergebrannt, nur die Asche glühte noch. Es war still 
geworden. Er blieb in der Mulde sitzen und horchte. Sein Pferd 
stand mit hängendem Kopf vor einem Sumachstrauch und 

background image

 81

beleckte lustlos die welken Blätter. 

Wieder das Gefühl von Unheil. Es packte ihn periodisch mit 

kräftigen Stößen in der Brust. Hinter den Steinen polterten 
Stiefel. Ein Kopf erschien. John rollte hinter das Gestrüpp und 
wartete. Ein Gewehr dröhnte dumpf. Das Echo des Schusses 
schien zwischen den Canyonwänden hin und her geworfen zu 
werden, bevor es endlich einschlief. 

John wartete einige Sekunden, bevor er zu dem 

Schichtgestein weiterkroch. Er schwang sich rasch darüber und 
ließ sich auf der anderen Seite auf den harten Boden fallen. 
Sein Atem ging keuchend. Schweiß badete ihn trotz der 
Nachtkühle. 

Sein Pferd wieherte ängstlich und zerrte an den Zügeln. Es 

riß sich vom Sumachbusch los und galoppierte in den Canyon 
hinein. Stille. Absolut und perfekt. Kein Nachtvogel schrie, 
kein Nager war unterwegs. Die gesamte Natur schien in 
Todesdrohung erstarrt zu sein. 

Ein leises Geräusch. John legte den Kopf schief und riß die 

Augen auf. Er hatte Apachen oder Yaquis erwartet, blickte aber 
in das Gesicht eines Uniformierten. Der Mann hielt ein Gewehr 
in den Händen. 

John Haggerty wartete auf den Schuß, aber er blieb aus. Der 

Franzose starrte ihn an, als sei er soeben mit dem Teufel 
konfrontiert worden. Sein Käppi hing schief auf seinem 
Wollschädel, an der blauen Uniformjacke fehlten zwei Knöpfe, 
die rote Hose war zerrissen. Seine ehemals weißen Gamaschen 
trugen die Spuren von Dornen, sein Gesicht den Ausdruck von 
Ratlosigkeit. 

»Pst!« 
John starrte das Gewehr an, als sei es etwas Lebendiges, 

Selbstdenkendes in den Händen des Soldaten. Und wieder: 

»Pst! Keinen Laut, Amerikaner.« 
John drehte seinen Körper so, daß er auf dem Ellbogen zu 

liegen kam. Sein Gewehr war mit dem Gaul zusammen 

background image

 82

unerreichbar geworden, aber er hatte noch den Colt und das 
lange Messer. 

»Was ist los? Komm her.« 
»Nein. Du bist mein Gefangener.« 
Aus der Dunkelheit drang ein so lauter und entsetzlicher 

Schrei, daß es John kalt überlief. 

»Wer ist das?« fragte John Haggerty. 
Der Soldat spuckte aus. »Ein Kamerad. Ein Yaqui erwischte 

ihn an der Hüfte. Hüftknochen zersplittert. Bist du verletzt, 
Amerikaner?« 

»Nur mein Stolz.« John legte sich auf den Rücken und 

versuchte den Stand der Sterne zu erkennen. Der Schuß, den er 
gehört hatte, war von einem Yaqui abgefeuert worden. Er 
wollte mehr wissen. 

»Bist du allein, Kamerad, und falls nicht, wieviel Soldaten 

sind bei dir?« 

»Dummkopf, sieh dich um!« 
Aus der dräuenden Dunkelheit traten sie mit aufgepflanztem 

Bajonett und knirschenden Sohlen, mit Haß in den Gesichtern 
und zerfetzten Uniformen. 

Der sie anführende Sergeant trat John in die Seite, brüllte 

Befehle und weinte gleichzeitig, so hatte ihn der Schock über 
den Angriff der Yaquis gepackt. 

»Was soll mit dem da geschehen, Sergeant?« fragte der 

Soldat, der sein Gewehr auf John richtete. »Ich habe ihn 
überrascht und gefangen.« 

»Merde! Fesselt ihn! Wir werden ihn ein bißchen quälen, bis 

wir die Wahrheit erfahren.« 

»Welche Wahrheit?« 
»Idiot! Wie kann man nur so blödsinnig fragen? Er hetzte die 

Indianer auf uns, was hätte er sonst hier zu suchen?« 

Haggerty wollte protestieren, aber zwei Soldaten stürzten 

sich auf ihn und verschnürten ihn zu einem Paket. 

»Kein Feuer«, warnte der Sergeant. »Verhaltet euch still. Mit 

background image

 83

dem da rechnen wir morgen ab. Louis, du gibst auf ihn acht 
und bist mir für ihn verantwortlich. Sehe ich ihn bei 
Tagesanbruch nicht mehr, lasse ich dich für die Yaquis 
zurück.« 

Louis, der strahlende Held, der John gefangen genommen 

hatte, knickte förmlich in sich zusammen. Zwölf Soldaten 
nahmen am erloschenen Feuer Platz und packten ihren Proviant 
aus den Taschen. Sie unterhielten sich, und John, der ein paar 
Brocken französisch sprach, lauschte. Nach und nach erfuhr er, 
daß Matachic von Yaquis eingeschlossen und mit Brandpfeilen 
beschossen wurde. 

Louis hockte vor ihm, das Gewehr zwischen den Beinen und 

blickte dumpf ins Leere, während sich seine Kameraden labten 
und schwatzten, als gäbe es im weiten Umkreis keine Indianer. 

John erfuhr so, daß sie abkommandiert worden waren, um 

eine Garnison am Rio Moctezuma zu verstärken. In einen 
Hinterhalt geraten, gelang es dem Rest der Truppe, in das nahe 
Gebirge zu entkommen. 

»Was werdet ihr mit mir machen?« 
»Du wirst gequält werden, bis der Sergeant alles weiß. Dann 

töten wir dich. Du kannst auch freiwillig reden, die Wahrheit, 
dann wirst du nicht mißhandelt.« 

John schloß die Augen. Auf Gedeih und Verderb war er der 

Willkür dieser uniformierten Männer ausgeliefert, wehrlos, 
ohne einen Schimmer der Hoffnung. 

Das glühende Augenpaar hinter dem Sumachgestrüpp schloß 

keineswegs die Augen. Der Yaqui kroch davon und hetzte 
schließlich im Wolfstrab nach Süden. Yaquis waren die besten 
und ausdauernsten Läufer Sonoras. 

Schweiß tränkte Morts Kleidung, und er mäßigte seinen Lauf 
durch die Gassen der mexikanischen Stadt. Matachic brannte 

background image

 84

an drei Ecken. Vergeblich versuchten Bewohner und Fremde 
das Feuer zu löschen oder zu verhindern, daß es um sich griff. 

Von Lon McFane war nichts mehr zu sehen. Mort hörte seine 

bellende Kommandostimme, die einigen seiner Leute befahl, 
Häuser im Außenring der Stadt zu besetzen und auf alles zu 
schießen, was eine braune Haut hatte. 

Von Yaquis oder Apachen sah der Revolvermann nichts. Nur 

ihre Brandpfeile. Kometengleich zogen sie mit feurigen 
Köpfen ihre vorgeschriebene Bahn und schlugen in die 
zundertrockenen Holzschindeln und falschen Fassaden. 

Die Indianer lagen hinter den Hügeln beim Fluß in Deckung 

und waren für die Kugeln der Belagerten unerreichbar. Ein 
langgezogener, klagender und irgendwie herzergreifender 
Schrei hinter Mort ließ ihn herumfahren. Mit einem mächtigen 
Seitensprung schmiegte er sich an die Adobewand einer Hütte. 
Wie absichtslos riß er den Colt aus dem Halfter und ebenso 
mechanisch spannte er mit dem Daumen den Hahn. 

Carlos kam aus dem Haus. Mit wütenden Gebärden zerrte er 

Carmen Obeira mit zerrissenen Kleidern und fliegenden 
Haaren hinter sich her, dabei fluchte er unflätig. 

»Holla!« rief Mort Douglas grinsend. »Kleiner Ehestreit, 

wie?« 

»Geh zum Teufel, Gringobastard!« 
»Nach dir, Carlos, immer nach dir. Laß die Kleine los. 

Pronto, sage ich!« 

»Das hier geht dich nichts an, du räudiger Coyote. Geh aus 

dem Weg!« 

»Sachte, sachte, Amigo. Wer aus dem Weg geht, wird sich 

erweisen. Du bist wohl taub? Ich sagte, laß die Kleine los.« 

Morts Revolverhahn rastete mit metallischem Laut in 

Schußposition. 

»Zieh ja nicht«, warnte er verbissen. »Ich bin mit 

angeschlagenem Revolver einen Schub schneller als du.« 

Carlos ließ Carmen los und trat breitbeinig zur Seite. 

background image

 85

»Mit dem anderen Gringo hast du's nicht aufnehmen 

können«, knurrte er bösartig. »Da hast du gekniffen. Und bei 
mir wirst du's nicht schaffen, das verspreche ich dir.« 

Er sprang zur Seite, ließ sich fallen und rollte behend wie 

eine Katze über die Straße. Mitten in der Bewegung zog er und 
schoß zweimal. Bei Mort Douglas drüben blitzte es auf. Aus 
seiner Waffe stieß eine gelbe Feuerlanze. Pulverrauch 
verdeckte die Sicht. Zu einem dritten Schuß kam Carlos Porfiro 
Mojada nicht. Morts Kugel ließ ihn in den Staub sinken. 

»Kommen Sie her, Señorita! Schnell! Wir müssen die Stadt 

verlassen!« 

»Fliehen? Wohin?« 
»Irgendwohin. Nur weg von den Indsmen.« 
»Die Stadt ist umstellt und brennt an allen Ecken«, wandte 

sie ein und rang die Hände. »Sie und ich – wir beide allein?« 

»Nonsens. Die Bande kommt natürlich mit. Carlos war so 

freundlich, tüchtige Leute anzuwerben. Für mich«, setzte er 
trocken hinzu. Sofort wechselte er das Thema: »Was wollte der 
Spie von Ihnen? Gewalt antun?« 

Das Mädchen errötete und nickte zögernd. 
»Als ich mich wehrte, zerrte er mich aus dem Haus. In ein 

Bordell wollte er mich bringen. Gibt es das hier?« 

Mort lachte belustigt. Mit seinem rußgeschwärzten Gesicht 

und den blitzenden Zähnen sah er wie der Leibhaftige aus. 

»So was gibt's in jeder Stadt«, antwortete er auf Carmens 

Frage. »Kommen Sie, der Qualm erstickt uns sonst.« 

Schwarz und stinkend wälzten sich Rauchwolken durch die 

Straßen, und der Aschenflug, der sich in der Haut festbiß, 
machte die Sache noch dramatischer. 

Mort Douglas rannte durch ein paar unratübersäte Gassen 

nach Osten. Beim Mietstall hielt er wieder an und musterte 
zwei Mexikaner, die vergeblich versuchten, ihre nervösen 
Gäule zu satteln. 

»Hiergeblieben!« befahl er scharf. »Ihr Hengste kennt mich. 

background image

 86

Los, macht euch auf die Socken und holt die anderen herbei. 
Wir verlassen die Stadt. Wer in einer Viertelstunde sich nicht 
hier versammelt, wird von mir erschossen. Pronto, Leute!« 

»Wo ist Carlos? Wir suchten ihn vergeblich.« 
Mort deutete mit einem scheinheiligen Grinsen zum Himmel. 
»Dort oben. Señor Carlos Porfiro Mojada ist tot!« 
»Tot?« Die beiden Männer zuckten zurück. 
»Ja, tot. Er war der Meinung, schneller zu sein als ich. Er 

irrte.« 

Mit einem wütenden Fluch setzte er hinzu: »Und ihr beide 

werdet auch gleich Englein im Himmel spielen, wenn ihr nicht 
spurt.« 

Sie spurten. In nicht einmal zehn Minuten hatten die beiden 

Desperados den Rest der Bande aufgetrieben, mehr als fünfzig 
hartgesottener Banditen, denen Messer und Revolver locker 
saßen. 

Alle Hautschattierungen waren dabei, vom tiefsten Schwarz 

bis zum hellen Braun, und wenn sie einmal lächelten, sah das 
aus, als wenn ein Kater beim Anblick einer Maus genüßlich 
seine Barthaare strich. 

»Adelante, Muchachos, wir reiten! Wer sich uns in den Weg 

stellt, wird niedergeritten, verstanden?« 

Schwarze, Braune, Gelbe und zuletzt die Weißen warfen 

scheele Blicke auf Mort Douglas. Es hatte sich 
herumgesprochen, daß er bei einer Auseinandersetzung wegen 
dieser Frau Carlos Porfiro erschossen hatte. 

Sie ließen es zu keiner weiteren Aufforderung kommen. 

Einige sattelten im Mietstall, andere, die Mehrzahl, zerrten ihre 
Pferde ins Freie und legten ihnen hier die Sättel auf. 

Wie die wilde Jagd ritten sie unter frenetischem Geheul nach 

Osten. Die Straßen waren verstopft. Fluchende und hüpfende 
Männer, die den Brandpfeilen auswichen, stellten sich ihnen in 
den Weg. Rücksichtslos wurden sie zur Seite geschleudert. 

Heraus aus dem Qualm zwischen den Häuserzeilen, hielt 

background image

 87

Mort Douglas die Meute an. 

»Hört zu«, sagte er trocken. »Matachic ist von den Indianern 

eingeschlossen. Wir brechen durch. Die Feuerkraft von fünfzig 
Revolvern wird uns Bahn brechen. Wenn einer verwundet 
zurückbleibt, nun, dann hilft ihm nur noch Gott oder aber seine 
Waffe.« 

»Und was noch?« fragte einer. »Eine Kugel durch die 

Schläfe.« 

Tehueco riß den Brandpfeil aus dem Feuer und schoß ihn steil 
in die mit dem Wind fortziehenden Rauchschwaden. Dann erst 
wandte er sich dem Krieger zu, der zwanzig Meilen, ohne auch 
nur einmal anzuhalten, gerannt war, um ihm von Haggertys 
Gefangennahme zu berichten. 

»El Halcón?« fragte er sicherheitshalber in spanischer 

Sprache. 

Der Yaqui nickte eifrig. Pitcar trat zu der Gruppe. Seine 

Stirnwunde war verheilt, aber nicht sein verletzter Stolz. Er 
konnte nicht einmal andeutungsweise sagen, wer ihn belauscht 
und angegriffen hatte. Die Nacht war zu dunkel gewesen. 

»Hast du gehört?« fragte ihn Tehueco. »Cochises weißer 

Freund, der Falke ist von den Rothosen gefangengenommen 
worden. Sie wollen ihn martern. Cochise hatte recht. Der 
einarmige General schickt keine Truppen. Was tun?« 

»Was tun?« war Pitcars erstaunte Gegenfrage. »Yaquis und 

Chiricahuas sind befreundete Stämme. Nie führten wir Krieg 
gegen die Apachen. Schick einen Läufer zu Cochise. Er und 
Naiche werden den Falken selbst aus den Händen der 
Franzosen befreien wollen, die der Heilige Geist vernichten 
möge.« 

Bevor Tehueco zu einem Entschluß kommen konnte, setzte 

sich der Alarmruf durch die Reihen seiner Krieger fort. Er ließ 

background image

 88

den Bogen fallen und eilte auf die Hügelkuppe. 

Aus der brennenden Stadt stürmte ein großer Reitertrupp 

zwischen die Hügel. Tehueco hob die Hand. Alle konnten sie 
es sehen. Seine Stimme hallte mit zahlreichen Echos durch die 
Täler hinunter zum Fluß. 

»Greift sie an, meine tapferen Krieger! Kämpft mit ihnen und 

laßt keinen durch! Reißt sie von den Pferden, tötet! Tötet! 
Tötet!« 

»Zastee!« schrien die Yaquis, und »zastee« schrien auch die 

wenigen Wüstenapachen, die sich ihnen angeschlossen hatten. 

Mit langen Sätzen stürmte Tehueco den Hang hinunter, 

gefolgt von Pitcar. Sie hatten die Talsohle gerade erreicht, als 
das Tal Reiter ausspie, die gegen sie anritten. 

Todesmutig warfen sich die Indianer ihnen entgegen. Ihr 

frenetisches Geschrei ging den Banditen durch Mark und Bein, 
und als sie schließlich noch ihr Kriegsgeschrei anstimmten und 
das schrille Kreischen die Täler zwischen den Hügeln ausfüllte, 
gefror den Banditen das Blut zu Eis. 

Schüsse donnerten, Pfeile schwirrten, von kundigen Händen 

abgeschossen, Beile flogen und Messer. Und in dem wirren 
Knäuel sich drehender, auskeilender Pferde und schreiender 
Menschen stürzte sich Tehueco, das blutige Beil in der Hand. 
Pitcar benutzte zum Angriff und zur Abwehr eine Keule aus 
Mesquiteholz. 

Zwei, drei Reiter stürzten von den Pferden und versanken im 

Staub. Mort Douglas schoß seinen Colt leer, schlug einem 
angreifenden Yaqui nieder, trat einen anderen mit dem langen 
Revolverlauf und war dann durch. 

Carmen Obeira hielt sich an seiner Seite. Im Galopp lud der 

Revolvermann die Waffe nach, aber vor ihm war kein Feind 
mehr. Das rasende Trappeln der Pferdehufe folgte ihm nach, 
als ritte der Teufel in seinem Schatten. 

»Wir haben es geschafft!« rief er triumphierend. »Wir sind 

durch!« 

background image

 89

Sancho Velasquez kam an seine Seite geritten. Er nickte. 
»Si, Señor, wir sind durchgestoßen wie ein heißes Messer 

durch einen Butterberg. Was nun?« 

»Sammeln und abwarten.« 
Einzeln und in kleinen Gruppen, blutend, schwitzend und 

schnaufend, kamen sie und leckten sich fluchend die Wunden. 
Ihre Verluste waren hoch. Zwanzig Reiter waren entweder 
gefallen oder so schwer verwundet, daß sie zurückbleiben 
mußten. 

Mort sah seinen Männern einzeln in die Augen. Verwegene 

Gestalten mit harten, vom Leben gezeichneten Gesichtern und 
alle mit dem gleichen Augenausdruck. Ein bißchen verwegen 
waren sie, manchmal sogar todesverachtend, aber Treue, 
Loyalität und Ehre waren ihnen so fremd wie einem Panther 
humanitäre Gefühle. 

»Wer verbindet unsere Wunden?« 
Der es fragte, ein rotwangiger blonder Riese aus Arkansas, 

preßte die Hand auf die blutende Brust. 

Mort winkte ab. 
»Keine Zeit«, sagte er. »Ihr habt doch alle Revolver.« 
Die Antwort des Bärtigen war kurz und resignierend. 
»Die Yaquis werden uns einholen und uns den Garaus 

machen…« 

»Wir reiten!« schrie Mort gefühllos. »Los geht's, Amigos! 

Auf nach Norden!« 

Sie waren schon ein ganzes Stück fort, als hinter ihnen ein 

paar Revolverschüsse verklangen. 

Der Apache wurde von der Kugel halb herumgerissen, die in 
seine linke Schulter schlug. Er griff mit der Rechten nach dem 
Tomahawk, konnte ihn aber nicht erreichen. Cochise war bei 
ihm und nahm ihm die Waffe weg. 

background image

 90

»Graue Elster darf sich nicht bewegen, wenn er nicht zuviel 

Blut verlieren will.« 

Ein Geräusch in seinem Rücken störte den Chief. Er riß das 

Gewehr des Kriegers an sich und wirbelte herum. Eine eisige 
Ruhe hatte sich seiner bemächtigt. Ein spitzer Sombrero 
tauchte hinter dem Dickicht auf. Cochise schoß und trieb den 
Outlaw in seine Deckung zurück. 

Er hob den Kopf. »Kommt nur, ihr Gelbhäutigen!« 
Ein Messer zischte als Antwort und bohrte sich in die Brust 

des angeschossenen Kriegers. Eine Kugel traf ihn außerdem, 
und er ging ohne Klagelaut ein in die Ewigen Jagdgründe. 

Die Schüsse waren verhallt. Cochise richtete sich auf und sah 

Naiche herankommen. In der sternenklaren Nacht blickten sich 
beide um. Tote, wohin sie schauten, viele Tote, hingemäht von 
den Schüssen der Apachen. 

»Glaubst du, Jefe, sie greifen noch einmal an?« 
»Uns? Hier oben? Sie wissen, was mit ihnen passiert und 

kommen nicht mal bis auf eine halbe Meile heran. Die 
Chiricahuas haben gesiegt. Tehueco kann stolz auf seine 
Verbündeten sein.« 

Rauch zog steil aus dem Tal und breitete sich in den höheren 

Luftschichten fächerartig aus. Man hatte den Brand in 
Matachic zwar gelöscht, aber so manche Brandstelle schwelte 
noch. 

Auf seinen Strohsandalen tauchte ein Krieger lautlos wie ein 

Schemen aus den Schatten. Er grunzte befriedigt, als er die 
vielen Leichen sah. 

»Gute Arbeit«, knurrte er in seiner Sprache und nickte dazu. 
»Du kommst von Tehueco?« 
»So ist es. Eine Botschaft für Cochise, Häuptling.« 
»Ich höre.« 
»Ein Weißer, den du Falke nennst, wurde von den Kriegern 

in roten Hosen gefangengenommen.« 

»John Haggerty?« 

background image

 91

Der Yaqui deutete nach Norden. »Zwei Wegstunden für ein 

gutes Pferd, drei für einen schnellen Läufer.« 

»Du kennst den Weg?« 
Der Yaqui nickte. 
»Bringe mich hin.« 
Cochise rief nach seinem Pinto. Ein Krieger brachte gleich 

Naiches Pferd mit. 

»Willst du reiten, Yaqui?« 
Der Krieger schüttelte den Kopf. Cochise näherte sich den 

raschelnden Büschen. Kein Mexikaner war zu sehen. Der 
Blutzoll war ihnen zu hoch gewesen. Er schob sich an den 
Rand des Hügels und blickte in das Tal. Auch dort zeigte sich 
kein Berittener. 

Er kehrte zu den vier verbliebenen Kriegern zurück. 
»Gebt ihm ein indianisches Begräbnis.« Cochise deutete auf 

den Toten. »Er war ein tapferer Krieger. Haltet die Augen 
offen. Im Morgengrauen bin ich wieder zurück.« 

Zwei Stunden nach Mitternacht hielten sie vor der 

Canyonmündung. Kein Laut war zu hören. Der Yaqui zeigte 
mit grimmigem Gesicht auf den dunklen Schlund. 

Cochise stieg ab und reichte die Zügel dem Krieger. 
»Es ist Sache der Chiricahuas, John Haggerty zu befreien.« 
Kaum hatte er die Worte hervorgestoßen, war er schon 

verschwunden. Nach zweihundert Yards roch die Nase des 
Chiricahuas Holzrauch. Flammenschein war nicht zu sehen. 
Nicht einmal ein Nager oder ein Vogel bewegte sich dort 
hinten. 

Cochise huschte ein Stück, dann ließ er sich nieder und kroch 

auf allen vieren weiter. Der Geruch schwelenden Holzes stieg 
beißend in seine Nase. Er blieb sekundenlang liegen und preßte 
sein Gesicht in den Staub. Ein plötzliches Niesen hätte den 
Schläfer mit überraschender Schnelligkeit auf die Beine 
gebracht. 

Als der Reiz nachließ, kroch er wie ein großes Insekt weiter. 

background image

 92

Noch zwanzig Yards, da sah er die Feuerstelle. Ein dünner 
Rauchfaden stieg zum Himmel, und in dem grauen 
Aschenhaufen glühte ein rotes Dämonenauge. 

Cochise ließ seine Augen über die Gestalten unter den 

Decken gleiten. Er zählte sie. Weiter drüben bei einem Felsen 
lag eine weitere, bewacht von einem schlafenden Soldaten. 

Cochise lächelte. Die Weißen waren schlechte Krieger und 

benahmen sich anders als die Indianer. Kein indianischer 
Wachposten hätte geschlafen und die müden Krieger ohne 
Beaufsichtigung gelassen. 

Cochise wußte genug. Seine Aufmerksamkeit galt den 

Pferden. Er sah sie nicht. Verwundert stellte er sich die Frage, 
welcher Dummkopf sich ohne Pferd in die Wildnis begab, um 
darin umzukommen? 

Nach einer Weile fiel ihm ein, daß die Weißen Einheiten in 

ihren Armeen hatten, die sie Infanteristen nannten, und er 
schalt sich selbst einen Dummkopf. 

Cochise huschte zu Naiche und den Yaqui zurück. Mit 

wenigen Worten erklärte er die Situation und die Übermacht 
der Franzosen. Eine verächtliche Handbewegung war Naiches 
Antwort. 

»Greifen wir an?« 
»Im Morgengrauen, dann ist ihr Schlaf besonders tief. Wenn 

es machbar ist, vermeiden wir einen Kampf. Der Posten schläft 
und wird uns bei der Befreiung kaum stören.« 

»Warum?« wollte Naiche ungehalten wissen. »Sie sind 

Eindringlinge und werden mit Stumpf und Stiel ausgerottet, bis 
sie keine weiteren Soldaten mehr in das Land des Indianers 
schicken.« 

»How!« grunzte der Yaqui beifällig. 
»Blut fordert wieder Blut.« Cochise setzte sich auf einen 

Stein, starrte in eine weite Ferne, auf ein Land, das jenseits des 
Erreichbaren lag. Um seine Nasenflügel zuckte es. Mit ruhiger 
Stimme fuhr er fort: »Blut schreit nach Blut, mein Sohn. 

background image

 93

Warum sind die Chiricahuas so wenige und die Weißen wie 
Sandkörner in der Wüste? Weil sie sich nicht wie die Indianer 
gegenseitig bekriegen, sondern nur den roten Mann. Wenn wir 
weiter so handeln, wird es eines Tages keinen Chiricahua mehr 
geben. Sie werden uns hinwegschwemmen vom Land unserer 
Väter und in der Wüste verhungern und an Durst sterben 
lassen.« 

Naiche setzte sich zu Cochise. 
»Was können wir dagegen tun?« 
»Klüger sein als sie, stets so handeln, wie es  uns die 

Vernunft gebietet. Wir müssen so werden, wie es die 
Diplomaten der Weißen sind: listig, verschlagen, und wir 
müssen mit doppelter Zunge sprechen. Laß uns aufbrechen.« 

Eine Viertelstunde danach waren Cochise und Naiche wieder 

in der Nähe des Franzosenlagers. Den Yaqui ließen sie zurück. 
Im Osten graute fahl der Himmel mit dem ersten Streifen des 
erwachenden Tages. Die letzte Strecke krochen die beiden 
Chiricahuas. 

Es gab nichts, was sie aufhielt. Oder doch? War da nicht ein 

Geräusch? Bewegungslos verharrten sie und wagten kaum zu 
atmen. Nichts. Ein Schläfer hatte sich gerührt. Ein anderer 
sprach im Schlaf und warf sich unter seinen Decken hin und 
her. 

Noch etwa zwanzig Yards waren sie von dem großen Stein 

entfernt, vor dem John Haggerty zu einem Paket verschnürt 
dem Morgen entgegendämmerte. Cochise neigte seinen Kopf 
zu Naiches Ohr. 

»Du nimmst den Posten. Sei vorsichtig, damit er nicht 

schreit.« 

Naiche nickte, kroch weiter und wandte sich nach rechts. 

Cochise schlug den linken Weg ein und näherte sich dem Stein. 
Der Posten bewegte sich, erwachte plötzlich und faßte nach 
seinem Gewehr zwischen den Knien, das hinzufallen drohte. 

Cochise und Naiche blieben wie vom Blitz getroffen liegen. 

background image

 94

Sie preßten die Gesichter auf die Erde, denn das Weiß ihrer 
Augäpfel hätte sie verraten können. Aber der schlaftrunkene 
Posten warf keinen Blick in ihre Richtung. 

Der Mann stand auf, machte ein paar Freiübungen mit den 

Armen, um den Dämmerzustand des Schlafes zu überbrücken 
und setzte sich wieder. Er schlief nicht mehr ein, und das 
erschwerte die Befreiungsaktion für die beiden Chiricahuas. 

Cochise kroch weiter. Der Mann mit dem flotten Käppi auf 

den dunklen Haaren schaute zum Lager und beachtete ihn 
nicht. Vor ihm bewegte sich Haggerty. John hatte den 
Häuptling längst bemerkt und richtete sich darauf ein, mit 
einem schnellen Messerschnitt befreit zu werden. 

Eile war geboten. Die Grate hoch über den Canyons färbten 

sich bereits grau und wurden lichter. Noch etwa eine Stunde, 
dann flutete Licht in die Schluchten und die Soldaten würden 
erwachen. 

Cochise nahm einen Stein von der Größe einer Erbse und 

warf ihn in Richtung des Gefangenen. John lächelte, als das 
Geschoß genau seine Nase traf. Er hob die 
zusammengeschnürten Knie kurz hoch und ließ sie wieder 
durch Ausstrecken der Beine fallen. 

Cochise wußte Bescheid. Nach weiteren zwei Metern blieb 

er wieder bewegungslos liegen. Er wartete auf Naiches Auftritt. 
Gelang es seinem Sohn nicht, den Posten unschädlich zu 
machen, mußte er sich etwas völlig Neues zur Befreiung des 
Falken einfallen lassen. 

Nichts rührte sich drüben auf der anderen Seite. Der Posten 

gähnte vernehmlich, aber weiter geschah nichts. 

Cochise wartete. Ungeduld beschlich ihn, und als er an die 

Gefahr dachte, der sein Sohn ausgesetzt war, wurde er unruhig. 

Der Posten stand auf, ging zu seinem Gefangenen und prüfte 

die Fesseln. Danach ging er wieder zurück. 

Den Schatten, der ihm lautlos folgte, sah er weder noch hörte 

er ihn. Schatten konnte man nicht hören, sie waren lautlos wie 

background image

 95

der Flug der Wolken. Dafür spürte er die harten Finger, die 
sich von hinten auf seinen Kehlkopf legten und seine Atemluft 
abschnürten. Der Mann wehrte sich, trat nach hinten und ließ 
sich zur Seite fallen. 

Naiche klebte an ihm wie eine Klette. Keine Sekunde lang 

ließen seine Finger in dem Bemühen nach, den Mann 
kampfunfähig zu machen. Aber noch war der Franzose nicht 
geschlagen und bei Bewußtsein. Wenn seine Kräfte auch 
erlahmten, so besaß er den Willen zum Überleben und wehrte 
sich verzweifelt gegen die drohende Bewußtlosigkeit. 

Seine plumpen Hände rissen und zerrten an Naiches Fingern, 

bogen sie zur Seite, bis er nach Luft schnappen und einen 
Schrei ausstoßen konnte. Im Nu wurde es hinter den 
Kämpfenden laut. Das Lager kam auf die Beine, Soldaten 
eilten zu den Gewehren und entsicherten sie. 

Sekunden noch, dann mußte die Hölle ausbrechen und die 

beiden Apachen mitsamt dem Gefangenen verschlingen. 
Naiche zog sein Messer, ließ die Kehle des hart nach hinten 
auskeilenden Soldaten los und tötete ihn. 

Wie gehetzt sprang Cochise auf die Füße und gewann mit 

langen Sprüngen Raum. Noch eine weitere verlorene Sekunde, 
und Cochise Chance, den Freund zu befreien, war vertan. 

Er schaffte es nicht. Kugeln spritzten vor ihm in den Sand, 

sirrten als Querschläger davon. Er ließ sich fallen, drei Schritte 
von John entfernt. Sein Herz verkrampfte sich, als er die 
heranstürmenden Soldaten sah. 

»Fliehe!« schrie Haggerty. »Cochise, rette dein Leben, ich 

komme schon zurecht.« 

Naiche fegte um den Felsen. Todesmutig warf er sich über 

Haggerty und schnitt mit einem einzigen kräftigen Stoß seines 
blutigen Messers die Stricke durch. 

Cochise, noch immer am Boden, grunzte beifällig. Das war 

Apachenart, verwegen und mutig bis in den Tod. Naiche warf 
sich neben John zu Boden. Kugeln spritzten gegen den Fels. 

background image

 96

»Fort!« schrie Cochise. 
Haggerty rief: »Ich kann nicht, Jefe. Mein Blut ist gestaut, 

meine Hände und Füße sind taub.« 

Wieder war es Naiche, der John beistand. Er drehte und 

knetete seine Hände und Füße, bis sich Haggerty über ein 
heftiges Kribbeln beschwerte. 

Fluchend kamen die Franzosen im Eilmarsch heran. Allen 

voran der bullige Sergeant. Er schwang sein Gewehr wie eine 
Keule und stieß den Kolben nach Cochise. 

»Fahr zur Hölle, Apache!« 
Cochise tat ihm nicht den Gefallen. Er warf blitzschnell sein 

Messer nach dem Weißen, und er traf. 

Mit einem röchelnden Laut stürzte der Sergeant in die Knie 

und fiel dann auf sein Gesicht. Cochise sprang zu John, riß ihn 
auf die Beine und schleifte ihn mit Naiche zusammen hinter 
den Felsen. Die Franzosen hatten ihre Vorderlader 
abgeschossen und mußten laden. 

»Bewege dich«, sagte Cochise. »Mach schnell, dein Blut 

muß in den Adern pulsieren. Wo ist dein Pferd?« 

»Hinten im Canyon.« 
Naiche setzte sich bereits in Bewegung. Der erste Soldat kam 

um den Felsen gerannt, das Gewehr an der Hüfte. Cochise warf 
den Tomahawk und traf den Mann. Der kippte um, als hätte ihn 
ein Muli mit dem Huf getreten. 

»Wir müssen fort. Kannst du laufen?« 
»Es wird gehen.« 
»Wenn nicht, dann erwischen sie uns.« 
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Los, nehmen wir die Beine 

in die Hand.« 

Sie liefen zuerst in die Canyonmitte, verfolgt von 

Gewehrschüssen und französischen Verwünschungen, änderten 
dann die Richtung und strebten der anderen Wand zu, die aus 
zerklüfteten Felsen, Nadelspitzen Klippen und trockener 
Vegetation bestand. 

background image

 97

Hufschlag in ihrem Rücken ließ sie im Laufen die Köpfe 

wenden. Auf Johns Pferd kam Naiche wie ein Comanche 
angeritten. Auf der linken Pferdeseite hängend, war er für das 
Gewehrfeuer der Soldaten unerreichbar. 

Naiche zügelte das Pferd und sprang ab. Cochise half 

Haggerty in den Sattel und trieb das Tier mit einem Schlag auf 
die Hinterhand zum Galopp an. Beide Chiricahuas liefen neben 
ihm her. Der Yaqui war herangekommen und schloß sich ihnen 
an. 

»Madre de Dios, ist der Kerl schnell!« Carlos wälzte sich im 
Straßenschmutz von Matachic und stand blutbesudelt und 
schwankend auf. Seine Brustwunde brannte, als hätte jemand 
Säure in sie gegossen. Er taumelte zur nächsten Hauswand und 
lehnte sich erschöpft dagegen. Brandgeruch wehte ihm ins 
Gesicht. Wiederholt übermannte ihn die Schwäche, aber er 
nahm seine ganze Willenskraft zusammen und hielt sich 
aufrecht. 

Schreiende Stadtbewohner stürmten aufgelöst und völlig 

konfus durch die Gassen, sahen zwar den Verwundeten, 
beachtete ihn aber nicht. 

Zwei Mexikaner mit Sombrero und Poncho rannten vorbei, 

hielten auf den Zuruf des einen an und kehrten um. Sie blieben 
stehen und starrten Carlos wie ein Wunder an. Einer bückte 
sich und hob den Colt des Desperados auf. 

»Das ist doch…« 
»Ja, er ist's«, unterbrach ihn der andere. »Selbst für die Hölle 

ist er zu zäh, sie hat ihn wieder ausgespuckt.« 

Carlos erkannte die beiden. »Kommt her«, krächzte er. 

»Helft mir.« 

Sie faßten ihn unter und trugen ihn halb, halb schleppten sie 

ihn in ein gegenüberliegendes Haus. Filippo und Emanuel 

background image

 98

legten den Bandenführer auf eine schmierige Bettstatt und 
befreiten seinen Oberkörper von der blutgetränkten Kleidung. 

Die Wunde sah gefährlicher aus als sie war. Die Kugel war 

schräg von vorne eingedrungen, an den Rippen 
entlanggeglitten und an der Seite wieder ausgetreten. Der 
Schock hatte Carlos kampfunfähig gemacht. 

Filippo wühlte in einem selbstgezimmerten Schrank und 

nahm ein halbwegs sauberes Laken heraus, das er in Streifen 
riß. Gemeinsam verbanden sie Carlos, dabei fiel kein Wort. 

»Wo sind die anderen?« 
»Mit dem Gringo ausgebrochen.« 
»Wohin?« 
»Nach Norden. Sicherlich nach Norden. Die Hügel bieten 

ihnen Schutz und Sicherheit.« 

Carlos Porfiro Mojada nickte verbissen. 
»Aber keine Sicherheit vor mir, dem Rächer. Ich werde sie 

stellen und vernichten. Nahm er Carmen Obeira mit?« 

»Ich sah sie an seiner Seite reiten.« 
»Weshalb seid ihr nicht mitgegangen?« 
Emanuel winkte ab. »Zu unsicher. Die Yaquis griffen viele 

Städte an, aber in keine sind sie bisher eingedrungen.« 

»Sind viele von uns zurückgeblieben?« 
»Vielleicht zehn, höchstens fünfzehn. Warum?« 
»Das reicht«, murmelte Carlos und fletschte die Zähne. 

»Dreh mir 'ne Zigarette, Filippo.« 

Die braune Hand des Mexikaners fuhr in die Hosentasche, 

bewegte sich in ihr und kam mit der fertig gerollten Zigarette 
wieder heraus. Er klebte sie mit Speichel zu und brannte sie an. 

Der erste Zug stimmte Carlos ruhiger. 
»Wem gehört das Dreckloch hier?« 
»Einem Peon, er ist tot und wird keine Miete von uns 

verlangen.« 

Carlos überging den Witz und stützte sich auf den Ellbogen. 

Seine dunklen Augen glimmten wie Kohlenstücke. 

background image

 99

»Holt alle Jungs zusammen, Amigos. Bringt sie hierher.« 
»Wozu? Die Stadt ist eingeschlossen.« 
»Macht nichts. Zusammen holen wir den Teufel aus der 

Hölle.« 

Achselzuckend entfernten sich die beiden. Nach kaum zehn 

Minuten kehrten sie schon wieder zurück, zehn Männer im 
Schlepp, die ihre finsteren Gesichter auf den Verwundeten 
richteten. 

»Buenos dias, Patron.« 
»Setzt euch, ihr Halunken. Was hast du in dem Sack, 

Feikar?« 

Der Mischling setzte ein fades Grinsen auf und antwortete: 

»Beute, Patron. Ein bißchen Glitzerzeug, sonst nichts.« 

»Schütte es auf den Boden.« 
Aus dem Sack polterten ein silbernes Eßbesteck und zwei 

kleine Schüsseln. Mochte der Satan wissen, woher der Mulatte 
das Silber in dieser armen Grenzstadt aufgetrieben hatte. 

»Pack es wieder weg!« fauchte Carlos. Er richtete sich 

vollends auf. »In einer Stunde reiten wir, Muchachos. Nehmt 
genügend Wasser und Proviant mit. Versorgt euch mit allem, 
was wir benötigen. Wer Widerstand leistet, wird erschossen.« 

Von seinem Duell mit dem Gringo sprach er nicht. Welcher 

Heerführer diskutierte noch über eine verlorene Schlacht, wenn 
es ums Leben und um die Revanche ging? 

Im Augenblick danach war er allein mit seinem 

Wundschmerz und seinen haßerfüllten, grausamen Gedanken. 

Einer der Männer betrat nach etwa einer Stunde 

sporenklirrend das Zimmer und deutete mit dem Daumen über 
die Schulter. »Wir sind bereit.« 

Carlos verließ das Haus. Eine feste Bandage gab ihm Halt. 

Seine Banditentruppe war klein geworden, aber die Männer 
waren gut bewaffnet und beritten. Pralle Proviantsäcke wölbten 
sich über den Pferdekruppen. 

»Adelante, Amigos!« schrie er und schwang sich in den 

background image

 100

Sattel eines bereitgehaltenen Pferdes. Wie des Teufels 
Schwadron stürmten sie aus der Stadt. 

Aus den Hügeln am Rio Moctezuma kam kein Widerstand. 

Die Yaquis waren abgezogen, und das hatte einen guten Grund. 

Weder war es ein glühendes Augenpaar, das, versteckt hinter 
dürrem Gestrüpp und Felsen, die Szene beobachtete. Grimmig 
und haßerfüllt verfolgte Tehuecos Krieger die Bewegung der 
vier Staubsäulen, die einem gemeinsamen Mittelpunkt 
zustrebten. 

Die scharfen Augen des Spähers verfolgten jede Bewegung 

in der Sandebene vor dem Rio Moctezuma. Von seinem 
Standort aus konnten ein paar Scharfschützen das ganze Gebiet 
zu ihren Füßen beherrschen, aber es gab weit und breit keine 
weiteren Krieger. Der ihm am nächsten nach Süden triftende 
Reitertruppe war klein. Vier Männer kamen durch die Täler der 
wie schlafend daliegenden Hügellandschaft. Drei Indianer und 
ein Weißer. 

In den Rothäuten erkannte er Cochise, dessen Sohn und 

einen Yaqui, der neben den Pferden herlief. Den Weißen 
kannte er nicht. Aber er wußte von der Befreiungsaktion eines 
Freundes des Chiricahuahäuptlings. 

Genau von Süden näherte sich die größte Staubwolke, von 

Südwesten eine kleine und von Westen eine weitere, die nur 
geringfügig Staub in den azurblauen Himmel schickte. 

Die Gruppe unter der großen Staubwolke würde zuletzt 

eintreffen. Sie war am weitesten entfernt und bewegte sich 
langsam. Trotzdem war eine Katastrophe unvermeidlich, denn 
die heranreitenden Parteien schienen sich für die kleine Gruppe 
zu interessieren und für sonst nichts. 

Grimmig umspannte die braune Faust den Gewehrkolben. 

Der Yaqui ahnte, daß es dort unten auf der Ebene zu einem 

background image

 101

entsetzlichen Blutvergießen kommen würde, wenn er Cochise 
nicht warnte. Aber wie? 

Ein Warnschuß wäre auch von den anderen gehört worden. 

Die trockene Wüstenluft trug den Schall weit und deutlich 
durch die Täler. Ein Schuß fiel also fort. Sich erheben, mit den 
Händen zu wedeln, verbot ihm der Selbsterhaltungstrieb. Die 
heranreitenden Weißen und Mexikaner konnten ihn mit ihren 
modernen Gewehren jederzeit erreichen. 

Also warten, beobachten und gegebenenfalls Hilfe 

herbeirufen. 

Unbekümmert ritten Cochise und John Haggerty ins 

Verderben. Sie wußten nichts von den anrückenden 
Desperados. Hügelrücken lagen zwischen ihnen und den drei 
Gruppen und verdeckten die Säulen aus braunem Staub. 

Es folgte eine unheilvolle Zeitspanne, ehe der Yaqui die 

nächste Phase des schicksalhaften Geschehens dort unten 
wahrnehmen konnte. Cochises Schar hatte angehalten. Der 
Yaqui war nicht mehr zu sehen. Naiche sprang gerade vom 
Pferd, kletterte auf einen Felsen und gab Handzeichen nach 
unten. John Haggerty und der Chief rissen ihre Gewehre aus 
den Futteralen und sahen nach Süden. 

Aus dem Staub der Ebene preschte Mort Douglas 

Reiterhaufen. Die Kerle heulten und johlten, deuteten auf die 
Gruppe und schossen ihre Gewehre ab. Naiche kletterte wieder 
von seinem Ausguck, stürmte zu seinem Pinto und riß das 
Gewehr aus der Scheide. 

Fliehen konnten sie nicht mehr. Sie hatten die anreitenden 

Feinde zu spät entdeckt. In einem großen Halbkreis kam die 
schreiende Horde heran. Douglas, an seiner Seite Carmen 
Obeira, winkte mit der Hand und schrie in das Getöse von 
unartikulierten Lauten und Detonationen einen Befehl: 

»Nicht schießen, Amigos!« 
»Warum nicht?« feixte ein neben ihm reitender Bandit. 
»Ich will sie lebend, du Trottel! Nehmt das Lasso!« 

background image

 102

Von einer Sekunde zur anderen wurde die Situation für die 

Apachen und ihren weißen Freund unübersichtlich. Brauner 
Staub, fein wie Mehl, verdeckte die Sicht, wallte wie Rauch 
und biß in Augen und Nase. Gespenstisch anzusehende Reiter 
kamen wie Spukgestalten aus der braunen Wand galoppiert, 
heulten wie Panther, schossen dabei, was die Läufe hergaben 
oder schwangen Lassos. 

»Schießen!« sagte Haggerty kalt. 
Er riß das Gewehr hoch und feuerte. Sofort danach repetierte 

er. Neben ihm bellten zwei weitere Schüsse. 

Drei Reiter stürzten aus den Sätteln und versanken im 

grauen, wogenden Dunst mineralischer Partikel. Noch einmal 
gaben sie eine Salve ab. 

John knurrte: »Grüße aus Blei, Muchachos. Wohl 

bekomm's!« 

Dann war es um die Apachen und John Haggerty geschehen. 

Lassoschlingen legten sich um ihre Hälse, rissen sie von den 
Pferden. 

John Haggerty sah nicht, was mit Cochise und Naiche 

geschah, aber er wußte, daß sich der Yaqui aus dem Staub 
gemacht hatte und hoffentlich Hilfe herbeirief. 

Als er zur Ruhe kam, spie er erst mal den feinen Sand aus, 

der seine Zähne  knirschen ließ. Vor ihm standen zwei 
grinsende Mexikaner und hielten das Lasso straff. 

»Hoch! Auf!« befahl der eine. 
Als John endlich auf den Füßen stand, sah er einen dichten 

Ring bewaffneter Reiter, den feixenden Mort Douglas und das 
schwarzhaarige Mädchen neben ihm. 

»Ihr wart zu viert, Freundchen. Wo ist der vierte Mann?« 
John sagte: »Ich weiß es nicht«, dabei sah er sich um. 

Cochise und Naiche wurden gerade herbeigeschleppt. Aber wie 
sahen sie aus? Ihre Kleidung war zerrissen, Hände und 
Gesichter lädiert, standen sie schmutzig wie Peone nicht weit 
von ihm. 

background image

 103

Cochise spürte den Blick des Falken. Er zog warnend die 

Brauen hoch, was John ermahnte, keine Unvorsichtigkeit zu 
begehen. Mort Douglas trieb sein Pferd in Haggertys Nähe und 
stieß ihn mit dem Stiefel zu Boden. John fiel auf den Rücken 
und wurde von den Mexikanern brutal wieder auf die Füße 
gerissen. 

»Ich frage nicht noch einmal, Hundesohn.« 
John antwortete: »Ich weiß es nicht. Er ist ein Yaqui und 

schlug sich seitwärts.« 

Trotz regte sich in ihm, und wenn sie ihn stückweise 

erschlugen, nachgeben würde er auf keinen Fall. Unruhe 
entstand unter den Männern. Einige blickten ständig über die 
Schultern und warfen verstohlene Blicke in die Ebene. Eine 
Staubsäule näherte sich wie der Schlauch einer Windhose. Nur 
Mort Douglas erkannte die Gefahr nicht, die auf schnellen 
Pferden heranraste. 

»Okay, Hombres, halten wir uns mal an die große Rothaut. 

Michael, Juan, Pablo, bearbeitet ihn mit dem Messer. Singen 
wird er danach wie eine Nachtigall.« 

Cochise spuckte aus, rührte sich aber nicht. Seine dunklen 

Adleraugen gingen an Mort vorbei, erkannten die Unruhe unter 
den Reitern und deren Unsicherheit. Ein Hoffnungsschimmer 
glitt über sein braunes Gesicht. 

Dem ersten, der sich mit gezücktem Messer näherte, trat er in 

den Unterleib. Aber der Strick, der ihn hielt, riß ihn um. 
Keuchend wälzte sich der Häuptling aller Apachenstämme auf 
der Erde. 

Grimm und tödliche Drohung strahlte aus seinem wilden 

Blick, aber sein Kopf war hoch aufgerichtet und drückte eine 
stolze Verachtung für die Rohheiten dieser Männer aus. 

»Pronto, ihr Halunken, los, fangt an, oder ich bringe euch 

Gehorsam bei!« 

Ein höhnisches Gelächter in seinem Rücken ließ ihn wütend 

herumfahren. Er starrte in eine Phalanx von 

background image

 104

Gewehrmündungen und in Lon McFanes kaltes Gesicht. 
Schnell drehte er den Kopf nach links und rechts, erblickte die 
erhobenen Hände seiner Leute und fluchte so vehement wie ein 
irischer Kutscher. 

»Halt's Maul!« 
McFanes Befehl war unmißverständlich und mit einer stillen 

Gebärde kalter Drohung begleitet. Mort raffte sich auf und 
schrie: 

»Du Schweinehirt hast mir gerade noch gefehlt!« 
»Wir haben eine Rechnung zu begleichen, hast du das 

vergessen?« 

»Deswegen bist du mir gefolgt? Geh zum Teufel, du 

Pavian!« 

»Wie ist es, bereinigen wir unsere kleine Differenz? Wenn 

du einverstanden bist, dann steige ab. Wir machen es auf die 
klassische Art zwischen zwei Gentlemen der gleichen 
Branche.« 

»Was ist danach?« 
»Nichts, du dämlicher Hund! Nichts mehr für dich, klar? Ich 

übernehme deine Bande und die hübsche Señorita im 
Hintergrund. Also?« 

»Verdammtes Stinktier!« schrie Mort und sprang aus dem 

Sattel. 

Cochise und Haggerty verfolgten die Szene einer 

gnadenlosen Banditenrivalität mit wachen Augen. Eine 
Schießerei zwischen den beiden brachte ihnen eine hauchdünne 
Chance, daß sie den beiden Banden vielleicht entwischen 
konnten. 

Doch Mort Douglas, verrückt und brutal wie immer, konnte 

sich zurückhalten. Kochende Wut überfiel ihn, und seine 
Augen schienen wie mit Blindheit geschlagen, denn sonst hätte 
er die dritte Gruppe gesehen, die sich hinter Lon McFanes 
Leuten mit gespannten Waffen aufstellte. 

Cochise und Haggerty bemerkten die Veränderung. Die 

background image

 105

eintretende Turbulenz zwischen den beiden Kämpfern ließ sie 
von den anderen unbeachtet. 

Wie bei jedem Duell standen sie sich in zwanzig Yard 

Abstand gegenüber, die Hände über den Revolverkolben, die 
Beine leicht gespreizt. 

»Schweinehirt, zieh!« 
»Das Kläffen eines räudigen Köters erreicht mein Ohr. Ich 

gebe dir Vorhand, Bastard! Zieh endlich, damit wir's hinter uns 
haben.« 

»Wer ist ein räudiger Hund? Mann, du nimmst die Sache 

auch kein bißchen ernst.« 

Beide zogen gleichzeitig, rissen mit geübter Schnelligkeit 

ihre Colts aus den Halftern und drückten ab. Lon McFane 
taumelte, ließ die Waffe fallen und ging in die Knie. Mort 
Douglas' Brust färbte sich rot. Wie eine Knospe breitete sich 
der Lebenssaft auf seinem Hemd aus. Während Lon auf den 
Knien starb, röchelte Mort Douglas aus zusammengepreßten 
Zähnen: »Ich habe ihn im Ziehen geschlagen! Jungs, ich bin 
Sieger…« 

»Ein Teufel bist du, Bastard! Ich werde der Sieger sein!« 
Die Stimme klang so bekannt und so triumphierend. Mort 

hob mühsam den Kopf. Alles an ihm war bleischwer. Seine 
Augen wurden starr. War das Jüngste Gericht angebrochen? 
Standen die Toten aus ihren Gräbern auf, um sich an den 
Lebenden zu rächen? 

Vor ihm stand hohnlächelnd Carlos Porfiro Mojada, den 

entsicherten Revolver in der Hand. Seine Zähne fletschten wie 
ein Wolfsgebiß. Mordlust glimmte in seinen Augen. 

»Ich werde dich töten. Auf der Stelle.« 
Doch bevor er schießen konnte, streckte sich Mort, stöhnte, 

dann fiel sein Kopf zur Seite, er war tot. 

Mojada drehte sich zu den Männern herum und rief: »Carlos 

Porfiro Mojada ist nun euer Boß. Viva Carlos!« 

»Viva!« schrien ein paar Mexikaner. Doch die Resonanz 

background image

 106

insgesamt war gering. Es gab nur noch wenige, die bereit 
waren, sich dem Bandenchef anzuschließen. 

Einer dieser Männer, ein Amerikaner, ein verwahrloster 

Bursche mit tagealtem Bart und Schmutz auf dem Gesicht, 
ging zu Haggerty. Er schnitt die Fesseln durch und drückte 
John verstohlen einen Revolver in die Hand. 

»Schieß ihn in Stücke, Kumpel. Der läßt dich nicht am 

Leben, der nicht. Adios, Hombre, und ein Wiedersehen in 
Arizona.« 

John befreite Cochise und dessen Sohn. Niemand beachtete 

sie. 

»Schluß mit diesem sinnlosen Morden«, sagte John und 

fühlte Ekel. 

Cochise sah ihn starr an. Er schüttelte den Kopf und deutete 

auf eine Gruppe Mexikaner, die Carlos umringten. 

»Dieser Mann ist schlimmer als alle anderen, Falke. Nimm 

dich in acht.« 

Carlos ging schwankend mit zwei Unterführern zu Carmen 

und zerrte sie von ihren Pferd. Das Mädchen taumelte, stürzte 
hin und schrie in höchster Not. 

»Mojada!« 
Carlos fegte auf den Absätzen herum. Haggerty stand ihm 

gegenüber, breitbeinig und ein wenig vornübergebeugt. 

»Was willst du, Gringo?« 
»Dich.« 
»Dann komm und hole mich.« 
»Der Abstand ist weit genug. Fang an!« 
Carlos blinzelte gegen den staubverwaschenen Fleck der 

Sonne und schüttelte verwundert den Kopf. 

»Du willst dich mit mir schießen?« 
»Du bist ein armseliger Angeber und Möchtegern, Mojada. 

Wenn du dich traust, dann nimm deinen Revolver in die 
Hand«, sagte John Haggerty. 

»Was bin ich? Ein Angeber?« 

background image

 107

Mojada verschlug es die Stimme. Blut schoß ihm ins Gesicht 

und ließ ihn zornbebend wanken. Dann blieb er stehen und 
spreizte die Beine. 

Carmen rief: »Señor, geben Sie auf sich acht! Dieser Bastard 

ist so falsch und verschlagen wie eine Klapperschlange!« 

Carlos schäumte wie ein Irrsinniger. »Mit dir rechne ich 

später ab. Warte nur, bis ich das hier erledigt habe«, rief er. 

»Schwätz nicht, zieh!« dröhnte Johns Stimme. 
Mojada zog. Traumhaft schnell glitt seine Hand nach unten 

und kam genausoschnell mit dem schweren Colt nach oben. 

Sein Revolver ging los. Doch vor Wut verriß er den Schuß. 
John Haggerty hob den Colt blitzschnell in Hüfthöhe und 

drückte fast gleichzeitig ab. Carlos erwischte die Kugel mitten 
ins Herz. Er taumelte und fiel tot zu Boden. 

Haggerty ließ angeekelt den leergeschossenen Colt fallen 

und strich sich wie aus einem Traum erwachend über das 
Gesicht. 

Cochise trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. 

Beide blickten auf den sterbenden Desperado. Sekunden 
danach sah Carlos zu Haggerty auf und lächelte verkrampft. 

»Du bist der bessere Revolverkämpfer – das hätte ich – ich 

nicht gedacht…« 

In John Haggerty war aller Groll gegen den Outlaw 

verflogen. Er fühlte nur Müdigkeit in sich und eine Trauer. Er 
sagte: »Alles Gute, Carlos.« 

Als Antwort hob Carlos die Hand und bewegte sie kurz, 

bevor er die Augen für immer schloß. 

Carmen kam näher und stellte sich John in den Weg. 
»Ich danke Ihnen, Señor, daß Sie mich von diesem Scheusal 

befreiten. Gracias, Señor, gracias.« 

»Was wird aus Ihnen, Señorita?« 
»Ich weiß es nicht, Señor. Meine Angehörigen sind tot.« 
»Sie können mit uns reiten – nach Arizona oder irgendwohin. 

Bei uns sind sie sicher.« 

background image

 108

Als er ihr schüchternes Nicken sah und den kurzen Schatten, 

der über ihr Gesicht zuckte, ahnte er die ganze Tragik ihres 
jungen Lebens. 

Cochise löste sich aus der Silhouette der Pferde, die Naiche 

zusammengetrieben hatte. Er warf einen Blick in die Runde, 
sah Gruppen führungsloser Desperado herumstehen, abwartend 
in Unschlüssigkeit und Hoffen. 

Schweigend deutete er auf die Toten. John verstand den 

Chief auch ohne Worte. Er ergriff einen vorbeistreichenden 
Mexikaner beim Arm und zog ihn zu sich herum. 

»Du bringst die Toten unter die Erde, Hombre. Such dir so 

viel Männer aus, wie du brauchst, und sputet euch, sonst muß 
ich nachhelfen. Pronto!« 

Die letzten drei Männer aus der führerlosen Armee der 
Banditen verschwanden in einem Hügeltal. Cochise blickte 
ihnen lange, nachdenklich und mit düsterer Miene nach. Ein 
ständiges Zucken überflog sein markantes Antlitz, und wer ihn 
kannte, deutete die scharfen Linien von der Nase zu den 
Mundwinkeln richtig. Er sagte: 

»Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende, John. Wir hören 

wieder von ihnen – irgendwann.« 

Haggerty gab keine Antwort. Sein Blick glitt nach Süden. 
»Reiten wir«, sagte er. »Es gibt viel zu tun.« 

ENDE